Montag, 8. Juli 2013

Belästigungen #413: We will burn it and dance in the smoke (ein Sommeridyll)


Am heißesten Tag des Jahres, dem 19. Juni 2013, sitze ich in der Abenddämmerung bei 34 Grad mit lieben Menschen am nördlichen Rand der Münchner Stadt um eine Feuerstelle, die niemand entzünden will, weil es dafür viel zu heiß ist. Am Horizont schmilzt die Sonne wie eine Kugel Vanilleeis in grell orangeroter Rhabarber-Pfirsichsauce.
Unser Gespräch dreht sich im wesentlichen um Pläne für den Sommer: noch mehr lustige, spannende, schöne, hin-, mit- und umreißende Sachen erleben, Bier trinken, Sex haben, Drogen nehmen, geile Musik hören, in kristallperlenden Seen und Flüssen schwimmen, den blauen Himmel überstrahlen und in Gewitterschauern nackt auf der Straße tanzen.
„Ab morgen“, sagt J, dreht ihre Flasche um und läßt den Rest Bier bedeutungsvoll in einem Ameisenloch versickern, „ab morgen werden die Tage wieder kürzer."
„Stimmt“, sagt A, „egal.“
„Sie hat Durchfall“, meldet K, die per Facebook mit O in Venezuela kommuniziert. „Irgendwas mit Wasser. Und sie hat sich von V getrennt.“
„War V auch in Venezuela?“ fragt A.
„Nein, sie hat das per Netz gehändelt“, sagt K. „Er hat das nicht verpackt gekriegt, die Sache. Schwierig.“
„Schade, die beiden sahen gut aus zusammen“, flüstert I und läßt die Hand von M los, der die Gelegenheit nutzt, um eine Zigarette zu drehen.
„Ab morgen werden die Tage kürzer“, sagt J. „Komisch, daß alles vorbei ist, bevor es angefangen hat.“
„Das hab ich so noch nie betrachtet“, sagt M. Er hält seine Zigarette in der Hand, als wäre sie ein Finger von I, bei der man nicht genau sieht, ob sie weint.
Ich denke an die bei weitem schönste Frau der gesamten Lerchenau, die ich deswegen mit dieser blöden Bezeichnung benenne, weil ich ihren Namen nicht kenne und nicht möchte, daß alle wissen, wie verknallt ich bin.
„Ich glaube, das wird nichts“, sage ich. „Einmal strahlt sie mich an, als hätte sie seit Tagen auf mich gewartet, das nächste Mal kennt sie mich nicht mehr.“
Alle wissen, wie verknallt ich bin und daß das, weil Sommer ist, nichts bedeutet. Alle wissen, daß ich schon letzten Sommer in die bei weitem schönste Frau der gesamten Lerchenau verknallt war. Und vorletzten, vermutlich.
„Hast du’s ihr gesagt?“ fragt J, die eifersüchtig ist, weil sie in mich verknallt ist, woraus aber nichts „werden“ kann, weil ich siebenundzwanzig Jahre älter bin und sie im Herbst zum Studieren nach Kalifornien geht.
„Nein“, sage ich, „das geht doch nicht.“
Es wird langsam dunkel; vom See ziehen Schwaden brütend feuchter Luft mit Grillgeruch herüber. Die Frösche schnattern, als ginge es um ihr Leben.
„Ich hätte damals bei V bleiben sollen“, sagt I, die nicht mehr weint. M schnippt seine Zigarette weg, macht „ha“ oder „ah“ und verschwindet im Gebüsch. „Scheißmücken“, ruft er.
„B kommt nicht mehr“, sagt K, die immer noch auf ihrem Handy herumdrückt. „Sie muß noch bla.“
„Die muß immer was“, sagt M. „Alle müssen immer was, alle anderen.“
„Jeder sucht sich aus, weshalb er sein Leben verpaßt“, sagt A, „und keiner merkt es.“
„Seltsam“, sagt J, „es fängt an, und die Tage werden kürzer. Alles, was ist, geht von Anfang an zu Ende.“
„Ich kann ihr nichts sagen“, sage ich. „Wenn man’s ausspricht, ist die Hoffnung weg. Außerdem könnte sie ja auch was sagen.“
„Was soll sie denn sagen?“ sagt M. „Hat noch jemand was zu rauchen?“
„Manchmal“, sagt I, die wieder zu weinen angefangen hat, „manchmal versteht man alles, und wenn man’s sagen will, versteht man nichts.“
„Palma Violets sind Wahnsinn“, sagt W und nimmt die Stöpsel aus den Ohren. „Was ist jetzt mit morgen?“
„Morgen werden die Tage kürzer“, sagt J und schüttet noch einen Achtelliter Bier in das Ameisenloch.
„Liebst du mich?“ fragt I. Niemand antwortet, bis M „ah“ oder „ha“ sagt. „Ich will Sex“, sagt sie und kichert wie ein Käfer.
„Alles, was ich ihr sagen könnte, ist schon mal gesagt und deswegen banal“, sage ich. „Ich will nichts sagen, was banal ist.“
„Nächsten Sommer, nächstes Jahr“, sagt J und spricht nicht weiter. In der Ferne bellt ein Hund. Vom See klingt Gelächter herüber, das die Frösche übertönen, indem sie noch lauter schnattern.
„Glühwürmchen!“ ruft I. Alle springen auf, schwärmen aus ins hohe Gras und begleiten den Aufstieg jedes der kaltblau leuchtenden Insekten mit begeisterten Rufen.
„Heute nacht legen sie Eier, morgen sterben sie“, sagt J.
„Die Frage der Seele von Insekten ist noch nicht geklärt“, sagt K. „Gut möglich, daß sie ein kollektives Bewußtsein haben und nur körperlich sterben.“
„Wahnsinn“, sagt M, „du stirbst und bist sofort wieder da, in tausend Körpern. Deshalb brauchen die auch keine Sprache.“
„Sprache ist der Tod“, sagt J und lacht, als würde sie gekitzelt. „Wer spricht, verrät die Idee.“
„Ich bin traurig“, sagt I und hält mit dem Zeigefinger ein Glühwürmchen in die Luft. „Ich möchte ein Insekt sein und sterben. Aber vorher Sex.“
„Diese Exzesse“, sagt M und lacht bellend, „bringen mich um. Irgendwann.“
Die Dunkelheit hängt inzwischen wie eine schwarze Decke über den Bäumen. Sterne funkeln, Flugzeuge ziehen blitzende Bahnen in unvorstellbarer Höhe.
„Wenn O zurückkommt, ist der Sommer wirklich aus“, sagt K. „November. V tut mir leid. Drei Jahre verschwendet.“
„Zwanzig“, sage ich, „fünfundzwanzig. Das ist alles egal, wenn sie ein Wort sagt.“
„Welches Wort?“ fragt J.
„Such dir eins aus“, sage ich.
„Haben wir noch Coke? Fährt noch wer in die Stadt?“ ruft M und tänzelt um die Feuerstelle.
„Arschloch. Geliebtes Arschloch“, flüstert I und öffnet mit dem Feuerzeug eine Bierflasche.
Es ist heiß, und die Zeit zerfließt wie Schlamm, gerinnt und bleibt als graubraune Schuppen zurück, auf denen wir barfuß balancieren.
„Ab morgen werden die Tage kürzer“, sagt J.
Ich nehme ihre Hand und sage: „Komm schlafen. Ab heute werden die Nächte länger.“
Das Bild der bei weitem schönsten Frau der gesamten Lerchenau scheint kurz auf, dann ist da wieder nur der Mond.
„Morgen sage ich was“, sage ich. Morgen werde ich nichts sagen, kein Wort. J legt ihre Socken über die Stuhllehne und verschwindet in der Hängematte. „Du riechst nach Heu, du Hase“, sagt sie.
„Hurra!“ brüllt M, und hinter geschlossenen Lidern sehen wir das Feuer flackern, höher als die Bäume, höher als der Himmel. Jemand singt ein altes Lied von Argent: „Every branch we’ll tie somebody’s worry to it, we will burn it and dance in the smoke.“
„1970!“ kreischt I. „Da war ich minus achtzehn!“
Alles dreht sich, es ist Sommer, die Tage werden bald kürzer, aber wir sind da, wir sind hier, und J schmeckt nach frischem Brot.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin In München, diese Folge am 26. Juni 2013.

Montag, 24. Juni 2013

Belästigungen #412: Vermischte Neuigkeiten zum Dilemma der Körperöffnungen


Daß der menschliche Körper Öffnungen hat, ist an sich eine segensreiche Fügung, das muß man nicht extra betonen: es wäre ein Elend, wenn eine ganze Biergartenbesatzung hungertriefend und durstzerknittert vor Schenke und Auslage stünde und die Schweinshaxen nicht mal riechen könnte, geschweige denn hinunterspülen, weil sich die Evolution den Jux gemacht hätte, Nase, Mund und Restkörper als in sich geschlossenes System zu konzipieren.
Indes will es gelernt sein, mit der Semipermeabilität des eigenen Echtwelt-Avatars umzugehen. Das klassische Beispiel für sozusagen intuitive Souveränität wäre die legendäre Zeitungsmeldung, derzufolge ein blinder Inder (der vielleicht ein Chinese oder Alabamer war, aus poetischen Gründen aber ein Inder sein sollte) sich einst in den Kopf schoß, um seiner elenden Existenz ein Ende mit Hoffnung auf Wiedergeburt als Pandabär oder Milliardär zu bereiten. Leider oder zum Glück führte der Schuß nicht zum Exitus, sondern quasi eine hirnchirurgische Operation durch: Nach kurzer Bewußtlosigkeit erwachte der vormals blinde Suizidant, konnte plötzlich sehen und wurde vollends irrsinnig angesichts einer Welt, die seine schlimmsten Vorstellungen exponentiell übertraf.
Indes war in diesem Fall die Körperöffnung, in die da etwas drang und Wirksamkeit entfaltete, ja gewaltsam erst entstanden; ein Sonderfall mithin. Interessanter, weil alltäglicher ist, was Menschen ganz ohne Schnitt-, Schuß-, Stich- und sonstige Werkzeuge in ihren Körper hinein bugsieren, oft offenbar ganz ohne es zu bemerken. Damit meine ich nicht die hirnzersetzenden „Informations“-Gifte, die Springerverlag, Fernseh, Plakatwände und illustriertenbelesene Zufallsbekanntschaften tagtäglich in unser Hirn hineindüngen, wenn wir nicht rechtzeitig das Weite suchen, sondern Handfestes.
Z. B. wurde neulich in der Aachener Uniklinik ein 24jähriger Afghane (der diesmal wirklich ein solcher war) behandelt, in dessen Kopf sich ein zehn Zentimeter langer Bleistift befand. Leider sind die gängigen Mitteilungswege in solchen Fällen immer recht ungenau, und so erfahren wir nur, der Mann sei „offenbar im Kindesalter“ auf das Schreibwerkzeug „gestürzt“. Wie so was vonstatten geht, wüßten wir gerne genauer. Schließlich kann es jedem von uns beim Radlfahren passieren, daß er mal auf etwas stürzt – und sei es nur ein Haufen Bauschutt. Fünfzehn Jahre später bei der tomographischen Klärung des chronischen Gefühls von Schwermut und mentaler Last festzustellen, daß man die ganze Zeit mit einem Pflasterstein im Hirn herumgelaufen ist, wäre eine höchst sonderliche Erfahrung.
Daß die Aachener Ärzte laut Nachrichtenagentur den erwähnten Bleistift „in einer aufwendigen Operation ersetzt“ haben sollen, macht die Sache noch bedenklicher – durch was? fragen wir und denken an die viel beredete Schere im Kopf von Schreiberlingen, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn es die Herrschenden bei ihren Bemühungen, die Welt zu verwerten und zu vernichten, gar zu frech treiben und man eigentlich mal kritisch darüber berichten müßte. Schnippel schnippel wird daraus ein flammendes Jubelplädoyer für Wachstum und Deregulierung. Ein Mann mit einem Bleistift in der Birne könnte in solchen Fällen moralzermürbend wirken; vielleicht deshalb mußte das Ding heraus.
Spaßiger ist eine neue Mode, von der aus Spanien und Portugal berichtet wird: Dort stopft sich die weibliche Jugend neuerdings mit Wodka getränkte Tampons in die Vagina, wovon sie via Schleimhaut in nullkommanichts bombig berauscht wird, ohne daß bei Mundgeruchskontrollen ein verräterischer Schnapsdunst auffiele. Jede sechste Befragte zwischen achtzehn und neunundzwanzig, so erfahren wir von der wie üblich „besorgten“ Ärzteschaft, hat schon mal mit einem solchen „Tampodka“ „experimentiert“. Die Vorstellung, wie es etwa einem Herrn Brüderle gelingt, seinen Zustand ganztägig zu halten, ohne viertelstündlich mit einer Rieslingpulle an der sechstoberen Körperöffnung photographiert zu werden, drängt sich geradezu auf, soll hier indes aus geschmackshygienischen Gründen nicht näher erörtert werden.
Statt dessen möchte ich ein Gespräch, das ich unlängst mit befreundeten Angehörigen derselben Generation zum Themenbereich Liebe und Sex führte, zum Anlaß nehmen, die iberische Methode der effektiven Nutzung von Körperöffnungen für konsequent zu halten: Da nämlich wurde unter ihres- und seinesgleichen eine neuartige Prüderie und Spießigkeit beklagt, die darauf zurückgehe, daß im Dauerhagel von Formatierungsbefehlen (zu dünn, zu dick, zu groß, zu klein, zu lang, zu kurz, zu hell, zu dunkel oder sonstwie unproportioniert bzw. verwachsen) kein Mensch mehr seinen Körper für wettbewerbsfähig halte, was dazu führe, daß kein Mensch sich mehr traue, ihn auch nur vor dem Spiegel zu entkleiden, von souveränem Umgang und Freude an dem, was man damit machen kann, gar nicht erst zu reden.
Eine ganze Generation, die in Jeans und Schlabberpulli zum Baden geht, die nur noch Sex hat, um sich zu beweisen oder soziale Vorteile zu erlangen, die dazu aber das Licht ausmacht oder, falls das nicht geht, den Schlabberpulli und die Socken anbehält – diese Vorstellung ist so erbärmlich, daß man sich am liebsten Augen, Ohren, Nase, Mund, Nabel und die in solchem Umfeld höchstens vulgär zu benennenden weiteren Öffnungen mit Tampodkas und entsprechender Gerätschaft befüllen möchte, um nichts mehr davon mitzukriegen.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin In München, diese Folge in Heft 12 vom 13. Juni 2013.

Samstag, 22. Juni 2013

Beim Schreiben eines Romans (10)



„Du hast sie doch gesehen? Wie weit war sie weg?“
„Ein paar Meter.“
„Okay, du hast gespielt.“
„Wie: gespielt?“
„Männer.“
„Du hast nichts gesehen, weil du so damit beschäftigt warst, ihr vorzuspielen, daß du sie nicht siehst. Wenn du sie gesehen, also: richtig angeschaut hättest, hätte sie bemerkt, daß du sie bemerkt hast und siehst. Dann hätte sie dir nicht geglaubt, daß dich dein ‚neues Leben‘ so erfüllt, daß du sie gar nicht mehr erkennst.“
„Männer, Männer, Männer.“
„Und jetzt meinst du, sie wird eifersüchtig, weil dir dein ‚neues Leben‘ so viel mehr bedeutet als sie.“
„Ich weiß nicht.“
„Du weißt heute aber nicht viel.“


Samstag, 15. Juni 2013

Frisch gepreßt: Bullfrog (s/t)


Manche Sachen verschwinden im Strudel der Zeiten so vollständig, daß, wenn sie plötzlich wieder auftauchen, man sich verblüfft fragt, wo sie die ganzen 35 Jahre waren. Wie diese Band, diese phantastische Band, die wir damals im Theatron … Nein, da holen wir jetzt weiter aus.
Was das für ein Sommer war, ab Mai: dreißig Grad, Geschichtsstunde über den Vietnamkrieg, der gerade ein Jahr her ist; Diskussionen über Atomkraftwerke, fremde Planeten, rätselhafte Mädchen und die Fußball-EM – ganz Giesing hallt nachts von den entsetzten Schreien über Hoeneß’ verschossenen Elfmeter; nach den Pfingstferien hitzefrei bis Ende Juli, jeden Tag. 99 Pfennig für einen Liter Eis im verlassenen Schulhof, ein Bier in der schwülen Dämmerung, leichter Schwindel beim Fußballspielen, wie schwebend; lachen bis die Sonne untergeht, fast Mitternacht, plötzlich Stille zum Flüstern, paar Pfützen um den Wasserhahn im Pfarrgarten, mit gelben Rändern vom Blütenstaub; oder ist das Wüstensand, wie die Bildzeitung mit rotem Kopf meldet? Das ganze Viertel stöhnt vor Hitze, die Wohnungstüren offen, Durchzug, wieder zweiunddreißig Grad, es hört nicht auf. Wetterleuchten beim Einschlafen; die Ferien nähern sich unendlich langsam, Schulausflug ins Isartal, Science-Fiction-Heftchen im Michaelibad, giftgrünes Wassereis zwischen den Fingern beim Heimradeln, Flaschendrehen in der Heuwiese, und ewig, ewig Sonne ohne Zeit.
Einer erzählt: im Theatron spielen Bands, umsonst. U-Bahn am Marienplatz kurz vor halb zwei: voll bis zur Türkante, ein Meer von Jeans und Haaren; am Olympiazentrum robbt die Schlange dahin, beim Schwimmbad ein Blick nach unten: wow! Massen! Wolken von Haschisch, entspannter Fusionsound aus der schwarzen P.A.; keine Bühne, nur ein Steinrund am Wasser, in der Mitte geteilt von ein paar Gitterständern; hinten die Coolen, rauchen, halten Gitarren, Soundcheck; ein Frisbee über der Menge; einer ist besoffen, mit Lederhut und Sonnenbrille, alle lieben ihn.
Dann Sound, der entsteht wie aus dem Moment; zwei Mädchen in Indienhemden, barfuß auf dem Betonstein, mit Schlangenarmen. Ein klebriger Haufen Melonenkerne am Stein, jemand mit besonders langen Haaren und lila Batikspirale kämpft sich mit einem zusammengenagelten Bauchladen durch die Ränge, verkauft das 76. Blatt, „die Stadtzeitung für München“, ein anderer verteilt Blätter mit den Texten der Band.
Umbaupause; nebenan ein Zungenkuß, Rauch, Wind; der Kopf wird leer und füllt sich; noch eine Band, die vorbeiplätschert in aufgeregt flüsternder Vorfreude, denn dann kommen sie, die Bluesrockvagabunden aus der Landkommune, auf die alle warten: Bullfrog. Kommen aber nicht; die Sonne hinter dem Stadion plötzlich von bleigrauen Wolken verschattet, der Wind wird zum Sturm, der die Plastikplane über der Bühne zaust. Aufbruch, mit lustig wirrem Kopf in der U-Bahn, abends wird die eigene Band gegründet, die nie auftritt, weil niemand weiß, wie das geht.
Ein neuer Sommer; wieder pilgern alle ins Theatron zu Bullfrog, die es mittlerweile sogar auf Platte gibt; und wieder wuchtet ein Gewitter alles weg, bevor es losgeht. Immerhin: Der Dürre mit den halbmeterlangen Haaren, der da hinten steht, achselzuckend, die Gitarre um den Hals, die er vergeblich stimmt; das, weiß einer, ist Sebastian Leitner. Den Rest des Sommers bleibt die Platte: „I came from the sky“, krächzt Gerd Hoch, geschlossene Augen, wippende Köpfe, Träume von Susi und Monika.
Die Wege trennen sich, es werden immer mehr; Bands auch: Ramses, Breakfast, Harlis, Cry Freedom, Guru Guru; dann wieder Bullfrog, die diesmal tatsächlich spielen, im Sturm, im Hagel, der sich in der Plane sammelt und übers Schlagzeug ergießt, was niemand merkt und keinen stört; alles ist eins in der Musik, alle spüren: Das ist der Höhepunkt, danach alles zu Ende, der Friede, die Ewigkeit, Ausschließlichkeit, Einigkeit, das Schweben.
Neue Geheimnisse, Chaos und Wirrnis, Jahre und Jahre, alles verweht, und plötzlich ist Bullfrog wieder da, auf CD nur, weil inzwischen zur Hälfte tot. Das milde Lächeln über die kindischen Träume, die wolkigen Bilder gerinnt beim Hören zur Fassungslosigkeit: Menschenskind, wie GUT die waren! Das reißt einen mit und weg, hinüber und hinauf und zurück in die Welt, in der es alles, was seitdem passiert ist und inszeniert wurde an lächerlich buntem Tralala, nie gegeben hat, und da steht man wieder vor der Box von Sebastian Leitner, durchflutet von seiner Gitarre, aus der Liebe, Wut und Sehnsucht brüllen, ewig, während der Sturm tobt und die Welt ertrinkt.
Kann das verstehen, wer nicht dabei war? Versuchen, es lohnt sich!

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint (so gut wie) vierzehntägig im Stadtmagazin In München.

Freitag, 14. Juni 2013

Periphere Notate (5): Kontennui

Das neue Leben, das A. begonnen hatte, begann sich nach drei Wochen wie das alte anzufühlen. Erstaunt überprüfte A. seine Kontoauszüge, stellte fest, daß tatsächlich auch seine Daueraufträge weiterliefen, und beschloß, das Gefühl daran festzumachen. So, dachte er, blieb immerhin etwas, wenn auch wenig.