Samstag, 22. Februar 2014

Belästigungen #428: Horrorcrash: Bulldogfräser tot! („Hä?“)

Eines der wichtigsten Wörter, habe ich neulich erfahren, ist „Hä“ – und zwar nicht das „Hä“, das ertönt, wenn man auf einem ostniederbayerischen Gemeindefasching dem Vorsitzenden der örtlichen Traktorfriseurinnung (vulgo: „Bulldogfräser“) aus Versehen die Zigarette in den Hemdkragen fallen läßt. Dieses „Hä“ ist nur ein Warnsignal, daß keine Zeit mehr bleibt, sich ein Taxi zu bestellen.
Das wichtigere „Hä“ zieht ein Fragezeichen nach sich – und zwar nicht das übliche, grazil geschwungene Fragezeichen, das gerne mit Worten wie „Wie bitte“ flirtet, sondern eines von der Anmut der ostniederbayerischen Bulldogfräsertochter: Wenn die das brabbelnde Geplärr überhaupt nicht mehr stoppen kann, schmeißt man ein solches „Hä?“ dazwischen und bringt den Schwall zum Kollabieren.
Drum übrigens ist das „Hä?“ eine der ersten kommunikativen Handlungen, derer ein Kleinkind fähig ist: Weil Mama oft allein ist, plappert sie gerne wirres Zeug vor sich hin, imaginiert dabei Babylein als Ansprechpartner, und wenn dem das Tutsi-tutsi-bitsi-batsi-Theater zu viel wird, platzt ihm das „Hä?“ von selber aus dem Mund, freundlich noch, aber schon in der Gewißheit, daß den meisten Erwachsenen statt einem Hirn eine Rassel unter der Schädeldecke gewachsen ist. Hunden geht es übrigens ähnlich, daher die Erfindung des Bellens, das nichts anderes als ein artikulatorisch angemessenes „Hä?“ darstellt.
Bisweilen genügt dafür ein scheinbar lautloser Ansprechpartner. Zum Beispiel tapste ich kürzlich auf dem Weg zu einem Rendezvous mit meiner Kaffeekanne an einer aufgeschlagenen Ausgabe der sogenannten „Abendzeitung“ vorbei, die irgend jemand aus unerklärlichen Gründen auf dem Küchentisch liegengelassen hatte und die mir mit wuchtigen Lettern entgegenschrie: „Horrorcrash: Deutsche tot“.
Freilich: Daß der Crash eines Tages kommt, weiß ich, seit ich als Teenager in „Grenzen des Wachstums“ geblättert habe – wenn’s so weitergeht, geht es irgendwann nicht mehr weiter, sondern wumms. Aber so plötzlich? und mit einer solchen regionalen Trennschärfe?
Spontan wollte ich eine Rundmail nach Afrika schicken: Die Deutschen sind weg, Kumpels, ihr könnt kommen! Andererseits ist Armutsmigration – das wissen wir aus den Zeiten der Völkerwanderung, als große Teile der ostniederbayerischen CSU und anderer Vertriebenenverbände hierher geschwappt sind – eine aufwendige Sache; zudem wird aufgrund einer rätselhaften Erd- und „Bild“-Strahlung jeder zweite, der sich auf deutschen Boden begibt, über kurz oder lang zum Nazi. Und dann ist es ja so, daß ohne deutsche Entwicklungshilfe in Form von Pipelines, Tötungsgerät und gefrorenem Hühnerklein Afrika in absehbarer Zeit bewohnbarer sein könnte als unsere vergifteten Betonwüsten.
Und wer glaubt schon der „Abendzeitung“? Tatsächlich stellte ich bei einem Rundgang durch Schwabing fest, daß die Deutschen alles andere als weg waren, sondern nach wie vor emsig damit beschäftigt, den Crash, der offenbar doch noch nicht eingetreten war, herbeizuführen. Und zwar im gleichen Habitus wie gewohnt: graugesichtig, mißmutig, eingepanzert in ihre Blechrüstungen und stets mit einem bösen Wort auf den Lippen für den, der seinen Geist und Körper dem gesamtkollektiven Prozeß der Wachstumserzeugung entzieht.
Nämlich konnte ich mich einer gewissen Erleichterung nicht erwehren, bestellte in einem Straßencafé ein Bier, trank und rauchte fröhlich lächelnd – und wurde überschwemmt mit bösen Blicken, weil ich ostentativ nicht tat, was man zum Zwecke der Wachstumserzeugung in erster Linie tun muß: sich um jeden Preis gesund, fit und tauglich erhalten, bis man eines Tages (idealerweise mit Erreichung des Rentenalters) umkippt und entsorgt wird – in den Worten des großen Liederdichters C. Theussl: „gesund gestorben, perfekt verreckt“.
Nein, ich werde mich nicht schon wieder über das Rauchverbot aufregen oder darauf hinweisen, daß es die sinnloseste Dummheit der Welt ist, ein langweiliges Leben so lang wie möglich auszudehnen – erst fünfzig Jahre zu warten, daß es besser wird, und dann fünfzig Jahre langsam zu vergessen, daß es nicht besser wird. Aber eines frage ich mich halt schon: Am gesündesten (und am längsten gesund) sind die Menschen nachweislich dann, wenn sie glücklich sind. Und am glücklichsten sind die Menschen nachweislich dann, wenn die „sozialen Unterschiede“ so gering wie möglich sind – das heißt: wenn möglichst alle gleich viel Geld haben, Punkt. Warum rackert sich dann seit vierzig Jahren eine rot-grün-schwarz-und-vor-allem-gelbe Regierung nach der anderen ab, um mit Gewalt dafür zu sorgen, daß die sozialen Unterschiede immer größer und die Menschen somit immer unglücklicher werden?
Steckt dahinter die Fitneßindustrie, die ihren Krempel verkaufen will? oder einer der vielen grundsätzlichen Denkfehler, die man den Menschen leider immer wieder bescheinigen muß? „Gut geht es mir nur, wenn es mir schlecht geht! und schlecht geht es mir nur, wenn es den anderen noch viel schlechter geht!“? So geht es dann allen schlecht: den Armen, weil sie arm sind, und den Reichen, weil es ihnen Hirn und Magen zersetzt vor Angst und Gier. Bis zum Crash.
Da sollten sie lieber rauchen. Denn der Raucher hat, weil ihm jahrzehntelanges dementes Siechtum in vielen Fällen erspart bleibt, eine größere Chance, gesund zu sterben – früher zwar (obwohl unter den ältesten Menschen aller Zeiten erstaunlich viele Qualmer waren und sind); aber was ist schon Zeit? Geld, eben. Leider gilt die Gleichung umgekehrt nicht: Geld läßt sich nicht gegen neue Zeit eintauschen. Was weg ist, ist weg. Und das letzte „Hä?“ (beim Eintreten dieser Erkenntnis) hört niemand mehr.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Samstag, 8. Februar 2014

Frisch gepreßt #308: Lacrosse „Are You Thinking Of Me Every Minute Of Every Day“


Das Schlimmste am Winter ist seine Länge: Er dauert und dauert, kommt zurück, wenn er weg scheint, dauert und dauert wieder und will nicht mehr weggehen. Das ist aber auch das Schöne am Winter: wenn die Hoffnung auf den Frühling immer wieder wie ein hellblauer Schleier in die Seele weht, greifbar scheint, mit einem milden, melancholischen Lächeln vergeht, sobald man ihn fassen möchte. In diesen Momenten pulsiert die Seele, schwillt das Herz, und eigentlich kann man davon kaum genug bekommen – wie schnöde dagegen der „echte“ Frühling, wenn er dann brettlbreit in den Schlammpfützen der Schneeschmelze sitzt.
In Schweden ist der Winter nicht nur schöner, sondern auch länger, deshalb gibt es dort auch mehr Hoffnung, mehr fröhliche Melancholie. In Schweden dauert überhaupt alles länger, was automatisch dazu führt, daß es vieles gleichzeitig gibt – zum Beispiel sind dort die 70er, 80er, 90er und andere Epochen der Musikgeschichte selbstverständlicher Teil der erweiterten Gegenwart, die wie ein hellblauer Schleier um die Rasierklingenkante des Augenblicks weht. Man lacht und weint dort zur selben Zeit, oder zumindest möchte man das meinen, wenn man schwedische Popmusik hört, der wie kein anderes Regionalidiom der Seiltanz zwischen Genie und Banalität, zwischen Peinlichkeit und hinreißender Vollkommenheit, zwischen Plagiat und Zeitlosigkeit gelingt – von Abba bis Monster, von Komeda bis Mando Diao, von Popsicle bis Lykke Li, von den Cardigans bis … sagen wir mal:
Lacrosse, deren drittes Album wie eine auf Genregrenzen pfeifende Zufallscompilation wirkt. Eine Portion Sandstranddisco, ein Batzen Schäfchenwolkengitarrenpop, ein Haufen Elektroindie, eine Scheibe Post-New-Wave, ein Hauch von fast klangloser Balladerie – man meint, es sei eine ganze Batterie von Bands und Projekten, die hier ihre vor Hoffnung und Lust überströmenden Demos zusammengestellt und manchmal – etwa in dem hinreißenden „If Summer Ends“ – auch miteinander verklinkt und ineinander gemixt haben. Einziges verbindendes Merkmal: Es müssen Songs sein, aus denen sich theoretisch Spielmaterial für sämtliche Radiosender der Welt und Futter für die Top ten des Gesamtplaneten destillieren ließe.
Theoretisch? Demos? Genau, das nämlich ist das Schöne an diesem Album: Es klingt so charmant unfertig, offen und experimentell suchend – es ist alles das noch drin und dran, was bei einer „richtigen“ Produktion wegfällt und rundgeschliffen wird. Keine Idee, von der irgend jemand dachte „Das könnten wir doch auch noch machen, und zwar am besten ganz anders!“, ist ersetzt worden durch Gängigkeit, Schlüssigkeit und Kohäsivität. Instrumente, Effekte, Klänge, Breaks und Gimmicks rasseln derart wild durcheinander, daß man sich mit mundoffener Verblüffung fragt, wie ein derart disparater Brummkreisel so eins sein kann.
Das liegt vielleicht daran, daß der erste Eindruck täuscht: Es dauerte drei lange Jahre und Winter, diese Songs weniger zu schreiben als sie wachsen zu lassen wie wilde Gebüsche, die dann unter der pflegenden Hand des Produzenten Henrik Svensson (dem es schon gelungen ist, aus dem Erzplagiator Moneybrother einen echten Popstar zu machen) genau im richtigen Moment in einer Pracht erblühten, gegen die im Moment des Hörens alles andere wie fad-monochromes Geraniengestrüpp wirkt.
Aber was ist schon alles andere? „This Is Not A War, No Winners No Losers“ (das aktuelle Lieblingslied des Autors dieser Zeilen: Es beginnt als bezaubernd naives Lagerfeuer-Kammerpop-Minijuwel und wird zur Gebirge überspannenden Hymne, die in einer selbstironischen Stadionrock-Kanonade gipfelt) – wenn Popmusik wirklich „gut“ ist, steht sie in der erweiterten Gegenwart der Albumspielzeit ganz für sich allein, so als hätte es überhaupt noch nie etwas anderes gegeben. So wie dieses Album.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Mittwoch, 5. Februar 2014

Belästigungen #427: So laßt uns denn ein Distelbäumchen pflanzen (wenn’s nicht anders geht)!

Lügen sind widerlich. Das merkt man, wenn man sich mal ein paar Monate der Berichterstattung über die sogenannte „Politik“ entzieht und dann wieder kurz hineinschaut: ein Blick in so eine Phrasenvisage kann einem einen halben Frühling versalzen, und wenn man sich Gedanken macht über das, was da an vorgefertigtem Sprechmüll herausverklappt wird, wundert es einen nicht mehr, daß neunzig Prozent aller auf diesem Planeten verschickten Mailnachrichten den Erwerb von Viagra betreffen.
Es kann auch passieren, daß man an Menschen gerät, die den ganzen Tag und mit jedem einzelnen Satz lügen. Das ist enervierend: ihnen dabei zuzuschauen und zu -hören, wie sie sich mit jedem weiteren Satz in neue Lügen verstricken, zurückweichen, rechtfertigen, Ausflüchte und Erklärungen zusammenschrauben, bis sie von einem Gestrüpp von Bullshit von derartiger moralischer Häßlichkeit umgeben sind, daß der einzige Fluchtweg in ein Landschaftsgemälde von Caspar David Friedrich hineinführt. Oder notfalls in tagelanges Schweigen.
Große Lügen können einem das Hirn zerfoltern und den Magen zerfressen. Da hilft es wenig, zu wissen, daß sie dem Lügner selbst das Hirn längst zerfoltert, die Haut gegilbt und das Leben zur Laufbahn einer Flipperkugel gemacht haben, die wähnt, sie entscheide selbst, welchen Bumper sie als nächstes küßt. Kleine Lügen immerhin kann man mit einem Zähneknirschen löschen, ohne in Gefahr zu geraten, sich auf das Spiel einzulassen und aus Notwehr oder gerechtfertigter Bosheit zurückzulügen.
Zum (abseitigen) Beispiel begegnen mir in meinem Nebenberuf als gastronomischer Praktikant immer mal wieder Figuren, die sich zum Zweck des Austauschs von Lügen in eine Schankwirtschaft begeben, ein Spezigetränk konsumieren und einem zur Bezahlung des fälligen Verzehrentgelts (3,10 Euro) einen Fünferschein auf den Tresen legen und erwartungsvoll glotzen. Fragt man sie, ob sie zufällig ein Zehnerl dabeihaben, entgegnen sie ohne mit der Wimper zu zucken: Nein, das hätten sie nicht, und dabei hört man ihren Geldbeutel rasseln wie eine Kettenhemdfabrik beim Erdbeben. Also legt man ihnen einen Zwickel hin, knirscht remedierend mit den Zähnen und sagt, der Rest sei Trinkgeld. Was übrigens nicht gelogen ist, schließlich wurde das Zehnerl zweifellos vertrunken.
Die ansonsten der Verbreitung nützlicher Informationen gänzlich unverdächtige „Apotheken-Umschau“, ein Relikt aus der Steinzeit der Bundesrepublik Deutschland, als man morgens nach dem Frühsport den Gartenzwerg polierte, hat in dieser Hinsicht unlängst eine bahnbrechende Erkenntnis verkündet: Nämlich habe die (zum Beleg der unverbrüchlichen Wahrheit noch der abstrusesten These gerne herbeizitierte) Harvard-Universität in einer „Studie“ herausgefunden, daß der Normalmensch morgens grundehrlich erwacht, sich aufrichtig aufrichtet und mit dem Lügen erst im Laufe des Tages beginnt, bis es endlich nach Einbruch der Dunkelheit beim Feierabendbier zu einem Delirium der Schwindelei eskaliert, das gerne mit einer Notlüge (auf Fragen der Kategorie „Wo kommst du jetzt her?“) endet.
Als Grund für dieses tägliche Absinken in den Sumpf moralischer Wurmartigkeit postulieren die verantwortlichen Forscher: Um Lügen zu vermeiden, brauche es Selbstkontrolle, und die ist höchst anstrengend. Weil der Mensch nun mal eine faule Sau ist, hat er irgendwann keine Lust mehr, den natürlicherweise aus ihm heraus erumpierenden Lavastrom von verlogenen Salm und Seim zu unterbinden.
Man möchte meinen, so sei zu erklären, daß in den Redaktionen einstmals als aufrichtig zumindest geltender Zeitungen heutzutage bis in die späte Nacht hinein in die Tastaturen gedroschen wird: Vormittags könnte das, was in einem üblichen „Wirtschafts“-Teil drinsteht, niemand absondern, ohne den dringenden Wunsch zu verspüren, den Nachmittag in einem Beichtstuhl zu verbringen.
Ebenfalls erklärbar wird auf diese Weise, was sich in dem Bereich abspielt, den man heutzutage für „zwischenmenschlich“ hält: Was abends damit beginnt, daß man sich mit treuherzigen Blicken gegenseitig in den Augen herumstochert und sich einen Backenmuskelkater zusammengrinst bei dem Versuch, eine Packung „Streicheleinheiten“ zu erwerben, endet gerne morgens mit der herausdiskutierten Erkenntnis, eine weitere „Arbeit“ an der „Beziehung“ sei nicht mehr zielführend und profitabel, der Austausch zweckstrategischer Körperberührungen daher umgehend einzustellen und auf ein neues Objekt zu richten, das man unter zukunftsökonomischen Ertragsgesichtspunkten aus dem verfügbaren Angebot wählt und nach eingehender Prüfung in den Warenkorb legt.
Vielleicht liegt hier eine tiefere Erkenntnis vergraben: Möglicherweise ist das, was der heutige Mensch zwischen Schlafstatt, Karrierefabrik und Freizeitpark, zwischen Konsumartikelabgabestelle, Wahlkabine und virtuellem Gebimse, zwischen Autobahn, Sexualmarkt und Talkshow und den Kultstätten diverser Religionen von „Marktwirtschaft“ bis Kundalini so zusammenlebt, insgesamt und sonders so falsch, daß aus seinem Hirn nichts anderes mehr herauskommen kann als Lügen – so wie aus einem Blumentopf, in den man einen Distelsamen legt, niemals ein Pfirsichbaum herauswachsen wird?

Aber ach: Da sehe ich den Herrn Adorno winken, und ehe er mir mit seinem Zaunpfahl wegen Disteldiskrimierung und des Exports von Eulen nach Athen zu Leibe rückt, werde ich nun lieber in ein Caspar-David-Friedrich-Gemälde entfliehen.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Mittwoch, 29. Januar 2014

(Aus dem tiefen Archiv:) Frisch gepreßt #1: U2 "All That You Can't Leave Behind" (November 2000)


Im Herbst befällt manche Menschen die Katzenkrankheit. Man müßte so viel tun und machen, und manchmal denkt man sogar daran, aber vom Denken allein schreibt sich ja nicht einmal eine Kolumne, also sitzt man da, sieht aus dem Fenster oder in den Fernseher hinein und ignoriert die verzweifelten Zurufe aus dieser anderen Welt, wo immer jemand wissen will, wann und warum nicht.
Das heißt nicht, daß man nicht beschäftigt wäre. Man ist sogar sehr beschäftigt, zum Beispiel damit, auf den Akkord zu warten, diesen einen, der besonders weh tut. Den spielen U2.
Es gibt eine bestimmte Theorie über U2 und Beziehungen: Wenn ein neues U2-Album erscheint, wird es Zeit, sich mal wieder ein bißchen Mühe zu geben, weil man sonst den Soundtrack fürs Selbstmitleid gleich mitgeliefert kriegt, und dann ist nicht nur die Liebste perdü, sondern auch der Musikgenuß. Ich kenne ungefähr neunzehn Leute, die schwören, sie könnten das Album “Achtung Baby” nie mehr in ihrem Leben hören, nicht einen einzigen Ton davon und schon gar nicht “One”, weil sie das damals tausendmal hintereinander gehört haben, in Startbahnlautstärke, wegen dieser einen Stelle vor allem, wo es dann heißt: “You asked me to enter” (hier kommt der Akkord!) “and then you made me crawl, now how can you be holding on to what you got, when all you got is hurt?”, und das haben sie mitgegrölt wie hysterische Seehunde und durch das Tränenmeer hindurch gebrüllt: “Ja! Genau!” und zwar so laut, daß sie da draußen die Qual da drinnen auch ganz bestimmt merkt. Und irgendwann war ihnen das Theater furchtbar peinlich, und “Achtung Baby” stand für immer im Regal, “Nicht berühren!” Zum Glück waren die zwei oder drei Folge-U2-Alben so scheiße, daß man sich höchstens mit wehmütigem Lächeln erzählte, wie schlimm es früher alles war und leider nicht mehr ist.
Aber jetzt Vorsicht: Es war noch nicht einmal richtig November vor zwei Wochen, da rief schon der melancholische Herbert* an, ein Spezialist für Musik und Katzenkrankheit: “Kann ich eine Zeitlang bei dir wohnen?” Und, natürlich: “Schon die neue U2 gehört?” Er empfahl mir “Walk On” zum Einstieg, und während das Telephon munter weiterklingelte (“Kannst du nicht mal mit Georg* reden?” – “Weißt du, ich gehe nach Argentinien”– “Du warst doch immer so gut als Vermittler” – “Scheiße, Monika* ist ausgezogen” – “Du, ich muß mal mit jemandem reden” – immer mit einem hinzugefügten Hinweis auf die Platte, die übrigens “All That You Can’t Leave Behind” heißt, was ja schon ein recht deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl ist) – während dies alles geschah, hörte ich die Platte und hatte eine Art umgekehrtes Deja-Vu: Ich wußte sofort, daß sie in spätestens einem Jahr direkt neben der neuen Placebo in jenem Regal stehen wird, wo die Sachen stehen, die man sich nie mehr anhören kann, ohne diesen furchtbar nostalgischen Sehnsuchtsschmerz zu leiden. Die man sich also überhaupt nie mehr anhören kann. Und die Textzeile hab’ ich auch gefunden: “I wasn’t jumping, for me it was a fall / It’s a long way down to nothing at all.” Oder lieber die? “Home ... hard to say what it is if you’ve never had one.” Und dann kommt der Akkord, dieser eine, ich erwähnte ihn schon.
Warum quält man sich so? Vielleicht weil es so schön ist. Und jetzt muß ich mal telephonieren und allen erzählen, wie phantastisch die neue U2 ist. Und noch so ein paar andere Sachen.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN. Diese Folge war der Beginn der Reihe im November 2000.


Freitag, 24. Januar 2014

Frisch gepreßt #307: Bruce Springsteen "High Hopes"


Die Frage der Verehrlichkeit beziehungsweise Verwerflichkeit populärer Musik stellt sich kaum je irgendwo so dringlich und ambivalent wie bei dem 64jährigen Bruce Frederick Joseph Springsteen. Da hagelt es nur so die i/y-o-Wörter: Symptom, Ikone, historisch, Syndrom, Mythos … „Hero!“ brüllt der autofahrende Amerikaner dazu, steigt aufs Gas und wähnt sich im Stande sozialer Gerechtigkeit mittel Gitarrenakkord und Trommelknall (sein Nummernschild plärrt dazu den aus „Breaking Bad“ bekannten Slogan: „Live free or die!“) und ahnt nicht, daß er damit eine höchst sarkastische Beschreibung des Mannes, der ein Auto sein wollte, nachstellt, über die Tom Robinson schon 1977 nur mit Gänsehaut und Zunge in der Backe lachen konnte: „Furlined seats and lettered windscreen / Elbow on the window sill / Eight track blazing Brucie Springsteen / Bomber jacket, dressed to kill.“
Bruce Springsteen ist einer der dümmsten und zugleich einer der weisesten Männer der Rockgeschichte, Punkt. Der Titelsong seines neuen Albums (mit dem es, plump as plump can, anhebt) splattert Klischees durch die Gegend wie ein Mixer ohne Deckel, von „Monday morning“ und „Sunday night“ und „every mother with a baby crying“ und daß es nicht viel braucht, „to kill a loving smile“; dazu rasselt ein hüftlahmer Bo-Diddley-Beat, und eine Gitarre jault im Kachelraum, as if 1985 never happened.
Andererseits sollte, wer es schafft, den Titelsong von „The River“ (1980) ohne drei Tränen im Augenwinkel und senkrecht stehendes Haupthaar zu hören, einen Arzt aufsuchen und prüfen lassen, ob in seinen Adern noch etwas anderes fließt als die grüne Melange des Zynismus. Exemplarisch (und sicherlich historisch-ikonisch) niedergelegt ist dieses mesmerisierende Mißverhältnis in „Born In The USA“ (1984), dem die grauen Männer hinter allen US-Präsidenten von Kennedy bis Bush, die mit der diktatorischen Durchsetzung des weltumspannenden Kriegskapitalismus drei bis fünf Generationen um ihr Leben brachten, einen Nationalismus hinzu applaudierten, ohne zu merken, daß sie sich mit den Textzeilen, die sie da mitgrölten, selber ins Gesicht spuckten.
Genau: „ohne zu merken“ zum zweiten. Bei Springsteen merkt nie jemand was, und er selber ahnt offenbar auch nie, was er tut. Nur so einem konnte es gelingen, Woody Guthries Hymne der amerikanischen Arbeiter und Entrechteten zum Stadionbrüller der dumpfstolzen Colasäufer und Waffennarren umzumodeln, ohne (!) zu (!) merken (!), daß es am Ende der Ku-Klux-Klan selber war, der die kommunistischen Parolen mitgrölte. Andererseits wüßte ohne ihn vielleicht kein Zeitgenosse Mitte 40 mehr, wer Woody Guthrie überhaupt war.
Bruce Springsteen ist (Achtung, Magenkrampf!) der Rocker des kleinen Mannes, das Opium für den Tankwart, der Sozialrechtslehrer für den Bon-Jovi-Fan und der Katalysator der merkwürdigen Reaktion, die dafür sorgte, daß in den USA die längst fällige Revolution nur im Baseballstadion und auf dem Highway stattfindet. Der Prediger der Massen und ihr Bändiger: O ja, Jungs, alles ist gemein und furchtbar, und jetzt gehen wir hin und tun unseren Job! Der Mann, der singt wie ein Bergarbeiter, den jede Zeile im Kehlkopf und im Herzen den Schmerz der Jahrhunderte spüren macht.
Nebenbei hat er ein paar der schönsten und typischsten und ein paar der fürchterlichsten und auch typischsten US-amerikanischen Rocksongs aller Zeiten geschrieben. Und wieder ist es oft so, daß niemand was merkt. Zufallswahl: „Fire“ – den schrieb er 1977 für Elvis Presley, der aber leider starb, bevor der Postbote kam. 1979 hatten die Pointer Sisters damit einen Hit, und die meisten Springsteen-Konzertbesucher, die das Lied hörten, dachten, der covert da einen Ur-Oldie, nur weil das Lied so dumm war: „I’m driving in my car …“, na klar.
Und freilich ist ein Großteil dieses neuen, achtzehnten Albums so dumm und peinlich wie der Titelsong (für den Springsteen nur insofern etwas kann, als er ihn nach einer ersten Aufnahme 1995 noch mal ausgegraben hat: geschrieben hat ihn Tim Scott „Ledfoot“ McConnell) und das Cover. Aber nicht nur, sondern auch schön. Es ist ein Sammelsurium alter Songs, Überreste und Neuversionen, von denen man insgesamt gestehen muß, daß das Gefühl, beim Hören einen Teil der eigenen Lebens- und zugleich der Weltgeschichte zu erleben, nicht zu unterdrücken ist.
Und dann aber: sind noch zwei Coverversionen drauf, bei denen einem (mögen sie noch so mainstreammäßig aufgebonzt sein) der Hut ins Genick fällt – „Just Like Fire Would“ von den schmählich vergessenen, wahrhaft heroischen Saints. Und „Dream Baby Dream“ von Suicide, den vielleicht wüstesten Außenseitern der US-Musikgeschichte. Daß die es somit über einen Umweg von hunderttausend Meilen und 35 Jahren ins Wohnzimmer des Tankwarts geschafft haben, ist ein Trick, den nur dieser Mann hinkriegt. Ohne es zu merken (wahrscheinlich).

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Sonntag, 19. Januar 2014

Belästigungen #426: Wenn (und wieso) das lüderliche Gesindel zur Nachtzeit lurpft …

Wichtigster Jahresend- oder -beginnvorsatz für den umsichtigen, auf das Leserwohl bedachten Kolumnisten: Nie mehr einen einzigen Lästerartikel über die deutsche Bahn! Das nämlich – das Abfassen von Lästerartikeln über die deutsche Bahn – ist ungefähr so originell und interessant, wie wenn der Pfaffe von der Kanzel den Deibel einen rechten Tunichtgut heißt.
Daß die deutsche Bahn ein Saftladen ist, dessen einziger Zweck darin besteht, milliardenteure Löcher unter die schwäbische Krume hineinzubohren, in die das beschauliche Stuttgart dereinst ebenso hineinsinken wird wie jetzt schon manch ein bäuerliches Anwesen im Umland, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Ebenso ist bekannt, mit welcher Vehemenz man dort Beschäftigungstherapie für Fahrplanphantasten betreibt, die durch die manische Erstellung immer noch schnellerer und lückenloserer „Fahrpläne“ – für die es Züge erst im Jahr 3000 und Bahnhöfe längst vorher längst nicht mehr geben wird – für ein Ausmaß an Ausfällen und Verspätungen sorgen, das die schlimmsten Befürchtungen aus den letzten Wochen des Ersten Weltkriegs übertrifft.
Ja, das wissen wir alles. Wir wissen auch, daß die diversen „Bahnchefs“ der letzten Jahre – Dürr, Mehdorn, Grube – vor ihrem Amtsantritt nie etwas mit Bahn zu tun und lediglich „Chef“ gelernt hatten, ebenso wie die Verkehrsminister Ramsauer und Dobrint übrigens, deren Namen zwar entfernt an Kosebezeichnungen für frühneuzeitliche Dampflokomotiven erinnern, die aber ansonsten verkehrspolitisch ebenso schimmerlos sind, im Gegensatz zu den „Bahnchefs“ indes immerhin so höflich waren, ihr Gehalt nicht innerhalb von zwei Jahrzehnten zu verzwanzigfachen.
Des weiteren wissen wir, daß in den Zügen der deutschen Bahn nicht nur die Sitze immer kleiner und enger, sondern insgesamt weniger werden, damit sich das derweil unermüdlich aufgespeckte Menschengewürm ordentlich tümmelt, drängelt und mit Grippe ansteckt, während es mit einer halben Arschbacke auf dem Restmüllbehälter von Garmisch nach Kiel tuckert – was heute immerhin trotz der Stillegung zehntausender Kilometer Strecke und (seit 1994) der Hälfte aller Bahnhöfe (in den Gegenden, in die laut Statistik immer mehr Menschen fahren wollen) kaum länger dauert als 1918.
Aber über was soll man schon sinnieren, wenn man zwei Winternächte damit verbringt, zwischen München und der Toskana hin- und wieder herzufahren, in Florenz hocherfreut feststellt, daß die Italiener in ihrem ebenso idiotischen „Firenze 21“-Milliardenverbuddelungswahn wenigstens so langsam vorankommen, daß die stinkige alte Sala d’attesa für die Übergangszeit in einen modern illuminierten Wartebereich mit angeschlossenem (und aber traditionell geschlossenem) Beauty-Center verwandelt wurde, der aussieht wie ein Science-fiction-Raumschiff aus den 80ern? Wenn man da drin dann fröhlich rülpsend und keckernd mit Nastro Azzuro anstößt und den Pecorino teilt, bis eine höfliche Raumschiffsfrau in Uniform einem erklärt, man müsse die restlichen zwei oder drei Stunden bis zur verspäteten Abfahrt leider irgendwo zwischen Gleis, Glasscherben und (immerhin fröhlichen) Bettlern herumhängen, weil der einst stolz in öffentlichem Auftrag eingerichtete Wartesaal jetzt einer privaten Aktiengesellschaft namens NTV gehört, die im gesamten Bahnhof Ausgabestellen für Reklamezettel errichtet hat, auf denen für den selben Hochgeschwindigkeits-Fernstrecken-Blödsinn getrommelt wird, für den die deutsche Bahn seit Jahrzehnten unser Geld in schwäbische Erdlöcher und aus sonstigen Fenstern schmeißt?
Am besten über etwas ganz anderes. Zum Beispiel kann man dank der segensreichen Erfindung des Internets (von dem man sich nicht auszumalen wagt, es werde von der deutschen Bahn betrieben) endlich mal wieder wahllos in alten Büchern herumblättern und dabei in Franz Xaver Remlings „Geschichte der Bischöfe zu Speyer“ die haarsträubend faszinierende und belustigende Biographie von Damian August Philipp Karl Reichsgraf von Limburg-Stirum (1721–1797) entdecken, einem offenbar absolut maßlosen Streithansel, der sich mit Freund und Feind sowie seinem Domkapitel derart ausdauernd und vehement fetzte, daß sich das geistliche Gremium zu einschneidenden Maßnahmen gezwungen sah: Es „ließ den Koch desselben, in Mitte des Winters und vor Ablauf der Miethzeit, durch Ausheben der Thüre und Fenster aus dessen Wohnung im Fürstengarten verdrängen.“ Im Gegenzug verfügte August die Neuerrichtung einer Stadtmauer um Bruchsal, weil er „nicht ohne Befremden wahrgenommen“ hatte, daß dort „ohne einige Beschwerniß ein- und auspassiert werden könne und dahero dem lüderlichen und boshaften Gesindel, besonders zur Nachtzeit, gleichsam der Paß offen stehe“.
Über das äußere Erscheinen des Fürstbischofs berichtet Remling: „Seine Stimme war stark und durch lurpfende Gurgeltöne eigenthümlich.“ Aus Johannes Nasts „Teutschem Sprachforscher, allen Liebhabern ihrer Mutersprache zur Prüfung vorgelegt“ (1777) wissen wir: „Vile Menschen können das r nicht rein sprechen, und das heist man Lorpfen, oder Lurpfen.“ Aber das ist egal, denn während der mittlerweile greise Bischof auf der Flucht vor den wilden Horden der französischen Revoluzzer bereits zwei Testamente gemacht hat und korrespondierend immer noch tobt, er verbitte sich „für die Zukunft derley Gewäsche“ und lasse sich „ein für alle Male nicht am Narrenpfeile herumführen“, bis endlich am 26. Februar 1797 „ein Stickkatarrh die Auflösung herbei“ führt und er leider verscheidet – derweil sitzen wir endlich doch im vollkommen überfüllten Zug.
Und während die Reisegefährtin trotz qualvollem Gewimmel entschlummert, formt sich in meinem reisenden Gehirn auf traditionell wirr mäandrierende Weise ein kolumnistisches Lehrstück über Leben und Schicksal des Herrn Limburg-Stirum. Allerdings haben wir den Fehler gemacht, keine der schweinsteuren Liegen im furzschweißsudgesättigten Liegeabteil zu mieten, sondern ganz normale Sitze, und eine derartige Verweigerungshaltung muß bestraft werden; deshalb passirt in den folgenden Nachtstunden gefühlt alle zehn Minuten lüderliches und boshaftes Gesindel daher, um mit lurpfenden Gurgeltönen das Vorzeigen von wahlweise Fahrkarten oder Ausweisen oder beidem zu fordern, selbige zu betrachten und manchmal mit einem zwecklosen Zwackstempel zwackzustempeln, bis wir uns endlich nicht mehr am Narrenpfeile herumführen lassen und uns solche Beschwerniß, besonders zur Nachtzeit, verbitten.
Was antwortet darauf der Kerl, der momentan mit dem Zwackstempeln dran ist? „Hätten Sie eben im Liegewagen reserviert, hä hä!“
Tja. Und weil wir die Horden der Störenfriede leider nicht durch Ausheben von Thüren und Fenstern verdrängen konnten, ist aus dem schönen Vorsatz leider nichts oder vielmehr eine Kolumne über die deutsche Bahn geworden. Immerhin: die letzte, Ehrenwort.

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Samstag, 11. Januar 2014

Frisch gepreßt #306: Haley Bonar „Wntr Snds“



Die Erdbeer-Gang, so benannt zu Ehren der bedauernswerten römischen Legionäre, die einst im Auftrag des Druiden Miraculix entsandt wurden, um zur absoluten Jahresunzeit Erdbeeren für einen vermeintlichen Zaubertrank zu erstehen, zieht Zwischenbilanz: Und wie (fast) immer ist es die der Erdbeer-Gang angemessenste Aufgabe, in den weiten Breiten zwischen Ural und Atacamawüste hörenswerte Musik zu entdecken, die zwischen 16. und 21. Dezember erscheint.
„So dumm“, erklärt der Marktexperte, „ist niemand. Ein nennenswerter Absatz ist so gut wie ausgeschlossen, da jedermann Geschenkboxen, Weihnachtsalben, Best-of-Ramsch und Lieblingsplatten der letzten vier Jahre in Deluxeausgaben für Neffen und Tanten ersteht.“
„Genau“, sagt der Zyklusforscher, „und wenn die Läden nach Weihnachten wieder öffnen, ist oder wäre das Zeug veraltet und könnte höchstens nächstes Jahr als Deluxeausgabe neu angeboten werden, was aber keinen Zweck hat, da es ja niemand kennt.“
„Und sowieso“, fügt der Verhaltensanthropologe hinzu, „verbringt der Mensch die ‚stillen Tage’ am liebsten damit, in Vergangenem zu kruschen und sich an Erinnerungen an musikumspülte Lebensmomente zu ergötzen. Wenn er nicht, wie der moderne Musikologe, ohnehin beide Ohren voll zu tun hat, um die Halden und Hekatomben an Zeug abzuarbeiten, das in den letzten Wochen in die Läden gestapelt wurde.“
Alle nicken einmütig, man serviert Glühwein und beschließt, die Ausnahmen unter „Kuriosa und Parerga“ abzulegen: B.o.B, Thomas D. und Beyoncé werden sich schon was gedacht haben.
„Moment mal“, gibt der Medienmodernist zu bedenken, „was heißt schon ‚erscheinen’? Und was heißt hier ‚Läden’? Wer geht denn noch in Läden? Macht der Internetversandhandel etwa Weihnachtsferien?“
Man winkt ab: Mehr Weihnachtsramsch als auf einer einzigen Amazon-Empfehlungsseite ist in der gesamten Nachkriegsgeschichte des deutschen Schallplattenhandels nicht zu finden. Müßig, das zu durchpflücken. Statt Erdbeeren wird man nur vertrocknete Marshmallows finden. Erneut: einmütiges Nicken. Der Glühwein köchelt. Zunächst bemerkt niemand die merkwürdig sanften, einfühlsamen, leicht verloren-melancholisch-fröhlichen Klänge, die durch den Raum perlen. Der Musikentdeckungsbeauftragte wird dann doch aufmerksam.
„Was ist denn das?“
„Was ist was?“ Man lauscht. Ein allgemeines „Oh!“, wohlig und wundersam entspannt.
„This year is new“, flüstert der Nischenarchäologe, dessen mildes Grinsen mehr ahnen läßt als es verrät. Und als das fragende Geschau übermächtig wird, erzählt er:
„‚Erscheinen’ ist, der weihnachtlichen Tradition entsprechend, ein Vorgang, der sich den gewohnten Mechanismen entzieht. Niemand suchte den Stern im Kaufhaus, den Messias in der Gebärstation, Weihrauch und Myrrhe im Gartencenter. Hier erklingt eine … nun ja, verlängerte EP mit sechs Liedern von Haley Bonar, einer inwendig wie äußerlich wundersam schönen Dame aus dem amerikanischen Westen, die fast niemand kennt, weil sie wie ein Schmetterling durch die US-New-Folk-Szene turbelt und flittert und kaum Spuren hinterläßt. Sie war mit der vielleicht leisesten Band der Welt auf Tour – Low, deren Gitarrist sie bei einem Songslam entdeckte, woraufhin sie anderntags die Schule schmiß, ihren Honda Civic mit Gitarren und einem Schlagzeuger belud und losfuhr –, hat Aufnahmen mit Freunden von Bon Iver, Ben Kweller und Andrew Bird (und diesem selbst) gemacht, einige mindere Preise eher verschämt verschwiegen und ist meist dann, wenn ihr Gesicht irgendeine Titelseite zierte, in eine neue Stadt gezogen, wo sie wieder fast niemand kennt. Wer eines ihrer vier („offiziellen“) Alben zufällig mal gehört hat, ist an einem leicht goldenen Schimmer und an einer gelassenen Nonchalance gegenüber fast allem anderen zu erkennen. Und weil Haley das gerne tut, hat sie ohne Anlaß und Produktbindung diese sechs Stücke aufgenommen, die auf ihrer Webseite zu finden sind, als ‚handgemachtes Geschenk’. Nebenbei spielt sie übrigens in einer Postpunk-New-Wave-Band und wird im Frühling sicherlich ein neues Album veröffentlichen, weil sie sozusagen der Frühling ist.“
„Ja hm“, sagt der Marktexperte, „ist das denn erlaubt?“
Hingebungsvoll lauscht die Erdbeer-Gang und wird sich einig: Es ist sogar absolut unerläßlich.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.