Sonntag, 17. März 2019

Frisch gepreßt #433: Thomas Franz "Jetzt geht's mir besser"


Naiv zu sein bedarf es wenig, und wer naiv ist, ist … nun ja, nicht direkt König, obwohl auch unter dem Herrschpersonal eine gewisse Naivität bisweilen verbreitet ist; man denke nur an den märchenhaften Kaiser, der in einem Anzug aus unsicht- und -greifbarem Textil durch sein Reich marschierte. Allerdings wurde der dadurch nicht froh.
Bei Thomas Franz darf man das zumindest vermuten. Anders als jene Kronenfigur oder etwa Don Quichotte braucht der weder Ornat noch Rüstung, um gegen die Bosheit und Müpfigkeit der Weltenläufe anzugehen, weil er Musik hat. Und zwar eine, aus der die Naivität heraustropft wie ein Nektar von süßem Laudanum, der noch den grollendsten Berserker zur sanft lämmernden Frohgestalt wandelt.
Das ist der Thomas: Der hat Musik, weil er sie macht. Normalerweise steht der Thomas alleine auf der Bühne, mit seiner Gitarre um den Hals oder einem Keybördchen auf den Knien, und wenn man ihn so sieht, fällt einem plötzlich ein, was es bedeutet, auf der Bühne zu stehen, ohne auf die üblichen, in Jahrzehnten zum Grundbestand des typischen Künstlerverhaltens kristallisierten Posen und Moves zurückgreifen zu können. Der steht bzw. sitzt da und stellt sich den Menschen und der Welt, mit seiner Musik, die auch nichts Routiniertes, Abgeklärtes, Falsches oder Gares hat, sondern so aus ihm hervorklingt, wie wir alle sind: neugierig, erfahrungslos, unvorbereitet spontan nachdenklich, immer wieder getroffen und auch mal gewatscht von den Fährnissen des Lebens, die oft harmlos wirken, es aber gerade dann nicht sind.
Zum Beispiel der Alltag im Raumschiff: Da sieht es scheiße aus, weil keiner putzt, nicht mal die Fenster kann man aufmachen, mangels Atmosphäre, und das ist ein bisserl traurig, aber halt auch irgendwie rührend. Oder wenn es beim Friseur zu dem Malheur kommt, daß selbiger mittendrin gemeuchelt wird und man mit halber Frisur in die Welt soll. Oder wenn man den Hamster im Meer baden möchte, eh nur bis zu den Waden, und kurz nicht aufpaßt und die Welle kommt und ihn erfaßt und mitnimmt ins tiefe Blau … da wird es dann richtig traurig – bis man aus der Woge von Schuld und Sühnen auftaucht und sich wieder ans Meer setzt und erkennt: Der Hamster schwebt im blauen Raum, lebt im blauen Traum, und das ist schön. Schön wie die Musik, schön in der Musik.
Der Thomas wird auch mal sauer, wenn ein sogenannter alter Kumpel im BMW vom Papa vorbeiröhrt und sich voll toll fühlt und der Thomas nicht weiß, was er dazu sagen soll vor Empörung. Aber meistens hat er Mitgefühl, mit den Tieren vom Versagerzoo, mit dem schüchternen Vulkan, selbst mit dem Mann mit dem wachsenden Tattoo, sogar mit dem Dummkopf Hans Müller, der dem Freund ins Poesiealbum geschrieben hat, er werde einen Besen fressen, wenn er ihn dereinst nicht mehr erkennt. Und tolle Ideen hat er außerdem, zum Beispiel wenn das mit dem Date zum Eisessen irgendwie nicht hinhaut, weil er nicht der Traumboy der Angeschmachteten ist: Dann schickt er den Eisbecher eben mit der Post. Und wenn alles nicht mehr geht, packt er zum Finale die Punkband aus und stellt sich vor, daß allen anderen genauso alles danebengeht wie ihm. Dann geht‘s ihm besser.
Musikalisch kann und probiert der Thomas sehr viel. Auf dem Album ist von der Gitarre wenig zu hören, dafür viele lustige Geräusche, Beats, Rap, nostalgiefrei nostalgische NdW-Anklänge, Tupfer von Ska, progressive Sequenzen, balladiöses Schweben und vor allem die rührende und zugleich begeisternde, entwaffnende und überwältigende Naivität, die ihn erfüllt und zum Superhelden macht, aber eher zu Supergoof als Superman. Gebt ihm eine Erdnuß, holdrioh!, und er zeigt euch, daß man nicht groß und böse sein muß, ja gar nicht sein darf, wenn man es schaffen will, mit der Welt fertigzuwerden und hinterher froh lächelnd im Gras zu sitzen.
So meint der Titel ihn und uns: Kann schon sein, daß es regnet. Kann schon sein, daß der Postbote wieder nur Rechnungen dabeihat. Das ist ja nicht das Leben. Das spielt vielmehr in der Musik, und es ist ein Spiel, und wenn wir mitspielen, geht‘s uns besser.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Donnerstag, 14. März 2019

Belästigungen 1/2019: Bumfdawk und Dickoxon? Kein Priblen! (aber wehe, man kriegt mal ein Paket ...)

Verständigung ist in Zeiten moderner Kommunikation bestenfalls Glückssache, normalerweise indes mit dem Versuch vergleichbar, sich mittels einer Nagelfeile durch einen Urwald mit vorbildlich dichtem Unterholz zu schlagen. Harmlose Beispiele hierfür fallen täglich in jedem Haushalt an. Zum Beispiel smste mir neulich eine Freundin, die Einhaltung unserer verabredeten Verabredung sei „kein Priblen“, was ebensowenig ein großes Problem war wie die unmittelbar folgende Mitteilung einer anderen Freundin, sie habe dringend mal wieder Lust, „aufeinander Bier“.
Durch solche Fehlerlein kommt das Hirn ja ebenso leicht hindurch wie durch ein Wort wie „Bäslgntiuegn“ (habe ich gehört), weil es schon beim Lesen berücksichtigt, daß Schrift, Wort und Sprache für 99 Prozent der Menschheit so was sind wie die Feinheiten der Quantenphysik für einen Kindergartenbamsler, und deswegen die interne Korrektur-App auf Automatik läuft. Ähnliches gilt für die Flut von hochinformativen Mails, die stündlich in meinen E-Briefkasten geschwemmt werden und dringend empfehlen, einen Link anzuklicken, um fürderhin stundenlange Höchstleistungen im Bett vollbringen und die weibliche Bevölkerung des Erdballs in einen Dauerzustand von „Shock & Awe“ (remember?) zu versetzen.
Dieser Schmarrn nämlich kommt von Servern, die zwar vertrauenswürdig klingende Namen wie ficobaul, jinxknar, uartglob, ambaloll, shulopec, dickoxon und bumfdawk tragen, immer aber mit dem Zusatz „.icu“. Selbiges „ICU“ wiederum steht abkürzend wahlweise für „Intensivstation“ oder die Christliche Universität Tokyo, und wer täte sich in Sachen Sexualpotenz ausgerechnet von diesen Institutionen Rat holen?
Schwieriger wird es, wenn man mal wieder die Nachlässigkeit begangen hat, sich zu Weihnachten oder überhaupt per Paket beschenken oder jedenfalls beliefern zu lassen. Da kriegt man dann eine Glückwunschkarte an die Haustür gebappt, auf der verzeichnet ist, wo man das Paket abholen kann. In der zuständigen Postfiliale steht, wer nicht gleich zur freundlichen Dame am Schalter rennt und sich wundert, weshalb dort nicht die übliche Tausenderschlange seit vorgestern wartet und murrt, vor einer handbeschriebenen Tafel, auf der darauf hingewiesen wird, daß Paketabholungen „erst ab 3. Januar“ (durchgestrichen) bzw. „demnächst“ (durchgestrichen) bzw. „auf absehbare Zeit nicht möglich“ sind.
Auch kein Priblen, schließlich gibt es ein Internet und dort eine Seite der angeblich verantwortlichen Firma DHL, wo man, nachdem man sich vergeblich durch dutzende Irrwege geklickt und per Google den Link für eine Zweitzustellungsbeantragung ausbaldowert hat, diese ausfüllen kann. Sodann spielt man das lustige Captcha-Spiel mit Hydranten, Ampeln, Fahrrädern usw., besiegt den Algorithmus nach nur sieben Runden (!) – und erfährt, das eingegebene Datum des Erstzustellungsversuchs („bei dem Sie nicht angetroffen wurden“) sei „ungültig“. Das kann, wer mag, wiederholen, so oft er will: Sackgasse. Der Silvestertag des Jahres 2018 hat für die Firma DHL offenbar nicht stattgefunden (der 2. Januar übrigens auch nicht).
Jetzt wird‘s schwieriger, denn jetzt muß richtig kommuniziert werden. Kaum eine Stunde später hat die Suche nach einem Kontaktformular (das es wahrscheinlich nicht gibt, jedenfalls auf keiner der mit dem Stichwort „Kontakt“ oder irgendwie sonst zugänglichen Seiten) eine Telephonnummer (für „Pressekontakt“) in Nordrhein-Westfalen erbracht. Hurra, freut man sich: mit einem Menschen sprechen! Darf man aber erst mal nicht, sondern muß einer fröhlich dudelnden Maschine diverse Stichwörter (Reklamation, DHL-Paket, ein paar mal laut und deutlich „ja!“ oder „J-A!“) aufsagen. Und hat dann endlich eine „Mitarbeiterin“ am Telephon, die sich pflichtschuldig vorstellt (ihr Name sei Lisch oder Lesch oder Läsch oder Lösch oder Lüsch oder irgendwie so ähnlich) und nach dem Begehr fragt.
Zur Erklärung des Problems kommt man jedoch nicht. Die Mitarbeiterin erklärt vielmehr, man solle das Paket eben abholen. Geht nicht, sagt man und zitiert von der Hinweistafel: „logistische Gründe“. Dann, erfährt man, gebe es „keine Möglichkeit“. Doch, die gebe es, sagt man. Eine Zweitzustellung, sagt sie, sei bei Paketen, die nicht abgeholt werden können, grundsätzlich ausgeschlossen. Ob das Paket denn dann vernichtet oder anderweitig verwertet werde, fragt man. Da hält sie kurz inne, tippt etwas, weist dann auf das Formular im Internet hin sowie darauf, daß man ihr schon zuhören müsse. Das Formular kenne man, sagt man und kommt nun doch zum Ausreden, aber wieder vergeblich: Ein Datum eines Erstzustellungsversuchs müsse gar nicht eingegeben werden, meint die Dame. Doch, das müsse es, wendet man ein, woraufhin sie sagt, dann solle man eben tun, was man für richtig halte, sie beende hiermit das Gespräch. Was sie auch tut.
Ich weiß: Kabarettisten und Kolumnisten ist es aus guten Gründen streng verboten, sich über Bahn, Post und sonstige ehemals staatliche Einrichtungen zu ereifern, die zum Zwecke der Geldumverteilung von unten nach oben enteignet und gierigen Investoren zugeschachert wurden. Drum weise ich deutlich darauf hin, daß es einer sofort (per Zufall unter der gleichen Nummer) konsultierten zweiten Mitarbeiterin binnen weniger Minuten gelang, das Problem zu verstehen, den (offenbar bereits von einer knappen Million Menschen reklamierten) Funktionsfehler zu bestätigen und einen Zweitzustellungsversuch (ohne Gewähr) zu beantragen.
Wenn man nun noch bedenkt (oder sich vorzustellen versucht), unter welchen Bedingungen und für welchen „Lohn“ Frau Lisch/Lesch/Lösch und ihre namenlosen Kollegen einen Großteil ihrer unwiederbringlichen Lebenszeit damit zubringen müssen, hilflosen Opfern der konzerntypischen Kommunikationsverhinderungsstrategie nicht verraten zu dürfen, weshalb es nur einen Weg gibt, mit diesem Konzern „Kontakt“ aufzunehmen – nämlich die Beschwichtigungsabteilung ganz unten im Tiefkeller, also sie –, wenn man das alles bedenkt, kriegt man große Lust, den Profiteuren des ganzen Blödwahnsinns die wenigen Sachen, die sie sich noch nicht unter den Nagel gerissen und in „Service“-Müll verwandelt haben, auch noch zu schenken. Und zwar per Paket.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Sonntag, 10. März 2019

Frisch gepreßt #432: Udo Lindenberg "Zeitmaschine"


Popmusik ist suizidgefährdet. Ach was, gefährdet – sie ist dabei (und bei diesem Versuch schon sehr weit fortgeschritten), Selbstmord zu begehen bzw. den Freitod zu suchen, je nachdem, wie man dieses ultimative, (in diesem Falle: höchstwahrscheinlich, ansonsten unbedingt) irreversible Vorgehen moralisch einschätzt. Nämlich ist jede rebellische, romantische, subversive, provokante und sonstwie (oder nicht) relevante Geste, die sie in den knapp hundert Jahren ihrer Wirkungsgeschichte in die Welt setzte, nicht etwa als solche in die (unzuverlässige und verwehende) Erinnerung eingegangen, wie sie das bis etwa 1991 zu tun schienen.
Sondern sie ist nach wie vor da, elektrodigital vor jenen Ver- und Zerfallsprozessen geschützt, die die menschliche Kultur über Jahrtausende erst zu einer solchen werden ließen, weil jede Wiederholung an ein nicht mehr vorhandenes, möglicherweise längst vergessenes Original anknüpfen konnte – oder an gar nichts, weil es das Original vielleicht noch gar nicht gab. Das läuft auf dasselbe hinaus.
Das heißt: Was immer jemand heute popmusikalisch tut, ist Wiederholung, Zitat, frei- oder unfreiwillig ironisch, gewollter oder ungewollter Kommentar, Fußnote, Anspielung, Hommage, Persiflage, dideldum irgendwas, aber niemals „neu“. Was egal war, solange die Variation auf etwas verwies, was man nicht unmittelbar identisch danebenlegen konnte. Das kann man im digitalen Zeitalter immer.
Und das heißt: daß es eine Geste, die popmusikalisch (d. h. u. a. auch und vor allem: „neu“) im alten (!) Sinne ist, nicht mehr geben kann. Was nicht als Kulturpessimismus mißverstanden werden sollte. Schließlich ist das (oder ein) Wesen der Kunst Schönheit, und Schönheit ist einerseits unvergänglich und war andererseits nie das entscheidende Wesen der Popmusik, die wiederum selbst insgesamt weniger Kunstform oder Genre, sondern eine Geste war, wirkungshistorisch verortbar wie (sagen wir) expressionistische Malerei und Nouvelle-Vague-Filme. Freilich kann auch heute jemand expressionistisch malen, einen NV-Film drehen. Aber nur mit der eingebauten Intention der Wiederholung.
Ende des theoretischen Teils, Übersetzung in die Praxis: Man kann sich, wenn man mag, diese und nächste Woche damit vertreiben, neue Alben von (Achtung! reiner Zufall) zum Beispiel Pam Pam Ida, Pascow oder den Türen anzuhören. Oder Joe Jackson oder sonst was oder alles zusammen. Oder Graveyard Bashers, Whiskey Shivers, Metal Inquisitor, Lucky Bastards oder irgend so was, was den derivativen Ansatz des Tuns schon im Titel trägt. Oder mal wieder Udo Lindenberg hervorkramen, die Zentralfigur der deutschen Popmusik ungefähr von Anfang bis Ende, in der sich alles sammelt, was an Schönheit, Provokation, Peinlichkeit und historischer Stringenz in eine Popmusik hineingehen und aus ihr herausgequetscht werden kann. Udo war von Anfang an Abklatsch und zugleich völlig neu, Rebell und Kasperl, Einzelgänger und Gesamtverkörperung, auch Schmelztiegel aller möglichen guten und falschen Gesten.
Er stürmte 1969 in ein Feld hinein, das Deutsche bis dahin höchstens mit schützenden Überschuhen vorsichtig betapst hatten, quasselte und nölte Zeug, das mal blendend witzig, mal völlig daneben war (aber immer irgendwie „neu“), verlor den Faden, grub zwecks Wiederfindung in der tiefsten Vergangenheit, wanzte sich ran und zog (nur symbolisch!) den Hut, suchte und fand dies und das und ließ es wieder fallen, je nach Lust und Laune, Langeweile oder Verzweiflung. Irgendwann fing er an, sich selbst zu zitieren, kopieren, persiflieren, verlieren. Ungefähr: Ende des letzten Jahrtausends. Oder meinetwegen ab Album 14 oder 17 von 36 oder 47.
Seitdem schüttet das Land den zerwitterten alten Knorr mit Ehrungen, Gedenktafeln, Medaillen und Firlefanz zu, holt ihn als Zeugen, als Staffage, als Beleg eigener Wichtigkeit und Türöffner und Paten aus dem Loch. Und seitdem ist es ziemlich egal, wann und wie etwas von Udo Lindenberg erschienen ist – die „Zeitmaschine“ zum Beispiel 1998. Und 2019, möglicherweise „remastered“, aber ohne hör-, spür-, sichtbare Veränderungen, also im Grunde identisch und zeitlos, dem Titel gemäß/getreu. Könnte auch 1979 gewesen sein; nämlich: ein (schweinischer) Text von Brecht, einer von Karel Gott, einer von Ideal, viel Ströer Bros., etwas Orchester, Freundeskreis-Hip-Hop-Pudding, eine Dance/House-Sängerin als Gast auf einem Bert-Kaempfert-Song … alles irgendwie wirr und nett, schön und seltsam, vielleicht deshalb ohne Zeit und Ort und damals so ziemlich das Erfolgloseste, was er je probiert hatte.
Kann sein, daß die Popmusik Suizid begeht. Bei Udo Lindenberg stirbt sie höchstens irgendwann an Altersschwäche, und das macht nichts, wenn unter dem Riesendenkmal, das er ist und zugleich nie war und sein wird, gelegentlich hübsche Krümel wie diese hervorbröseln.

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Dienstag, 5. März 2019

Belästigungen 25/2018: Evolution 2.0: vom Gebrabbel zum Chatkommentar (und was daran gut sein könnte)

Die Evolution vollzieht sich manchmal unbemerkt, und nicht selten werden ihre Erfolge verleugnet, abgestritten, in Frage gestellt oder lächerlich gemacht. Zum Beispiel die Geschichte mit der schriftlichen elektronischen Kommunikation: Von der heißt es, sie sei schuld an so ziemlich jedem Übel, mit dem wir uns heutzutage herumschlagen müssen, von der Filterblase bis zur Fake News, vom Netzjunkie bis zum Genderwahn, vom Haßsprech bis zum Pegida-Aufmarsch. Zur Klärung von Mißverständnissen, Meinungsverschiedenheiten und diversen anderen Problemen sei das persönliche Gespräch daher in jedem Falle vorzuziehen, am besten unter vier Augen, höflich und besonnen.
Welch ein Unsinn das ist, weiß jeder, der schon mal zur Schule gegangen ist und vom Lehrer oder Direktor zu einem persönlichen Gespräch bestellt wurde, unter vier Augen, höflich und besonnen: Da wurde man bestenfalls vergattert, runter- und niedergemacht, diszipliniert und mußte die Klappe halten, und selbst wenn man das nicht gemußt hätte, wäre einem die entscheidende, geistreiche Antwort sowieso erst beim nächtlichen Sinnieren oder am nächsten Morgen beim Aufwachen eingefallen.
Als jemand, der schon seine allerallererste spätkindliche Kurzbeziehung auf schriftlichem Wege (mit einem Briefchen im selbstgebastelten Couvert) einleitete, weiß ich ziemlich genau, wovon ich spreche – wäre das Techtelmechtel in diesem Modus fortgeführt worden, hätte es vielleicht länger gehalten als die paar Wochen, in denen es in unbedarften, unbeholfenen Plapperplauderversuchen kenterte und unterging.
So geht das immer, den ganzen Tag, das ganze Leben lang: Menschen reden ineinander hinein, aneinander vorbei, umeinander herum, und jeder einzelne davon meint, bei der wahllosen Ausstoßung von Geräuschfetzen handle es sich um Kommunikation. Hingegen prangert der Chor der Kulturpessimisten am Äußern von Gedanken in sozialen Netzwerken vor allem deren Unbedachtheit und Spontaneität an. Jeder Tipp- oder Grammatikfehler sei ein deutliches Zeichen, daß sich da mal wieder jemand „was gedacht“, aber nicht die Mühe gemacht habe, es so zu ordnen, daß es einer Öffentlichkeit zumutbar sei. So werde alles mißverstanden, und am Ende komme es zu Umsturz, Pogrom und Bürgerkrieg.
Man könnte darauf hinweisen, daß ein ganzes Drittes Reich und zwei Weltkriege ohne Facebook und Whatsapp – und vielleicht nur so – zustandekamen. Daß sich der Wirtschaftsfaschismus vor allem deswegen so unauslöschlich in den Köpfen der mittlerweile dritten oder vierten Generation von tumben Ameisenmenschen einnisten und festschrauben konnte, weil seine Ideologie hauptsächlich in TV-Plapperrunden und nur äußerst selten im schriftlichen Austausch verbreitet wurde (und wenn, dann in Zeitungskommentaren, die ähnlich irr dahergefaselt waren wie das Zeug, das Merz & Co. in Kameras skandierten). Daß das mündliche Gespräch, mag es noch so geistreich sein, weder Fußnoten noch Lektorat zuläßt und deshalb nur mit größter Vorsicht zitiert werden sollte, weil sich im Zweifelsfall selbst der geschickteste Redner und Argumentator Minuten nach seiner Äußerung nicht mehr an deren Wortlaut erinnern kann. Wer ein bißchen in Aufzeichnungen klassischer Bundestagsdebatten herumblättert, wird feststellen, daß die faschistische Schmähung von Parlamenten als „Quatschbuden“ an der Realität peinlicherweise nicht weit vorbeigeht – wobei zu bedenken ist, dass bereits die Mitschriften redigiert und geschönt sind.
In Wirklichkeit ist das persönliche Gespräch, das Menschen deswegen immer suchen, wenn ihnen die Argumente ausgehen oder sie nicht in der Lage sind, sie überzeugend zu formulieren, vor allem Machtmittel und Waffe. Der Boß, dem das Humankapital zu aufmüpfig wird, bittet es einzeln ins Chefbüro. Der Mann, dem das Weib intellektuell über die Hutschnur wächst, haut auf den Tisch und „stellt“ etwas „klar“. Umgekehrt geht im Brüllchoral der noch so gutmeinenden Masse jegliche Logik, Evidenz und Dialektik umstandslos unter.
Teilnehmer von Meditationskursen, Schweigeexerzitien und ähnlichen Unternehmungen melden erstaunliche Erfahrungen: Wer absichtlich über längere Zeit darauf verzichtet, sich mündlich zu äußern, fängt bereits nach wenigen Tagen an, eine Tätigkeit auszuüben, die dem modernen Menschen für gewöhnlich völlig fremd ist: denken. Nach einigen Wochen ohne Gebrabbel beginnen sich die Gedanken sogar zu ordnen. Gleichzeitig wächst der Drang, sich lautstark mitzuteilen, bis er kaum noch zu unterdrücken ist. Dann aber läßt er ziemlich rapide nach und verschwindet schließlich ganz, während andererseits Dinge, die vordem durch den Kopf schwirrten und zuckten wie Stroh in einer Windhose, deutlich, klar und folgerichtig in Erscheinung treten.
Wer sich fragt, wie in früheren Zeiten, als Kommunikation größtenteils schriftlich ablief, so etwas wie eine Literatur entstehen konnte, während heute eine Armada von Verlagen halbjährlich Hekatomben von windigem Müllgeseier in Buchdeckel binden und kurz darauf zu Tapetengrundierung zermanschen läßt, wer sich fragt, wieso die „Autoren“ dieser Quatschklötze neunzig Prozent ihrer Lebens- und fast hundert Prozent ihrer sogenannten Arbeitszeit in Talkshows, Podiumsdiskussionen und Interviews zubringen, dem könnte die Erkenntnis dämmern, daß der Umstieg vom Plaudern zum Chatkommentar tatsächlich ein Fortschritt sein dürfte – obwohl oder gerade weil der größte Teil auch dieser Äußerungsformen sinnloser Unfug ist. Immerhin kann man das notfalls nachlesen, nachweisen und dann aufgrund von Gründen vorsätzlich löschen.
Der Winter ist eine gute Zeit, sich zu besinnen. Vielleicht wäre es förderlich, diesen Winter mal dafür zu nutzen, den Mund zu halten, Leuten, die den Mund nicht halten können, aus dem Weg zu gehen und statt dessen alles, was uns in den Sinn kommt, so lange zu bebrüten, bis daraus ein Gedanke entschlüpft, der einen Facebook-Kommentar wert ist. Wer weiß, wie viele sinnlose Debatten wir uns dann im kommenden Sommer sparen können, um selbigen mit viel schöneren Dingen zu füllen.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Freitag, 1. März 2019

Belästigungen 24/2018: Achtung, hier kommt ein missionarischer Gedankenfluß! (und bricht rechtzeitig ab)

Der Winter ist eine paradoxe Veranstaltung. Massen von möpselnden, miefenden, murrigen und knurrigen Menschenwesen pressen sich zu Zeiten, in denen das Tageslicht noch nicht mal daran denkt, sich anzuschalten, in seuchige U-Bahn-Züge hinein, um sich an … na ja, nicht Orte, eher: Stellen schießen zu lassen, wo sie sich mit Massen von möpselnden, miefenden, murrigen und knurrigen Menschen in Gebäude hineinpressen können, um … Tätigkeiten zu verrichten, Gegenstände in die Hand zu nehmen und woanders wieder hinzustellen, Papier und Magnetspeicher mit Zeichen vollzukritzeln und zu -müllen, sich damit zu stressen, ihre Gestreßtheit zu demonstrieren, und zu stöhnen, wie gern sie jetzt und überhaupt ganz was anderes täten.
Nach der vorgeschriebenen Zeit, in der sie dies tun „müssen“, eilen sie durch erneut dunkle Straßen, pressen sich erneut in U-Bahnzüge, rasen durch neonlichtverseuchte Warenhallen und stopfen Taschen mit diversen Gemengen aus Weizenmehl, Industriefett und Zucker voll, überfluten derweil unablässig ihr Hirn mit legasthenischen Pseudomeldungen aus den zugewucherten Randbezirken der Matrix, absolvieren nach Vertilgung der mikrowellengesottenen Gemenge eine Einheit chemisch induzierten Schlaf, aus dem sie sich von elektronischen Alarmgeräuschen prügeln lassen, um … genau dasselbe wieder zu tun, Tag für Tag.
Derweil lächelt die Sonne in den wenigen Stunden, die ihr der Fürst der Finsternis zugesteht, trüb und unbeachtet leicht melancholisch vor sich hin, weil niemand sie sehen will. In den leeren Kneipen vertreiben sich einsame Kellner angemessen graugesichtig die leere Zeit mit den gleichen legasthenischen Pseudomeldungen oder zählen die Fässer, in denen die wertvolle Frucht in Jahrtausenden perfektionierter Braukunst traurig darauf wartet, daß jemand sie genießt.
Kann aber niemand; die Tage sind zu kurz, es muß geschuftet, bestellt, gekauft, geschleppt, gestapelt, rotiert, geliefert und entsorgt werden, Massen von Zeugs und noch exponentiell größere Massen von Zeugs, wenn das „Fest“ naht, das angeblich dazu dienen soll, der Geburt eines Erlösers zu gedenken, der mit seiner Erlösungstätigkeit ganz offensichtlich grandios gescheitert ist. Da steigert sich die Raserei dann zur apokalyptischen Hysterie, brennen künstliche Tannen, kotzt man die Kanalisation mit überflüssigen Lebensmitteln voll, foltert sich mit Blockflöten, und wenn zwischendurch der Kragen mal energisch platzt, löscht man im Handstreich ganze Familien aus und sehnt Mitte Dezember den Mai herbei, in dem einem verbreiteten Mythos zufolge alles ganz anders und neu werden soll. Die Mehrheit indes verliert die Geduld, preßt sich in fliegende U-Bahn-Imitationen und läßt sich in Gegenden schießen, die ausschauen wie der Hinterhof eines Megasupermarkts, wo aber immerhin die Sonne brennt und Tante Agathe einen nicht findet.
Warum das alles so ist und angeblich („Realität“!) „nun mal“ so sein muß, weiß niemand. Nicht der Igel, der derweil friedlich unter seinem Laubhaufen schlummert und im Traum ein wunderschönes Jahr an sich vorbeiziehen läßt. Nicht der Hase, der das gleiche in seiner Erdhöhle tut. Nicht der Baum, der sein gebrauchtes Laub dem Igel schenkt, sich ins Wurzelwerk mummelt und ausgefallene Astwuchsmuster für den nächsten Frühling ersinnt. Und sowieso nicht der Mensch.
Der nämlich müßte seiner verschütteten Natur gemäß folgendes tun: nichts. Das heißt: gemütlich im Bett herumgammeln, die Vorräte aus dem langen Sommer verspeisen, sich lustige, nachdenkliche, wichtige und blödsinnige Geschichten erzählen, sich wärmen, streicheln, lieben und im Arm halten, hin und wieder den Ofen anschüren und ein Buch aus dem Regal ziehen oder neue Musik auflegen und sich abends um den Zapfhahn versammeln, um in größerer Gesellschaft das gleiche zu tun und dann zufrieden berauscht wieder unter die Decke zu kriechen, sich von der Spätvormittagssonne notdürftig wachkitzeln zu lassen und … genau dasselbe wieder zu tun, Tag für Tag. Bis irgendwann der Krokus sprießt und die Vögel zwitschernd melden, daß die Wiesen warm und trocken genug sind, um dort herumzulümmeln.
Wieso das von den Massen von möpselnden, miefenden, murrigen und knurrigen Menschenwesen da draußen niemand tut, weiß auch ich nicht. Ich vermute jedoch, daß sich diese Spezies, die einst mindestens so anmutig, bescheiden und zufrieden den Erdball bevölkerte wie Igel, Hase, Baum und alle anderen Zeitgenossen, erst durch die trotzige Verweigerung des Winterschlafs in die gegenwärtig vorliegende, von keinem Erlöser mehr erlösbare Masse von möpselnden, miefenden, murrigen und knurrigen Erscheinungen verwandelt hat. Daß sie sich unterbewußt für den eigenen Zustand und ihr unwürdiges Gerödel und Gewese schämt und es deswegen in den Untergrund und hinter dicke Mauern verlegt hat (oder ist schon mal ein Igel auf die Idee gekommen, U-Bahnen, Aufenthaltsräume – welch absurde Bezeichnung für Räume, in denen sich niemals ein Lebesewesen freiwillig aufhielte, abgesehen von Schimmelpilz und Kakerlake, und die auch nur notgedrungen und weil dort Menschen sind – und Profit-Center zu bauen?). Und daß dieser Zwangslauf der Degeneration dazu führen wird, daß in nicht allzu ferner Zeit alles mögliche auf dem Erdball herumkreuchen und -fleuchen wird (möglicherweise sogar ein paar selbstfahrende Autos), aber garantiert kein Menschenwesen mehr.
„Du darfst nicht vergessen“, mahnt die Liebste, „heute noch deine Kolumne zu schreiben!“
Oh, huch. Da bricht er ab, der missionarische Gedankenfluß, das Eichkätzchen auf dem Fensterbrett kichert spöttisch, und der Spiegel zeigt ein weiteres Exemplar der o. g. Spezies. Das jedoch gelobt, sich zu bessern und unmittelbar nach dem Punkt am Ende dieses Satzes damit anzufangen. Gute Winternacht!

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Frisch gepreßt #431: Marylin Monroe "The Marilyn Monroe Collection 1949-62"


Ich hatte mal einen Freund, der war in gewisser Weise so typisch für das längst im Gentrifikationsbrei versunkene Viertel, in dem wir damals aufwuchsen, daß man eigentlich mal von ihm erzählen sollte. Auch weil die Zeit, in der wir am meisten Zeit miteinander verbrachten (oder sagen wir: vertrödelten), in einen Winter fiel, der diesem relativ ähnlich war: Es schneite, oft tagelang, die Tage waren grau wie die Betonfassade des Häuserblocks, in dem er mit seiner Mutter eine Eineinhalbzimmerwohnung bewohnte, und wir taten kaum mehr als auf leeren, verschneiten Straßen und in Hinterhöfen herumlaufen, uns manchmal gefährlichen, meistens verbotenen Unfug ausdenken und mit romantischem Sinn für die Unbewohnbarkeit der Welt, in der wir unser Leben fristen sollten, Sachen kaputtmachen.
Zwischendurch saßen wir bei ihm auf dem Klappsofa, tranken Tee oder warmes Bier (seine Mutter, die die meisten Tage im Bett verbrachte, hatte irgendwas mit dem Magen), besprachen wichtige Themen (sexueller Natur), von denen er meistens mehr wußte als ich (ich war zwölf, er war vierzehn und hatte wegen erwiesener Schwererziehbarkeit einige Zeit in einem gemischten Internat in Gars am Inn verbracht) und hörten Musik. Das heißt: Wir hörten seine einzige, im Kaufhaus KEPA geklaute Kassette, ein damals noch recht aktuelles Slade-Album, von dem ich mehr wußte als er. Er schwärmte derweil von seiner (angeblichen) Freundin im Internat und (weil darüber nicht viel mehr als zwei Sätze zu sagen waren, die indes auch bei der zehnten Wiederholung spannend blieben) von einer US-amerikanischen Schauspielerin und Sängerin, für die er eine unerklärliche Vorliebe hegte – unerklärlich vor allem deswegen, weil er sie nur von einem Photo und keinen ihrer Filme und Songs kannte (es gab weder Fernseher noch Plattenspieler, und im Radio hörten wir aus Prinzip nur „Club 16“, wo so etwas nicht gespielt wurde).
Später flog er ordnungsgemäß von der Schule (was ich dank Glück, Schüchternheit und guten Zufallsleistungen vermied), nahm viele Rauschmittel (weil er eingesehen hatte, daß man die unbewohnbare Welt nicht so gänzlich kaputtschlagen konnte, wie das nötig gewesen wäre) und verlegte seinen Hauptwohnsitz in den Englischen Garten. Jahre nach unserem letzten gemeinsam vertrödelten Nachmittag (ich sollte ihm helfen, die Nachprüfung zu bestehen, statt dessen spielten wir auf einem Betonviereck an der Forggenseestraße Fußball) liefen wir uns wieder über den Weg und sprachen, als uns die Geschichten (sexueller Natur) ausgingen, über die US-amerikanische Schauspielerin und Sängerin, deren Filme wir inzwischen hin und wieder gesehen hatten. Und ich verstand immer noch nicht, was er an der etwas biederen, schwarzweißen Tante mit Betonfrisur fand, die ihre angebliche Erotik unter Foltermiedern und Spießerkleidern versteckte und angeblich mal was mit einem noch viel biedereren Präsidenten gehabt hatte. Und sowieso längst tot war.
Jetzt, noch mal viele Jahre später, verstehe ich es. Weil jetzt wieder Winter ist, ein weicher, weißgrauer Winter, dessen dreivierteldunkle Tage man am besten damit verbringt, im Bett herumzuliegen, milde Rauschmittel zu nehmen (leichten Tee und schweren Wein) und sich mit schwarzweißen Filmen und nicht remasterbaren Aufnahmen längst vergangener Zeiten zu erinnern, die man nie erlebt hat. In denen ein biederer Präsident fast einen Atomkrieg angefangen hätte. In denen man Foltermieder vielleicht doch nicht ganz irrtümlich für erotisch hielt, ebenso wie eine Stimme, die die Seele so (scheinbar) unbeschwert streichelt, daß sie sich unschüchtern in den Unterleib kuschelt.
Dann hört man das pelzweich schwebende „Kiss“ und denkt nicht mehr daran, welch unerträglich zickiges Plastikgeschnalze ein anderer Künstler später diesem fundamentalen Vorgang widmete. Und das ebenso honigschmelzende „Do It Again“ (und denkt an etwas völlig anderes als das – zugegeben leicht melancholische – Fun-Gehopse, an das man bei dem gleichnamigen Beach-Boys-Song denkt). Und das zu Recht berühmte „I Wanna Be Loved“ (und denkt an Johnny Thunders, der das so leider nie singen konnte). Und 33 weitere, manchmal blödsinnig frohsinnige, oft traumhaft träumerische Songs (sowie den heute so nicht mehr denkbaren und deswegen legendären Geburtstagsgruß an den biederen Atomkriegspräsidenten).
Und dann denkt man auch nicht (mehr) daran, daß Norma Jean Baker alias Marilyn Monroe einen Großteil ihrer 36 Lebensjahre in einem von Glamour und obszönem Reichtum nicht zu dämpfenden, wenn nicht erzeugten Elend zubrachte, das wir damals bei aller Unbewohnbarkeit der Welt nicht kannten und das erst in heutigen neoliberalen Zeiten wieder Alltag geworden ist. Was ihrem Leben und ihrer Musik vielleicht eine Aktualität und Bedeutung verleiht, die wir erst noch ergründen müssen. Vielleicht tun wir das mal, alter Freund, wo immer du auch sein magst.

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Freitag, 22. Februar 2019

Frisch gepreßt #430: Selling "On Reflection"


Bisweilen kommen einem seltsame Erinnerungen in den Sinn. Zum Beispiel daß wir im anbrechenden Winter 1980, als der Himmel fahl und bleischwer und seit Wochen sonnenlos über Giesing hing und die leeren, von toten Baumgerippen gesäumten Straßen und Wege mit Wolkenstaub besalzt dalagen, in das wir einsame Stiefelspuren prägten, … daß wir da alle Piraten und Indianer werden wollten. Das ist erst mal nichts besonderes: Der Winter ist streng genommen Faschingszeit, und jedes Kind will irgendwann Pirat und/oder Indianer werden. Wir waren aber keine richtigen Kinder mehr, sondern fast erwachsen, und die Sache war keine Maskerade, sondern Ernst, Weltsicht und Manie, ausgelöst durch das Auftauchen der Band Bow Wow Wow, deren hysterisch überdrehte dreizehnjährige Sängerin Annabella Lwin das so ziemlich unwahrscheinlichste Role Model der hartgekochten Post-Punk-Generation wurde, das man sich nur vorstellen kann.
Wieso mir das einfällt? Weil mir beim Stöbern im Strandgut des Musiksommers 2018 die vor Monaten unbeachtet erschienene Box mit dem Gesamtwerk von Bow Wow Wow in die digitalen Finger gerutscht ist. Und weil der Winter oft seltsame Blüten (ausschließlich im übertragenen Sinne) treibt, was Musik angeht. Angemessener war damals sicherlich das, was wir kurz zuvor noch mit der gleichen Sturheit und Ausschließlichkeit gehört hatten: der depressionslastige Klangbeton des Post-Punk von Gang of Four bis Joy Division. Der schuf allerdings durch akute Überfütterung das dringende Bedürfnis nach dem absoluten Gegenteil, und das fanden wir in den erotisch flirrenden Südseetrommeleskapaden von Bow Wow Wow.
Und so geht das oft, und hier ein weiteres Beispiel, mit dem wir unserem Thema näherkommen: Einige Jahre zuvor war die Beschäftigung mit verstiegenem Prog-Rock obligatorisch, und zwar regelrecht akademisch. Da brachte man ganze Wintertage und -nächte damit zu, Soli von Rick Wakeman und Keith Emerson, Kompositionsstrukturen zwanzigminütiger Sinfonien von Yes, ELP und Genesis, assoziativ-akzidentale, mit metareligiösen Suchphantasien aufgeladene Lyrizismen von Jon Anderson und Peter Gabriel weniger zu genießen (das ging schon auch) als zu analysieren. Das damals erlösende Gegengift hieß Tangerine Dream und war tatsächlich das absolute Gegenteil: durch und durch synthetisch, körperlos fließend, schwebend, mäandernd, aus sich selbst und dem Nichts heraus entstehend und evolvierend, frei von Brüchen und menschlichen „Ideen“. Diese Musik verlieh dem Winter, in dem der Himmel fahl, bleischwer und sonnenlos über Giesing hing und die leeren, von toten Baumgerippen gesäumten Straßen und Wege mit Wolkenstaub besalzt dalagen, einen futuristischen Schimmer und leerte den Kopf so vollständig, daß er zum Universum wurde, jenseits von Zeit und Raum, substanzlos und ewig.
Damit schließt sich ein Kreis. Diesmal nämlich trifft der Winter auf ein Gemenge aus Sandbergen von Hip-Hop-Sinnflut, analytisch-reflexiver Arbeit an Beats und Reimsplittern und dem absichtsvoll aufdringlich dröhnenden Selbstsuche- und Melodieozean, den die Buzzcocks und ihr Anfang Dezember verstorbener Kopf Pete Shelley hinterließen (größtenteils kurz vor Bow Wow Wow übrigens). Das Bedürfnis nach dem Tangerine-Dream-Effekt, das daraus entsteht, wird irgendwann so dringend, daß das Album „On Reflection“ (der Titel ist in diesem Zusammenhang durchaus ironisch zu verstehen) wie ein Komet am Horizont erscheint.
Nicht sofort: Der eckig-sperrige Opener „Qprism“ ist eine Art Restmülltonne für die sublimierten Überbleibsel der menschgeistigen Bürokratie. Das Raumschiff startet mit „Dicker‘s Dream“, und spätestens nach zwei Minuten, wenn der stratosphärische Beat anschwillt, ist man der materiellen Welt so fern, daß „Ferne“ als Begriff selbst bedeutungslos geworden ist. Nach 8:37 ist man gänzlich drüben. Hin und wieder treiben dann gespenstische Fossilien unergründlicher Phänomene vorbei, die man bestaunt, während man weiterflirrt, lichtgeschwind und reglos. Am Ende öffnet sich ein Wurmloch, und plopp! ist man wieder hier und da, aber ein anderer.
Ach so, das Duo Selling (auch der Name ist in diesem Sinne ironisch zu verstehen) besteht aus Gold Panda und Jas Shaw von Simian Mobile Disco, was ihrem Album zweifellos (Techno/Elektro-)musikhistorische und kommerzielle Bedeutung verleiht, aber wen kümmert so etwas in solchen Momenten und Wintern?

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.