Sonntag, 12. Mai 2013

Beim Schreiben eines Romans (6)



„Hast du sie geschlagen?“
„Geschlagen?“
„Geprügelt. Faust. In die Fresse. Getreten. Peng. Klar?“
„Spinnst du jetzt?“
„Wieso, was hast du gegen Gewalt?“
„Damit löst man kein Problem.“
„Jawohl, Herr Kaplan. Hingegen verschwinden alle Probleme, wenn man sie in sich hineinfrißt und sich jeden Abend die Birne wegknallt.“
„Das habe ich doch nie behauptet. Aber ich kann ihr nicht wehtun.“
„Nein.“
„Nein.“
„Nein, nein, das kannst du nicht.“
„Was soll das?“
„Du kannst das nicht nur, du willst es. Du willst es so sehr wie nichts anderes. Sie prügeln, bis sie schreit vor Schmerz und Blut. Du willst ihr nicht nur wehtun, du willst sie zerstören. Sie soll dich anbetteln. Und dann gewährst du ihr die Gnade, sie mitleidig zu verachten.“
„Das ist doch Wahnsinn.“
„Ist es nicht. Es ist eine Frage der Überwindung.“
„Ich soll mich dazu überwinden, sie zu verprügeln?“
„Nein, es nicht zu tun.“

Samstag, 11. Mai 2013

Frisch gepreßt: Dr. Feelgood "All Through The City"


Der Plan war: Eindringlich, poetisch und unwiderlegbar darlegen, weshalb es, wenn der verschneite Frühling in einen verregneten, verwehten, verstürmten, vergrauten und verwolkten überschmilzt, in dem Schwester Sonne nur bei Kurzauftritten trotzig-traurig bläut, weshalb es da für pathologische Romantiker mit gebrochenem Sinn gar nicht genug Lotte-Kestner-Alben geben kann, um das Seelenblut zu stillen und den brachen Geist in weiche Tücher zu hüllen, damit er schlafen möge und träumen von anderen Welten und Zeiten. Weshalb es deswegen so schön ist, daß einen Monat nach dem letzten heute schon wieder ein neues Lotte-Kestner-Album erscheint ...
Aber es geht nicht, weil ein solcher Krach die Wohnung füllt. Wo kommt der plötzlich her?
Manche Dinge werden von der Geschichte verschluckt; Gerechtigkeit gibt es dabei nicht. Beispiele von Bands, die im historischen Gulli verschwunden sind, während erbärmlichere Rivalen die Stadien füllen, gibt es zuhauf, aber kaum eines ist so frappant wie das von Dr. Feelgood, die für kurze Zeit sogar eine Art heilige Dreifaltigkeit mit den Sex Pistols und The Clash bildeten (oder sagen wir: Vierfaltigkeit, um The Damned nicht zu vergessen).
1975: das Jahr, in dem Prog- und Art-Rock den Gipfel des Mount Schwulst erreichten und faulig zu riechen begannen; dem Glamrock ging es kaum besser, der ertrank in Ozeanen von Balladen, und Punk gab es nur als Gerücht. Da kamen Dr. Feelgood gerade recht. Sie trugen alte Anzüge, ließen sich nur schwarzweiß photographieren und sagten über die Popmusik ihrer Zeit: „Das klingt wie einem Computer aus dem Arsch gekrochen. Ich möchte richtige Instrumente hören, richtige Stimmen, keinen beschissenen Halleluja-Chor!“ Sänger Lee Brilleaux bewahrte seine Mundharmonikas in vollen Bierbechern auf, damit sie nicht verrosteten; Gitarrist Wilko Johnson wirbelte wie ein irregewordener Roboter über die Bühne und schoß mit seiner Telecaster Rasierklingen ab, und zwar gezupfte, wodurch es ihm gelang, die schärfste Rhythmusgitarre der Welt und gleichzeitig (!) Solos zu spielen. Daß Saiten aus Metalldraht bestehen, weiß man erst durch ihn, und was Paul Weller (wie tausende andere) als kleiner Bub mit The Jam wollte, versteht man erst durch ihn.
Die Band hatte drei Jahre Ochsentour hinter sich, als im August 1974 ihr erstes Album „Down By The Jetty“ erschien, natürlich mono in einem Durchgang aufgenommen und ein Kinnhaken für die verzärtelte Konkurrenz in sämtlichen Lagern. „Malpractice“ (Oktober 1975) war kaum weniger wild und brutal, und jetzt war die Zeit reif: Die Platte löste einen regelrechten Pubrock-Boom aus. Das Livealbum „Stupidity“ schoß aus dem Stand an die Spitze der britischen Charts, was seit den Beatles nicht mehr passiert war. Anderswo liefen Dr. Feelgood unter „Punk“ – verzeihlich, denn so viel Energie, Dampf und Wut wie die vier Männer aus Canvey Island hatte kaum jemand sonst zu bieten. Näher kam die knochige Faust erdiger Biermusik der Ewigkeit nur noch einmal: bei AC/DC, die heute (dem Status nach) sind, was Dr. Feelgood sein müßten.
Die wurden leider was anderes, nämlich nichts: Nach einem weiteren Top-ten-Album flog Johnson raus, außer dem müden „Milk & Alcohol“, das bis heute die Stehausschänke beschallt, war’s das auch mit den Hits, trotz dutzenden Platten und obwohl irgendwelche Leute heute noch als Dr. Feelgood durch die Gegend touren. Klar: Musik wie die auf ihren ersten vier Alben (die hier auf drei CDs vollständig versammelt sind, samt 23 Bonustracks und einer Live-DVD von 1975) wird heute nicht mehr gemacht, und ihre damalige Bedeutung wird sie nie mehr haben. Stoßen wir an auf den armen, großen Lee Brilleaux, der am 7. April 1994 an Kehlkopfkrebs starb, auf den armen, großen Wilko Johnson, der momentan an Krebs stirbt (und gerade auf „Abschiedstour“ war, weil er behauptet, erst durch den baldigen Tod seine Depression überwunden zu haben und wieder lebendig geworden zu sein). Stoßen wir an auf die unvergeßlichen Zeiten, als Rock 'n' Roll noch Rock 'n' Roll war – laut, schnell, böse, gemein und geil.

(Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.)

Donnerstag, 2. Mai 2013

Beim Schreiben eines Romans (5)



„Wolltest du sie zurückhaben, nachdem sie gegangen ist?“
„Natürlich. Aber ich glaube, das war ein Irrtum. Ich wollte nicht sie, ich wollte mein gewohntes Leben zurück.“
„Dein gewohntes Leben?“
„Ja.“
„Also all die Dinge, die du unerträglich fandst?“
„Nein, ich wollte, daß unser gemeinsames Leben … anders wird, daß es endlich richtig losgeht.“
„Losgeht. Nach fünf Jahren.“
„Ja. Nein, nicht nach fünf Jahren, sondern … daß es wieder so wird, wie es war. Daß wir an den Punkt zurückgehen, wo wir falsch abgebogen sind und uns verloren haben, und von dort aus weitermachen.“
„Ihr seid falsch abgebogen? Es war anfangs anders?“
„Ja.“
„Glaubst du diese Scheiße wirklich?“

Dienstag, 30. April 2013

Periphere Notate (2)

In stillen Momenten dachte A., daß Frau W., deren ekstatische Begeisterung seine Duldsamkeit bisweilen arg strapazierte, möglicherweise weniger an seinem Körper als am Erlebnis der eigenen ekstatischen Begeisterung interessiert war. In solchen Momenten beschloß er, es werde besser sein, die Sache schnell zu Ende zu bringen, brachte die andere Sache dann jedoch so wenig schnell zu Ende, daß er die spontane Empfindung hatte, sich entschuldigen zu müssen, obwohl doch er derjenige war, dem etwas vorenthalten wurde, wenn überhaupt.

Montag, 29. April 2013

Periphere Notate (1)

Als der Frühling anbrach, stellte A., zunächst erstaunt, fest, daß er sich von der Welt entfernte. Er führte dies nach eingehendem Nachdenken darauf zurück, daß ihm die Lektüre der täglich eintreffenden Zeitung nur in der Badewanne möglich war, vielleicht weil er damit einen symbolischen Reinigungsprozeß verband. Nun stapelten sich die Zeitungen auf dem Küchentisch und wurden elfenbeinfarben, was A. indes nicht weiter störte.

Donnerstag, 25. April 2013

Belästigungen #408: Wer zu spät klopft, den bestraft der Müllstrudel


Der moderne Nomadenmensch wird nicht nur von den sogenannten „Arbeitgebern“ und ihren staatlichen Knechtungsknechten in der Gegend herum mobilisiert, sondern kriegt, wenn er mal einige Zeit in einem Nest sitzt und nichts besonderes zu tun hat, sofort den Rappel und will woanders hin. Weil alte Witze witziger wirken, wenn sie aus neuen Hälsen dringen, und weil heutzutage jeder unablässig auf der Suche nach einem „Selbst“ ist, das darin besteht, von anderen bespaßt zu werden, bis ihnen nichts mehr einfällt und man sie ersetzen muß.
Meistens bleibt dabei irgendwas zurück – ein Haufen Gerümpel, alte Socken und kurzzeitig verschnupfte Ex-Existenzabschnittsbespaßer, die, damit sie sich ebenfalls „neu orientieren“ können (Geschlechtsorgan ist Geschlechtsorgan, sagt der Biologe; neu ist Chance, sagt der Betriebswirt), den Krempel loswerden müssen, damit er endet, wo alles endet: im „Großen Pazifischen Müllstrudel“ oder einem seiner kleineren Gefährten.
Die strudeln gern in Gegenden herum, wo sich ansonsten das ansiedelt, was noch viel mobiler ist als der fluchtsuchtgetriebene Zum-Neuen-Streber und sein Hartz-gemangelter Artgenosse: das Kapital, das an beiden Entartungen irgendwie schuld ist, sich aber nach seinen Tobsuchtsanfällen nie ums Aufräumen kümmern mag. Das schmollt lieber auf den Cayman Islands herum, weil die blöden Regierungen es nicht besteuern wollen und es sich deswegen, nachdem es den Hartz-Opfern die Haare vom Kopf gefressen hat, inzwischen in die Unterschicht der Mittelschicht hineinfrißt und aus Überdruß den verdauten Anteil am Volksvermögen denen auf die Konten kotet, die schon so viel von dem Zeug haben, daß sie aufstöhnen, wenn sie noch mehr Geld sehen, das angeblich ihnen gehört.
Ich ahne, daß sich manch zukunftstechnisch abgelenkter Leser auch den Verfasser solcher Sätze auf eine Kaimaninsel wünscht, womöglich eine mit bezahnter Maulklappe, aber gemach. Man kann Dinge in langen Sätzen erzählen oder in vielen, und wo es ums Viele geht, ist das Lange allemal das bessere Medium.
So oder so sitzt das Kapital jedenfalls dort, wo es nicht hingehört, und zwar in derart obszön fetten Mengen, daß sich neuerdings sogar der nicht „liberale“ Anteil unserer Regierungen (möglicherweise) schämt, weil sie schließlich schuld sind an dem Schlamassel: Ein Ableger des IWF schätzt, daß in „Steueroasen“ Geldsummen von ungefähr fünfundzwanzigtausend Milliarden Euro herumgammeln. Weil es ein IWF-Ableger ist, kann man da locker noch eine Null dranhängen, was aber wurst ist, weil es eh schon zwölf sind und man in den Werbeagenturen längst überlegt, wie man das billige „Giga“ (und das zerlumpte „Mega“) aus Jugendsprache und Reklame heraus und ein zünftiges „Tera“ oder gleich „Peta“ hinein popularisieren könnte. Nein, letzteres eher nicht, da wären der Urpapst und seine Namensgenossen diskriminiert.
Während wir uns wundern, wieso diese Steuerinselchen (wenn es sie wirklich gibt, also „physisch“, nicht nur als Bankleitzahl) nicht längst im Ozean versunken sind und die Schweiz sogar teilweise auf einem Gebirge herumzinst, ohne daß das viele Gold sie zum Erdmittelpunkt wumpsen läßt, drehen sich die Müllstrudel munter weiter, ebenso wie das Fortschrittsrad, die zweite epochale Absurdität der Erdgeschichte. Für diesen Schmarrn nämlich ist Geld da, obwohl es ansonsten überall fehlt: Der Schwabe rammt sich einen Tiefbahnhof unter die Hauptstadt, wegen dem hinterher weniger Züge fahren als vorher (aber die wichtigen) und das Wasser der ganzen Region ungenießbar sein wird; der Berliner planiert halb Brandenburg mit einem Flughafen zu, und in Italien, wo die gewaltsame Ausschröpfung der Nichtmillionäre längst in echtes Elend übergegangen ist, hat man auch noch genug Geld für eine Florentiner Variante des „Stuttgart 21“-Wahns.
Freilich, viel Geld ist es nicht, das für die Totalpervertierung des Mobilitätswahns ausgegeben wird – zehn Millionen Hartz-Opfer könnten davon höchstens tausend Jahre in Saus und Braus leben, und auf den Cayman Islands würde man für die lächerlichen Milliärdchen höchstens behüstelt. Drum beschwert sich auch niemand groß, höchstens wenn’s mal ganz daneben geht, wie in Stuttgart – oder in Kassel, wo man für 271 Millionen ebenfalls einen Flughafen hinbetoniert hat, dessen Anzeigetafeln die ganze Woche über leer sind, weil niemand dort starten oder landen möchte. Weil es da zwar eine Börse gibt, selbige laut Telephonbuch aber eine „Bierkneipe“ ist, womit der champagnerverwöhnte Krisengewinner nichts anfangen kann.
Dabei wäre es im Grunde schöner, wenn der Mensch (und das Kapital) da bliebe, wo er ist. Und sich dort hin und wieder für was anderes interessierte als die große Welt und ihre Zukunft: Im japanischen Hokkaido „entsorgte“ neulich eine Frau ihren Bruder im Hausmüll. Nicht erschrecken: Der Mann war schon viele Jahre tot, wovon die Frau, die mit ihrer Schwester in derselben Wohnung wohnte, nichts bemerkte, weil „er nie aus seinem Zimmer gekommen“ sei (was Leichen selten tun, aber egal). So fand sie ihn erst, als sie – na klar: ausziehen wollte, um anderswo ihr „Glück“ zu finden.
Weshalb wir uns vornehmen sollten, inmitten des ganzen Gerödels ab und zu – vielleicht einmal die Woche – an eine Tür zu klopfen, und sei es nur die des Existenzabschnittsbegleiters. Und sei es nur um zu erfahren, ob das, was irgendwann mal so viel wichtiger schien als der übrige Schmarrn, zumindest noch lebt.

(Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.)

Sonntag, 21. April 2013

Beim Schreiben eines Romans ... (4)


„Was soll das heißen: Du fühlst dich wertlos?“
„Das heißt genau das: Ich bin wertlos. Sie hat mich einfach weggeworfen, also habe ich keinen Wert.“
„Ach.“
„Ja.“
„Du bist also so eine Art Accessoire. Ein Gegenstand.“
„Natürlich nicht. Wieso?“
„Nur Gegenstände sind was wert. Und du meinst, sie hat dir den Wert genommen, den sie dir zuvor gegeben hat.“
„So meine ich das nicht.“
„Doch, genau so meinst du es. Etwas ist nur was wert, wenn man es tauschen kann. Und sie ist böse, weil sie dich nicht zum Tausch angeboten, sondern einfach entsorgt und durch ein neues Gerät ersetzt hat.“
„Ich bin kein Gerät. Menschen sind keine Geräte.“
„Dabei ist das ganz normal: Man holt sich was, benutzt es, und wenn es kaputt ist, schmeißt man’s weg. Deine Frau ist nicht böse, sondern vernünftig. Du würdest es doch auch nicht anders machen, wenn es um eine Kamera oder so was geht, oder? Außer du bist ein sentimentaler Idiot, der kaputtes Zeug aufhebt, weil angeblich sein Herz oder irgendeine Erinnerung dranhängt. Und dann wundert er sich, daß er auf einer Müllhalde lebt.“
„Menschen sind keine Geräte.“
„Sagt wer, das Gerät? Klar, sind sie nicht, außer sie machen sich selbst dazu, indem sie was von einem Wert faseln, den sie angeblich mal gehabt haben, weil irgendein beliebiges Zufallswesen ihnen erlaubt hat, ihr Geschlechtsorgan in sie reinzustecken. Weil es über ihre Witze gelacht hat. Und jetzt tut es das nicht mehr, weil dir kein Witz mehr einfällt und weil du gemeint hast, das mit dem Reinstecken geht auch ohne Witz. Und schau mal, was aus dir geworden ist: Du bist sauer, weil sie dich nicht bei Ebay versteigert.
„Halt das Maul. Halt einfach mal das Maul.“