Freitag, 26. Juli 2013

Belästigungen #414: „Terror“! „Terror“! (und Nasenhaare für die NSA)


Die Vereinigten Staaten von Amerika wurden einst zu ehrenwerten Zwecken gegründet – „pursuit of happiness“ bla; zudem postuliert die Unabhängigkeitserklärung ein „Recht auf Revolution“, womit was ganz anderes gemeint ist als das Geplärr, mit dem zerzauste Punkhippies heutzutage ihre Biertischbewunderer beeindrucken möchten.
Lange her. Heute sind die USA eine gigantische Maschinerie zur Verhinderung von „Terror“, worunter sämtliche Versuche zu verstehen sind, dem Anschwellen der gesellschaftlichen Aknepickel, in denen sich Blut, Schweiß und Tränen von Milliarden Ausgebeuteten als geldiger Talg sammeln, Hemmnisse in den Weg zu räumen. Zu diesem Zweck ist der Riesenapparat Tag und Nacht damit beschäftigt, „Daten“ zu sammeln und alles zu überwachen, was auf Erden an Menschlichem kreucht, fleucht, schnauft, kauft, rauft, rudert, pudert, ömmelt und bömmelt. Keine E-Mail, die nicht archiviert, kein Brief, der nicht durchleuchtet, kein Telefongesäusel, das nicht auf relevante „Informationen“ geprüft würde – es steht zu vermuten, daß sich unter dem Hauptsitz der NSA in Crypto City (!) gigantische Bunker bis zum Erdmittelpunkt erstrecken, in denen Fantastilliarden von elektronifizierten Buchstaben und Ziffern herumschwirren und darauf warten, eines schönen Sankt-Nimmerleins-Tages „ausgewertet“ zu werden.
In Deutschland, wo „Terror“ seit dem Zweiten Weltkrieg praktisch nur von staatlich gesteuerten Naziorganisationen sowie der Springerpresse ausgeübt wird, geht man mit so was gelassen um. Zwar gibt es auch hier eine Reihe von „Geheimdiensten“, aber die sind so geheim, daß sie meistens selber nicht wissen, was sie gerade tun und je getan haben. Und während jeder popelige Grasbröseldealer relativ bald mitkriegt, wenn er polizeilich beäugt oder beohrt wird, könnten sich deutsche „Geheimdienste“ notfalls selbst abhören, ohne was zu merken. Die Ergebnisse ihrer munteren Kapriolen werden sowieso nach Dienstschluß geschreddert, und was soll’s auch – wenn ein geheimdienstlich initiierter Bombenanschlag hinhaut, merkt man das am „Bumm!“ und daran, daß hinterher die Springerpresse so lange geifert, bis mal wieder ein paar Gesetze verschärft und Repressalien gegen linksradikales Lumpenpack eingeleitet werden.
Vielleicht liegt die Wurstigkeit daran, daß die Deutschen mit dem Versuch, die Weltherrschaft zu erlangen, schon mal dermaßen grandios gescheitert sind, weil sie sich nicht auf das konzentriert haben, was zählt (Geld! Reformen!), sondern alle möglichen völkischen, folkloristischen und idiotischen Hampeleien hineingerührt haben: Was der Hitler mit seinen antisemitischen Spinnereien verbockt hat, können Deutsche Bank und Merkel halt nur notdürftig kompensieren.
Zumal damals auch versucht wurde, mittels allumfassender Ausspitzelung jegliches Aufkommen von „Terror“ zu unterbinden – mit höchst kläglichem Erfolg. Wer alles weiß, so ist das halt, der weiß überhaupt nichts mehr und wird sich in seiner Wirrnis und Überforderung am Ende selber wegen Subversion wegsperren müssen. Übrig bleibt ein leeres, leise vor sich hin surrendes System.
So weit sind die Amis noch nicht. Die sind fleißig weiter am Überwachen, Abhören, Anzapfen, Spitzeln, Ausforschen, Entschlüsseln und vor allem: Sammeln, Sammeln, Sammeln. Um zu prognostizieren, wie das endet, genügt ein Blick in den Fischteich, in dem ein Hecht herumsteht: Der hat einen Schnappreflex und muß daher alles verschlingen, was sich ihm auf Maulschnappreichweite nähert. In dieser Hinsicht ähnelt der schmollige Fisch der im ökonomischen Biotop herumrumpelnden Geldsau: Egal wie prall die Wampe ist, es wird gespachelt, bis nichts mehr da ist – was selten vorkommt, weshalb es den Hecht, der das Pech hat, ins teichige Äquivalent einer im „Reformprozeß“ befindlichen „sozialen Marktwirtschaft“ hineinzugeraten, unweigerlich irgendwann zerreißt.
Hier öffnen sich lustige Perspektiven, wenn man das automatisierte „Datenklau!“-Gegreine mal einstellt. Wozu sich aufregen, daß die Ami-Agentur so viel über uns weiß – soll sie doch noch viel mehr erfahren! Scheißen wir sie zu mit „Daten“, pfropfen wir unsere Kommunikation voll mit Hinweisen, Andeutungen, „Informationen“: keine Mail mehr ohne das Schlüsselwort „Terror!“, kein Telephonat ohne eingestreute pseudoarabische Schimpfwörter, kein Spaziergang ohne eine zweckfreie „verdächtige“ Handlung vor einer Überwachungskamera, und vor allem darf kein Tag mehr vergehen, ohne daß jeder von uns der NSA (zu erreichen über www.nsa.gov) eine Mitteilung mit Daten schickt – von der Schuhgröße der 1965 verstorbenen Urgroßtante über die Höchsttemperaturen des Lerchenauer Sees an jedem Tag der vergangenen dreißig Jahre, den Kaloriengehalt des täglich verbrauchten Katzenfutters, die Seitenzahl aller je gelesenen Romane (mit Angabe der Vornamen der handelnden Figuren) und die Nummernschilder sämtlicher in Schwabing geparkter Autos bis hin zu einer umfassenden Aufzählung der natürlichen Zahlen und einer täglichen Folge von Photos unserer Nasenhaare, die im Begleittext mit Kosenamen belegt und einzeln identifiziert werden.
Die NSA wird nicht anders können als zuschnappen, so ist sie nun mal. Und wenn es sie dann nicht gleich zerreißt, dann wird sie jedenfalls die nächsten hundert Jahre dermaßen am „Auswerten“ sein, daß außer einem gelegentlichen Stöhnen aus den Tiefen der Datenbunker zumindest unsere Generation nie wieder etwas von ihr hören wird.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN, diese Folge am 11. Juli.

Mittwoch, 24. Juli 2013

Periphere Notate (6): Auswege


Wenn A eine Liaison unerträglich zu werden begann, überließ er es seiner jeweiligen Partnerin, aus der Empfindung wachsender Unerträglichkeit der Liaison heraus die Suche nach einem neuen Partner einzuleiten, heimlich zunächst, bis ein gewisses Maß an Kompatibilität festgestellt war, und ihm dann – manchmal bedauernd, oft in Vorfreude schwingend – mitzuteilen, daß die Liaison beendet sei. Das ersparte es A, selbst entsprechende Ränke zu schmieden, die er grundsätzlich als schmutzig und unaufrichtig und in den seltenen Fällen, da sie sich auf eine kurze elektronische Mitteilung beschränkten, als gerade obszön widerwärtig empfand, aber in Anbetracht der Unerträglichkeit der Liaison pragmatisch begrüßte. Es erstaunte ihn indes immer wieder, mit welch glühender Rachsucht ihm seine jeweiligen ehemaligen Partnerinnen hinterher (wenn ihre neue Beziehung auf ähnliche Weise gescheitert, er jedoch aufgrund einer angeborenen Neigung zur Gleichgültigkeit und wegen des Wegfalls der mit der Liaison einhergehenden Verpflichtungen, Verantwortungen und Auseinandersetzungen überaus glücklich war) nachstellten, mit bösen Gerüchten, eifersüchtigen Blicken bei „zufälligen“ Begegnungen und wütenden Briefen. Was habe ich dir getan, wo du doch mich verlassen hast? fragte er sie dann im stillen und wußte es doch: Er hatte seiner jeweiligen ehemaligen Partnerin bewiesen, daß er ohne sie glücklich sein konnte, sie jedoch nicht ohne ihn. Dieser etwas schale Triumph konnte den viel tiefer in ihm brennenden Schmerz allerdings nur augenblickweise lindern.


Montag, 22. Juli 2013

Frisch gepreßt: Ellen Foley "Night Out/Spirit Of St. Louis"


Lustige Koinzidenz: Gestern nacht versuchte ich einer spät nachgewachsenen Zeitgenossin zu erklären, dass und weshalb The Clash die größte, wenn nicht die einzige (okay, es war spät) Rock-’n’-Roll-Band aller Zeiten waren (und, phänomenologisch betrachtet: sind). Keine paar Stunden später erinnert mich eine Veröffentlichungsanzeige daran, dass sie auch ihre Schwächen hatten, wie sich das gehört, was ihren Kampf gegen die ganze dumme, böse Welt vielleicht noch heroischer macht, aber egal.
Rückblende: Mit sechzehn kannte ich ein Mädchen, war rauschhaft und vermeintlich unsterblich verliebt, stellte indes nach zwei abendlichen Begegnungen (ein Tanz, ein Kuss) fest (wie man heute postet): „Es ist kompliziert.“ Nämlich stand jemand dazwischen, der wegzugehen sich weigerte, da mochte sie Sehnsuchtsblicke wie Photonentorpedos nach mir schleudern, während er ihre Hand klammerte. Die versengten mich nur und machten meine Ratlosigkeit zum Sumpf, in den ich schließlich sank, während sie an ferne Sommerferienorte entschwand oder sich entführen ließ; ich weiß es nicht.
Ein Vierteljahr später, noch mit nachglühenden Narben, sah ich zufällig ein Musikvideo, und Flash! – das war doch sie! Wie kommt die plötzlich ins Fernsehen? Wieso heißt sie plötzlich Ellen Foley? Gelähmt schwebend starrte und lauschte ich dem tosenden Pathoslärm, dessen Slogan sich mir auf ewig einbrannte: „Baby, we – we belong to the night!“ (Man stelle sich diese Worte von einer Feuerwehrsirene gesungen vor.)
Wiederum ein Jahr später hatten diverse Verstrickungen (ihr Album produzierten Ian Hunter von Mott The Hoople und Ex-Bowie-Gitarrenzwilling Mick Ronson, derweil produzierte der genial-wahnsinnige Mott-The-Hoople-Produzent Guy Stevens das Jahrhundertalbum „London Calling“ von The Clash, deren Gitarrist Mick Jones unsterblicher Mott-The-Hoople-Fanatiker war, usw.) dazu geführt, dass Ellen Foley das vielköpfige Kifferensemble erweiterte, aus dessen monatelangem Studio-Zeltlager irgendwie das Clash-Dreifachalbum „Sandinista!“ entstand. Und weil fünf LPs in zwölf Monaten noch nicht genug waren, nahm die größte Rock-’n’-Roll-Band aller Zeiten samt ihrer wüsten Kommune inkognito noch ein sechstes auf, besungen von Ellen Foley und produziert von (Covernotiz) „my boyfriend“.
Die Beziehung zwischen Foley und Mick Jones war „kompliziert“, stürmisch und turbulent; wir wissen nicht viel darüber, und das wenige weiß die ganze Welt, weil Jones in dem Song „Should I Stay Or Should I Go“ sein Herz ausschüttete und hinterher mit The Clash eine erst viel später veröffentlichte tränendurchweichte Version von „Every Little Bit Hurts“ aufnahm. Die Musikpresse, die schon von „Sandinista!“ überfordert war, trat „Spirit Of St. Louis“ unter üblen Beschimpfungen in die Mülltonne, und Ellen Foley wechselte nach einer weiteren Flop-LP von der pararevolutionären Gegenkultur in eine annähernd bürgerliche Broadway-Film-TV-Karriere, während The Clash nach einer Reihe von Pyrrhus-Triumphen und historisch katastrophalen Fehlern explodierten und zur unwiederbringlichen Legende wurden.
Apropos Musikpresse: Die deutsche Oberschüler-Hipster-Gazette „Sounds“ setzte Ellen Foleys „Kitsch-Machwerk“ damals auf ihre monatliche „Ätzliste“. Lustigerweise ist das meiste, was sich dort findet, zumindest im nachhinein interessanter, spannender, kurioser und wiederentdeckenswerter als ein Großteil von dem Käse, den die Redaktion lauthals propagierte. Das gilt auch für Ellen Foley: Freilich quellen und fluten diese Alben nur so über vor pompösem Kitsch, donnerndem Pathos und tornadoartig über den Hörer hereinbrechender Schulhofromantik. Man kann das aber auch epochal glamourös, überschäumend naiv und superheroisch finden – von da bis zur Grenze von Pein- und Lächerlichkeit war es schon bei Mott The Hoople nur ein kleiner, diverse Male passierter Stolperer.
Und abgesehen davon: Wenn eine amerikanische Schnulzensängerin (mit Meat-Loaf-Vergangenheit) Songtitel wie „The Shuttered Palace“, „Theatre Of Cruelty“, „In The Killing Hour“ und „The Death Of The Psychoanalyst Of Salvador Dali“ (alles Strummer/Jones-Kompositionen!) auf ein Album schreibt und sich weder totlacht noch vor Scham im Boden versinkt, sondern es schafft, nach zwei Glamrock-Superhelden die größte Rock-’n’-Roll-Band aller Zeiten ins Studio zu locken und das schon ein Jahr zuvor mit klassischen Worten der Rolling Stones („Look at that stupid girl“) kommentiert, dann muss man sie mindestens bewundern, wenn nicht lieben. Ganz gleich, ob man mal in ihre Doppelgängerin verknallt war (und phänomenologisch betrachtet immer noch ist).

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN, diese Folge am 11. Juli.


Montag, 8. Juli 2013

Belästigungen #413: We will burn it and dance in the smoke (ein Sommeridyll)


Am heißesten Tag des Jahres, dem 19. Juni 2013, sitze ich in der Abenddämmerung bei 34 Grad mit lieben Menschen am nördlichen Rand der Münchner Stadt um eine Feuerstelle, die niemand entzünden will, weil es dafür viel zu heiß ist. Am Horizont schmilzt die Sonne wie eine Kugel Vanilleeis in grell orangeroter Rhabarber-Pfirsichsauce.
Unser Gespräch dreht sich im wesentlichen um Pläne für den Sommer: noch mehr lustige, spannende, schöne, hin-, mit- und umreißende Sachen erleben, Bier trinken, Sex haben, Drogen nehmen, geile Musik hören, in kristallperlenden Seen und Flüssen schwimmen, den blauen Himmel überstrahlen und in Gewitterschauern nackt auf der Straße tanzen.
„Ab morgen“, sagt J, dreht ihre Flasche um und läßt den Rest Bier bedeutungsvoll in einem Ameisenloch versickern, „ab morgen werden die Tage wieder kürzer."
„Stimmt“, sagt A, „egal.“
„Sie hat Durchfall“, meldet K, die per Facebook mit O in Venezuela kommuniziert. „Irgendwas mit Wasser. Und sie hat sich von V getrennt.“
„War V auch in Venezuela?“ fragt A.
„Nein, sie hat das per Netz gehändelt“, sagt K. „Er hat das nicht verpackt gekriegt, die Sache. Schwierig.“
„Schade, die beiden sahen gut aus zusammen“, flüstert I und läßt die Hand von M los, der die Gelegenheit nutzt, um eine Zigarette zu drehen.
„Ab morgen werden die Tage kürzer“, sagt J. „Komisch, daß alles vorbei ist, bevor es angefangen hat.“
„Das hab ich so noch nie betrachtet“, sagt M. Er hält seine Zigarette in der Hand, als wäre sie ein Finger von I, bei der man nicht genau sieht, ob sie weint.
Ich denke an die bei weitem schönste Frau der gesamten Lerchenau, die ich deswegen mit dieser blöden Bezeichnung benenne, weil ich ihren Namen nicht kenne und nicht möchte, daß alle wissen, wie verknallt ich bin.
„Ich glaube, das wird nichts“, sage ich. „Einmal strahlt sie mich an, als hätte sie seit Tagen auf mich gewartet, das nächste Mal kennt sie mich nicht mehr.“
Alle wissen, wie verknallt ich bin und daß das, weil Sommer ist, nichts bedeutet. Alle wissen, daß ich schon letzten Sommer in die bei weitem schönste Frau der gesamten Lerchenau verknallt war. Und vorletzten, vermutlich.
„Hast du’s ihr gesagt?“ fragt J, die eifersüchtig ist, weil sie in mich verknallt ist, woraus aber nichts „werden“ kann, weil ich siebenundzwanzig Jahre älter bin und sie im Herbst zum Studieren nach Kalifornien geht.
„Nein“, sage ich, „das geht doch nicht.“
Es wird langsam dunkel; vom See ziehen Schwaden brütend feuchter Luft mit Grillgeruch herüber. Die Frösche schnattern, als ginge es um ihr Leben.
„Ich hätte damals bei V bleiben sollen“, sagt I, die nicht mehr weint. M schnippt seine Zigarette weg, macht „ha“ oder „ah“ und verschwindet im Gebüsch. „Scheißmücken“, ruft er.
„B kommt nicht mehr“, sagt K, die immer noch auf ihrem Handy herumdrückt. „Sie muß noch bla.“
„Die muß immer was“, sagt M. „Alle müssen immer was, alle anderen.“
„Jeder sucht sich aus, weshalb er sein Leben verpaßt“, sagt A, „und keiner merkt es.“
„Seltsam“, sagt J, „es fängt an, und die Tage werden kürzer. Alles, was ist, geht von Anfang an zu Ende.“
„Ich kann ihr nichts sagen“, sage ich. „Wenn man’s ausspricht, ist die Hoffnung weg. Außerdem könnte sie ja auch was sagen.“
„Was soll sie denn sagen?“ sagt M. „Hat noch jemand was zu rauchen?“
„Manchmal“, sagt I, die wieder zu weinen angefangen hat, „manchmal versteht man alles, und wenn man’s sagen will, versteht man nichts.“
„Palma Violets sind Wahnsinn“, sagt W und nimmt die Stöpsel aus den Ohren. „Was ist jetzt mit morgen?“
„Morgen werden die Tage kürzer“, sagt J und schüttet noch einen Achtelliter Bier in das Ameisenloch.
„Liebst du mich?“ fragt I. Niemand antwortet, bis M „ah“ oder „ha“ sagt. „Ich will Sex“, sagt sie und kichert wie ein Käfer.
„Alles, was ich ihr sagen könnte, ist schon mal gesagt und deswegen banal“, sage ich. „Ich will nichts sagen, was banal ist.“
„Nächsten Sommer, nächstes Jahr“, sagt J und spricht nicht weiter. In der Ferne bellt ein Hund. Vom See klingt Gelächter herüber, das die Frösche übertönen, indem sie noch lauter schnattern.
„Glühwürmchen!“ ruft I. Alle springen auf, schwärmen aus ins hohe Gras und begleiten den Aufstieg jedes der kaltblau leuchtenden Insekten mit begeisterten Rufen.
„Heute nacht legen sie Eier, morgen sterben sie“, sagt J.
„Die Frage der Seele von Insekten ist noch nicht geklärt“, sagt K. „Gut möglich, daß sie ein kollektives Bewußtsein haben und nur körperlich sterben.“
„Wahnsinn“, sagt M, „du stirbst und bist sofort wieder da, in tausend Körpern. Deshalb brauchen die auch keine Sprache.“
„Sprache ist der Tod“, sagt J und lacht, als würde sie gekitzelt. „Wer spricht, verrät die Idee.“
„Ich bin traurig“, sagt I und hält mit dem Zeigefinger ein Glühwürmchen in die Luft. „Ich möchte ein Insekt sein und sterben. Aber vorher Sex.“
„Diese Exzesse“, sagt M und lacht bellend, „bringen mich um. Irgendwann.“
Die Dunkelheit hängt inzwischen wie eine schwarze Decke über den Bäumen. Sterne funkeln, Flugzeuge ziehen blitzende Bahnen in unvorstellbarer Höhe.
„Wenn O zurückkommt, ist der Sommer wirklich aus“, sagt K. „November. V tut mir leid. Drei Jahre verschwendet.“
„Zwanzig“, sage ich, „fünfundzwanzig. Das ist alles egal, wenn sie ein Wort sagt.“
„Welches Wort?“ fragt J.
„Such dir eins aus“, sage ich.
„Haben wir noch Coke? Fährt noch wer in die Stadt?“ ruft M und tänzelt um die Feuerstelle.
„Arschloch. Geliebtes Arschloch“, flüstert I und öffnet mit dem Feuerzeug eine Bierflasche.
Es ist heiß, und die Zeit zerfließt wie Schlamm, gerinnt und bleibt als graubraune Schuppen zurück, auf denen wir barfuß balancieren.
„Ab morgen werden die Tage kürzer“, sagt J.
Ich nehme ihre Hand und sage: „Komm schlafen. Ab heute werden die Nächte länger.“
Das Bild der bei weitem schönsten Frau der gesamten Lerchenau scheint kurz auf, dann ist da wieder nur der Mond.
„Morgen sage ich was“, sage ich. Morgen werde ich nichts sagen, kein Wort. J legt ihre Socken über die Stuhllehne und verschwindet in der Hängematte. „Du riechst nach Heu, du Hase“, sagt sie.
„Hurra!“ brüllt M, und hinter geschlossenen Lidern sehen wir das Feuer flackern, höher als die Bäume, höher als der Himmel. Jemand singt ein altes Lied von Argent: „Every branch we’ll tie somebody’s worry to it, we will burn it and dance in the smoke.“
„1970!“ kreischt I. „Da war ich minus achtzehn!“
Alles dreht sich, es ist Sommer, die Tage werden bald kürzer, aber wir sind da, wir sind hier, und J schmeckt nach frischem Brot.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin In München, diese Folge am 26. Juni 2013.

Montag, 24. Juni 2013

Belästigungen #412: Vermischte Neuigkeiten zum Dilemma der Körperöffnungen


Daß der menschliche Körper Öffnungen hat, ist an sich eine segensreiche Fügung, das muß man nicht extra betonen: es wäre ein Elend, wenn eine ganze Biergartenbesatzung hungertriefend und durstzerknittert vor Schenke und Auslage stünde und die Schweinshaxen nicht mal riechen könnte, geschweige denn hinunterspülen, weil sich die Evolution den Jux gemacht hätte, Nase, Mund und Restkörper als in sich geschlossenes System zu konzipieren.
Indes will es gelernt sein, mit der Semipermeabilität des eigenen Echtwelt-Avatars umzugehen. Das klassische Beispiel für sozusagen intuitive Souveränität wäre die legendäre Zeitungsmeldung, derzufolge ein blinder Inder (der vielleicht ein Chinese oder Alabamer war, aus poetischen Gründen aber ein Inder sein sollte) sich einst in den Kopf schoß, um seiner elenden Existenz ein Ende mit Hoffnung auf Wiedergeburt als Pandabär oder Milliardär zu bereiten. Leider oder zum Glück führte der Schuß nicht zum Exitus, sondern quasi eine hirnchirurgische Operation durch: Nach kurzer Bewußtlosigkeit erwachte der vormals blinde Suizidant, konnte plötzlich sehen und wurde vollends irrsinnig angesichts einer Welt, die seine schlimmsten Vorstellungen exponentiell übertraf.
Indes war in diesem Fall die Körperöffnung, in die da etwas drang und Wirksamkeit entfaltete, ja gewaltsam erst entstanden; ein Sonderfall mithin. Interessanter, weil alltäglicher ist, was Menschen ganz ohne Schnitt-, Schuß-, Stich- und sonstige Werkzeuge in ihren Körper hinein bugsieren, oft offenbar ganz ohne es zu bemerken. Damit meine ich nicht die hirnzersetzenden „Informations“-Gifte, die Springerverlag, Fernseh, Plakatwände und illustriertenbelesene Zufallsbekanntschaften tagtäglich in unser Hirn hineindüngen, wenn wir nicht rechtzeitig das Weite suchen, sondern Handfestes.
Z. B. wurde neulich in der Aachener Uniklinik ein 24jähriger Afghane (der diesmal wirklich ein solcher war) behandelt, in dessen Kopf sich ein zehn Zentimeter langer Bleistift befand. Leider sind die gängigen Mitteilungswege in solchen Fällen immer recht ungenau, und so erfahren wir nur, der Mann sei „offenbar im Kindesalter“ auf das Schreibwerkzeug „gestürzt“. Wie so was vonstatten geht, wüßten wir gerne genauer. Schließlich kann es jedem von uns beim Radlfahren passieren, daß er mal auf etwas stürzt – und sei es nur ein Haufen Bauschutt. Fünfzehn Jahre später bei der tomographischen Klärung des chronischen Gefühls von Schwermut und mentaler Last festzustellen, daß man die ganze Zeit mit einem Pflasterstein im Hirn herumgelaufen ist, wäre eine höchst sonderliche Erfahrung.
Daß die Aachener Ärzte laut Nachrichtenagentur den erwähnten Bleistift „in einer aufwendigen Operation ersetzt“ haben sollen, macht die Sache noch bedenklicher – durch was? fragen wir und denken an die viel beredete Schere im Kopf von Schreiberlingen, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn es die Herrschenden bei ihren Bemühungen, die Welt zu verwerten und zu vernichten, gar zu frech treiben und man eigentlich mal kritisch darüber berichten müßte. Schnippel schnippel wird daraus ein flammendes Jubelplädoyer für Wachstum und Deregulierung. Ein Mann mit einem Bleistift in der Birne könnte in solchen Fällen moralzermürbend wirken; vielleicht deshalb mußte das Ding heraus.
Spaßiger ist eine neue Mode, von der aus Spanien und Portugal berichtet wird: Dort stopft sich die weibliche Jugend neuerdings mit Wodka getränkte Tampons in die Vagina, wovon sie via Schleimhaut in nullkommanichts bombig berauscht wird, ohne daß bei Mundgeruchskontrollen ein verräterischer Schnapsdunst auffiele. Jede sechste Befragte zwischen achtzehn und neunundzwanzig, so erfahren wir von der wie üblich „besorgten“ Ärzteschaft, hat schon mal mit einem solchen „Tampodka“ „experimentiert“. Die Vorstellung, wie es etwa einem Herrn Brüderle gelingt, seinen Zustand ganztägig zu halten, ohne viertelstündlich mit einer Rieslingpulle an der sechstoberen Körperöffnung photographiert zu werden, drängt sich geradezu auf, soll hier indes aus geschmackshygienischen Gründen nicht näher erörtert werden.
Statt dessen möchte ich ein Gespräch, das ich unlängst mit befreundeten Angehörigen derselben Generation zum Themenbereich Liebe und Sex führte, zum Anlaß nehmen, die iberische Methode der effektiven Nutzung von Körperöffnungen für konsequent zu halten: Da nämlich wurde unter ihres- und seinesgleichen eine neuartige Prüderie und Spießigkeit beklagt, die darauf zurückgehe, daß im Dauerhagel von Formatierungsbefehlen (zu dünn, zu dick, zu groß, zu klein, zu lang, zu kurz, zu hell, zu dunkel oder sonstwie unproportioniert bzw. verwachsen) kein Mensch mehr seinen Körper für wettbewerbsfähig halte, was dazu führe, daß kein Mensch sich mehr traue, ihn auch nur vor dem Spiegel zu entkleiden, von souveränem Umgang und Freude an dem, was man damit machen kann, gar nicht erst zu reden.
Eine ganze Generation, die in Jeans und Schlabberpulli zum Baden geht, die nur noch Sex hat, um sich zu beweisen oder soziale Vorteile zu erlangen, die dazu aber das Licht ausmacht oder, falls das nicht geht, den Schlabberpulli und die Socken anbehält – diese Vorstellung ist so erbärmlich, daß man sich am liebsten Augen, Ohren, Nase, Mund, Nabel und die in solchem Umfeld höchstens vulgär zu benennenden weiteren Öffnungen mit Tampodkas und entsprechender Gerätschaft befüllen möchte, um nichts mehr davon mitzukriegen.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin In München, diese Folge in Heft 12 vom 13. Juni 2013.