Montag, 8. April 2013
Das Horoskop spricht:
"Warum haben Sie noch immer nicht die unterschwelligen Probleme mit dem Partner besprochen? Die aktuellen Planetenkonstellationen weisen Sie darauf hin, dass der Zeitpunkt für ein offenes Gespräch absolut günstig ist, verschiedene Dinge abzuklären."
Freitag, 5. April 2013
Beim Schreiben eines Romans ...
Ich bin zwanzigtausend Figuren
vor dem Spiegel,
Sternstaubspuren
in Kristallen (Lichterhuren)
und wir fallen, fallen, fallen –
fang mich auf
Ich weiß, das geht nicht,
fällst ja mit, nur seitwärts weg
in neue Wege,
ich: ins Dunkel
der Figuren, die als Schatten
mich umtanzen, Höllenhuren, Nachtangstspuren,
vor dem Spiegel:
Wer ist das? Das bin, nein: ist
nicht „ich“.
Ich bin vierzigtausend Gedanken
in den Büchern,
Schlafschweißtüchern,
in Moralen (Einsamkriechern),
und wir träumen, träumen,
träumen –
weck mich auf
Ich weiß, das geht nicht,
träumst ja mit, nur seitwärts
weg in neue Welten,
ich: ins Niemals
der Gewünsche, die wie Häute
mich umschließen, Daseinsfetzen, Taglichtgräue
in den Fenstern:
Wer ist das? Das ist, nein: bist
nicht „du“.
Ich bin acht Millionen Träume,
still und tot auch, irgendwie,
und laß es sein jetzt.
Belästigungen #406: Holdrio, wer rettet die Welt? (eher der Nichtstuer als der Held)
Ich solle, sagte mir ein aufmerksamer Leser, nicht mit
Marginalien meine Zeit verschwenden, sondern mich den Dingen widmen, die wirklich
zählen. Gemeint war nicht der zählende Papagei aus einer meiner liebsten
Donald-Duck-Geschichten (die ist wahrscheinlich eine Marginalie), sondern das, was
von „Bildzeitung“ und taz gerne zu „Helden“ ausgerufene Menschen
hauptberufungsmäßig tun: die Welt retten!
Oho. Da stellen sich ein paar Fragen. Wenn 99% der
Menschheit hauptberuflich damit beschäftigt sind, die Welt so schnell wie
möglich zu zerstören, ist es dann vernünftig, von der Menschheit zu erwarten,
daß sie die Welt rettet? Auf mich wirkt das so, wie wenn jemand in eine
Hühnerbraterei hineinstürmt, sich ein Hendl einpacken läßt, mit dem Taxi in die
Tierklinik fährt und dort einen idealistischen Veterinär sucht, der das Tier
heilt. Zweitens: Wenn die Menschheit alles daran setzt, die Welt zu zerstören, wer
wäre dann für jemanden, der die Welt retten möchte, der logische Hauptgegner?
Drittens: Wie fängt man damit an? Das zumindest weiß ich aus
Erfahrung: Man gründet eine Initiativgruppe, die Parolen, Empörungsfloskeln und
Binsenweisheiten austauscht, dabei viel Bier und Wein verzehrt (was dazu führt,
daß es am Ende nicht mehr um die Welt, sondern um Beziehungskram,
WG-Streitereien usw. geht), sich mehrere Male in kleinere, radikalere oder
gemäßigtere Gruppen aufspaltet, die Parolen regelmäßig leicht umformuliert, sie
schließlich auf ein Plakat kritzelt (wobei darauf zu achten ist, daß man nicht
selber was tut, sondern andere dazu auffordert: „Stoppt das sinnlose Töten!“
oder so) und sich damit vor ein Gebäude stellt.
Klar, so was kann eventuell Spaß machen und dem Aktiven
distinktive Argumente für Diskussionen mit unwürdigen Epigonen liefern: „Wir
haben damals wenigstens noch was getan!“ Es endet aber meist in übler
Streiterei, noch üblerem Geplapper, pseudopolitischen Schwanzvergleichen,
psychischer Zerrüttung und der Einsicht, vor lauter Streiten, Plappern,
Schwanzvergleichen und Zerrütten übersehen zu haben, daß man die Ursache des
ganzen Wahnsinns (die Ausbeutung zum Zwecke des Wachstums zum Zwecke des
Vergessens der Tatsache, daß das Leben endet) gar nicht verstanden hat. Dann
hört man im nostalgischen Vollrausch alte Progressive-Rock-Schandtaten („Don’t
Kill The Whale“) und ärgert sich über die vergeudeten Lebensstunden und -jahre.
Ehrlich gesagt: Dieses Elend möchte ich mir ersparen und die
Zeit, die mir bleibt, bis mir die Ausdünstungen der Aluminiumindustrie Hirn und
Körper zerfressen, lieber damit verbringen, mit lieben Menschen schöne Dinge zu
tun. Zumal inzwischen die Zerstörer selbst dazu übergehen, die Welt zu retten:
Die FDP beseitigt Ausbeutung, Armut und Umverteilung der gesellschaftlichen
Reichtümer von unten nach oben, indem sie sie einfach aus dem „Armutsbericht“
der Regierung herauslügen läßt. Die Bundesministerin für Ernährung und
Verbraucherschutz schützt die Verbraucher vor der Vernichtung durch die
Fettmüllindustrie, indem sie einen „Bioapfel“ in die Kamera hält und die
Fettmüllindustrie an die Schulen schickt, damit diese dort reumütig-zerknirscht
den zugefettmüllten Kinderlein „Ernährungsunterricht“ gibt. Der
Computerhersteller Foxconn, dem noch vor kurzem die „Mitarbeiter“ reihenweise
aus den Fenstern „in den Tod“ (d. h.: auf den Parkplatz der Bosse) gesprungen
sind, läßt unter den Fenstern Fangnetze anbringen und in die Arbeitsverträge
hineinschreiben, daß Selbstmord untersagt ist. Und die Waffenindustrie
produziert ihr Zeug sowieso nur noch für Freiheits-, Widerstands- und andere
Kämpfer gegen diverse korrupte, diktatorische und sonstige Regimes bzw. für die
von den Kämpfern errichteten neuen Regimes und ihre Bekämpfer usw.
Und über all das (und zwar am besten: das alles!) soll ich
mir den Kopf zerbrechen und diskutieren und irgendwas unterschreiben und ein
Plakat tragen und mich schreiend vor ein Gebäude oder eine Kamera stellen?
Anstatt mit lieben Menschen schöne Dinge zu tun?
Nein, das mag ich nicht. Wenn, dann stellvertretend, indem
ich den einzigen Menschen erwähne, dem es je gelungen ist, die Welt zu retten: Stanislaw
Jewgrafowitsch Petrow. Und zwar so: Am 26. September 1983, als die NATO mal
wieder besonders emsig bemüht war, die UdSSR abzuschrecken, und die UdSSR ganz
besonders Angst vor einem Atomangriff hatte, saß Herr Petrow nachts in der
Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung, als der Computer
plötzlich den Anflug einer US-Interkontinentalrakete aus Montana meldete. Kurz
darauf: eine zweite, dritte, vierte und fünfte Rakete. Was das hieß, war klar:
Petrow als leitender Offizier mußte den „Roten Knopf“ drücken, um den „massiven
Gegenschlag“ und die mutmaßlich totale Vernichtung des Planeten einzuleiten.
Und was tat Herr Petrow? Er sagte sich: Das ist sicher ein
Computerfehler. Und noch einer, und ein dritter, vierter. Hoppla, noch ein
fünfter. Er leitete nichts ein, informierte niemanden, gründete keine
Initiativgruppe, bemalte nicht kein Plakat, sondern blieb einfach sitzen und
dachte: Wenn ich unrecht habe, ist’s auch egal. Mit anderen Worten: Er tat
nichts. Die „Raketen“ erwiesen sich als Wolkenspiegelungen, die sowjetische
„Satellitenüberwachung“ als untaugliches Gelumpe. Und Herr Petrow quittierte
den Dienst, aus, wie man das so sagt, „familiären Gründen“.
Nicht das schlechteste Vorbild, finde ich.
Sonntag, 31. März 2013
Diversifiziertes Hören #2: Dieser iPod ist zu voll!
Superheavy (2011): Eine „Supergroup“ mit Dave Stewart – das
kann nicht werden, weil mit Dave Stewart fast nichts was anderes wird als
zickiger, überproduzierter 80er-Aufwasch. Mick Jagger und Joss Stone krähen
herum, um herauszufinden, wer lauter ist; überhaupt lärmen alle durch die
Gegend, als hätten sie ihre jeweiligen Beiträge an zehn verschiedenen Tagen in
zehn verschiedenen Studios aufgenommen. Haben sie wohl auch. Unerfreulich, to
say the least.
Jack & The Rippers hatten auf „I Think It’s Over“
zumindest mit dem Titel sehr recht: Die Zeit für billigen, wuchtigen, poppigen
Straßenpunk mit hübschen Brachialmelodien für Kneipenchöre waren 1978 definitiv
vorbei. Man begann das damals gerade „Powerpop“ zu nennen, für die Vermarktung
waren aber Amis zuständig, die so was mit gewaltigem Aufwand „billig“ und
direkt klingen ließen. Hier klingt es direkt und ziemlich gut, teilweise sogar
sagenhaft gut für einen wilden Sommer („Don’ Pretend“ knallt sogar die
Barracudas an die Wand), kommt aber nun mal aus der Schweiz (aus Genf), und was
hätte das die Welt gekümmert? Später wurden aus der Band die Zero Heroes, von
denen eine LP in meinem Regal steht, die ich in bald dreißig Jahren nicht ein
einziges Mal ganz angehört habe.
Hagood Hardy & The Montage, „Montage“ (1970): eine der
vielen harmlosen Sonnenpopgruppen, die Anfang der 70er noch so tun wollten, als
wäre Sommer 1967. Die Platte ist weitgehend freundlich und verträumt, hin und
wieder vorsichtig funky und eigentlich recht spaßig, bleibt aber nicht
wirklich, nein: überhaupt nicht als mehr im Gedächtnis als zartrosa
Klangpudding. Hardy selbst ist übrigens nicht eine der beiden Sängerinnen, die
sich hie und da harmonisch ein bißchen verhakeln, sondern der (ziemlich
virtuose) Vibraphonist.
Gus Vali „Motion Picture Music For Belly Dancers“ (1965) ist
genau das: „exotisch“ aufgepeppte Melodien aus „Charade“, „Mondo Cane“, „Alexis
Sorbas“, „Cleopatra“, „Topkapi“ und anderen Hollywoodstreifen bis -schinken,
viel Gedudel und Gepfriemel und Bongogetrommel, letztlich „interessant“ und
nervig.
Das selbstbetitelte Album von Hallelujah Babe (1971) ist meist
beschaulich-„romantischer“, bisweilen pathosgeladener Progressiv- bis Hardrock,
der zweifellos kompetent gespielt ist, aber in praktisch jedem Takt die Grenze
der Lächerlichkeit überschreitet. Interessant daran könnte (für Nerds)
höchstens sein, daß zwei der Beteiligten (Paul Vincent und Keith Forsey) später
bei der ebenfalls in diesem Genre tätigen Band Munich wirkten. Und freilich daß
Forsey mit Giorgio Moroder den typischen Donna-Summer-Klang und sein Schlagzeug
den „Munich Disco“-Sound etwa bei den mittleren (und meist schlimmen) Sparks,
bei Boney M. und La Bionda prägte, daß er als Produzent mit Billy Idol selber
einen richtigen Star gebar (was danach mit Charlie Sexton nicht so gut klappte)
und mit Soundtracks wie „Flashdance“ und „Beverly Hills Cop“ eine gute Portion
von dem beitrug, was die 80er so schrecklich machte. Ach, daß „Don’t You
(Forget About Me)“ von den Simple Minds von ihm stammt, sei hinzugefügt, um das
Bild abzurunden. Nichts davon ist hier zu ahnen, und das macht die Platte fast
schon erfreulich und ein Lied wie „The Winter Song“ fast richtig schön, bei
aller Käsigkeit.
Hamilton, Joe Frank & Turner: bemüht freundlicher und
relaxter Softrock; leider sind die Songs und Melodien so bemüht und an den
Haaren herbeigezogen, daß einem dabei sogar die Lust auf die Eagles vergeht ...
Handsome Family: netter, freundlicher Countryrock mit einem
ganz kleinen Schuss Velvet Underground.
Harpers Bizarre: versponnener Hippie-Sonnenschein-Pop, so
durch und durch nostalgisch verträumt, daß er damals (1967-69) schon wie aus
fernvergangenen Zeiten herangeweht gewirkt haben muß. Raffinierte,
einfallsreich arrangierte (und orchestrierte) Songs, die immer mal wieder an
die Monkees erinnern und zwar nicht im Ohr bleiben, aber so hübsch aufbereitet
sind, daß man sie tatsächlich vier Alben lang ohne Langeweile durchhält.
The Muffs waren, wenn ich mich recht erinnere, zur Zeit des
Erscheinens von „Blonder And Blonder“ (1995) eine von vielen
Green-Day-Punk-Bands mit biestigem Mädel am Mikro. Die hieß (und heißt) Kim
Shattuck und grölt bisweilen ein bißchen aufdringlich böslich herum, aber im
Vergleich mit späteren Pop-Punk-Mädelsbands ist dieses zweite Album eine echte
Freude mit vielen schönen Melodien und ziemlich viel Kraft, die zwar nie an
solche Granaten wie Be Your Own PET heranreicht, aber dem insgesamt doch recht
braven Genre ein schönes Glanzlicht aufsetzt.
Mungo Jerry klingen auf ihrem ersten Album von 1972 wie T.
Rex mit Backenbart und halbvollen Bierkrügen. Und (wenn ich mich recht
erinnere) nicht nur auf dem ersten.
Muscadine „The Ballad Of Hope Nichols“ (1998) klingt wie ein
kaputtes Echo des ersten Eels-Albums: ein Haufen zerfallender Fragmente von
Songs, aus denen keine geworden sind, weil keine draus werden wollten. Hat
einen zeitweise angenehmen Heroin-Chic ohne Heroin, aber ist halt letztlich
durchgehend immer wieder und immer dasselbe.
My Vitriol „Finelines“ (2000): Epischer,
theatralisch-pathetischer Lärmrock mit den üblichen leiseren Passagen,
teilweise ganz angenehm zu hören, aber so seelenlos und brachial
runtergeklopft, daß man sich nicht wundert, daß die Musiker nach diesem Album
(bislang) dreizehn Jahre Pause machten, in denen sie „an einem zweiten Album
arbeiten“. Wahrscheinlich sind sie, von ihrer eigenen Musik paralysiert, in
Dauerschlaf gefallen.
Lisa Germano „Geek The Girl“ ist mir zu involviert und zu
wenig musikalisch.
Ladytron soll wohl das 80er-Revival vorantreiben, ist aber
ohne Romo-Welle außenrum nicht weiter als asexuelle Kirmesmusik ohne die
manchmal aufblitzende Melancholie der Pet Shop Boys.
Karthago „Second Step“ (1973): Typisch deutscher
Kraut-Polka-Beat; alle wollen alles, und zwar am besten gleichzeitig: so viele
Töne wie nur möglich in den Takt pressen, solieren, funky sein, jazzig sein,
virtuos sein, etwas „aussagen“ und möglichst schwarzamerikanisch klingen.
Gelingt der Band, wenn der erste Rausch verflogen ist, erstaunlich gut, solange
den Musikern ihr individuelles Können nicht allzu sehr zu Kopf steigt.
Dorian Gray „Idahaho Transfer“ (1976): Richtig
dilettantisches Deutschgerocke aus Meinerzhagen im Sauerland, klingt
zwischendurch nach Meinung einiger Internetsammler ein bißchen nach der späteren
„Neuen deutschen Welle“, was aber vor allem daran liegt, daß Claudia Schnippel
definitiv nicht singen konnte und einfach den Tönen der Baßgitarre folgt, was
dann irgendwie nach Nichts und ähnlichen Bands klingt, logischerweise.
Ansonsten: So schlecht, daß es schon wieder arg sympathisch ist. Bis hin zu dem
herrlich idiotisch-naiven Songtitel „Nighttime Is Colder Than Outside“ ...
Downliners Sect: Eine der vielen nachträglich überschätzten
Bands des ersten Beatbooms, die höchstens durch unverschämte Texte und eine
besonders ruppige Spielweise auffällt. Kurios ist allerdings das in den meisten
Discographien fehlende Album „Punk Rock“ von 1977, eine ziemlich krasse Mixtur
aus Beat, weißem Brit-R&B (Mundharmonika) und frühem Pubrock/Rüpelpunk: So
kaputt, wie das klingt, sollte es wahrscheinlich nicht klingen. Wie ein Irrer,
der sich mit Ziegelsteinen die Beine und den Kopf zertrümmert.
Elliott Murphy „Elliott Murphy“ (2011): muß es wohl auch
geben, so vollkommen normalen Rock. Springsteen in der Nachbarsgarage,
technisch aufgemotzt, aber letztlich bei aller Feinheit der Details ein totes
Pferd. Früher (1973)
Empire! Empire! I Was A Lonely Estate spielen auf „Middle
Discography“ (2011) müdes Indiezeug, dem als Musikverweigerung sicherlich eine
ehrenwerte Motivation zugrunde liegt, das aber auch nicht mehr als Müdigkeit
erzeugt.
Federal Duck (1968) ist arg orientierungsloser und
kraftfreier Hippie-Pop, der zwischendurch auch mal in Countrygefiedel und eine
Fake-Jazz-Session hineinrumpelt, bei der niemand auf den anderen hört, weshalb
außer Lärm wenig herauskommt.
The Feelies „Crazy Rhythms“ (1980): zickig, kantig, nervös wavig,
aus heutiger Sicht wohl ziemlich überschätzt, aber auch spaßig.
FFF „Electric Violin Trash“ (1989): Punkband aus Bonn mit
ziemlich nervtötend „provokantem“ Sänger, aber interessanten Breaks und – eben
– einer elektrischen Geige, die die Holzhackerei mit ein paar ganz lustig
zirpenden Tupfern betupft.
The Field Mice „For Keeps“ (1991): Typischer
Sarah-Records-Traumpop mit achtlos dahinplätschernden Quintenharmonien und in
endlosen Hallräumen wie körperlose Staubsauger dahinschwebenden Damen- und
Jünglingsstimmen. In hymnischen Momenten sehr wehmütig schön, aber auf die
Dauer so aufdringlich blaßhäutig und friedlich, daß man unwiderstehliche Lust
auf Heavy Metal kriegt.
Fikret Kizilok „Singles 1970-1974“: Einer der größten Stars
der Türkei in den frühen Siebzigern; typisch voll mit Gefühl und bebender
Sehnsucht, aber ohne den Honigüberguß, den man aus diesem Genre kennt, sondern
eher souverän-gelassen und mit oft überraschenden harmonischen Ideen. Später
kommen dann auch Einflüsse aus dem psychedelischen Rock dazu, die er
erstaunlich einheitlich in seinen Stil einbaut.
Pieta Brown „Mercury“ (2011): Freilich schöne
Songwriterinnenmusik, die aus jedem Jahr und Jahrzehnt seit Joni Mitchell
stammen könnte; irgendwann wird sie einem belanglos, und dafür schämt man sich
dann fast ein bißchen.
Pink Military „Do Animals Believe In God?“ (1980):
Regionalliga-New-Wave mit angenehmem Gespür für die Kälte der damaligen
Stadtwelt, aber halt bloß Regionalliga.
Pissed Jeans „King Of Jeans“ (2009): Wow, das haut rein, und
wenn der Sänger nach drei Jahren dieser Tätigkeit noch ein normales Wort
rausbringt, ist er ein Poser. Schön, daß es nicht bloß knallt, sondern mit
coolen Arrangements den Kopf freibläst.
The Pop (alle möglichen Singles, Alben und EPs von 1976 bis
1979): fröhlich knalliger Powerpop, wie ihn damals im Schatten von Punk alle
möglichen Leute machten (die bei genauem Hinsehen gar nicht so viele waren).
Man denkt immer automatisch an Elvis Costello – so gute Songs haben sie
freilich nicht, aber Spaß macht’s trotzdem. Zwischendurch haben sie dann
allerdings so eine Hardrockphase gekriegt, das ist enorm anstrengend und
ziemlich absurd.
Mittwoch, 13. März 2013
Diversifiziertes Hören #1: Dido, Electric Mud, Elonkorjuu, Emma Ruth Rundle
Ich weiß: Menschen wie ich sollten so etwas am besten gar nicht erst hören, aber man muß sich gegen den eigenen Snobismus wehren und den Dingen eine Chance geben (heißt es). Und also: "Girl Who Got Away" (2013) ist eine Art akustischer Staubsauger, allerdings anders herum - schaltet man das Ding ein, flockt und staubt das Zeug heraus, das man nicht in der Wohnung haben möchte. Und zwar (im Gegensatz zum Staubsauger, der manchmal auch anderes schluckt) nur das.
Danach: "Electric Mud" von der gleichnamigen Band von 1971. Aus Deutschland, näheres unbekannt außer den Namen der Musiker, die dermaßen ungestüm losrödeln und in typisch deutscher 70er-Rock-Manier -düdel, -rappeln, orgeln, -hoppeln und ernsteln, daß die Lautstärke knapp über null bleiben muß. Ein bißchen teutonischer Blues, enorm viel Pathos und das übliche aufdringlich-expressiv-selbstentblöß/dende Getue, das man Anfang bis Mitte der 70er in Mikrophone knödelte, um "aufzurütteln" oder so (Songtitel: "Nichts zu essen in der Not", "Die Toten klagen euch an", "Immer das alte Lied" und "Hausfrauenreport"). Grausig und unbeholfen, freilich, aber irgendwie trotzdem sympathisch im Vergleich zum Zynismus des zuvor Erklungenen.
1972 erschienen ist "Harvest Time" von Elonkorjuu (Finnland, na klar). Der Bandname bedeutet "Ernte", deswegen hießen Elonkorjuu, als 1978 ihr zweites Album erschien, Harvest, und man kann sich denken, daß das die Welt nicht groß interessiert hat. Hätte der Sänger nicht den halbherzigen Wunsch, ein harter britischer Rocker zu sein, könnte man die Platte (die auf Vinyl 1.000 Euro wert sein soll) auch Electric Mud zuschreiben. So versteht man von dem Holzlattenenglisch kaum was, und deshalb ist das Ganze insgesamt so fröhlich lächerlich, daß man drei Songs lang fröhlich lachen muß.
Emma Ruth Rundle tut auf "Electric Guitar I" (2011) das, was sehr junge Menschen früher taten, wenn man ihnen (auf sehnlichsten Wunsch) eine elektrische Gitarre in die Hand drückte, sie aber nie gelernt hatten, Gitarre zu spielen: Sie erzeugt Geräusche, die man heutzutage "soundscapes", "experimental" oder irgendwie nennt, obwohl dabei keine Scapes entstehen und auch nicht wirklich experimentiert wird. Rundle kommt von der Post-Rock-Band Red Sparowes aus Los Angeles, die ich mir aber hiernach zumindest heute nicht anhören mag, obwohl der Titel ihres dritten Albums interessant klingt: "The Fear Is Excrutiating, But Therein Lies The Answer". Das erste Album hieß "At The Soundless Dawn", was auch von Electric Mud oder Elonkorjuu stammen könnte.
Danach: "Electric Mud" von der gleichnamigen Band von 1971. Aus Deutschland, näheres unbekannt außer den Namen der Musiker, die dermaßen ungestüm losrödeln und in typisch deutscher 70er-Rock-Manier -düdel, -rappeln, orgeln, -hoppeln und ernsteln, daß die Lautstärke knapp über null bleiben muß. Ein bißchen teutonischer Blues, enorm viel Pathos und das übliche aufdringlich-expressiv-selbstentblöß/dende Getue, das man Anfang bis Mitte der 70er in Mikrophone knödelte, um "aufzurütteln" oder so (Songtitel: "Nichts zu essen in der Not", "Die Toten klagen euch an", "Immer das alte Lied" und "Hausfrauenreport"). Grausig und unbeholfen, freilich, aber irgendwie trotzdem sympathisch im Vergleich zum Zynismus des zuvor Erklungenen.
1972 erschienen ist "Harvest Time" von Elonkorjuu (Finnland, na klar). Der Bandname bedeutet "Ernte", deswegen hießen Elonkorjuu, als 1978 ihr zweites Album erschien, Harvest, und man kann sich denken, daß das die Welt nicht groß interessiert hat. Hätte der Sänger nicht den halbherzigen Wunsch, ein harter britischer Rocker zu sein, könnte man die Platte (die auf Vinyl 1.000 Euro wert sein soll) auch Electric Mud zuschreiben. So versteht man von dem Holzlattenenglisch kaum was, und deshalb ist das Ganze insgesamt so fröhlich lächerlich, daß man drei Songs lang fröhlich lachen muß.
Emma Ruth Rundle tut auf "Electric Guitar I" (2011) das, was sehr junge Menschen früher taten, wenn man ihnen (auf sehnlichsten Wunsch) eine elektrische Gitarre in die Hand drückte, sie aber nie gelernt hatten, Gitarre zu spielen: Sie erzeugt Geräusche, die man heutzutage "soundscapes", "experimental" oder irgendwie nennt, obwohl dabei keine Scapes entstehen und auch nicht wirklich experimentiert wird. Rundle kommt von der Post-Rock-Band Red Sparowes aus Los Angeles, die ich mir aber hiernach zumindest heute nicht anhören mag, obwohl der Titel ihres dritten Albums interessant klingt: "The Fear Is Excrutiating, But Therein Lies The Answer". Das erste Album hieß "At The Soundless Dawn", was auch von Electric Mud oder Elonkorjuu stammen könnte.
Sonntag, 10. März 2013
Belästigungen #405: Hilfe, ich habe einen digitalen Kinderwunsch!
Eine Bekannte von mir erlebte erstaunliche Abenteuer mit
Internet-Dating-Seiten. Jedes Wochenende traf ein mittelalter Bursche mit
Koffer oder Tasche bei ihr ein, aus Dinslaken, Grevenbroich, Visselhövede oder
Stuttgart. Mit dem ging sie essen, in Konzerte und Museen und lotete
zwischendurch die Möglichkeiten einer Lebenspartnerschaft aus. Zwei von den
Burschen kamen mehrmals. Bei dem einen stellte sich heraus, daß er bereits
verheiratet war: Seine Frau rief die Bekannte an, ob sie die Kinder am
Hauptbahnhof abholen wolle. Der zweite kam eines Tages nicht, weil er wegen
Kreditbetrug inhaftiert worden war. Die optimistische Freundin konnte das nicht
verdrießen; sie präsentierte mir auf ihrem Laptopbildschirm freudig immer neue
Optionen: Männer mit Haarausfall in unterschiedlichen Stadien und Gesichtern,
die bei Ikea als Eierbecher erhältlich sind. Egal, sagte sie, sie habe nun mal
einen Kinderwunsch, und ein solcher Eierbechermann laufe ihr wenigstens nicht
bei der nächsten Gelegenheit davon.
Dann verließ mich meine sogenannte Partnerin, und die
Schwärmerei der Bekannten über ihre Internetdates wurde vehement. Ich müsse das
unbedingt probieren, sagte sie. Meinen Einwand, ich wolle von Frauen erst mal
nichts mehr wissen, tat sie mit einem wehmütigen Blick und dem Hinweis ab, ich
solle nicht so romantisch sein. Ich sagte, ich könne mir nicht vorstellen, daß
es lebende Menschen gebe, die sich zum Flirten in der Unterhose an den Computer
setzen und Formulare ausfüllen, und wenn doch, dann wolle ich mit diesen
Menschen jedenfalls nichts zu tun haben.
Weil ich mich so stur wehrte, wollte sie mir einen Gefallen
tun und meldete mich ohne mein Wissen bei einer Internet-Dating-Seite an. Davon
erfuhr ich erst, als mich eines Tages eine Mail mit dem Betreff „Neue Nachricht
für Sie!“ erreichte. Man teilte mir mit, ich hätte eine Kontaktanfrage von
„Susi123“ erhalten und müsse nun den nächsten Schritt tun.
Ich beschloß, Susi123 eine Chance zu geben. Um ihre
Nachricht lesen zu können, mußte ich allerdings zunächst 19,90 Euro auf ein
Konto in Luxemburg überweisen. Ich hatte nicht viel Erfahrung mit Prostitution,
wußte jedoch, daß in anderen Bereichen der Branche wesentlich höhere Preise verlangt
wurden, selbst wenn man nur „reden“ wollte. Dann erstellte ich mein Profil. Da
ich kein Foto von mir besaß, auf dem ich so aussah, wie ich mich aus dem
Spiegel kannte, lud ich aus dem Internet ein Bild des jungen Robert de Niro
runter, auf dem er mir ähnlicher sah als sich selbst.
Susi123 sah auf ihrem Bild aus wie Scarlett Johansson, was
meine Neugier wachsen ließ. Was ich sonst von ihr erfuhr, war weniger
erheblich: Alter 26, normale Größe, normale Figur, blaue Augen, Aussehen:
„attraktiv“. In ihrer Nachricht fragte sie, ob ich mit ihr Kontakt aufnehmen
wolle – was ich etwas ungeschickt fand, schließlich hatte sie ja bereits
Kontakt mit mir aufgenommen – und ob ich einen Kinderwunsch hätte.
O ja, antwortete ich, und zwar nicht nur einen: Matchbox-Autos!
eine Piratenpistole! Donald-Duck-Hefte! Im übrigen sei ich ein ganz normaler
Mann und an Kontakten immer interessiert, selbst wenn es nur ums „Reden“ gehe.
Vielleicht war ich zu ungeduldig: In den folgenden Wochen
wurde ich überschwemmt mit Kontaktanfragen von Frauen höheren Alters, die auf
ihren Fotos aussahen wie die Behälter, in denen man Milch aus dem Allgäu nach
Holland transportiert, und die ich als offensichtliche Irrläufer ignorierte.
Dann lief mein „Probeabonnement“ aus, ohne daß Susi123 geantwortet hätte. Ich
war so frustriert, daß ich am letzten Abend doch noch eine der Milchtransporteranfragen
beantwortete: Ich schrieb an „KuschelxxFl“, ich sei an Sex interessiert und ob
sie nicht heute abend nach München kommen wolle. Da die Angeschriebene in
Flensburg wohnte, fühlte ich mich einigermaßen sicher.
Tatsächlich bekam ich eine Antwort, allerdings von einer
Danielle, die sich als „Administrator“ bezeichnete und mir mitteilte, mein
Profil sei wegen Unangemessenheit gelöscht worden.
Meine Bekannte hatte mehr Glück: Kurz darauf erzählte, sie
habe einen seriösen Bewerber gefunden, mit dem sie zusammenziehen und umgehend
an der Erfüllung des gemeinsamen Kinderwunsches arbeiten werde. Sie wünschte
weiterhin Glück beim Internetdaten und riet mir, ich solle mich vor unseriösen Spaßvögeln
in acht nehmen, die mit Bildern von Models und Schauspielern Jagd auf
Unbedarfte machten. Weil sie mich gar so wehmütig ansah, fragte ich, ob sie
wirklich glücklich und verliebt sei. Da schaute sie noch sehnsüchtiger und sagte,
Verliebtheit sei ein romantischer Unsinn. Und weil ich jetzt doch neugierig
wurde, wollte ich wissen, unter welchem Namen sie eigentlich bei dem
Datingportal angemeldet gewesen sei.
„Susi123“, sagte sie, und aus ihrem rechten Auge rollte eine
winzige Träne, die sie schnell abwischte, als es an ihrer Tür läutete und freudestrahlend
ein glatzköpfiger Mann mit Koffer und Eierbechergesicht ins Haus stürmte. Zwei
Wochen später half ich beim Auszug.
Dann hörte ich lange nichts von meiner Bekannten. Erst nach
einem guten Jahr kam eine Mail, in der sie mir von der Geburt ihres Sohnes Anton
berichtete. Das Kind sei gesund, die Wohnung in einem Neubauviertel in
Wuppertal bezahlbar und hell, der Mann viel auf Reisen, ihr gehe es gut.
Ich habe nicht geantwortet. Das Baby auf dem beigefügten
Bild hatte einen irgendwie wehmütigen Blick.
(erschienen im IN MÜNCHEN, Heft 05/2013)
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