Montag, 10. Juni 2013

Belästigungen #411: Man könnte das eine Borderline-Kolumne nennen


Eine Freundin, der ich neulich einen großen Berg der hier veröffentlichten Kolumnen übergab, damit sie sie vor der Neuauflage als Sammelbuch auf Relevanz und Zumutbarkeit prüfe, meinte hinterher, ich sei ja ein ganz schöner Choleriker, wenn ich mich immer so aufrege, und so kenne sie mich gar nicht.
Das, meinte ich, mich höchstens milde aufregend, könne überhaupt nicht sein, schließlich werde der Choleriker im allgemeinen als willensstark und entschlossen beschrieben – vgl. etwa einen durchschnittlichen BWL-Börsennazi –, was auf mich nur in den seltensten Fällen halbwegs zutreffe. Dann, sagte sie nach einigem Wälzen im inneren Lexikon der Küchenpsychologie, handle es sich wohl um hyperaktive Melancholie mit einem Zug ins Depressive; andererseits kenne sie mich auch als notorisch exzessiven Sanguiniker an der Grenze zum pathologisch-hysterischem Übermut mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, und mein Phlegma sei durch den Zustand meines Schreibtischs und den mangelnden Schnitt meiner Rosenstöcke und Obstbäume ausreichend belegt.
Sowieso indes seien derartige Kategorien überholt und in meinen Texten wie in meinem Verhalten An- oder mindestens Vorzeichen für derart viele psychosoziale, neurotische, affektive, Verhaltens-, Belastungs-, Persönlichkeits- und andere Störungen zu identifizieren, daß es sich bei mir wohl um einen Borderline-Patienten handeln müsse.
Hier wurde ich neugierig, weil mich exotische Diagnosen ohne Beeinträchtigung des Wohlbefindens zuverlässig begeistern, schon angesichts der Möglichkeiten, die sie im Alltagsleben bieten („Was heißt hier rote Ampel! Was heißt hier bezahlen! Ich bin Borderliner!“). In der Tat konnte ich einige der laut Fachleuten mit dieser Krankheit verbundenen Symptome an mir diagnostizieren: Das „Bemühen, ein Verlassenwerden zu vermeiden“ befällt mich fast immer, wenn ich verliebt bin, ebenso wie in diesem Lebensbereich das „Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen“ relativ zuverlässig Geltung hat. Die „Impulsivität beim Geldausgeben“ bezog sich schon in meiner Kindheit auf grelle, sinnlose, aber geile Spielzeuge (von Matchbox-Streakers und -Rola-matics bis zum Mini-iPad), ebenso fällt es mir notorisch schwer, die „Impulsivität in der Sexualität“ durch eine auf Jahre angelegte Planung von Partnerinnen, Orten, Terminen, Stellungen und diversen Durchführungsvorschriften zu ersetzen. „Unangemessene freudige Erregung“ (Feierabendbier!), „übermäßig niedergeschlagene Stimmungslage“ (Schafskälte!), „Empfindlichkeit gegenüber Kritik“ (Arschlöcher!), „Neigung zum Substanzmißbrauch“ (Theresienwiese!), „chronisches Gefühl von Leere“ (Hunger! Fernsehen!), „unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren“ (Heimniederlage!), „Gereiztheit bei übersteigertem Aktivitätsniveau“ (Redaktionsschluß!) – all das kenne ich aus nicht unbedingt leidvoller, aber irgendwie konkreter Erfahrung.
Ja, und nun? Habe ich eine Chance, dem Schicksal von Gustl Mollath zu entgehen? Das ist durchaus kein Witz, denn wie wir wissen, ist im wirtschaftsfaschistischen Gesellschaftsprozeß für nicht perfekt funktionierende Menschmaschinen ein Platz höchstens dort vorgesehen, wo man sie zwangsweise umbauen oder notfalls unter Aufsicht verwahren kann, damit sie nicht zum Infektionsherd werden. Und immer wieder hört und liest man von Menschen, die, einmal auffällig geworden, den Mühlen psychiatrischer Zermanschung nicht mehr entfliehen. Als ich dann noch einer anderen Freundin von den jüngsten Erkenntnissen zur Planung des Oktoberfestattentats durch den BND erzählte und die meinte, ich sei ja ein Paranoiker, war der Ofen aus. „Laß niemanden rein!“ flehte ich die Diagnostikfreundin an, als es an der Tür läutete. „Es könnten die Herren des Morgengrauens sein, mich zu haschen, auf daß ich dir ewiglich entzogen sei!“
Amüsiert blickte sie von ihrer Lektüre auf und sagte: „Ein cholerisch-sanguinisch-melancholisch-phlegmatischer depressiv-neurotisch-hysterischer Borderline-Narzißt mit Paranoia und Dichterwahn? Das ist jetzt aber paradox!“ Dann blätterte sie ein bißchen und zitierte aus der zerlumpten Ausgabe von Kierkegaards „Philosophischen Brocken“: „Das Paradox ist die Leidenschaft des Gedankens, und ein Denker, der ohne Paradox ist, ist wie ein Liebhaber ohne Leidenschaft: ein mäßiger Patron. Aber die höchste Potenz jeder Leidenschaft ist immer, ihren eigenen Untergang zu wollen.“
Demnach, schloß ich einklingend, sei die eingangs vermutete Cholerie nichts anderes als die Leidenschaft des Empfindens einer Außenwelt, die bisweilen schlichtweg unerträglich ist – durchwimmelt von Dummköpfen, Idioten, tumben Toren, Schreihälsen, Falschdenkern, Selbstüberschätzern, penetranten Schwätzern, Nachbarn, Nazis, Claqueuren, Drangsalierern, Hausierern, Rattenfängern, Holzköpfen und Waschweibern. Was aber, wenn auch hier der Wille zum Untergang wirkt und ich mich eines Tages totschreibe an ihnen oder dem Wahnsinn verfalle?
Ach was, sagte sie. Wahnsinnig sei ich doch längst, daher sei es ratsamsten, all den Symptomen – vom Feierabendbier bis zur sexuellen Impulsivität – hemmungslos zu huldigen. Mit einem milden Lächeln ließ sie das (Schafskälte!) heiße Badewasser ein. Ich bekam davon jedoch zunächst nichts mit, weil ich beim Recherchieren von Borderline-Symptomen im Internet zufällig auf ein „Matchbox-Car-Wiki“ mit Abbildungen sämtlicher Streaker und Rola-matics gestoßen war.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin "In München", diese Folge am 29. Mai 2013.

Montag, 3. Juni 2013

Beim Schreiben eines Romans (9)



Während er die Badewanne vollaufen ließ, läutete es an der Tür, und im selben Moment wußte er, daß er genau das erwartet hatte.
„Du läufst aus dem Ruder“, sagte das Mädchen. Ihr Blick wirkte wachsam, als rechnete sie mit einem plötzlichen Ausbruch unkontrollierter Aggression.
„Schau nicht so, ich bin nicht krank. Nur verwirrt.“
„Das eine kommt manchmal vom anderen.“
„Oder umgekehrt“, sagte Einfreund und trat einen Schritt zur Seite, wodurch ihn der Türrahmen verbarg, „okay, Binse.“
„Gemütlicher Abend im Bademantel?“ sagte das Mädchen. „Hast du einen zweiten?“
„Okay“, sagte Einfreund und wandte sich zum Gehen.
„Bleib da, du Idiot, war ein Scherz.“
„Ich wollte gerade baden“, sagte Urbin, ohne ein „aber“ anzudeuten.
„Gut, ich auch.“
Diesmal zog Einfreund sein „Okay“ empört in die Länge, machte aber keine Abschiedsanstalten.
„Mann, ich stinke“, fuhr ihn das Mädchen an. „Du kannst inzwischen das Bett vorwärmen. Ich meine: den Tisch.“ Sie lachte, heiser, und Urbin glaubte aus diesem Lachen – oder aus der Kombination aus dem absichtlichen Versprecher und dem gezwungen wirkenden Kichern – eine bisher unbekannte Unsicherheit herauszuhören, über die er lieber nicht weiter nachdachte.
„Was ist jetzt?“ sagte das Mädchen und öffnete die Tür zum Badezimmer. „Ihr seid zum Kotzen. Das ist zum Kotzen hier.“
Mit einem gepreßten Stöhnen zog sie sich Sweatshirt und Unterhemd auf einmal über den Kopf, warf das Bündel achtlos über die Schulter, stieg aus ihrer Hose, ließ ihre Socken eine träge Halbkreisbahn durch die Küche ziehen und stöhnte auf, als ihr Fuß ins Wasser sank.
„O Gott, ist das heiß. Will mich keiner abkühlen?“
Einfreund saß mittlerweile am Küchentisch; jetzt schüttelte er den Kopf, hielt mit der Linken eine halbfertige Zigarette fest, während er mit der Rechten Urbin ins Bad winkte, wortlos.
„Du hast kalte Füße“, sagte das Mädchen, als sich Urbin ihr gegenüber in die Wanne gesetzt hatte. „Das ist gut, ich werde sonst ein Suppenhuhn.“ Und nach einer Pause, während der sie seine Zehen massierte: „Schau, so geht das.“
„Das, was hier läuft ...“, brüllte Einfreund sehr plötzlich in die Küche. Eine Weile verharrten alle drei regungslos, dann rief das Mädchen, als wäre nichts oder nur etwas Gewohntes geschehen: „Ja ja, erspar uns das bitte.“
Das nächste, was sie hörten, war das Zuschlagen der Wohnungstür, diesmal so heftig, daß Urbin fürchtete, die Tür sei wieder aufgeflogen und biete nun neugierigen Nachbarn Einlaß.
„Ich denke ...“, begann er.
„Nein“, sagte sie, „nein. Ich werde ihn nicht rechtfertigen, und du wirst aufhören, auf die Null zu setzen und dich zu beschweren, wenn die Achtzehn kommt.“
„Was?“
„Ich. Achtzehn. Und jetzt laß dich endlich gehen und tu, was du willst, du Seelenkrüppel, du verdammter. Mann, da.“
Sie nahm seine Hand und führte sie ungeduldig zwischen ihre Beine, packte seinen Mittelfinger und führte ihn ein.
„Na los.“
„Das … geht nicht so einfach.“
„Ach. Bin ich dir zu jung? Zu dünn? Hätte der Herr lieber einen Elefanten?“
Urbin zog seine Hand zurück und suchte nach Worten, schüttelte den Kopf, als er keine fand und einsah, daß er sie nicht finden konnte. Das leise Plätschern des Wassers klang spöttisch. Was er sah, wenn er zwischen seine Beine blickte, war eine Provokation.
„Was tust du da eigentlich?“ fragte er hilflos.

Freitag, 31. Mai 2013

Belästigungen #410: Was sind schon dreißig Jahre?


Tolle Frage: Da steht der 14jährige, sprachlos, weil er gar nicht weiß, wo er anfangen soll. Aber das Problem ist bekannt: Wer als Bams zum ersten Mal in einen Kaugummi beißt, hat für den plötzlich aufquellenden Süßrausch aus Aromasensationen zum Vergleich nur Milch, Brei, vielleicht noch Breze und schlimmstenfalls Gelbwurst. Da ringelt er sich vor Entzücken und manscht in dem zähen Kautschukknödel herum, nicht achtend der Welt, die sich recht übersichtlich gestaltet: hier Mama, da Papa, dort ein undurchsichtiges Wallen, aus dem bisweilen ein Phänomen hervorspitzt, das man sich in den Mund schieben und feststellen kann, daß es meistens nicht schmeckt (Regenwurm, Batterie, Badeente, Gelbwurst).
Wer sich den tausendsten Kaugummi in den Mund schiebt, tut das aus anderen Gründen. Weil er sich gerade einen Döner hineingepreßt hat und in zehn Minuten im großen Meeting mit seiner World-Advance-Strategy überzeugen oder andernfalls Hartz IV beantragen muß. Weil die angeheiratete Immobilienbesitzerstochter die der zeitweise aufgehobenen Sinnlosigkeit des Rödelns entsprungene Mittagsbierfahne nicht bemerken soll. Oder weil er seit Jahren vergeblich nach etwas sucht, was ihn die überwältigende Daseinsfreude empfinden läßt, an die er sich aus der Kindheit zu erinnern glaubt, die aber in dem Strudel aus Lügen, Zwecken, Zielen, Umwegen und Aufschiebereien verstrudelt ist und sich mit triggermäßig eingesetzten Gegenständen (von der Schneekugel bis zur Matchbox-Sammlung) nicht mehr herstellen läßt.
Freilich ist inzwischen auch die Welt keine homogene Dreigestalt von Mama, Papa und diffuser Idylle mehr, sondern ein Aberwitz aus Ansprüchen, Krisen, Skandalen, Events und anderem Gepluster inszenierter Erscheinungsformen, der sich nur ausblenden läßt, wenn man zufällig über etwas verfügt, das sich weder mit Geld kaufen noch im Workshop oder der Kaffeemaschine herstellen läßt: Beständigkeit.
Das ist wie beim Verlieben: Sobald das Arsenal an Aufrißstrategien, Blendtheater und sexueller Spannung vor dem ersten Pimpern aufgebraucht, der große rosa Kaugummi einmal durchgekaut ist und man den Menschen da besser kennenlernt, sich ihm gar öffnen sollte, um ihn lieben zu lernen (oder wahlweise ein paar Bamsen in die Welt zu setzen und sich fürderhin nicht mehr zu sorgen, vor welchem Fernseher man den „Tatort“ verdämmert), kommt schon der Impuls, den lätscherten Baz lieber auszuspucken und sich eine neue Kugel reinzuschieben, um den kindischen Kick wiederzuerleben. Was ein paarmal geht, auf lange Sicht aber nur zu einem führt: Beliebigkeit (oder wahlweise der Gewißheit, die nächsten hundert „Tatorte“ vor dem eigenen Fernseher zu verdämmern).
Gerne meint der moderne Mensch, Beständigkeit sei langweilig und ein Gefängnis, Beliebigkeit hingegen spannend und die pure Freiheit. Das Gegenteil ist der Fall. Wer einen Garten ein paar Jahre nicht gesehen hat, wird ihn und seine Belegschaft nicht wiedererkennen. Wer einen alternden Playboy jahrelang nicht gesehen hat, wird entsetzt sein über die Verzweiflung, mit der er immer noch die gleiche Show abzieht, um den sein Wasserbett mit periodischer Dienstleistungsgymnastik zu rechtfertigen, die ihm keine Freude macht, weil Ficken ohne Liebe bloß Kapitalismus ist – die Generation Porno lernt das in der Unterstufe und verlegt sich daher aufs Saufen, was das Elend immerhin für einige Zeit ausradiert.
So scheitert der moderne Mensch an der eigenen Wirrsinnigkeit und Feigheit, und merken tut er’s erst, wenn es zu spät ist – es sei denn, jemand anderer ist beharrlich genug, an etwas einfach festzuhalten, es wachsen zu lassen, hie und da auszulichten, weiterzuentwickeln, zu hegen und pflegen und in stiller Freude treu dazu zu stehen, damit der moderne Mensch, wenn ihm zwischendurch alles zu viel wird und er das haltlose Herummobilisieren zwischen Wohnkisten, Nulljobs, Events und Fickangeboten nicht mehr erträgt, sich an etwas, was immer noch da ist (und immer gleich, wenn auch ganz anders), festhalten oder kurz darüber freuen kann, daß es immer noch da ist.
Jetzt wollen wir nicht pathetisch werden. Das moderne Leben kann ganz schön sein, wahlloser Sex Spaß machen, Events manchmal lustig sein, Nulljobs lassen sich vermeiden, und Wohnkisten sind im Sommer eh nur zum Schlafen da.
Aber schön ist diese Vorstellung schon: Als wir vor 30 Jahren, das trübe Ende des „Blatts“ betrauernd und die „Stadtzeitung“ als Popperblättchen belächelnd, in einem Kopierladen hinter der Uni das erste „In München“ in der Hand hielten, war die Welt eine komplett andere. Merkel, Handy, Wiedervereinigung, CD, Laptop, iPad, Privatfernsehen, Independentpop … eine beliebige Aufzählung von allem, was uns heute den Tag füllt, besteht nur aus Dingen, die es nicht gab. Es gab ja ein paar Monate zuvor noch nicht mal eine Grüne Partei. Statt dessen füllte man den Tag mit Dingen, die es nicht mehr gibt (oder die – siehe Grüne – nur noch so ähnlich heißen).
Trotzdem ist die Welt irgendwie gleich geblieben, und das liegt nicht nur an der „Krise“, die die gerade an die Macht gelangte neoliberale Sekte damals in die Wege leitete und seither machtvoll ihrem Finale entgegentreibt. Sondern auch an dem Heft, das Sie in den Händen halten. Das in fast nichts dem Heft gleicht, das wir damals in den Händen hielt, und doch das gleiche ist. Schönen Geburtstag, alte Wursthaut – was sind schon 30 Jahre!

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin In München; diese Folge stammt aus Heft 10/2013 vom 16. Mai.

Samstag, 25. Mai 2013

Beim Schreiben eines Romans (8)



„Ach so, Liebe heißt für dich Verantwortung.“
„Was denn sonst?“
„Was sonst? Wie wär’s mit Liebe? Sonst könnte man gleich sagen: Wir haben eine Verantwortungsbeziehung. Romeo verantwortet Julia.“
„Ha ha.“
„Genau. Lächerlich.“
„Der Witz. Verantwortung ist nicht lächerlich.“
„Und was bedeutet das, Verantwortung?“
„Daß man sich umeinander kümmert.“
„Wenn man alt und krank wird und so was.“
„Ja. Das ist nicht zum Lachen. Man wird ja wirklich alt und krank.“
„Yeah, und dein Orgasmus ist so richtig geil, wenn du dir vorstellst, daß sie dir in vierzig Jahren den Hintern putzt und die Windel wechselt.“
„Darüber kann man sich toll lustig machen. Und dann fährt dich ein Auto an, du sitzt im Rollstuhl und bist allein. Und dann?“
„Und dann? Zyankali.“
„Quatsch.“
„Also muß ich meinen Arzt lieben, bevor er mir Tabletten gibt, oder was?“
„Du weißt genau, was ich meine. Du stellst dich nur blöd, weil du nicht unsouverän wirken willst.“
„Genau. Aber im Rollstuhl zu sitzen und sich als lallendes Wrack durch die Gegend schieben zu lassen von jemandem, in den man sich extra dafür vorher verliebt hat, das ist total souverän. Meinetwegen kannst du gerne in einer Eisenrüstung mit Helm durch die Welt laufen, falls dir mal ein Meteorit auf den Kopf fällt. Aber zieh das Ding dann bloß nicht beim Ficken aus, weil es da plötzlich keine Rolle mehr spielt. Und erzähl mir nicht, daß das irgendwas mit Liebe zu tun hat.“
„Hat es aber.“
„Hat es nicht. Liebe ist das Ding, das dir drauffällt, du Trottel.“


Mittwoch, 22. Mai 2013

Periphere Notate (3): Sieht aus wie Regen


Sitzt da, die Arme aufgestützt, wirft einen Schatten auf ihre Hände, die den Kopf halten. Eine dunkle Konstruktion, dunkler noch als der Rest, die Luft, die schwer über uns hängt, um uns, irgendwie dunkel grün, auch der Tag.
Sagt nichts, aber ich sehe etwas Helles, denke mir den Rest dazu und weiß, daß es ein Lächeln ist.
Liegt dann wieder im Bett und spricht zu mir, macht die schwere Luft vibrieren, die dunkle Luft, feucht und grün irgendwie. Spricht mit einer Stimme, die feucht und dunkel klingt. Von unten kommt, tiefer als sie, tiefer als wir.
Sitzt wieder am Tisch, sieht an mir vorbei, sieht gar nirgends hin. Sieht nichts. Falsch, nichts erreicht meine Augen, sagt sie, denn sehen kann man nicht bewußt, es muß etwas hineingeraten.
Augen sind keine Hände, sagt sie.
Ihr Haar ist feucht. Nicht naß, nur dieser Rest von Feuchtigkeit, der nicht rausgeht, wenn die Luft so ist, schwer und grün. Es ist warm, aber wenn ich mich bewege, fühlt es sich kalt an.
Draußen ist der Tag, aber es ist nicht viel da. Er drängt die Blicke zurück, schwer und feucht.
Die Blicke. Augen werfen Blicke, sage ich ihr, und sie bewegt ganz leicht den Kopf.
Tun sie nicht. Nur eine Metapher oder so. Was ist mit den Ohren?
Der Klang unserer Worte, selbst meiner eigenen, die durch den Schädelknochen gedämpft mich als Mischung erreichen, ist feucht und schwer. Es gibt Tage, an denen man mit geschlossenen Augen besser hört. Wenn die Luft so feucht und grün ist, so dunkel, braucht man die Augen nicht zu schließen. Was sichtbar wird, sind nur Geräusche, die sich so weit ausdehnen, daß sie die schwere Feuchte der Luft durchdringen und dem Auge faßbar erscheinen, kurz nur und undeutlich, wie das, was ich für Lächeln gehalten habe. Es war vielleicht ein Lächeln, aber man kann es auch anders sehen.
Nicht die Augen sehen, sondern das Gehirn, sagt sie. Du erkennst eine Form und ordnest ihr eine Bedeutung zu.
Dann liegt sie wieder im Bett, macht ein Geräusch und deckt sich zu, bis über den Kopf, obwohl es nicht kühl ist.
Unter der Decke ist es sehr feucht, dunkel und grün, und sie sieht aus wie Regen.