Dienstag, 9. Juni 2015

Belästigungen 11/2015: Schleichende Demütigung zwischen Panzerbolidenampeln und sündigem Bauch

Einer der fiesesten Tricks moderner Herrschaft ist die schleichende Demütigung. Die sieht man zum Beispiel an Ampeln: Weil sich München aus Gründen der Propaganda als Stadt der Fußgänger und Radfahrer aufführen muß (um nicht am Ende „lebensunwert“ zu werden), weist man zum Beispiel unsere Straße als „Fahrradstraße“ aus. Das heißt, man klebt entsprechende Beschriftungen aus Plastikteer auf die Fahrbahn, die, wenn bei Temperaturen über null Grad Autos drüberfahren, nach ein paar Tagen unlesbar verschmiert sind, und stellt hier und da noch mehr Schilder auf, als sowieso schon herumstehen.
Ansonsten hat das Ganze keinerlei Wirkung. Die Autofahrer mit ihren Panzerboliden brettern mit dem Telephon am Ohr hindurch wie eh und je und stellen ihre Panzerboliden in die wegen den immer fetter werdenden Panzerboliden nötigen Querparkplätze so hinein, daß die auf den Bürgersteig flüchtenden Radler garantiert nicht mehr durchkommen (ebensowenig wie die Fußgänger, aber die haben ja in einer „Fahrradstraße“ sowieso nichts verloren), ohne die Panzerboliden mindestens zu touchieren und Großalarm auszulösen. Aber immerhin: die Stadt zeigt „guten Willen“.
Andererseits muß München jedoch wie jede andere Stadt die Wünsche und Bedürfnisse der Auto- und Verkehrsindustrie bedingungslos erfüllen und stellt deswegen im Autoreich des Münchner Nordens, wo die Karren hergestellt und verkauft und begeisterten koreanischen Touristen in einem regelrechten „Museum“ vorgeführt werden, dutzende Ampeln für jede noch so kleine Ein- und Ausfahrt auf, so daß ein Radler, der einigermaßen gesund den Mittleren Ring überquert hat, selbst am Wochenende und nachts bei vollkommen leerer Straße und geschlossenen Werks- und Zwingburgtoren circa siebzehnmal stehenbleiben und warten muß, gierig beäugt von der Polizei, die mit derlei widersinnigem Schmarrn ein Heidengeld verdient.
Aber zurück zu unserer Straße. Da gibt es auch Ampeln, die den Fluß der querlaufenden Hauptstraßen kurz unterbrechen sollen, damit nichtmotorisierte Lebewesen hin- und wieder herüberkommen, ohne versehentlich von rasenden Panzerboliden ermordet zu werden. Das nervt die Panzerboliden, weil es wertvolle Sekunden kostet. Also hat man deren Grünphasen vor einiger Zeit kurzerhand und ankündigungslos verdreifacht.
Der Effekt ist klar: Anfangs überquerten Fußgänger und Radfahrer die Straße nach einigem Warten einfach bei Rot, weil sie die Ampel für defekt hielten und die Straße ja nun eh vollgestaut mit stehenden Karren beziehungsweise völlig leer ist. Dann kam die Polizei und kassierte ein Heidengeld. Und heute wird man zum Beispiel am Sonntagnachmittag Zeuge einer geradezu absurden Szenerie der Demütigung: Da steht eine Horde von Menschen eine gefühlte halbe Stunde an einer völlig leeren Straße herum. Und niemand bemerkt die Demütigung, weil sie so schleichend verlief.
Schleichend verlaufen auch andere Dinge. Zum Beispiel die Entwicklung der menschlichen Ernährung. Da vermeint man, wenn man die Trendpropaganda studiert, der moderne Hochleistungs- High-Performer mampfe dermaßen ausschließlich bio, regio, nachhaltig, vegan und bimsi-bomsi-ultrabewußt, daß man sich fragt, wieso das Sortiment der Supermärkte nach wie vor zu 95 aus Müll besteht (der Rest ist Müll mit „bio“-Aufkleber).
Neulich habe ich mal ein Männermagazin durchgeblättert. Ich weiß, jetzt lachen alle, aber die Liebste war beschäftigt, ein Buch nicht zur Hand, der Computer kaputt, und das Ding hatte ein offenbar halbvernünftiger Zeitgenosse ungelesen (zumindest ohne die Parfumproben zu entnehmen oder reinzukotzen) im Biergarten liegengelassen. Und außerdem habe ich diese Männermagazine aus meiner späten Kindheit in guter Erinnerung. Da waren immer Interviews mit Terroristen, Filmregisseuren und anderen Wahnsinnigen drin, Texte von Bukowski, Truman Capote, Woody Allen, notfalls auch mal Wolf Wondratschek, aber jedenfalls nicht von Franz Josef Wagner, Marc Beise, Ijoma Mangold und Konsorten. Und es gab schlüpfrige (aber manchmal ganz witzige) Witze sowie viele Bilder von nackten Püppchen, die so aussahen, als wäre Sex mit ihnen ungefähr so reizend wie eine Grillparty in einer Kaufhaustiefgarage mit Folienkartoffeln aus dem Auspuffrohr eines VW Käfer. Was einen in gewissen spätkindlichen Sehnsuchtszuständen recht gut trösten konnte: lieber gar nicht als so.
Heute gibt es in so einem Männermagazin: Autos (d. h. Panzerboliden: „Wenn man es schon selbst nicht tut, dann soll wenigstens das Auto das Maul aufreißen“ – das hört er gern, der „Arbeitgeber“), Interviews mit den Herstellern von Panzerboliden sowie Klamotten, Karrieregeschwafel, noch mehr Karrieregeschwafel, ein bisserl „Personality“-Geschwätz von dummen Millionären und Leistungssportlern („Ich habe mir immer genau das abverlangt, was von mir gefordert wurde“ – das hört der Boß noch lieber), Klamottenreklame und vor allem: Essen. Und zwar: Fleisch. Weil der moderne Quality-High-Performer jedoch ein solcher ist, frißt er nicht mehr einfach so Spare-ribs (zur Erinnerung: Das ist das Zeug, das vor zwanzig Jahren alle fraßen, bis sich herausstellte, daß es „Soulfood“ ist – also die Reste, die Obdachlose in amerikanischen Großstädten aus den Müllcontainern der Schlachtfabriken klauen und in Ölfässern so lange anbrennen lassen, bis man sie mit viel Salz, Pfeffer und Glutamat notfalls essen kann, ohne am nächsten Morgen zu sterben). Und falls doch, dann kauft er sie beim Nobelfleisch-Outlet, nennt es einen herzhaften Schweinebauch und schmiert ein Pfund Honig drauf, weil das dann „sündig“ ist und nicht mehr einfach nur eine üble Sauerei.
Und ansonsten frißt er: Burger. Zur Erinnerung: Das ist das Zeug, mit dem ein paar US-Konzerne vor dreißig Jahren auch deutsche Schulkinder in Ölfässer zu verwandeln begannen, in denen man jedoch nicht mal Soulfood anbrennen kann, weil man sonst Diabetes kriegt. Aber freilich ist der heutige Burger nicht mehr der 1-Mark-Hackdreckfladen mit Weizenwatte, einem schwermetallverseuchten Salatblatt, einer angeblichen Tomatenscheibe aus Holland und auf Wunsch etwas „Schmelzkäse“ (einem Mansch aus Eiweißresten mit giftigen Salzen) von dazumal. Sondern ein irgendwie bioregionachhaltiger Hackdreckfladen mit leicht krustiger Weizenwatte, einem schwermetallverseuchten Salatblatt, einer angeblichen Tomatenscheibe aus Holland und auf Wunsch etwas „Gouda“ (einem Mansch aus Eiweißresten mit giftigen Salzen). Also dasselbe, aber jetzt voll männlich, doppelt so fett und nicht mehr eine Mark teuer, sondern zehn bis zwanzig Euro.
Den gibt es heute überall da, wo es früher Essen gab, seit in jedes ehemalige Speiselokal ein Burgerbrater hineingezogen ist, und den dreht man sich dann samt extrafetten Pommes vor der Glotze in den Schlund, rülpst zufrieden, glotzt eine Regiobionachhaltigkeitssendung über moderne Ernährung und blättert hinterher auf dem Klo in der Männerzeitschrift, um noch mehr Lust auf Burger und „sündige“ Schweinebäuche zu kriegen.
Und dann, irgendwann, ist man so gedemütigt, daß man selbst dann nicht mehr aufstehen und sich wehren könnte, wenn das mit der angefressenen Riesenplautze noch hinhauen täte. Weil's halt so schleichend ging, daß man gar nichts gemerkt hat. Schon fies, gelt?

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.



Mittwoch, 3. Juni 2015

Frisch gepreßt #339: Vierkanttretlager "Krieg & Krieg"


Unser Rezensent hat ein ernstes Problem mit Bezugsdeppen. Bezugsdeppen, das sind Menschen, die, statt eine Sache zu würdigen, einen Bezug zu einer anderen Sache herstellen und sie damit abtun. Also zum Beispiel findet jemand eine wunderschöne Glasperle im Dreck an der Bushaltestelle, zeigt sie dem Bezugsdeppen, und der Bezugsdepp sagt: „Na ja, eine Perle halt. Sieht bißchen so aus wie die, die ich letztes Jahr im Wald gefunden habe. Hab ich weggeworfen, weil ich schon eine zu Hause hatte.“
Aber schau mal die Farben, den Schimmer, die Lichtbrechung, den Glanz! sagt unser Rezensent, und der Bezugsdepp führt ihn über die Straße zu einem Perlenladen, wirft die Perle in irgendeinen Topf mit vielen Perlen und sagt: „Eben. Sehen alle gleich aus. Alles schon mal dagewesen.“
So geht es unserem Rezensenten immer, wenn er alle paar Jahre eine neue Band zur geilsten Band der Welt oder wenigstens der nächsten vierzehn Tage ausruft. Dann kommen die Bezugsdeppen und stellen unmögliche Bezüge her, um die Bands abzutun: Bei Howler haben sie ihm The Trashmen ans Knie genagelt, bei Wanda wollten sie ihm Falco hinters Ohr klemmen, bei Herrenmagazin haben sie Blumfeld und bei Findus Ton Steine Scherben aus dem Keller geholt. Und bei Vierkanttretlager sind die Allerschlauesten gleich mit der kompletten „Hamburger Schule“ dahergekommen, ohne auf den Gedanken zu geraten, daß es ohne u. a. Wedding Present, Wire und Münchener Freiheit und notfalls Robert Johnson und die Schrammel-Brüder keinen einzigen Ton von Blumfeld gäbe und Die Sterne mehr Ähnlichkeit mit den Bee Gees haben als mit diesen Burschen, die noch dazu aus Husum kommen, was die Bezugsdeppen nicht anficht: „Eben! noch hamburger als Hamburger!“
Verzweifelt fragt unser Rezensent, wieso denn niemand auf die Idee kommt, mal zu fragen, wieso die Bands zum Beispiel in Deutschland (oder gerade da) seit Jahrzehnten immer besser werden. Ob das vielleicht damit zu tun haben könnte, daß sie lieber viel hören und noch mehr lernen, als sich in den Keller zu setzen und dreimal täglich „Wir müssen alles vergessen und was völlig Niedagewesenes tun!“ zu beten. Und ob vielleicht nicht das Neue mit dem Alten, sondern das Alte mit dem Neuen zusammenhängt und das insgesamt total egal ist.
Denn freilich verstrahlt ein Lied wie (nein, eben: das Lied) „Laß uns den Verstand verlieren“ eine ähnlich unfaßbare Euphorie, alle Rahmen und Radioprogramme sprengende Radikalität und die orgasmische Melancholie des triumphierenden Verlierers wie Sportfreunde Stiller damals auf ihren ersten beiden EPs, aber aus tausend Kilometern Entfernung sieht ein Apfelbaum so ähnlich aus wie ein Kirschbaum, und trotzdem sind Äpfel keine Kirschen, ist ein Garten mit einem einzigen Baum traurig und es absolut nicht einzusehen, weshalb es untoll sein soll, wenn die guten Dinge mehr werden.
Vielleicht ist der Bezugsdepp, der gerne mal als moderne Witzfigur mit Diekmann-Bart, Hütchen und getönter Sonnenbrille um seinen inneren Gärtnerplatz herumkreiselt, allzu sehr vom Erbe des Monotheismus geprägt: Gott darf es ja auch nur einmal geben, und wenn jemand weniger doof ist als ich und mehr Spaß hat, dann halten wir ihm das Wort der Bibel oder des Propheten entgegen! Ja mei.
Unser Rezensent dreht dann gerne die Lautstärkeregler auf, weist auf die aberwitzigen Gitarrenfiguren auf seiner neuen Lieblingsplatte hin, auf die unglaublichen, todesmutigen Strukturen und Arrangements, auf die Liebe, Mühe und Genialität, die in diesem wunderbaren Krach steckt. Hört euch, sagt er, die Geschichten an, die diese Lieder erzählen, die beim Hören in eurem Kopf entstehen und die diese Songs erst zu richtigen Songs machen, weil sie so funktionieren, wie Jeff Buckley das unserem Rezensenten mal erklärt hat: Sie sind „… hm, ein Bild vielleicht so klein wie eine Briefmarke. Du trägst es eine Woche in der Hosentasche spazieren, und wenn du es dann in Wasser legst, wird es so groß wie ein Fußballplatz.“
Wenn er ganz geschert ist, legt unser Rezensent dann „Der letzte Satz der Welt“ auf, und dagegen kann sich wirklich kein Mensch mit Herz und Seele wehren. Dann reißen wir die Fenster auf, dann ziehen wir los, schießen uns mit der eisig stolzen Postpunk-Melancholie von „Jetzt für immer“ in die Stratosphäre, heulen zu den vernichtend schönen Ballade „Schweigen“, sprengen den Perlenladen in die Luft und lachen und brüllen so laut, daß es der ganze Planet hört: Vierkanttretlager sind die geilste Band der Welt oder wenigstens der nächsten vierzehn Tage.
Und das sind dann eben die geilsten vierzehn Tage der Welt. Oder so. Ohne Bezug.


Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Dienstag, 2. Juni 2015

Belästigungen 10/2015: Ich und die Krakenschwester bei der Toten Armee (inkl. Farbeinspritzung und DNA-Kneifzange)


Die Finger sind manchmal kaum mehr als ein Werkzeug, das das Unterbewußtsein (oder das Überbewußtsein? Wer weiß so was schon!) einsetzt, um seinem Protest gegen die Zumutungen des Alltags ein Ventil zu verschaffen, das ordentlich zischt.
Das zeigt sich bei der Haupttätigkeit des modernen Tätigkeitlers: dem Drauftippen auf Tasten, wodurch angeblich sinnvolle „Informationen“ erzeugt werden, die man dann hinaussenden kann in die Welt, damit die Menschen zu informierten Menschen werden und ihre Lebensqualität ein Ausmaß erreicht, das vor dem Informationszeitalter ungeahnt war – also etwa im Garten Eden, dessen Bewohner über keinerlei Information verfügten, abgesehen von einem vagen botanisch-disziplinarischen Hinweis (und übrigens auch keinerlei Tätigkeit nachgingen).
Ich hege im allgemeinen kaum mehr Lust auf Tätigkeiten als weiland Adam und Eva, und deshalb wird mein Unterbewußtsein bisweilen grimmig, wenn man es zu arg schlaucht. Das ist das eine. Das andere ist die Sache mit den „Informationen“, bei denen es heutzutage weniger auf selbige als vielmehr auf die Auslastung der Kanäle zu ihrer Verbreitung geht. Die hat, wie man so sagt, „Priorität“.
Das heißt – und das weiß jeder, der schon mal eine Tageszeitung aufgeschlagen oder versehentlich den Radio eingeschaltet hat: Was da so in die Welt hinein informiert wird, ist im Zweifels- bis Normalfall egal. Und weil auf der Welt zwar viel, aber so viel auch wieder nicht passiert (und man über einen großen Teil davon aus Rücksicht auf „Interessen“ gar nicht informieren darf), haut man den gleichen Schmarrn halt gleich fünf- bis hundertmal hinaus, und wenn der eine Depp plärrt, der vollkommen berechtigte und bewundernswert mutige Streik der Lokführer sei eine Erpressung und ein Skandal, dann plärrt der nächste Depp den gleichen Blödsinn eben noch lauter und schnippelt ein paar Empörungsbriefmarken von „Betroffenen“ in die Desinformation hinein.
Man könnte das Manipulation nennen. Ich nenne es heute mal Redundanz. Ähnliches tritt auf, wenn mal wieder ein Jubiläum daherkommt, zum Beispiel das der Befreiung der deutschen Konzentrationslager. Zweifellos war es eine höchst erfreuliche Sache, daß die Rote Armee vor siebzig Jahren nach Deutschland hineinmarschiert ist und die Deutschen daran gehindert hat, noch mehr Millionen von Menschen umzubringen. Und angeblich sind ja inzwischen sogar die Deutschen selber ganz froh darüber; schließlich haben sie das alles ja bloß getan, weil es einer dieser Führer, nach denen Gestalten wie Arnulf Baring heute so gerne schreien, verlangt hat und sonst ganz sauer geworden wäre.
Indes ist das alles weitgehend bekannt; es gibt jede Menge Bücher und Dokumentationen dazu, die man sich bloß mal wieder durchlesen oder anschauen müßte, um nichts davon zu vergessen und sich plötzlich, weil nicht informiert, auf einem Pegida-Aufmarsch wiederzufinden. Aber leider gibt es auch die erwähnten Kanäle. Die dürfen zwar ohne weiteres fünf- bis hundertfach im Chor das gleiche plärren, aber eines dürfen sie ganz bestimmt nicht: auf Informationen hinweisen, die bereits vorliegen. Weil die jeder schon hat und keiner mehr zu kaufen braucht.
Also müssen neue Bücher und neue Dokumentationen her, in denen das bereits Bekannte neu „aufbereitet“ wird, am besten dem Zeitgeist angepaßt (also „Deutschlands neuer Stärke“ oder wie man das nennt, und ein bisserl Russenbashing wird derzeit auch gern genommen). Und noch besser: mit neuen, bislang nicht bekannten „Informationen“. Und dann muß ein armer Kerl wie ich sein Unterbewußtsein damit quälen, einen Text aus dem amerikanischen Englisch zu übersetzen, in dem niegelnagelneue Augenzeugen zu Protokoll geben, im KZ sei es „horrible“ und „terrible“ gewesen und „terrible“ und „horrible things“ passiert, und wenn meinem Unterbewußtsein das Waterboarding mit den redundanten „terrihorrible“-Varianten zu viel wird und sein Kragen platzt, bemächtigt es sich meiner Finger und tippt zum Abreagieren eine „Krakenschwester von der Toten Armee“ in die Zeilen, über die sich, falls kein Lektor dazwischengeht, zukünftige Generationen möglicherweise wundern. Oder auch nicht, bis dahin gibt es ja längst fünf Trilliarden neue Bücher.
Vielleicht wird einfach insgesamt zu viel auf Tasten herumgetippt, denke ich mir jedenfalls dann, trete in einen unbefristeten Streik und radle zum Bahnhof – nicht um mich solidarisch den Lokführern anzuschließen, die ja gar nicht da sind, sondern hoffentlich im Biergarten sitzen und neue Pläne zur Brechung der Macht der Bahnvorstände schmieden (die sich übrigens, so hört man, gerade ganz ohne Streik die Prämien auf eine knappe Million pro Kopf verdoppelt haben). Sondern um die Liebste vom Zug zu holen und beim Absitzen und -stehen der (nicht streik- sondern fahrplanbedingten) Verspätung noch schnell ein paar „Informationen“ einzuholen, um die Lebensqualität weiter zu steigern.
Und da lese ich auf einem Fahrkartenautomaten den folgenden Hinweis: „Unsere Automaten“, schreibt … hm, nun ja, jemand, „werden mit Diebstahlschutz durch unsichtbare DNA-Markierung und Farbeinspritzung gesichert.“
Und während ich vorsichtig einen großen Schritt von dem Automaten wegtrete und mir ein wahrhaft horribles und terribles Szenario vorstelle, bei dem mir von einer amerikanischen Krakenschwester von der Toten Armee mit einer überdimensionalen Kneifzange die DNS „markiert“ und mittels Injektionsnadel alle möglichen farbigen Chemikalien in den Körper hineingespritzt werden, damit ich nicht auf die Idee komme, einen Fahrkartenautomaten zu diebstehlen, frage ich mich, ob mein Unterbewußtsein (oder das Überbewußtsein von … hm, nun ja, jemandem?) nicht manchmal ein Stück zu weit geht.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN. Die Folgen 1-400 gibt es in vier Bänden als Buch.


Mittwoch, 20. Mai 2015

Belästigungen 09/2015: Vom Kirschbaum, den Liebenden und der Frage, was passiert, wenn alle das Richtige tun

Der Mensch ist so versessen auf Sensation und Neuklimbim, daß ihm bisweilen aus dem Hirn rutscht, wie wunderbar wundersam und glückbringend die und ausschließlich die Dinge sind, die immer (fast) gleich wiederkehren (und die einem im täglichen Geplümpel der Gesellschaftsdampfmaschine deswegen ebenfalls aus dem Hirn flutschen).
Oder so: Wenn der Kirschbaum blüht und man mit dem Lieblingsmenschen unter dem leuchtend weiß beschäumten und beflockten, vom Vogelvolk mit Tirili umwobenen Geäst im Gras liegt, tut, was Liebende seit Jahrmillionen tun, und den Tag in seiner unendlich farbigen Tiefe müßig wabern läßt, – dann ist es relativ … sagen wir mal: staubkörnig (von der Bedeutung her bemessen), wenn zum Beispiel ein unzufriedener Leser aus der Betriebsmaschine heraus schreit, es möge sich dieser weltfremde Wolkenkolumnenkritzler doch endlich mal von seinem elfenbeinernen Hochplateau herunter in den Wurstsuppenkessel der Krisen, Reformen und Skandale begeben, um zu berichten, was „wirklich“ los sei, und es möglichst prangernd zu kommentieren, damit „es“ besser oder irgendwas werde.
Ja nun, freilich: Es ist haarsträubend schrecklich, grauenvoll und zum Heulen, daß zum Beispiel tausende Menschen im Mittelmeer ersaufen müssen, weil sie verzweifelt versuchen, dem Elend, das der „Westen“ dort über Jahrzehnte gezielt herbeigeführt hat, um seine Oberstschicht von Fettmaden weiter mästen zu können, ohne die eigene Neunzigprozentunterschicht so sehr „reformieren“ zu müssen, daß der irgendwann doch mal der Kragen platzt und sie die angeblich allmächtige Clique von wahnsinnigen Mutanten samt ihren Haßpredigern und parlamentösen Zwecksklaven in selbiges Mittelmeer hineinschmeißt.
Aber die Frage, was dagegen zu tun sei, ist nur scheinbar zynisch. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die fürchterlichen Dinge, die sich da drunten zwischen Afrika und Europa „abspielen“, keine Naturkatastrophe sind, mit deren Bewältigung die zuständigen Exekutoren überfordert wären. Sondern dieses Massensterben (das man wahrscheinlich juristisch korrekt nicht unbedingt als Mord deklarieren kann, obwohl die „niederen Motive“ so deutlich zutageliegen wie die Absichten eines Fußballleistungsträgers, der zum Elfmeter antritt) ist von der (wir erinnern uns: mit einem sogenannten Friedensnobelpreis bekränzten) „Europäischen Union“ bewußt, systematisch und planvoll herbeigeführt. Es dient einem Zweck, und die Alternativlosigkeit des Gesamtvorgangs ist so zwingend, daß es vollkommen egal ist, welche sogenannte Regierung momentan mit der Verwaltung der Todesmaschine betraut ist – bislang sind noch in jeder noch so hoffnungsvollen Partei, sobald sie auch nur in die entfernteste Nähe einer „Regierungsverantwortung“ kam, sämtliche halbwegs vernünftigen Menschen umgehend durch die üblichen Pappkameraden der „transatlantischen“, „wirtschaftsnahen“ und sonstwie euphemistisch verbrämten Mafiabanden ersetzt worden.
Das heißt nichts anderes als: Durch Wählen, Protestieren, Gegenreden, Argumentieren ist daran nichts zu ändern, aus dem einfachen Grund, daß man einem Kriminellen, der weiß, daß er kriminell handelt, nicht zu erklären braucht, daß er kriminell handelt. Der weiß das, und wenn er sich auf Debatten einläßt, dann nur zu dem Zweck, daß die Sauereien, während sie beplappert werden, ungestört weiterlaufen können.
Die Frage der Sinnhaftigkeit eines gewalttätigen Vorgehens ist ebenfalls längst geklärt, seit die Projektgruppe Stadtguerilla in den sechziger und siebziger Jahren ansatzweise versuchte, solcherart Besserung herbeizuzwingen. Oder kann sich irgendwer erinnern, daß beispielsweise die Bundesanwaltschaft oder der Bundesverband der deutschen Arbeitgeber durch die Beseitigung ihrer damaligen Führungsgestalten in irgendeiner Weise auf lange Sicht menschenfreundlicher geworden wäre?
Freilich gelang es damals deutschen Gewerkschaften, den angesichts des dräuenden RAF-Terrors ausnahmsweise im eigenen Angstschweiß schlotternden Bonzen einigermaßen nennenswerte (und historisch einmalige) Lohnerhöhungen abzuschwätzen. Aber sind ein paar (um im Kontext zu bleiben) Mark mehr zum Verkonsumieren es wert, in den sowieso alles überschwemmenden Tsunami von Haß und Aggression noch eine zusätzliche Prise Waffengewalt hineinzuraspeln? (rhetorische Frage!)
Oder wäre es nicht vernünftiger – nein: einzig vernünftig, dem grausligen Lebensmodell, das aus derartigen Vorgängen ebenso hervorschimmert wie aus ihrem komplementären Antigerödel, etwas entgegenzusetzen, was eben nicht entgegen, sondern ganz (wo)anders und damit vollkommen frei von der verderblichen Logik ist, die zu all dem geführt hat und dafür sorgt, daß es ewig weitergeht und im Normalfall schlimmer wird?
Der Vorschlag mag, wie die Frage, zynisch erscheinen. Aber er ist der einzige, der in Jahrtausenden menschlicher Qual- und Leidensgeschichte noch nie einem praktischen Umsetzungsversuch unterzogen worden ist, und er ist der einzige, bei dem man weder Mehrheiten noch Verwaltungen, weder Propaganda noch Argumente noch Organisationen noch Parteien, weder Glauben noch Skepsis noch Überzeugungen, weder Gerede noch Gebrüll noch Lügen noch Erläuterungen, weder Geld noch Arbeit noch Massen noch überhaupt irgendwas braucht.
Fügen wir uns ins immer Wiederkehrende, legen wir uns mit dem Lieblingsmenschen unter dem Kirschbaum ins Gras und tun wir, was Liebende seit Jahrmillionen tun. Weiß jemand was besseres?
Und ja: „Wenn das alle machen?“ Ja, was dann?


Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Dienstag, 5. Mai 2015

Belästigungen 08/2015: Als wir da da waren, war da kein da da (oder: Das Schwarze Phantom und die Pizzakartons)

Ich konsumiere sehr selten Stoffe, die nicht zwingend legal sind. Also sagen wir: nur wenn ich nüchtern und ungestört bin, also circa alle zwanzig Jahre. Dann aber schon. Neulich zum Beispiel, da dachte ich: Oh, ich bin ja nüchtern und ungestört! Und habe überhaupt keine Lust mehr, mich damit zu beschäftigen, welche deutsche Herrenrassenkarikatur heute wieder in die Welt bellt, irgendein Grieche müsse seine Hausaufgaben machen und Hitler sei der neue Putin pi pa po. Da werde ich jetzt doch am besten mal das XY rausholen, das mir XY vor drei Jahren geschenkt hat, und das … ähem, na ja. Was ich damit tun wollte, darf ich ja nicht sagen, weil das eine Selbstanzeige wäre.
Tat ich aber. Zehn Minuten später, während ich grade herauszufinden versuchte, ob ich was spüre, klingelt es an der Tür. Draußen steht das Schwarze Phantom. Ich habe das Schwarze Phantom seit ewigen Zeiten nicht gesehen, zuletzt in einem Micky-Maus-Heft, und da hat es mich ganz schön erschreckt.
„Oh!“ sage ich. „Das Schwarze Phantom!“
„Harr!“ sagt das Schwarze Phantom, und da erschrecke ich so, daß ich die Tür zuschlage und eine Minute lange denke, ich spiele in einem Micky-Maus-Heft mit. Micky-Maus-Mitspielphantasien kriegt man am besten mit Buffy weg. Ich lege eine Buffy-Folge ein und wundere mich über den Käse, an den jemand gedacht hat und der immer wieder auftaucht. Käse! Ich gehe in die Küche, hole den wundervollen Heublumenkäse aus der Glocke, schneide ihn klein und esse ihn in circa zwanzig Sekunden komplett auf.
Es läutet. Draußen steht das Schwarze Phantom. Gestärkt vom Käse, werde ich mutig: „Buh!“ buhe ich es an und schlage die Tür zu. Da bemerke ich, daß neben der Tür zwei Pizzakartons stehen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Pizza bestellt, also: Was soll das? Ich mag den Käse auf euren Pizzas nicht, denke ich und denke an den Heublumenkäse, den ich so mag, gehe in die Küche, schneide den Heublumenkäse in der Glocke klein und esse ihn in circa zwanzig Sekunden auf, lese dazu einen Roman von meinem zweitliebsten Autor Frederick Barthelme, der nie auf deutsch erschienen ist, und wundere mich, wie man in zwanzig Sekunden einen Roman lesen kann. Habe ich aber getan, und ich könnte ihn jederzeit problemlos nacherzählen, allerdings in zwanzig Stunden.
„Läuft, was?“ sagt das Schwarze Phantom, und ich knalle die Tür zu. Drei Pizzakartons. Auch egal jetzt, ich will ja noch den Heublumenkäse essen und einen Leserbrief an eine Literaturzeitschrift verfassen, um mich zu beschweren, daß in den letzten zwanzig Jahren kein Buch von Frederick Barthelme auf deutsch erschienen ist. Allerdings kenne ich keine Literaturzeitschrift. Gibt es so was überhaupt noch?
„Painted Desert“ heißt der nächste Roman. Er ist großartig, und ich lese ihn, während ich den Käse aufschneide, esse und mich frage, wieso es nicht dunkel wird.
„Selber schuld“, sagt das Schwarze Phantom, „du bist zu schnell!“ Ich knalle die Tür zu, registriere den vierten Pizzakarton, schneide den Käse auf und durchsuche den Stapel vor dem Regal nach mehr Büchern von Frederick Barthelme. Eines habe ich noch, irgendwo, und ein bißchen dunkel wird es jetzt doch.
Das Schwarze Phantom klingelt danach noch dreimal, dann klingelt meine Nachbarin, die mir ihren neuen Bikini vorführen will, weil sie meint, sie habe in dem Teil da hinten eine Falte. Da hinten, sage ich, hat jeder eine Falte, mit oder ohne Bikini, und sie schaut mich zwar ein bißchen seltsam an, ist aber offenbar beruhigt. Ich erzähle ihr noch dies und das von Barthelme, Micky Maus und Buffy, was sie viel weniger lustig findet als ich, weshalb ich ihr zu erklären versuche, was genau daran lustig ist, aber das versteht sie noch weniger, und so frage ich sie zur Aufheiterung, ob sie Lust auf ein Stück Heublumenkäse hat, aber sie sagt, sie müsse morgen nach Paris.
Als ich wieder in meiner Küche stehe, den Käse aufschneide und nebenbei Barthelme lese, fällt mir der großartige Satz auf: „When we got there, there wasn’t any there there.“ Der Satz ist so großartig, daß ich ihn wieder und wieder lese, bis ich irgendwann bemerke, daß es draußen wieder hell wird und ich Lust auf Schokolade habe.
Es klingelt, ich öffne die Tür und sage „Buh!“, aber es ist diesmal nicht das Schwarze Phantom, sondern die Nachbarin, die einen Moment lang erschrocken schweigt und dann fragt, ob ich vielleicht ein Paket für sie angenommen habe. „Nur Pizzas“, sage ich und deute auf die Kartons, die sich jedoch auf wunderliche Weise in Pakete von Amazon, Zalando und anderen Versandhändlern verwandelt haben. „Oh“, sage ich und überreiche ihr ihr Paket, ebenso wie den drei anderen Nachbarn, die danach noch klingeln.
Den folgenden Tag habe ich damit verbracht, „Painted Desert“ von Frederick Barthelme zu lesen, Schokolade zu essen und mich mit leise surrendem Kopf zu fragen, was wohl der Paketbote von mir denkt. Und mir zu sagen, daß ich eigentlich ganz froh bin, daß ich nur ganz selten Stoffe konsumiere, die nicht zwingend legal sind. Und diesen Text zu schreiben.
Und hinzuzufügen, daß all dies selbstverständlich vollkommen frei erfunden ist, wie alle Geschichten, in denen das Schwarze Phantom, Heublumenkäse, Micky Maus, Buffy, Pizzaschachteln und ein Bikini vorkommen und in denen es erst gar nicht und dann viel zu schnell dunkel und wieder hell wird.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN und liegt in momentan vier Bänden als Buch vor.


Freitag, 1. Mai 2015

Frisch gepreßt #338: Roland Hefter "I dad's macha"


Es gibt so Menschen, an denen kommt man nicht vorbei, ohne ihnen wenigstens ein Lächeln entgegenzubringen und sich ein bisserl klein und unangemessen zu fühlen, weil sie so dermaßen sonnige Gemüter, patente Kerle und unwiderstehlich fröhliche Naturen sind, dabei aber marmoriert von der sanften Melancholie des Wissens um die Übel der Welt und einer grundanständigen Bescheidenheit, die sich auswächst zum Verständnis für die Geplagten und Verängstigten, denen sie ohne Protz und Trara zum Vorbild oder zumindest Mutanreger werden.
Zum Beispiel der Roland und zum Beispiel das Titellied auf seinem neuen Album: Da zählt er mit seiner unnachahmlichen Mischung aus frohsinniger Direktheit und angetraurigter Nüchternheit auf, wer alles was gerne täte oder hätte, vom schwulen Fußballprofi über den bierdurstigen Islamisten bis zum Opa, der vom schweren Motorrad (ohne Helm), einem Piercing („da, wo’s koaner siehgt“) und tätowierten Wadeln träumt, und faßt die aus solchen Wunschnotlagen erwachsende Erkenntnis in einem Satz zusammen, dem nicht zu widersprechen ist: „I dad’s macha, später kannst g’wiß drüber lacha.“
Das mag manchem simplizistisch erscheinen, und das ist es irgendwie auch, schließlich zieht der Held in Grimmelshausens Klassiker ähnlich staunend durch die Welt, die ihm in ihrer Wirrnis, Verdrehtheit und überkandidelten Eingenähtheit undurchschaubar rätselhaft erscheint, wo doch in Wahrheit alles so einfach und wahrscheinlich sogar schön wäre, wenn man sich mal hinsetzen und „Ganz normal“ denken und sein täte. Deshalb hält ihn jedermann für deppert, und deswegen hält sicher auch der eine oder andere vergrübelte Weltendeuter den Roland für ein bisserl deppert, weil so einfach und leicht ist das alles schließlich nicht, gelt?
Oder halt doch, wenn man’s mal von der anderen Seite betrachtet, von unten, ohne interpretatorische Auslegungsfußnoten und ideologisiertes Zwangsregelaxiomsystem. Auch aber ohne blödsinnige Wurschtigkeit und unanständige Häme, einfach weil’s so sein könnte: wahrscheinlich sogar schön. Und drum stellt sich der Roland mit Gitarre und Trompete auf Bühnen und singt’s den Leuten vor, und obwohl er beide Instrumente richtig gut spielen kann und ihm die Ohrwurmmelodien und witzigen Reimzeilen nur so herausschneien aus Herz, Hirn und Mund, tut er nicht so, als ob er was besseres wär: „Du bist ned die Nr. 1“ ist auch so ein Leitsatz. Und drum sitzen und stehen die Leute dann da und schauen ihn an und dann die Welt und müssen grinsen, lächeln, lachen und nicken: Ja, stimmt. Und vielleicht probieren sie’s dann tatsächlich mal aus, weil: „Es gibt ein Leben vor dem Tod“, aber eben nur eins, das vom Warten nicht länger und schon gar nicht schöner wird. Das man sich mit Geld nicht kaufen kann, für das man aber vielleicht auch gar kein Geld braucht.
Freilich sind das alles Binsenweisheiten, aber die Weisheit der Binse liegt nun einmal darin, daß sie stimmt und daß sie in aller Toberei und Turbulenz des irdischen Durcheinanders nicht weggeht aus dem Hinterkopf, wenn sie mal drin ist, und deshalb muß man sie sich ab und zu vorsagen, damit sie ihren Platz findet. Oder noch besser: vorsingen, simpel und simplizistisch, fröhlich, aber marmoriert von sanfter Melancholie und Bescheidenheit, musikalisch wirtshaus- und bierzeltkompatibel und gern auch mal an der Grenze zum Schlager, damit die Erkenntnis gerade an denen nicht vorbeigeht, die sie am nötigsten brauchen. Und weil, akademisch gesagt, man gerade das Terrain des lustigen Volkslieds auf keinen Fall den anderen überlassen sollte, die es als Vehikel der Unterdrückung und Verblödung einsetzen.
Genau, sagt man dann. So ist’s. Und vielleicht schmeißt dann sogar der eine oder andere den Bettel hin und duad’s einfach amal macha.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Belästigungen 07/2015: Schab an der Tapete und rette die Welt (und hör nicht auf den Teebeutel)!

Mein Teebeutel hat heute früh zu mir gesagt: „Du musst für etwas leben, dass (sic!) größer ist als du.“ Normalerweise ist es mir herzlich egal, was mein Teebeutel so plappert, schließlich plärren heutzutage die meisten Gegenstände, die einem im Laufe eines Tages über den Weg laufen, irgendwelche Botschaften in die Welt. So was blende ich automatisch aus.
In diesem Fall bin ich hängengeblieben. Vielleicht war ich zu früh aufgestanden und im frühvormittäglichen Dunzelzustand der entsprechende Mechanismus in meinem Gehirn noch nicht aktiviert, vielleicht war es auch der heutzutage ameisenmäßig über den gesamten landesweiten Textausstoß verbreitete Neusprechblödsinnsfehler, der sich wie ein fieser Spreißel in meine Aufmerksamkeit gebohrt hat.
Egal. Jedenfalls begann ich zu überlegen. Zwar ist die Einbildung, es gebe etwas, was größer ist als man selbst und wofür man zu leben (und notfalls zu sterben) habe, die zentrale Stützkonserve sämtlicher Faschismen, aber vielleicht läßt sich, wenn das halt nun mal sein muß, irgendwas finden, was das Dafürleben tatsächlich wert wäre? Ein Gott? eine Firma? die Gaucksche Supermarkt-„Freiheit“? Nö, eher nicht.
Wie wär’s mit der Grammatik? fragt mein Teebeutel mit einem fröhlichen Grinsen. Ein plausibler Vorschlag, aber wenn ich nun minimalerweise loszöge, um mit flammendem Tipp-Ex-Schwert sämtliche falschen Doppel-s-„dass“e aus der Welt zu merzen, käme ich höchstens bis zur Ecke Herzog-/Belgradstraße, ehe ich erschöpft zusammenbräche und zugeben müßte, daß die Grammatik größer als ich, die Blödschwätzerei jedoch unendlich viel größer als die Grammatik ist. Sowieso bin ich für exzessive Rechthabereikampagnen viel zu faul, und außerdem: Es sind zumindest für den Rest meines Einzellebens genug schöne Texte mit intakter Grammatik verfügbar, und wenn doofe Texte von der Karies der Reformschreiberei bis zur Unverständlichkeit zerfressen werden, sollte einen das eher freuen als grämen.
Aber, mahnt der Teebeutel, man kann doch nicht den lieben langen Tag sonnenbaden, schrulliges Zeug zusammendenken, flanieren, linksradikale Rockmusik hören und nebenbei in milder Muße am Ewigkeitswerk Wohnungsrenovierung herumbasteln, indem man quadratzentimeterweise alte Rauhfasertapeten von der Wand schabt! Während draußen in der Welt zum Beispiel das Klima zerpludert und die NATO den Krieg gegen Rußland vorbereitet!
Ja nun, auch das mag sein, und ohne Zweifel ist sowohl das Klima als auch der mythische Weltfriede (der meines Wissens zuletzt einige Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung gesichtet wurde, was aber auch am Mangel an Aufzeichnungen oder Menschen liegen kann) größer als ich. Aber wie „lebt“ man „für“ das eine oder den anderen? Soll ich etwa in diese seltsame Partei eintreten, die einst behauptete, die Umwelt schützen zu wollen, und heute mit diversen „Energiewenden“ und Grünen Wachstümern dafür sorgen möchte, noch schneller und effektiver ein menschenfeindliches klimatisches Katastrophentheater zusammenzudröseln, und in der sich dazu noch die derzeit schlimmsten Kriegshetzer außerhalb des US-amerikanischen Konglomerats von Waffenherstellern und Neocon-Fanatikern tummeln (weil sie als alte Maoisten schließlich schon seit einem halben Jahrhundert überzeugt sind, daß Rußland das Reich des Bösen ist)? Soll ich mich bei Twitter anmelden und dem rund um die Uhr tobenden Sturm von Stuß auch noch ein paar aufrufende Zeilen hinzufügen, die ebensowenig jemand liest wie die Trilliarden anderen, die nicht von Boris Becker oder Kai Diekmann stammen?
Oder soll ich mich als Sandwichmann an den Autobahnrand stellen und mit einem einprägsamen Slogan (etwa „Spart mehr Sprit!“) dazu beizutragen versuchen, daß dieser Irrsinn noch ein paar Jahre länger so weitergehen kann? Auch keine gute Idee, schließlich bin ich entschieden dafür, die gesamten Erdölvorräte des Planeten so schnell wie möglich abzufackeln, damit endlich Ruhe ist, und zwar möglichst noch bevor den Anführern der Mobilitätsterroristen was einfällt, womit sie auch ohne Benzin weiterrasen können. Dafür zu werben, zu prangern und Ein-Mann-Menschenketten zu bilden wäre aber ebenfalls zwecklos, weil es mit Sicherheit falsch verstanden würde und ich dann in endlosen „Talkrunden“ vergeblich versuchen müßte, das Phrasengeschwafel von Hans-Werner Sinn, Arnulf Baring und Karl Lauterbach zu unterbrechen, um „meinen Standpunkt darzulegen“, wofür ich am Ende wahrscheinlich auch noch Unterstützung von Menschen bekäme, mit denen ich nicht das geringste zu tun haben möchte.
Und nicht zuletzt ist meine Wohnung zwar kleiner als die angebliche Welt, aber zweifellos größer als ich. Und wer Tapeten abschabt, kann derweil nicht in ein Auto steigen, einem sogenannten Ziel entgegenröhren und dabei Giftgas ausstoßen. Und eine schönere Wohnung macht die Welt schöner; zwar nur für die, die drinnen sind, aber immerhin. Und wer das Tapetenabschaben nur unterbricht, um in der Sonne zu baden und durch die Gegend zu flanieren, hat keine Zeit, zu einem Krieg hinzugehen. Und wer sich dabei mit linksradikaler Rockmusik volldröhnt, hört zumindest die Befehle, Parolen und Kommandos nicht, die ihm die akustischen „Medien“ entgegenbrettern.
Da schweigt er, der Teebeutel. Und die Welt tut es ihm nach, zumindest vorübergehend. Wie schön.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.