Mittwoch, 28. Mai 2014

Frisch gepreßt #314: Leon Russell "Life Journey"


Als der Gott des Bluesrock einen Felsen suchte, auf dem er seine Kirche errichten konnte, fand er Claude „Leon“ Russell Bridges und suchte nicht mehr weiter. Die Kirche steht bis heute an der 3rd Street in Tulsa, Oklahoma, trägt den Namen Church Recording Studios, und dass die konfessionelle Zuordnung zur Sekte der Heiligen, Apostel und Jünger des Bluesrock Leon Russells irdisches Schaffen bei weitem nicht vollständig er- oder gar umfasst, zeigt die Liste der Musiker, die dort mit Russell ihre eigenen und immer wieder dessen Songs aufnahmen, mit ihm tourten und ihn von anderswo herbeiriefen, auf dass er sie segne, heile oder rette.
Mit einer vollständigen Aufzählung ließe sich das vorliegende Heft füllen, drum greifen wir halbzufällig hinein in die Masse, nennen mehrere Ex-Beatles, die Rolling Stones, Bob Dylan, Willie Nelson, Joe Cocker, die Carpenters, J. J. Cale, Doris Day, Gram Parsons, Ray Charles, Eric Clapton, Jan & Dean, Byrds, Beach Boys, Jerry Lee Lewis, Phil Spector, Frank Sinatra, B. B. King. Fügen wir hinzu, dass all dies Jahrzehnte her ist, es Leon Russell jedoch gelang, noch 2010 gemeinsam mit der ewigen Ulknudel Elton „Es kann nie genug schlechte Songs geben, drum schreibe ich jedes Jahr zehn neue“ John eines der zertifiziert besten Alben des Jahres aufzunehmen.
Fragen wir uns, wie all das sein kann, wie es geschehen konnte, dass manche von Russells Song in bis zu vierzig Versionen die Hitlisten der USA und anderer Länder bevölkerten, dass viele weltberühmte Superstars ihn als Heiligen oder gar gleich selbst als Gott verehren, und nennen wir ihn zur Antwort schlicht den Urquell der längst multikulturell internationalisierten amerikanischen Musik.
Fügen wir hinzu, dass viele auch in dem Menschen Leon Russell eine Ikone, ein Ideal und Idol sehen, den klassischen freewheelin’ Hobo, libertären Freigeist, prototypischen Hippie, das einzig unverbrüchliche Leitbild einer längst verwehten Gegenkultur, und stellen wir all das nicht in Frage, weil zwar nichts je ist, was es scheint, aber Leon Russell vielleicht noch am ehesten. Wer behauptet, nie einen Song von ihm gehört zu haben, lügt. Wer nicht zumindest seine frühen Platten kennt, schätzt, liebt, versteht wenig von Musik. Wer meint, die USA wären ohne ihn heute nicht ein (noch) viel schlimmerer Ort, verkennt die Historie.
Wozu nimmt ein solcher Mann in nicht unbedingt mehr popmusikkompatibelstem Alter 2014 ein neues Album auf? Diese Frage ist leicht zu beantworten: weil er es kann und muss. Weil es in ihm immer noch glüht, raucht und brennt, weil seine unfassbar anrührende, packende, wundervolle Schmirgelstimme mit jedem Jahr ein Stück reifer und besser wird, weil die Songs einfach drin sind in seiner Seele, seine Seele sind, diese unsterblichen Lieder von Paul Anka, Hoagy Carmichael, Eddie Cooley, Duke Ellington, Robert Johnson und vielen anderen, die ihn auf der Reise seines Lebens bis heute geleitet und begleitet haben.
Deshalb setzte er sich mit dem ebenfalls reichlich legendären Produzenten Tommy LiPuma zusammen und spielte sie ihm vor, und der empfahl ihm ein paar weitere, ließ die Bänder laufen, holte den Bassisten von Count Basie, ein paar Bluesrock-, Dixieland- und Jazz-Urfelsen sowie eine ganze Big Band dazu, die den bescheidenen Mann erzittern ließen und die Flamme in ihm derart schürten, dass man streckenweise fassungslos lauscht und sich bei Balladen wie „Think Of Me“ und „I’m Afraid The Masquerade Is Over“ in Gänsehäuten geradezu wälzt. Durch diese Aufnahmen fließen Milch und Honig, in ihnen schlägt ein altes, weises Herz, das dennoch, wenn es lauter wird, noch immer überströmt vor Sehnsucht, Leidenschaft, Sex.
„Ich nähere mich dem endgültigen Ziel meiner Reise“, schreibt Leon Russell in seinen Anmerkungen zu diesem Album, mit dem er trotzdem unverdrossen auf Tour gehen möchte, und zwar in Riesenbesetzung samt Orchester. Vor zwei Wochen hatte er Geburtstag. Wir sollten ihm noch mal 72 gesunde Jahre voller Musik wünschen, wenn das nicht gar so vermessen wäre. Aber vielleicht hat der Gott des Bluesrock ja ausnahmsweise ein Einsehen.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Frisch gepreßt #313: Lucius "Wildewoman"


Wohin er auch sich entwickelt, der Mensch, stets und stetig bleibt er der Vergangenheit verhaftet, verklebt und verwoben, weshalb sein tiefsitzender Drang nach Neuem, nach Weiterbildung, Ausformung und Ablegerablegung wohl nur ein Ausgleichsbemühen ist, weil tief in ihm die Sehnsucht nach ersten Malen und Augenblicken brennt.
Wir rollen die esoterische Tischdecke wieder ein, weil darunter das alte Holz seine Maserung darbietet, die Scharten und Schnitte und Kratzer und die Mitgenommenheit der Jahre seit … Hach! brüllt Doktor Weißichschon: die Blonde vom Autoscooter, ja ja! Ich weiß noch!
Nur weiß es außer ihm keiner, weil in jedem Kopf ein eigener Autoscooter seine Spirographmuster dreht (weshalb dem Autor dieser Zeilen das Wort „Spirograph“ aus derartiger Entfernung und Tiefe plötzlich wieder in den Sprechschreibapparat gerutscht ist, weiß hingegen kein Mensch außer Frau Warschonimmerda-Binsnoch, deren Lächeln als zuverlässiger Wegweiser durch die tiefsten Dunkelheiten wirkt). Da leuchten Farben, dräuen Gewitter, winken Erstverliebtheiten, schaumduften Marshmallows, prangen Brüste, strahlen südkalifornische Täler, brüllen rasende Kellerclubs, lächeln Augenwinkel, duften zarte Berührungen, brausen und pludern Klassenparties, kreiseln Rauchfähnchen, dämmern güldene Sommerabende, deren Güldenheit zu 99 Prozent daher rührt, daß sie die jeweils ersten und zugleich letzten waren und niemals wiederkehren. Außer in jenem Bereich knapp unter dem Kopf, wo das Gemüt und die Sehnsucht wohnen.
Dorthin und dort stechen und stochern Frau Wolfe und Frau Laessig – nennen wir sie Jess und Holly, um weitere Quellen verwehter, nie zu stillender Sehnsüchte zu öffnen –, deren Einzigheit und Fähigkeit darauf beruht, daß ihre Seelen weiße Blätter sind, flatternd im Sturm der tobenden Reminiszenzen, die ihre weichen Hände immer dann kokett zurückziehen ins Nirgendwo, wenn man meint, sie greifen zu können. Lucius heißt ihre Band, über die (Schrecken aller Musikjournalisten, die stets vergleichen, deuten und herleiten müssen) nichts zu sagen ist als: Berklee School of Music besucht, kennengelernt, ab und zu als Lucius aufgetreten, nach Brooklyn gezogen, dort die anderen drei getroffen. Na gut, wirft Herr Kannschonsein ein, das kann schon sein, ist ja auch erst eineinhalb Jahre her, nicht wahr.
Da lächelt Frau Warschonimmerda-Binsnoch mit der ganzen Weisheit ihrer unergründlich ewigen Jugend: Alles wohnt in allem, weiß sie; und daß das Debütalbum von Lucius den einen an die Sechziger, den nächsten an die Siebziger, den dritten an die Achtziger und tausend andere an tausend Klassenparties, Gewitter, Erstverliebtheiten, Täler, Kellerclubs, Rauchfähnchen, Augenwinkel, Marshmallows, Brüste, zarte Berührungen und güldene Sommerabende erinnert, liegt einfach, schlicht und nur daran, daß Lucius nichts von alldem wissen, alles neu erfunden haben, wie es tausende und abertausende Generationen vor ihnen getan haben. Stets in dem unverwüstlichen gewissen Wissen: Niemand vor uns hat das je erlebt!
So entwickelt er sich, der Mensch: stets zurück, stets nach vorne, stets im Kreis und immer weiter. Was gestern gut war, ist heute besser. Was morgen schön ist, wird an gestern erinnern, und was gestern schön war, erblüht im Morgen.
Liebe Leute, sagt Frau Liebeleutehörtaufmich, hört auf mich: Wenn ihr euch nächste Woche verliebt (es ist die Woche, die statistisch betrachtet am besten dafür geeignet ist), legt dazu „Wildewoman“ auf. Und wenn ihr schon verliebt seid, seit letzter Woche, dann tut das erst recht. Ihr werdet es ein Leben lang nicht bereuen, sondern euch danken.
Und dort, ganz hinten in der Ecke, wo sich die Welt öffnet und die Luft rosaviolett und weit wird, dort lächelt Frau Kommdoch und sieht aus, als sagte sie: Komm doch. Aber das sieht man nicht genau, weil es so strahlt, das rosaviolette Licht. So entwickelt er sich, der Mensch, so bleibt er verhaftet, verklebt und verwoben und kann doch nur so: schweben, fliegen, ewig und immer, getragen von weichen Händen und Stimmen und einem Stück Sonne. Ein erstes Mal.

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Dienstag, 27. Mai 2014

Belästigungen #434: Nahost und Fernwest (und Nahsüd) in der gefühlten Vorkriegszeit

„Ist dir schon mal aufgefallen“, fragt N mit dem inquistorisch-kritischen Blick, der zu ihrer morgendlichen Zeitungslektüre dazugehört wie Kaffee und zwei Zigaretten, „daß der abscheuliche falsche nachgestellte Genitiv in kriegerischen Zeiten besonders stark grassiert?“
„Äh, nein“, sage ich. Seit Wochen schweigen Radio und Fernseh, weil mir von der blökenden Kriegspropaganda übel wird und das zwischendurch versendete Geplauder, das den Anschein erwecken soll, dies sei alles ganz normal, Kopfweh und Gänsehaut macht. Inzwischen lese ich auch keine gedruckten Instruktionen zum Denken und Meinen mehr.
„Es heißt dann nicht mehr ‚Rußlands Regierung‘, sondern ‚die Regierung Rußlands‘. Das soll angemessen wichtig wirken und die kolossale Bedeutung der Zeitenwende unterstreichen, die wir durchleben. Total verboten ist das harmlos-friedlich-entspannte ‚die Regierung von Rußland‘.“
„Hm“, sage ich.
Beim Spaziergang durch den strahlend sonnigen Apriltag fasziniert uns, wie brüchig die scheinbare Gelassenheit der Menschen ist. Am Biergartennebentisch kommt das müßige Gespräch über Hunde und Automotoren naturgemäß zum Erliegen, ohne mit einem der üblichen Folgethemen (etwa der erstaunlichen Qualität von Discounterfleischwaren) wieder aufzuleben. Statt dessen wird die These vertreten, am derzeitigen Zustand der Welt sei der Hitler schuld, weil er sich in seiner Blödheit am Juden aufgearbeitet habe, anstatt den Russen ein für allemal im Pazifik zu ersäufen. Gegenredend wird geäußert, der Russe sei „teilweise“ auch nur Opfer der jüdisch-amerikanischen Finanzverschwörung, was in wildes und wirres Thesengeklopfe mündet. Der Deutsche, so weit ist man sich immerhin einig, dürfe diesmal nicht mehr beiseite stehen und den Schwanz einziehen. Ich fühle Gänsehaut und Kopfschmerz nahen, und wir fliehen.
„Es gibt Nahost und Fernost“, sagt N versonnen. „Nahwest und Fernwest gibt es nicht. Dabei ist uns China viel näher als Amerika und Sibirien näher als Spanien.“
„Okay“, sage ich.
„Woher kommt die pathologische Furcht der Deutschen vor dem Osten?“ fragt N, rhetorisch.
„Ich weiß nicht“, antworte ich unvorsichtigerweise. „Hunnensturm? Völkerwanderung? Dschinghis Khan?“
„Damals“, sagt N, „war der Osten aber immer zugleich das Ziel aller Hoffnungen und Sehnsüchte. Auch Amerika wurde nur entdeckt, weil man schneller in den Osten wollte.“
„Aber nicht von den Deutschen.“
„Schuld“, sagt N mit leicht belehrendem Tonfall, „ist die Atlantikbrücke. Eine ultraradikale Sekte, gegründet von Leuten, deren Vorfahren aus Angst vor dem Osten nach Westen geflohen sind und jetzt danach streben, den Osten zu unterwerfen und ihn dazu notfalls zu vernichten.“
„Oho“, sage ich.
„Zu diesem Zweck haben sie sogenannte Meinungsführer verpflichtet, in sogenannten Leitmedien unablässig die Segnungen des Kapitalismus und der sogenannten westlichen Werte zu preisen und für deren Ausweitung auf die ganze Welt zu trommeln.“
„Und wozu?“
„Stell dich nicht dumm. Kapitalismus bedeutet die immer weitergehende Anhäufung von Reichtum durch die Verwertung von Arbeitskraft und Ressourcen. Dafür braucht man Wachstum, und das heißt: immer neue Märkte, die man ausbeuten kann. Und weil das manchmal nur mit Bedrohung und militärischer Gewalt geht, braucht der sogenannte westliche Kapitalismus eine NATO, die zum Beispiel Rußland und China deutlich macht, daß es sich zu fügen hat.“
„Aber Rußland“, wage ich einzuwenden, „ist doch längst selbst kapitalistisch. Der Kalte Krieg ist vorbei.“
„Blödsinn. Das ganze Gerede von Kapitalismus gegen Kommunismus war nur blöde Propaganda. Kommunismus hat es außerhalb von gewissen christlichen Klöstern nie gegeben. Der ideologische Quatsch war immer ein Hirngespinst, das nur dazu diente, die dumme Masse aufzuwiegeln, was übrigens besonders idiotische Idioten zum Beispiel beim ‚Focus‘ heute noch versuchen, indem sie von einem ‚Bolschewismus ohne Sozialismus‘ quasseln. In Wirklichkeit geht und ging es immer darum, welche Oligarchen die Profite einschieben.“
„Jetzt fängst du also auch mit der internationalen Finanzkapitalverschwörung an“, sage ich.
„Ach“, seufzt N, „die Mühsal des Differenzierens.“
„Ich weiß“, sage ich. „Laß uns was essen gehen. Bei dir um die Ecke gibt es jetzt ein ukrainisches Lokal.“
„‚Ukraine‘ bedeutet übrigens ‚militärisches Grenzgebiet‘. Gorbatschow hätte im Sprachunterricht besser aufmerken sollen.“
„Gorbatschow?“
„Dem“ (N doziert nun ungeniert) „hat die NATO, nachdem er ihr die DDR geschenkt hat, hoch und heilig garantiert, sich keinen einzigen Meter mehr nach Osten auszudehnen. Danach kamen zu den sechzehn Mitgliedsstaaten zwölf neue hinzu: Polen, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Estland, Litauen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Albanien und Kroatien. Die Ukraine ist der letzte Puffer, dann ist Rußland umzingelt.“
„Na gut“, sage ich, „wenn die Leute in diesen Ländern das wollen?“
„Um etwas zu wollen, muß man wissen, was es bedeutet. Weißt du, was es bedeutet, daß Deutschland in der NATO ist?“
„Äh, nein. Ich bin aber auch nie gefragt worden, ob ich das will.“
Während wir durch den Münchner Norden radeln und hin und wieder Rast machen, um Schlagzeilendiskussionen mitzuhören, schwirren Begriffe durch den imaginären Raum: Autokrat, Despot, Oligarch, Demokratisierung, Diktator, Terrorist, Freiheitskämpfer, Separatist. Und tausend falsche nachgestellte Genitive.
„1914“, sagt N. „Kein Zufall: Es ist niemand mehr übrig, der sich erinnern könnte.“
Endlich frage ich verzweifelt: „Was bedeutet das alles?“
„Nichts“, sagt N, und ihr Akzent verschiebt sich merklich, als sie einen großen Liederdichter zitiert: „Du gibst mir Liebe, ich geb dir Österreich.“ Und hinzufügt: „Wir waren nie in der NATO und haben das auch nicht vor. Und daran ist diesmal doch der Hitler schuld.“
Sie lächelt wie der blaue Himmel über der Wirrnis, dann gehen wir Fahrkarten kaufen.

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Dienstag, 13. Mai 2014

Belästigungen #433: Über rinks und lechz und manches, was man (nicht mehr) velwechsert

Nazis haben es nicht leicht. Das liegt (sorry, banal) daran, daß sie Rechte sind. Linke nämlich, das hat meine gesegnete Generation von ihren Schullehrern gelernt, sind verwahrloste, moralisch zerlumpte Gestalten, die grundsätzlich gegen alles sind, was Deutschland voranbringt, keinerlei Autorität achten und nichts im Sinn haben als zweifelhaft-zwielichtige Vergnügungen, qualmige Bewußtseinserweiterung, zügellose Triebbefriedigung, kindlich-kindische Ignoranz gegenüber sämtlichen Autoritäten und randalierende Mißachtung gesellschaftlicher Eigentumsverhältnisse – auf deutsch: Linke knallen sich die Birne zu, pimpern auch tagsüber, reden schlau daher und machen alles kaputt, was nicht ihnen gehört. Also: alles. Weil Linken sowieso nie was gehört, weil sie vor lauter Faulenzen, Pimpern, Aufmucken und Qualmen nicht zum Arbeiten kommen und deswegen als besitzlose Vagabunden durch die Welt strolchen.
Vor allem: lachen sie, kichern, gackern, grinsen, höhnen und spotten über alles, was dem aufrechten Deutschbürger mit Besenstiel im Hintern heilig ist. Hierin liegt das entscheidende Symptom, das nicht nur das Entstehen eines „rechten“ Kabaretts ausschließt und linke von rechter Musik unterscheidet (man höre zur Verdeutlichung The Clash und die Böhsen Onkelz nacheinander und versuche in beiden Fällen positiv-euphorischen Frohsinn zu empfinden), sondern z. B. auch die derzeit auf dem Medienmarkt hegemonial herumrüpelnden Wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen-Giftzwerge und ihre maulschaumigen Tiraden gegen alles, was weibisch, schwul, „politisch korrekt“, muselmanisch oder sonstwie nicht stählern deutsch und gehorsam-strebsam ist, von linken Kapitalismusbeschimpfungen.
Der Rechte kennt keinen Witz, sondern höchstens in Ausnahmefällen einen „Humor“, der sich in den freien Minuten zwischen Drill, Aufmarsch und Fahnenweihe beim Zwangsschnapsgelage mit den „Kameraden“ in hämischem Har-Har-Har (zur Verdeutlichung gerne mit Doppel-r schreiben) über Mißgeschick und Mißhandlung von Schwächeren und Andersartigen entlädt.
In den letzten Jahr(zehnt)en hat sich hier einiges verwischt und verschoben. Spätestens seit Nazis in Che-Guevara-T-Shirts herumlaufen und autonomen Aktionismus üben, seit ehemalige Anarchisten flammende Reden für die Erweiterung der NATO bis an die russische Grenze schwingen und vermeintliche Freidenker Freundschaften kündigen, weil jemand aus Versehen „Neger“ sagt, kann man sich einer gewissen Verunsicherung nicht erwehren und möchte meinen, die hierzuländische Gesamtgesellschaft sei infolge von Verschwörung, Viruserkrankung oder historisch-genetisch bedingter Hirnerweichung so weit nach rechts marschiert, daß plötzlich Franz Josef Strauß in seiner ganzen Rüpelmonströsität und (traditionell ebenfalls rechten) Raffgier links wieder herausflutscht, weil er wenigstens das ab und zu konnte: herzhaft lachen über die bornierte Blödigkeit der Spießer, die ihn trotzdem unverdrossen wählten.
Mag sein, daß wir zum Beispiel auf das Theater der „Grünen“ nie hereingefallen sind und hinter der rauschebärtigen Stricklieslfassade von Anfang an den gelackten protestantischen Mittelschichtkarrierismus vermutet haben, der heute als energiegewendeter Wachstumsfanatismus die FDP ersetzt. Mag auch sein, daß in Sachen politisch-mentaler Verortung in Deutschland sowieso schon lange vieles durcheinander purzelt, weil es da schließlich bis vor einem Vierteljahrhundert einen ganzen Staat gab, den manch Vollverwirrter „links“ wähnte (was ein Staat von Haus aus nie sein kann, aber diese Debatte wollen wir uns heute ersparen).
Um so schöner, wenn die Fronten mal wieder geradegerückt werden, und das verdanken wir ausgerechnet der NPD, die neuerdings bemüht ist, sich durch Distanzierung von allzu offensichtlich „nationalsozialistisch“ ausgerichteten Mitgliedern als „nationaldemokratisch“ zu inszenieren, weil ersteres verboten und zweiteres bloß ein Schmarrn ist (dem zudem große Teile von CDU/CSU, FDP und anderen Parteien ebenfalls anhängen).
Ausgerechnet einem Mann mit dem Nachnamen Marx verdanken wir, daß zumindest in anderer Hinsicht einiges wieder klarer wird: Der heißt vornamentlich Peter, war viele Jahre (wegen Wahlbetrug verurteilter) NPD-Generalsekretär und ließ sich unlängst auf einer Party photographieren – in Gesellschaft einer Torte in Penisform und einer ehemaligen Pornodarstellerin (die nach ihrer, ähem, „schlüpfrigen“ Berufslaufbahn unter dem Motto „Ich prostituiere mich wieder! Der Escortservice heißt Deutschland!“ für die NPD tätig wurde). Und mußte daraufhin zurücktreten. Nazis haben es, wie gesagt, halt nicht leicht, das kann der ebenfalls ehemalige Bundesvorsitzende der NPD bestätigen, der wegen seines „Sprachfehlers“ für untauglich erklärt und nach einem homosexuellen „Übergriff“ gegen einen „jungen Kameraden“ (an den er „alkoholbedingt keine Erinnerung“ hatte) aus der Partei geschmuddelt wurde.
Es mag müßig sein, über die Zusammenhänge von Prallsuff, Witzlosigkeit, sexueller Biederverklemmung (mit entsprechenden Ventilationen, notfalls in Har-Har-Har-Kuchenform) und rechter „Gesinnung“ zu diskutieren. Deutlich ist aber nun endlich wieder, daß der Unterschied zwischen links und rechts ein ziemlich grundlegender ist, der damit zu tun hat, ob es einem gelingt, über alles und notfalls auch sich selbst zu lachen. Und ob man es (deswegen) insgesamt doch verhältnismäßig leicht hat.

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Mittwoch, 16. April 2014

Belästigungen #432: Iron Majdan: von Revolutionen und ihren Leberwürmern

Wenn Lebewesen Dinge tun, ist nicht immer ganz klar, wieso und wozu, besonders wenn es Dinge sind, die irgendwie inkonsequent, wirr oder komplett wahnsinnig wirken. Zum Beispiel wirkt es komplett wahnsinnig, wenn eine Maus vor Licht, Geräusch und sämtlichen anderen Phänomenen und Sensationen der Außenwelt panische Angst hat, nur vor einer Katze plötzlich nicht mehr. Wenn sie sich ihr vielmehr fröhlich entgegenwirft, als wäre das Krallenviech der langersehnte Erlöser aus dem Westen.
Das passiert aber, regelmäßig und zwangsläufig. Schuld daran ist ein anderes Lebewesen, das in der Maus drin lebt und west und gerne in die Katze hinein möchte, und weil es selber keine Beine hat, benutzt es die Maus als Vehikel, indem es ihr durch gezieltes Anbohren bestimmter Hirnwindungen (sorry, Biologen, ich weiß es nicht besser) den dringenden Wunsch, das unstillbare Bedürfnis einpflanzt, von der Katze mit Haut und Haar einverleibt zu werden. Manchmal gelangt das fiese Wesen – es heißt übrigens Toxoplasmose – auf dem Umweg über die Katze auch in einen Menschen hinein. Der verunglückt dann dreimal häufiger mit dem Auto. Wahrscheinlich weil der entgegenkommende Lastwagen so zutraulich schnurrt.
Es gibt erstaunlich viele Wesen, die solche Strategien verfolgen, und erstaunlich viele andere, die drauf reinfallen: Ameisen, die sich an Grashalmspitzen festbeißen, damit die Kuh sie schluckt (und den Leberwurm, der die Ameise steuert, gleich mit). Fische, die sich von blinden Würmern ohne Hirn suggerieren lassen, sie müßten unbedingt an der Wasseroberfläche herumturnen (weil die Würmer scharf auf das Innere von Vögeln sind, die scharf auf depperte Fische sind). Raupen, die auf Baumwipfel klettern, damit sich der Nährschleim, zu dem sie von Parasitenkindern zersetzt werden, besser verteilen kann. Kakerlaken, die sich widerstandslos von Wespenbabies aufessen lassen (nachdem ihnen die Wespenmama etwas Gift und damit eine fixe Idee injiziert hat).
Und, vielleicht, auch Menschen, die sich dem alles vernichtenden Turbokapitalismus des erwähnten Erlösers aus dem Westen in den Rachen schmeißen, weil ihnen mediale und propagandistische Leberwürmer den Floh ins Ohr gesetzt haben, es werde alles besser werden, wenn der sie erst mal in seinen Entsafter gestopft habe. Dazu zetteln sie dann gerne mal eine „Revolution“ an. Zum Beispiel damals in der DDR, wo so lange und intensiv Westfernsehen geglotzt wurde, bis noch das letzte Mecklenburger Hüttenbäuerlein den dringenden Wunsch, das unstillbare Bedürfnis empfand, unverzüglich eine Bahnhofsmüllpizza zu verschlingen und in einen Club Mediterranee verschifft zu werden und dafür notfalls seine gesamte Existenz von der Deutschen Bank zerschreddern zu lassen.
Ist diese moderne Form der „Revolution“ dann vollbracht, ist vier Wochen später alles beim alten, außer daß die Oligarchen neue Geschäftspartner und die Regierungsbüttel neue Namen und Gesichter haben. Die allerdings etwa in der Ukraine gerne mal die vorhergehenden sind und bei Bedarf (wenn die Leute wieder sauer werden, weil sie nun noch mehr entsaftet werden) gegen die vorvorhergehenden ausgetauscht werden.
Möglicherweise haben wir auch noch nicht ganz verstanden, was sich seit einigen Jahren in Europa und weiter südlich abspielt – und zwar fast immer auf Plätzen (was übrigens auf ukrainisch „Majdan“ heißt, weshalb die gerne benutzte Bezeichnung „Majdan-Platz“ ungefähr so sinnvoll ist wie „Baugebäude“, „Trinkgetränk“ und „Bildzeitungslüge“). Da rüpeln zum Beispiel monatelang Millionen von Griechen und Spaniern gegen ihre korrupten, kaputten, fiesen Regierungen, die ihnen die Existenz vernichten, um internationale Großbanken zu „retten“, und die sie noch nicht mal gewählt haben und auch nicht wählen durften, weil sie ihnen von der EU als sogenannte „Experten“ mehr oder weniger vor die Nase geputscht wurden.
Weiter südlich und östlich passiert ähnliches, allerdings mit einem kleinen Unterschied: Hier putscht die EU mehr oder weniger die Regierungen nicht hin, sondern weg, und zwar meistens nachdem geheimnisvolle schwarzgekleidete Scharfschützen aufgetaucht sind und auf dem jeweiligen Platz ein Massaker angerichtet haben. Woher diese Scharfschützen kommen und wer sie bezahlt, wird nie geklärt; statt dessen stürmt das Volk die arschluxuriösen Paläste seiner korrupten Exdespoten, die zwar gegen die 3.000-Zimmer-Villen US-amerikanischer Börsengewinner höchstens schnuckelig wirken, als Ausweis von Despotismus und Korruptheit jedoch allemal hinreichen: Ob so ein „Despot“ eventuell irgendwann mal frei gewählt worden ist, interessiert dann niemanden mehr.
Blasen wir das nicht zu sehr auf, seien wir lieber ehrlich: Was in der Ukraine, in Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien, Syrien etc. genau passiert und warum, das weiß und versteht keiner von uns. In Griechenland, Spanien, Italien, Irland und – o ja – Island (das sich als einziges EU-Land der Verelendung zugunsten der Banken widersetzte, deswegen als einziges gut dasteht und aus der Berichterstattung folgerichtig komplett ausgeblendet wird) wissen wir es recht genau. Es hilft aber wenig.
Oder vielleicht hülfe es doch, wenn wir uns ein bißchen genauer mit Leberwürmern und Hirnparasiten beschäftigten und deren Strategie studierten. Vielleicht könnten wir dann zumindest stellenweise besser unterscheiden zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Vernunft, Massenhysterie und Irrsinn. Und zwar bevor wir uns mit festgekrampftem Kiefer auf einer Grashalmspitze wiederfinden, die Kuhzunge heranschwingen sehen und keine Ahnung haben, wie und wieso wir hier hingeraten sind, außer: daß wir es unbedingt selber wollten, aus einem dringenden Wunsch, einem unstillbaren Bedürfnis heraus.

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Freitag, 11. April 2014

Frisch gepreßt #312: Foster The People "Supermodel"


Musik für bewegte Landschaften ist ein hypermodernes, immakulat-utopisches Konzept – man darf es aber nicht falsch verstehen: Das neue Album von Kylie Minogue paßt da sonst auch hinein, weil es sich anhört wie ein Motor, der mit Sonnenblumensaft läuft, und weil es (wie viele Platten der letzten Jahre) ausdrücklich für Autobeschallungsanlagen produziert ist und sich dort, zwischen Blech, Glas, Polster und Elektronik, am besten anhört, am allerbesten bei hundertfünfzig auf einer vollständig leeren Autobahn zwischen synthetischen Wäldern und im 3-D-Drucker erstellten Kunststoffburgen. „Into The Blue“, „Million Miles Away“ … need we say more?
Die ansonsten makellose Synthetik stören aber Elemente alter Kulturtechniken: die mit Autotune infantilisierte Stimme der alterslosen Kunstkörperdiva, die reflexartigen Soul- und R-&-B-Muster, die ihre vollautomatisierten Musiker nicht ablegen können, weil man sie nicht mit Genie und Zukunftsvitaminen, sondern nur mit Strom und Marktanalysen aus den späten 90ern gefüttert hat. Da hilft die dreifache Betonung von „sexy“ wenig – Sex geht im Luftzeitalter anders.
Also steigen wir um aufs Fahrrad, das uns geräuschlos durch noch viel leerere, der Gegenwart vollkommen enthobene Landschaften trägt, die wie Tableaus der zeitlos vergeblichen Unvergänglichkeit sich uns kokett entgegendrehen und wieder davonschwingen: Wir waren immer da, scheinen sie zu sagen, ihr habt uns nur nie bemerkt in eurer Betriebsamkeit. Und dazu lassen wir uns durchfluten von einer Musik, die ebenfalls weder Zeit noch Ort kennt, ohne Wurzel schwebend die Atmosphäre von tausend Jahren durchflirrt, die Seele der Welt entreißt und sie ins Universum fließen läßt. Könnte sein, daß wir in einem astralgrünen Sonnenuntergang auf dem Uranus erwachen; auch dort wird sie uns wärmen wie ein Gewebe aus Traumfasern.
„Ask Yourself“: „Is this the life you’ve been waiting for?“ Viele Menschen, unendlich viele Menschen wähnen, ihr Leben mit Warten zu verbringen, und tun und können doch genau das nicht und nie: warten. Sich auf einem verlassenen, vergessenen Platz auf eine Stufe setzen, die Augen schließen und die Sonne durch sich hindurchscheinen lassen, bis irgendwas passiert oder auch nicht. Zeit braucht keine Ereignisse, um zu sein.
„Feels like a Coming of Age“, singt da einer, dem man auf den ersten Blick nicht zutrauen möchte, daß er sich solche Gedanken und Spinnereien je gemacht hat: Mark Foster wirkt äußerlich im schnieken Anzüglein ebenso wie Cubbie Fink und Mark Pontius dermaßen karrierebrav und Ami-Mami-tauglich – die maßlosen Drogeneskapaden seiner Teeniejahre sieht man ihm so wenig an wie man hört, daß er mal Reklamejingles geschrieben hat, weil er von seinem Kellnerjob nicht leben konnte. Aber wer weiß.
Zudem wollte er nach dem gefeierten Debüt seiner Band diesmal ein Album mit „mehr Eiern“ abliefern, hat The Clash, die Kinks, David Bowie und Volksmusik aus Westafrika gehört (und – beiderseits hörbar – die Local Natives, bei gemeinsamen Konzerten), nennt seine Texte, deren Hauptthemen der böse Kapitalismus, Konsumideologie, Verwertungsgewalt, Selbstausbeutung und -dressur sind („Foster The People“ heißt übersetzt: „Unterstützt das Volk“, und es lohnt sich, die Coverbeschriftung zu lesen), „wütend“.
Aber keine Sorge: Die Musik auf diesem Album ist in erster Linie schön. Vielleicht zu schön, um ganz ohne Anker auszukommen; immer wieder sucht man Anhaltspunkte, findet aber nur Dinge, die nicht sind, was sie sind: War das nicht gerade irgendwie eine Disconummer? Irgendwie wohl doch nicht. Vor allem ist die Musik von Foster The People mal wieder ein seltener Fall von „totaler“ Musik: ein alles umfassender Kosmos, in den nichts von außen dringt. Da ist nicht nur kein Einfluß greifbar, da atmet auch niemand, zählt keiner ein, fällt nichts um, surrt, schnarrt, knackt nichts, bleibt die Außenwelt der Störgeräusche so vollständig ausgeschlossen, daß man beim Hören meinen könnte, sie sei ein animierter Film – bewegte Landschaften aus dem Computer als optische Begleitung zum wahren Leben.
In dem man dann ruhig über den Kapitalismus nachdenken kann, ebenso wie über Kylie Minogue. Man sollte nur nicht vergessen: Beides sind Phänomene, die der angeblichen Außenwelt entstammen, jener seltsamen Sphäre, in der es nichts gibt.

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Freitag, 4. April 2014

Belästigungen #431: What’s so funny about Peace, Love, Wahlkampf & Understanding?

Der soeben absolvierte Kommunalwahlkampf hat eine eigentümliche Stimmung (wahrscheinlich nicht nur) in mir hinterlassen. Zwar war vieles wie üblich: Das neoliberale Bleichhendl, das sich im Namen der FDP ein paar Wochen lang als „OB-Kandidat“ bezeichnen durfte, reckte seinen Sozialsargnagelkragen gewohnt forsch und wettbewerbsgeil aus dem Plakat, während die grüne Laugenstange zach-drahtig gestylt Prima-Klima-Parolen für die Halligallimeute der Hipster-Kreativlinge absonderte, die am liebsten noch das letzte stille Örtchen der Stadt zur tobenden Eventarena umbauen wollen. Die diversen Naziparteien blähten wie automatische Hupen ihr Anti-Moslem-Kontra-Kriminalität-Muezzingeschrei zu neuen Absurditätsrekorden auf, weil es ihnen offenbar großen Spaß macht, ihre Plakatständer mit Kehrschaufel und Besen zusammenzukehren und sich von mittelgroßen Menschenmengen öffentlich verlachen zu lassen. Der Linken hat wahrscheinlich niemand Bescheid gesagt, daß Wahlkampf ist, und so konnte sie nur noch schnell ein paar alte Zettel mit Aufschriften wie „sozial“ irgendwo dazwischenkleben, wo Platz war, weil wieder mal jemand einen Naziparteiplakatständer zu Fetzen und Bröseln verarbeitet hatte.
Aber mittendrin in dem harmlosen Getöse, das im Grunde sowieso nur Radfahrer interessierte, die alle zwei Meter von so einem Parolendings gewatscht wurden, gaben sich die zwei Kandidaten, um die es eigentlich ging, größte Mühe, jede Art von Wahlkampf gänzlich zu vermeiden, indem sie sich als vorösterliche Fondanteier in sahnigen München-72-Hippiepastellfarben photographieren ließen und Sprüche dazuschrieben, vor denen, wer sie zufällig wahrnahm (da sie gar so geschmeidig zwischen Frühlingswiese und Blauhimmel gecremt waren), in stiller Verwunderung verharrte: „Laßt uns neu denken“, empfahl der Mann der vermeintlich betonkonservativen Partei, die traditionell im Verdacht steht, derartige Post-68er-Landkommunenslogans mit reflexhaftem Haberfeldtreiben zu beantworten. Der andere wiederum, dessen Laden einst versuchte, sich als zentrale Anlaufstelle für Aufbruch und Fortschritt zu inszenieren, mochte („fordern“ kann man das nicht nennen), daß München München und überhaupt alles bleibt, und fügte zwecks eventueller Präzisierung ein mildes, gleichwohl ebenso surreal Woodstock-grooviges „Ja!“ zu schwammigen Themenwolken wie Familie, Beruf und öffentlichem Nahverkehr hinzu.
„Ja zum Beruf“ hier, „Ich habe viel gelernt, danke“ dort – was ist nur aus der sogenannten Politik geworden, fragen wir uns verwundert und gedenken der Zeiten, als fiese Semmelknödel-Pistoleros, Law-and-Order-Banditen und hyperkorrupte Herrenreiter wie Kiesl, Klein, Uhl, Podiuk und der inzwischen zum wunderlichen Berghütten-Dalai-Lama gereifte Peter Gauweiler mit Terrorsprüchen und Stammtischkanonaden das langhaarige Linkspack von RAF-Sympathisanten und Anti-Atom-Luftballonfreaks aus der Stadt hinauszufegen antraten, während verträumte Juso-Idealisten den gesamten Voralpenraum mit bonbonbunten Hochhaustrabantenstädten und Fußgängerzonen in ein Paradies der utopischen Multikultidemokratie transformieren wollten.
Ich habe von den beiden nur Josef Schmid mal flüchtig kennengelernt und bei unserem Händedruck krampfhaft nicht daran zu denken versucht, daß mich sein unseliger Gottkönig Franz Joseph der Erste und Letzte wahrscheinlich ohne mit der Wimper zu zucken in ein chilenisches KZ deportiert und mein damaliges „Milieu“ im Falle einer freundlichen Begegnung mit einem CSU-Dunkelmann ein ebensolches Vorgehen ebenso energisch befürwortet hätte.
Ist nun also nach Deutschland endlich auch Bayern in ein Stadium der Zivilisation eingetreten, in dem man sich eine lesbische Öko-Bürgermeisterin in Oberammergau genausogut vorstellen kann wie einen CSU-Chef mit Marxbart und Wasserpfeife, in dem sich alles mit allem versöhnt und verbrüdert und beim gemeinsamen Peace-Ringelreihen im Chor „Laßt uns neu denken! Ja!“ singt?
Oder geht die allgemeine Harmonieduseligkeit eher darauf zurück, daß deutsche Soldaten inzwischen in mehr Ländern Krieg führen als im gesamten 19. Jahrhundert, daß der alltägliche inländische Sozialkrieg um die Umverteilung des gesamten Volksvermögens von unten nach oben ein Ausmaß und eine Intensität erreicht hat, von denen man damals nur alpträumen konnte, daß der kolonialistische Massenmord derart institutionalisiert und verheerend ist, daß man sich fragt, was all die Naziparteien eigentlich überhaupt noch wollen?
Mag dies sein, mag das sein. Ich fürchte, der Frühling läßt auch mich nicht ungeschoren, und bevor ich mich mal wieder von aufgebrachten Lesern als unverbesserlicher Misanthrop und ewiggestriger Schwarzmaler ausschimpfen lasse, verliere ich mich lieber ebenfalls in fondantfarbenen Traumschleiern: Möge, welcher der beiden Hippies auch immer als – nicht „Sieger“, sondern sagen wir mal: demutsvoller Erwählter – aus dem Wahlkampf-Love-In hervorgegangen ist (und selbst wenn’s die grüne Laugenstange war), mit Milde, Weisheit, neuem Denken und einem umfassend freundlichen „Ja!“ dazu beitragen, daß von münchnerischem Boden Friede, Liebe, Verzeihung und Verständigung ausgehen, bis dereinst die ganze Welt ihre Kriegsbeile in Endlagerstätten deponiert und sich feuertrunken in den Armen liegt.
Illuminieren können wir das Festival ja mit erneuerbarer Energie: gewonnen aus dem Rotieren des unseligen Großkönigs in seinem Grab.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.