Donnerstag, 15. November 2018

Belästigungen 20/2018: Demokratisierung soll allen nutzen! Damit Bayern stabil bleibt!


Was ein „Demokrat“ ist, weiß ja niemand so genau zu sagen. Irgendwie wohl ein Herrscher (griechisch: kraté͞in = „herrschen“, vgl. „Autokrat“), aber wie oder was der Demokrat be-herrscht, bleibt unklar. Das „Volk“ (griechisch „dḗmos“)? Könnte sein; wenn allerdings – wie das wohl erwünscht ist – jeder einzelne ein Demokrat ist, wie soll das dann gehen?
Beherrschen soll der„Demokrat“ jedoch vor allem eines: einen Stift in die Hand zu nehmen und auf einem Zettel ein Kreuzchen zu machen bei der Partei, von der er sich und seine Mitbürger in den nächsten paar Jahren be-herrscht sehen möchte. Drum fordert man auch mich dazu immer wieder freundlich auf: schließlich sei ich, auch ohne es zu wissen, ein Demokrat und müsse das tun, weil die Demokratie sonst irgendwie geschädigt werde.
Dieses Ankreuzen, das wird selten erwähnt, ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit: Macht man das Kreuzerl versehentlich oder aus Lust und Laune an der falschen Stelle, hat (zum Beispiel) die CSU plötzlich 0,00001 Prozent mehr! Daher ist man streng verpflichtet, sich zuvor genauestens zu informieren, was der Haufen, für den man sich entscheidet, genau will, anstrebt und bezweckt und was ihn von den Zielen der anderen Bagagen unterscheidet. Sonst ist man hinterher schuld, weil man (zum Beispiel) eine Nazipartei gewählt hat, die euphorisch Frieden, Wohlstand und Glück versprach und hinterher Völkermord, Krieg und Elend bewirkt hat. Oder eine Sozialdemokratie, der es in jahrzehntelanger Täuschungsarbeit gelungen ist, den Neoliberalismus als alles be-herrschende und durchsetzende Ideologie durchzusetzen.
Allerdings habe ich angeborenerweise keine Lust, seitenweise blumiges Bullshitgeschwätz zu lesen, und halte mich daher als sicherlich nicht untypischer bayerischer Staatsbürger an das, was die Kandidaten auf ihren allüberall durch die Gegend leuchtenden Plakaten propagieren. So was muß man ja nur mal genau lesen, dann erfährt man schon was.
Fangen wir bei den Wirtschaftsfaschisten an. Deren örtlicher Haupt-Mann schreibt neben dem für seine Partei typischen pseudohippen Kinderbamslerfirlefanz: „Digitalisierung statt Bürokratisierung“.
Ins Deutsche übersetzt bedeutet das: Ausbeutung statt Entfremdung. Letztere, das wissen wir von Franz Kafka, ist keine schöne Sache. Andererseits hilft gegen wahnsinnige Innovatoren, die Natur, Menschen und gesellschaftlichen Strukturen zerstören möchten, um ihren Profit zu steigern (neudeutsch: „Arbeitsplätze zu schaffen“) nichts so gut wie eine anständige Bürokratie. Und selbst der schlimmste Stempelfetischist im amtlichsten Amt ist harmlos gegen die alles erfassende Mühle der modernen Wirtschaft, die Menschen zu Ameisen macht, sie knechtet und entrechtet und ihnen ihre Lebenszeit raubt. Das auch noch zu wählen, geht also von Haus aus nicht.
Ein Stück weiter fordert ein weiterer Verein aus der ultraneoliberalen Ecke, in der mittlerweile etwa 95 Prozent der Parteien mit einer bis zwei Arschbacken sitzen: „Mehr München, weniger Brüssel“. Wenn man bedenkt, daß München trotz den wuchtigen Bemühungen der gleich-schlecht-macherischen Kräfte von Handelskonzernen bis Architektur immer noch zu gut zehn Prozent München und aber abgesehen von ein paar Schokoladenläden zu genau null Prozent Brüssel ist, verfängt ein solches „Argument“ nur schwerlich. Zumal dieselbe Partei (sie heißt LKR und ist „für ein Deutschland und eine EU, wie Sie es sich vorstellen“ – ich frage mal nicht, welches „es“ ich mir da vorstellen soll) an anderer Stelle entsetzt fragt: „Adé Ausland?“ Ja, da liegt Brüssel zweifellos, und wenn ihr da nicht hinwollt, dann laßt es eben. Schließlich verpestet die Herumreiserei sowieso die Luft und kostet Geld, von dem der typische LKR-Wähler laut Plakat „gern mehr im Geldbeutel behalten“ möchte. Daß in so einen Geldbeutel erst einmal was hineingehen muß und wieso da nicht genug hineingeht, mag ich solchen Leuten nicht erklären; dafür ist der Tag zu schön.
Gleich um die Ecke fordert die optisch im Gegensatz zu FDP und LKR immerhin sympathische Spitzenkandidatin der SPD: „Flexible Arbeitszeiten sollen allen nutzen. Nicht nur Unternehmen.“ Klingt erst mal nett. Und mutig, schließlich sind spätestens seit Helmut Schmidt (auch) für die SPD die Unternehmen und ihre Profiteure das einzige, dessen Nutzen Ziel und Inhalt aller Politik sein muß. Aber aus diesem „Sollen“ wird ja sowieso nichts, die Durchsetzung der gesamten Lebenszeit mit Arbeit wird ganz bestimmt nicht ausgerechnet die SPD bremsen. Ausführliche Erläuterungen, weshalb das, was Unternehmen (meinetwegen) „nutzt“, ihren Lohnsklaven automatisch schaden muß, können wir uns daher sparen und einfach sagen: Tun sie aber nicht, basta.
Aus einem anderen Plakat erzählt die Kandidatin, die Busse und Bahnen der Zukunft seien „kostenfrei“. Was wohl kostenlos heißen soll, aber egal: Wir leben auf ewig in der Gegenwart, und da sind Busse und Bahnen leider schweinsteuer und werden in kürzestmöglichen Abständen noch schweinsteurer.
Die auf den ersten Blick etwas unangenehm dynamische, aber auch nicht unsympathische CSU-Kandidatin teilt mit: „Digitales Lernen: mehr als reine Technik“. Das ist – falls sie nicht unter Mißachtung der Großschreibregeln meint, irgendwer solle irgendwas Digitales lernen – purer Unfug und maximal irrelevant. Weil (oder solange) das menschliche Hirn ausschließlich analog funktioniert, können digital höchstens Computer lernen. In denen ist nichts drin außer reiner Technik, und wählen dürfen sie (vorläufig) ebensowenig wie Autos und Brennesseln, also ist’s wurst. Das nächste Plakat derselben Kandidatin spricht: „Schneller Ausbau: Nahverkehr weiter denken“. Ebenso sinnvoll, nämlich nullkommanull, klänge das Gegenteil: langsamer Einbau, um den Fernverkehr enger zu denken.
Zusätzlich widersprüchlich wird der Unfug mit dem schnellen Ausbau (womit bei der CSU immer landschaftszerstörende Schnellstraßen gemeint sind) durch die daneben gleich fünffach hingeprotzte Bitte des so gut wie nicht zu verhindernden Ministerpräsidenten alias „Bavaria One“ („Mission Zukunft“ – noch so einer, den die Gegenwart nicht interessiert), man möge ihm vertrauen, „damit Bayern stabil bleibt“, womit ein „schneller Ausbau“ von was auch immer kaum zu vereinbaren ist.
Aber vielleicht geht das in Richtung der „Freien Wähler“, die „anpacken“ und nicht nur die diesbezügliche ehemalige Hauptstadt, sondern gleich ganz Bayern „bewegen“ möchten, aber leider nicht mitteilen, wohin. Da fällt mir ein, daß das schon mal jemand tun wollte, nämlich diverse Preußen und Österreicher, und zwar nach Belgien, was der Brüssel-Parole der LKR doch wieder eine gewisse Plausibilität verleiht.
Aber es ist ja wahrscheinlich alles gar nicht so gemeint, sondern irgendwie anders oder am ehesten überhaupt nicht. Das gilt auch für das, was ich auf meinem Weg in den nördlicheren Münchner Norden an diesem Vormittag noch so alles vorgesetzt kriege: „Zurück zum Rechtsstaat!“ fordert die AfD und meint wohl nur unbewußt den tausendjährigen ganz rechten Staat. „Neustart Bayern“ plappert ein offensichtlich „verwirrtes Blumenkind“. „Mut geben statt Angst machen“ wollen die Grünlinge von der Ersatz-CSU, außerdem in Ich-Form „bezahlbare Mieten“, was die Frage aufwirft, wie diese einstmals so radikale und visionäre Partei derart verwahrlosen konnte, daß sie übers Bezahlen nicht mehr hinausdenken kann.
Das gilt insgesamt und allgemein. Was nötig, wünschenswert und gut wäre, fordert und verspricht niemand: die Abschaffung der Lohnsklaverei, das Ende des Wachstums … doch, die frömmlerischen Rauchverbieter von der ÖDP fordern letzteres tatsächlich, versprechen ansonsten aber lediglich: „6 Prozent, das schaffen wir!“ Da wird ein bisserl Wachstum dann doch nicht schaden.
So oder so: bin ich vielleicht ein Demokrat, aber eine Wahl habe ich wieder mal nicht. Schade eigentlich, ich hätte meine 0,00001 Prozent gerne jemandem gegeben, der Vernünftiges will, tut und sagt. Vielleicht das nächste Mal.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Samstag, 10. November 2018

Frisch gepreßt #424: Anna Calvi "Hunter"


Die Tragödie, das wissen wir aus dem Schulunterricht, ist die Mutter der Farce. Was historiographisch bedeutet: Alles kehrt zurück, aber dann eben als „derbes, komisches Lustspiel“, wie das Lexikon meint. Als „Posse“.
Das stimmt manchmal nicht. Die Farce nämlich ist bisweilen etwas anderes, Kulinarisches: eine raffinierte „Füllung“ (so die französische Wortbedeutung), die aus einer Speise erst das macht, was sie ist oder ihr mindestens Würze, Esprit, Feinheit, Schärfe, Tiefgang, Süße, Bitternoten, Aroma und mancherlei weitere Details hinzufügt.
Die Tragödie wiederum hat bei Anna Calvi mehrere Facetten: Ihr epochales erstes Album von 2011 ist zweifellos ein Inbegriff des Tragischen, so überrandvoll mit tobenden, taumelnden, zerbrechenden, auf einem dünnen Seil über unfassbaren Abgründen tanzenden Emotionen, mit Schrecken, Hitze, Eis und Verführung, daß es unbedarft frohsinnige Menschlein überfordern, ja erschlagen kann. Wer indes die anderen, die dunklen Seiten des Lebens kennt, sich zum Volk der Verlassenen, Einsamen, Unbeachteten, Verwundeten zählt, für den ist die Platte nach wie vor und für alle Zeiten ein unerschöpflicher Quell von Stolz, Kraft, Trost, intensivsten Emotionen und erotischem Selbstmitleid, der alles ähnliche überstrahlt und in der Popmusikgeschichte ziemlich allein dasteht. Hinzuzufügen, so schien und scheint es, ist dem nichts.
Tragödie zwei: „Anna Calvi“ hatte damals einigen Erfolg, erntete Preise, erreichte hier und da die Top 40, in Frankreich, wo man offenbar tiefer fühlt, sogar die Top 20. Trotzdem wird der wahre Liebhaber nie verstehen, wieso ein Album, das mindestens vier Songs für die Ewigkeit enthält (sagen wir: „Desire“, „Blackout“, „Suzanne & I“, „Morning Light“, mindestens), nicht mindestens 400 Millionen Menschen gekauft haben.
Nach dem „intimeren“ (oder sagen wir: etwas unerheblichen) zweiten Album „One Breath“ von 2013 (das seine Stärken hat, zweifellos, aber wie soll es die im Schatten des Debüts deutlich zeigen?) folgten fünf Jahre Pause. Und jetzt: das dritte. Eine Farce?
Ja, in gewisser Hinsicht, und auch das ist tragisch: Unbedarft frohsinnige Menschlein (von denen es aufgrund fortgesetzter Beschallung mit Plastikmuzak heute ein paar Millionen mehr geben dürfte als 2011) werden vor der Platte stehen wie der Ochs am Berg und nichts verstehen. Ein hymnischer Ohrwurm wie „Desire“, der sie überzeugen könnte, sich näher ranzuwagen, ist nicht drauf.
Für uns andere aber ist „Hunter“ tatsächlich eine Füllung: wieder aufscheinende Fetzen vertrauter Melodien offenbaren vieles über Anna Calvis Einflüsse, Leidenschaften, Lieben, auch die Geister, die sie in ihrem künstlerischen Wirken verfolgen, was wir bislang nur ahnten oder fühlten. In dem elegischen, schwülen, düsteren, intensiven Gewitter, in dem ihre Gitarre und die (weit in sphärische Höhen gewachsene) Stimme Blitz, Donner und thronende Wolkengebirge zugleich sind, finden wir die Klangphilosophie ihres Mentors Brian Eno, die impressionistische Weite von Morricone, Debussy, Messiaen, den ekstatischen Fluß von Jimi Hendrix, den verletzlich-verletzten, trotzig triumphalen Stolz von Siouxsie, PJ Harvey und Patti Smith, aber auch ein geisterbahnartig schockierendes Zitat von Suicide. Wir spüren ihre italienischen Wurzeln, den Twang von Duane Eddy, selbstverständlich Bowie, Morrissey, Cave und Scott Walker, aber auch ihre orchestralen, sinfonischen Ambitionen (2017 schrieb sie die Musik für eine Oper nach E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“-Novelle). Und einiges mehr.
Es ist ein weites, tiefes, atmosphärisches, streckenweise enorm dichtes, dann wieder nebulös schwebendes drittes Album, das, wie gesagt, seinen ganzen Reiz und Zauber nur in amalgamierter Verbindung mit dem ersten (und möglicherweise dem zweiten) entfalten kann. Aber, liebe Novizen: Wagt es. Holt euch alle beide (oder alle drei), verzichtet auf alles (oder vieles) andere. Ihr werdet es nicht bereuen. Der Herbst wird lang und düster, und ihm werden viele weitere folgen, die ohne Anna Calvi nur halb so schrecklich und schön, traurig und trostvoll sein werden.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Donnerstag, 8. November 2018

Belästigungen 19/2018: An jeden Satz eine Blödphrase dranhäng! Stichwort Grunzglocke!

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, daß die Leute, deren Job es ist, unsere Meinungen zu „bilden“ und uns ideologisch bei der neoliberalen Stange zu halten, kaum mehr einen Satz aussprechen können, ohne als verbale Interpunktion die Phrase „Stichwort Digitalisierung!“ hinterherzubellen. Was sie zuvor an „Info“ o. ä. ausgestoßen haben, erhält dadurch irgendwie eine ganz andere Schattierung. Zum Beispiel: „Die Arbeitswelt wandelt sich. Stichwort Digitalisierung!“
Sagte man statt dessen: „Die Arbeitswelt wandelt sich. Arbeiter werden immer rücksichtsloser und brutaler ausgebeutet und ihrer Lebenszeit und des Ertrags ihrer Schufterei beraubt“, käme das zwar einer inhaltlich wie sprachlich sinnvollen Aussage wesentlich näher, aber als Propaganda für den Wirtschaftsfaschismus ist derartiges (wie die meisten sinnvollen Sätze) nicht zu gebrauchen.
Derartige sprachliche Zwangshandlungen sind spätestens seit der Erfindung der Fernsehreklame, in der so was besonders oft vorkam („Da weiß man, was man hat! Guten Abend!“), keine Seltenheit. Wahrscheinlich gab es sie aber schon früher. Ich weiß, wie das ist, weil ich selber mal von so einem Virus befallen war: In der dritten oder vierten Grundschulklasse konnte in meiner gesamten Peer Group plötzlich niemand mehr einen Satz aussprechen, ohne ein „Hey!“ dranzuhängen. Also nicht „Ich schraub mir jetzt ein Dolomiti in den Hals und check ins Michaelibad!“, sondern „Ich schraub mir jetzt ein Dolomiti in den Hals, hey, und check ins Michaelibad, hey!“ Damals, in den Zeiten vor Whatsapp und Facebook, wurde viel geredet, vor allem im Unterricht, und so schafften wir an guten Tagen mühelos bis zu tausend „Hey!“s.
Eltern, Lehrer und Kollateralbetroffene erlitten einen Nervenzusammenbruch nach dem anderen und flüchteten sich in wüste Drohungen: „Wer noch einmal Hey! sagt, fliegt an der nächsten Ampel naus!“ hieß es zum Beispiel auf einer Fahrt an den Starnberger See mit meinem Freund H bereits nach zwei Minuten, als wir noch nicht mal die Grenze zwischen Ober- und Untergiesing überquert hatten. In Possenhofen saßen immer noch alle fünf Besatzungsmitglieder im Opel Rekord: eine kopfschüttelnde, vor Überdruß schlotternde Mutter, ein Vater, der innerhalb der ersten Viertelstunde Fahrt seinen gesamten Nachmittagsbiervorrat in sich hineingeschüttet hatte, um im Trommelfeuer des Hey!-Hey!-Hey!-Kichergeplappers keinen Schlaganfall zu erleiden, und drei Rotzlöffel, die ebenso hilflos waren. Weil man so was, wenn man‘s sich erst mal angewöhnt hat, genauso leicht wieder los wird wie eine Warze am Zeh oder eine fünfzehnjährige Heroinsucht: Es geht, aber es erfordert Vernunft und dauernde Aufmerksamkeit. Und wie jedermann weiß, hat ein durchschnittlicher Neunjähriger alle möglichen Fähigkeiten und Talente. Aufmerksamkeit und Vernunft gehören aber ganz bestimmt nicht dazu. Es kostete uns ein gutes Jahr, die Hey!-Gewohnheit durch eine neue, in Elternaugen noch wesentlich schadhaftere und schädlichere zu ersetzen (die Donald-Duck-Infinitivsprache: „Ich gestern: lern, spiel, Musik hör! Schluck, Hausaufgabe vergessen hab! Eh total scheiße sei! Sonne schein! Baden woll! Lehrer deppert sei! Einfach blau mach!“).
Damit sei klargestellt, daß ich mir keine Sorgen um die Degeneration der deutschen Sprache durch kindliche Plappermoden mache. Ich glaube nicht, daß es für Zustand und Qualität eines Idioms oder Dialekts von großer Bedeutung ist, ob man „geil“, „cool“, „hübsch“, „groovy“, nice“ oder „dufte“ sagt. Daß praktisch die gesamte neu erschienene deutsche Literatur der letzten zwanzig Jahre ein einziger See von hirnloser, legasthenischer Gülle ist, könnte da schon eher eine Rolle spielen, aber mei: Außerhalb einschlägiger Seminare liest den Seim ja sowieso kein Mensch. Stichwort Digitalisierung!
Sorry, das ist mir jetzt rausgerutscht, hey! Aber vielleicht sollte ich‘s mir angewöhnen. Nämlich stelle ich fest, daß die Leute, die an jeden Satz ein „Stichwort Digitalisierung!“ dranhängen, dabei zwar hirnlos, aber auch ziemlich fröhlich wirken. Und wenn ich mich recht erinnere, waren wir in Zeiten von „Hey!“ und „Bumm! Explodier! Scheibe einschieß! Hausmeister durchdreh!“ auch meistens ziemlich fröhlich. Also: Was soll‘s! Stichwort Digitalisierung!
Blödphrasen wie diese haben zwei enorme Vorteile. Erstens: Sie passen immer und können notfalls als sinnlose, aber prägnante Rechtfertigung dienen: „Wir müssen Ihren Arbeitsvertrag kündigen! Stichwort Digitalisierung!“ - „Schatz, ich komme heute nicht nach Hause! Stichwort Digitalisierung!“ - „Geben Sie mir Ihr gesamtes Geld! Stichwort Digitalisierung!“ - „Mir egal, ob Sie diesen Sitzplatz reserviert haben! Stichwort Digitalisierung!“ - „Leider haben wir kein Bier mehr! Stichwort Digitalisierung!“
Und zweitens: Wenn man die Blödphrase oft genug ausstößt, merkt niemand mehr (man selber schon gar nicht), daß sie absolut keinerlei Sinn, Bedeutung, Inhalt und Aussage hat und absolut niemand auch nur ansatzweise erklären könnte, was „Digitalisierung“ eigentlich sein soll. Einziger Nachteil: Irgendwann wird‘s langweilig. Aber dann finden wir schon was neues, was der gleiche Bullshit ist, genauso bescheuert klingt, ebenso fröhlich macht und denselben Zweck erfüllt. Wie wär‘s zum Beispiel mit „Stichwort Sockenwurst“, „Stichwort Grunzglocke“, „Stichwort Hans Georg Bing“ oder „Isarkanalisierung, hey!“?

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Frisch gepreßt #423: Milo & Elucid "Nostrum Grocers"


Daß der soeben vergangene Sommer ein Prachtexemplar eines solchen war, merkt man (auch) an gewissen Überdosierungen. Kein Seestrand, kein Flußufer, keine Freibadliegewiese, wo man nicht dauerbeschallt wurde mit Cloud Rap und seinen verästelten Ablegern: billige Tickerbeats, simples Synth-Geplömpel, mit Autotune auf Plastik gestyltes Geplapper über (pathetisch überhöht ausgedrückt) Identitäten und Gegenständlichkeiten. Eigentlich, sollte man meinen, ist damit der Hip-Hop-Bedarf für mindestens ein Jahr gedeckt und ein Interesse an noch mehr nicht mehr zu wecken.
Falsch. Was in dem unablässigen Gezicker und Genöle fehlt, fällt dann auf, wenn plötzlich Stille da ist und ein Loch, in dem sich unbemerkt ein ungeheurer Hunger nach SINN gebildet hat, nach Aufrichtigkeit, Reflexion, Stil, Wortmelodie und Tiefe, auch nach originellen Beats, Sounds, einem Klanguniversum, das nach oben, unten und seitwärts, nach vorne und hinten über das omnipräsente sonische Alublech hinausreicht und Bilderwelten öffnet, Gefühle weckt, Erinnerungen gebiert zum Beispiel (aber nicht nur) an die Momente, in denen man Tracks zum ersten Mal gehört hat.
Auftritt Rory Ferreira (aka Milo), Chefphilosoph und Assoziationshirn des US-Art-Rap, dem es bekanntermaßen (vgl. „Who Told You To Think??!!?!?!?!“ vom letzten Jahr) wie niemandem sonst gelingt, bratzig potente Selbst-Darstellung, intellektuellen Witz, sprachliche Klarschärfe und metaphysisch lichtes Grübeln zu einem Denk- und Erzählfluß zu vereinen, der einen unwillkürlich aufhebt, mitträgt und im anderen Sinne aufhebt, so daß man am Ende ein anderer Mensch ist als eingangs: irgendwie weiser, gelassener, glücklicher, gesalbt mit einer Art Magie, die nur (solche) Musik (be)wirken kann.
Auftritt Elucid, fast zehn Jahre älter als Milo und das ideale Gegenstück in dem Sinn, dass sein Blick und seine Erzählweise im besten Sinne handfest-gegenständlich ist. Sein Hirn und seine Stimme verwandeln zufällige Geschichten über Armut, alltäglichen Rassismus, Haß und sinnliche Leere in archetypische Fabeln, die jeder verstehen kann, ohne die verstrickten Einzelheiten nachvollziehen zu müssen. Die Schattierung von Verzweiflung, die sein Vortrag ausstrahlt, materialisiert die Aggression unseres wirren, verfahrenen Daseins in einer wirren, verfahrenen Welt zu einem komprimierten Strang, einem Block, der Luft und Raum macht für Milo, der darin flattern, schweben und fliegen und seine Blitzideen flattern, schweben und fliegen lassen kann, ohne sich selbst einen Anker setzen zu müssen, der ihn festigt, erdet und zugleich hindert.
Klanglich ist „Nostrum Grocers“ ein ideal ausgewogenes Gesamtgemälde, in dem sich laut/leise, spitz/rund, komprimiert/diffus, scharf/samten, bedrohlich/schwerelos so ungezwungen ergänzen, daß ein echter Kosmos ersteht, aus dem nichts unangemessen (!) hervorsticht, in dem die Stimmen selbst Teil der Musik werden. Der seltene Fall eines Hip-Hop-Albums, in das man einen Tag tauchen, in dem man auch baden kann, ohne auf die Worte zu achten.
Die stehen – vom Album- über sprechende Tracktitel wie „Peace Is The Opposite Of Security“ bis hin zu blinkenden Zeilenfetzen wie „specialization is tyrannical, most certainly in my egg carton palace“ – dennoch im Zentrum, bilden das Herz des Ganzen. „Greatness is to act with no security“ – dieser zentralen, den Großteil der sonstigen Hip-Hop-Produktionen unserer Zeit als minder entlarvenden Erkenntnis gemäß ist es am Ende nicht mehr erstaunlich, daß Milo sein bestes Album nicht alleine, sondern nur in dieser Doppelung und Verbindung schaffen konnte. „I’m no fatalist / Real black / Like save the bacon grease.“ (Elucid) „Would it be fitting to sing a requiem as the trap door closes? / Redundant like black Moses / Abomunist newscast / I’m watching wide-eyed eating a gallon on Moose Tracks.“ (Milo) Dialoge wie dieser (aus „Circumcision Is The First Betrayal“) schichten sich ineinander, bilden einen nährenden Blätterteig dessen, wonach man (nicht nur) nach einem Sommer wie diesem hungert: SINN.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Dienstag, 30. Oktober 2018

Frisch gepreßt #422: Featherwolf "In The Living Room"


South of no north: Im tiefsten Süden, den menschliche Phantasie sich vorzustellen vermag, wo die Geckos gelähmt im Schatten kochen, die Giftluft glüht, die Geister nur nachts leise seufzen, wo Blut, Schweiß und Tränen die Erde tränken und der Mensch in diabolischer Sünde ein Traumleben träumt, in diesem tiefsten aller Süden, wo weit im höchsten Norden nichts zu finden ist als Süden – dort bin ich einst Maria begegnet, die mich hineinwarf in einen brennenden erotischen Alpwunschtraum, aus dem es ein Erwachen nur im tiefsten Rausch gab.
„I don’t wanna make up, I just wanna fight / All through the covers in your bed tonight“ ... Man darf davon träumen, Marie Krueger zu begegnen, sich von ihr hineinwerfen zu lassen in den ältesten Alpwunschtraum der Geschichte menschlichen Sehnens. Aber man sollte wissen, daß es kein weiches Bett ist, das einen dort erwartet, umflockt von Wattewolken, umspült von weichen Klängen. Nein, bei Marie klirren die Saiten, knallen die Trommelfelle und Drahtbespannungen, und wenn sie singt und sich mitreißen läßt von der schwellenden Dynamik der Männer an den Instrumenten, dann ist man rettungslos verloren.
Auf den Boden: Marie heißt richtig Shaun Marie Krueger, ist mit Sam Luna Featherwolf, auf ihrem zweiten Album verstärkt durch einen dritten Gitarristen (Aaron Zepplin) und Schlagzeuger Zach Harmon. Den Baß spielt Produzent Aaron Duesterhoft, und aufgenommen wurde die Platte im Wohnzimmer des Kruegerschen Seehauses am Ufer des Lake Winnebago. Der Süden ist also ein imaginärer: Nördlich ist man bald in Kanada; andererseits landet, wer stur nach Osten fährt, irgendwann in Sizilien.
Die Musik, die aus Marie und Sam herausquillt wie Zuckernektar aus reifen Feigen, wird der Schubladenarchivar als „Country“ bezeichnen, möglicherweise mit Zusätzen wie „Alternative“ und „Rock“, und damit liegt er richtig und zugleich total daneben. Diese Songs haben und brauchen kein Genre, sie künden von Schmerz, Ekstase, Verzweiflung, Verlangen, Sehnsucht und Hoffnung, von Sühne, Wut und Untergang, wie das die besten Songs schon immer tun, seit sich im tiefsten imaginären Süden die ersten Gefühle in Klängen Gehör verschafften.
Am Boden bleiben: „In The Living Room“ trifft ins Herz, weil die Aufnahme so unmittelbar ist (inklusive einleitender Gespräche übers Regiemikro), weil kein Effekt, kein Kompressor, kein Modifikationsgerät die Spitzen, die vulkanischen Ausbrüche und tiefen Leeren zusammenbürstet auf Radioformat. Vor allem aber weil den Hörer Maries Stimme spätestens bei dem umwerfenden „I’ve Done Wrong“ so packt, daß man ihr nie wieder entkommt. Wer an dieser Stelle weiterhört, ohne den Song wieder und wieder und wieder laufen zu lassen, der hat eiserne Nerven (und wird mit annähernder Erlösung belohnt).
South of no north: Es waren Maria McKee und ihre Band Lone Justice mit ihrer ersten LP, die mich damals in den Mahlstrom schmissen, und seitdem (es ist sehr lange her) hat mich kein Album, keine Band aus (wenn’s halt sein soll) diesem Genre mehr so erwischt wie dieses. Allerdings muß man rückblickend hinzufügen: Die Zeiten waren andere, der Weg ans Licht führte zwangsläufig über Leute wie Linda Ronstadt, Jimmy Iovine, Steve van Zandt, Tom Petty, über den Großkonzern Geffen Records und Support-Tourneen mit Bands wie U2, was in der Summe dafür sorgte, daß Maria nie so strahlen konnte, wie sie sollte, und den verfahrenen Haufen schließlich hinwarf. Als ich sie später in ihrer neuen Heimat Dublin (wo es oft so warm ist wie im tiefen Süden, aber immer regnet) besuchte, konnte sie gar nicht aufhören, über das verbogene, verkorkste Mädel zu schimpfen und zu spotten, zu dem die Mühlen des Geschäfts sie zugerichtet hatten.
Featherwolf wird das nicht passieren. Und wenn doch: Dann sei es, wie es sei. Dieses Album, dieser Alpwunschtraum aus böser Schönheit, brennender Liebe und verzweifelter Weisheit wird uns bleiben, für alle Zeiten, als strahlender Stern im Nichts einer leeren Welt.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Samstag, 27. Oktober 2018

Frisch gepreßt #421: Stone The Crows & Maggie Bell "The Best Of"


Ich erinnere mich an goldene Zeiten. Goldene Zeiten, die es, wie alle goldenen Zeiten, nur einmal gab: weil das goldene Zeiten so an sich haben, daß man nicht merkt, wie sie sich langsam anschleichen, und dann merkt man nicht, wenn sie vorbei sind, weil … tja, das weiß man auch nicht genau. Der Glanz reibt sich ab, das Gold erweist sich als Vergoldung auf einem wackeligen Gerüst aus Weichholz, das gewiefte Konstrukteure sodann durch Stahl und Glas ersetzen. Das glänzt nicht mehr richtig, aber man kann es überdimensional ausbauen.
Ich erinnere mich an die goldenen Zeiten, als die Verstärker richtig laut wurden, die Mikrophone richtig gut. Da war Schluß mit den Links-Rechts-Spielchen im Kopfhörer – links klimpert was, rechts klappert was, links singt was, dazwischen hört man Schnitte und Plopps, dann kommt rechts ein dünnes Sololein und so weiter. Nun rockte das. Nun stand man, nachdem sich die Nadel aufs schimmernde Vinyl gesetzt und die Rille gefunden hatte, in einem Raum, keinem großen, in dem die Kisten röhrten, die Röhren glühten, die Kessel paukten, die Saiten klirrten und die Bleche zischten, als wollten sie nie mehr aufhören. Mag sein, daß da der Schweiß von der Decke tropfte; es war ja noch nichts digital, und das Tempo, die Dynamik, die Wucht kamen nicht aus Rechenmaschinen, sondern aus Händen, Beinen, Bäuchen und Ärschen, aus Stöcken, Steckdosen und unter Strom stehenden Spulen, von denen keiner wußte, wie sie funktionierten.
Vor allem: erinnere ich mich an die goldene Zeit der Stimmen, die kaum Anfang, höchstens Mitte zwanzig waren, aber die Welt gesehen hatten, die tiefsten Täler und die höchsten Gipfel, die Milliarden Zigaretten verdaut und mit fragwürdigen Spirituosen nachgespült hatten. Rod Stewart, Frankie Miller. Und die perfekte Synthese der beiden: Maggie Bell, die Königin, die von allem,was Tina Turner, Joe Cocker, Roger Daltrey, John Lennon, Robert Plant, was weiß ich wer noch hatte, jeweils ein bißchen weniger hatte, das entscheidende bißchen weniger, das ihr Hände, Beine, Bauch und Arsch und eine unverwechselbare Eigenheit gab, die all die One-trick Ponies überragte.
Ich erinnere mich an goldene Zeiten, als man gewaltige Haufen von verkabelten Kisten auf Wiesen stellte und losspielte. Als man Gras nicht rauchte, um sich in eine dunkle Kellerkammer wattiger Bewußtlosigkeit zu ballern, sondern um zu schweben und zu fliegen. Als Bands funktionierten wie das Herz eines Organismus, der zufällig aus ein paar hundert oder tausend Leuten sich bildete, während die Sonne unterging.
Maggie Bell war die Verkörperung jener wenigen Jahre, als ein paar Typen in Jeans und Lumpen zu Rockgöttern wurden, an märchenhafte Reichtümer gerieten, während der Rest unserer Welt weiterrockte, ein Universum entfernt von Industrie, Gesellschaft, Normaloleben. Dort in der Wiese, in der es dunkel wurde, wenn die letzte Lampe über der improvisierten Palettenbühne durchgebrannt war, und von wo kein Shuttle einen in die Zivilisation zurückbrachte. Es wäre sowieso eine Entführung auf einen fremden Planeten gewesen.
Goldene Zeiten. Maggie Bell und ihre Band Stone The Crows sind immer noch deren Verkörperung. Den Gitarristen Les Harvey lernte Maggie Bell durch seinen älteren Bruder Alex Harvey kennen, den Bandnamen erfand Led-Zeppelin-Manager Peter Grant, damals der mächtigste Mensch des (unseres!) Universums. Les starb 1972 auf einer verregneten Bühne, als er ein nicht geerdetes Mikro anfaßte. Sein Nachfolger Jimmy McCullough ging 1974 zu Paul McCartneys Wings und starb 1979 mit 26 an einer Überdosis Morphium und Alkohol. Da waren die goldenen Zeiten vorbei.
Maggie Bell hat übrigens auf Rod Stewarts bestem Album mitgesungen: 1971 auf „Every Picture Tells A Story“. Und zwar im Titelsong. Jeder Mensch, der diesen Song nicht kennt, muß tot sein. Viele, die ihn kannten, sind tot, haben aber gelebt. Es gibt auch nicht mehr viele Menschen, die sich an Stone The Crows erinnern. Ganz ehrlich: ich auch nicht. Ich habe damals Bilder von ihnen gesehen, sie aber erst Jahre später gehört, ihre vier Alben aus den Jahren 1969 bis 1972, und war ihr spontan verfallen: dieser Vision goldener Zeiten, als man sich dermaßen frei, wild, offen, grenzenlos wähnen durfte, auch noch nach dem Ende der Band. Deren unfaßbar psychedelische „Ode To John Law“, Bells Version von Leo Sayers „In My Life“ … ach, es schien und scheint noch heute, als hätten die goldenen Zeiten nie enden müssen.
Taten sie aber, auch hier: Maggie versank im elektronisch kalten Treibsand der 80er, der ihr so fremd war wie diesen Zeiten ihre einzigartig warme, verzweifelt romantische Musik, das Genre, das im Kettensägenmassaker von AC/DC und Konsorten für immer verschwand. Das brachte sie nicht um: Selbst ihre Version von Alice Coopers herzzerreißender Feministenballade „Only Women Bleed“ hat noch Größe. Aber das bekam niemand mehr mit.
Lebt ihr noch? Und ihr anderen: wollt ihr mal leben? Greift zu und tut es.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Dienstag, 23. Oktober 2018

Frisch gepreßt #420: Years & Years "Palo Santo"


„Du darfst vieles tun, aber manches nicht: zum Beispiel dem Sailer mit gewissen Sachen kommen.“
„Aha, und was für Sachen sollen das sein? Und wieso darf ich das nicht?“
„Erstens: weil er eine Allergie gegen 90er-House, Autotune-Elektropop und Plastik-R&B hat. Zweitens: weil er dann notfalls alles zusammenschlägt, anschließend in ein Koma verfällt und danach drei Tage lang das ganze Viertel mit extrem krustigem Hardcore-Punk beschallt. Das kann niemand wollen!“
„O Gott, nein!“
Moment, was läuft hier?
„Nichts, wir … wollten nur … äh, eine Ratlosigkeit vermeiden, die aus Nichtzugang entsteht und böse Folgen hat. Also einfach nicht hinhören!“
Nichtzugang? Das wollen wir doch erst mal sehen.
„Aber: Autotune! (und mehr)“
Autotune? Läßt sich erklären. Autotune, bekannt als nervtötende, fast immer deplazierte Verfremdung, ist hier, zumal bedacht verwendet, am Platz. Autotune löst die Stimme quasi in elektronischem Alkohol auf und läßt sie als pures Destillat neu erstehen, befreit von allen Spurenelementen und Verunreinigungen, Kratzigkeit, Erdigkeit, emotionalen Ballaststoffen. Das macht sie körperlos und extrem gelenkig, sie wird zu einer Art kosmischem Zwitschern, dessen menschliche Anteile nicht mehr spürbar sind, wenn sie durchs Universum der hygienischen Beats und Reintöne flittert. Bei diesen verläuft der Prozeß im Grunde umgekehrt: Saiten, Felle (ohnehin längst traditionell aus Plastik), Bleche, vibrierende Blätter, Ventile und anderer mechanischer Plempel wird von vornherein nicht mehr berührt noch benötigt. Der Ton als solcher ist elektrischer Impuls, geformt und moduliert in der unendlichen Mikroskopizität digitaler Schaltkreise, somit absolut und gar nicht erst in Gefahr, von humanen Befindlichkeiten manipuliert oder beeinträchtigt zu werden. Abgesehen vielleicht von Störanfälligkeiten der leider immer noch notwendigen und zwangsläufig ben mechanischen Lautsprecher, die aber in naher Zukunft sicherlich verdrängt werden durch die Direktübertragung in robotisierte, auch nicht mehr für die Sperenzchen diverser Eiweißverbindungen anfällige Gehirn- und Bewußtseinsbereiche.
Aber das sind ja nur die – sozusagen, um in irdischen Termini zu sprechen – Rohstoffe. Das musikalische Strukturgerüst, das das Trio daraus erbaut, hat durchaus, horribile dictu, historische Bezugspunkte, was sich aber aus der mathematischen (Obacht!) Natur jeder Musik ergibt: Wenn man sich nicht in die hermetisch siedende Ursuppe von beispielsweise hartem Free Jazz begeben will, hat man ein überschaubares Sortiment von Kombinationen und Schattierungen zur Verfügung, die sich gegenseitig auseinander ergeben und bedingen.
Drum ist es gar nicht abwegig, wenn Years & Years als solche Bezugspunkte Radiohead, die Beatles, Joni Mitchell, Aalyiah, Sigur Ros, Scritti Politti, Marilyn Manson und Timbaland angeben (lassen). Wir fügen gerne, was sie vielleicht aus peinlicher Vorsicht unterlassen, eine beliebige Palette klassischer Progressive-Vorreiter aus dem weiten Galaxienhaufen zwischen Genesis und Yes hinzu. Und wir garantieren: Wer auch immer hörgewohnheitsmäßig-biographisch auf irgendeinen dieser Anhaltspunkte geeicht ist, wird diesen nirgendwo erkennen. Weil alles, was (eventuell) daher kommt oder (wahrscheinlicher) demselben Gedankenfunken entsprungen ist, in elektronischem Alkohol aufgelöst wurde und als reines Destillat neu erstanden ist.
Welche Art von tonalem Kosmos (wir erwähnen noch Olly Alexanders Stimme, die eher an eine astrale Nina Simone erinnert als an maskuline Vokalorgane) wäre besser geeignet (oder ein besserer Entstehungsurgrund, vermutlich beides in ursächlich-wirkender Verflochtenheit) zur Umsetzung und Illustration einer Science-Fiction-Geschichte über eine dystopische Gesellschaft (oder sagen wir: ein Konglomerat) geschlechtsloser Androiden, die zugleich in Auszügen für eine Reklamekampagne einer Massenmodemarke eingesetzt wurde („Hypnotised“)? Was wäre eine bessere musikalische Metapher für die Welt, in der wir nach intensivem Studium einschlägiger Innovationsmeldungen phasenweise zu existieren wähnen? Na?
„Oha. Wer hätte das gedacht?“
Brav. Und jetzt her mit der Hardcore-Playlist!

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.