Dienstag, 15. März 2016

Frisch gepreßt #359: Rihanna "Anti"


Obacht, der Mainstream-Drücker steht vor der Tür! Armer Kerl, freilich, will ja auch bloß sein Brot verdienen, indem er Klingeln putzt und jedem, der ihm in die Quere kommt, sein Zeug ins Hirn reibt, damit der es sich dann ins Trommelfell reibt und solcherart („Was? Noch nicht gehört!?“) weiter verbreitet.
Jetzt steht er da, betrachtet die Hirnbriefkästen und beschließt mal wieder, seine Sprachzugehörigkeit ein paar tausend Kilometer umzudefinieren, um „Keine Werbung! Wir wollen Müll vermeiden!“ nicht entziffern gekonnt zu haben. Und schmettert sein Zeug hinein, das die Beschallungsbeauftragten der Super- und Drogeriemärkte dann loszuwerden versuchen, indem sie es so beharrlich abspielen, bis die CD leer ist. Wird sie aber nicht.
Lustig ist, daß niemand merkt, wie sich der Begriff „Mainstream“ und sein Inhalt in den letzten Jahren verändert haben. 2005 zum Beispiel galt alles zwischen PC-Game-Elektro und – ja, z. B. Rihanna als Mainstream, insbesondere die Eisenbahnladungen von synthetischem „R&B“, die derart genormt fließbandmäßig erstellt und in die Weltlandschaft gepumpt wurden, daß sich ernsthafte Musikfeuilletonisten damit nur dann tippend beschäftigten, wenn ein gescheiter Name draufstand (d. h.: einer, der durch eine gewisse Haltbarkeit „Relevanz“ bewiesen hatte; im Zweifelsfall Madonna). Freiwillig anhören tat sich derlei: niemand.
Ernsthafte Musikfeuilletonisten zuckten damals im Indiefieber und berauschten sich gegenseitig mit Begeisterungselogen über Bloc Party und immer mehr andere neue Bands, von denen es bald so viele gab, daß die Unterschiede und Eigenheiten im Sumpf der Fließbandnorm versanken.
Heute sind davon im Grunde nur Bloc Party übrig, die der neue und ein etwas anderer Mainstream sind: Zwar muß sie niemand im Drogeriemarkt über sich ergehen lassen, aber beschäftigen tut sich gefälligst JEDER damit, zu Befehl! Das neue Album anzuhören ist dafür nicht unbedingt nötig, die Kritiken sind auch eher lau bis mau, aber mei: Pflicht ist nun mal Pflicht. Wer keine Meinung hat, ist off, out und anti!
Dabei war es doch mal so chic und schön und persönlichkeitsbildend, anti zu sein! Da muß man sich nicht schämen, wenn man sich der Pflicht entzieht und statt dessen ein Album auflegt, das schon „Anti“ heißt, rein äußerlich soooo viel interessanter aussieht als das banale Bloc-Party-Ding und nach zehn Jahren Indiezwang zumindest Abwechslung verspricht. Und man möcht's nicht glauben: Es lüftet das Hirn fast so ähnlich wie damals „Silent Alarm“.
Beim ersten Durchlauf darf ruhig nebenher noch der Staubsauger oder die Waschmaschine laufen – die trotzig-traurige Stimme in der gläsernen Statik der ersten Single „Work“ fällt trotzdem auf, gerade weil sie (wie auf einem großen Teil des Albums) mit der terroristischen AutoTune-Software verfremdet ist. Und wenn der Finger bei der klassisch-hypermodernen Ballade „Love On The Brain“ nicht automatisch nach dem Ausknopf (des Haushaltsgeräts) tastet, tut er's spätestens bei dem noch viel mitternächtlicheren, nur von Klavier und zaghaften Synthetikstreichern begleiteten Finale „Close To You“. Dann kommt der zweite Durchlauf, diesmal mit ganzem Ohr, der viel Überraschendes, überraschend Überraschendes und zwischendurch auch einigen Schrott findet, was sich insgesamt zu einem vergnüglichen, bisweilen nachdenklichen Abend ohne Halligalli und Glitzerblitzer amalgamiert. Der mit etwas Koinzidenz sogar lebensgeschichtlich im Gedächtnis bleibt.
Apropos Verweigerung: Hits sind hier nicht wirklich drauf, zur Beschallung eines Kindergartenfaschings eignet sich die Platte auch nicht, und ein Kritiker meinte: „Letztlich wirkt das Album nicht, als wäre es der Künstlerin nicht gelungen, ihre Vision durchzuziehen, sondern als hätte sie gar keinen Bock gehabt, eine Vision zu entwerfen.“ Hinzu kommt: Wer im Bemühen um sozialdistinktiven Mehrwert die „Deluxe Edition“ kauft (die normale gibt es als Download kostenlos), kriegt eine Nase gedreht: Die drei Bonustracks sind so übel, daß man Rihanna förmlich hämisch lachen hört (an einem davon war übrigens Ex-Bloc-Party-Produzent Paul Epworth beteiligt, so schließt sich der Kreis). Und so was („Ever get the feeling you've been cheated?“) nannten manche Leute früher mal: Punk, hä hä.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Samstag, 12. März 2016

Im Regal: Hanna Lemke "Gesichertes" (eine exemplarische Kritik der Institutsliteratur)


Man meint, jüngeren Lesern das schon erklären zu müssen: daß vor einem guten Jahrzehnt einmal eine „Literatur“ in Deutschland mehr aufpilzte als -blühte, die in „Instituten“ gelehrt wurde, nachdem sie Kulturhampelmänner wie Hellmuth Karasek zum „Sound einer Generation“ erhoben hatten, die aber kaum mehr als der verspätete Neuaufguß des „Sounds“ von Raymond Carver war, oder sagen wir: dessen, was sein Lektor Gordon Lish daraus zusammenmontiert hatte und was nun die „Lakonie“ zu einem fast ebenso häufig in der Gegend herumgeworfenen Modewort machte wie ein Jahrhundert zuvor die Hysterie. 1991 (drei Jahre nach seinem Tod) war dieser Rudimentär-Carver in den USA berühmt geworden, 1993 durch Robert Altmans Verfilmung „Short Cuts“ weltweit, 1998 durch Judith Hermanns Bestseller „Sommerhaus, später“ auch in Deutschland, wo dann auch bald eine Werkausgabe erschien, die zur Hauptlektüre der jungen Menschen wurde, die sich in „Literaturinstituten“ versammelten, um zu lernen, wie man so schreibt und genauso viel Erfolg hat wie Judith Hermann.
Das wäre alles höchstens für spezialisierte Literaturhistoriker von Interesse, hätten nicht gleichzeitig die Verlage beschlossen, es endgültig aufzugeben, Manuskripte zu lesen, und statt dessen lieber immer mal eine Handvoll möglichst photogen-schwermütig dreinglotzender Institutsschüler aufzugabeln, um sozusagen per Schrotschuß „die neue Hermann“ zu generieren – oder am besten zehn, dreißig, fünfzig davon. Hängt man die Titel dieser zwischen 2000 und 2006 erschienenen Bücherflut aneinander, ergibt sich tatsächlich eine Art hübsches Gedicht, mit dem weitgehend alles gesagt ist über all die aufgeblasenen Banalitäten zwischen den Deckeln, abgesondert von jungen Menschen, die ganz offensichtlich noch nie etwas erlebt hatten, sich auch nichts vorstellen und schon gar nicht mit Sprache umgehen, sondern einfach ein bisserl was in den Laptop tippen wollten, um fortan als hofierte Modeliteraten im Café zu sitzen, in die Vormittagstrübe zu melancholisieren und nebenbei vielleicht mal ein „Open Mike“ zu gewinnen.
Irgendwann flaute der Sandsturm der Beliebigkeiten dann wieder ab und machte völliger Orientierungslosigkeit Platz. Eine wirkliche junge Literatur, die auch und vor allem zweitere Bezeichnung verdient gehabt hätte, ließ sich nicht mehr „etablieren“ (da hätte man zumindest mal Manuskripte lesen müssen, zumindest die, die nicht aus den nach wie vor weiterwurstenden Instituten kommt; doch, die gäbe es durchaus), also verließen sich die Verlage auf ganz Alt- und Hausbackenes. Was auch nicht so sehr zog, von Daniel Kehlmann abgesehen, der allerdings den Nachteil hat, daß er schreiben kann und sich so leicht weder imitieren noch aufgießen läßt und daß von den Berufslektoren auch keiner nachvollziehen konnte, wieso der eigentlich so erfolgreich war. Die Instituts-„Literatur“ indes wurstet, wie gesagt, unablässig weiter, erzählt nach wie vor das gleiche (nämlich nichts: von Menschen, die in leeren Zeitlupenalltagen herumhängen und dies und das tun, zum Beispiel bedeutungsschwanger rote Limonade trinken, Telephonhörer anstarren und berühren und Geldscheine vom Balkon wehen lassen, bis es dunkel wird, immer wieder), aber inzwischen in einer „Sprache“, die vermuten läßt, daß auch die Lektoren neuerdings „Institute“ besuchen (oder gar nichts mehr tun außer roter Limonade zu trinken, Telephonhörer zu berühren und Geldscheine vom Balkon wehen zu lassen).
Hanna Lemke, 1981 geboren, hat vier Jahre lang (!) am „Deutschen Literaturinstitut Leipzig“ „studiert“, einer mittlerweile besonders notorischen Einrichtung, nach deren Absolvenz man offenbar nur in der Lage ist, Stilblüten abzusondern, als wär's ein Karneval: „Es war, als würden sie so tun, als seien sie erwachsen“ ist nur eines von vielen Beispielen, die schon nach ein paar Seiten die Vermutung nahelegen, das alles sei am Ende als Parodie gedacht auf die Instituts-„Literatur“, die aber wahrscheinlich nur derart zur Selbstparodie verkommen ist, daß sie und der ganze hohle Betrieb um sie herum es schon lange nicht mehr merken. „Erzählt“ wird in diesen Geschichten von pappkameradenhaften Protagonisten, die dies und das tun, während sie in einer weltlosen Welt herumtaumeln, die es gar nicht gibt und wo es nichts gibt, weil man das ja erst einmal erdenken, ersinnen und sprachlich fassen müßte. Wenn dann auch noch einer davon sagt: „Kannst du mich alleine lassen, bitte, kannst du mich bitte, bitte alleine lassen“, ist die Parodie bei der Carverei selbst angekommen (der erste Band der Werkausgabe hieß damals „Würdest Du bitte endlich still sein, bitte ...“), und bei „Und das Schlimme, also das wirklich Schlimme an dem Film war, es war ein totaler Kitsch“ ist weitgehend alles gesagt – den Film kennt man, ohne ihn je gesehen zu haben (es gibt ihn wohl auch nicht), das Buch, das da verfilmt wurde, mag man nicht noch ein fünfzigstes Mal aufblättern, mit wieder neuem Titel und neuem „Talent“-Photo auf der Klappe.
Wie ertragen diese Menschen dieses vollkommen leere Lesen, Schreiben, Lesen? fragt man sich kopfschüttelnd, legt das Zeug dann aber doch einfach weg, zieht ein altes, gutes Buch aus dem Regal und denkt, daß das alles wahrscheinlich irgendwann doch von selber wieder verschwinden wird, wenn es niemand mehr beachtet.

geschrieben am 18. Februar 2010 aus reiner Notwendigkeit, ohne Auftrag und Aussicht auf Veröffentlichung

Frisch gepreßt #358: Suede "Night Thoughts"


Ich weiß nicht, ob es für oder gegen die 90er oder für oder gegen die Zehner oder für oder gegen beide oder gegen die Wirksamkeit der dazwischenliegenden Nuller als Filter oder Damm oder Nährboden oder alles drei oder für gar nichts und gegen ebenso wenig spricht, jedenfalls: gehen die 90er einfach nicht weg. Oder vielleicht waren sie zwischendurch mal kurz draußen an der frischen Luft, das hat aber keiner bemerkt, weil wir so intensiv ins Gespräch oder den Sex oder irgendwas anderes vertieft waren?
Da sind sie jedenfalls, wieder, immer noch, wer weiß. Sicher ist: Wenn 1993 jemand gesagt hätte: „Wir werden auch in 23 Jahren hier sitzen und uns neue Alben von Skunk Anansie, Tortoise, den Tindersticks, Bonnie Prince Billy, Suede und meinetwegen Dream Theater und Terrorgruppe anhören, die genauso klingen und aussehen werden wie heute!“, dann hätten wir höchstens milde gelächelt, ihn getätschelt und ihm nötigenfalls etwas über den Fluß der Zeit, der Mode und der Entwicklung erzählt.
Und jetzt? Hätte der vermeintlich arme Irre in vielerlei oder fast jeder Hinsicht recht, und wir müssen wägen, ob das gut oder schlecht oder egal ist. Schlecht könnte sein, daß keine Zeit für neues Neues bleibt, wenn man sich mit neuem Alten beschäftigt, aber wer mag entscheiden, ob es das wert gewesen wäre? Gut andererseits ist, daß neues Altes Erinnerungen weckt und man was zu erzählen hat, von damals.
Suede: waren mal die größte Band der Welt, zwei Sommer und Winter und zwei titanische Alben lang, umflirrt von Chaos, Glamour, Sex, Drogen, Sensation und Aufruhr, von epischen Träumen, gebrochenen Herzen und der Vision einer anderen Welt, in der es den dumpfen Stumpfrock der Crossover-, Grunge- und Alternativewichte nie gegeben hatte, sondern Bowie, Roxy, Jobriath und Cockney Rebel den Staffelstab der Popmajestät nach einer kurzen Auffrischung durch Punk und New Wave direkt an Brett Anderson übergaben, der mit seiner antarktisch coolen Bande von genialen Outcasts von Tag eins an einen Ewigkeitshit nach dem anderen in die trostlosen Straßenschluchten der kapitalistischen Metropolen schoß.
Es folgte die Supernova mit dem dritten Album, das den zuvor mit Bernard Butler angehäuften Brennstoff an Wahnsinnsideen fast restlos abbrannte, und der erst taumelnde, dann katastrophische Sturz ins Nichts. Gut so, dachten wir damals, denn „Suede“ und „Dog Man Star“ werden für immer bleiben und nie ein Molekül an romantischer Größe, an melancholischer Wucht und Kraft verlieren (zumindest solange niemand „A New Morning“ auflegt). Eine Halbreunion als The Tears und nette Soloalben von Brett Anderson schmierten Balsam auf bisweilen aufreißende Narben, heilend war indes vor allem die reifende Einsicht, daß einmal Erlebtes eben für immer bleibt und gar nicht wiederhergestellt werden muß.
Aber schließlich: war der Kern von Suede (und, nicht zu vergessen, schon von Roxy Music) schon immer eine Art paralleluniversaler Nostalgie: die Sehnsucht nach Zeiten, die es (so) nie gegeben hatte. Wie überhaupt im Zentrum jeder wirklich guten Popmusik das schwarze Loch der jugendlichen Grunderfahrung schwärt: Vergeblichkeit. Drum kann man nicht anders, als „Night Thoughts“ hören zu müssen, in der zitternden Erwartung der herbeigesehnten Enttäuschung.
Und dann stellt man fest, daß die eher ideell ist, daß schon Songtitel wie „Pale Snow“, „Outsiders“ und „No Tomorrow“ im Herzen Saiten erklingen lassen, an die Richard Oakes mit seinen meinetwegen immer noch epigonalen, aber wirksamen Riffs nur sanft zu rühren braucht, die Brett Andersons nach wie vor grandiose Stimme und seine Melodiebögen fast zum Reißen spannt. Mag sein, daß der orchestrale Pomp dieses neuen Albums höchstens eine Reminiszenz an „Dog Man Star“ sein kann, es ist aber meilenweit „echter“ als der unentschlossene, nur teils inspirierte Aufguß von vor drei Jahren, und wahr ist auch, daß die Imitation einer Geste manchmal fast so schön sein kann wie die Geste selbst.
Geben wir uns also hin, eine wundervolle gute Dreiviertelstunde lang, und wenn der letzte Nachhall von „The Fur & The Feathers“ verklungen ist, dann ziehen wir die schweren Samtvorhänge wieder auf und erblicken vielleicht: eine neue Welt.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Freitag, 11. März 2016

Belästigungen 04/2016: Vernunft 2016: Wir stellen das Mühlrad verkehrt herum auf und reden dann mit dem Bach!

Jedes Jahr das gleiche blöde Ritual: Erst kommt irgendein Amt oder eine Behörde zu der Erkenntnis, daß die „Schere“ zwischen Arm und Reich im verflossenen Jahr mal wieder weiter aufgegangen ist und insgesamt immer mehr aufgeht. Die Regierung sagt dazu normalerweise nichts, höchstens daß sie sich bemühe, um was auch immer. Dann kommen die Leitmedien (SZ, FAZ etc.) daher und stellen fest, daß das schon seine Richtigkeit habe und nicht weiter schlimm sei, schließlich sei Deutschland im Durchschnitt recht wohlhabend und es gehe ja auch den Armen hier noch besser als anderswo.
Was wahrscheinlich stimmt, aber egal ist, weil man immer jemanden findet, dem es noch schlechter geht – notfalls sorgt man dafür selber, indem man mal wieder ein Land in die Steinzeit bombt, weil dort „der Terror“ haust. So oder so: gibt es genug anderes zu vermelden, was fürchterlich, erregend und schlimm ist und selbstverständlich keinesfalls etwas mit der Anhäufung von immer gigantischeren Reichtümern in den Klauen von immer weniger Erdbewohnern zu tun hat.
Zum Beispiel eine „Flüchtlingskatastrophe“, die darin besteht, daß Menschen auf dem Erdball, den sie bewohnen, auch nicht anders reagieren als zum Beispiel Mäuse und Schnecken in einem Garten: Wenn der allmächtige Gärtner auf die Idee kommt, alles, was an irgendwie Genießbarem in „seinem“ Garten sprießt und reift, in den Schuppen hineinzuraffen, obwohl er so viel niemals mampfen kann, dann muß er sich nicht wundern, wenn die Mäuse und Schnecken ihr Naturrecht selber in die Hand nehmen und irgendwie in den Schuppen hineinschlüpfen. Da hilft weder Gift noch Falle noch Stacheldraht, und wenn der Gärtner im Furor seines Haßneids das Zeug lieber vernichtet, als es dem Geziefer zu gönnen, dann haben wir eine Kreatur vor uns, die die Welt nicht versteht und der man deswegen auch keine Verfügungsgewalt darüber gewähren sollte.
Von der anderen Seite marschieren derweil die notorischen Sozialromantiker heran und bringen ihre gewohnten Vorschläge in Stellung: Der ganze Wahnsinn mit der ungerechten „Verteilung“ (ein typischer Euphemismus, der das Trugbild erzeugt, da stehe irgendwo ein lieber Gott mit unsichtbarer Hand herum, der die Früchte der gesamtgesellschaftlichen Arbeit verteilt und dem dabei halt ein bisserl das Augenmaß verrutscht ist) wäre ganz leicht zu beheben, indem man an ein paar „Stellschrauben“ dreht. So empfiehlt etwa der sicherlich ehrenwerte und wohlmeinende Heiner Flassbeck in seinem aktuellen Buch „Nur Deutschland kann den Euro retten“: „Die Herausforderung für Deutschland besteht darin, seine Unternehmen zur Rückkehr zu Bedingungen zu überreden, unter denen sie viel weniger verdienen und viel mehr investieren.“
Das klingt auf den ersten Blick vernünftig, o ja, weil die dahinterstehende Logik so logisch und verlockend ist: Wenn nur der Reiche etwas weniger schnell noch reicher (oder gar ein bißchen ärmer) wird, sei alles gut, weil eigentlich mögen wir uns ja allesamt und wollen letztlich nur in Harmonie gemeinsam wirtschaften und abends die Biergläser zusammenstoßen. Leider hat der gute Herr Flassbeck überhaupt gar nichts verstanden, und deshalb ist an seinem Satz rundweg alles falsch: „Die Herausforderung“ (als wäre die Herstellung gerechter Verhältnisse eine Disziplin der Bundesjugendspiele) „für Deutschland“ (als wäre der Rest der Welt davon nicht oder nicht in erster Linie betroffen) „besteht darin, seine Unternehmen“ (als wäre Deutschland – wer auch immer das im einzelnen sein sollte – eine Art Eigentümer globaler Konzerne) „zur Rückkehr“ (als hätte es das Paradies je gegeben) „zu Bedingungen“ (als könnte irgendwer außer dem Kapital selbst dem Kapital irgendwelche Bedingungen stellen oder auferlegen) „zu überreden“ (als könnte man mit Börsenkursen freundlich plaudern), „unter denen sie viel weniger verdienen (...)“ (was so absurd ist, daß sich jeder Kommentar erübrigt).
Ebensogut könnte man ein Mühlrad verkehrt herum in einen Bach hineinstellen und dann meinen, man bräuchte bloß dem Bach gut zureden, damit er andersherum fließt, und schwuppdiwupp verwandelt sich die Welt in eine Märchenidylle, in der Fuchs und Has und Kapital und Lumpenproletariat nach gemeinsamem Schaffen friedlich am Lagerfeuer sitzen. Ebenso sinnlos ist der immer wieder aufflackernde, scheinbar bescheidene Pseudozynismus, mit dem Leute wie Yanis Varoufakis und Oskar Lafontaine eine „Rettung des Kapitalismus“ herbeizuführen fordern, indem man Zustände, die unerträglich und unmenschlich sind, zumindest davor bewahrt, komplett zusammenzubrechen, weil sonst die Barbarei, die jetzt schon praktisch überall herrscht, angeblich erst so richtig ausbrechen täte.
Und das Kapital? Das sitzt derweil herum, wird immer fetter und fühlt sich auch nicht wohl. Es fühlt sich, so hört man, bedroht, allerdings selbstverständlich nicht von irgendwelchen Vermögens- oder „Reichen“-Steuern, gegen deren Einführung verläßlich die am lautesten plärren, die davon profitieren würden. Sondern vom Gegrummel seiner Opfer, die vielleicht eines baldigen Tages keine Opfer mehr sein mögen und dann eventuell am Watschenbaum rütteln könnten. Es lebt sich nicht sonderlich gemütlich in der Zweitausend-Zimmer-Villa, wenn draußen vor dem Elektrozaun die Verhungernden campieren.
Da ist es ganz natürlich, daß man den Abstand vergrößern möchte, und das geht (abgesehen von ein paar Panikern, die sich in letzter Zeit vermehrt entlegene Ländereien kaufen, um dort in Ruhe vegetieren zu können) dem Instinkt zufolge am besten, indem man noch reicher wird, um sozusagen den Berg, dessen steile Abhänge einen schützen, noch weiter aufzuschütten. So entstehen – zusätzlich befeuert durch Gier, Langeweile und das Wissen, daß es wurst ist, wenn das Geld „verbrennt“, weil eh noch zu viel davon übrig ist – schwindelerregend riskante Finanzmanöver wie die beliebten „Leerverkäufe“, die ungefähr so funktionieren: In einem Schaufenster hängt das Bild einer schönen Gitarre, die tausend Euro kosten soll. „Hör zu“, sagt ein schlauer Berater, „das Ding wird nächste Woche nur noch zehn Euro kosten! Wenn du jetzt hundert Stück davon verkaufst und sie erst nächste Woche bezahlst, nimmst du hunderttausend Euro ein und mußt nur tausend Euro zahlen!“
Ein Irrsinn, freilich. Einer von vielen, die natürlicherweise aus dem Boden schießen wie Schwammerl, wenn genug Geld, das niemand brauchen kann, auf Privatkonten herumliegt und schimmelt. Wer glaubt, solcher Irrsinn lasse sich mildern, eindämmen oder sänftigen, damit der „normale“ Irrsinn noch ein bisserl länger weitergehen kann, macht sich nicht unbedingt der Vernunft und Menschenfreundlichkeit verdächtig.
Manchmal ist das Akzeptieren von Unausweichlichkeiten der erste Schritt zur Einsicht, die irgendwann (fast) von selbst zur Überwindung führt. Möglicherweise.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Montag, 29. Februar 2016

Frisch gepreßt #357: David Bowie "Blackstar"


Oh, haben wir in letzter Zeit mal über David Bowie gesprochen? Eigentlich schade, denn es wurde in letzter Zeit wenig, dafür früher oft viel zu viel über David Bowie geredet, über den „Mann, der zu schön war“ (wie 1973 eine Zeitschrift namens „Pop“ schrieb und dem Autor dieser Zeiten selbigen Mann für alle Zeiten ins Hirn nagelte), viel zu vieles, was man glücklicherweise bald wieder vergaß, weil das Gedächtnis gnädig und die Welt zu groß ist, um alle Irrungen des Menschengeschlechts aufzubewahren.
Ein paar Erinnerungen indes sind doch geblieben: an das ungute Gefühl, das 1980 beim Hören von „Fashion“ aufkeimte und sich in den folgenden dreieinhalb Jahrzehnten immer aufs Neue bestätigte und erblühte – daß da was faul war, eine Kleinigkeit möglicherweise nur, ein Ausrutschen ins Gewöhnliche, wo ein David Bowie nicht hingehört und nie hingehören sollte. Die ganze Welt kaufte 1983 „Let’s Dance“ und ahnte nicht, wie schlimm das war, was für ein Sturz in den Abyss, welch ein Stolpern, Taumeln, trotziges Stammeln die folgenden Dekaden; erahnte Verschlimmerungen wie „Never Let Me Down“, grauses Entsetzen über „Tin Machine“, enttäuschte Hoffnungen zuhauf („Black Tie White Noise“, „Heathen“, „Earthling“), eine Biographie tapferer Versuche, sich an „1. Outside“ und „’Hours …’“ zu gewöhnen, „Reality“ mehr abzugewinnen als eine Klipfel-Dapfel-Geräuschtapete.
Bis dann endlich niemand mehr so richtig reden wollte. Gestehen wir, „The Next Day“ vor bald drei Jahren einen Nachmittag lang interessant und wichtig gefunden zu haben, bis zum zweiten Hören mit Wochen Abstand, das ein vorletztes blieb und nichts ergab als Stolpern, Taumeln, trotziges Stammeln. Hülsen von Songs, die keine werden wollten, im Regal verschwunden als weiteres Isoliermaterial um „Hunky Dory“, „Ziggy Stardust“, „Aladdin Sane“, „Diamond Dogs“, „Young Americans“, „Station To Station“, „Low“, „’Heroes’“, „Lodger“, den Kern eines Werks, das letztlich nur aus diesem Kern besteht.
Egal, dahin, vergessen und verweht.
Im späten Herbst 2015 dann registrierte man verwundert einen fast zehnminütigen … sagen wir: Track, in dessen Verlauf unter anderem Rod Stewarts „I Was Only Joking“ zu einem schmelzenden Brei dissolvierter Melodiefetzen zerfällt, Saxophone meditieren, etwas klopft und ein frei im weiten Weltall schwebender Mann von einer einsamen Kerze träumt. Sehr eigentümlich, das alles, eine Mischung aus modalem Jazz, verwegener Elektronik und mancherlei Zutaten, die schlimme Befürchtungen wecken. Seltsam aber, wie angenehm das zu hören war. Und ist, noch seltsamer.
Gerühmt und gelobt wurde jedoch vor allem der Wagemut, die Vielzahl der Anspielungen, die Entfernung vom Gewohnten, und das kennen wir, haben wir bei und mit David Bowie häufiger erlebt als bei jedem anderen Künstler dieser Welt. Drum Warten und Bangen, was folgt. Das ist: „’Tis A Pity She Was A Whore“, ein schon 2014 als B-Seite veröffentlichter, relativ wenig sagender Cocktail aus 80er-Gerappel, einer hübschen Leitmelodie und genüßlichem Zerfräsen von Erwartungen, der auf jedem der erwähnten späteren Alben dank dem famos und triumphal selbstquälerischen Saxophonsolo von Donny McCaslin ein Glanzlicht, ansonsten aber nicht viel gewesen wäre. Die schwermütige Meditation „Lazarus“ ändert das Licht zu samtigem Graubraun, und da läßt man sich fallen, sinken, los, während Ben Monders brachiale Gitarrenriffs durch die Kulisse brechen wie Fäuste aus einer anderen Dimension. „I’ve got nothing left to lose“, singt dazu ein desillusionierter Mann, der mit diesem Album 69 wird und offenbar weiß, daß alle Träume Brücken in ein verlebtes Einst sind.
Das könnte schon genügen; diese sechseinhalb Minuten reichen aus, um „Blackstar“ sehr nah an den erwähnten Kern zu rücken. Daß das 2014 schon als Single erfolglose „Sue (Or In A Season Of Crime)“ ein verunglückter Hardrock-Jazz-Bastard ist, in dem David Bowie herumirrt wie ein elektrogeschockter Affe, schreibt man dem experimentellen Charakter des Unternehmens zu, der immerhin für ein furioses Finale sorgt. Auch „Girl Loves Me“ kündigt mehr an, als es halten kann, wirkt aber auf verwirrende Weise faszinierend. Wem nun der Mut sinkt, der lasse sich von dem wundervoll elegisch ausfransenden „Dollar Days“ und einem wiederum grandiosen Saxsolo fangen, tragen und trösten, ehe „I Can’t Give Everything Away“ mit Anti-Tanz-Elektrorhythmen und Synthflächen noch mal zaghaft die frühen 90er streift, die Türe schließt und vielleicht neue öffnet.
Wagen wir diesmal besser keine Prognose, nur eine Kurzbilanz: zwei Einträge ins Best-of-Register, einiges Füllmaterial für popüberdrüssige Schreiber und manches, was wachsen könnte. Das wird der Frühling weisen, dieser oder ein anderer.

(Anmerkung: Dieser Text entstand sechs Tage vor David Bowies Tod und erscheint hier aus Gründen der historisch-atmosphärischen Stimmigkeit ohne jede Nachbearbeitung.)

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Belästigungen 03/2016: Vom Nachbarn und vom Furor des Vorfrühlings (bitte keinen Zusammenhang suchen!)

Wer braucht eigentlich Nachbarn? Nachbarn sind das allerletzte! Kaum will man schlafen, veranstalten sie Tischtennisturniere und Blockflötenkonzerte oder greifen zum Preßlufthammer, um Mauern einzureißen. Wenn man andererseits mal Gäste bewirten muß, weil aufgrund der unmenschlichen Münchner Sperrstundenregelungen noch keine Kneipe aufhat, oder das Schaffen von Miles Davis in den siebziger Jahren einer Neubewertung zu unterziehen trachtet, hämmern sie mit Besen gegen die Wände, um eine angebliche Belästigung anzuprangern.
In sämtlichen Ecken und Winkeln der Wohnung stapeln sich ihre verpackten Konsumgüter, die sie vor Jahren bestellt und offenbar doch nicht so dringend gebraucht haben. Aber kaum erwartet man selbst ein lebensnotwendig dringendes Paket und muß fünf Minuten aus dem Haus und der listige Bote hat mal wieder an der nächsten Ecke gelauert und rumpelt genau in diesen fünf Minuten daher, dann ist keiner da, weil die Kerle angeblich arbeiten oder sonst was müssen. Wo sie doch ganz offenbar den ganzen Tag nichts anderes tun als Würste und andere Scheußlichkeiten in Pfannen zu verbrennen, um das Treppenhaus zu verpesten.
Aber das sind ja nur alltägliche Kleinigkeiten! Wenn Nachbarn durch eine unglückliche Wendung der kapitalistischen Erbmechanismen in den Besitz von Geld geraten, hängen sie einem Balkone übers Fenster oder kaufen sich einen Porsche, um zu Zeiten, in denen vernünftige Menschen die Zumutungen des Alltags in Träumen verarbeiten, durch die Hofeinfahrten zu brettern und die Terrormotoren knattern zu lassen, daß der Putz rieselt und die Vögel aus den Bäumen fallen. Steht ihnen Grünland zur Verfügung, pflanzen sie Koniferen, Thujen und anderes Nadelgestrüpp, durch das kein winziges Sonnenstrählchen mehr dringt, und wenn sie ein ganzes Land ihr eigen nennen, dann kommen sie irgendwann auf die Idee, irgendwo einzumarschieren und irgendwas zu annektieren.
Im Extremfall. Normalerweise ist es die naturgegebene Aufgabe des Nachbarn, sich zu beschweren und einzumischen. Zum Beispiel dann, wenn man Sachen aus dem Fenster schmeißt, was ebenso natürlicherweise hin und wieder sein muß, weil einem sonst der Kragen platzt und ein Magengeschwür wächst. Das gilt insbesondere zu jener seltsamen Jahreszeit, die eventuell Vorfrühling heißt und unter den Bedingungen der Erderwärmung ungefähr eine bis zwei Wochen nach dem Ende des Spätherbstes (Weihnachten) eintritt: Da strahlt die Sonne, bläut die Luft, zwitschern die Vögel, und der Mensch entsteigt seinem Winterlager, um Vorbereitungen zu treffen, die für eine ordnungsgemäße Durchführung des Frühlings nötig sind.
Dazu gehört, die seit den Neunzigern nicht mehr entstaubte Wohnung „auf Vordermann“ zu bringen, in deren versteckten, selten bis nie beachteten Schränken und anderen Lagerstätten Stapel von Studienunterlagen, Gerichtsurteilen, Zeitungsausschnitten und anderem Zeug, das man „irgendwann noch mal durchschauen“ wollte (und im Grunde will) langsam zusammensinken und dabei hin und wieder einen der Silberfische plätten, die durch ihr Fraßwerk das Zusammensinken bewirken. Weil man beschließt, daß einem das Zeug nun wirklich endgültig nichts mehr sagt (zwanzigseitige Scheidungsurteile? mit unentzifferbar wirren, verblaßten Graphiken gefüllte Zettel mit Aufschriften wie „Segmentierungsvorschlag zur erzählten Zeit des Erzählers“?), füllt sich zunächst die Altpapiertonne (Nachbar: „Da müssen Sie aber schon die Klammern entfernen, oder sind die aus Papier, hm?“). Weil man grad dabei ist, gefällt einem das mit großteils photokopierter Literatur zur deutschen Geschichte der Jahre 843 bis 1970 gefüllte und ungefähr gleichzeitig mit gewissen Banken in Schieflage geratene Regal auch nicht mehr recht. Also baut man es ab, wodurch der Raum aus dem optischen Gleichgewicht gerät, weshalb die übrigen Regale folgen, bei deren Entfernung man faustgroße Löcher in den Putz reißt. Man schleppt in Staubwolken Halden von Büchern in andere Zimmer, wickelt sich in Spinnweben und unklar gepolte Elektrokabel, kratzt Tapetenreste ab, stolpert über Farbkübel und Klappleitern. Und spätestens beim Versuch, nach dem Neuanstrich der Zimmerwände und des Bodens und der Decke die Regale wieder aufzubauen, kommt das Fenster zum Zug, wenn nämlich die Kreuzschlitze der zehnten Kreuzschlitzschraube sich erneut in ein kreisrundes Loch verwandeln und man die Konstruktion mit der linken Hand nicht mehr halten kann, weil einem der Bohrschrauber aus der rechten fällt und unter Mitnahme von Kaffeetasse und Aschenbecher in die zu ihrem eigenen Schutz neben dem Arbeitsplatz gestapelten Spiegel und Bilderrahmen kracht.
Dann heißt es: Fenster auf und hinaus mit dem Zeug! Das Werkzeug zuerst, dann die Scherben und endlich die Malefizregalbretter! Schreitet der Nachbar nicht rechtzeitig ein, dürfen auch die Bücher folgen, weil einen unter anderem der Investiturstreit und die Geschichte des Trinitarierordens sowieso nie mehr interessieren werden und die Dinger dermaßen undankbar und schadenfroh grinsen.
Irgendwann ist die Wohnung dann so weit verwüstet, daß man sie verlassen muß, weil sowieso gerade die Sonne ums Hauseck bricht und die zugestaubten Lungen nach Frischluft krähen. Man steigt aufs Radl und stellt nach vier Metern Fahrt fest, daß der hintere Reifen ebenfalls nach Frischluft kräht oder vielmehr gekräht hat, weil er jetzt nicht mehr krähen, sondern nur noch auf der Felge übers Pflaster scheppern kann.
Was sich anschließend abspielt, ist in zivilisierten Worten kaum zu beschreiben. Fassen wir es sinngemäß zusammen: Wie gut, Herr Nachbar, daß man Fahrräder nicht aus dem Fenster schmeißen kann, weil das zunächst erfordert, sie in die Wohnung zu schleppen, was eine solche Anstrengung ist, daß einem dabei die Wut verpufft. Und falls man's doch schafft und noch genug Restzorn übrig ist, läuft man sperrigkeitsbedingt Gefahr, versehentlich das Fenster gleich mit aus dem Fenster zu schmeißen, und das wäre dann doch zu folgenreich.
Zumal nächste oder übernächste Woche möglicherweise der Nachwinter daherkommt. Da ist ein Fenster schon ganz hübsch, wenn man gemütlich neben dem Ofen in den Trümmern sitzt und Pläne für die Neugestaltung der Wohnung schmiedet, während draußen – möglicherweise, wer weiß! – der Hinterreifen wieder heilt.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Samstag, 13. Februar 2016

Frisch gepreßt #356: Diverse Interpreten "Für Hilde"


Es ist schon schwierig mit den Deutschen. Setzt man an einem imaginären Cafétisch Marilyn Monroe und Hildegard Knef nebeneinander, wird man ahnen, was ich meine. Dabei hätten (und haben) sich die beiden möglicherweise gut verstanden; schließlich ist Filmen eine höchst episodische, ganz normale Tätigkeit: Man wartet, stellt sich unter Lampen vor eine Kamera, führt ein paar Sekunden lang Bewegungen und Sprechakte durch, wartet wieder. Leider umwolkt das Berufsfeld ein diffuser Nebel aus Mystifizierung und Mythisierung, der dazu führt, daß man die Darsteller mit den Dargestellten mindestens ideell identifiziert und diese dem Strudel der Nimbusbildung im Zweifelsfall selber auf den Leim gehen.
Unsere beiden waren fast gleich alt (die Knef ein halbes Jahr älter), und zieht man die nationalen Differenzen ab, verlief ihre frühe Karriere sehr ähnlich. Allerdings: die nationalen Differenzen, eben: Dort ein mythologisches Selfmade-Amerika, in dem eine uneheliche Halbwaise nach einer katastrophalen Jugend via „Entdeckung“ (in einer Rüstungsfabrik) als Animations-Model für Kriegspropaganda mit 20 „Nachwuchsschauspielerin“ wird. Hier ein mit der Zerstörung von ganz Europa beschäftigtes deutsches Reich, in dem die mittelständische Tochter eines an Syphilis verstorbenen Kaufmanns noch in den letzten Kriegsjahren zur Schauspielerin ausgebildet wird, in Filmen auftritt, die niemand sehen kann, über Kabarett und Theater in den ersten Nachkriegs-Kinohit gerät („Die Mörder sind unter uns“, 1946). 1948 sitzen beide mit Verträgen in Hollywood fest: Monroe darf für wenig Geld wenigstens ab und zu als Kleindarstellerin auftreten, Knef kriegt jede Woche einen hübschen Scheck, aber keine Rollen.
Dann kam hier „Die Sünderin“, der Skandalfilm des Jahres 1951, dort „All ABout Eve“ und der Rummel um ein Nacktfoto – plötzlich waren beide Stars und bei derselben Firma unter Vertrag, drückten ihre Hände und Füße in den Zement vor Grauman's Chinese Theatre und traten auch als Sängerinnen hervor: „Diamonds Are A Girl's Best Friend“ versus „Ein Herz ist zu verschenken“.
Und damit trennen sich die Wege. Glamour, Selbststilisierung, Weltruhm, Overkill und früher Tod dort, Kunst bis Gekünstel, geplatzte Verträge, Verzettelung im Mittelmaß, Flops und privater Wirrwarr hier. Als Monroe tot war, wurde Knef zur Starsängerin, deren unverwechselbare Mischung als Bräsigkeit und Bratzigkeit, aus unbeholfener Verletzlichkeit und hölzernem Grobgefühl, aus trampeliger Pampigkeit, ironisiertem Schnodder, Rauchschärfe, Stolpermelodien und splitterndem Charme sie als fast konkurrenzlose Regentin in dem merkwürdigen Genre des teutonischen Chansons von 1963 bis 1970 ungeheure Erfolge feiern ließ. Danach wurde die „beste Sängerin ohne Stimme“ (Ella Fitzgerald) als autobiografische Buchautorin noch berühmter, stürzte sich in Klein- bis Großkriege gegen Boulevardmedien und Exehemänner und floh als ungeschickt geliftete Skandalnudel nach Los Angeles, wo man sie dann relativ schnell vergaß, trotz oder wegen Kurzzeit-Comebacks mit Extrabreit (1992) und Till Brönner (1999), die vor allem die Bandbreite ihres Mangels an Fingerspitzengefühl dokumentierten. 2002 war die lange Reise zu Ende.
Ohne Zweifel: ein Jahrhundertleben, Stoff für tausend Geschichten und eine nicht geringe Zahl bemerkenswerter Lieder, die man zum 90. Geburtstag gerne mal wieder neu interpretieren darf. Nachdem „Ihre Lieder sind anders“ 2005 (u. a. mit Tom Liwa, Stereo Total und Paula) die abseitigeren Facetten des Knefschen Werks erkundete, ist diesmal mit Mark Forster, Fanta 4, Samy Deluxe, Miss Platnum, Clueso und dem unverweidlichen Bela B. eher der Mainstream dran. Das ist weniger spannend, trotzdem über weite Strecken zumindest interessant und auf seine Weise ja auch eine Art Indiz für die Zeiten und wie sie sich ändern (und in anderer Hinsicht immer gleich bleiben).

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.