Freitag, 17. Mai 2013

Beim Schreiben eines Romans (7)



Er erinnerte sich an die Beerdigung an einem Dienstag im frühen Februar, zu der sie mit dem Zug nach Hannover gefahren waren, frühmorgens. Lisa war noch betrunken, er schwer verkatert; fünf Stunden lang betrachteten sie schweigend einen bleischwarzen Todeshimmel, der sich langsam achatartig graubraun färbte und ihnen zu folgen schien; dann waren sie zu viert (Vater, Mutter, Tochter, Schwiegersohn – der Rest der Verwandtschaft hatte sich nicht von seinen beruflichen Verpflichtungen befreien können) im winterlichen Sturmwind am Grab gestanden, hatten schweigend zugeschaut, wie der Sarg in der Grube verschwand.
Lisas Tränen hatten in ihm eine eigenartige stille Wut ausgelöst, weil er sie für rituell und falsch hielt; hinterher hatte ihr Vater mit acht Gläsern Schnaps den gesamten Alkoholkonsum ihres trostlosen Tisches in einem ansonsten leeren griechischen Lokal alleine bestritten und war dann plötzlich verschwunden. Lisas Mutter wischte sich mit zitternden Spinnenfingern immer dieselbe Haarsträhne aus dem Gesicht, während sie von ihren Bemühungen um das Erlernen der spanischen Sprache erzählte, dann begleitete sie sie zu Fuß zum Bahnhof, obwohl Urbin mehrmals anbot, ein Taxi zu bezahlen, und ging endlich, als der Zug anfuhr, mit gesenktem Kopf davon, ohne Lisas Winken zu bemerken. Die Tote war nicht ihre Mutter gewesen, sondern die ihres Mannes, der sich derweil in einer seiner Stammkneipen besinnungslos trank und dem Zahnstocherbehälter auf seinem Tisch unverständliche Geschichten aus seiner Kindheit erzählte.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Belästigungen #409: Darf ich Sie mal was fragen, Herr Hoeneß?


Moralapostel mag niemand gerne (und keine Angst, ich werde in den folgenden Zeilen ganz bestimmt keinen solchen geben). Denen ruft man ein gehässiges „Mäh! Mäh! Mäh!“ entgegen und schaut vergnügt zu, wie sie geteert und gefedert auf einer Eisenbahnschiene aus dem Dorf getragen werden. Mit einer Ausnahme: Wenn die Zeigefingerburschen einer Gesellschaftsschicht, oder sagen wir ruhig: Klasse entstammen, die man von Haus aus für eine schmierig schillernde Bande von Schwerverbrechern hält und für ihre maßlose Gier, Verantwortungs- und Rücksichtslosigkeit insgeheim bewundert („Hund’ sans scho!“), dann zieht man den Hut, wenn sie mal was annähernd Vernünftiges sagen.
So brachte es der Wurstfabrikant, Börsenspekulant und Vereinspräsident Ulrich Hoeneß zu einigem Ansehen, weil er neben einem Haufen Blödsinn immer mal wieder Sachen sagte, von denen wir alle wissen, daß sie richtig sind, die sich aber sonst keiner sagen traut, weil es sonst schlagartig aus ist mit der Medienkarriere und den Talkshowhonoraren. Deutsche Medien brauchen Durchhalteparolen, neoliberale Propaganda, Unterschichtbeschimpfung und Leistungsgefasel; etwas anderes wird weder gedruckt noch gesendet, und wenn doch, dann nur umgeben von solchem, das dann immer in der Mehrheit sein, hochamtlich tönen und die jeweilige Frau Wagenknecht niederbrüllen muß.
Anders Hoeneß: Der darf zum (und am!) 11. September 2001 Dinge äußern, die man ansonsten nur aus Bekennerbriefen kennt, der darf den Wirtschaftsfaschismus (vorsichtig, aber immerhin) kritisieren, der darf manch anderes kluge Wort sprechen, ohne daß ihm ein Hundt oder Henkel oder sonst ein Kläffer dazwischenkläfft – und erstaunlicherweise tut er das auch noch höchst gerne. Daß er nebenbei die Unterschicht mit Billigwürsten mästet, blenden wir aus, schließlich muß jeder irgendwie Geld verdienen. Daß er mit dem FC Bayern den deutschen Fußball vernichtet, blenden wir ebenfalls aus, schließlich gewinnt der wenigstens und ist im Fernsehen ab und zu nett anzusehen. Daß er ebenso gerne mal den Staat abschaffen und die Steuern für Großverdiener senken möchte, ist schon etwas haariger, weil da die reale Gefahr besteht, daß ihm gewisse Leute das nachplappern, je nach Gemütslage wg. FCB, wg. Wurst oder wg. seiner im übrigens doch so demonstrativen Vernunft.
Das riecht dann nicht nur nach einem verdammt schlechten Gewissen (kann sich noch jemand an Michel Friedman erinnern?), sondern, vor allem, nach Schirrmacherei. Für Nichteingeweihte sei kurz beschrieben, worum es sich beim „Schirrmachern“ handelt: Zunächst beginnt eine bestimmte Erkenntnis aufzukeimen und sich (sozusagen „viral“, also gegen jede Gegenteilspropaganda) durchzusetzen, die gewissen mächtigen Leuten unangenehm oder gar gefährlich werden könnte. Wenn sie gar nicht mehr tot- und stummzukriegen ist, bleibt denen dann nichts anderes übrig, als einen „Schirrmacher“ vorzuschicken, der die Erkenntnis in scheinbar flammendem Zorn in einen Bestseller hineinschreibt, den dann alle lesen und losgrölen: Jawohl! und recht hat er! Nieder mit dem Schweinesystem!
Dann kommt Phase zwei: Man schickt einen einigermaßen echten Experten, der der eigenen Ideologie anhängt oder zumindest als gekaufter Lakai verläßlich ist, (oder am besten viele) zu Fernsehen, Radio und Zeitungen und läßt ihn – ohne auf Grundsätzliches einzugehen - von hoher expertöser Warte aus belegen, was für ein Idiotengeschreibsel der „Schirrmacher“ da fabriziert hat: randvoll mit Rechtschreib-, Grammatik-, Rechen-, Ableitungs- und Recherchefehlern, dazu noch falsch abgeschrieben, ungeordnet, wirr, unlektoriert und insgesamt inkommensurabel. Und schon weiß ein jeder: Wenn das so ist, dann ist logischerweise auch die Grundthese falsch!
Und schon haben uns die Mächtigen mal wieder davor bewahrt, einem „populistischen“ „Rattenfänger“ „auf den Leim zu gehen“. Und schon sitzen wir da und sagen: Herrgott, Herr Hoeneß! Daß Geld immer da hingeht, wo schon Geld ist, das weiß doch ein jeder! Das ist wie mit den Kaninchen: Wenn man da zwei in einen Stall setzt, sind es nach einem Jahr sieben und nach zwei Jahren nicht etwa vierzehn, sondern etwa hundert! Es ist doch klar, daß es die Leute ärgert, wenn jemand ohne jede Arbeit hunderte Millionen in die Schweiz schiebt und denen, die dafür arbeiten (bzw. verzichten), nicht einmal steuermäßig was abgeben will! Und es ist doch klar, daß Ihnen dann auch niemand mehr Ihre menschenfreundliche Predigerei abnimmt! Die muß doch genauso falsch, hintertückisch und depperlbläd sein!
Und schon ist mal wieder eine nützliche, wichtige, dringend notwendige Erkenntnis noch im Aufkeimen geschirrmachert, diskreditiert und perdu. Dann dauert es ewig, bis sich wieder jemand die Erkenntnis aussprechen traut, weil ja jeder meinen könnte, man wolle sich durch das Aussprechen auf die Seite eines windigen Würstlhinterziehers schlagen.
Ach so, Herr Hoeneß, wenn Sie mir bis hierher gefolgt sind, werden Sie sich fragen, wo die Fragen bleiben. Die kommen hier, und es sind nur zwei: Was haben Sie eigentlich gedacht, wem die hunderte Millionen, die Sie da irgendwo gebunkert haben, gehören, wo doch ein Geld per se et definitionem einem Menschen gar nicht gehören kann, zumal wenn es so viel ist, daß er es in tausend Jahren nicht ausgeben kann? Daß die irgendwo anders fehlen, das werden Sie sich doch gedacht haben? Und zweitens und eigentlich am wichtigsten, weil wir uns das wirklich nicht vorstellen können: Was wollten Sie eigentlich mit dem ganzen Geld machen?

(Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.)

Sonntag, 12. Mai 2013

Beim Schreiben eines Romans (6)



„Hast du sie geschlagen?“
„Geschlagen?“
„Geprügelt. Faust. In die Fresse. Getreten. Peng. Klar?“
„Spinnst du jetzt?“
„Wieso, was hast du gegen Gewalt?“
„Damit löst man kein Problem.“
„Jawohl, Herr Kaplan. Hingegen verschwinden alle Probleme, wenn man sie in sich hineinfrißt und sich jeden Abend die Birne wegknallt.“
„Das habe ich doch nie behauptet. Aber ich kann ihr nicht wehtun.“
„Nein.“
„Nein.“
„Nein, nein, das kannst du nicht.“
„Was soll das?“
„Du kannst das nicht nur, du willst es. Du willst es so sehr wie nichts anderes. Sie prügeln, bis sie schreit vor Schmerz und Blut. Du willst ihr nicht nur wehtun, du willst sie zerstören. Sie soll dich anbetteln. Und dann gewährst du ihr die Gnade, sie mitleidig zu verachten.“
„Das ist doch Wahnsinn.“
„Ist es nicht. Es ist eine Frage der Überwindung.“
„Ich soll mich dazu überwinden, sie zu verprügeln?“
„Nein, es nicht zu tun.“

Samstag, 11. Mai 2013

Frisch gepreßt: Dr. Feelgood "All Through The City"


Der Plan war: Eindringlich, poetisch und unwiderlegbar darlegen, weshalb es, wenn der verschneite Frühling in einen verregneten, verwehten, verstürmten, vergrauten und verwolkten überschmilzt, in dem Schwester Sonne nur bei Kurzauftritten trotzig-traurig bläut, weshalb es da für pathologische Romantiker mit gebrochenem Sinn gar nicht genug Lotte-Kestner-Alben geben kann, um das Seelenblut zu stillen und den brachen Geist in weiche Tücher zu hüllen, damit er schlafen möge und träumen von anderen Welten und Zeiten. Weshalb es deswegen so schön ist, daß einen Monat nach dem letzten heute schon wieder ein neues Lotte-Kestner-Album erscheint ...
Aber es geht nicht, weil ein solcher Krach die Wohnung füllt. Wo kommt der plötzlich her?
Manche Dinge werden von der Geschichte verschluckt; Gerechtigkeit gibt es dabei nicht. Beispiele von Bands, die im historischen Gulli verschwunden sind, während erbärmlichere Rivalen die Stadien füllen, gibt es zuhauf, aber kaum eines ist so frappant wie das von Dr. Feelgood, die für kurze Zeit sogar eine Art heilige Dreifaltigkeit mit den Sex Pistols und The Clash bildeten (oder sagen wir: Vierfaltigkeit, um The Damned nicht zu vergessen).
1975: das Jahr, in dem Prog- und Art-Rock den Gipfel des Mount Schwulst erreichten und faulig zu riechen begannen; dem Glamrock ging es kaum besser, der ertrank in Ozeanen von Balladen, und Punk gab es nur als Gerücht. Da kamen Dr. Feelgood gerade recht. Sie trugen alte Anzüge, ließen sich nur schwarzweiß photographieren und sagten über die Popmusik ihrer Zeit: „Das klingt wie einem Computer aus dem Arsch gekrochen. Ich möchte richtige Instrumente hören, richtige Stimmen, keinen beschissenen Halleluja-Chor!“ Sänger Lee Brilleaux bewahrte seine Mundharmonikas in vollen Bierbechern auf, damit sie nicht verrosteten; Gitarrist Wilko Johnson wirbelte wie ein irregewordener Roboter über die Bühne und schoß mit seiner Telecaster Rasierklingen ab, und zwar gezupfte, wodurch es ihm gelang, die schärfste Rhythmusgitarre der Welt und gleichzeitig (!) Solos zu spielen. Daß Saiten aus Metalldraht bestehen, weiß man erst durch ihn, und was Paul Weller (wie tausende andere) als kleiner Bub mit The Jam wollte, versteht man erst durch ihn.
Die Band hatte drei Jahre Ochsentour hinter sich, als im August 1974 ihr erstes Album „Down By The Jetty“ erschien, natürlich mono in einem Durchgang aufgenommen und ein Kinnhaken für die verzärtelte Konkurrenz in sämtlichen Lagern. „Malpractice“ (Oktober 1975) war kaum weniger wild und brutal, und jetzt war die Zeit reif: Die Platte löste einen regelrechten Pubrock-Boom aus. Das Livealbum „Stupidity“ schoß aus dem Stand an die Spitze der britischen Charts, was seit den Beatles nicht mehr passiert war. Anderswo liefen Dr. Feelgood unter „Punk“ – verzeihlich, denn so viel Energie, Dampf und Wut wie die vier Männer aus Canvey Island hatte kaum jemand sonst zu bieten. Näher kam die knochige Faust erdiger Biermusik der Ewigkeit nur noch einmal: bei AC/DC, die heute (dem Status nach) sind, was Dr. Feelgood sein müßten.
Die wurden leider was anderes, nämlich nichts: Nach einem weiteren Top-ten-Album flog Johnson raus, außer dem müden „Milk & Alcohol“, das bis heute die Stehausschänke beschallt, war’s das auch mit den Hits, trotz dutzenden Platten und obwohl irgendwelche Leute heute noch als Dr. Feelgood durch die Gegend touren. Klar: Musik wie die auf ihren ersten vier Alben (die hier auf drei CDs vollständig versammelt sind, samt 23 Bonustracks und einer Live-DVD von 1975) wird heute nicht mehr gemacht, und ihre damalige Bedeutung wird sie nie mehr haben. Stoßen wir an auf den armen, großen Lee Brilleaux, der am 7. April 1994 an Kehlkopfkrebs starb, auf den armen, großen Wilko Johnson, der momentan an Krebs stirbt (und gerade auf „Abschiedstour“ war, weil er behauptet, erst durch den baldigen Tod seine Depression überwunden zu haben und wieder lebendig geworden zu sein). Stoßen wir an auf die unvergeßlichen Zeiten, als Rock 'n' Roll noch Rock 'n' Roll war – laut, schnell, böse, gemein und geil.

(Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.)

Donnerstag, 2. Mai 2013

Beim Schreiben eines Romans (5)



„Wolltest du sie zurückhaben, nachdem sie gegangen ist?“
„Natürlich. Aber ich glaube, das war ein Irrtum. Ich wollte nicht sie, ich wollte mein gewohntes Leben zurück.“
„Dein gewohntes Leben?“
„Ja.“
„Also all die Dinge, die du unerträglich fandst?“
„Nein, ich wollte, daß unser gemeinsames Leben … anders wird, daß es endlich richtig losgeht.“
„Losgeht. Nach fünf Jahren.“
„Ja. Nein, nicht nach fünf Jahren, sondern … daß es wieder so wird, wie es war. Daß wir an den Punkt zurückgehen, wo wir falsch abgebogen sind und uns verloren haben, und von dort aus weitermachen.“
„Ihr seid falsch abgebogen? Es war anfangs anders?“
„Ja.“
„Glaubst du diese Scheiße wirklich?“