Dienstag, 6. März 2018
Frisch gepreßt #406: Eminem "Revival"
Wie lange kann man leben, wenn man nicht schläft? 264 Stunden, sagt Randy Gardner, der das 1965 ausprobiert hat und immer noch lebt.
B. kann in den Wochen vor Weihnachten nie schlafen, sagt sie. Es treibt sie zu vieles um, vom Zustand ihrer Familie bis zum Zustand der Welt: Da erkennt sie Dinge, die andere nicht erkennen, während die Dinge, die andere erkennen, ihr unverständlich bleiben. Das dreht sich in ihrem Kopf, von dem sie vor allem in den frühesten Morgenstunden bisweilen befürchtet, er sei die Kugelachse des Universums.
Zu solchen Zeiten besucht B. gerne fremde Küchen, in denen sie dann sozusagen symbolisch den Tisch freiräumt und raucht, bis der Aschenbecher einem jüngst erloschenen Vulkan in Modelleisenbahnausgabe ähnelt. Ihr anheimelnd melancholischer, phasenweise zornig schwellender, dann wieder ästelnd mäandrierender Redefluß erscheint dem Zuhörer manchmal wie Musik, vor allem wenn die Dezembersonne erste milchig verwaschene Strahlen ins dunstige Gespinst vor dem bald strahlenden Blau wirft und die Stöckelschuhe der Nachbarin einen indiskreten, vom Ziegelkern der Küchenwand mit Baßfrequenzen unterfütterten Beat stöckeln.
Dann erinnert mich B. auch mal an Eminem. Sie spricht von der Wiederkehr des immer gleichen, periodisch wie die Gedanken und Anwallungen der Vorweihnachtszeit, wie die Muster von Nähe und Flucht in verflossenen Beziehungsversuchen, und wenn ihr das zu banal wird, wagt sie einen linden Witz: „Ich kann auf dem Wasser gehen“, sagt sie, „aber ich bin nicht Jesus, nur eine unbegabte Schlittschuhläuferin.“
Das sagt Eminem auch, der auf seinem neunten Album noch so einiges sagt, was man erst beim dritten, fünften, neunten Hören akustisch versteht, weil er noch schneller redet als B. (die nun versonnen dem Ausdruckstanz ihres Zigarettenrauchs folgt) und man immer wieder beim zweiten Reim die Bremse ziehen und denken muß, wodurch der Rest der Strophe davonrauscht und verschwindet wie ein verpaßter Zug auf einem winterlichen Kleinbahnhof: „I walk on water but I ain't no Jesus / I walk on water but only if it freezes.“ Aber nein, er sagt es gar nicht, sondern läßt es Beyoncé sagen, einen von vielen Gästen (Phresher, Ed Sheeran, Pink, X Ambassadors … you name 'em) auf der Platte, die also ein „Revival“ sein soll, das gefühlt sechzehnte, gemeint erste, was ein so naheliegender Anlaß für journalistische Häme ist, daß man ihn besser nicht unbesehen aufgreift: „Das Wort bedeutet nicht Rückkehr oder Comeback“, sagt B., „sondern Erweckung oder Wiederbelebung. Was man erweckt, kehrt nicht zurück, es war immer da.“
Klar, da steckt ein System drin: „Encore“ (Zugabe), „Relapse“ (Rückfall), „Recovery“ (Erholung), dazwischen per Compilation ein „Curtain Call“ (Schlußverbeugung) und ein „Re-Up“ (Verlängerung) … seit vierzehn Jahren eine einzige Wiederkehr von etwas, was scheinbar nie weg war oder immer schon ist. Dazu zählt auch das Gemecker der Kritiker, auch das Anknüpfen: Rick Rubin und Dr. Dre sind als Produzenten dabei, das Haar ist wieder blond(iert), und mit „Like Home“ (mit Alicia Keys) mutiert Eminem zu einer Art spätem Robbie Williams des Oldschool-Rap. Wie's weitergeht, ist absehbar und trotzdem neu, das macht übrigens auch den Reiz spätnächtlicher (Vor)weihnachtserzählungen aus.
B. hat alle denkbaren Mittel probiert, ihre Schlaflosigkeit zu vertreiben oder wenigstens zu dämpfen. Ganz daneben ging der Versuch mit der Medientherapie: Nach drei Tagen Fernsehen, Radio und Zeitung hatte sie das Gefühl, in einen Wahnkäfig gesperrt zu sein, in dem die ganze Welt eine flache Projektion ist, die nur aus Wirtschaft, Börse, Terror und Trump besteht. Nun, mit Eminem, hat sie einen Weg gefunden: Aus dem Dickicht der Worte führt nur eine Machete aus Worten; so hebt sich alles auf, und im Kopf entsteht ein Gleichgewicht aus Sinn und Stille, aus dem wir morgen nachmittag erwachen werden, in eine Gegenwart, in der jeder Zustand eine Wiederkehr und zugleich alles leer, neu und Licht ist.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Samstag, 3. März 2018
Belästigungen 1/2018: Wer die Krone der Schöpfung und wer an allem Unheil schuld ist
Früher lernte man in der Schule, der Mensch sei die Krone der Schöpfung. Was vielleicht gar nicht so falsch ist, wenn man genauer drüber nachdenkt: Kronen sind (von Bäumen mal abgesehen) meist ziemlich protzige, nutzlose, unförmige, sauschwere und unbequeme Dinger, die man (also: die Schöpfung) kurz mal zum Repräsentieren aufsetzt, wenn's unbedingt sein muß, und dann wieder wegräumt. Anfangen kann man sonst nichts damit, im Gegensatz zu Schuhen, Hosen, Hemden, Mützen, Pullovern, Jacken, Mänteln, Handschuhen, Brillen, Socken, Kopfhörern, T-Shirts, Unterhosen, Schals, Taschen und dem ganzen anderen Zeug, das man noch so tragen kann.
Wenn also ein vorwitziger Mensch einer Stubenfliege zu verstehen gibt, er sei übrigens die Krone, sie hingegen höchstens das Hühneraugenpflaster oder das Klopapier der Schöpfung, weshalb er Respekt und das Vorrecht verdiene, selbige Schöpfung in die Mülltonne zu hauen, wie und wann es ihm beliebe, dann sieht er das eventuell falsch. Sogar ein besonders eitler und eingebildeter Kaiser – sagen wir mal: Idi Amin oder Ludwig der Vierzehnte – hätte im Zweifelsfall mit Sicherheit lieber auf seine Krone verzichtet als auf das schmerzlindernde Pflaster. Für dreilagiges Klopapier hätte er wahrscheinlich sogar noch sein Szepter und sonstigen Klunkerklimbim hingegeben, und selbst wenn es bloß ums Schmücken gegangen wäre, hätte er sich garantiert lieber ein paar Schmetterlinge aufs Haupt gesetzt als einen beliebigen Menschen. Der Schöpfung wird es da nicht anders gehen: Auch die trägt mit hoher Wahrscheinlichkeit lieber Blumen und Pfauenaugen auf dem Schädel spazieren als, sagen wir mal, Christian Lindner oder Donald Trump.
Aber abgesehen davon: Daß je eine Krone auf die Idee gekommen wäre, sich den von ihr bekrönten Herrscher untertan zu machen, wie sich das der Mensch der Schöpfung gegenüber anmaßt, ist historisch nirgendwo belegt. Die Aufgabe einer Krone ist, wie gesagt, klumpig und klobig in Vitrinen herumzuliegen und einen fiktiven Wert zu repräsentieren, der eigentlich gar keiner ist, weil: Wenn die Nachfrage nach Kronen gegen null geht, werdet ihr feststellen, daß man Gold, Rubin und Smaragd nicht essen kann!
Und sowieso ist das mit dem Untertanmachen eine Wahnvorstellung. Seit Jahrzehntausenden ist der Mensch in Wirklichkeit macht- und willenloser Untertan zum Beispiel diverser Getreidepflanzen und wimmelnder Völker von Viren, die ihn drillen und dressieren, durch ihn florieren, sich verbreiten, die Welt erobern und noch nie daran gedacht haben, „demokratische Wahlen“ zu veranstalten. Und statt sich allmählich von der Gewaltherrschaft zu emanzipieren, hat sich der Mensch in den letzten Jahrzehnten auch noch dem Auto, der Maschine, dem Geldwachstum und dem Computer unterworfen und fungiert als deren devoter Sklave, kredenzt ihnen das einzige, was er an weltlichem Besitz tatsächlich hat (Lebenszeit), und fühlt sich, wenn er zwischendurch erschöpft aufs Lager sinkt, auch noch irgendwie „zufrieden“ und täte gerne noch mehr Sklavenarbeit ohne Gegenleistung verrichten. Zu behaupten, Autos, Geld und Smartphones seien „Mittel zum Zweck“, ist ungefähr so stichhaltig wie die Meinung eines Schwerstalkoholikers, er trinke nur hin und wieder ein Schnäpschen, weil das die Verdauung fördere.
Der Mensch, fassen wir zusammen, ist weder die Krone noch der Herrscher, sondern der leibeigene Lakai der Schöpfung (und zwar zum größten Teil seiner eigenen), und er hat im Laufe der Evolution ein solches Talent entwickelt, sich ohne jeden Widerspruch zu unterwerfen und ausbeuten zu lassen, daß er sein elendes Sklavendasein notfalls lieber mit Atombomben verteidigen würde als es aufzugeben.
Manchmal allerdings gerät der größtenteils perfekt ablaufende Prozeß, mit dem der Mensch auf lange Sicht seine Selbstauslöschung betreibt und die Übergabe der Welt an autonome Autos und Maschinen einleitet, ein bißchen ins Stocken. Da flammt plötzlich irgendwo ein Revolutiönchen oder ein Widerständchen gegen einen faschistischen Putsch auf, bricht eine Epidemie aus, tragen renitente Störenfriede Spruchtafeln durch ansonsten blitzsaubere Stadtmaschinen, mäkeln Miesmacher am Kapitalismus herum, brechen Börsenkurse ein, verweigert ein sturköpfiges Gallierdorf die Unterwerfung, geraten Banken in Schieflage, rumpelt ein stromlinienunförmiger Trottel in ein Weißes Haus hinein und bringt alles durcheinander, kommen verräterische Mails, Dokumente und Paradiespapiere „ans Tageslicht“ – lauter unerfreuliche Störungen. Die muß man irgendwie erklären, bevor das Menschenmaterial insgesamt unruhig wird, gefährliche Fragen stellt und zu zweifeln beginnt.
Lustigerweise greifen die Verwalter und Moderatoren des Prozesses dabei auf ein Erläuterungsmuster zurück, das ziemlich genau der Wahrheit entspricht: Der Mensch, betonen sie, sei nicht autonom, selbstbestimmt, Herr des eigenen Willens und der Schöpfung, sondern ein willenloser Sklave. Allerdings beherrschen ihn weder Autos, Maschinen, Smartphones noch Viren, Getreide, Suchtmittel und schon gar nicht das Kapital und die mächtigste Manipulations- und Verblödungsmaschinerie, die das Universum seit dem Urknall gesehen hat, sondern: russische Hacker!
Die nämlich haben Hillary Clinton sabotiert, Trump ins Amt gehievt, den Brexit herbeigeführt, in Banken und Börsen herumgewurstelt, Katalonien und Simbabwe aufmüpfig gemacht usw. usf., und wenn sich unsere Geheimdienste und Medien nicht unter Aufbietung ihrer gesamten Kräfte gegen den Sturm aus dem Osten stemmen täten, hätte der uns längst überschwemmt, und es wäre … was noch mal genau Schlimmes passiert? Nichts?
Nein, ganz und gar nicht nichts: Das Geld, das wir erarbeiten und an die Ein-Prozent-Klasse der Fettmutanten abtreten müssen, flösse dann möglicherweise nicht mehr auf transatlantische, sondern auf russische (und neuerdings chinesische) Privat- und Schwarzkonten. Was denen, die die Milliardäre dieser Welt mästen, selbstverständlich keinesfalls egal sein darf! Die müssen angesichts derartiger Bedrohungen „überlegen“, ob sie „dafür aufgestellt sind, um diese Bedrohungspotentiale auszugleichen und abschrecken zu können“! „Die Politik“ müsse unbedingt entscheiden, „ob die eigenen Wehr- und Rüstungsfähigkeiten ausreichen“!
Der Kerl, der derartigen Giftmüll in Mikrophone bellte, hieß übrigens weder Goebbels noch Hitler, sondern heißt immer noch Kahl und amtiert als (selbstverständlich nicht gewählter) „Präsident“ des „Bundesnachrichtendienstes“. Der Nachrichtendienst, der seinen Schwachsinnsschwall unredigiert und unkorrigiert (da darf auch der fiese Chinese „ganz neue Seiten“ aufziehen), dafür mit einer Zusatzportion Alarmismus in die Welt hinauspumpte, ist jeglicher Unterwanderung durch nichtrussophobe Quertreiber unverdächtig, wird von manchen für eine „seriöse“ Tageszeitung gehalten und verräumte den Quatsch deswegen auch nicht irgendwo zwischen Promigebrabbel, Horoskop und TV-Programm, sondern auf der Titelseite.
Weshalb, ist klar: Nachdem der hoffnungslos unterlegene Russe mittlerweile gesamteuropäisch in Steinwurfweite von NATO-Truppen umzingelt ist, die immer monströsere Vernichtungssimulationen („Manöver“) an seinen Grenzen veranstalten, und sich trotzdem immer noch nicht in die Knie zwingen lassen mag, muß demnächst mal wieder richtig geschossen werden.
Und da fällt uns auf, daß wir die wahre „Krone der Schöpfung“, der in der Tat die gesamte Welt auf Verderb statt Gedeih unterworfen ist, vergessen haben: die Waffe. Auch die ist eine Schöpfung des Menschen, aber wenn sie ihn demnächst von der Oberfläche des Planeten tilgt und damit nebenbei auch sämtliche Börsenkurse und Zeitungsabonnements endgültig löscht, wird er sich auf russische Hacker nicht mehr hinausreden können.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Wenn also ein vorwitziger Mensch einer Stubenfliege zu verstehen gibt, er sei übrigens die Krone, sie hingegen höchstens das Hühneraugenpflaster oder das Klopapier der Schöpfung, weshalb er Respekt und das Vorrecht verdiene, selbige Schöpfung in die Mülltonne zu hauen, wie und wann es ihm beliebe, dann sieht er das eventuell falsch. Sogar ein besonders eitler und eingebildeter Kaiser – sagen wir mal: Idi Amin oder Ludwig der Vierzehnte – hätte im Zweifelsfall mit Sicherheit lieber auf seine Krone verzichtet als auf das schmerzlindernde Pflaster. Für dreilagiges Klopapier hätte er wahrscheinlich sogar noch sein Szepter und sonstigen Klunkerklimbim hingegeben, und selbst wenn es bloß ums Schmücken gegangen wäre, hätte er sich garantiert lieber ein paar Schmetterlinge aufs Haupt gesetzt als einen beliebigen Menschen. Der Schöpfung wird es da nicht anders gehen: Auch die trägt mit hoher Wahrscheinlichkeit lieber Blumen und Pfauenaugen auf dem Schädel spazieren als, sagen wir mal, Christian Lindner oder Donald Trump.
Aber abgesehen davon: Daß je eine Krone auf die Idee gekommen wäre, sich den von ihr bekrönten Herrscher untertan zu machen, wie sich das der Mensch der Schöpfung gegenüber anmaßt, ist historisch nirgendwo belegt. Die Aufgabe einer Krone ist, wie gesagt, klumpig und klobig in Vitrinen herumzuliegen und einen fiktiven Wert zu repräsentieren, der eigentlich gar keiner ist, weil: Wenn die Nachfrage nach Kronen gegen null geht, werdet ihr feststellen, daß man Gold, Rubin und Smaragd nicht essen kann!
Und sowieso ist das mit dem Untertanmachen eine Wahnvorstellung. Seit Jahrzehntausenden ist der Mensch in Wirklichkeit macht- und willenloser Untertan zum Beispiel diverser Getreidepflanzen und wimmelnder Völker von Viren, die ihn drillen und dressieren, durch ihn florieren, sich verbreiten, die Welt erobern und noch nie daran gedacht haben, „demokratische Wahlen“ zu veranstalten. Und statt sich allmählich von der Gewaltherrschaft zu emanzipieren, hat sich der Mensch in den letzten Jahrzehnten auch noch dem Auto, der Maschine, dem Geldwachstum und dem Computer unterworfen und fungiert als deren devoter Sklave, kredenzt ihnen das einzige, was er an weltlichem Besitz tatsächlich hat (Lebenszeit), und fühlt sich, wenn er zwischendurch erschöpft aufs Lager sinkt, auch noch irgendwie „zufrieden“ und täte gerne noch mehr Sklavenarbeit ohne Gegenleistung verrichten. Zu behaupten, Autos, Geld und Smartphones seien „Mittel zum Zweck“, ist ungefähr so stichhaltig wie die Meinung eines Schwerstalkoholikers, er trinke nur hin und wieder ein Schnäpschen, weil das die Verdauung fördere.
Der Mensch, fassen wir zusammen, ist weder die Krone noch der Herrscher, sondern der leibeigene Lakai der Schöpfung (und zwar zum größten Teil seiner eigenen), und er hat im Laufe der Evolution ein solches Talent entwickelt, sich ohne jeden Widerspruch zu unterwerfen und ausbeuten zu lassen, daß er sein elendes Sklavendasein notfalls lieber mit Atombomben verteidigen würde als es aufzugeben.
Manchmal allerdings gerät der größtenteils perfekt ablaufende Prozeß, mit dem der Mensch auf lange Sicht seine Selbstauslöschung betreibt und die Übergabe der Welt an autonome Autos und Maschinen einleitet, ein bißchen ins Stocken. Da flammt plötzlich irgendwo ein Revolutiönchen oder ein Widerständchen gegen einen faschistischen Putsch auf, bricht eine Epidemie aus, tragen renitente Störenfriede Spruchtafeln durch ansonsten blitzsaubere Stadtmaschinen, mäkeln Miesmacher am Kapitalismus herum, brechen Börsenkurse ein, verweigert ein sturköpfiges Gallierdorf die Unterwerfung, geraten Banken in Schieflage, rumpelt ein stromlinienunförmiger Trottel in ein Weißes Haus hinein und bringt alles durcheinander, kommen verräterische Mails, Dokumente und Paradiespapiere „ans Tageslicht“ – lauter unerfreuliche Störungen. Die muß man irgendwie erklären, bevor das Menschenmaterial insgesamt unruhig wird, gefährliche Fragen stellt und zu zweifeln beginnt.
Lustigerweise greifen die Verwalter und Moderatoren des Prozesses dabei auf ein Erläuterungsmuster zurück, das ziemlich genau der Wahrheit entspricht: Der Mensch, betonen sie, sei nicht autonom, selbstbestimmt, Herr des eigenen Willens und der Schöpfung, sondern ein willenloser Sklave. Allerdings beherrschen ihn weder Autos, Maschinen, Smartphones noch Viren, Getreide, Suchtmittel und schon gar nicht das Kapital und die mächtigste Manipulations- und Verblödungsmaschinerie, die das Universum seit dem Urknall gesehen hat, sondern: russische Hacker!
Die nämlich haben Hillary Clinton sabotiert, Trump ins Amt gehievt, den Brexit herbeigeführt, in Banken und Börsen herumgewurstelt, Katalonien und Simbabwe aufmüpfig gemacht usw. usf., und wenn sich unsere Geheimdienste und Medien nicht unter Aufbietung ihrer gesamten Kräfte gegen den Sturm aus dem Osten stemmen täten, hätte der uns längst überschwemmt, und es wäre … was noch mal genau Schlimmes passiert? Nichts?
Nein, ganz und gar nicht nichts: Das Geld, das wir erarbeiten und an die Ein-Prozent-Klasse der Fettmutanten abtreten müssen, flösse dann möglicherweise nicht mehr auf transatlantische, sondern auf russische (und neuerdings chinesische) Privat- und Schwarzkonten. Was denen, die die Milliardäre dieser Welt mästen, selbstverständlich keinesfalls egal sein darf! Die müssen angesichts derartiger Bedrohungen „überlegen“, ob sie „dafür aufgestellt sind, um diese Bedrohungspotentiale auszugleichen und abschrecken zu können“! „Die Politik“ müsse unbedingt entscheiden, „ob die eigenen Wehr- und Rüstungsfähigkeiten ausreichen“!
Der Kerl, der derartigen Giftmüll in Mikrophone bellte, hieß übrigens weder Goebbels noch Hitler, sondern heißt immer noch Kahl und amtiert als (selbstverständlich nicht gewählter) „Präsident“ des „Bundesnachrichtendienstes“. Der Nachrichtendienst, der seinen Schwachsinnsschwall unredigiert und unkorrigiert (da darf auch der fiese Chinese „ganz neue Seiten“ aufziehen), dafür mit einer Zusatzportion Alarmismus in die Welt hinauspumpte, ist jeglicher Unterwanderung durch nichtrussophobe Quertreiber unverdächtig, wird von manchen für eine „seriöse“ Tageszeitung gehalten und verräumte den Quatsch deswegen auch nicht irgendwo zwischen Promigebrabbel, Horoskop und TV-Programm, sondern auf der Titelseite.
Weshalb, ist klar: Nachdem der hoffnungslos unterlegene Russe mittlerweile gesamteuropäisch in Steinwurfweite von NATO-Truppen umzingelt ist, die immer monströsere Vernichtungssimulationen („Manöver“) an seinen Grenzen veranstalten, und sich trotzdem immer noch nicht in die Knie zwingen lassen mag, muß demnächst mal wieder richtig geschossen werden.
Und da fällt uns auf, daß wir die wahre „Krone der Schöpfung“, der in der Tat die gesamte Welt auf Verderb statt Gedeih unterworfen ist, vergessen haben: die Waffe. Auch die ist eine Schöpfung des Menschen, aber wenn sie ihn demnächst von der Oberfläche des Planeten tilgt und damit nebenbei auch sämtliche Börsenkurse und Zeitungsabonnements endgültig löscht, wird er sich auf russische Hacker nicht mehr hinausreden können.
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Dienstag, 27. Februar 2018
Frisch gepreßt #405: Icarus The Owl „Rearm Circuit“
„Schallplatten? Wovon redet er denn jetzt wieder?“
Zudem ist diese nicht nur rund, sondern offiziell gesprochen: „coke bottle clear“, also minimal blaugrün schattiert, aber durchblickdurchsichtig. Man kann sie rotierend vor die Welt stellen, auf Dinge legen und den erstaunlichen Effekt erleben, durch die Welt hindurch und hinter die Dinge blicken zu können, die dabei in anderem Licht erscheinen. Veränderte Wahrnehmung induziert Einsicht in kosmische Relationen.
„O weh! Ich fürchte, er hat sich mal wieder einen Progressive-Rock-Virus eingefangen! Alle mit anpacken, wir müssen ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzerren!“
Uff. Na gut, der Begriff „progressiv“ ist genrehistorisch vielleicht nicht ganz falsch, aber er suggeriert eine eindimensionale, mindestens diffus zielgerichtete Bewegung, die hier nicht stattfindet und nicht stattfinden soll. Vielmehr hat die Band Icarus The Owl, die im wesentlichen aus Joey Rubenstein und wechselnden Begleitern besteht, vielgestaltige und mehrfältige Wurzeln. Etwa im harten Grund des Epitaph- und Fat-Wreck-Chords-Hardcore der 90er und diversen Emo-Gärtchen, andererseits aber reichen sie bis ganz jenseits, weit drüben in den dichten Wäldern der verkopften Spintisiererei, in denen emotional verstörte Spätjugendliche vor Äonen unter dem Einfluß von überdosiertem Konsum und überzogener Analyse der Werke von Yes, ELP und Genesis herumirrten. Dazu aber perlen aus dem Tornado der Komplexität Melodiefragmente heraus, die sich sehr wohl in Radioformate hineinschleichen könnten. Wenn sie wollten (sie wollen nicht).
Werden wir, wenn’s sein muß, prosaischer: „Ich wollte mit meinen besten Freunden Musik machen und über Fürze lachen“, sagt Joey Rubenstein über seine Motivation, eine Band zu gründen. „Das erschien mir wie die perfekte Lebensweise.“ Und selbstverständlich, auch wenn sie hin und wieder gewechselt haben, besteht seine Begleitung aus seinen drei besten Freunden, die mehr tun, als die meisten könnten, und doch exakt genug, um zur Einheit zu verschmelzen: Drummer Rob Bernkopf (bei dessen Nachnamen man sich an die erwähnte Durchblickdurchsichtigkeit des cokeflaschenklaren Vinyls erinnert, aber gut, lassen wir das) wirbelt, donnert und rummst, aber das Fundament, das er legt, soll in erster Linie tragen und tut das mit solcher Sicherheit, daß Tim Browns Leadgitarre und ihre kaum in Noten zu fassenden Eskapaden darauf tanzen wie ein schlafwandelnder Hochseilartist. Jake Thomas-Low und sein Baß fallen nur dem auf, der ein spezielles Interesse hegt, und das ist auch in seinem Fall eine unersetzliche Stärke.
Aber Vorsicht. Es sind Songs, die auf dem fünften ITO-Album erklingen, allesamt zwischen 3:16 und 4:48 Minuten lang, also kompakt und greifbar, ohne Auswüchse und delirierende Nichtaufhörenkönnerei. Fast bodenständig, könnte man meinen. Aber ihre Komplexität weist und wirkt nach innen; wähnt man eine Verschachtelung ergründet haben, öffnet sich eine neue, mit solcher Eleganz und Geschwindigkeit, daß von fern der Eindruck eines ununterbrochenen, ständig insgesamt changierenden Schillerns entsteht. Wer darin erst mal hängenbleibt, den wirbelt es in eine gefühlte Ewigkeit hinein, in der sich ein phantastischer Kosmos öffnet.
„Obacht! Er schwebt wieder los!“
Das Abbild dieser Wirkung sind Rubensteins Texte: Da meint man klare Dinge zu erkennen, aber die Metaphern, Allegorien, Bilder verschwimmen und zerweichen ineinander hinein, machen neugierig und wachsen sich aus. Nehmen wir die erste Strophe von „The Renaissance Of Killing Art“: „My colossal waste of time outside of the concert halls / I have been a fraud / They look the same to me; it’s the renaissance of killing art / But no one gives a fuck. / Cold, oscillating brain; fingers in the ground / They lended me technology and now I’ve got to leave / Souls shattered on the bones of previous unknowns / Cauterize the bloody mess and churn one out for me.“
Na, wollen wir darüber mal sprechen? Hat jemand zwei Wochen Zeit? Dann drehe ich schon mal lauter und hole die Teebeutel.
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Montag, 26. Februar 2018
Frisch gepreßt #404: Black Sabbath „The End – 4 February 2017 Birmingham“
Untote leben bisweilen lange. John Michael Osbourne, vor seinem Berufsantritt als Pate des Heavy Metal u. a. als Hilfsarbeiter im Schlachthof, Hupenstimmer in einer Autofabrik, Baugehilfe, Klempner- und Mechanikerlehrling tätig, gab sich stets große Mühe, diese Regel zu widerlegen. Er saß sechs Wochen im Knast, weil er als Einbrecher nicht sonderlich begabt war (einen geklauten Fernseher ließ er auf der Flucht fallen, und die Klamotten, die er in einem Pub verscherbeln wollte, erwiesen sich als Babykleidung) und sein Vater sich aus pädagogischen Gründen weigerte, die Geldstrafe zu berappen. Zu diesen Mißerfolgen trug sicherlich ein schon damals notorischer Hang zu bewußtseinsschmälernden Substanzen bei.
Mit Black Sabbath und einer Serie von fünf Platinalben in Folge gerieten die Exzesse zwangsläufig vollkommen außer Kontrolle. Die Band pumpte sich derart mit Drogen voll, daß sich Studioaufnahmen wegen der kurzen Nüchternheitsfenster über Monate hinzogen und kaum mehr abwarfen als Plunder und üble Scherze – Schlagzeuger Bill Ward landete zweimal im Krankenhaus, weil ihn seine Kollegen angezündet und mit Goldfarbe lackiert hatten (was einen Schlaganfall auslöste). Bei Ozzy waren die Gründe für diverse Einlieferungen gewöhnlicherer Natur. 1979, nachdem ihn Gitarrist Tony Iommi mehrmals bewußtlos geschlagen hatte, um ihn zur Raison zu bringen, flog er raus. 1982 wurde er in Texas verhaftet, weil er in Frauenkleidern ein Kriegerdenkmal anpinkelte. Ein schlechter Mensch kann so jemand nicht sein. Nächsten Sonntag wird er übrigens 69.
Wie es mit ihm weiterging, wissen wir aus Skandalpresse, Reality-TV und (Auto-)Biographien. Immer wieder ging es auch mit Black Sabbath weiter, die konstant nur aus Iommi bestanden, sich derweil mit erstaunlichem Talent bemühten, keinen Fettnapf auszulassen, und für ihre zweifelhaften bis lachhaften Eskapaden ein erstaunliches Sammelsurium an prominenten Gästen und Fehlbesetzungen gewinnen konnten: Ian Gillan und Glenn Hughes (Deep Purple), Rick Wakeman (Yes) und sein Sohn Adam, Cozy Powell und Ronnie James Dio (Rainbow), Dave Walker (Fleetwood Mac), Bev Bevan (ELO), Eric Singer (Lita Ford, später Kiss), Terry Chimes (The Clash), Bob Daisley (Mungo Jerry), Jo Burt (Tom Robinson, Freddie Mercury), Laurence Cottle (Alan Parsons Project), Mike Bordin (Faith No More), Tommy Clufetos (Alice Cooper), Jezz Woodroffe (Belle Stars), Brian May (Queen), Brad Wilk (Rage Against The Machine) und Rob Halford (Judas Priest) waren nur ein paar der vielen, die irgendwann mal Gehaltsschecks für eine Sabbath-Mitgliedschaft erhielten (oder auch nicht).
Ich bin Ozzy Osbourne übrigens auch mal begegnet – allerdings nur in gedruckter Form, auf Cover und Poster des Magazins, das mich als acht/neunjährigen T.Rex- und Alice-Cooper-Fan mit Informationen aus der geheimnisvollen Welt der Popmusik versorgte. Vor Black Sabbath hatte ich, zugegeben, ein bisserl Angst, auch wenn Tony Iommi im Interview sagte: „Wir haben schon immer Kreuze getragen, uns aber nie mit dieser schwarzen Zauberkunst beschäftigt.“
Damals verkündete Iommi außerdem einen „Stop mit Tourneen“ (gemeint war: die nächsten zwei Monate) und: „Natürlich werden wir weiterhin zusammenbleiben.“ Gemeint war: die nächsten paar Jahre vielleicht. Es wurden 49 Jahre, wirre, wilde, große und vergessene, in denen es niemandem gelang, das Original verzichtbar und „diese schwarze Zauberkunst“ nachzumachen.
Und deswegen – und auch wenn sich ein paar sympathische Patzer nicht vermeiden ließen – ist es schon rührend und schön, Black Sabbath bei ihrem allerletzten Auftritt zuzuhören, in der Heimat Birmingham, in einem Meer von Tränen, vergossen von tausenden Menschen, die „damals“ noch nicht geboren waren und bis von Honduras und Australien anreisten. Es ist rührend und schön zu hören, wie gut sich die atmosphärischen, winterlich düsteren, aber keineswegs im modernen Sinn heavy-metallischen Songs (von denen nur zwei nach 1973 entstanden) gehalten haben.
Und es ist schön, daß die Band ein Jahr „zu früh“ ohne großen Halbjahrhundert-Jubiläumszinnober abtritt, würdig und bescheiden zugleich. (Wenn sie das denn wirklich tut.)
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Samstag, 24. Februar 2018
Belästigungen 26/2017: Gleich und Selb: von Schlössern, Suiten, Burgen und deutschen Sonder(irr)wegen
Wenn zwei das gleiche tun, ist es meistens nicht dasselbe. Und ob es das gleiche ist oder als das gleiche betrachtet wird, hängt sehr stark von etwas ab, das man die jeweilige gesellschaftliche Verfaßtheit nennen könnte.
Zum Beispiel gilt es im Rahmen der Regeln, auf die sich unsere Herrschenden geeinigt haben, als durchaus normal, daß einer einen tonnenschweren, giftausstoßenden Blech-Plastik-Kasten auf öffentlichem Grund abstellt. Daß das grundsätzlich ganz und gar nicht normal ist, bemerkt man (falls man überhaupt noch was bemerkt), wenn ein anderer eine verrostete Badewanne oder einen alten Kühlschrank danebenstellt, der höchstens einen Zentner wiegt, niemanden töten kann (außer er fiele aus mindestens drei Meter Höhe auf ihn drauf, was Kühlschränke selten tun) und nicht mal mit einem dröhnenden Verbrennungsmotor ausgestattet ist: Da stürmt sofort jemand daher und prangert in traditionell deutscher Hausmeistermanier die Verschandelung des Stadtbilds durch illegale Entsorgung von Sperrmüll an. Obwohl in den Kühlschrank notfalls ein Igel einziehen und es sich dort den Winter über gemütlich machen könnte, was bei einem hermetisch zugesperrten „sportverwendbaren Vehikel“ nicht geht. Das fährt meistens über den Igel drüber.
Nehmen wir einen anderen Fall. Da hängt an einer Wand das Bild eines Hauses, das in einer Truhe mit Goldstücken steht. Dazu gibt es als Erläuterung den Spruch: „Ihre Immobilie ist Gold wert.“ An einer anderen Wand hängt kein Bild (weil das Haus, zu dem die Wand gehört, bildhaft deutlich genug ist), da steht nur ein Spruch: „Gentrifizierung angreifen!“
Der Unterschied ist geringer als man spontan meint. Beide Botschaften sind öffentlich sichtbar. Beide Urheber haben Geld für die Veröffentlichung ihrer Botschaft ausgegeben – der eine für den Druck des Plakats und dessen Anbringung, der andere für eine Farbsprühdose plus (indirekt) seine eigene Arbeitszeit. Beide nehmen, wenn auch unterschiedlich, zu dem gleichen Vorgang Stellung. Und beide erregen damit bewußt und ziemlich unverschämt öffentlichen Ärger.
Allerdings, und hier fängt der Unterschied an, ärgern sich über die „Gold“-Provokation lediglich die Hunderttausenden von „normalen“ Münchnern, die den größten Teil ihrer Lebenszeit mit blöder Arbeit verschwenden, damit sie nicht irgendwann in eine verrostete Badewanne oder einen alten Kühlschrank am Straßenrand ziehen müssen, und die tagein, tagaus mit der deprimierenden, nervlich und körperlich zerrüttenden Angst leben, daß ihnen das sehr bald und plötzlich doch passiert. Hingegen kratzt die „Angriff“-Provokation diejenigen, die (oder deren Eltern und Großeltern) durch die Arbeit der anderen reich geworden sind und sich mit einem Fingerschnipsen eine 500-Quadratmeter-„Suite“ kaufen können, von deren Panoramafenstern aus sie eine herrliche Aussicht auf die wuchernde, von hier aus unsichtbar bibbernde Münchner Stadtlandschaft und ihr kostenlos auf öffentlichem Grund abgestelltes „sportverwendbares Vehikel“ haben.
Und wenn die etwas kratzt, lassen sie ein Gesetz machen. In diesem Fall: eines, das das Bemalen eines Hauses als „Sachbeschädigung“ definiert, obwohl dabei nicht der geringste Schaden entsteht. Die anderen hingegen können sich nicht wehren, die müssen die demütigende Beleidigung einfach hinnehmen, an der sie jeden Tag auf dem Weg zur Blödarbeit vorbeihasten, ohne sie ausblenden zu können: Deine Immobilie wäre Gold wert, wenn du eine hättest! Hast du aber nicht, ätsch! Und deswegen gehört dein Leben uns, und weil das Loch, in dem du haust, ebenfalls Gold wert ist und auch uns gehört, schmeißen wir dich da hinaus, wann immer es uns paßt und sobald jemand daherkommt, der noch mehr dafür bezahlt!
So geht das in der Welt, wenn Menschen das gleiche tun und es aber nicht dasselbe sein darf. Ganz gelegentlich mal, wenn Gleich und Selb in gar zu argen Widerspruch gerieten und der Ärger der vielen Benachteiligten den Grummel der wenigen Bevorzugten allzu grell überstrahlte, passierte es früher, daß man handgreiflich wurde. Indes schmeißt der Deutsche dann nur im äußersten Extremfall das nichtsnutzige (Geld-)Adelspack hinaus und quartiert sich in dessen Schlössern und Suiten ein. Normalerweise geht er einen seiner üblichen Sonderwege, die gerne mal in einem Weltkrieg enden.
Zum Beispiel: trafen sich vor dreihundert Jahren (und ein paar Wochen) ungefähr 450 Studenten auf einer Burg, weil sie die Nase voll hatten von Unterdrückung, Ausbeutung und den Vorläufern der Gentrifizierung. Zumindest möchte man das meinen, wenn man liest, was sie im Tagesverlauf ihrer Zusammenrottung so an Forderungen aufstellten: „Freiheit und Gleichheit“ seien „das Höchste, wonach wir zu streben haben“, hieß es da, „die Geburt“ sei „ein Zufall“ und „Vorrechte sind mit der Gerechtigkeit unvereinbar“.
Hoppla! denkt man, vielleicht sogar: Wow! Aber es ist der Deutsche halt ein Deutscher, und so stand gleich im ersten Paragraphen der Forderungen das, was damals und fürderhin als einzige zulässige, wichtige und durchsetzungsfähige Forderung aus solchen Beratschlagungen hervorging: „Ein Deutschland ist, und ein Deutschland soll sein und bleiben.“ Abends, als alles formuliert war, soff man sich besinnungslos, grölte „Ehre! Freiheit! Vaterland“ und verbrannte Bücher. Der Weltkrieg ließ noch auf sich warten, folgte aber unausweichlich.
So geht das beim Deutschen. Hundertzwanzig Jahre später bejubelte er das Sinken der Arbeitslosenzahl unter die Millionengrenze, pfiff auf Ausbeutung, Unterdrückung und den versprochenen „Sozialismus“ und betete einen nagelneuen Adel von Führern und Bonzen an, der zwar ein Haufen krimineller Schweinsköpfe war, aber immerhin dafür gesorgt hatte, daß ein Deutschland war. Wieder verheizte man Bücher. Der Weltkrieg kam diesmal schneller.
Daß dreißig Jahre später schon wieder die Studenten aufbegehrten und schon wieder Freiheit, Gleichheit und so Zeug forderten, lassen wir heute mal unter den Tisch fallen. Was dabei herauskam, ist ja ebenfalls bekannt: die Freiheit, zu konsumieren, eine „grüne“ Partei, deren Führer das Unternehmen Barbarossa wiederholen möchten, und ein paar versprengte Irre, die immer mal wieder den Holocaust leugnen.
Heute wiederum, wo der Deutsche in seiner überwältigenden Mehrheit gründlicher und effektiver ausgebeutet, unterdrückt und überwacht wird als mindestens seit dem mythischen Mittelalter und die Früchte dieser „Entwicklung“ in Form von Gentrifizierungsburgen, gleichgeschalteten Propagandamedien und Millionen von Kameras jeden Tag vor der Nase hat, was tut er da? Er wählt FDP und AfD, grölt moderne Versionen von „Ehre! Freiheit! Vaterland!“, möchte alles, was noch elender daherkommt als er selbst, aus dem Land schmeißen und huldigt dem nicht mehr ganz so neuen Adel von kriminellen Schweinskopfbonzen, weil er insgeheim davon träumt, eines Tages selber in so einen Suitenpalast einzuziehen. Dazu muß man schließlich nur „Leistung bringen“! Und der Weltkrieg? Der dämmert am östlichen Horizont heran.
Auf die Frage, wieso es nicht dasselbe ist, wenn zwei das gleiche tun, und warum er sich diesen Irrsinn seit Jahrhunderten gefallen läßt und weshalb es ihn mehr empört, wenn jemand einen Suitenpalast anschmiert als wenn der Schmierer eingebuchtet wird, und so weiter … kommt er immer noch nicht.
Ich weiß: nicht nur der Deutsche (und schon gar nicht nur der Münchner). Der aber schon auch. Und im Zweifelsfall immer am vehementesten.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Zum Beispiel gilt es im Rahmen der Regeln, auf die sich unsere Herrschenden geeinigt haben, als durchaus normal, daß einer einen tonnenschweren, giftausstoßenden Blech-Plastik-Kasten auf öffentlichem Grund abstellt. Daß das grundsätzlich ganz und gar nicht normal ist, bemerkt man (falls man überhaupt noch was bemerkt), wenn ein anderer eine verrostete Badewanne oder einen alten Kühlschrank danebenstellt, der höchstens einen Zentner wiegt, niemanden töten kann (außer er fiele aus mindestens drei Meter Höhe auf ihn drauf, was Kühlschränke selten tun) und nicht mal mit einem dröhnenden Verbrennungsmotor ausgestattet ist: Da stürmt sofort jemand daher und prangert in traditionell deutscher Hausmeistermanier die Verschandelung des Stadtbilds durch illegale Entsorgung von Sperrmüll an. Obwohl in den Kühlschrank notfalls ein Igel einziehen und es sich dort den Winter über gemütlich machen könnte, was bei einem hermetisch zugesperrten „sportverwendbaren Vehikel“ nicht geht. Das fährt meistens über den Igel drüber.
Nehmen wir einen anderen Fall. Da hängt an einer Wand das Bild eines Hauses, das in einer Truhe mit Goldstücken steht. Dazu gibt es als Erläuterung den Spruch: „Ihre Immobilie ist Gold wert.“ An einer anderen Wand hängt kein Bild (weil das Haus, zu dem die Wand gehört, bildhaft deutlich genug ist), da steht nur ein Spruch: „Gentrifizierung angreifen!“
Der Unterschied ist geringer als man spontan meint. Beide Botschaften sind öffentlich sichtbar. Beide Urheber haben Geld für die Veröffentlichung ihrer Botschaft ausgegeben – der eine für den Druck des Plakats und dessen Anbringung, der andere für eine Farbsprühdose plus (indirekt) seine eigene Arbeitszeit. Beide nehmen, wenn auch unterschiedlich, zu dem gleichen Vorgang Stellung. Und beide erregen damit bewußt und ziemlich unverschämt öffentlichen Ärger.
Allerdings, und hier fängt der Unterschied an, ärgern sich über die „Gold“-Provokation lediglich die Hunderttausenden von „normalen“ Münchnern, die den größten Teil ihrer Lebenszeit mit blöder Arbeit verschwenden, damit sie nicht irgendwann in eine verrostete Badewanne oder einen alten Kühlschrank am Straßenrand ziehen müssen, und die tagein, tagaus mit der deprimierenden, nervlich und körperlich zerrüttenden Angst leben, daß ihnen das sehr bald und plötzlich doch passiert. Hingegen kratzt die „Angriff“-Provokation diejenigen, die (oder deren Eltern und Großeltern) durch die Arbeit der anderen reich geworden sind und sich mit einem Fingerschnipsen eine 500-Quadratmeter-„Suite“ kaufen können, von deren Panoramafenstern aus sie eine herrliche Aussicht auf die wuchernde, von hier aus unsichtbar bibbernde Münchner Stadtlandschaft und ihr kostenlos auf öffentlichem Grund abgestelltes „sportverwendbares Vehikel“ haben.
Und wenn die etwas kratzt, lassen sie ein Gesetz machen. In diesem Fall: eines, das das Bemalen eines Hauses als „Sachbeschädigung“ definiert, obwohl dabei nicht der geringste Schaden entsteht. Die anderen hingegen können sich nicht wehren, die müssen die demütigende Beleidigung einfach hinnehmen, an der sie jeden Tag auf dem Weg zur Blödarbeit vorbeihasten, ohne sie ausblenden zu können: Deine Immobilie wäre Gold wert, wenn du eine hättest! Hast du aber nicht, ätsch! Und deswegen gehört dein Leben uns, und weil das Loch, in dem du haust, ebenfalls Gold wert ist und auch uns gehört, schmeißen wir dich da hinaus, wann immer es uns paßt und sobald jemand daherkommt, der noch mehr dafür bezahlt!
So geht das in der Welt, wenn Menschen das gleiche tun und es aber nicht dasselbe sein darf. Ganz gelegentlich mal, wenn Gleich und Selb in gar zu argen Widerspruch gerieten und der Ärger der vielen Benachteiligten den Grummel der wenigen Bevorzugten allzu grell überstrahlte, passierte es früher, daß man handgreiflich wurde. Indes schmeißt der Deutsche dann nur im äußersten Extremfall das nichtsnutzige (Geld-)Adelspack hinaus und quartiert sich in dessen Schlössern und Suiten ein. Normalerweise geht er einen seiner üblichen Sonderwege, die gerne mal in einem Weltkrieg enden.
Zum Beispiel: trafen sich vor dreihundert Jahren (und ein paar Wochen) ungefähr 450 Studenten auf einer Burg, weil sie die Nase voll hatten von Unterdrückung, Ausbeutung und den Vorläufern der Gentrifizierung. Zumindest möchte man das meinen, wenn man liest, was sie im Tagesverlauf ihrer Zusammenrottung so an Forderungen aufstellten: „Freiheit und Gleichheit“ seien „das Höchste, wonach wir zu streben haben“, hieß es da, „die Geburt“ sei „ein Zufall“ und „Vorrechte sind mit der Gerechtigkeit unvereinbar“.
Hoppla! denkt man, vielleicht sogar: Wow! Aber es ist der Deutsche halt ein Deutscher, und so stand gleich im ersten Paragraphen der Forderungen das, was damals und fürderhin als einzige zulässige, wichtige und durchsetzungsfähige Forderung aus solchen Beratschlagungen hervorging: „Ein Deutschland ist, und ein Deutschland soll sein und bleiben.“ Abends, als alles formuliert war, soff man sich besinnungslos, grölte „Ehre! Freiheit! Vaterland“ und verbrannte Bücher. Der Weltkrieg ließ noch auf sich warten, folgte aber unausweichlich.
So geht das beim Deutschen. Hundertzwanzig Jahre später bejubelte er das Sinken der Arbeitslosenzahl unter die Millionengrenze, pfiff auf Ausbeutung, Unterdrückung und den versprochenen „Sozialismus“ und betete einen nagelneuen Adel von Führern und Bonzen an, der zwar ein Haufen krimineller Schweinsköpfe war, aber immerhin dafür gesorgt hatte, daß ein Deutschland war. Wieder verheizte man Bücher. Der Weltkrieg kam diesmal schneller.
Daß dreißig Jahre später schon wieder die Studenten aufbegehrten und schon wieder Freiheit, Gleichheit und so Zeug forderten, lassen wir heute mal unter den Tisch fallen. Was dabei herauskam, ist ja ebenfalls bekannt: die Freiheit, zu konsumieren, eine „grüne“ Partei, deren Führer das Unternehmen Barbarossa wiederholen möchten, und ein paar versprengte Irre, die immer mal wieder den Holocaust leugnen.
Heute wiederum, wo der Deutsche in seiner überwältigenden Mehrheit gründlicher und effektiver ausgebeutet, unterdrückt und überwacht wird als mindestens seit dem mythischen Mittelalter und die Früchte dieser „Entwicklung“ in Form von Gentrifizierungsburgen, gleichgeschalteten Propagandamedien und Millionen von Kameras jeden Tag vor der Nase hat, was tut er da? Er wählt FDP und AfD, grölt moderne Versionen von „Ehre! Freiheit! Vaterland!“, möchte alles, was noch elender daherkommt als er selbst, aus dem Land schmeißen und huldigt dem nicht mehr ganz so neuen Adel von kriminellen Schweinskopfbonzen, weil er insgeheim davon träumt, eines Tages selber in so einen Suitenpalast einzuziehen. Dazu muß man schließlich nur „Leistung bringen“! Und der Weltkrieg? Der dämmert am östlichen Horizont heran.
Auf die Frage, wieso es nicht dasselbe ist, wenn zwei das gleiche tun, und warum er sich diesen Irrsinn seit Jahrhunderten gefallen läßt und weshalb es ihn mehr empört, wenn jemand einen Suitenpalast anschmiert als wenn der Schmierer eingebuchtet wird, und so weiter … kommt er immer noch nicht.
Ich weiß: nicht nur der Deutsche (und schon gar nicht nur der Münchner). Der aber schon auch. Und im Zweifelsfall immer am vehementesten.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Freitag, 23. Februar 2018
Frisch gepreßt #403: REM „Automatic For The People (25th Anniversary Edition)“
Oder fragen Sie Michael Stipe, einen Pharao des 80er-Indie-Rock, der seine Pyramide schlauerweise nicht an einem Ort, sondern in sämtlichen zeitgeisthörigen Plattenregalen der Welt errichten ließ. Danach indes machte er sich bei seinen Zeitgenossen so peinlich und unbeliebt, daß nur noch die geschlossene Kleingemeinde der Alt-Indie-Jünger klandestin alljährlich auf ein neues Monument hoffte. Heute kennt man kaum noch seinen Namen, und wer zufällig den Klang seiner Pyramide erlauscht, wähnt ihn längst im Reich der Toten.
Oder fragen Sie mich nach meiner Geschichte mit Michael Stipe, und ich sehe ein langes Gleis mit ein paar Bahnhöfen. Zwei (oder vier?) goldene Sommerwochen in einer Mansarde am Gärtnerplatz mit TL, die „Murmur“ auf Kassette aus Texas mitgebracht hatte (Rückseite: ein Demo von 3 On A Hill, nie gehört); „Radio Free Europe“ und „Catapult“ im Morgenlicht über den Dächern der Reichenbachstraße, während sie fröhlich mitsummend ihre Socken suchte und der Kaffeekocher augenzwinkernd hüstelte. Eine katastrophisch verregnete Dezembernacht mit K in einer Hütte am Wendelstein, wo der krächzende Kleinfernseher uns einzige Gäste im gelbdunklen Nachtschimmer mit „It’s The End Of The World (As We Know It)“ zu ekstatischen Vereinigungen trieb, deren symbolischer Gehalt morgens im grauen Dauernaß der Autobahn wie eine Bierdeckelpyramide (sorry) zu Pappmaché zerfloß. Ein benebelter Frühherbstnachmittag mit M in einer anderen Mansarde am Nordbad oder nicht weit davon (kein Fenster diesmal), wo die ungeahnt homogene Kraft von „Life's Rich Pageant“ zwischen Giant Sand, Stone Roses und Robyn Hitchcock die klaustrophobische Enge des (ungefähren) Pyramidendachs zu stratosphärischer Ewigkeitsahnung weitete (Doppelsorry!). Und der wild berauschte Winterfrühlingsommerherbst mit C, G, V und I und anderen zwischen vergessenen Festen, Straßen und Clubs, ohne Tageszeit und Wochentag, dauerbeschallt mit „Automatic For The People“, so intensiv, als hätte es damals kein anderes Album gegeben. Gab es vielleicht auch nicht, oder fällt jemandem eines ein?
Danach: Blitzlichter, Peinlichkeiten. Michael Stipe als quäkender lächerlicher Clown mit schlechter Musik. Ein Freundkollege wünschte auf öffentlicher Bühne, er möge bald den Weg des Freddie Mercury gehen. Gemeint war nicht der auf den vielbequatschten Rock-Olymp, böse gemeint war's aber auch nicht; er war nur sauer über die zu Pappmaché zerflossene Erinnerung.
Ein Vierteljahrhundert später lebt das alles plötzlich neu auf beim Wiederhören eines Albums, das tatsächlich seitdem geschwiegen hat, in dem man tatsächlich (ohne Myonen) noch unentdeckte Räume finden kann. Vor allem aber klingen alle zwölf Songs von „Drive“ über die vermeintlich auf ewig totgenudelten „Everybody Hurts“ und „Man On The Moon“ bis „Find The River“ (trotz „Dolby Atmos“, was immer das sein mag) gespenstisch vertraut und zugleich völlig fremd, neu und lockend, da alles, was danach, nach dem Bruch, kam, im Staub der Epochen versunken ist.
Es hilft wenig, in den alternativen Neubearbeitungen und Beigaben (eine Liveaufnahme aus dem November 1992 mit Coverversionen von Troggs und Iggy/Bowie, viele Demos und Videos, 60 Seiten Bildbooklet) nach Aufschlüssen oder Indizien zu suchen – das Monument wahrt sein Geheimnis. Uns bleibt die Magie des Originals.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Belästigungen 25/2017: Adieu November! (vermischte Nachrichten aus dem Urgrund der Depression)
Wer einen November wie den soeben dahingeschiedenen überstanden hat, ohne wenigstens eine milde Depression in den hierfür zuständigen gräulichen Hinterkopfnebeln zu hegen, dem ist wahrscheinlich nicht zu helfen. Da kam wie immer alles zusammen, was zusammengehört: Kaum hat man herbstordnungsgemäß beschlossen, die Jahreszeit des täglichen Heißbadens sei nun auch mit Hinweisen auf einen angeblich anstehenden Dezembersommer nicht mehr aufzuschieben, haucht der Boiler mit einem diskreten „klick“ sein Leben aus. Der zuständige Handwerker, dessen Aufkleber samt Telephonnummer und der Ermahnung zum alldreijährlichen Entkalken seit elf Jahren ungenutzt am Rand des verblichenen Großgeräts klebt, zeigt sich hiervon ungerührt: „In nächster Zeit“, teilt er mit, habe er keinen Termin frei, „und auch auf längere Sicht nicht.“
Längere Sicht? Der Blick in den Novembernebel findet kein Ziel, das diesen Ausdruck rechtfertigen könnte. Aber irgend etwas schwärt da draußen, notdürftig, halbherzig und, ähem, durchschaubar übertüncht vom Geschnatter und Gemurre der Meisen, Amseln und Eichkätzchen, die sich beschweren, weil bei „Sonnenaufgang“ (i. e. der minimalen Erhellung des horizontüberspannenden Graus kurz vor Mittag, die knapp zehn Atemzüge später im Duster verglimmt) die Nuß- und Sonnenblumenkernarsenale vor dem Fenster nicht ordnungsgemäß aufgefüllt sind, da der hierfür zuständige Mensch sich nicht überwinden kann, unter dem Blätterteig von circa sieben bis zehn Wolldecken herauszukriechen, unter den er vermutlich irgendwann vor langer Zeit, als tatsächlich noch Sonnen aufgingen, gekrochen ist.
Es ist die Jahreszeit der Zusammenbrüche. Der ehemalige Boiler und sein flüssiger Inhalt sind noch nicht ganz kalt, als die Tasse ihren noch nicht ganz kalten Inhalt über die Tastatur erbricht und der notfällig hervorgezogene Ersatzcomputer mit einem zierlichen „bipp“ solidarisch den ewigen Winterschlaf antritt. Als nächstes ächzt die Kaffeekanne ein letztes Mal und zerspringt in einem suizidalen Aufwallen von Fröhlichkeit zu Porzellanblechschrott. Viel kriegt man davon nicht mit, weil derweil der Staubsauger so gotterbärmlich röhrt, daß man fast froh ist, als er nach zwei Minuten gotterbärmlichem Röhren seinen sowieso vernachlässigbaren Geist endgültig aufgibt.
Das ist erst der Anfang, dessen lebensverneinende Energieauspuffung eine Armada elektrischer und elektronischer Geräte begierig aufsaugt und binnen kürzester Zeit den Dienst einstellt, bis man endlich, umwallt von novemberiger Samtstille, in einem komplett dysfunktionalen Haushalt kauert und sich wünscht, als Wimpertierchen wiedergeboren zu werden. Diese eigentümliche Lebensform nämlich kommt gänzlich ohne technisches Brimborium aus, hat sich seit Devon oder Silur nicht weiterentwickelt, tut tagein, tagaus nichts anderes als essen, kopulieren (und zwar erstaunlicherweise nicht zum Zweck der Fortpflanzung, die durch eine „Quer- oder Längsteilung erfolgt“, sondern nur aus Lust und Laune!) und (so sagt’s das Lexikon) „auf Reize einen langen Proteinfaden nach außen zu schleudern, dessen Funktion allerdings noch nicht ganz klar ist“. So wie beim sinnlosen Geblödel fröhlicher Menschen, dessen Funktion mutmaßlich niemals klar werden wird, weil es sie nicht gibt.
Indes hat das Leben als Wimpertierchen einen großen Nachteil: Es endet nicht. Die Vorstellung, bis zum Sanktnimmerleinstag in einer Pfütze herumzuwimmeln und hie und da einen Proteinfaden nach außen zu schleudern, versöhnt einen nicht mit der Existenz als sterblicher Mensch, sondern verdeutlicht nur noch mehr die Sinnlosigkeit und Traurigkeit des Universums. Aus Verzweiflung, damit sich irgendwas rührt, schaltet man den Radio an, der aus unerfindlichen Gründen noch geht und, zwar aufgrund technischer Innovationen digital brümmelnd und lispelnd, aber kaum mißverständlich, zunächst den üblichen Schlamm von „Groko“-Geplapper, Glyphosat-Verharmlosung und „Merkel will Lohnnebenkosten begrenzen“-Schmarrn ausspuckt.
Dann aber besinnt sich das Gerät und sendet ein Gespräch mit einem Psycho- oder Soziologen oder wie man diese Leute gerade nennt, der verkündet, die gesamte Moderne (hieß die nicht vor ein paar Jahren noch Postmoderne? Egal) sei durch und durch und insgesamt das Zeitalter der Depression, die unweigerlich jeden einzelnen heute (noch!) lebenden Menschen befalle. Und zwar weil: sich etwas ändert! Veränderung, sagt der kluge Mann, ist Urgrund und Auslöser der Depression, weshalb sich in Städten, insbesondere Großstädten, wie München zweifellos eine ist, Schwer-, Mies- und Dunkelmut ganz besonders wild austoben. Er wisse andererseits von Patienten, die ihre große Liebe geehelicht beziehungsweise Millionengeldberge im Lotto gewonnen beziehungsweise nach Jahren im miesen WG-Kämmerchen (sicherlich nicht in München) eine bezahlbare und geräumige Traumwohnung gefunden haben und durch diese vermeintlich freudeträchtige Veränderung in den Abgrund der Depression geschubst worden seien.
Da eröffnet sich ein teuflisches Dilemma: Weil sich alles ständig ändert, sind alle ständig depressiv, aber ändern kann und darf man daran nichts, weil das nur das Gegenteil des Bezweckten bewirkt. Es bleibt mangels Aus- und Umweg nur eines: sitzenbleiben im Schrotthaufen verblichener Technik, den Radio (dessen Schallgewelle die Atmosphäre mutwillig verändert) ausschalten, den trüben Blick durchs Fenster in die depressiven Gesichter von Meise, Amsel, Eichkatz wehen lassen (oder hat jemand jemals einen dieser Erdmitbewohner oder irgendeinen anderen lächeln gesehen?) und im kontemplativen Grau versinken, um festzustellen: Wenn sich erst mal überhaupt gar nichts mehr verändern kann, ist so eine Depression ja irgendwie ganz schön. Oder zumindest gemütlich.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Längere Sicht? Der Blick in den Novembernebel findet kein Ziel, das diesen Ausdruck rechtfertigen könnte. Aber irgend etwas schwärt da draußen, notdürftig, halbherzig und, ähem, durchschaubar übertüncht vom Geschnatter und Gemurre der Meisen, Amseln und Eichkätzchen, die sich beschweren, weil bei „Sonnenaufgang“ (i. e. der minimalen Erhellung des horizontüberspannenden Graus kurz vor Mittag, die knapp zehn Atemzüge später im Duster verglimmt) die Nuß- und Sonnenblumenkernarsenale vor dem Fenster nicht ordnungsgemäß aufgefüllt sind, da der hierfür zuständige Mensch sich nicht überwinden kann, unter dem Blätterteig von circa sieben bis zehn Wolldecken herauszukriechen, unter den er vermutlich irgendwann vor langer Zeit, als tatsächlich noch Sonnen aufgingen, gekrochen ist.
Es ist die Jahreszeit der Zusammenbrüche. Der ehemalige Boiler und sein flüssiger Inhalt sind noch nicht ganz kalt, als die Tasse ihren noch nicht ganz kalten Inhalt über die Tastatur erbricht und der notfällig hervorgezogene Ersatzcomputer mit einem zierlichen „bipp“ solidarisch den ewigen Winterschlaf antritt. Als nächstes ächzt die Kaffeekanne ein letztes Mal und zerspringt in einem suizidalen Aufwallen von Fröhlichkeit zu Porzellanblechschrott. Viel kriegt man davon nicht mit, weil derweil der Staubsauger so gotterbärmlich röhrt, daß man fast froh ist, als er nach zwei Minuten gotterbärmlichem Röhren seinen sowieso vernachlässigbaren Geist endgültig aufgibt.
Das ist erst der Anfang, dessen lebensverneinende Energieauspuffung eine Armada elektrischer und elektronischer Geräte begierig aufsaugt und binnen kürzester Zeit den Dienst einstellt, bis man endlich, umwallt von novemberiger Samtstille, in einem komplett dysfunktionalen Haushalt kauert und sich wünscht, als Wimpertierchen wiedergeboren zu werden. Diese eigentümliche Lebensform nämlich kommt gänzlich ohne technisches Brimborium aus, hat sich seit Devon oder Silur nicht weiterentwickelt, tut tagein, tagaus nichts anderes als essen, kopulieren (und zwar erstaunlicherweise nicht zum Zweck der Fortpflanzung, die durch eine „Quer- oder Längsteilung erfolgt“, sondern nur aus Lust und Laune!) und (so sagt’s das Lexikon) „auf Reize einen langen Proteinfaden nach außen zu schleudern, dessen Funktion allerdings noch nicht ganz klar ist“. So wie beim sinnlosen Geblödel fröhlicher Menschen, dessen Funktion mutmaßlich niemals klar werden wird, weil es sie nicht gibt.
Indes hat das Leben als Wimpertierchen einen großen Nachteil: Es endet nicht. Die Vorstellung, bis zum Sanktnimmerleinstag in einer Pfütze herumzuwimmeln und hie und da einen Proteinfaden nach außen zu schleudern, versöhnt einen nicht mit der Existenz als sterblicher Mensch, sondern verdeutlicht nur noch mehr die Sinnlosigkeit und Traurigkeit des Universums. Aus Verzweiflung, damit sich irgendwas rührt, schaltet man den Radio an, der aus unerfindlichen Gründen noch geht und, zwar aufgrund technischer Innovationen digital brümmelnd und lispelnd, aber kaum mißverständlich, zunächst den üblichen Schlamm von „Groko“-Geplapper, Glyphosat-Verharmlosung und „Merkel will Lohnnebenkosten begrenzen“-Schmarrn ausspuckt.
Dann aber besinnt sich das Gerät und sendet ein Gespräch mit einem Psycho- oder Soziologen oder wie man diese Leute gerade nennt, der verkündet, die gesamte Moderne (hieß die nicht vor ein paar Jahren noch Postmoderne? Egal) sei durch und durch und insgesamt das Zeitalter der Depression, die unweigerlich jeden einzelnen heute (noch!) lebenden Menschen befalle. Und zwar weil: sich etwas ändert! Veränderung, sagt der kluge Mann, ist Urgrund und Auslöser der Depression, weshalb sich in Städten, insbesondere Großstädten, wie München zweifellos eine ist, Schwer-, Mies- und Dunkelmut ganz besonders wild austoben. Er wisse andererseits von Patienten, die ihre große Liebe geehelicht beziehungsweise Millionengeldberge im Lotto gewonnen beziehungsweise nach Jahren im miesen WG-Kämmerchen (sicherlich nicht in München) eine bezahlbare und geräumige Traumwohnung gefunden haben und durch diese vermeintlich freudeträchtige Veränderung in den Abgrund der Depression geschubst worden seien.
Da eröffnet sich ein teuflisches Dilemma: Weil sich alles ständig ändert, sind alle ständig depressiv, aber ändern kann und darf man daran nichts, weil das nur das Gegenteil des Bezweckten bewirkt. Es bleibt mangels Aus- und Umweg nur eines: sitzenbleiben im Schrotthaufen verblichener Technik, den Radio (dessen Schallgewelle die Atmosphäre mutwillig verändert) ausschalten, den trüben Blick durchs Fenster in die depressiven Gesichter von Meise, Amsel, Eichkatz wehen lassen (oder hat jemand jemals einen dieser Erdmitbewohner oder irgendeinen anderen lächeln gesehen?) und im kontemplativen Grau versinken, um festzustellen: Wenn sich erst mal überhaupt gar nichts mehr verändern kann, ist so eine Depression ja irgendwie ganz schön. Oder zumindest gemütlich.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
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