Sonntag, 24. August 2014

Belästigungen 15/2014: Randbemerkungen zum größten Skandal der Welt

Ich habe heute meinen alten Kater beerdigt. Es war ein langes, langsames Sterben, das er hinter sich bringen mußte; und während ich das schreibe, wird mir wieder einmal klar, daß Sprache für gewisse Dinge in den Randbereichen der Welt nicht geeignet ist. Denn selbstverständlich hat er nichts hinter sich gebracht, weil er nicht mehr ist und deshalb auch nichts hinter sich haben kann. Eher hat etwas ihn hinter sich gebracht, aber auch dafür müßte er noch sein. Es ist gleich.
Es mag pietätlos wirken, aber während man am Sterbebett eines alten Katers sitzt und nichts tun kann außer warten, gehen einem mancherlei Dinge durch den Kopf, und da hat man auch mal wieder Zeit, die Zeitungen durchzublättern, die man sonst achtlos in den Müll wirft, weil einem das Gebrumsel und Gebrabbel der neoliberalen Journalistendarsteller den Nerv tötet und die gute Laune zersetzt.
So erreicht mich pfeilgrad eine Meldung von Bischof Tutu, von dem man lange nichts gehört hat, weil … na ja, wer will schon was von einem Bischof hören? Bischof Tutu jedenfalls, so wird gemeldet, habe „Sterbehilfe für Sterbenskranke“ befürwortet. Und da fällt mir pfeilgrad eine frühere Bekannte ein, die mir einst erklärt hat, man müsse Menschen, die nur noch nutzlos herumliegen, „abspritzen“ und sie werde sich, wenn sie eines Tages nur noch nutzlos herumliege, auf jeden Fall „abspritzen“ lassen. Ich kann mich an mein Entsetzen erinnern, und ich weiß noch, wie lange ich zu verstehen versucht habe, wieso ich so entsetzt war.
Ich hatte mit einigen Menschen zu tun, die gestorben sind, und habe einige Gespräche geführt, in denen es um das Sterbenwollen ging. Eine hochbetagte ehemalige Nachbarin, die dreimal zum Sterben im Krankenhaus war, meinte, man könne sich gar nicht vorstellen, wie schwer das sei, das Sterben. Dann hat sie tief geseufzt, ihre Einkaufstasche genommen und ist die Treppe hinaufgerumpelt wie eh und je, und eines Tages ist sie doch noch gestorben.
Ich bin der Ansicht, daß in der ganzen Erdgeschichte noch nie ein Lebewesen und auch kein Mensch sterben wollte; denn um etwas zu wollen, muß man wissen, was es ist, und das weiß niemand. Dennoch war noch nie so viel vom Sterbenwollen die Rede wie in den letzten Jahren. Das ist wahrscheinlich eine weitere düstere Blüte an dem üblen Strauch, auf dem auch die milliardenfache industrielle Tötung von Tieren (und ihre Entsorgung in Fastfoodmülltonnen), eine abgründig entfesselte kapitalistische Apparatemedizin, ein europaweiter Handel mit aus lebendigen Menschen herausgeschlachteten „Spenderorganen“ und diverse andere Dinge blühen, die sich ein Hieronymus Bosch kaum ausdenken hätte können – aber sicherlich wollen, denn was ihn und die Betrachter seiner Bilder so fasziniert(e), ist genau dies: die Scheu und der Horror vor dem, was Menschen (nicht selten durchaus guten Willens) einander antun können, und vor der letzten Grenze, dem gewaltsamen, unwiderruflichen Hinausbefördern aus der Welt, dessen Unwiderruflichkeit Religionen, Philosophien und Epidemien von esoterischem Firlefanz geboren hat, weil es der größte Skandal der Welt überhaupt ist.
Es weiß eben niemand. Die das Ende selbst herbeiführen, umwehte in meiner Vorstellung auch stets eine changierende Aura. Was könnte lächerlicher sein als der aufrechte Nazioffizier, den man mit einer Pistole und der Empfehlung, selbst die Konsequenzen aus seinem Scheitern zu ziehen, im Büro einschließt und der den blödsinnigen Befehl dann auch noch ausführt? Und ich erinnere mich, wie der große (und unlängst gestorbene) Horst Tomayer bei der Beerdigung eines gemeinsamen Freundes für Bestürzung und Empörung sorgte, indem er in seiner Grabrede stur darauf beharrte, wenn man Familie und Freunde habe, hänge man sich nicht an einen Baum; das tue man einfach nicht. Ich frage mich bis heute, ob er recht hatte und ob sich nicht darin das ganze Problem widerspiegelt: Ob es nicht, wo es um den Tod geht, immer um die Überlebenden geht? Weil die Toten ja nicht mehr sind und daher nichts mehr hinter sich, vor sich, neben sich und um sich haben?
Das gälte dann nicht nur für Abschied, Trauer, das geduldige Hinnehmen von Leid und Unausweichlichkeit und so weiter, sondern eben auch für die sogenannte Sterbehilfe, der man unterstellen könnte, sie sei darauf ausgerichtet, Unnützes schneller aus der Welt zu schaffen, nicht mehr Arbeitsfähige, die nutzlos herumliegen und die man aufwendig versorgen müßte, zu beseitigen. Das Perfideste an diesem Gedanken wäre, daß ähnlich wie beim Arbeitszwang, der heute längst kein Zwang mehr sein muß, weil ihn die meisten komplett verinnerlicht haben, die Verantwortung auf den einzelnen überginge: Das Bedürfnis, eingedenk der eigenen Nutzlosigkeit lieber sterben zu wollen, träte als ebenso dringender und „natürlicher“ Wunsch auf wie jener, sich in einer Fabrik oder einem Büro ausbeuten zu lassen, anstatt nutzlos herumzuliegen, wie es das eigentliche natürliche Bedürfnis sämtlicher vernünftigen Lebewesen ist.
Wenn sich die Euthanasie solcherart durch kapitalistischen Massendrill im individuellen Unterbewußtsein einnistet und jede dritte Plapperdiskussion um die Nazivokabel „lebenswert“ kreist (und eben deren Gegenteil: das, was nicht mehr „wert“ ist, zu leben), sollte man vielleicht mal wieder bedenken, daß das Leben kein Geschenk ist, das man zurückgeben kann, keine Episode, keine Krankheit, kein Ausflug, kein irgendwas, woneben es anderes gäbe. Sondern: das Einzige als solches.
Freilich kenne ich das Gegenargument: Man wolle Leiden verkürzen etc. Auch das überzeugt mich nicht. Niemand sollte leiden müssen. Dafür stellt die Natur (ob absichtlich oder aus Versehen) ein großes Arsenal an Betäubungs- und sonstigen Mitteln zur Verfügung, deren Gebrauch dem Menschen jedoch von Wirtschaftsmacht und Medizinindustrie verboten wird. Ein anderes Thema.
Mein Kater übrigens ist annähernd hundert Prozent seines Lebens nutzlos herumgelegen und hatte daran sichtlich Freude. Am Ende hatte er, immerhin, Geduld. Adios, mein Guter, Friede sei mit dir.


Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Dienstag, 12. August 2014

Belästigungen 14/2014: Com in poco de Hahno mit de Sprudeltanco! (Jipii! Jipii!)

Neulich war an dieser Stelle vom Wasser die Rede, was ein schönes Thema ist, auch für Leserbriefschreiber, die nun wettern (!), ich hätte mit meinen trotzigen Prangerungen wider die Regenlosigkeit als eine Art „Mind over Matter“-Medium psychokinetisch dafür gesorgt, daß es nun fast nur noch regnet.
Was sich die Leute vorstellen! Ich weise darauf hin, daß mein durchaus Geistesverwandter Donald Duck dereinst zwar krude verschmückt in der Prärie herumgehüpft ist und mit dem Choral „Jipii, jipii! Com in poco de locho mit de wassertanco!“ für einen regelrecht flußsprengenden Guß gesorgt hat. Indes ist einschränkend hinzuzufügen, daß dahinter eine durchaus typische Melange aus technischem Wunderklimbim und esoterischem Humbug steckte (und zwar mag es vorkommen, daß ich, wenn ich mich unbeobachtet wähne, meine Wiese mit Nackttänzen bespiele und dabei durchaus seltsame Verse skandiere, aber die meteorolgische Wirkung solchen Tuns hält sich in engen Grenzen).
Nein, Wasser aus dem Himmelshahn kommt, wie es kommt, und gerne kommt es Anfang Juli; jedenfalls verzeichnet das Tagebuch des Fünfzehnjährigen, der ich in gewissen Momenten noch bin, aus jenem Juli Einträge wie „Es regnete und regnete“ sowie „Dauerregen“. Perennial aber ist das Klagen des Menschen über zuviel beziehungsweise zuwenig Naß von oben, drum wollen wir’s dabei bewenden lassen – am liebsten wäre ihm halt, es wäre das Wetter wirklich ein Hahn, den er aufdrehen und zudrehen könnte, wie es ihm beliebt.
Am Wasser übrigens läßt sich ganz gut auch der jeweils aktuelle Stand des kapitalistischen Weltverformungsprozesses ablesen. Eine wichtige Funktion dessen ist es, auf der einen Seite „Angebote“ und Privilegien zu schaffen, indem auf der anderen Seite etwas gestrichen, gekürzt, eingeschränkt und abgeschafft wird. Zur Illustration dieser Binsenweisheit erreicht mich via einen Freund in Irland die kuriose Kunde, daß die dortige Monetengentry um Zuge der Umwandlung von Städten in Luxusquartiere mit Verwahrstationen für Menschenmaterial und Humankapital außenrum sich neuerdings einen dritten Wasserhahn ins Haus montieren lassen können, aus dem Mineralwasser hervorsprudelt (und zwar, dies steht zu vermuten, aus den Reservoirs des Nestlé-Konzerns, der zu diesem Zweck seit längerem bemüht ist, sich die Eigentumsrechte an den entsprechenden Quellen auf der ganzen Welt zu beschaffen).
Das geht freilich nicht umsonst, und bezahlen müssen wie immer die anderen. Drum hat die irische Regierung im Auftrag der „Troika“ (die dafür zu sorgen hat, daß die Spekulanten und Banken ihr während der „Krise“ verzocktes Geld zurückkriegen) das Unternehmen „Irish Water“ gegründet und es damit beauftragt, sich erst einmal für 20.000 Euro ein chices Logo schnitzen zu lassen und dann 1,2 Millionen Wasseruhren zu installieren, damit man dem niederen Volk, das sich bekanntermaßen zügellos braust, die frisch eingeführten Wassergebühren abknöpfen und damit noch mehr Mineralwasserhähne in Luxustempel hineinschrauben kann. Und weil irisches Trinkwasser sowieso recht teuer ist – die jahrhundertealten Leitungen sind nämlich dermaßen marode, daß fast die Hälfte davon im Boden versickert (und anderswo wieder austritt, vermutlich vorzüglich dort, wo Nestlè-Pumpen stehen). 500 Euro pro Haushalt kostet das (es handelt sich um Hi-Tech-Uhren, mit denen man über Funk den Hahn abdrehen kann, wenn jemand nicht blecht), und berappen tut das nicht etwa „Irish Water“, sondern der Gebührenzahler.
Indes ist der Ire, wiewohl durch Rauchverbot und diverse Antikrisen- und andere Verelendungsmaßnahmen versuchsweise gezähmt, immer noch ein notorisch ruppiger Kerl, der seine über die Jahrhunderte erkämpften Menschenrechte nicht so ohne weiteres auf den Müllhaufen der Geschichte kippen läßt. Drum stehen die Behörden nun vor dem Problem, daß allüberall im Land Bürgerinitiativen und schneidige Einzelkämpfer die Zählgeräte demolieren, ramponieren, ruinieren, abmontieren oder deren Einbau gleich von vornherein verhindern, indem sie die damit beauftragten Tagelöhnertrupps verscheuchen. Daß die UNO die Entsendung von Blauhelmen erwäge, damit das H2O-Gerangel nicht zum Bürgerkrieg ausartet, ist vorläufig nur ein Pubgerücht.
Wie man derlei Renitenz schon im Ansatz verhindert, demonstrieren mal wieder die sowieso für proletarische Solidarität nicht eben notorischen Amis, und zwar vorbildhaft in Detroit, der ehemaligen „Motor City“, die einst dutzende Millionen Autos in die Welt pumpte und nun, da niemand mehr Autos aus Detroit möchte, zum Restghetto für jene verkommen ist, die zu alt, zu krank oder zu arm sind, um der Megaruine zu entfliehen und sich anderswo ausbeuten zu lassen. Denen dreht die Verwaltung das Wasser einfach generell ab, weil sie sowieso nicht zahlen können und man das Geld, das man weniger Armen an Steuern rausleiert, für ferngesteuerte Tötungsflugmaschinen und anderen Klimbim braucht. Sollen sie (um ein Zitat einer klassischen französischen Herrschdame abzuwandeln) bei Nestlé anfragen, wenn sie Durst haben.
Übrigens stand ich neulich an der Kasse eines Supermarkts im (wie man so verräterisch sagt) „sozial schwachen“ Münchner Norden – und vor mir zehn Menschen mit jeweils einem oder zwei Sixpacks Plastikflaschenwasser. Und da frage ich mich jetzt schon mit einem leicht unguten Kribbeln im Hinterkopf, ob da nicht was im Gange ist, was damit zusammenhängen könnte, daß der dortige Grundwasserspiegel in den letzten eineinhalb Jahren um eineinhalb Meter gesunken ist … Wenn da mal nicht demnächst jemand den Gewitterhahn aufdreht und, während wir dem Biergarten entfleuchen, ätschend unter der Sprudeldusche steht – your turn, Verschwörungstheoretiker!



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Montag, 21. Juli 2014

Belästigungen 13/2014: Vom Fracksausen unter dem Apfelbaum – oder: Wo bleibt die Schmetterlingsraupensteuer?

Es liegt mir fern, mich über Regenlosigkeit zu beschweren, weil ich kaum etwas lieber mag als sinn- und bekleidungslos auf der Erdkugel herumzuliegen, müßig-nostalgische Gedächtnisfühler in alte Donald-Duck-Hefte hineinzustrecken und zuzuhören, wie unendlich langsam leise die wundervolle Zeit dahinschmilzt und sich mit kaugummibunten, romantisch blütenduftigen Erinnerungen füllt. Aber hin und wieder tut ein bißchen Wasser keinen Schaden, und wenn’s nur dafür wäre, daß die Kaninchenbande mal wieder ein bißchen weniger unmutig schaut, weil der zweibeinige Versorgungshase mal wieder was anderes daherbringt als struppiges Distelstroh, bleiches Hartheu und staubiges Korn.
Dazu indes muß es regnen, und das tut es manchmal ungern, weil der Mensch mit solcher Emsigkeit Auto fährt, Wachstum erzeugt und das Klima verdröselt. Zum Glück hat die Natur vorgesorgt und in ihrem Keller einen Haufen von dem förderlichen Feuchtzeug gebunkert, das man notfalls heraufpumpen kann. Dabei kommt auch noch der im Brunnenrohr hausende Laubfrosch in den Genuß einer frischen Dusche, und so ist alles zur Zufriedenheit aller geregelt.
Das heißt: wäre. Leider nämlich lagern dort drunten noch andere Sachen, die Begehrlichkeiten wecken, zum Beispiel das schwarze Schmierzeug, auf das die Autofahrer so scharf sind. Viel ist davon zum Glück nicht mehr da, die Reste sind gerne mal in Steine, Sand und sonstiges hineingesickert und müssen, damit der Motor der Wirtschaftsmaschine nicht knirscht, herausgespült werden. Man frage bitte nicht genau, wie das geht; jedenfalls werden dazu große Mengen Wasser und schweinsgiftige chemische Kampfstoffe in den Leib der Erde hineingepumpt. Man nennt das angemessen martialisch „fracken“, und was zurückbleibt, sind äußerlich möglicherweise nur mittelschwer, innerlich jedoch erheblich abgefrackte Landschaftswracks, deren Wasservorräte mit schweinsgiftigen chemischen Kampfstoffen verpestet sind.
Daß diese Verpestung laut Auskunft der industriellen Täter und ihrer regierungsamtlichen Lakaien üüüberhaupt nicht schlimm und toootal unbedenklich ist, können wir getrost in den Schrank mit den Sagen und Lügenmärchen verräumen, wo diesbezüglich schon einiges lagert, von Contergan, Ritalin und anderer Arschmedizin über DDT, PVC, Gengemansche und Tralala bis hin zur bombig gesamtplanetar strahlenden Atomruine. Das müssen die sagen, weil man sie sonst nicht fracken läßt, und das müssen sie nun mal tun, wg. Wachstum.
Da trifft es sich doch pfundig, daß immer mal wieder die Terrororganisation FIFA über ein Land herfällt, es mit Betoncolosseen zubetonieren läßt und in diesen ein paar Wochen lang einen firlefantösen Karneval mit Plastikbällen veranstaltet, der die gesamte Erdbevölkerung an die Bildschirme und Leinwände fesselt, während die regierungsamtlichen Lakaien mal so eben husch husch ein Gesetz durch den parlamentarischen Wolf wursten, von dem die Betroffenen (also letztlich: alle) erst was mitkriegen, wenn sie sich über Thomas Müller und das in Stadien und Garderoben herumdümmelnde Bundesmerkelchen zu Ende beömmelt haben. Wenn unter ihrem Brunnen und ihrer Garage die Frackerei losgeht, aus dem Wasserhahn schweinsgiftige chemische Kampfstoffe hervortröpfeln und sie einigermaßen sauberes Wasser nur noch in (wenigstens weniger schweinsgiftigen) Plastikflaschen von Nestlé kaufen können.
Dann marschieren sie gerne mal hordenweise Straßen entlang, skandieren was von „dagegen“ und „Schluß“, das Merkelchen macht Tutsitutsi, der umweltministerielle Mops verdreht ein paar Bezeichnungen und Sätze so, daß am Ende „Wachstum“ herauskommt, und heißa! – da nahen ja schon die nächsten Spiele oder Meisterschaften oder sonst was.
Ich habe übrigens eine Elektropumpe, die zwar nach dreißig Jahren Aufenthalt unter einem Apfelbaum nur noch beschwerlich und keuchend läuft, aber immerhin. Die, dachte ich mir, werde ich nun, um Oberarm und Laubfrosch zu schonen, mal an die Solarzelle hängen, in Betrieb setzen und dabei neben Wasser noch das befriedigende Gefühl gewinnen, an der vielbeplapperten „Energiewende“ teilzuhaben (die selbstverständlich ein reiner Schmarrn und Humbug ist, aber dazu ein andermal).
Aber siehe da: Schon haben die regierungsamtlichen Lakaien ein weiteres Gesetz erwurstet, das diesmal vorsieht, daß für privat erzeugte und genutzte Sonnenenergie hinkünftig Steuern zu entrichten seien. Da könnte ich nun ganz renitent werden. Nämlich erzeugen und nutzen in unserem Kleinparadies nicht nur die Solarzelle und die greise Rowi-Pumpe Sonnenenergie, sondern auch der Kirschbaum samt Fruchtbestand, die Wiese, der Wein, die Pfingstrose, der Pfirsich, Spargel, Kiwi, Kaki und Marone, Him-, Brom-, Johannis-, Stachel-, Erd- und sonstige Beeren, Nüsse, Kräuter, Blumen, ja letztlich jede einzelne Hautzelle nicht nur meines Körpers, sondern auch von Vogel, Igel, Kaninchen, Maus, Grashüpfer, Libelle, Frosch und Kröte, Biene, Hummel, Weps, Hornisse und so weiter und so fort.
Man könnte ein Bataillon der findigsten Steuerbeamten auf Draht halten, indem man die erforderlichen Formulare anfordert und des Nachfragens nicht müde wird, bis auch das letzte erstellt ist: „Junger Mann, der Teerlack auf meinem Hüttendach trocknet infolge effektiver Nutzung von Sonnen- und Windenergie! Ich ersuche um Zusendung der Anlage TLAMHD in dreifacher Ausführung oder eines gängigen Ersatzschriftstücks! Und geht das auch online über Elster? Und sind die Angaben für Raupen und Puppen im Schmetterlingsbogen zu erstellen oder gibt es hierfür jeweils eigene?“
Aber was, ich mag kein Querulant nicht sein, schon gar bei diesem Wetter, und deswegen werde ich den Pumpenkrüppel gnadenweise unter den Apfelbaum pflanzen, mir statt dessen ein schnittig-modernes, luftgekühltes Viertaktbenzingerät holen und es so lange mit gefracktem Sprit beheizen, bis Deutschland endlich Rekordweltmeister ist, dem Merkelchen die Schüttelhand vergichtet und Thomas Müller sein zweitausendstes Tor erzielt. Oder ersatzweise: bis es wieder regnet.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Dienstag, 8. Juli 2014

Belästigungen 12/2014: Scheitelt die Harnröhre! und ruft den Keeper herbei!

Ich habe einen nicht geringen Teil der letzten Wochen damit verbracht, sämtliche Folgen dieser Kolumne für die ersten vier Bände einer neuen Buchausgabe durchzuschauen und zu überarbeiten. Bei einer solchen Tätigkeit gerät man nicht selten in eine Art autogene Fremdscham („Das soll ich geschrieben haben? Weia weia weia!“), vor allem aber kommt man nicht darum herum, Defizite und Unausgewogenheiten im eigenen Wortschatz zu konstatieren.
Zum Beispiel erscheint die Vokabel „Kapitalismus“ derart häufig, als hätte es mir irgendwann in den Neunzigern eine Zentnerpackung davon in den Händen zerrissen. Darüber hinaus wurlt es nur so vor Neologismen, die meine Deutschlehrer zum kollektiven Fenstersprung veranlaßt hätten, vom Zerzilpen bis zum Glitzen, vom Schwommel bis zum Pfanz. Hingegen: nicht ein einziges Mal der durchaus gängige deutsche Begriff „Harnröhre“. Dabei sind wir Menschen mit dem dazugehörigen Gegenstand mehrmals täglich konfrontiert, zumal zu Sommerszeiten, wo man titanische Kübeleinheiten an Kaltgetränken in sich hinein- und nach Eintritt der beabsichtigten Wärmeaustausch- und Rauschwirkung wieder hinausbefördern muß.
Na gut, meinetwegen geschieht dies unbewußt, wie in einer idealtypischen 21st-Century-Zweierkiste, wo man ja auch nicht mehr weiß, mit wem man da eigentlich wochenends durchs alpine Freizeitressort rödelt und dabei die Besteigung der Praktikantin aus dem Nebenbüro imaginiert. Das gilt indes für mancherlei: Wem wäre denn, während er seinen gesamten Tag an öden Arbeitsplätzen, auf öden Autobahnen, in öden Supermärkten, mit der Betrachtung öder Fernsehprogramme und Internetseiten sowie notfalls auf, unter, über, hinter öden Praktikantinnen verbringt, in jeder Sekunde bewußt, daß daran der Kapitalismus schuld ist?
Eben. Und deswegen wundert mich das. Und während mich das wundert und ich ansonsten gänzlich unbewußt mit dem Fahrrad durch den Münchner Norden flaniere, fällt mir in der Außenreklame eines örtlichen Supermarkts ein neues Wort auf, das ich noch nie gehört habe und das sich mit dem Begriff „Harnröhre“ in einen nicht uninteressanten Zusammenhang bringen läßt: „Mehrweggetränke“.
An einem idyllisch schönen Montag mag ich mir nicht vorstellen, wie so etwas funktioniert. Gibt es dafür Tanks? Ebensowenig möchte ich wissen, was es mit den „Probierwochen“ auf sich hat, mit denen ein internationaler Rindviecherzerwolfungskonzern derzeit tausendweise auf Plakatwänden renommiert. Gibt es neuerdings Wochen, die man bei Nichtgefallen einfach wieder zusammenfalten und auf den Tresen knallen kann: „Taugt nichts, der Gammel! Eine neue her, Dienstleister!“? Werden die dann an jemand anderen weiterverscherbelt, der nicht so anspruchsvoll ist? Oder bezieht es sich nur auf die „Produkte“ der Fleischsemmelfabrik, die man während dieser Zeit keinesfalls schlucken, sondern lediglich anmampfen darf und dann wie bei einer Weinprobe in vorbereitete Tröge speien muß?
Fragen über Fragen, allesamt gänzlich unbewußt wie eine Harnröhre und dennoch drängend, wenn man gerade nichts anderes zu tun hat als die Stadt zu betrachten, die an einem vorbeiparadiert, während das Fahrrad fröhlich zwitschert, als wäre es froh, daß die Schmierölprobierwochen wieder vorbei sind und es frohgemut weiterrosten darf.
Solche Wörter sind komisch, weil man sie normalerweise nie ausspricht, nicht mal denkt und auch nicht liest (weil hierfür zuständige Menschen wie ich sie nirgends hinschreiben – schrübe man sie hin, wären sie nur noch komisch, wenn man sie zehnmal hintereinander sagt, wie zum Beispiel „Scheidplatz“, ein todsicherer Stammtischbrüller). Das läßt sich ändern: Zum Beispiel könnten wir die Blödianbegrüßung „Hallo“ (ein Alarmruf, der dazu dient, Aufmerksamkeit zu erregen) versuchsweise und zumindest in Schickiklamottenoutlets und Nobelbiomüsliboutiquen durch ein herzhaftes „Harnröhre!“ ersetzen und nach Eintritt der Verblüffungspause fortfahren: „Möchten Sie ein Mehrweggetränk? Ich hätte gerade eines bei mir! Probierwochen!“
Manchmal wiederum gerät man beim müßigen Radflanieren in Stadtbereiche hinein, wo man zwar schon mal, aber offenbar lange nicht war, weil sie plötzlich komplett anders aussehen als früher und auch anders, als Stadtteile in einer Stadt aussehen sollten, die man mag. Die werden dann verkauft, mit schlagenden Argumenten. Zum Beispiel steht man hinter dem Hirschgarten, wo ohnehin ein ganzes Areal vollgekippt worden ist mit weißen Zementwohnschachteln, unversehens vor einem Turm, der aussieht wie ein zu Plastikkotze geronnener Alptraum von Perry Rhodan, und erfährt dazu, dort gebe es für knapp 7.000 Euro pro Quadratmeter einen „zentralen Funktions-Cube“ und eine „Storage-Einheit“ für „Intelligent Wohnen“ sowie einen für „Service-Leistungen“ zuständigen „Keeper“, den man über eine „Friends-App“ buchen könne.
Da ist man erst mal baff, radelt ein paar Ecken weiter und ist froh, daß einen von dort nicht gleich der „Keeper“ verjagt, weil die zuständige Immobilienverwertungsfirma unter dem gleichfalls schlagenden Motto „Werte durch Luxus“ folgendes Szenario sich entfalten läßt: „Vor der griechischen Taverne treffen sich ein paar Jugendliche mit ihren Vespas. Die Jungs, alle gescheitelt und mit klassischen Sonnenbrillen auf der Nase, sehen aus wie aus einem Katalog. Es scheint, als wissen (sic!) sie das. Also stehen sie rum, quatschen, trinken Spezi – und sehen gut aus an diesem herrlichen Frühlingstag. Nach ein paar Minuten düsen sie zurück in die Privatschule, ein (sic!) moderner (sic!) Bau am Ende der Volpinistraße. Nun ist es wieder ganz ruhig. Aus dem Hintergrund tritt (sic!) wieder Vogelgezwitscher.“
So soll es zukünftig zugehen unweit vom „quirligen“ Rotkreuzplatz, wo jetzt noch ein „wenig ansehnlicher“, womöglich gar von Menschen bewohnter „Hausbunker“ steht. Und da stellen wir doch vorsorglich gleich mal den Antrag, ganz Nymphenburg in „Harnröhre“ umzubenennen und vom Keeper (es muß ja nicht Manuel Neuer sein) mit Mehrweggetränken versorgen zu lassen.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.



Dienstag, 24. Juni 2014

Belästigungen: Das eine, einzige Leben, ertrunken in Rührei und Federn

Neulich saß ich mit einer lieben Freundin zusammen, die für den folgenden Tag ein Vorstellungsgespräch vereinbart hatte. Es ging um eine grundsätzlich sehr attraktive Stelle; dennoch meinte sie, am liebsten ginge sie gar nicht hin, weil sie sonst am Ende dort arbeiten müsse und sich nicht sicher sei, ob sie das überhaupt noch wolle, dieses Arbeiten.
Wir saßen unter einem Baum, die hellblaue Luft flirrte von der freudigen Erwärmung nach dreizehn oder fünfzehn Eisheiligen, im Krug schimmerte gülden das Malzgetränk, allenthalben herrschte Frohsinn, weil hier – abgesehen von den Biergartenangestellten, die müßig ratschend durch die Reihen schlurften und hie und da einen leeren Teller einsammelten – niemand arbeitete.
Kein Thema bestimmt das Geplapper des Menschengeschlechts so hegemonial wie dieses, vor allem in Zeiten, da mal wieder irgend so ein Parlament zusammengewählt werden soll. Armut, Elend, obszöner Reichtum, Krieg, Folter, die inzwischen so gut wie vollständige Vernichtung von Natur und Umwelt – alles eitler Pipifax gegen das, was rechtsliberale und neokonservative Medien wie taz und FAZ gerne auf den reißerischen Nenner bringen, die gesamte Jugend in Europa sei „ohne Job und Perspektive“. Wie schauderlich!
Eine andere Freundin habe ich seit Jahren nicht gesehen, obwohl wir in derselben Stadt leben. Sie nämlich, teilt sie mir hin und wieder auf elektronischem Wege mit, täte mich zwar gerne mal wiedersehen; geht aber nicht, weil sie eine Perspektive hat: Sie „muß“, d. h.: „will“ arbeiten, weil das, was sie arbeitet (irgendeine digitale „Dienstleistung“), sie mit Sinn, Glück und Erfüllung erfülle. Zwar sei sie nach „Feierabend“ (falls ein solcher eintritt, weil das Handy kaputt oder Facebook abgestürzt ist) oft sehr erschöpft und frustriert, depressiv und einsam. Aber, so vermute ich, diese Erschöpfung, Frustration, Depression und Einsamkeit fließen halt nur so über vor Sinn, Glück und Erfüllung, und zur Not haut sie sich eben vor der Glotze, die die aktuellen Statistiken zu Arbeit und Wachstum verkündet, einen Prosecco rein.
Eines Tages werden wir uns schon wiedersehen, meint sie, und reden, spazierengehen, lachen, Musik hören, Sex haben, feiern, was man halt so tut im Leben. Das meinte ein anderer Freund auch, der vor drei Jahren gestorben ist, ohne daß wir uns seit dem Studium wiedergesehen hätten. Die ganze Perfidie der perversen Arbeitsreligion läßt sich kaum besser auf den Punkt bringen als mit der Feststellung, daß das für ihn jetzt keine Rolle mehr spielt und er es zuvor tatsächlich ehrlich glaubte, viele Jahre lang, so wie er an ein unendliches Wachstum glaubte, obwohl er nach drei Sekunden Nachdenken einsehen hätte müssen, daß er sein Leben auf einen Sanktnimmerleinstag verschob und unendliches Wachstum absolut unmöglich ist.
Arbeit, hat man mir erklärt, erfülle in erster Linie einen sozialen Zweck. Das ist so eine Art Notfallausrede: Weil inzwischen jeder zumindest ahnt, daß 99 Prozent aller Arbeit vollkommen überflüssig sind und Arbeit die Ursache von (u. a.) Armut, Elend, obszönem Reichtum, Krieg, Folter und der Vernichtung von Natur und Umwelt ist, meint man, das sei ja ganz egal; schließlich gehe es darum, ein Grundbedürfnis des Menschen zu stillen – gemeinsam mit Mitmenschen etwas zu leisten und einen Erfolg zu erzielen.
Mag sein. Wieso muß es dann aber eine digitale Dienstleistung, ein Monsterauto oder ein innovativer Joghurtdrink sein? Wieso ziehen die Menschen nicht los, reißen irgendwo ein Factory Outlet ab, harken die Krume, säen das Korn, pflücken Obst, versammeln sich in der Dämmerung ums Lagerfeuer, singen fröhliche Lieder, erzählen sich Geschichten und lächeln angesichts der gemeinsam eingebrachten Früchte ihrer müßigen Mühen selig in den Nachthimmel?
Weil das unrealistisch ist? Genau. Und wenn man einem beliebigen Bewohner des frühen 18. Jahrhunderts vom Nazifaschismus erzählt oder ihm ein Bild der Verwaltungszentrale eines modernen Weltkonzerns (oder der Frankfurter Skyline) vorgelegt hätte, dann hätte der das ohne Zögern für absolut realistisch befunden. Ein Leben ohne iPad, Twitter, Konsumkredit und Spülmaschine, hätte er begeistert eingeräumt, sei tatsächlich fast undenkbar, und daher werde das Streben seiner und der zehn folgenden Generationen rückhaltlos dem Ziel dienen, das Burnout-Paradies des 21. Jahrhunderts herbeizuführen, in dem die gesamte Sozialität des Menschen auf die gemeinsame Erstellung eines innovativen Joghurtdrinks zusammenschrumpelt.
Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, in der kein Angehöriger meiner peer group einen Job hatte. An Perspektiven hingegen mangelte es uns nicht; viele davon beruhten auf den idyllischen Szenarien in Carl Barks’ Donald-Duck-Geschichten (in denen, sobald jemand zu arbeiten anfing, Semmeln, Fabriken und Berge explodierten, ganze Städte in Rührei und Federn ertranken und generell alles in Klump und Asche fiel), Rock-’n’-Roll-Songs (der absoluten Antithese zu jeglicher Form von Arbeit), Asterix-, Lucky-Luke- und Science-fiction-Heften sowie Büchern von Schatzinseln, Piraten und Huckleberry Finn. Was wir daraus über Arbeit lernten? Daß man das Leben, weil es kurz ist und es unendlich viel zu erleben gibt, so weit wie nur möglich davon freihalten muß.
Heute: strömen die Menschen zu den Arbeitsstätten wie einst in die Kirchen, hoffen auf Erlösung durch Fleiß und Überstunden und haben die Frage vergessen, in welchem Jenseits ihnen diese zuteil werden soll. Wer keinen Arbeitsplatz hat, sitzt seine Lebensstunden in plastikmöblierten Ämtern, demütigenden „Kursen“ und sinnlosen Ersatzbeschäftigungsdiensten ab. Und derweil gilt der sehnsüchtige Neid aller, die dem Wahn verfallen sind, den Ungläubigen, die sich dem Kreuzzug zur Vernichtung des Lebens und der Welt entziehen – denen, die durch anderer Arbeit reich genug sind (die bewundert man), und jenen, die einfach keine Lust haben (die haßt man).
Das, fanden wir anderntags unter einem anderen Baum, ist wie jeder religiöse Fanatismus dermaßen widersinnig und irr, daß man gar nicht erst versuchen sollte, es zu verstehen. Schließlich haben auch wir nur ein Leben.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.



Freitag, 13. Juni 2014

(Aus dem tiefen Archiv) Belästigungen #218: Zwei Großhirne auf dem Weg durchs Weltgedärm

Zwei Herren, die in Deutschland leider als recht bekannt gelten müssen, schockierten kürzlich das Gemeinwesen mit Ungnade: „Wenn ich jünger wäre und diese Aufgabe nicht hätte, wäre ich längst weg!“ tönte ein Herr Döpfner, dessen „Aufgabe“ darin besteht, Vorstandsvorsitzender des Springer-Konzerns zu sein. Recht hat er, möchte man meinen: Wenn der Mann sich nicht seine jüngere Lebensphase damit um die Ohren geschlagen hätte, durch den Darm der Axel-Cäsar-Witwe zu krabbeln, bis er es endlich hineingeschafft hatte ins Allerheiligste der Blut-und-Busen-Presse, – dann wäre er mit einiger Sicherheit tatsächlich weg. Vom Fenster.
Gemeint hat der Döpfner aber was anderes, in dem ihm Frank Schirrmacher, sein etwa gleichaltriger Kumpan von der FAZ (der sich auf dem Weg dorthin seinerseits durch die Eingeweide von Joachim Cäsar Fest wühlen mußte), bestätigend vorausgeeilt war: Die beiden, die zu den Mittätern der ekelhaften „Du bist Deutschland!“-Kampagne gehören, wollten wohl auch mit dieser Kampagne genau dies sagen: Weil Deppen wie du Deutschland sind, halte ich es hier nicht aus! Und wenn ich nicht so unglaublich wichtig wäre, daß ohne mich alles zusammenbräche, dann hätte ich mich längst verzupft!
Wohin? könnte man fragen. Aber freilich: Beide – Döpfner und Schirrmacher wie die meisten Insassen des gesellschaftlichen Luxuspenthouses, wo das Gejammer und Geklage und Gewimmer und Gebrüll über Stillstand, Verkrustung und so weiter den ganzen Tag und das ganze Jahr nicht abschwellen will, egal wieviel Champagner man ihnen in die Rübe gießt – meinen, einen sozusagen geburtsrechtlichen Anspruch auf eine „Spitzenposition“ samt Stadtvilla, Landhaus, Chauffeur und Leibeigenen sowie Medienlakaien, die ihnen täglich ein Mikrophon zum Meinungmachen hinhalten, zu besitzen, den sie jederzeit überall in der (nicht zuletzt deshalb „globalisierten“) Welt wahrnehmen könnten. Wenn der Deutsche nicht spurt und springt, ja mei, dann wird eben in Singapur, England oder der Schweiz weitergewichtelt. Golfspielen, wichtig aussehen, frühstücken, meeten, pathetischen Müll schwafeln und Leute entlassen kann man schließlich inzwischen an fast jedem Ort der Welt. Notfalls läßt man halt Roland Berger einfliegen.
Wir wollen jetzt gar nicht hämisch sein, sondern lieber mal abwägen, eine Gewinn-Verlust-Rechnung anstellen. Erstens Döpfner: Daß der seinen Schmutzkonzern samt Bildzeitung beim Auswandern mitnähme, ist unwahrscheinlich. Da stecken schließlich noch ein paar recht mächtige Herrschaften dahinter, denen es nicht schwerfiele, den einen Streber durch einen anderen Galionsbubi zu ersetzen. Der würde wahrscheinlich dasselbe Stroh daherreden wie Herr Döpfner, und auch ansonsten täte sich ungefähr nichts ändern. Fazit: ein herzliches Lebewohl! Zweitens Schirrmacher: Der war einst stolzer Panzerfahrer und hat, weil er sich nun mal für die Literatur zuständig wähnt, in einem spätjugendlichen Anfall von noch größenwahnsinnigerem Größenwahn als sonst vor vielen Jahren versprochen, eine umfassende „Bundesliteraturgeschichte“ zu verfassen, die vom Eichborn-Verlag auch gleich kräftig angekündigt und betrommelt wurde: Da werde der Möchtegern-Ranicki 320 Seiten lang „auf die deutsche Literatur seit 1945 zurückblicken“ und dabei „Thesen vertreten, die uns die deutsche Nachkriegsliteratur mit neuen Augen betrachten lassen“. Dann ist ihm aber ein- oder aufgefallen, daß er dafür erstens etwas von Literatur verstehen und zweitens am Ende auch noch irgendwie arbeiten oder wenigstens schreiben müßte. Und so haben wir uns leider umsonst auf die „neuen Augen“ gefreut, die uns Herr Schirrmacher einpflanzen wollte: Übrig blieb vom Großprojekt nur eine vergebene ISBN-Nummer und eine hübsche Spaßrezension im Internet, in der ein Herr „aus Posemuckel“ klarstellt: „So konnte nur ein Mitspieler im großen Kampf um Wahrheit, Recht und Meinungsführerschaft schreiben!“ Nämlich gar nicht. In etwas anderem Licht erscheint so auch ein Satz, den Schirrmacher einst auf die „68er“ münzte: „Plötzlich konnte nicht nur jeder lesen, sondern auch schreiben.“ Klar, daß der Herr die „68er“ haßt und fürchtet: Anstatt mit großdeutschen Pompgesten um sich zu pfeffern, haben die ein Hirn gehabt oder wenigstens ab und zu versucht, eines zu bilden, igitt!
Dennoch gibt es Bücher, die den Namen Schirrmacher tragen. Zum Beispiel „Marcel Reich-Ranicki. Sein Leben in Bildern“ (die freilich nicht Schirrmacher selbst geknipst hat, weil das von innen nicht geht) und „Als sei die Welt erwacht. Zeitzeugen erinnern sich zum 8. Mai 1945“. Bei letzterem freilich mußte er auch nicht wirklich schreiben, sondern nur zuhören und abtippen, zusammen mit Stefan Aust. Na ja, abgetippt hat genaugenommen wohl der „Herausgeber“ Michael Kloft. Und weil wir uns sowieso denken können, wer sich da erinnert – Joachim Fest, Marcel Reich-Ranicki und ein paar andere – fragen wir uns lieber: Wie erinnert man sich „zu“ etwas? Und wo war Schirrmacher, als in der Schule erklärt wurde, daß „Als sei …“ der Konjunktiv für die indirekte Rede und aber auch nur für die indirekte Rede ist? Und schon sind wir ganz froh, daß Schirrmacher so wenig schreibt, und noch froher wären wir, summa summarum, wenn er sich entschlösse, seinen Döpfnerkumpel einzupacken und gemeinsam nach sonstwo abzudampfen, um zum Beispiel der nordostmongolischen Nachkriegsliteratur neue Augen zu verpassen, sich zum 1. April 1704 zu erinnern, eine „Du bist Grönland!“-Kampagne zu starten, den Aufbau der Blut-und-Busen-Presse in Kirgisien zu überwachen oder in dortige Witwen und Großkotzdärme hineinzukriechen.
Und wenn der Exodus der Rumpelhirne ein paar Jahre anhält, könnten wir eines Tages anfangen, darüber nachzudenken, ob wir nicht vielleicht doch „Deutschland“ sind.



(geschrieben von 29. Oktober bis 3. November 2005, leicht gekürzt gedruckt am 9. November; enthalten in dem Buch Das fliegende Irrenhaus. Belästigungen 201-300 )


Donnerstag, 12. Juni 2014

Frisch gepreßt #317: Echo & The Bunnymen "Meteorites"


Aufgrund von Gründen beschäftige ich mich derzeit intensiv mit Kosmologie. Beim gedanklichen Ergründen tieferer Strukturen des eigenartigen Universums, das uns umgibt und dessen Gegenwart möglicherweise zugleich ewige Vergangenheit und gegenwärtige Ewigkeit ist, klingen hin und wieder am entferntesten, der Vernunft in Richtung Wüste entfallenden Rand des Bewußtseins Musikfetzen auf. Immer dann, wenn die Weltformel oder ihre Denkbarkeit in den Sinn gerät, singt Ian McCullough mit der alles umflorenden Pelzstimme eines gestürzten Gottes: „What are you going to do with your life?“
Das so betitelte, vor fünfzehn Jahren erschienene und damals heftig umstrittene Album hat sich als eine Art kosmologische Konstante erwiesen: Zu gewissen Zeiten bildet es mit „Us & Us Only“ von den Charlatans ein Zweigestirn, das sozusagen doppelsolitär hineinstrahlt und -leuchtet in den endlos dunklen Raum des Lebens, ihn füllt mit Sinn, Farbe, Gefühl und der euphorischen Melancholie (eben) gegenwärtiger Ewigkeit. Nichts, nicht einmal die schönsten Morrissey-Alben (also alle seit 1994), kommt ihm gleich an Erhabenheit, und wem heute immer noch ein „Kitsch“-Vorwurf durch die Lippen rutscht, der möge sich weiter ergötzen im Laufrad der Vergänglichkeiten.
Danach kam manches, aber „danach“ ist im Lichte der Relativitäten ein unsicherer Begriff; niemand kann sagen, ob nicht alles schon immer und für immer da und „schon“ und „für“ und „da“ sowieso Hilfsbegriffe sind. Daß „Meteorites“ fünfzehn Jahre nach „What Are You Going To Do With Your Life?“ erscheint, könnte also Illusion sein, ebenso wie das radioaktiv zersetzte Aufscheinen der Melodie von „When It All Blows Over“ in „Grapes Upon The Vine“ samt geisterhafter Wiederkehr der Streicher – ist vielleicht das Jetzt der Keim des Früher und letztlich alles eins?
Der Titel „Meteorites“ beschreibt in diesem Sinne gut, was hier passiert: Überreste von Supernovae, Planetenkollisionen und elliptischen Annäherungen an schwarze Löcher treiben durch den Raum, durch dunkle Materie und dunkle Kraft, getragen von Gravitationswellen, fangen Photonen auf, glitzern und pulsieren, reflektieren und verglimmen. Und wenn all diese kosmisch-kosmoiden Anspielungen sich als blühender Unsinn erweisen, bleibt doch nüchtern festzustellen: Irdisch ist nichts an diesem Album, von mancher Textzeile und ein paar „körperlichen“ (an Spät-80er-Rave erinnernden) Grooves etwa in „Market Towns“ abgesehen. Gegenwärtig auch nicht, alles strebt, schwebt, entgleitet in den weiten Himmel und ein fernes Jenseits, das mißgünstige Kritiker als endlosen Hallraum empfinden könnten.
Bill Drummond, der Echo & The Bunnymen als Manager und Mentor mitgegründet hat, schrieb 1997, knapp zwanzig Jahre nach dem bescheidenen Urknall in einem Liverpooler Schlafzimmer oder Hinterhof oder Bierstüberl, die unübersetzbaren Zeilen: „It’s as if The Bunnymen were going for some ultimate but indefinable glory. A glory beyond all glories, where the gates are flung open and all you can see is this golden light shining down on you, bathing you, cleaning all the grime and shit from the dark corners of your soul.“
Daran hat sich nichts geändert. Wie sollte es, wo doch die Gegenwart des Universums, das uns umgibt, möglicherweise zugleich ewige Vergangenheit und gegenwärtige Ewigkeit ist?
Drummond übrigens erklärte den Ursprung der Band und dessen Lokalisierung einst in einem Interview mit einer interstellaren „ley line“ – einer jener „Heiligen Linien“, die Megalithen, prähistorische Kultstätten, mystische Wasseradern und frühheidnische Kirchen verbinden, nur in diesem Fall eben aus den Tiefen des Weltraums gezogen und nur drei Punkte auf dem Planeten Terra berührend: Island, Neuguinea und die Mathew Street in Liverpool. Die weitere Geschichte, die mit Carl Gustav Jung, Pink Floyd, weißen Flecken auf der Erdkarte, Etymologie und Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ zu tun hat, sparen wir uns hier aus Platzgründen. Und weil sie natürlich Unfug ist.
Natürlich. So wie alles Unfug ist in der Kosmologie. Und jeder Unfug reine Wahrheit in einem Universum, in dem alles, was sein könnte, ist. Und die tiefste Frage lautet immer noch: „What are you going to do with your life?“

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.