Dienstag, 21. Oktober 2014

Belästigungen 19/2014: Hände hoch! Jacken weg! Hier kommt die „Shariah Police“-Police!

Ich hege keine spezielle Sympathie für Menschen, die irgendeine Religion zum Prinzip ihrer Lebensgestaltung machen, weil dabei im besten Falle eine zwanghafte Selbstkasteiung samt neurotischem Triebstau und missionarischen Bekehrungspredigten sowie im schlimmsten Fall ein Kreuzzug mit Millionen Toten herauskommt. Abgesehen davon kann man mir erzählen, was man will – ich glaube den Schmarrn einfach nicht, und wenn ihn jemand anderer gerne glauben mag, dann soll er das in seinem Privatbereich nach Herzenslust tun, aber nicht von mir verlangen, daß ich irgendwas davon mehr als respektiere.
Andererseits haben diese Leute manchmal schon recht lustige Ideen. Zum Beispiel die „fünf Männekes“ (Selbstbeschreibung), die neulich in orangeroten Jäckchen mit der Aufschrift „Shariah Police“ durch Wuppertal spazierten und vor Diskotheken und Spielhallen Jugendliche, die ihnen dem optischen Eindruck nach „muslimisch“ erschienen (ein hübsches Thema für eine Rassismusdiskussion, aber dieses Faß bleibt heute mal geschlossen), dazu ermahnten, sich gefälligst eine gottgefällige Lebensweise zuzulegen, anstatt sich Trunk-, Spiel- und sonstigen westlich-degenerierten Süchten hinzugeben.
Da sollte man eigentlich tosenden Applaus erwarten, insbesondere aus dem Lager der sogenannt christlichen Moralapostel, die ansonsten kaum je müde werden, derlei Ausschweifungen als Grund und Wurzel allen Übels anzuprangern. Aber nein, in diesem Fall handelte es sich nun mal um „Salafisten“, also Angehörige einer Art islamischer CSU, deren Bestreben wahlweise Weltherrschaft oder Weltuntergang sein soll und deren Wuppertaler Wortführer früher mal Feuerwehrmann war, bis sein gottgefällig wuchernder Kinnbart nicht mehr in eine Atemmaske hineinpaßte.
Und deshalb sind Deutschlands Ordnungsfanatiker von dem harmlosen Jux der „Shariah Police“ nicht etwa milde amüsiert angetan, sondern stürzten sich umgehend in einen medialen Amoklauf. „Vergleichbare Vorfälle hat es bisher nicht gegeben“, tönte ein Polizist, der offenbar noch nie von den diversen „Bürgerwehren“, Nazibanden und Privatarmeen gehört hat, die nachts im fernen deutschen Osten gerne mal um einiges gründlicher aufräumen und es nicht immer beim bloßen „Klatschen“ fremdartig scheinender Nichtarier belassen.
Die echten Polizisten, die die „Shariah Police“ bei ihrem schändlichen Tun ertappten, erstatteten Anzeige wegen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz (welches das kollektive Tragen „uniformähnlicher Kleidung“ untersagt, was für Oktoberfestbesucher auch eine recht interessante Information sein könnte). Der Bundesjustizminister tobte, es handle sich um einen „Anschlag auf unser freies Lebensmodell“, und „eine illegale Paralleljustiz werden wir nicht dulden“, was in mir den vagen Wunsch weckte, dieses „freie Lebensmodell“ mal ein bißchen eingehender zu diskutieren und dabei vielleicht auch zu erfahren, welche Urteile die „Paralleljustiz“ der fünf Männekes gefällt hat.
Volker Kauder wiederum forderte umgehend ein Verbot der „vermeintlichen Tugendwächter“ (sagte allerdings nicht dazu, wie das gehen soll). Und der Innenminister war ebenfalls früh genug wach, um in die „Bildzeitung“ hineinzuröhren: „Niemand darf sich anmaßen, den guten Namen der deutschen Polizei zu mißbrauchen!“ Daß die deutsche Polizei neuerdings den guten Namen „Police“ trägt, war mir bislang nicht bekannt. Aber immerhin verstehen wir nun möglicherweise, weshalb die „Paralleljustiz“ der Nazimörder Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe so lange unbehelligt „Lebensmodelle“ vernichten durfte: weil sie schlau genug waren, sich nicht „Nationalsozialistische Untergrund-Police“ zu nennen.
Und dann kam noch der NRW-Innenminister daher, ließ die orangeroten Westen „sicherstellen“, um die ungeheure Bedrohung zu bannen, die von derlei Textilien ausgeht, und dazu verlauten, es sei „eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, wenn sich jemand Polizeihoheiten anmaßt“. Wachdienste wie die notorischen „Schwarzen Sheriffs“ oder der „Ordnungsdienst“ in Fußballstadien, den der Herr Minister so gerne lobt, dürften so etwas nicht unbedingt mit Freuden hören.
Es ist aber auch ein simples Mißverständnis: Es ist nicht und war noch nie Aufgabe (und schon gar nicht „Hoheit“) der Polizei, Menschen auf den rechten Weg zu führen und irgendwelche sündigen Umtriebe zu verhindern. Sie ist noch nicht mal dazu da, (zum Beispiel) einem Betrunkenen davon abzuhalten, mit dem Radl heimzufahren. Sondern sie muß den Betrunkenen dabei erwischen, in eine Klinik verschaffen, ihm Blut abzapfen lassen und damit den Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung beweisen. Ginge es um „Sicherheit und Ordnung“, wäre es der Polizei nicht nur erlaubt, sondern sie wäre sogar verpflichtet, den offensichtlich sich selbst und andere gefährdenden Betrunkenen danach wieder heimzufahren.
Das darf sie aber nicht. Weil das Zeit kostet, in der sich neue Ordnungswidrigkeiten ahnden und Einnahmen generieren lassen, mit denen der Staat Schulen, Museen und Straßen bauen lassen und Polizisten bezahlen kann, ohne dafür die Millionäre zur Steuerkasse bitten zu müssen. Und deshalb ist die salafistische „Shariah Police“ tatsächlich eine „Gefahr für die öffentliche Sicherheit“, und zwar eine größere als Nazibanden und Bürgerwehren: weil ihr Wirken eventuell das Aufkommen an Geldstrafen verringern könnte. Weil, anders gesagt, sich strafbar macht, wer Ordnungswidrigkeiten verhindert.
Ja, die Welt ist manchmal wirr. Daß erst ein paar salafistische Männekes daherkommen müssen, um ein paar simple Zusammenhänge zu verdeutlichen, ist Teil dieser Wirrnis. Und drum manchmal schon ganz hilfreich.


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Montag, 13. Oktober 2014

Belästigungen 18/2014: Vom Hitler, von Putin, von Hysterie und Raserei und einem möglichen Mittel dagegen

Daß der Hitler nicht der Hellste war, zeigen unter anderem seine Begründungen für die deutschen Überfälle auf andere Länder: Hätte er beispielsweise darauf hingewiesen, daß Polen 1939 von einem homophoben Despoten regiert wurde, der separatistische Rebellen in einem Nachbarland (der Tschechei) unterstützte und einen Teil davon sogar völkerrechtswidrig annektiert hatte, während er selbst fürsorglich bemüht war, dieses Nachbarland enger an den Westen zu binden, und es in der Führung seiner Partei und anderer Organisationen von Schwulen nur so wimmelte, – wer weiß, wer weiß. Statt dessen faselte der deutsche Führer wirres Zeug von „Arrondierung“ und „Ernährung“ und ließ SS-Leute in Maskerade einen deutschen Radiosender überfallen, um in holprigem Polnisch angebliche Kriegserklärungen zu brabbeln.
So geht das, wenn man nicht medienkompetent ist. Allerdings standen dem Hitler mit seinen paar notdürftig gleichgeschalteten Plärrpostillen ja gar nicht die Kompetenzmedien zur Verfügung, die man heute kennt, schon gar nicht in dieser Breite und inhaltlichen Tiefe: Die pseudo-neocon-verdoofte „Welt“ („Harte Haltung gegen Putin“) will notfalls „den Bündnisfall ausrufen“, der Boulevard schäumt („Putin: Schlimmer Wehrmacht-Vergleich“, „Putin: Sein Teufels-Plan“, „Wer hält Putin auf?“), die früher mal angeblich liberale „Süddeutsche“ („Jetzt oder nie“) greint: „Putins Ton wird immer schärfer“, der „Spiegel“ („Ende der Feigheit“) brüllt: „Stoppt Putin jetzt!“ (wohl in der Hoffnung auf einen ähnlichen Effekt, wie ihn einst die „National-Zeitung“ mit der wortgleichen Hetze gegen Rudi Dutschke erreichte), die „Zeit“ („Härte zeigen! Militärische Präsenz in Osteuropa deutlich erhöhen!“) salbadert in typischer Diktion: „Wie weit lassen wir Putin zu weit gehen?“, der „Tagesspiegel“ rät zum Kampf („Genug gesprochen!“), die FAZ will „Stärke zeigen“, und im grün-mittelständischen Witzblatt „taz“ schwelgen die Kommentatoren seit Wochen in Kriegs- und Schlachtenmasturbationen, ganz zu schweigen vom Fernsehen, wo zum Beispiel das ZDF seine Anti-Putin-Propaganda unverdrossen mit falschen Bildern untermauert, um einen russischen Einmarsch in der Ukraine zu beweisen.
Zwar flog dieser Schwindel noch schneller auf als dem Hitler sein Sender-Gleiwitz-Schabernack, aber kümmert das im nachhinein, wenn die Botschaft erst mal in den Köpfen ist, noch jemanden? Fragt heute noch jemand nach dem „Tonkin-Zwischenfall“, jenem gleichwertigen (wenn auch nicht ganz so dilettantischen) Schwindel, mit dem die USA einst ihren Krieg gegen Nordvietnam begründeten? Fragt noch jemand nach dem von den deutschen Ministern Scharping und Fischer zum Anlaß für den völkerrechtswidrigen NATO-Krieg gegen Jugoslawien zusammengelogenen „Hufeisenplan“? Interessiert sich noch wer dafür, daß es die „Massenvernichtungswaffen“ nie gab, die als Vorwand für den bereits vor dem 11. September 2001 geplanten, ebenso völkerrechtswidrigen Angriff auf den Irak herhalten mußten? Fragt irgend jemand noch mal nach, in wessen Auftrag am 20. Februar 2014 in Kiew Scharfschützen aus einem von der „Opposition“ besetzten Hotel auf Demonstranten und Polizisten auf dem Majdan schossen? Gibt es irgendwelche unabhängigen Informationen oder Erkenntnisse darüber, wer am 17. Juli über der Ostukraine ein malaysisches Flugzeug abgeschossen hat und warum? Wird danach in ein paar Wochen noch jemand fragen?
Ich habe nur eine ungefähre Ahnung, was sich da abspielt. Und ich mag nicht konsequent zu Ende denken, weshalb diverse Oligarchen in der Ukraine, in Polen und im Baltikum in einem vielstimmigen Panikchor von einer „massiven Invasion“ bis zu „begrenzten Nuklearschlägen“ alle möglichen Teufel an die Wand schmieren, die angeblich der russische Problembär auf sie losgehetzt hat oder in baldigster Bälde loszuhetzen plant. Es will mir aber so scheinen, als wären in dem ganzen Tohuwabohu hysterischer Hochköchelei nur extrem wenige Beteiligte bemüht, einen zumindest halbkühlen Kopf zu bewahren, und die sitzen derzeit nicht unbedingt in Washington oder Berlin – und schon gar nicht in Kiew, wo ein gewählter Stadtrat mit einer „Sozial-nationalen Versammlung“ für „die Befreiung der weißen Rasse“ kämpft, die „harte Bestrafung sexueller Perversionen und aller Kontakte zwischen Rassen, die zur Auslöschung des weißen Mannes führen“ fordert und eine der beiden Regierungsparteien das Land „von der jüdischen Mafia aus Moskau“ befreien möchte.
Ich habe bei Gelegenheit schon mal darauf hingewiesen, daß der Kapitalismus kein System ist, sondern ein Prozeß, der zwangsläufig irgendwann auf ein Gerangel um das hinausläuft, was bei James Bond so schön grimmig-verstiegen „Weltherrschaft“ hieß und heutzutage mit dem seriöseren Begriff „Weltmacht“ ebenso trefflich bezeichnet wird. Wer eins und eins zusammenrechnen kann, weiß, daß dagegen weder „Sanktionen“ noch Verhandlungen noch Militärberater noch Waffenlieferungen noch das machtrauschige Gefasel präsidialer Pastoren noch Mahnwachen, Demos und geteilte Facebookseiten etwas ausrichten können.
Vielleicht fragen wir uns statt dessen mal, wieso ausgerechnet das schöne Land Bayern (dem Größenwahn des Großen Vorsitzenden Strauß sel. zum Trotz) noch nie ernsthaft auf die Idee verfallen ist, sich zur „Weltmacht“ aufzuschwingen. Könnte es sein, daß eine andere Art von Rausch, aus der man sich elfeinhalb Monate lang mühselig wieder herauskatern muß, zu dieser Zurückhaltung zumindest beigetragen hat? Wäre es vielleicht eine Idee, sämtliche derzeitigen Konfliktparteien und ihre diversen Peripherien, Einsatzzentralen und Trabanten nicht mit Waffen, sondern mit Fässern, Zelten und Blaskapellen zu beliefern?
Das Grundproblem läßt sich so nicht lösen, freilich. Aber in wie weite Ferne dieses Grundproblem rutschen kann, wenn die Birne dröhnt, der Magen surrt und die Glieder knarren, weiß jeder, der schon mal einen seriösen Wiesnbesuch hinter sich gebracht hat, und manchmal ist das Unmittelbare eben näherliegend als hehre Philosophie (und ob die Welt überhaupt zu retten ist, diskutieren wir dann ein andermal).

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Sonntag, 5. Oktober 2014

Belästigungen 17/2014: Zu spät! Zu spät! Zu spät! (eine Perlenkette vorherbstlicher Abschweifungen)

Menschen sind immer zu spät dran. Kaum stürmt Mitte August der alljährliche Vorherbst bzw. Viertelwinter, den jeder seit den ersten Sommerferien seines Leben kennt, mit gewohnt überraschender Vehemenz daher, hat der Mensch auch schon die Liste mit den ganzen Seen und Flüssen, in denen er heuer unbedingt mal baden mag, fertiggestellt. Blubb, denkt er sich, hm, wird schon wieder schöner.
Kaum hat sich der Mensch dann daran gewöhnt, daß nun wohl eher die Saison der Radltouren angebrochen ist, und sein altes Klappergestell endlich doch mal zum Richten gebracht, fängt es zu schneien an, und da fällt ihm ein, daß er seit dem ersten Frühlingsblinzeln jeden zweiten Tag gedacht hat: Heuer bin ich schlau und trage jeden zweiten Tag (also morgen) so viel herumliegendes Brennholz ins Haus, daß ich im Herbst nichts bestellen muß. Daß er aufgrund dieses tröstlichen Gedankens und der allgemein betäubenden Wirkung der diversen Sommerverrichtungen und weil er den wie immer unverrichtet gebliebenen Vorsätzen im Sturmgebläue des Nachsommers angemessen nachtrauern muß(te), das mit dem Bestellen ebenfalls vergessen hat und nun der Keller leer ist und die Holzpreise sich saisonbedingt verdreifacht haben, versteht sich irgendwann um die Weihnachtszeit herum von selbst.
So geht es ihm mit allem, dem Menschen. Der Vogel sieht, wie ein Wurm unvorsichtigerweise seinen Hintern aus dem Boden reckt, und ehe er noch denken kann: „Oho! Den werde ich mir bei nächster Gelegenheit schnappen!“, ist der Wurm schon ins Gekröse verleibt und der Zufallsblick auf die nächste vorwitzige Made gerichtet. Der Mensch hingegen schreibt sich allerhöchstens einen Alibitermin auf, den er Anfang Januar beim Übertragen der Geburtstage in den neuen Kalender wiederfindet, mit einem nostalgischen Weh im Oberbauch und dem Gedanken „Ach ja! Diesmal aber ganz bestimmt!“ bedenkt und wieder vergißt.
So geht das Leben dahin als Perlenkette verpaßter, vergessener, versiebter und verschobener „Dann“- und „Nächste Woche“-Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen, die einem pfeilgrad in den Sinn kommen, wenn man erfährt, daß sie wegziehen, heiraten oder gestorben sind. Und dieser Mechanismus ist dermaßen ins genetische Grundprofil des Homo sapiens eingeprägt, daß er sich kollektivpolitisch ebenso vehement durchsetzt. Zum Beispiel wenn der sogenannte christliche Westen wähnt, er könne die Folgen seiner Versuche, den vorderen Orient durch zügellose Massaker und Zerstörungsfeldzüge dem heiligen Schoß seiner Kirche (die den Beinamen „Wirtschaft“ trägt) einzuverleiben wie der Vogel sich den Wurm, wiedergutmachen oder aus der Welt schaffen, indem er tausend Jahre später Panzer, Raketen und Maschinengewehre dorthin exportiert.
Oder zum noch umfassenderen Beispiel indem er just in dem Augenblick, wo ihm klar wird, daß er allen Warnungen zum Trotz seine eigene Lebensumwelt dermaßen zerspreißelt und vernichtet hat, daß nichts mehr zu retten ist, „Klimakonferenzen“ veranstaltet, zu denen Blablagesandte sämtlicher Weltgegenden mit Düsenjets eingeflogen werden, und sich einen Plastikaufkleber mit der Weissagung der Cree („Erst wenn der letzte Baum …“) auf den Kofferraum bappt.
Wahrscheinlich ist das alles halb so schlimm. Wahrscheinlich sollte man sich mit der Erkenntnis abfinden, daß alles immer eh und sowieso zu spät ist, kommt und auffällt. Aber auch das ist ein menschliches Naturgesetz: Im augustischen Vorherbst verschwimmt der innere Blick, löst sich von der Gegenwart, streift ziel- und zwecklos durchs Gestrüpp des Vergessenen und Unangeknüpften. Und weil das wohl jedem so geht und jeder sich dann wehmütig an eine romantische Begegnung vor drei, fünf, vielen Jahren erinnert, als deren Fossil immer noch ein Telephonnummernzettelchen an der verstaubten Pinwand hängt oder eine Uralt-SMS im viertletzten Handy herumschwebt, – wahrscheinlich deswegen packt einen periodisch der Wahn, die Welt retten zu müssen: Weil sie sich derweil und seitdem so gründlich und total und unbemerkt verändert hat, daß man sich nicht mehr darin zu Hause fühlt.
Wo ist die Kneipe hin, wo man damals den verträumten Blick der wundersüßen Braunhaarigen eingefangen hat, die man unbedingt bei nächster Gelegenheit wieder suchen und finden wollte, um fürderhin in Liebe und Glück zu leben? Worum ging es in dem Buch, das man vor ewigen Zeiten aufgeschlagen auf Seite 142 neben das Sofa gelegt hat und beim spätsommerregenbedingten Wohnungsputz unter einem Staubteppich wiederfindet? Egal, es gibt dringendere und drängendere Menschheitsprobleme! Verbringen wir lieber den Nachmittag damit, Petitionen zu unterzeichnen und Kettenmails an Bundeskanzlerinnen zu versenden!
Ich weiß: All diesen Gedankengängen entspringt und entsprießt nichts als ein bläuliches Wölkchen der Erkenntnis, das gleich wieder zerstiebt und neuen Wichtigkeiten Platz macht, die aufgeschoben und verdrängt werden müssen. Aber genau deshalb bitte ich um Vergebung, daß ich heute all die wichtigen Dinge, von denen man mir mit der Bitte und Aufmerksamkeit und Engagement berichtet, vergessen muß, um den inneren Blick verschwimmen zu lassen und eine Telephonnummer zu wählen, von der ich gar nicht weiß, ob es sie noch gibt, und eine Uralt-SMS zu beantworten, bevor das viertletzte zum fünftletzten Handy wird und die Absenderin wegzieht, heiratet oder stirbt und ihren verträumten Blick für immer mit sich nimmt …

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Sonntag, 28. September 2014

Belästigungen 16/2014: Von den Freuden des Kefirs, den die Muße küßt

Es gibt Zeiten, da bricht die Faulheit mit einer solchen Vehemenz über einen herein, daß es regelrecht beängstigend sein könnte (wenn man nicht viel zu faul wäre, um sich zu ängstigen). Da schafft sie es, den Menschen zu lähmen und in seinen Sessel hineinzulegen wie einen Liter Kefir, den man ohne größeren Aufwand nicht mehr aus den Polstern herauskriegt. Um solche Wirkungsmacht zu entfalten, bedient sich die Faulheit perfider Strategien und fieser Werkzeuge in der realen Außenwelt.
Zum Beispiel: hat man an einem beliebigen Tag das angeborene Programm an Prokrastinationsbemühungen (umständliches Kaffeekochen, sporadisches Geschirrspülen, ergebnisloses Aus-dem-Fenster-Starren, langwierige Verabschiedung der Übernachtungsgästin, zweckloses Herumzappen zwischen identischen Radiosendern, Herunterleiern tausender Witzbild- und Sinnsprucheinträge auf Facebook, Löschen einer knappen Million Spammails mit dem Betreff „Get slim fast!“ usw. usf.) einen ganzen Vormittag lang absolviert und sieht sich nun von diversen Abgabeterminen genötigt, doch mal eine einigermaßen aufrechte innere Haltung einzunehmen, um Buchstaben zu Wörtern und womöglich einem kompletten, druckbaren Text zusammenzukleben. Und just in diesem Augenblick gibt die Faulheit der Festplatte den Befehl „Platz!“, woraufhin diese pfeilgrad und gehorsam platzt. Der Bildschirm verdunkelt sich, und wiederholte Versuche, ihm wieder Helligkeit und ein geordnetes Aussehen einzubleuen, enden ebenso erfolglos wie das allabendliche Experiment, die Sonne mit intensiven Beschwörungen dazu zu bringen, ein paar Stunden später unterzugehen.

Das ist blöd, läßt sich aber nicht ändern. Vielleicht, meint man, ist dem Ding ja bloß zu heiß, also wartet man, blättert derweil in der Zeitung und erfährt, ein Kieler Soziologieprofessor namens Prahl habe darauf hingewiesen, daß das Recht auf Faulheit in modernen Gesellschaften viel zu sehr vernachlässigt wird. Diese nämlich sei die Grundlage aller Kreativität, welche folglich von dem ideologischen Zwang, um jeden Preis aktiv zu sein, bedroht werde. Da hat er recht! denkt man, und schon liegt man im Sessel wie Kefir und ist zu faul, um auch nur die Zeitung in der Hand zu halten. Es ist ein brutales Duell, das sich da abspielt. Um ihren Zwang zum Dauerrödeln und -wuseln auszuüben, hat die böse Ideologie die Elektronik erfunden, die den Menschen auf Trab hält, und sei es nur durch das pausenlose Abspielen von „Bing!“-Tönen und das auffordernde Flackern der Webseiten, die bedient werden müssen. Das funktioniert mit einer gnadenlosen Effektivität, wie man sie früher nur in der Welt der Hifi-Freaks kannte, die stundenlang vor Geräten saßen, an die man heutzutage Räder schrauben würde, um sich damit in den Stau auf dem Mittleren Ring zu stellen, und an Klirrfaktoren, Abtastelementen, Antiskatingskalen und Equalizerschiebreglern (oder irgendsowas) herumjustierten, damit sie demonstrieren konnten, wie phantastisch eine Rex-Gildo-LP klingen kann. Kaum aber ist die natürliche innere Sperre gegen jede Form sinnloser Tätigkeit gebrochen und will man sich einreihen ins Heer der Ameisensklaven, kommt die Faulheit daher und macht die Geräte kaputt und läßt zu allem Überfluß auch noch EC-Karten verschwinden, so daß man sich nicht mal mehr die Zeit mit ersatzweisem Konsum von überflüssigen Produkten vertreiben kann (und wenn ein ganz Vorwitziger meint, er könne mit altmodischem Bargeld kontern, schiebt sie eben einen tagelangen Schnürlregen daher).

Man muß ihr dankbar sein; man sollte selbst den Computergangstern dankbar sein, die einem für tausende Euros wohldesignte Schrotthaufen andrehen, die nach drei oder vier Jahren zuverlässig und geplant den Geist aufgeben und die Texte, Bilder, Notizen, Töne, Gedanken, Erinnerungen, Telephonnummern, Adressen, die Arbeit und den Schmarrn und die Schmarrnarbeit ganzer Tage, Wochen, bei entsprechend laschem Backupverhalten womöglich eines ganzen Lebens mit sich in den Abgrund reißen und höchstens ein paar unbrauchbare Schnipsel, Brösel und Fragmente hinterlassen, aus denen sich nie mehr die letzte Mail an die Exgeliebte, das Erinnerungsphoto vom letztjährigen Sonnwendfeuer oder die Folge der Reihe „Belästigungen“ zusammensetzen läßt, die eigentlich an dieser Stelle stehen sollte. Man muß ihnen dankbar sein, weil nach Überwindung des momentanen Schocks nichts so ausgeglichen, ruhig und zufrieden macht wie zwei, drei Tage lang im Sessel zu flacken wie ein Liter Kefir, dem Regen beim Regnen und der Zeit beim Kriechen zuzuschauen.
Oder zwischendurch, so man sich aufraffen kann, wahllos ein altes Buch aus dem Regal zu ziehen und mit etwas aktivem Glück den famosen Klassiker „Das Recht auf Faulheit“ von Paul Lafargue zu erwischen, 1966 neu herausgegeben von dem kürzlich verstorbenen Iring Fetscher, der im Vorwort schreibt, die „kleine Streitschrift“ möge „heute einigermaßen veraltet erscheinen, wird doch selbst in Deutschland nur noch wenig über extremen Fleiß geklagt“.

Das Deutschland, von dem Fetscher da erzählt, denke ich, das hätte ich gerne mal besucht, ho ho. Aber vielleicht war seine Beobachtung gar nicht so arg abwegig, schließlich: besaß damals nachweislich niemand einen Computer, nicht mal einen Taschenrechner; Telephone hatten gemütliche Wählscheiben, Tablets waren aus Papier, in Stoff gebunden, und was man Arbeit nannte, bestand (von gewissen Berufsgruppen abgesehen) darin, daß man zwischen den Brotzeiten irgendwo stand oder saß, gemütlich an etwas herumwerkelte und nebenbei lustig plauderte.

Die Faulenzerei tritt übrigens auch unter dem Decknamen Muße auf und muß sich als solche von kapitalistischen Eiferern als „Müßiggang“ geißeln lassen, mit dem alle Laster ihren Anfang nähmen. Aber das stört sie nicht weiter; eines nicht fernen Tages wird sie mit dem Kapitalismus das gleiche machen, was sie jetzt schon regelmäßig mit Computern und Telephonen macht. Und dann: wird sie uns küssen und in Kefir verwandeln.


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Sonntag, 24. August 2014

Belästigungen 15/2014: Randbemerkungen zum größten Skandal der Welt

Ich habe heute meinen alten Kater beerdigt. Es war ein langes, langsames Sterben, das er hinter sich bringen mußte; und während ich das schreibe, wird mir wieder einmal klar, daß Sprache für gewisse Dinge in den Randbereichen der Welt nicht geeignet ist. Denn selbstverständlich hat er nichts hinter sich gebracht, weil er nicht mehr ist und deshalb auch nichts hinter sich haben kann. Eher hat etwas ihn hinter sich gebracht, aber auch dafür müßte er noch sein. Es ist gleich.
Es mag pietätlos wirken, aber während man am Sterbebett eines alten Katers sitzt und nichts tun kann außer warten, gehen einem mancherlei Dinge durch den Kopf, und da hat man auch mal wieder Zeit, die Zeitungen durchzublättern, die man sonst achtlos in den Müll wirft, weil einem das Gebrumsel und Gebrabbel der neoliberalen Journalistendarsteller den Nerv tötet und die gute Laune zersetzt.
So erreicht mich pfeilgrad eine Meldung von Bischof Tutu, von dem man lange nichts gehört hat, weil … na ja, wer will schon was von einem Bischof hören? Bischof Tutu jedenfalls, so wird gemeldet, habe „Sterbehilfe für Sterbenskranke“ befürwortet. Und da fällt mir pfeilgrad eine frühere Bekannte ein, die mir einst erklärt hat, man müsse Menschen, die nur noch nutzlos herumliegen, „abspritzen“ und sie werde sich, wenn sie eines Tages nur noch nutzlos herumliege, auf jeden Fall „abspritzen“ lassen. Ich kann mich an mein Entsetzen erinnern, und ich weiß noch, wie lange ich zu verstehen versucht habe, wieso ich so entsetzt war.
Ich hatte mit einigen Menschen zu tun, die gestorben sind, und habe einige Gespräche geführt, in denen es um das Sterbenwollen ging. Eine hochbetagte ehemalige Nachbarin, die dreimal zum Sterben im Krankenhaus war, meinte, man könne sich gar nicht vorstellen, wie schwer das sei, das Sterben. Dann hat sie tief geseufzt, ihre Einkaufstasche genommen und ist die Treppe hinaufgerumpelt wie eh und je, und eines Tages ist sie doch noch gestorben.
Ich bin der Ansicht, daß in der ganzen Erdgeschichte noch nie ein Lebewesen und auch kein Mensch sterben wollte; denn um etwas zu wollen, muß man wissen, was es ist, und das weiß niemand. Dennoch war noch nie so viel vom Sterbenwollen die Rede wie in den letzten Jahren. Das ist wahrscheinlich eine weitere düstere Blüte an dem üblen Strauch, auf dem auch die milliardenfache industrielle Tötung von Tieren (und ihre Entsorgung in Fastfoodmülltonnen), eine abgründig entfesselte kapitalistische Apparatemedizin, ein europaweiter Handel mit aus lebendigen Menschen herausgeschlachteten „Spenderorganen“ und diverse andere Dinge blühen, die sich ein Hieronymus Bosch kaum ausdenken hätte können – aber sicherlich wollen, denn was ihn und die Betrachter seiner Bilder so fasziniert(e), ist genau dies: die Scheu und der Horror vor dem, was Menschen (nicht selten durchaus guten Willens) einander antun können, und vor der letzten Grenze, dem gewaltsamen, unwiderruflichen Hinausbefördern aus der Welt, dessen Unwiderruflichkeit Religionen, Philosophien und Epidemien von esoterischem Firlefanz geboren hat, weil es der größte Skandal der Welt überhaupt ist.
Es weiß eben niemand. Die das Ende selbst herbeiführen, umwehte in meiner Vorstellung auch stets eine changierende Aura. Was könnte lächerlicher sein als der aufrechte Nazioffizier, den man mit einer Pistole und der Empfehlung, selbst die Konsequenzen aus seinem Scheitern zu ziehen, im Büro einschließt und der den blödsinnigen Befehl dann auch noch ausführt? Und ich erinnere mich, wie der große (und unlängst gestorbene) Horst Tomayer bei der Beerdigung eines gemeinsamen Freundes für Bestürzung und Empörung sorgte, indem er in seiner Grabrede stur darauf beharrte, wenn man Familie und Freunde habe, hänge man sich nicht an einen Baum; das tue man einfach nicht. Ich frage mich bis heute, ob er recht hatte und ob sich nicht darin das ganze Problem widerspiegelt: Ob es nicht, wo es um den Tod geht, immer um die Überlebenden geht? Weil die Toten ja nicht mehr sind und daher nichts mehr hinter sich, vor sich, neben sich und um sich haben?
Das gälte dann nicht nur für Abschied, Trauer, das geduldige Hinnehmen von Leid und Unausweichlichkeit und so weiter, sondern eben auch für die sogenannte Sterbehilfe, der man unterstellen könnte, sie sei darauf ausgerichtet, Unnützes schneller aus der Welt zu schaffen, nicht mehr Arbeitsfähige, die nutzlos herumliegen und die man aufwendig versorgen müßte, zu beseitigen. Das Perfideste an diesem Gedanken wäre, daß ähnlich wie beim Arbeitszwang, der heute längst kein Zwang mehr sein muß, weil ihn die meisten komplett verinnerlicht haben, die Verantwortung auf den einzelnen überginge: Das Bedürfnis, eingedenk der eigenen Nutzlosigkeit lieber sterben zu wollen, träte als ebenso dringender und „natürlicher“ Wunsch auf wie jener, sich in einer Fabrik oder einem Büro ausbeuten zu lassen, anstatt nutzlos herumzuliegen, wie es das eigentliche natürliche Bedürfnis sämtlicher vernünftigen Lebewesen ist.
Wenn sich die Euthanasie solcherart durch kapitalistischen Massendrill im individuellen Unterbewußtsein einnistet und jede dritte Plapperdiskussion um die Nazivokabel „lebenswert“ kreist (und eben deren Gegenteil: das, was nicht mehr „wert“ ist, zu leben), sollte man vielleicht mal wieder bedenken, daß das Leben kein Geschenk ist, das man zurückgeben kann, keine Episode, keine Krankheit, kein Ausflug, kein irgendwas, woneben es anderes gäbe. Sondern: das Einzige als solches.
Freilich kenne ich das Gegenargument: Man wolle Leiden verkürzen etc. Auch das überzeugt mich nicht. Niemand sollte leiden müssen. Dafür stellt die Natur (ob absichtlich oder aus Versehen) ein großes Arsenal an Betäubungs- und sonstigen Mitteln zur Verfügung, deren Gebrauch dem Menschen jedoch von Wirtschaftsmacht und Medizinindustrie verboten wird. Ein anderes Thema.
Mein Kater übrigens ist annähernd hundert Prozent seines Lebens nutzlos herumgelegen und hatte daran sichtlich Freude. Am Ende hatte er, immerhin, Geduld. Adios, mein Guter, Friede sei mit dir.


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Dienstag, 12. August 2014

Belästigungen 14/2014: Com in poco de Hahno mit de Sprudeltanco! (Jipii! Jipii!)

Neulich war an dieser Stelle vom Wasser die Rede, was ein schönes Thema ist, auch für Leserbriefschreiber, die nun wettern (!), ich hätte mit meinen trotzigen Prangerungen wider die Regenlosigkeit als eine Art „Mind over Matter“-Medium psychokinetisch dafür gesorgt, daß es nun fast nur noch regnet.
Was sich die Leute vorstellen! Ich weise darauf hin, daß mein durchaus Geistesverwandter Donald Duck dereinst zwar krude verschmückt in der Prärie herumgehüpft ist und mit dem Choral „Jipii, jipii! Com in poco de locho mit de wassertanco!“ für einen regelrecht flußsprengenden Guß gesorgt hat. Indes ist einschränkend hinzuzufügen, daß dahinter eine durchaus typische Melange aus technischem Wunderklimbim und esoterischem Humbug steckte (und zwar mag es vorkommen, daß ich, wenn ich mich unbeobachtet wähne, meine Wiese mit Nackttänzen bespiele und dabei durchaus seltsame Verse skandiere, aber die meteorolgische Wirkung solchen Tuns hält sich in engen Grenzen).
Nein, Wasser aus dem Himmelshahn kommt, wie es kommt, und gerne kommt es Anfang Juli; jedenfalls verzeichnet das Tagebuch des Fünfzehnjährigen, der ich in gewissen Momenten noch bin, aus jenem Juli Einträge wie „Es regnete und regnete“ sowie „Dauerregen“. Perennial aber ist das Klagen des Menschen über zuviel beziehungsweise zuwenig Naß von oben, drum wollen wir’s dabei bewenden lassen – am liebsten wäre ihm halt, es wäre das Wetter wirklich ein Hahn, den er aufdrehen und zudrehen könnte, wie es ihm beliebt.
Am Wasser übrigens läßt sich ganz gut auch der jeweils aktuelle Stand des kapitalistischen Weltverformungsprozesses ablesen. Eine wichtige Funktion dessen ist es, auf der einen Seite „Angebote“ und Privilegien zu schaffen, indem auf der anderen Seite etwas gestrichen, gekürzt, eingeschränkt und abgeschafft wird. Zur Illustration dieser Binsenweisheit erreicht mich via einen Freund in Irland die kuriose Kunde, daß die dortige Monetengentry um Zuge der Umwandlung von Städten in Luxusquartiere mit Verwahrstationen für Menschenmaterial und Humankapital außenrum sich neuerdings einen dritten Wasserhahn ins Haus montieren lassen können, aus dem Mineralwasser hervorsprudelt (und zwar, dies steht zu vermuten, aus den Reservoirs des Nestlé-Konzerns, der zu diesem Zweck seit längerem bemüht ist, sich die Eigentumsrechte an den entsprechenden Quellen auf der ganzen Welt zu beschaffen).
Das geht freilich nicht umsonst, und bezahlen müssen wie immer die anderen. Drum hat die irische Regierung im Auftrag der „Troika“ (die dafür zu sorgen hat, daß die Spekulanten und Banken ihr während der „Krise“ verzocktes Geld zurückkriegen) das Unternehmen „Irish Water“ gegründet und es damit beauftragt, sich erst einmal für 20.000 Euro ein chices Logo schnitzen zu lassen und dann 1,2 Millionen Wasseruhren zu installieren, damit man dem niederen Volk, das sich bekanntermaßen zügellos braust, die frisch eingeführten Wassergebühren abknöpfen und damit noch mehr Mineralwasserhähne in Luxustempel hineinschrauben kann. Und weil irisches Trinkwasser sowieso recht teuer ist – die jahrhundertealten Leitungen sind nämlich dermaßen marode, daß fast die Hälfte davon im Boden versickert (und anderswo wieder austritt, vermutlich vorzüglich dort, wo Nestlè-Pumpen stehen). 500 Euro pro Haushalt kostet das (es handelt sich um Hi-Tech-Uhren, mit denen man über Funk den Hahn abdrehen kann, wenn jemand nicht blecht), und berappen tut das nicht etwa „Irish Water“, sondern der Gebührenzahler.
Indes ist der Ire, wiewohl durch Rauchverbot und diverse Antikrisen- und andere Verelendungsmaßnahmen versuchsweise gezähmt, immer noch ein notorisch ruppiger Kerl, der seine über die Jahrhunderte erkämpften Menschenrechte nicht so ohne weiteres auf den Müllhaufen der Geschichte kippen läßt. Drum stehen die Behörden nun vor dem Problem, daß allüberall im Land Bürgerinitiativen und schneidige Einzelkämpfer die Zählgeräte demolieren, ramponieren, ruinieren, abmontieren oder deren Einbau gleich von vornherein verhindern, indem sie die damit beauftragten Tagelöhnertrupps verscheuchen. Daß die UNO die Entsendung von Blauhelmen erwäge, damit das H2O-Gerangel nicht zum Bürgerkrieg ausartet, ist vorläufig nur ein Pubgerücht.
Wie man derlei Renitenz schon im Ansatz verhindert, demonstrieren mal wieder die sowieso für proletarische Solidarität nicht eben notorischen Amis, und zwar vorbildhaft in Detroit, der ehemaligen „Motor City“, die einst dutzende Millionen Autos in die Welt pumpte und nun, da niemand mehr Autos aus Detroit möchte, zum Restghetto für jene verkommen ist, die zu alt, zu krank oder zu arm sind, um der Megaruine zu entfliehen und sich anderswo ausbeuten zu lassen. Denen dreht die Verwaltung das Wasser einfach generell ab, weil sie sowieso nicht zahlen können und man das Geld, das man weniger Armen an Steuern rausleiert, für ferngesteuerte Tötungsflugmaschinen und anderen Klimbim braucht. Sollen sie (um ein Zitat einer klassischen französischen Herrschdame abzuwandeln) bei Nestlé anfragen, wenn sie Durst haben.
Übrigens stand ich neulich an der Kasse eines Supermarkts im (wie man so verräterisch sagt) „sozial schwachen“ Münchner Norden – und vor mir zehn Menschen mit jeweils einem oder zwei Sixpacks Plastikflaschenwasser. Und da frage ich mich jetzt schon mit einem leicht unguten Kribbeln im Hinterkopf, ob da nicht was im Gange ist, was damit zusammenhängen könnte, daß der dortige Grundwasserspiegel in den letzten eineinhalb Jahren um eineinhalb Meter gesunken ist … Wenn da mal nicht demnächst jemand den Gewitterhahn aufdreht und, während wir dem Biergarten entfleuchen, ätschend unter der Sprudeldusche steht – your turn, Verschwörungstheoretiker!



Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Montag, 21. Juli 2014

Belästigungen 13/2014: Vom Fracksausen unter dem Apfelbaum – oder: Wo bleibt die Schmetterlingsraupensteuer?

Es liegt mir fern, mich über Regenlosigkeit zu beschweren, weil ich kaum etwas lieber mag als sinn- und bekleidungslos auf der Erdkugel herumzuliegen, müßig-nostalgische Gedächtnisfühler in alte Donald-Duck-Hefte hineinzustrecken und zuzuhören, wie unendlich langsam leise die wundervolle Zeit dahinschmilzt und sich mit kaugummibunten, romantisch blütenduftigen Erinnerungen füllt. Aber hin und wieder tut ein bißchen Wasser keinen Schaden, und wenn’s nur dafür wäre, daß die Kaninchenbande mal wieder ein bißchen weniger unmutig schaut, weil der zweibeinige Versorgungshase mal wieder was anderes daherbringt als struppiges Distelstroh, bleiches Hartheu und staubiges Korn.
Dazu indes muß es regnen, und das tut es manchmal ungern, weil der Mensch mit solcher Emsigkeit Auto fährt, Wachstum erzeugt und das Klima verdröselt. Zum Glück hat die Natur vorgesorgt und in ihrem Keller einen Haufen von dem förderlichen Feuchtzeug gebunkert, das man notfalls heraufpumpen kann. Dabei kommt auch noch der im Brunnenrohr hausende Laubfrosch in den Genuß einer frischen Dusche, und so ist alles zur Zufriedenheit aller geregelt.
Das heißt: wäre. Leider nämlich lagern dort drunten noch andere Sachen, die Begehrlichkeiten wecken, zum Beispiel das schwarze Schmierzeug, auf das die Autofahrer so scharf sind. Viel ist davon zum Glück nicht mehr da, die Reste sind gerne mal in Steine, Sand und sonstiges hineingesickert und müssen, damit der Motor der Wirtschaftsmaschine nicht knirscht, herausgespült werden. Man frage bitte nicht genau, wie das geht; jedenfalls werden dazu große Mengen Wasser und schweinsgiftige chemische Kampfstoffe in den Leib der Erde hineingepumpt. Man nennt das angemessen martialisch „fracken“, und was zurückbleibt, sind äußerlich möglicherweise nur mittelschwer, innerlich jedoch erheblich abgefrackte Landschaftswracks, deren Wasservorräte mit schweinsgiftigen chemischen Kampfstoffen verpestet sind.
Daß diese Verpestung laut Auskunft der industriellen Täter und ihrer regierungsamtlichen Lakaien üüüberhaupt nicht schlimm und toootal unbedenklich ist, können wir getrost in den Schrank mit den Sagen und Lügenmärchen verräumen, wo diesbezüglich schon einiges lagert, von Contergan, Ritalin und anderer Arschmedizin über DDT, PVC, Gengemansche und Tralala bis hin zur bombig gesamtplanetar strahlenden Atomruine. Das müssen die sagen, weil man sie sonst nicht fracken läßt, und das müssen sie nun mal tun, wg. Wachstum.
Da trifft es sich doch pfundig, daß immer mal wieder die Terrororganisation FIFA über ein Land herfällt, es mit Betoncolosseen zubetonieren läßt und in diesen ein paar Wochen lang einen firlefantösen Karneval mit Plastikbällen veranstaltet, der die gesamte Erdbevölkerung an die Bildschirme und Leinwände fesselt, während die regierungsamtlichen Lakaien mal so eben husch husch ein Gesetz durch den parlamentarischen Wolf wursten, von dem die Betroffenen (also letztlich: alle) erst was mitkriegen, wenn sie sich über Thomas Müller und das in Stadien und Garderoben herumdümmelnde Bundesmerkelchen zu Ende beömmelt haben. Wenn unter ihrem Brunnen und ihrer Garage die Frackerei losgeht, aus dem Wasserhahn schweinsgiftige chemische Kampfstoffe hervortröpfeln und sie einigermaßen sauberes Wasser nur noch in (wenigstens weniger schweinsgiftigen) Plastikflaschen von Nestlé kaufen können.
Dann marschieren sie gerne mal hordenweise Straßen entlang, skandieren was von „dagegen“ und „Schluß“, das Merkelchen macht Tutsitutsi, der umweltministerielle Mops verdreht ein paar Bezeichnungen und Sätze so, daß am Ende „Wachstum“ herauskommt, und heißa! – da nahen ja schon die nächsten Spiele oder Meisterschaften oder sonst was.
Ich habe übrigens eine Elektropumpe, die zwar nach dreißig Jahren Aufenthalt unter einem Apfelbaum nur noch beschwerlich und keuchend läuft, aber immerhin. Die, dachte ich mir, werde ich nun, um Oberarm und Laubfrosch zu schonen, mal an die Solarzelle hängen, in Betrieb setzen und dabei neben Wasser noch das befriedigende Gefühl gewinnen, an der vielbeplapperten „Energiewende“ teilzuhaben (die selbstverständlich ein reiner Schmarrn und Humbug ist, aber dazu ein andermal).
Aber siehe da: Schon haben die regierungsamtlichen Lakaien ein weiteres Gesetz erwurstet, das diesmal vorsieht, daß für privat erzeugte und genutzte Sonnenenergie hinkünftig Steuern zu entrichten seien. Da könnte ich nun ganz renitent werden. Nämlich erzeugen und nutzen in unserem Kleinparadies nicht nur die Solarzelle und die greise Rowi-Pumpe Sonnenenergie, sondern auch der Kirschbaum samt Fruchtbestand, die Wiese, der Wein, die Pfingstrose, der Pfirsich, Spargel, Kiwi, Kaki und Marone, Him-, Brom-, Johannis-, Stachel-, Erd- und sonstige Beeren, Nüsse, Kräuter, Blumen, ja letztlich jede einzelne Hautzelle nicht nur meines Körpers, sondern auch von Vogel, Igel, Kaninchen, Maus, Grashüpfer, Libelle, Frosch und Kröte, Biene, Hummel, Weps, Hornisse und so weiter und so fort.
Man könnte ein Bataillon der findigsten Steuerbeamten auf Draht halten, indem man die erforderlichen Formulare anfordert und des Nachfragens nicht müde wird, bis auch das letzte erstellt ist: „Junger Mann, der Teerlack auf meinem Hüttendach trocknet infolge effektiver Nutzung von Sonnen- und Windenergie! Ich ersuche um Zusendung der Anlage TLAMHD in dreifacher Ausführung oder eines gängigen Ersatzschriftstücks! Und geht das auch online über Elster? Und sind die Angaben für Raupen und Puppen im Schmetterlingsbogen zu erstellen oder gibt es hierfür jeweils eigene?“
Aber was, ich mag kein Querulant nicht sein, schon gar bei diesem Wetter, und deswegen werde ich den Pumpenkrüppel gnadenweise unter den Apfelbaum pflanzen, mir statt dessen ein schnittig-modernes, luftgekühltes Viertaktbenzingerät holen und es so lange mit gefracktem Sprit beheizen, bis Deutschland endlich Rekordweltmeister ist, dem Merkelchen die Schüttelhand vergichtet und Thomas Müller sein zweitausendstes Tor erzielt. Oder ersatzweise: bis es wieder regnet.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.