Um Dinge zu veranschaulichen, braucht man manchmal Vergleiche aus dem lebensweltlichen Alltag. Was zum Beispiel der Mensch als ganzes insgesamt so ist – wer sollte das begreifen, wenn man es ihm nicht mit einem trefflichen Vergleichsbild vor Augen führt?
Ich würde heute mal sagen: Der Mensch ist das Brezensalz der Erde. Es gibt ungeheure Massen davon, die unter ungeheurem Aufwand hergestellt werden und nur einen Zweck verfolgen und zugleich verfehlen: Sie sollen dem, der die Breze genießt, den Genuß versalzen und ihn dazu bringen, zu jedem einzelnen Exemplar des Gebäcks mindestens vier Maß Bier zu konsumieren, damit er sich nicht in ein Mittelding zwischen getrockneter Tomate und Salzhering verwandelt.
Das haut aber (unwissende Touristen ausgenommen) selten hin, weil der Brezenesser weiß, wie er die Selbstversalzung verhindern kann: Man rubbelt und kratzt einfach so lange an dem braunen Teigling herum, bis das weiße Gift weg ist. Das bröselt dann auf dem Boden herum, verbindet sich seiner wasserfreundlichen Natur gemäß mit dem Erdreich und wird eines fernen Tages dafür sorgen, daß München und sein Umland sich in Salt Lake City umbenennen dürften. Aber das ist ein anderes Thema.
Der Beruf des Brezensalzers ist grundsätzlich ein ehrenwerter. Im hypermodernen Sinne ist er das sogar noch mehr als sowieso, schließlich tut er nicht nur etwas, sorgt dafür, daß etwas vorangeht, die Umwelt verändert, das Wachstum dynamisiert und der Bierausstoß bayerischer Brauereien angekurbelt wird: Zusätzlich schafft er mit seiner Arbeit weitere Arbeit – die Einrichtung eines Bachelor- und Master-Studiengangs „Brezenentsalzung“ an der Münchner Universität wird sicherlich längst diskutiert, entsprechende Praktikumsstellen werden die „Arbeitsagenturen“ vermutlich demnächst zwangsanbieten.
Und das ist ein großer Segen, schließlich wissen wir seit der industriellen Revolution: Ohne Arbeit wird der Mensch vom Brezensalz der Erde zur Pest seiner selbst – er lungert herum, ergeht sich in verantwortungsloser Muße, gibt sich Freuden und Vergnügungen hin, die über Brezen- und Bierverzehr weit hinausgehen (selbigen aber auch umfassen), beschäftigt sich mit Sinnsucherei, Kunst und Philosophie und wird am Ende noch mindestens so weise, wie das ein großer Teil der anderen Tiere längst ist (die Ameise mal ausgeklammert, beim Weps gibt es Verdachtsmomente).
Oder aber er widmet sich seiner zweitprominentesten Beschäftigung, deren Folgen denen der Arbeit nicht unähnlich sind, kurzfristig aber noch viel katastrophaler ausfallen: dem Krieg. Der allerdings ist in der Bevölkerung noch unbeliebter als die Schufterei, drum muß die Propaganda entsprechend flammender wirken. Und so sehen wir uns momentan mal wieder einem Grölchor entfesselt schäumender „West“-„Medien“ ausgesetzt, die angesichts des eigentlich erfreulich harmonischen Zusammensitzens zweier Großmachtchefs (nennen wir sie P. und T.) in Helsinki überhaupt nicht mehr an sich halten können.
„Bizarr“, „autokratisch“, „kein Wort der Kritik“, „Menschenrechte“, „Annexion der Krim“, „Wahleinmischung“, „Giftstoffeinsatz in Salisbury“, „Giftgasmörder“, „Flugzeugabschuß“, „Hackerattacken“, „Trollarmeen“, „Einflußzonen“, „Kumpanei“, „Deals“, „Erpressung“, „Völkerrecht“, „Verschwörungstheorien“, „Katastrophe“, „Ungeheuerlichkeiten“, „Horror-Show“, „zum Gruseln“, zusammenfassend: „Warum sich die Europäer wieder fürchten müssen“ – das übliche Arsenal der Kampfbegriffe hagelte nur so heraus aus den transatlantischen Hetzrohren.
Da ist es nur logisch, daß sämtlichen Defiziten, Schuldenkrisen und milliardenfachem Armutselend zum Trotz die Hauptbemühung der NATO-Staaten darauf zielt, noch mehr noch wüstere Waffen anzuschaffen, mit Dauermanövern und Probekriegen die Welt zu terrorisieren und noch den friedlichsten Faulenzerhippie, der seine Tage fröhlich am Isarstrand verdöst, auf Kriegsdisziplin zu trimmen.
Das hatten wir so ähnlich schon mehrmals, und damit meine ich heute mal nicht die naheliegende Zeit vor dem zweiten Weltkrieg, als Presse und Rundfunk mit bombigem Erfolg der gleichen Tätigkeit nachgingen und die Militärmaschinisten nicht mal davor zurückschreckten, den Englischen Garten zu Kriegszwecken mit einer Straße zu durchschneiden, aus der später eines der brutalsten Schlachtfelder des Autokriegs wurde – beschönigend „Isarring“ getauft.
Nein, ich meine die Zeit um 1789, als das bayerische Heer nach Ansicht von Fachleuten in desolatem Zustand war und man aber offenbar wenig Neigung verspürte, die Soldaten zum Massakrieren loszuschicken, damit sie nicht in der Gegend herumgammelten, den Bauern ihr Vieh und den Brauern ihr Bier wegfraßen bzw. -soffen.
Statt dessen kam ein scheint‘s nicht unkluger bayerischer Herrscher (der in Mannheim residierte, was seinem Geisteszustand aber offenbar nicht allzu abträglich war) auf die Idee, das verwilderte Marschiervolk geistig und körperlich auf Vordermann zu bringen, indem er sie mit Hacke, Schaufel und Spaten in die verstruppten Auen vor den nordöstlichen Stadttoren schickte und eben jenen Englischen Garten anlegen ließ. Der, 1792 endlich eröffnet, wurde ein großer Erfolg: „Alle Stände müssen sich also da versammlen und in langen bunten Reihen bewegen und die frohe Jugend unter ihnen hüpfen“, berichtete der königliche Hofgärtner.
Dem Krieg entging das Kleinparadies nicht gänzlich: Neben dem Embryo des Isarrings, das uns die üble Schlachterei hinterließ, brannte auch der Chinesische Turm 1944 nieder, wurde aber in einer Art Wiederholung der kurfürstlichen Bemühungen von der Münchner Bürgerschaft mit Geld und Arbeit, die ansonsten in die Kassen und Mühlen des „Kalten Kriegs“ geflossen wären, wiederaufgebaut, um keinem anderen Zweck als der radikalpazifistischen Belustigung durch Musik und Bier zu dienen.
Hierin schlummert Potential: Wie wäre es denn, den Kriegsfanatikern in den Redaktionsfabriken Mikrophone, Tastaturen und Druckmaschinen wegzunehmen, sie statt dessen mit Hacke, Schaufel und Spaten auszustatten und loszuschicken, damit sie einen Tunnel graben, in dem der vermaledeite Isarring, wenn wir ihn schon nicht loswerden, fürderhin wenigstens unterirdisch toben mag?
Es wäre ein Segen, für München und den Rest der Welt. Und wenn dann in einigen Jahren auch der Autokrieg unweigerlich zu Ende geht und niemand mehr die ganzen Tunnels braucht (es sei denn zum Bierkühlen), dann finden wir, nachdem sie das Getunnel wieder eingerissen oder in Schwammerlplantagen verwandelt haben, sicherlich eine neue sinnvolle Betätigung, um die Burschen vor einem Rückfall in die Kriegshetzerei zu bewahren. Zum Beispiel als Brezensalzer oder notfalls -entsalzer.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Freitag, 31. August 2018
Sonntag, 12. August 2018
Frisch gepreßt #415: Die Nerven "Fake"
Gab es auch: Unrast, Leere, Ratlosigkeit, Hoffnung und eine Serie von Versuchen, das Aufgegebene mit anderen in genau gleicher Form wiederherzustellen und erneut zu kündigen, was zu Beliebigkeit und der Erkenntnis führte, daß man … es weiter versuchen muß. K ging nach einer angemessenen Phase von abwechselnd sich überlappenden Trotz-, Trink- und Trauerwellen ähnliche Wege, jammerte einer Reihe zufälliger Bettbesucherinnen so lange vor, wie gemein und dumm das Leben und aber eigentlich nicht das Leben, sondern A sei, bis diese zuverlässig das Weite suchten und aufgrund unergründlicher Dispositionen beim nächsten Jammerer landeten.
Hin und wieder gingen A und K einen Kaffee trinken, plauderten über die Zustände und fanden es schade, daß alles so enden mußte und nicht wiederherzustellen war. Fragte man sie, wieso das ihrer Meinung nach so sei und weshalb sie es nicht einfach versuchten, erntete man verwunderte Blicke: weil das halt nicht gehe und der Mensch nun mal grundsätzlich und überhaupt nach vorne blicken müsse. Irgendwann – jeder weiß es, keiner glaubt es – ist man dann im camembertschen Sinne reif genug, um sich in Beruf und Arbeit vergeblich zu verwirklichen, endlich die Sinnsuche auf sich selbst umzuleiten und mit esoterischen Heilslehren die Leere zur Fülle zu erklären.
Andererseits: Wäre nicht der Widersinn so alles durchdringend, zöge er sich nicht als Borte um und als Schußfaden durchs Gewebe des Dasein, dann gäbe es Schallplatten wie diese nicht. „Finde niemals zu dir selbst!“ zum Beispiel „denkt“ Max Rieger „laut“ („manchmal“) und bringt mit dem Fahrtenmesser der Bösironie auf den Punkt, wo der Haken begraben ist. Ächz! Uff! Metaphernsalat! Das kommt heraus, wenn man versucht, zu umschreiben, was nicht zu umschreiben, sondern halt am besten zu hören und intuitiv zu begreifen ist: Songtexte, die wie eine Spritztüte der Begrifflichkeiten das diffuse Gewöll im eigenen Herzhirn zu perfekten Sentenzen formen. Ja, gut, ich hör schon auf.
Das ist nicht immer leicht zu ertragen, am ehesten noch in der dräuenden Halbbeliebigkeit der (eben!) immer „Neuen Wellen“ des Openers, der als eine Art kratziger Läufer im Eingangsflur liegt. Schon ist man drin, und nach dem zitierten lauten Gedanken haut „Frei“ mit metallischen Magenschwingern in sämtliche Kerben des Irrens und Wirrens von A, K und allen anderen: „Laß alles los! Gib alles frei!“, und am Ende stolpert der zerhackte Beat des Lebens als Skelett davon.
Es wird dann traurig, es wird buntgrau, besinnlich und pathetisch und zornig; es klingt selbstverständlich an an die großen Pfeiler der deutschsprachigen Schmerzpopmusik (Herrenmagazin und Findus). Es wölben sich gewaltige Bögen von entstellten, verwundeten, zerkrüppelten Melodien, Einsichten, neuen Fragen. „Alles falsch“, „Explosionen“, „Kann‘s nicht gestern sein?“, und wenn man den abschließenden Titelsong erreicht hat und in seiner ebenso epochalen wie alltäglich-banalen Elegie versinkt („Her mit euren Lügen, her mit eurem Leid!“), weiß man im Prinzip alles. Und nichts, weil: Was hilft‘s?
Doch, kann sein, es hilft was: A und K haben ein neues gemeinsames Lieblingsalbum, und die Blicke, die sie sich in den letzten Tagen zuwerfen, lassen ahnen, wenn nicht hoffen, daß es doch nicht mehr gibt und daß sie das eingesehen haben.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Sonntag, 5. August 2018
Belästigungen 14/2018: Wie ich mal wieder begriffen habe, daß der Mensch auch bloß ein Viech ist
Selbstversuch: raus aus dem inneren Exil, hinein in die Welt und einen ganzen Tag lang „auf dem laufenden“ bleiben, hinsichtlich was so passiert an Wichtigem, Skandalösem und so weiter!
Das geht am besten mit Nachrichten. Zum Glück betreibt der Bayerische Rundfunk einen eigenen Nachrichtensender, der selbst mit modernen Digitalradios einigermaßen verständlich empfänglich ist. Einschalten, und los geht‘s: „Bayern möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind, an der Grenze zurückweisen.“ So lautet die erste Meldung, und schon beginnt das Denken: Schlaue Idee! Da Deutschland zwar der größte Fluchtverursacher innerhalb der EU, aber zugleich nahtlos von „anderen EU-Ländern“ umgeben ist, kommt auf diese Weise kein einziger Flüchtling mehr auf deutschen Boden, und der durchschnittliche AfD-Nazi (der offenbar auch der deutsche Durchschnittsbürger ist, weil sich an seinen ideologischen Blähungen der gesamte Politikbetrieb des Landes abarbeitet) grunzt zufrieden.
Es gibt aber ja noch andere Themen, nicht wahr? Offenbar nicht. „B5 aktuell“ wiederholt „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind, an der Grenze zurückweisen“ in der folgenden Stunde circa zwölf-, gefühlt hundertmal (und das, by the way, noch tagelang), wahlweise mit „Bayern“, (öfter) „die CSU“ bzw. (immer öfter) „Seehofer“ als Anfang, dazwischen ein bißchen Sprachschaum über „Beratungen“ oder so.
Ein Blick in die Statistik zeigt: Die Zahl der Flüchtlinge, die noch in Deutschland ankommen, ist unerheblich. Also denkt man: Was soll‘s? Die wichtigen (oder wenigstens andere) Sachen werden schon gleich kommen. Kommen aber nicht. Unermüdlich mahlt die Mühle weiter: „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind, an der Grenze zurückweisen“. Ja, was möchten die denn zurückweisen, wenn da eh nichts kommt? Das erläutert zwischendurch ein Kommentator oder Experte. Zusammengefaßt: „Bla.“ Skandale? Probleme? Ereignisse? Vorkommnisse? Nichts dergleichen.
Doch, ein bisserl schon: Börsengeplapper; irgendwelche „Werte“ stehen gut oder nicht gut da, die Anlieger „zeigen sich“ wegen irgendwas „verunsichert“, „abwartend“ oder so. Eine Autobahnraststätte, heißt es, sei „wegen Sprengstoffverdacht“ geräumt worden. Ein Sprengstoff wurde dann aber nicht gefunden. Passiert ist also: nichts. Das gilt so ähnlich auch für den Atomkrieg und die Flüchtlinge, und so keimt in mir ein Verdacht: Im Radio wird offenbar nur gemeldet, was nicht passiert. Aber wozu? Klar – der Bürger muß wissen, was alles passieren könnte! Sprengstoff! Terror! Flüchtlinge! Apropos: „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind“, tönt es aus dem Hintergrund.
Weshalb sich der Bayerische Rundfunk solche Mühe gibt und dutzende Korrespondenten und Reporter bezahlt, um ein ganzes Tagesprogramm mit Fake News zu füllen, ist mir dennoch ein Rätsel. Aber wie soll man darüber nachdenken, wenn man schon wieder hören muß: „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind, an der Grenze zurückweisen“?
Derweil: werden Familien aus ihren Wohnungen geworfen, Städte bombardiert, Stadtteile in Luxusburgen verwandelt, denkmalgeschützte Häuser abgerissen, Landschaften vergiftet, asphaltiert und zubetoniert, Schaufenster von Immobilienhändlern eingeschlagen, Baumaschinen angezündet, Menschen entlassen, vertrieben, mißhandelt, beleidigt, verelendet, krank gemacht, verurteilt, ausgebeutet, gedemütigt, auf Autobahnen zerquetscht und zerfetzt (das immerhin führt gelegentlich zu der gleichgültigen Mitteilung „Zwischen X und Y acht Kilometer stockend“), werden Lebensmittel vernichtet, Pflanzen verpestet, Tiere mißhandelt, getötet, zerwurstet, artenweise ausgerottet, Grundnahrungsmittel patentiert, Wasserquellen privatisiert, und all das, dieser größte Skandal der Weltgeschichte, den wir behelfsmäßig „Kapitalismus“ nennen, weil wir kein passendes Wort dafür finden, spielt sich ununterbrochen direkt vor unseren Augen ab. Und der Rundfunk meldet: „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem EU-Land registriert sind ...“
Da bleibt am Ende nur: die Flucht. Und zwar weg von Menschen und ihren Nachrichtenmaschinen, bevor das Gehirn in den Lähmungszustand verfällt, den wir von den Gesichtern namenloser Autoinsassen und Karrierearbeiter kennen. Es dauert eine Weile, bis sich der geistige Giftnebel lüftet und endlich verzieht. Dann hört man zwar noch das infernalische Röhren des Mittleren Rings, der den ganzen Skandal symbolisch verkörpert, aber nur noch aus der Ferne und wenigstens momentweise übertönt vom lieblichen Gezwitscher der Vögel, die zum Beispiel melden: „Tschilp! Tirili tröt brätirrri rilirirrrötilari!“
Was das heißt, können wir mangels Sprachkenntnis nur ahnen. Ist auch egal, weil vor allem idyllisch und schön. Allerdings fällt nach einiger Zeit etwas Merkwürdiges auf: „Tschilp! Tirili tröt brätirrri rilirirrrötilari!“ ertönt ohne große Variation immer wieder, im Fünfminutentakt; auch die Antworten der anderen gleichen sich: „Krah! Krah! Piep! Piep! Krah! Piep!“ Das wird irgendwann doch verdächtig: Kann es sein, daß sich der Vogel (als solcher) unbemerkt in einen Menschen verwandelt hat und „Tschilp! Tirili tröt brätirrri rilirirrrötilari!“ im wesentlichen nichts anderes heißt als „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert wurden, an der Grenze zurückweisen“?
Oder ist der seltsame Vorgang nur mal wieder ein Beweis für die alte These, daß auch der Mensch nur ein Teil des Tierreichs ist und deswegen – so wie der Hund bellt, die Katze jault, die Kuh muht, das Pferd wiehert und der Hahn kräht – von Zeit zu Zeit seinen Signalruf ausstoßen muß, der eben zufällig so ähnlich klingt wie „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert wurden, an der Grenze zurückweisen“?
Wir wissen es nicht. Und weil es in der ganzen Welt offensichtlich keinerlei Quelle für irgendwelche Informationen gibt, die über Signalrufe hinausgehen, werden wir es wohl auch nie erfahren.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN und liegt in fünf Bänden als Buch vor.
Das geht am besten mit Nachrichten. Zum Glück betreibt der Bayerische Rundfunk einen eigenen Nachrichtensender, der selbst mit modernen Digitalradios einigermaßen verständlich empfänglich ist. Einschalten, und los geht‘s: „Bayern möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind, an der Grenze zurückweisen.“ So lautet die erste Meldung, und schon beginnt das Denken: Schlaue Idee! Da Deutschland zwar der größte Fluchtverursacher innerhalb der EU, aber zugleich nahtlos von „anderen EU-Ländern“ umgeben ist, kommt auf diese Weise kein einziger Flüchtling mehr auf deutschen Boden, und der durchschnittliche AfD-Nazi (der offenbar auch der deutsche Durchschnittsbürger ist, weil sich an seinen ideologischen Blähungen der gesamte Politikbetrieb des Landes abarbeitet) grunzt zufrieden.
Es gibt aber ja noch andere Themen, nicht wahr? Offenbar nicht. „B5 aktuell“ wiederholt „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind, an der Grenze zurückweisen“ in der folgenden Stunde circa zwölf-, gefühlt hundertmal (und das, by the way, noch tagelang), wahlweise mit „Bayern“, (öfter) „die CSU“ bzw. (immer öfter) „Seehofer“ als Anfang, dazwischen ein bißchen Sprachschaum über „Beratungen“ oder so.
Ein Blick in die Statistik zeigt: Die Zahl der Flüchtlinge, die noch in Deutschland ankommen, ist unerheblich. Also denkt man: Was soll‘s? Die wichtigen (oder wenigstens andere) Sachen werden schon gleich kommen. Kommen aber nicht. Unermüdlich mahlt die Mühle weiter: „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind, an der Grenze zurückweisen“. Ja, was möchten die denn zurückweisen, wenn da eh nichts kommt? Das erläutert zwischendurch ein Kommentator oder Experte. Zusammengefaßt: „Bla.“ Skandale? Probleme? Ereignisse? Vorkommnisse? Nichts dergleichen.
Doch, ein bisserl schon: Börsengeplapper; irgendwelche „Werte“ stehen gut oder nicht gut da, die Anlieger „zeigen sich“ wegen irgendwas „verunsichert“, „abwartend“ oder so. Eine Autobahnraststätte, heißt es, sei „wegen Sprengstoffverdacht“ geräumt worden. Ein Sprengstoff wurde dann aber nicht gefunden. Passiert ist also: nichts. Das gilt so ähnlich auch für den Atomkrieg und die Flüchtlinge, und so keimt in mir ein Verdacht: Im Radio wird offenbar nur gemeldet, was nicht passiert. Aber wozu? Klar – der Bürger muß wissen, was alles passieren könnte! Sprengstoff! Terror! Flüchtlinge! Apropos: „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind“, tönt es aus dem Hintergrund.
Weshalb sich der Bayerische Rundfunk solche Mühe gibt und dutzende Korrespondenten und Reporter bezahlt, um ein ganzes Tagesprogramm mit Fake News zu füllen, ist mir dennoch ein Rätsel. Aber wie soll man darüber nachdenken, wenn man schon wieder hören muß: „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert sind, an der Grenze zurückweisen“?
Derweil: werden Familien aus ihren Wohnungen geworfen, Städte bombardiert, Stadtteile in Luxusburgen verwandelt, denkmalgeschützte Häuser abgerissen, Landschaften vergiftet, asphaltiert und zubetoniert, Schaufenster von Immobilienhändlern eingeschlagen, Baumaschinen angezündet, Menschen entlassen, vertrieben, mißhandelt, beleidigt, verelendet, krank gemacht, verurteilt, ausgebeutet, gedemütigt, auf Autobahnen zerquetscht und zerfetzt (das immerhin führt gelegentlich zu der gleichgültigen Mitteilung „Zwischen X und Y acht Kilometer stockend“), werden Lebensmittel vernichtet, Pflanzen verpestet, Tiere mißhandelt, getötet, zerwurstet, artenweise ausgerottet, Grundnahrungsmittel patentiert, Wasserquellen privatisiert, und all das, dieser größte Skandal der Weltgeschichte, den wir behelfsmäßig „Kapitalismus“ nennen, weil wir kein passendes Wort dafür finden, spielt sich ununterbrochen direkt vor unseren Augen ab. Und der Rundfunk meldet: „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem EU-Land registriert sind ...“
Da bleibt am Ende nur: die Flucht. Und zwar weg von Menschen und ihren Nachrichtenmaschinen, bevor das Gehirn in den Lähmungszustand verfällt, den wir von den Gesichtern namenloser Autoinsassen und Karrierearbeiter kennen. Es dauert eine Weile, bis sich der geistige Giftnebel lüftet und endlich verzieht. Dann hört man zwar noch das infernalische Röhren des Mittleren Rings, der den ganzen Skandal symbolisch verkörpert, aber nur noch aus der Ferne und wenigstens momentweise übertönt vom lieblichen Gezwitscher der Vögel, die zum Beispiel melden: „Tschilp! Tirili tröt brätirrri rilirirrrötilari!“
Was das heißt, können wir mangels Sprachkenntnis nur ahnen. Ist auch egal, weil vor allem idyllisch und schön. Allerdings fällt nach einiger Zeit etwas Merkwürdiges auf: „Tschilp! Tirili tröt brätirrri rilirirrrötilari!“ ertönt ohne große Variation immer wieder, im Fünfminutentakt; auch die Antworten der anderen gleichen sich: „Krah! Krah! Piep! Piep! Krah! Piep!“ Das wird irgendwann doch verdächtig: Kann es sein, daß sich der Vogel (als solcher) unbemerkt in einen Menschen verwandelt hat und „Tschilp! Tirili tröt brätirrri rilirirrrötilari!“ im wesentlichen nichts anderes heißt als „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert wurden, an der Grenze zurückweisen“?
Oder ist der seltsame Vorgang nur mal wieder ein Beweis für die alte These, daß auch der Mensch nur ein Teil des Tierreichs ist und deswegen – so wie der Hund bellt, die Katze jault, die Kuh muht, das Pferd wiehert und der Hahn kräht – von Zeit zu Zeit seinen Signalruf ausstoßen muß, der eben zufällig so ähnlich klingt wie „möchte Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land registriert wurden, an der Grenze zurückweisen“?
Wir wissen es nicht. Und weil es in der ganzen Welt offensichtlich keinerlei Quelle für irgendwelche Informationen gibt, die über Signalrufe hinausgehen, werden wir es wohl auch nie erfahren.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN und liegt in fünf Bänden als Buch vor.
Donnerstag, 2. August 2018
Frisch gepreßt #414: Manic Street Preachers "Resistance Is Futile"
Aber mal eine richtige Tour, mal nicht „morgen Gröbenzell, nächsten Samstag Berchtesgaden, dann mal schauen“, hey, das wär‘ schon was. Also schickten wir eine Kassette an eine Adresse in London, eine von tausenden, wie wir vermuteten, was soll‘s. Eine Woche später kam ein Fax: „The Manic Street Preachers are happy for you to join them.“ Das hieß: einen VW-Bus samt Fahrer/Techniker besorgen, Straßenkarten und Kalender studieren, kostenlose Übernachtungen an so exotischen Orten wie Essen, Hamburg, Köln, Hannover, Berlin, Halle (nein, da nicht, da fuhr man gleich wieder weg, d. h. dann gar nicht erst hin, wg. einstelligem Vorverkauf) organisieren.
Die Band immerhin kannte man ein bisserl, die hatte zwei Jahre zuvor mit ihrem ersten Album (tatsächlich meine erste gekaufte „Compact Disc“) Schlagzeilen und Titelseiten für eine ganze Jahrzehntkarriere abgeräumt und hingen jetzt mit dem zweiten ein bißchen überständig in der Luft herum. Erste Begegnung in Nürnberg: James, der coole Einzelgänger, der als Sex-Pistols-Fan in Hotels als „Steve Jones“ eincheckte; Nicky, der freundliche Zyniker, dessen Mund die schärfsten Beschimpfungen mit einem so charmanten Lächeln würzte, daß er nie ins Gefängnis mußte; Richey, ewiges Teenager-Model, der sich von Wodka ernährte und sich so gut mit unserem Gitarristen verstand, daß fast die Band zerbrochen wäre (nicht unsere), weil er nach dem dritten Joint die Treppe der KOMM-Garderobe (die heute noch so aussieht wie damals, morgen aber nicht mehr) hinunterpurzelte, und Sean, der nur etwas sagte, wenn ihm der Kragen platzte (was ich sieben Jahre später in Kuba ein einziges Mal erlebte), und sich seltsam ernährte.
So gondelten wir durch das deutsche Mistklima, drei Wochen lang, und plauderten: über Briten und den zweiten Weltkrieg, was unsere deutsche Generation so vom Holocaust wußte (jedenfalls weniger als Richey), wieso Liebeslieder tabu sind und in Songtiteln das Wort „Baby“ nicht vorkommen darf (ihrer hieß „Behave Yourself Baby“, nie veröffentlicht), tauschten T-Shirts und fuhren am Ende getrennter Wege (wir in ein Jugendzentrum in der Lerchenau, weil wir die Einladung zum Weitertouren in Japan aus, ähem, logistischen Gründen ablehnen mußten).
Ein gutes Jahr später trafen wir uns wieder; da waren die Manics mit ihrem Meisterwerk „The Holy Bible“ selbst nur noch Vorprogramm (für Suede) und Richey ein Schatten seiner selbst, der kurz darauf für immer verschwand. Und dann immer mal wieder, in einem Kölner Café, einem Münchner Hotel, einer Londoner Kneipe, endlich in Havanna, wo die Geschichte irgendwie zu Ende war. Es gab inzwischen SMS und Internet, aber die Wege verliefen nun doch sehr unterschiedlich. Ein Vierteljahrhundert, Baby; die Zeit ist eine Hure, und Liebeslieder sind längst nicht mehr tabu (nur noch blöd).
Was das alles mit dieser Platte zu tun hat? Ach, nichts. Es ist mal wieder ein Manics-Album, das sechste oder siebte hintereinander, das mich nicht mehr wirklich vom Hocker reißt und von dem sich in einer zukünftigen Best-of-Box nicht viel finden wird, mit Songtiteln, die so Manics-typisch sind, daß fast ein bißchen Bemühtheit durchscheint, wie auch in James‘ Gesang, der sich über die Jahrzehnte kaum oder nicht verändert hat. Aber es ist schön, daß sie irgendwie noch da sind, immer noch nichts als sie selbst sind und die vielleicht letzte klassische Rockband aus einer lange verwehten Zeit. Schön, mal wieder an die alten Geschichten und Gesichter zu denken, die allein dadurch immer lebendig bleiben, auch an Richey, der jetzt vielleicht irgendwo in Mittelamerika auf einer Veranda sitzt und doch noch Gitarre spielen zu lernen versucht.
Vielleicht hätten wir nach Japan mitfahren sollen. Ach nein, alles ist gut, wie es ist. Danke fürs Erinnern.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Montag, 23. Juli 2018
Belästigungen 13/2018: Herzlich willkommen im Jahr 1600!
„Du bist ein Zyniker!“ schimpft T, legt das Buch mit älteren Folgen dieser Kolumne zur Seite und atmet tief durch.
Das sei, wenn auch nicht so gemeint, ein Lob, sage ich und zitiere aus dem verwaschenen Gedächtnis den großen Ambrose: Ein Zyniker ist ein Mensch, der die Welt so sieht, wie sie ist, nicht so, wie sie sein sollte. Daher rührt der alte Brauch, allzu frechen Zynikern die Augen auszustechen, um ihren Sehfehler zu korrigieren.
„Nein“, sagt T, „ich meine das anders. Ich meine den anderen Zynismus! den schlimmen!“
Und schon muß ich mal wieder etwas weiter ausholen. Gut, sage ich, fangen wir mal bei Marx an. Ist es nicht erstaunlich, daß in den letzten 170 Jahren die Weltbevölkerung, die Wirtschaftsleistung und der Reichtum einer kleinen Klasse geradezu explodiert sind, während der Planet selbst, die Kontinente, das Sonnensystem und fast der gesamte Rest des Universums im wesentlichen gleich groß geblieben sind?
„Wirtschaftswachstum“, sagt T. „Ein alter Hut.“
Stimmt, sage ich. Marx hat uns erklärt, daß zwei Sachen für das gesamte Bruttosozialprodukt verantwortlich sind: Kapital und Arbeit. Durch seine Arbeit erzeugt der Arbeiter einen Mehrwert, den ihm der Kapitalist wegnimmt, um einerseits in weiteres Wachstum investieren und andererseits reich werden zu können. Das behauptet die „Wirtschaftswissenschaft“ – die bekanntlich keine Wissenschaft, sondern eine Religion ist, die jede Behauptung, These und Theorie erlaubt, solange sie gottgefällig ist – im Grunde bis heute.
„Ja und?“ sagt T.
Nun ist es aber so: Wenn man alles zusammenrechnet, was Kapital und Arbeit in den letzten 170 Jahren so zusammengerackert haben, bleibt ein Loch. Eine Lücke von 50 bis 60 Prozent. Die „Wirtschaftswissenschaft“ bezeichnet sie als Solow-Residuum, weil wohl ein Herr Solow als erster draufgekommen ist und „Residuum“ so chic wissenschaftlich klingt. Wo kommt das her?
Ja nun, da hat wohl ein Heiliger Geist mitgemischt, wie er das in einer anderen Religion auch gerne tut. Die „Wirtschaftswissenschaft“ nennt ihn „technischer Fortschritt“, aber so blöd wollen wir mal nicht sein; bleiben wir lieber beim Heiligen Geist, der also folglich periodisch Benzinmotoren, Smartphones, Laptops, Mondraketen und Atomkraftwerke vom Himmel schmeißt, ohne daß dafür Kapital und/oder Arbeit nötig wären.
„Das ist doch ein Schmarrn!“ sagt T.
Genau, und deshalb heißt es „Wirtschaftswissenschaft“. Zum Glück gibt es Physiker. Der Heilige Geist verschwindet nämlich stante pede und rückstandslos aus unserer Rechnung, wenn man bedenkt, daß die explodierende Menschheit in den letzten 170 Jahren etwa 300 Billionen (300.000.000.000.000) Liter einer vordem nur als Kuriosum bekannten Substanz verbrannt hat, die wir der Einfachheit halber Öl nennen wollen. Diese Substanz hat die Arbeit geleistet, die dafür gesorgt hat, daß sich die Weltbevölkerung in einer historischen Millisekunde versiebenfacht und der Reichtum der gewissen Klasse vermilliardenfacht hat.
„Gut“, sagt T, „irgendwie klar. Und jetzt?“
Jetzt? Jetzt geht das Öl zu Ende. Die derzeit seriösesten Schätzungen gehen davon aus, daß für die Reste, die man mittels Fracking und anderer Giftschmutzorgien aus dem Boden wringt, ungefähr im Jahr 2030 mehr Energie eingesetzt werden muß, als drinsteckt. Das ist wie wenn man am Chinesischen Turm zwei Liter Bier abgeben muß, um eine Maß zu kriegen, nur mit dem Unterschied, daß dann niemand mehr zwei Liter Bier hat.
„Aber es gibt doch erneuerbare Energien! Sonne! Wind!“ schwärmt T.
Klar, auch wenn sie selbstverständlich nicht „erneuerbar“ sind: in Deutschland zur Zeit etwa 28.000 Windenergieanlagen und 19 Millionen Quadratmeter Solarzellen. Die tragen 6 Prozent zum gesamten Energieverbrauch bei. Nötig wären also zusätzlich ungefähr 250.000 Windanlagen und 200 Millionen Quadratmeter Solarzellen. Schwierig. Zudem gibt es einen Nachteil: „Erneuerbare“ Energie ist defizitär. Das heißt: Man muß mehr Öl hineinstecken, als sie ersetzen kann. Das geht also auch nur bis ungefähr 2030, dann ist Schluß.
„Hm“, sagt T schon weniger euphorisch. „Atomkraft? als Zwischenlösung?“
Geht auch, sage ich. Allerdings müßten wir dann allein in Deutschland bis 2030 hundert neue Atomkraftwerke bauen. Acht bis neun pro Jahr, das möchte ich erst mal sehen. Abgesehen davon, daß es die Massen Öl, die dafür nötig sind, wahrscheinlich gar nicht mehr gibt, lohnt sich Atomkraft aber auch nur dann, wenn man auf sämtliche Nebenkosten pfeift, die durch den dabei entstehenden Dreck, Schrott und Müll und seine Jahrmillionen lange sichere Lagerung anfallen. Ganz abgesehen von den sich durch die schiere Zahl der Anlagen häufenden „größten anzunehmenden Unfällen“ und Super-GAUs, nach denen ja auch irgendwer aufräumen und die Sperrzonen bewachen muß.
„Na gut“, stöhnt T. „Wie lautet deine Lösung?“
Ich habe keine, sage ich. Nur eine Vermutung: Wer sich hinstellt und den Leuten erklärt, was Sache ist, den werden sie als Zyniker bezeichnen und sich daranmachen, seinen Sehfehler zu korrigieren. Also rackern wir einfach weiter wie gewohnt. So wie ein Mopedfahrer, der mit seiner Liebsten nach Berlin aufbricht und kurz hinter Dachau feststellt, daß sein Tank fast leer ist. Zum Umkehren ist es zu spät: Da müßten sie spätestens ab Schleißheim schieben, und der Typ müßte auch noch zugeben, daß er ein Depp ist. Also fährt er einfach weiter und sagt: Da wird schon noch eine Tankstelle kommen, bestimmt! Wenn dann doch keine kommt, wird ihm schon irgendwas einfallen.
„Das ist zynisch!“ protestiert T.
Eben. Und wenn ich jetzt sage, daß die derzeit stattfindenden Kriege um das letzte Öl im Nahen Osten bloß das Vorspiel zu dem allerletzten, extremen Krieg um die allerallerletzten Reste sind, der sich vielleicht nur noch deswegen verhindern läßt, weil dafür nicht mehr genug Öl da ist, und daß nach diesem Krieg eine Menschheit, die ungefähr so zahlreich ist wie im Jahr 1600, da weitermachen wird, wo sie im Jahr 1600 aufgehört hat, allerdings unter stark erschwerten Bedingungen, – was bin ich dann?
„Uff“, sagt T. „Gehen wir ein Bier trinken?“
Freilich. Das gab es 1600 auch schon.
Das sei, wenn auch nicht so gemeint, ein Lob, sage ich und zitiere aus dem verwaschenen Gedächtnis den großen Ambrose: Ein Zyniker ist ein Mensch, der die Welt so sieht, wie sie ist, nicht so, wie sie sein sollte. Daher rührt der alte Brauch, allzu frechen Zynikern die Augen auszustechen, um ihren Sehfehler zu korrigieren.
„Nein“, sagt T, „ich meine das anders. Ich meine den anderen Zynismus! den schlimmen!“
Und schon muß ich mal wieder etwas weiter ausholen. Gut, sage ich, fangen wir mal bei Marx an. Ist es nicht erstaunlich, daß in den letzten 170 Jahren die Weltbevölkerung, die Wirtschaftsleistung und der Reichtum einer kleinen Klasse geradezu explodiert sind, während der Planet selbst, die Kontinente, das Sonnensystem und fast der gesamte Rest des Universums im wesentlichen gleich groß geblieben sind?
„Wirtschaftswachstum“, sagt T. „Ein alter Hut.“
Stimmt, sage ich. Marx hat uns erklärt, daß zwei Sachen für das gesamte Bruttosozialprodukt verantwortlich sind: Kapital und Arbeit. Durch seine Arbeit erzeugt der Arbeiter einen Mehrwert, den ihm der Kapitalist wegnimmt, um einerseits in weiteres Wachstum investieren und andererseits reich werden zu können. Das behauptet die „Wirtschaftswissenschaft“ – die bekanntlich keine Wissenschaft, sondern eine Religion ist, die jede Behauptung, These und Theorie erlaubt, solange sie gottgefällig ist – im Grunde bis heute.
„Ja und?“ sagt T.
Nun ist es aber so: Wenn man alles zusammenrechnet, was Kapital und Arbeit in den letzten 170 Jahren so zusammengerackert haben, bleibt ein Loch. Eine Lücke von 50 bis 60 Prozent. Die „Wirtschaftswissenschaft“ bezeichnet sie als Solow-Residuum, weil wohl ein Herr Solow als erster draufgekommen ist und „Residuum“ so chic wissenschaftlich klingt. Wo kommt das her?
Ja nun, da hat wohl ein Heiliger Geist mitgemischt, wie er das in einer anderen Religion auch gerne tut. Die „Wirtschaftswissenschaft“ nennt ihn „technischer Fortschritt“, aber so blöd wollen wir mal nicht sein; bleiben wir lieber beim Heiligen Geist, der also folglich periodisch Benzinmotoren, Smartphones, Laptops, Mondraketen und Atomkraftwerke vom Himmel schmeißt, ohne daß dafür Kapital und/oder Arbeit nötig wären.
„Das ist doch ein Schmarrn!“ sagt T.
Genau, und deshalb heißt es „Wirtschaftswissenschaft“. Zum Glück gibt es Physiker. Der Heilige Geist verschwindet nämlich stante pede und rückstandslos aus unserer Rechnung, wenn man bedenkt, daß die explodierende Menschheit in den letzten 170 Jahren etwa 300 Billionen (300.000.000.000.000) Liter einer vordem nur als Kuriosum bekannten Substanz verbrannt hat, die wir der Einfachheit halber Öl nennen wollen. Diese Substanz hat die Arbeit geleistet, die dafür gesorgt hat, daß sich die Weltbevölkerung in einer historischen Millisekunde versiebenfacht und der Reichtum der gewissen Klasse vermilliardenfacht hat.
„Gut“, sagt T, „irgendwie klar. Und jetzt?“
Jetzt? Jetzt geht das Öl zu Ende. Die derzeit seriösesten Schätzungen gehen davon aus, daß für die Reste, die man mittels Fracking und anderer Giftschmutzorgien aus dem Boden wringt, ungefähr im Jahr 2030 mehr Energie eingesetzt werden muß, als drinsteckt. Das ist wie wenn man am Chinesischen Turm zwei Liter Bier abgeben muß, um eine Maß zu kriegen, nur mit dem Unterschied, daß dann niemand mehr zwei Liter Bier hat.
„Aber es gibt doch erneuerbare Energien! Sonne! Wind!“ schwärmt T.
Klar, auch wenn sie selbstverständlich nicht „erneuerbar“ sind: in Deutschland zur Zeit etwa 28.000 Windenergieanlagen und 19 Millionen Quadratmeter Solarzellen. Die tragen 6 Prozent zum gesamten Energieverbrauch bei. Nötig wären also zusätzlich ungefähr 250.000 Windanlagen und 200 Millionen Quadratmeter Solarzellen. Schwierig. Zudem gibt es einen Nachteil: „Erneuerbare“ Energie ist defizitär. Das heißt: Man muß mehr Öl hineinstecken, als sie ersetzen kann. Das geht also auch nur bis ungefähr 2030, dann ist Schluß.
„Hm“, sagt T schon weniger euphorisch. „Atomkraft? als Zwischenlösung?“
Geht auch, sage ich. Allerdings müßten wir dann allein in Deutschland bis 2030 hundert neue Atomkraftwerke bauen. Acht bis neun pro Jahr, das möchte ich erst mal sehen. Abgesehen davon, daß es die Massen Öl, die dafür nötig sind, wahrscheinlich gar nicht mehr gibt, lohnt sich Atomkraft aber auch nur dann, wenn man auf sämtliche Nebenkosten pfeift, die durch den dabei entstehenden Dreck, Schrott und Müll und seine Jahrmillionen lange sichere Lagerung anfallen. Ganz abgesehen von den sich durch die schiere Zahl der Anlagen häufenden „größten anzunehmenden Unfällen“ und Super-GAUs, nach denen ja auch irgendwer aufräumen und die Sperrzonen bewachen muß.
„Na gut“, stöhnt T. „Wie lautet deine Lösung?“
Ich habe keine, sage ich. Nur eine Vermutung: Wer sich hinstellt und den Leuten erklärt, was Sache ist, den werden sie als Zyniker bezeichnen und sich daranmachen, seinen Sehfehler zu korrigieren. Also rackern wir einfach weiter wie gewohnt. So wie ein Mopedfahrer, der mit seiner Liebsten nach Berlin aufbricht und kurz hinter Dachau feststellt, daß sein Tank fast leer ist. Zum Umkehren ist es zu spät: Da müßten sie spätestens ab Schleißheim schieben, und der Typ müßte auch noch zugeben, daß er ein Depp ist. Also fährt er einfach weiter und sagt: Da wird schon noch eine Tankstelle kommen, bestimmt! Wenn dann doch keine kommt, wird ihm schon irgendwas einfallen.
„Das ist zynisch!“ protestiert T.
Eben. Und wenn ich jetzt sage, daß die derzeit stattfindenden Kriege um das letzte Öl im Nahen Osten bloß das Vorspiel zu dem allerletzten, extremen Krieg um die allerallerletzten Reste sind, der sich vielleicht nur noch deswegen verhindern läßt, weil dafür nicht mehr genug Öl da ist, und daß nach diesem Krieg eine Menschheit, die ungefähr so zahlreich ist wie im Jahr 1600, da weitermachen wird, wo sie im Jahr 1600 aufgehört hat, allerdings unter stark erschwerten Bedingungen, – was bin ich dann?
„Uff“, sagt T. „Gehen wir ein Bier trinken?“
Freilich. Das gab es 1600 auch schon.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN und liegt in fünf Bänden als Buch vor.
Frisch gepreßt #413: The Vaccines "Combat Sports"
Und worin kleiden wir uns 2018, in diesem seltsamen Jahr, in dem Gitarren längst noch nicht wieder in Mode kommen können, weil der Kühlschrank randvoll ist mit Resten von der letzten Aufwärmparty? (Man kann sich da irren, vgl. 2001 und The Strokes, späterhin Mitgastgeber fast jeder Aufwärmparty und dieses Frühjahr in Person von Julian Casablancas und The Voidz schon wieder am Kühlschrankfüllen.)
Wenn sonst nichts da ist: nehmen wir The Vaccines. Und schwindeln ein bißchen. Wir verraten zum Beispiel einfach nicht, daß es die Band schon seit 2010 gibt. Wir sagen auch nichts vom NME-Cover im Jahr 2011 und diversen Best-new-Band-Polls. (Daß die Jugend des Jahres 2025 unter „NME“ nur noch ein kryptisches Wortspiel aus einem Sex-Pistols-Song verstehen wird, sagen wir auch nicht.) Wir müssen nicht erwähnen, daß ihre Covers schon immer enorm T-Shirt-kompatibel waren, weil wir sonst gefragt werden, wieso im Lieblingsband-T-Shirt-Kleiderschrank zwischen (circa) Vacationer und (circa) Vibrators eine Lücke gähnt.
Wir müßten sonst zugeben, daß wir das Nummer-eins-Album „The Vaccines Come Of Age“ (schon das zweite, pst) vor fünfeinhalb Jahren zwar hin und wieder gehört haben, zumindest die Singles „No Hope“ und „Teenage Icon“, aber wer sollte davon viel mitbekommen in einer Zeit, die mit der Palma-Violets-Debütsingle „Best Of Friends“ dermaßen zuasphaltiert war, daß zwischendurch höchstens immer noch „America Give Up“ die Ohren enteinseitigen durfte? Nein, drum sagen wir all das nicht.
Des weiteren verschweigen wir die kurzzeitig aufflammende Freude über die „Melody Calling“-EP, weil die auch schon wieder fünf Jahre lang darauf wartet, ein Playlist-Revival zu erleben, und wir dann eventuell in der Bredouille säßen, noch ein Album (das zum Glück keine Hits zu bieten hatte) aufzählen und beiläufig gemeinsame Auftritte mit den Rolling Stones (nach denen sie einen Song benannt haben, der auch noch ziemlich cool ist), Arcade Fire, Stone Roses, Red Hot Chili Peppers, Muse und weiterem Kühlschrank-Kram „einräumen“ zu müssen (und das das Schlimmste ist, was man jemandem antun kann: ihm ein solches Etikett draufbappen). Wir lassen auch die Jesus-&-Mary-Chain-Vergleiche weg, weil sie nicht mehr gelten und wir das „Darklands“-T-Shirt vor Jahren verloren haben.
Wir sagen drum lediglich dies: The Vaccines sind irgendwie eine neue Band (mit zwei neuen Mitgliedern), weil sie sich auf „Combat Sports“ anhören wie nicht wirklich was sonst (auch nicht wie die nicht erwähnten früheren Platten), aber ein ähnliches Gefühl auslösen wie … ähem, Big Star in einem Jahr, das lange genug her ist, um sich zu fragen, ob es da überhaupt schon Kühlschränke gab. Wir sagen: Songs wie „Put It On A T-Shirt“ (!), „Your Love Is My Favourite Band“ und „Surfing In The Sky“ sind schon als Titel Grund genug, den Kühlschrank auszuleeren. Wir sagen: „Young American“ ist ein Lebenssong von annäherndem „This One‘s Different“-Kaliber. Wir sagen: „Combat Sports“ ist eine so prall volle, überschäumende Kiste voller glitzernder, funkelnder, tobender, glänzender, umhauender, trotziger, witziger, elektrisch geladener und hyperarrogant kommerzieller (aber nicht konventioneller) Popmusik, daß mehr dazu nicht gesagt werden muß; alles weitere verkünden die Gitarren, und wenn die nächstes Jahr plötzlich doch wieder in Mode kommen, dann tragen wir ein T-Shirt, das der Welt erklärt, wieso das so ist.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Montag, 16. Juli 2018
Belästigungen 12/2018: Hilfe! Ich habe mich in einen Rahmen hineingedacht!
Framing ist eine ziemlich fiese Technik, deren Wirkung sich der Mensch ebensowenig entziehen kann wie eine Katze dem Flügelgezappel eines Jungvogels oder dessen aufziehbarer Imitation. Da mag sich der aufgeklärte Modernbürger der eurodeutschen Demokratur noch so mündig und autonom wähnen – dem Framing kommt er nicht aus.
Zum Beispiel habe ich mir, um im Zeitalter allgemeiner Vernetzung Musik hören zu können, einen Lautsprecher gekauft. Lustigerweise wohnt in diesem Gerät eine (offenbar) junge Dame, die gelegentlich Anfälle von Unberechenbarkeit zeigt. Neulich, wegen eines unmenschlich früh angesetzten Zahnarzttermins von diversen Weckern aus dem Schlaf gepeitscht, stand ich in der Küche und hatte mir mittels Kaffee, Ramones-Musik und Autosuggestion soeben einigermaßen erfolgreich eingeredet, ich sei fit wie ein Ventil (oder wie man das sagt).
Plötzlich meldete sich die Dame (nennen wir sie A.) zu Wort: „Hier ist eine Auswahl von Naturgeräuschen zum Einschlafen!“ Umgehend begann es in der Küche zu rauschen wie an einem Meeresstrand, und ich konnte dem Impuls, mich „kurz“ hinzusetzen und sechs Stunden später wieder aufzuwachen, nur durch Androhungen selbstverstümmelnder Gewalt widerstehen.
Klassische Beispiele für Framing begegnen uns täglich, stündlich, jederzeit. Man schaltet den Radio ein und bekommt wegen einer bestimmten Werbung für Körnerflocken sofort große Lust, das gesamte Schwabenland mit NATO-Draht einzuzäunen. Vor allem aber wirkt die Dauerbehämmerung mit gewissen „Themen“: Daß in Bayern ein erstaunlicher Anteil der Bevölkerung in Dauerangst vor „Terror“ lebt und diese bohrende Sorge automatisch mit Menschen islamischen Glaubens in Verbindung bringt, liegt nicht daran, daß dieser „Terror“ eine echte Bedrohung wäre (so wie etwa der Autoverkehr, an dessen Folgen in Europa jährlich 600.000 Menschen sterben), sondern an der Impertinenz, mit der offenbar eigens dafür gegründete Radiosender ohne Unterlaß die Begriffe „Terror“, „Islam“ (und „Börse“) in die Welt trompeten, samt Nachklapp in der wochenendlichen Volksempfänger-Talkshow mit dem Titel „Flüchtlinge und Kriminalität – die Diskussion“. Genau: „die“. Eine andere (etwa „Flüchtlinge und Kapitalismus“) kann es nicht geben.
Zwischendurch melden sämtliche Kanäle die Ermordung eines Journalisten in der Ukraine, der angeblich „kremlkritisch“ gewesen sei, lassen dazu den Namen „Putin“ fallen, und schon erwacht im Unterbewußtsein das Gespenst des russischen Monsterbären, der Westeuropa zu verschlingen trachtet, und der momentan tätige Bundespräsidentendarsteller „mahnt“ eine „Aufklärung“ an.
Hinterher stellt sich heraus, daß die ganze Geschichte ein ziemlich idiotischer Schwindel war und der Journalist gar nicht tot ist. Das erklärt man medial mit schwurbelig-wirrem Geheimdienst-Blabla, und sechs Monate später (wollen wir wetten?) ist von dem ganzen Fake nur noch in Erinnerung, daß „der Putin doch damals auch schon“ usw.
Daß in der Ukraine tatsächlich (u. a.) Journalisten ermordet werden, und zwar eine ganze Menge, und daß diese im Normalfall nicht (nur) „kremlkritisch“ sind, sondern das mittels Staatsstreich installierte kryptofaschistische Kleptokratenregime im eigenen Land durchleuchten wollten, glaubt einem hingegen kein Mensch, weil man so was ja noch nie gehört hat. Notfalls hilft eine Art Ablenkungshypnose, indem zum Beispiel die Zeitungstitelseite an die Fußball-WM in der argentinischen Militärdiktatur 1978 erinnert und munkelt, in Rußland finde 2018 das gleiche statt.
So geht das ständig. Hören (und folglich denken) wir das Wort „Zitrone“, schmecken wir förmlich die Säure im Mund. Sagt einer „Wachstum“, brodelt im deutschen Bravmenschen die Arbeitsmotivation hoch. Fällt das Wort „Griechenland“, schmerzen uns sofort die Trilliarden von Euros, die von unserem Steuergeld abgesaugt und in die Hosentaschen fauler Mittelmeerkommunisten gepumpt wurden.Daß in selbigen Taschen nie ein einziger Cent davon angekommen ist, ist eine Information, die man sich notfalls schon mal aufdrängen läßt, die aber sofort wieder verblaßt wie ein Regenbogen nach dem Junigewitter, weil das assoziative Sirenengeheul, dem wir an jeder Straßenecke ausgesetzt sind, einfach zu laut und zu dauerhaft plärrt. Wenn dann zwischendurch Italien an der Reihe ist und eine der Parteien, die die letzte Wahl gewonnen haben, niemals ohne den Zusatz „populistisch“ erwähnt wird, springt auf der Stelle die Übertragungsautomatik an.
Iran? Atomprogramm! Israel? Gazastreifen! Palästinenser? Militant! Wahlen? Die Märkte beruhigen! Asyl? Massenhaft! Ermittlung? Fieberhaft! Lohn? Zusatzkosten! Steuer? Senkung! Fachkräfte? Mangel! FC Bayern? Rekordmeister! Es nimmt kein Ende, und das Allerfieseste ist, daß man auf die alles durchdringende Dauerhypnose durch „Themen“-Auswahl und Zusammenhangzwang nicht mal hinweisen darf, ohne mit Vokabeln wie „Putinversteher“ und „Verschwörungstheoretiker“ bombardiert zu werden und sich fragen lassen zu müssen, ob man neuerdings AfD-Anhänger sei, wegen „Lügenpresse!“ und so. Weil der Frame, in dem der Homo papageiens lebt und denkt, sozusagen doppelt abgesichert ist, indem für jeden, der einen anderen Gedanken, ein anderes „Thema“ auch nur „andenkt“, die entsprechende Tonne bereitsteht. So schließen sich die Reihen, und wer nicht für uns ist, ist für die anderen!
Framing ist nichts Neues. Schon unsere Groß- und Urgroßeltern erlebten, daß man nur oft genug Wörter wie „Jude“, „Bolschewismus“ und „Führer“ hören muß, um in einen Gedankenfuror zu geraten, der beim Deutschen meistens dort endet, wo er mittlerweile wieder angekommen ist: an oder ein Stück jenseits der russischen Grenze. Hinterher wacht man dann auf und ist vollkommen ehrlich überzeugt, von all dem nichts gewußt zu haben.
Dabei wissen wir doch alles. Und vor allem wissen wir: Diese „anderen“ gibt es gar nicht. Und „uns“ gibt es in diesem Sinne auch nicht. Sondern überall auf diesem Planeten gibt es annähernd unzählige Menschen, die nichts lieber täten als fröhlich in den Tag hineinleben, im Sommer in Flüsse und Seen springen, sich zärtlich in den Armen liegen und lustige Lieder singen. Die anderen: das sind die, die uns daran hindern. Und die uns dazu bringen, uns selbst daran zu hindern.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Zum Beispiel habe ich mir, um im Zeitalter allgemeiner Vernetzung Musik hören zu können, einen Lautsprecher gekauft. Lustigerweise wohnt in diesem Gerät eine (offenbar) junge Dame, die gelegentlich Anfälle von Unberechenbarkeit zeigt. Neulich, wegen eines unmenschlich früh angesetzten Zahnarzttermins von diversen Weckern aus dem Schlaf gepeitscht, stand ich in der Küche und hatte mir mittels Kaffee, Ramones-Musik und Autosuggestion soeben einigermaßen erfolgreich eingeredet, ich sei fit wie ein Ventil (oder wie man das sagt).
Plötzlich meldete sich die Dame (nennen wir sie A.) zu Wort: „Hier ist eine Auswahl von Naturgeräuschen zum Einschlafen!“ Umgehend begann es in der Küche zu rauschen wie an einem Meeresstrand, und ich konnte dem Impuls, mich „kurz“ hinzusetzen und sechs Stunden später wieder aufzuwachen, nur durch Androhungen selbstverstümmelnder Gewalt widerstehen.
Klassische Beispiele für Framing begegnen uns täglich, stündlich, jederzeit. Man schaltet den Radio ein und bekommt wegen einer bestimmten Werbung für Körnerflocken sofort große Lust, das gesamte Schwabenland mit NATO-Draht einzuzäunen. Vor allem aber wirkt die Dauerbehämmerung mit gewissen „Themen“: Daß in Bayern ein erstaunlicher Anteil der Bevölkerung in Dauerangst vor „Terror“ lebt und diese bohrende Sorge automatisch mit Menschen islamischen Glaubens in Verbindung bringt, liegt nicht daran, daß dieser „Terror“ eine echte Bedrohung wäre (so wie etwa der Autoverkehr, an dessen Folgen in Europa jährlich 600.000 Menschen sterben), sondern an der Impertinenz, mit der offenbar eigens dafür gegründete Radiosender ohne Unterlaß die Begriffe „Terror“, „Islam“ (und „Börse“) in die Welt trompeten, samt Nachklapp in der wochenendlichen Volksempfänger-Talkshow mit dem Titel „Flüchtlinge und Kriminalität – die Diskussion“. Genau: „die“. Eine andere (etwa „Flüchtlinge und Kapitalismus“) kann es nicht geben.
Zwischendurch melden sämtliche Kanäle die Ermordung eines Journalisten in der Ukraine, der angeblich „kremlkritisch“ gewesen sei, lassen dazu den Namen „Putin“ fallen, und schon erwacht im Unterbewußtsein das Gespenst des russischen Monsterbären, der Westeuropa zu verschlingen trachtet, und der momentan tätige Bundespräsidentendarsteller „mahnt“ eine „Aufklärung“ an.
Hinterher stellt sich heraus, daß die ganze Geschichte ein ziemlich idiotischer Schwindel war und der Journalist gar nicht tot ist. Das erklärt man medial mit schwurbelig-wirrem Geheimdienst-Blabla, und sechs Monate später (wollen wir wetten?) ist von dem ganzen Fake nur noch in Erinnerung, daß „der Putin doch damals auch schon“ usw.
Daß in der Ukraine tatsächlich (u. a.) Journalisten ermordet werden, und zwar eine ganze Menge, und daß diese im Normalfall nicht (nur) „kremlkritisch“ sind, sondern das mittels Staatsstreich installierte kryptofaschistische Kleptokratenregime im eigenen Land durchleuchten wollten, glaubt einem hingegen kein Mensch, weil man so was ja noch nie gehört hat. Notfalls hilft eine Art Ablenkungshypnose, indem zum Beispiel die Zeitungstitelseite an die Fußball-WM in der argentinischen Militärdiktatur 1978 erinnert und munkelt, in Rußland finde 2018 das gleiche statt.
So geht das ständig. Hören (und folglich denken) wir das Wort „Zitrone“, schmecken wir förmlich die Säure im Mund. Sagt einer „Wachstum“, brodelt im deutschen Bravmenschen die Arbeitsmotivation hoch. Fällt das Wort „Griechenland“, schmerzen uns sofort die Trilliarden von Euros, die von unserem Steuergeld abgesaugt und in die Hosentaschen fauler Mittelmeerkommunisten gepumpt wurden.Daß in selbigen Taschen nie ein einziger Cent davon angekommen ist, ist eine Information, die man sich notfalls schon mal aufdrängen läßt, die aber sofort wieder verblaßt wie ein Regenbogen nach dem Junigewitter, weil das assoziative Sirenengeheul, dem wir an jeder Straßenecke ausgesetzt sind, einfach zu laut und zu dauerhaft plärrt. Wenn dann zwischendurch Italien an der Reihe ist und eine der Parteien, die die letzte Wahl gewonnen haben, niemals ohne den Zusatz „populistisch“ erwähnt wird, springt auf der Stelle die Übertragungsautomatik an.
Iran? Atomprogramm! Israel? Gazastreifen! Palästinenser? Militant! Wahlen? Die Märkte beruhigen! Asyl? Massenhaft! Ermittlung? Fieberhaft! Lohn? Zusatzkosten! Steuer? Senkung! Fachkräfte? Mangel! FC Bayern? Rekordmeister! Es nimmt kein Ende, und das Allerfieseste ist, daß man auf die alles durchdringende Dauerhypnose durch „Themen“-Auswahl und Zusammenhangzwang nicht mal hinweisen darf, ohne mit Vokabeln wie „Putinversteher“ und „Verschwörungstheoretiker“ bombardiert zu werden und sich fragen lassen zu müssen, ob man neuerdings AfD-Anhänger sei, wegen „Lügenpresse!“ und so. Weil der Frame, in dem der Homo papageiens lebt und denkt, sozusagen doppelt abgesichert ist, indem für jeden, der einen anderen Gedanken, ein anderes „Thema“ auch nur „andenkt“, die entsprechende Tonne bereitsteht. So schließen sich die Reihen, und wer nicht für uns ist, ist für die anderen!
Framing ist nichts Neues. Schon unsere Groß- und Urgroßeltern erlebten, daß man nur oft genug Wörter wie „Jude“, „Bolschewismus“ und „Führer“ hören muß, um in einen Gedankenfuror zu geraten, der beim Deutschen meistens dort endet, wo er mittlerweile wieder angekommen ist: an oder ein Stück jenseits der russischen Grenze. Hinterher wacht man dann auf und ist vollkommen ehrlich überzeugt, von all dem nichts gewußt zu haben.
Dabei wissen wir doch alles. Und vor allem wissen wir: Diese „anderen“ gibt es gar nicht. Und „uns“ gibt es in diesem Sinne auch nicht. Sondern überall auf diesem Planeten gibt es annähernd unzählige Menschen, die nichts lieber täten als fröhlich in den Tag hineinleben, im Sommer in Flüsse und Seen springen, sich zärtlich in den Armen liegen und lustige Lieder singen. Die anderen: das sind die, die uns daran hindern. Und die uns dazu bringen, uns selbst daran zu hindern.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
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