Mittwoch, 13. Februar 2019

Frisch gepreßt #429: itoldyouiwouldeatyou "Oh Dearism"


Da drüben an der Ecke steht der stinkige alte Kulturkonservativist und erzählt mal wieder jedem, der vorbeikommt und Ohren hat, daß in der Pop- und sowieso der Rockmusik alles längst gesagt und vorbei und mehr als imitierende Repetition schon deswegen nicht mehr möglich ist, weil der Zahl der – eben – Möglichkeiten von der Natur weite, aber unüberwindliche Grenzen gesetzt sind. Ist ja auch gut so, sagt sein Faulpelz von Assistent, der seit dreißig Jahren jedes Lebenszeichen seiner damals bevorzugten Indie-, Alternative- und Sonstwas-Helden chronistenpflichtig verzeichnet und vermerkt und alles andere höchstens epigonal einsortieren bzw. ausblenden kann oder mag. Denn, sagt er, über manch eine „Entwicklung“ hüllen sich völlig zu Recht filternde Schleier des Vergessens.
Da immerhin sind wir uns einig. Emo zum Beispiel, kann sich jemand erinnern? Eine ganze Welle von Buben in knielangen Hosen, die aussahen wie karikierte Heilige in Mangaversionen biblischer Tragödien und sich ein Universum von Melodie, Stringenz und poetischer Verdichtung entfernt Lunge und Seele aus dem dürren Leib krähten, um der Welt mitzuteilen, daß ihr Mädel böse und weg und mit jemand anderem zusammen ist. Klar, die Erinnerung ist ungerecht, aber im wesentlichen war‘s das doch, was uns, angefangen wahrscheinlich mit dem schönen, Äonen nicht und von niemandem mehr gehörten Album „Dark Days Coming“ von 3, diese ganze Genregeneration hinterlassen hat. Liegt im Giftkeller, sicher versperrt mit der beruhigenden Gewißheit: Auf so eine dumme Idee kommt niemand mehr oder frühestens im Jahr 2100, wenn der letzte überlebende Zeitzeuge keiner mehr ist.
Ha! Und dann kommt mal wieder der Sailer daher, der sich bekanntermaßen zuerst immer die neuen Platten anhört, die sonst keiner hören will, die aber irgendwas an seinem mutierten Interesseorgan anrühren. Zum Beispiel mit einem rätselhaft schönen Cover und einem Titel wie „Oh Dearism“, den man intuitiv-ästhetisch versteht und doch nicht begreift – schon deswegen, weil er ein Zitat ist (Adam Curtis, bitte googeln!), aus dem sich ein weites Gespinst von Gedankengängen entfaltet, die das seltene Kunststück fertigbringen, ein Leuchten ins Gehirn zu zaubern.
Und dieser Sailer kommt dann mit einer Band daher, von der man sich zufällige Zehnsekundenschnipsel anhören könnte, ohne sie wiederzuerkennen, von denen aber jeder einzelne faszinierende Assoziationen (jeweilige Gipfelhöhepunkte von Progrock, Punkrock, hymnischem Stadionpop u. v. m.) auslöst. Da muß man einfach weiterhören, alles hören, und wenn man das tut, von Anfang dieses grandiosen, grandios ausufernden Albums an bis zum letzten Ton, dann ist man durch einen Mahlstrom der Begeisterung gedreht ein neuer Mensch geworden. Es ist im Grunde, zumindest per Behauptung, tatsächlich Emo, was diese junge Band aus London veranstaltet, aber es ist erstens so reich an Ästen, die in alle Richtungen wachsen, daß der Begriff ins Leere fällt. Es ist zweitens so gut, so unfaßbar schön und gut, daß Begriffe sowieso nicht hinreichen. Es ist drittens so gewaltig, ein solcher Planet von Kleinigkeiten, Details, Melodien, Rhythmen, Tempi, Gefühlen, Bildern, von denen nicht das winzigste fehl am Platz oder störend wirkt, daß man sich beim Hören derart biedere Gedanken gar nicht machen kann.
Okay, auch Joey Ashworth, Sänger und irgendwie Kopf der Band, weiß, was Emo soll, aber selbst eine Zeile wie „I was better when I was a baby / I only cried when I was tired or hungry“ (aus der unbeschreiblich schönen Single „Young Americans“) klingt aus seinem Mund nicht wehleidig, sondern poetisch, und das ist sie ja genau betrachtet auch. Über was Ashworth schreit, weint, die meiste Zeit aber singt, ist mehr mehr mehr, politisch, soziologisch, psychologisch im besten Sinne „progressiv“, anrührend, mitreißend, gehirnfunkend, geistreich, nachvollziehbar, anregend, ein Kosmos der Ideen und Gedanken, die andere akademisch in Leder binden ließen, die er aber per Emotion direkt ins Herz schießt. Und dazu: Melodien! Melodien! Songs! traumhafte Harmonien! Wut, Liebe, Begeisterung!
Wenn es je eine Platte gab, die den Schreiber dieser Zeilen beim Hören nicht nur mit ihrer Schönheit umgerissen, sondern zugleich klüger gemacht hat, in der er versunken ist wie in einem Ozean purer Empfindung, dann ist es diese. Wenn es je eine gab, die er dem Kulturkonservativisten und seinem hartleibigen Assi nicht nur ans Herz legen, sondern am liebsten per Rezept verordnen möchte – und dem Rest der Welt dazu – dann ist es ebenfalls: diese. Heureka Halleluja.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Montag, 4. Februar 2019

Belästigungen 22/2018: Vom Borderline-Narzißmus unserer elektrischen Lebensgefährten

Der Herbst, vor allem der späte (in dem man selbst in Zeiten der Erderwärmung nicht mehr jeden Tag in die Isar hüpfen kann), ist eine seltsame Zeit. Da kommen Sachen zurück, an die man längst oder überhaupt keinen Gedanken mehr verschwendet hat. Damit meine ich (heute mal) nicht das angedrohte Comeback des möglicherweise schlimmsten Wirtschaftsfaschisten der 90er und Nuller-Jahre, der die letzte Zeit als Vorsitzender der notorischen „Atlantik-Brücke“ und Lobby-Pusher diverser Geldzentrifugen bis hin zum Weltvampir BlackRock (dessen deutschem Aufsichtsrat er vorsteht) damit zubrachte, unter anderem den deutschen Steuerzahlern dutzende Milliarden abzusaugen, und nun via Vorsitz der Größtpartei – für die er einst den Kampfbegriff „Deutsche Leitkultur“ ersann – sein soziales Vernichtungswerk zu vollenden trachtet.
Nein, für solch unerfreuliche Echo-Pömpeleien aus „Christiansen“-Zeiten hat ein empfindsamer Mensch zumindest im Herbst weder Nerv noch Zeit. Zumal er davon sowieso wenig mitkriegt, weil ihm eine vordem vollkommen unbekannte Organisation namens „PŸUR“ das zum Konsum der Nachfolgeformate selbiger Propagandaschau nötige Signal im Rahmen der offenbar staatlich beschlossenen „Volldigitalisierung“ abgeschaltet hat und der Fernseher nur noch das zeigt, was auch beim Blick in den Herbsthimmel das Bild erfüllt.
Dies berichtet dem seit Jahren fernsehabstinenten Berichterstatter die verzweifelte Freundin A, die hinzufügt, sie wisse noch nicht mal, wie man diese Organisation eigentlich ausspricht, und schon gar nicht, wer sie ermächtigt hat und wo sie überhaupt herkommt. Im Internet nachschauen könne sie nicht, weil ihr Computer, der monatelang vergeblich darauf wartete, daß sie vom Baden zurückkommt und ihn doch mal einschaltet, beim ersten solchen Versuch nur noch ein sanft blinkendes Fragezeichen zeigte und bei weiterem Nachbohren meldete, beim Wiederherstellen des ursprünglichen Aktivierungszustands sei „das Problem -69842“ aufgetreten.
Ganz anders C, der zur Verständigung mit der Außenwelt neuerdings auf sein rumpelndes, rauschendes und hin und wieder gewittrig donnerndes Festnetztelephon (ein Begriff, unter dem meine Oma etwas vollkommen anderes oder nichts verstanden hätte) zurückgreifen muß, weil das sauteure Smartphone (dito) nur noch seltsame Symbole anzeigt und gleichzeitig das Heimnetzwerk in eine Endlosschleife von gescheiterten Verbindungsaufbauarbeiten gefallen ist. Da sei wohl wenig zu machen, habe ihm ein „Experte“ mitgeteilt, weil es zur Reparatur eines nicht funktionierenden Netzwerks dringend eines funktionierenden Netzwerks bedürfe. Oder so ähnlich.
T wiederum, dessen „schwere Ausnahmefehler“ einst auch deswegen Stammtischthema waren, weil sie regelmäßig zu Wutanfällen und schließlich via Möbelzerstörung zur Scheidung und folgenden vorübergehenden Totalvereinsamung vor nicht mehr reagierenden Bildschirmen führte, trägt neuerdings eine Apple-Watch spazieren, von der niemand weiß, was er eigentlich damit anstellt. Das heißt: trug. Nämlich ließ er sich gedankenlos auf ein Softwareupdate ein, das kurz darauf vom Mutterkonzern zurückgezogen wurde, leider aber schon irreparablen Schaden angerichtet hatte, weshalb die Watch ausgetauscht werden muß, was aber dauert, weil er so viele Leidensgenossen hat.
OLED-Displays, Notch-Funktionalitäten, GUID-Partitionen, Triple-Kamera-Einheiten, WD6400BEVT-22A0RT0-Containermedien, Sealed-Sender-Signale, Waymo-Steuersysteme, Google-Doodles, Wordpress-Integrationen, Selective Sync Options, Pixeldichte-Erkennung, Travel-Mug-HealthKits, RSS-Feeds, WearSpaceNoiseCancelling … alles bricht zur Zeit ständig ab oder zusammen, wird gehackt oder von innen zersetzt. Die Smart-Home-Kaffeemaschine glotzt den ganzen Tag Basketball, das Mailprogramm schickt sich selbst Drohbotschaften mit Bitcoin-Forderungen, während in sämtlichen Ecken der verkabelten Wohnung alle möglichen Geräte mit vergeblichen Neustarts und Reformatierungen beschäftigt sind. Der Radio berichtet, ein Programm zur automatischen Kündigung mißliebiger Mitarbeiter habe als ersten den Mitarbeiter automatisch entlassen, der das Programm programmiert hatte. Dann meldet auch noch das automatisierte Tageshoroskop: „Heute erkennen Sie sehr genau, was sie fühlen sich von sich, aber auch Ihren Mitmenschen erwarten.“ Gaga akut!
Und nie – das ist das verbindende Merkmal des gesamtelektronischen Nervenzusammenbruchs, in den die Welt offenbar geraten ist – nie sind die Gadgets, Teile, Apps, Units und Programme selber schuld. Immer ist ihnen angeblich irgendwas von außen zugefügt oder angetan oder angefügt oder zugetan worden, von nicht benennbaren Geistern oder uns selbst oder notfalls russischen Hackern, die uns ja schließlich auch den derzeitigen US-Präsidentendarsteller aufgehalst haben.
Das wirft einen Verdacht auf, den (ungefragt per Spam) ein „Doktor der Philosophie und Life Coach“ verstärkt: „Der Narzißt“, berichtet er, „glaubt mit schlechtem Zugang zu seinem Selbst seine Gefühle immer von außen verursacht und empfindet dafür folglich auch keine Verantwortung“. Das kennt fast jeder aus Zeiten der Schwerstpubertät, und daß gleichzeitig das Festplattendienstprogramm meldet, es könne eine beschädigte Partition nicht reparieren, weil es selbst Teil dieser Partition sei, unterstreicht den Verdacht. Rasche Stimmungswechsel aufgrund solcherart gestörter Selbstwahrnehmung sprechen ebenso für das zusätzliche Vorliegen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung wie suizidale Handlungen, Selbstverletzungsverhalten, chronische Gefühle von Leere (zum Beispiel nach der Löschung einer Festplatte) und zwanghafte Versuche, ein Verlassenwerden zu vermeiden (wer schon mal sechzehn Stunden vor einem zickenden Laptop saß, weiß, was ich meine).
Warum es gerade im Herbst vermehrt zu so was kommt? Wir können es nur vermuten oder Analogien zum eigenen Weltschmerz unter trüben Himmeln ziehen. Die Elektropsychologie ist ein Gebiet, das noch wenig erforscht wird. Der Freistaat Bayern zum Beispiel pumpt zwar 20 Millionen Euro in den Ausbau eines „Zentrums für künstliche Intelligenz“, das aber vorrangig BMW beim Bauen menschenloser Autos helfen und über einen „Neurobiotik-Simulator“ das Hirnmodell einer Maus nachbilden soll.
Allerdings: auch das könnte eine Gewichtung sein, an der kein organisches Lebewesen beteiligt war, sondern nur ein schwermütiger Algorithmus. Der möglicherweise auch den eingangs erwähnten Merz wieder in die Welt gepufft und sich anschließend vor Gram selbst gelöscht hat.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Samstag, 2. Februar 2019

Frisch gepreßt #428: The Rolling Stones "Beggars Banquet"


Was für eine hübsche (auto)biographische Koinzidenz: Während die erste (wichtige) Platte meines Lebens (heißt: zwei Platten, siehe das letzte Heft) noch Tag um Tag den Tag in ein Wunderland klirrbunter Erinnerungen taucht, schwuppt nach dem „Weißen Album“ der Beatles das unfreiwillig ebenfalls zumindest kerzenwachsweiße Album der Rolling Stones daher – und die Aufarbeitung des historischen Materials könnte unterschiedlicher nicht sein.
Aber erst mal ein bisserl (Auto)bio: Im Winter 1968/69 war – abgesehen vom Doors-Debut und wochenweisen Leihgaben (Monkees und Beach Boys) das Beatles-Album die einzige Musik in meinem Leben, die erste als „eigen“ empfundene sowieso. Aber selbst „Revolution 9“ lackierte sich nach wochenlangem Dauerdrehen mit einer Schicht von Repetitivität (und wurde auswendig, wenn auch rein phonetisch mitgesungen). Das erwachte Popbewußtsein hungerte nach mehr – und stürzte im Frühjahr 1969 den damals fünfjährigen Autor in zwei Dilemmata: Zunächst mußte aufgrund begrenzten Budgets nach Besuchen der Spielwarenhandlung Obletter und des Musikfachgeschäfts Lindberg (mit telephonzentralenähnlicher Abhörabteilung) zwischen Akustik (Platte) und Optik/Haptik (Matchboxauto) entschieden werden. Was relativ leicht fiel (Popbewußtsein!).
Dann folgte die schwierigere Wahl, die bis heute nicht auf ewig entschieden ist und Züge einer harmlosen Form von Schizophrenie trägt: Zwar ruderten damals auch die Beatles irgendwie zurück zu (ihren) Wurzeln, aber die Stones taten das nach dem Psychedelic-Schnickschnack des „Summer of Love“ mit einer solchen Vehemenz, daß man sich ab da entscheiden mußte: dies oder das! (Es kam zu Scheidungen und zersplitterten Freundeskreisen.)
Mein Herz schwankte und schwankt, aber zu mindestens 51 Prozent gehört es den Rolling Stones, die sich so einen „Schmarrn“ (in den Ohren des Fünf- bis Zwanzigjährigen) wie „Julia“, „Long Long Long“ und „Good Night“ sparten und dafür im Innenklappcover als wilde Halbkriminelle auf der dekadentesten Gelage-Nachparty zu sehen waren, die man sich nur vorstellen konnte – im gewaltschwangeren Dreivierteldunkel, das auch Songs wie „Sympathy For The Devil“, „Street Fighting Man“, „Stray Cat Blues“, „Parachute Woman“ und selbst „Salt Of The Earth“ verschattete. Kaum Zweifel: Die Beatles wollten spielen, die Stones umstürzen, was auch immer.
Es gibt nicht viele Musikaufnahmen, die nach fünfzig Jahren weder etwas von ihrer Brisanz, Dynamik, Effektivität, Abenteuerlichkeit, Frische, Energie und Brillanz verloren noch einen völlig anderen Charakter angenommen haben. „Beggars Banquet“ ist eine davon: Legt man die Platte heute auf, hebt sich augenblicklich der Vorhang, und 2018 verwandelt sich in das epochale, monströse Jahr 1968 (in dessen Dezember sie erschien) und seine diabolisch chaotische Nachgeburt 1969 (als idealisiertes Phantasiegemälde, das sie übrigens damals schon waren). Da ist kein Ton auch nur um einen Baumring „gealtert“, und was davon und wie angeblich 2018 „remastered“ wurde, überlassen wir den Hi-Fi-Freaks. Für alle übrigen Erdbewohner gilt: Dieses Album allein rechtfertigt die Anschaffung eines Vinylplattenspielers und der lautesten Lautsprecherboxen der Welt.
Die Dualität zwischen Popkönigen und Outlaws spiegelt sich heute übrigens auch oder vor allem in der erwähnten Aufarbeitung: Die Beatles waren damals (zerstritten und juristisch verstrickt, aber dennoch) Herren ihrer eigenen Schöpfung. Die Rolling Stones sperrte man ins Gefängnis, klaute ihnen die Songs und gab ihnen die Rechte daran bis heute nicht zurück. Deswegen ist diese „Anniversary Edition“ im Grunde ein Witz: Als „Bonustrack“ gibt es „Sympathy For The Devil“ in mono, als „Bonusmaterial“ das damals von Decca untersagte Toilettencover und eine Flexidisc mit Mick-Jagger-Radio-Telefon-Bla. Sonst nichts. Was andererseits auch nicht nötig und eigentlich symbolisch ziemlich treffend ist (und alles übrige haben der Nerd und der biographisch Betroffene ja sowieso längst auf hundert Bootlegs).

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Mittwoch, 30. Januar 2019

Frisch gepreßt #427: The Beatles „The Beatles (Super Deluxe Edition)“


1968. Ein normaler Beatles-Januar, der sechste: „Hello Goodbye“ führt die UK-Charts an, die Band eröffnet die Zentrale ihres Apple-Konzerns in Marylebone. Zwölf Monate später werden fast alle existierenden Ehen, Partnerschaften und die Band selbst geschieden, gescheitert, geplatzt sein.
Ticker: Im Januar nehmen die Beatles „Lady Madonna“ und Songs für ein Album mit dem Arbeitstitel „Get Back“ auf. Am 16. Februar fliegen John und George nach Indien, um Maharishi Mahesh zu besuchen, Ringo und Paul folgen. Der bärtige Guru schenkt George zum 25. eine Weltkarte aus Plastik. Derweil wird unter Fanprotesten der Liverpooler Cavern-Club geschlossen.
Ringo kehrt als erster zurück, um mit Elizabeth Taylor und Richard Burton die Premiere von „In 80 Tagen um die Welt“ zu feiern. Paul und Jane Asher folgen 14 Tage später, als „Lady Madonna“ Platz eins erreicht. Am 12. April sind alle wieder in London – enttäuscht vom Guru, der angeblich Mia Farrow begrapscht hat. Am 20. April bittet Apple per Anzeige um Demobänder, um die Einsender zu Millionären zu machen. Tags darauf wird bekannt: Die Beatles haben die Prüfungen der „Akademie für Transzendentale Meditation“ nicht bestanden.
Am 30. Mai beginnen im Abbey-Road-Studio zwei die Aufnahmen für ein unbetiteltes Album mit dem programmatischen Song „Revolution“ (1 und 9). Gast im Studio ist ein neues Gesicht: Yoko Ono. Die Arbeit gestaltet sich schwierig, weil alle vier mit einem Berg Songs ankommen und von Produzent George Martin verlangen, jeder einzelne müsse veröffentlicht werden. Sogar Ringo hat Sachen dabei, von denen es aber nur „This Is Some Friendly“ als „Don’t Pass Me By“ aufs Album schafft.
Erstmals sind Gastmusiker wie Eric Clapton (auf Harrisons „While My Guitar Gently Weeps“) dabei, erstmals singt eine Frau (Yoko Ono auf „The Continuing Story Of Bungalow Bill“), erstmals nehmen alle getrennt voneinander Songs auf, teilweise ohne die anderen zu informieren, in drei Studios gleichzeitig. Anfang August erwischt Ringo Paul dabei, wie er selbst Drums aufnimmt, und erklärt seinen sofortigen Ausstieg.
Das stört die Aufnahmen nicht sonderlich. Ohnehin waren Ringo und George schon Anfang Juni eine Woche ferngeblieben, um in den USA für Ravi Shankars Film „Raga“ vor der Kamera zu stehen. Als die australische BBC am 11. Juni die Aufnahmen filmt, ist nur Paul da und nimmt „Blackbird“ auf. John besucht derweil (erstmals öffentlich mit Yoko) die Theaterbearbeitung seines Buchs „In His Own Write“, George produziert Jackie Lomax. Ende Juni sind fünf Songs einigermaßen fertig.
365 weiße Luftballons verkünden am 1. Juli die Eröffnung der Ausstellung „You Are Here (To Yoko From John Lennon, With Love)“ in Mayfair. John verkauft seinen „psychedelisch“ lackierten Rolls Royce, eine Woche später sein Haus, die BBC sendet erste Ausschnitte aus „Yellow Submarine“. Während die Beatles eine über 27minütige Version von „Helter Skelter“ einspielen, trennt sich Jane Asher per TV von Paul. Eine Woche später schließt die Apple-Boutique und verschenkt ihr Inventar. Paul nützt den leeren Laden, indem er die Titel der nächsten Single aufs Schaufenster schmiert: „Hey Jude“ und „Revolution“. Am 22. August reicht Cynthia Lennon die Scheidung ein. Die bei den Sessions stets anwesende Yoko ist unübersehbar schwanger. Am 30. August erscheint „Hey Jude“, verkauft sich in drei Tagen über eine Million mal und bleibt bis Ende der Aufnahmen auf Platz eins der UK-Charts.
Als Ringo am 5. September wieder ein Beatle wird, findet er sein Schlagzeug mit einem Berg Blumen überschüttet. Erste Session mit Aushilfsproduzent Chris Thomas (George Martin ist in Urlaub): 17 Versionen von „Helter Skelter“. Am 13. Oktober spielt John „Julia“ als 32. und letzten Song ein, der Mix zieht sich noch Tage hin. Währenddessen entsteht gleich noch die Musik zu „Yellow Submarine“.
Am 18. Oktober werden John und Yoko wegen Drogen verhaftet und tags darauf auf Kaution entlassen. Zwei Tage nach der Ankündigung, sein Kind komme im Februar zur Welt, ist John geschieden; am 31. Oktober zieht Linda Eastman mit Tochter bei Paul ein. Im Queen Charlotte’s Hospital, wo John auf dem Boden übernachtet, „produzieren“ Yoko und er „Unfinished Music No.1 – Two Virgins“, das am 11. November erscheint. Zehn Tage später nimmt John die letzten Herztöne seines sterbenden Sohns auf. Kaum jemand kriegt mit, daß Ringo und George eigene Musikverlage gründen.
„The Beatles“ kommt am 22. Oktober 1968 in die Läden, mit 30 Tracks das erste und bis heute DAS klassische Doppelalbum der Popgeschichte. Jetzt: umfaßt es 107 Tracks auf sechs CDs und ist vielleicht das einzige Album, das durch den Deluxe-Wahn keinen Deut weniger grandios wird, sondern eher ein noch trefflicheres Abbild jener wilden, wirren Zeiten bietet (ebenso wie das beigelegte Poster, das gerne Quadratkilometerformat haben dürfte).

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Montag, 28. Januar 2019

Frisch gepreßt #425: Fucked Up "Dose Your Dreams"


Hardcore ist ein höchst eigentümliches Genre. Es entstand Ende der 70er Jahre und beruhte auf der (mutmaßlich irrigen) Annahme, die Unbeholfen- und -gehobeltheit, die den Bands der dritten bis fünften Punkrockliga mangels künstlerischer und handwerklicher Mittel mehr oder weniger zwangsläufig unterlaufen war, sei in Wirklichkeit ein Stilmittel oder müsse zumindest unbedingt zu einem solchen erhoben werden. Man verzichtete folglich auf alles, was den Verdacht eines Strebens nach Schönheit oder Anspruch, nach Verfeinerung, Tiefe und Ambivalenz erregen hätte können, und konzentrierte alle Kraft und Energie darauf, das nackte Geräuschgerüst so massiv, laut, grimmig, brutal und primitiv wie nur möglich in die Welt zu wuchten.
Das Ergebnis war manchmal beeindruckend brillant (etwa auf den ersten beiden Alben der UK Subs), oft peinlich bis lächerlich und grundsätzlich witzlos. Hardcore zeigte den Zustand der verrotteten, kurz vor der endgültigen Explosion stehenden Welt und Gesellschaft ungefiltert eins zu eins: Statt Atombomben melodisch zu beklagen, zündete man sie.
Jedes Genre hat seine Grenzen, und da es sich bei Hardcore um ein Genre handelte, dessen Grenzen per Grundannahme so eng, stramm und eisern festgezurrt waren, daß kein Haar darüber hinausragen durfte, drehte sich die Sache bald ziemlich im Kreis, so ungefähr wie ein Propeller, dessen Rotoren durch die Beschleunigung immer kürzer werden und sich deswegen immer schneller drehen. Jeder über „Schramm!“ hinausgehende Gitarrenton, jede rhythmische Synkope, jede vokale Äußerung, die sich von einer kehlkopfkrebskranken Luftschutzsirene unterschied, wies den Urheber als Ketzer aus, der umgehend ins Reich der Popmusik verstoßen wurde. Spätestens Mitte der 80er war Hardcore im wesentlichen eine stetig wachsende Ansammlung auch optisch identischer wandelnder Mülltonnen, deren ununterscheidbare akustischen Ausstoßungen, auf Samplerreihen wie „Killed By Death“ dokumentiert, die Hirnlähmung abbilden, die sie zugleich erzeugen.
Das ist inzwischen völlig anders, zumindest punktuell, zumindest bei Fucked Up, deren Name auf den ersten Blick so klischeemäßig wirkt, daß die Ironiefahne, die dahinter herauslappt, nicht zu übersehen ist. Fucked Up gelten als Hardcoreband, der „Gesang“ von Damian „Pink Eyes“ Abraham scheint (!) die Einordnung zu bestätigen, aber alles andere (und letztlich auch das) ist das exakte Gegenteil (auch von sich selbst). Das fängt an bei Künstlernamen wie 10.000 Marbles, Concentration Camp/Gulag, Mustard Gas, Young Governor und, ähem, Mr Jo, die an eine historiopsychotisch entgleiste Phantasie von Cpt. Beefheart denken lassen. Und es endet noch lange nicht bei dem Anspruch, auf dem neuen Album eine Rockoper zu inszenieren, die den Helden ihrer letzten Rockoper („David Comes To Life“, 2012), der zufällig so heißt wie der musikalisch nicht beteiligte Chefdenker David Eliade, durch eine Welt aus Gier, Konsumismus und Social-Media-Wahn begleitet, auf der Suche nach der Fähigkeit zu träumen, strukturell angelehnt an die 18 Kapitel von James Joyce‘ „Ulysses“ und vertont mit einem Riesenaufgebot an Instrumenten, Gästen, Arrangements, Brüchen, Zwischenspielen, Anleihen aus so ziemlich jeder coolen Richtung von Doo-wop bis Krautrock.
Und das soll Hardcore sein? Irgendwie schon, anders verstanden, als Ultraradikalität, was die stilistischen und sonstigen Mittel angeht – um alles, was gängig und gewöhnlich ist, machen Fucked Up seit jeher einen galaxisweiten Bogen. Man höre als zufälliges Beispiel mal ihren „Song“ „Looking For Gold“ von 2004: 16 Minuten, 18 Gitarren, drei Minuten Schlagzeugsolo und sechs Minuten Pfeifen. Aber die Frage, was es ist, läßt sich eigentlich nur mit dem Gegenteil von allem beantworten. Und das ist vollkommen egal.
Derartige Ansprüche gehen leicht mal in die Hose und sind in der Geschichte der populären Musik fast immer in die Hose gegangen. Und das ist das eigentlich Erstaunliche, was dieses Album über alle Kuriosität hinaus zur echten Sensation macht: Hier geht NICHTS in die Hose, kein Song, keine Passage, keine Zeile, kein Ton. Schon nach den ersten vier Tracks des Doppelalbums ist selbst dem tumbsten Hörer klar: Hier werde ich nicht verarscht oder überfordert, sondern mitgerissen in ein tobendes Destillat feinster Ohrwürmer und Instant-Klassiker, die mich den Rest meines Lebens begleiten und begeistern werden.
Dies ist dabei aber ein Album, das so randvoll ist mit Geschichten, Rätseln, Doppel- bis Fünffachdeutigkeiten, mit Poesie und Genie, daß es über die grandiose Musik hinaus Stoff für tatsächlich ein ganzes Leben bietet. Stellen wir es ins Regal mit den größten Doppelalben aller Zeiten, irgendwo zwischen „The Beatles“, „London Calling“, „Exile On Main Street“, „Warehouse: Songs & Stories“ und so weiter, ziehen wir es immer wieder raus und legen es auf und danken wem auch immer, daß er uns einst die UK Subs geschenkt hat, ohne die – so absurd das klingt – es „Dose Your Dreams“ wahrscheinlich nicht gäbe.

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Belästigungen 21/2018: Der Mensch muß „los“! Und dann … ist er weg (wie alles andere auch)

Wir leben in mobilen Zeiten. Das bringt manchmal bizarre Auswüchse hervor. Zum Beispiel tendieren in meinem Wohnbereich Schlüssel, Telephone, Tabakbeutel, Kaffeelöffel, Haarspangen (nicht meine!) und andere Kleinteile dazu, plötzlich in Aufbruchsstimmung zu geraten und sich auf den Weg zu machen. Sucht man sie, sind sie … na ja, mutmaßlich irgendwo dort, wo man halt gerade so hinfährt, weil man da ein Praktikum machen oder Fitneßtätigkeiten betreiben kann. Gibt man die Suche erschöpft auf und kauft oder bestellt Ersatz, trudeln sie plötzlich wieder ein und tun so, als wär nichts gewesen.
Aber da sich dieses Phänomen auf meinen Wohnbereich beschränkt, hat es auf die allgemeine Weltlage weniger Einfluß. Wesentlicher ist, was die dafür zuständigen Damen und Herren für unsere Zukunft so vorhaben und zum Teil schon in die Tat umsetzen.
Die Zukunft, sagte einst Karl Valentin (so ungefähr), war früher auch besser. Der Papst sagt: Wichtig sei es, „Zukunft zu schaffen“. Die kommt nämlich nicht einfach so aus Kalendern und Uhren heraus! Gleichzeitig (während mir der Radio diesen Bullshit ans Ohr klebt) strömen laut Nachrichten 95 Prozent aller Regierungschefs der Welt zur UN-Vollversammlung nach New York, und man fragt sich, wann die Gelegenheit für einen James-Bond-mäßigen Schurken, der die Weltherrschaft anstrebt, je günstiger war: Der müßte seine Schergen ja praktisch nur noch hineintrommeln in die verwaisten Regierungspaläste, und schon könnte er genau die Zukunft schaffen, die seinesgleichen seit Goldfinger, Largo und Blomfeld erträumen.
Andererseits: Wie sollen Schergen von Großbösewichten heutzutage und erst recht im nahen Übermorgen irgendwo hinkommen? Wenn sie nicht an der ersten Straßenecke in ein selbstfahrendes Teslamobil hineinkrachen, das gerade einer feiernden Teenagermeute ausgewichen ist, hagelt und wimmelt es an der nächsten Straßenecke (eine Postfiliale!) nur so von Amazon-Lieferdrohnen, die dringend benötigte weitere Drohnen in die Bestellhaushalte hineinliefern müssen, aber nicht können, weil die dortig einwohnenden Besteller jobtätig sind und daher mobil (also ähnlich unterwegs wie meine Tabakbeutel und Briefkastenschlüssel).
Dann rumpelt eine Herde autonomer Lieferwagen daher, die zwar (wie der experimentelle Hersteller vermutet) „Verkehrszeichen und Ampeln erkennen können“, mit erratisch herumtobenden Hunden und einem plötzlich einsetzenden Gewitter aber heillos überfordert sind und sowieso ebenso niemanden antreffen wie die Lieferdrohnen, also wieder zurückfahren, irgendwohin.
Hinzu kommt: der normale Autoverkehr, der bis zum plötzlichen Zusammenbruch der Erdölwirtschaft noch mindestens zehn Jahre lang anschwellen, röhren und die Städte verstopfen wird – zumal die einzelnen Autos in den letzten zwanzig Jahren um jeweils zehn Kubikmeter Volumen, eineinhalb Tonnen Gewicht und dreihundert PS Terrorstärke gewachsen sind, dafür aber statt einstmals drei bis fünf nur noch je einen Insassen transportieren. Hinzu kommen Logistikpanzer, die das Zeug, das in die Lieferdrohnen und autonomen Lieferwagen hineingestopft und in der Gegend herumturbuliert wird, von Stadt zu Stadt karren. Hinzu kommen am Ende dann auch noch Ministerpräsident „Bavaria One“ und sein Autoförderungskabinett, die nach drei Frühstücksweißbier mit ihren Lufttaxis in die Staatskanzlei zu jetten beabsichtigen, aber im wahnwitzigen Gewitter der oben erwähnten Fahr-, Drohn- und Luftzeuge nur noch wild herumeiern können.
Wenn einer davon unmittelbar nach der Notlandung von einem selbstfahrenden Rasenmäher (womöglich entlaufen) zerschreddert wird, haben wir die nächste Regierungskrise am Hals und die CSU kommt am Ende nur noch auf 28 Prozent Wählerstimmen, weil der Rest … unterwegs ist.
Hinzu kommen … nein, kommen nicht. Zwar haben inzwischen Millionen von Privatdrohnen die vordem Vögeln und Insekten zukommende zivilisatorische Aufgabe übernommen, sich von Flugzeugturbinen zerfetzen und an Autoscheinwerfern plattfetzen zu lassen. Vögel und Insekten ruhen sich nun aber nicht etwa aus, sondern sind trotzdem weg, weil ihr einst so heiliger Luftraum zum wimmelnden „Standort“ (H. Kohl und Nachfolger) oder vielmehr zum tödlichen Wimmelbild (A. Mitgutsch und Nachfolger) entartet ist.
Mitten durch das Gesamtchaos von autonomen Flug-, Fahr-, Schweb- und Schwirrzeugen schießen (Gott sei Dank zum Großteil in Tunnelröhren) die einst unter dem romantischen Namen „Eisenbahn“ firmierenden Transportdosen, mit denen lebende Menschenwesen von einem Ort, Job bzw. Praktikum zum nächsten geballert werden, um dort Geld zu erzeugen und abzuliefern, nachdem sie einen Schlafplatz ergattert und die nächstliegenden Abgabestellen für Nahrungssurrogat und Koffein gefunden haben.
Wozu sie das tun, wozu das alles insgesamt und überhaupt gut sein soll, ist ein welthistorisches Rätsel – angeblich wollen die erwähnten Menschendarsteller unter anderem „sich verwirklichen“, was aber Bullshit ist, weil nachweislich noch nie einer von ihnen „wirklich“ geworden ist. Sie vegetieren ein paar Jahrzehnte, schaffen sich Fertigkeiten drauf, die die Kapitalmaschine am Laufen halten, während sie in der Gegend herumrotieren und herumgeschossen werden, und sind dann wieder weg.
Zurück bleiben: verstreute, in wenigen Jahrzehnten selbst zerfallende oder unlesbar werdende Datenträger mit Milliarden Bildern und Dokumenten, die das Gewese dieser Halbwesen festhalten sollten, aber niemanden je mehr interessieren werden (selbst wenn er sie entschlüsseln könnte). Und zurück bleiben: Schlüssel, Telephone, Tabakbeutel, Kaffeelöffel, Haarspangen und andere Kleinteile, die irgendwann von meinem Küchentisch verschwunden und leider zu spät wieder aufgetaucht sind.
Keine leichte Aufgabe für außerirdische Historiker, diesen Kuddelmuddel zu entschlüsseln. Aber immerhin haben sie was zu tun und müssen nicht gleich wieder „los“.

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Dienstag, 4. Dezember 2018

Frisch gepreßt #426: Christoph & Lollo "Mitten ins Hirn"


Früher mal durften sich Christoph & Lollo als Geheimtip bezeichnen, geradezu als Inbegriff eines solchen: Da spielten sie vor fünfzehn tapferen Neugierigen im Vereinsheim, verborgen vor Augen und Ohren sämtlicher anderen Menschen, die sie nicht kannten. Aber wer sie kannte, der empfahl sie mit leuchtenden Augen weiter, ihre oft untergründig fröhlichen, tief drinnen melancholischen und vor Zorn leise bebenden, bisweilen grell sarkastischen bis regelrecht zynischen Lieder über die Dinge der Welt und des Lebens, Kleinigkeiten, Details und hier und da eine Gesamtschau in einem Nebensatz oder auch nur einem Gesicht, einem herausfordernden (Christoph) bzw. leicht schmerzlich belustigten (Lollo) Blick, nachdem ein solcher Satz gesungen war und verarbeitet werden mußte, herumsprang wie ein Flummi im Hirn des Hörers, ehe sich das erkennende Lächeln oder Lachen befreite, umflort von und eingebettet in scheinbar harmlose Bühnendiskussionen über dies und das Nichtige, die manchmal bis oft den Hauptspaß ausmachten.
So wurden sie langsam bekannter, und wenn das so weitergegangen wäre seit gut zwanzig und insbesondere in den letzten zehn Jahren, dann kämen heute bestimmt doppelt so viele Leute zu ihren Auftritten außerhalb von Österreich und sängen mit kichernder, schräg infizierter, erkenntnisgetränkter Inbrunst diverse Lieder über Skispringer mit, und gut wär das auch. „Ich hasse die Menschen im Fernsehen“ wäre immer noch die Hymne aller im Schatten des weltweit rummelnden Buntgeflimmers verborgenen Feinsinnigen, phänomenische Summe einer trotzig-verletzten Einsicht und Haltung, in der sich viele andere sammeln und finden.
Aber dann wurden Christoph & Lollo auf wunderliche Weise zu einer Art One-Hit-Wonder. Mal sehen, bei wem‘s klingelt, wenn wir jetzt alle in wuchtigstem Westkurvenbariton mitgrölen: „Es ist vermutlich kein Vergnügen …!“ Na? Genau. Da haben wir alle mitgegrölt, das windige Dasein von Fußballprofis bequeckt und bekichert, exemplarisch und stellvertretend für vieles andere, was ähnlich dreist und dumm durch die moderne Scheinwelt wolkt. Da wußten aber auch die üblichen Wissenden, nicht alle ganz unhämisch: So ein Lied schreibst du einmal im Leben und dann nicht mehr!
Weil die solcherart Wissenden halt manchmal auch nicht alles wissen. Zum Beispiel daß Christoph & Lollo da (2008) schon fünf Alben im Katalog stehen hatten, zuletzt das summarisch betitelte Großwerk „Hitler, Huhn und Hölle!“, dahinter dreimal Skispringerlieder und ebenfalls, etwas diskreter, prototypisch „Trotzdemtrotz“. Da staunten sie, als die beiden unverändert witzsprühend wieder daherkamen und jede Menge solche Lieder dabeihatten, grelle Hymnen und sanft krabbelnde Ohrwürmer, die locker vier bis sieben Gesamtprogramme anderer Kabarett-Independent-Liedermacher füllen und versilbern könnten, wenn das noch wer so könnte außer ihnen. „Das ist Rock ‘n‘ Roll“ zum Beispiel, und „Kunstscheiße“, o ja.
Was Christoph & Lollo dann waren und weiterhin sind, ist schwer zu sagen. Ein Geheimtip vielleicht immer noch für die, die bisher nicht das Glück hatten, in die halboffene Tür hineinzustolpern. Stars für die, denen Stars etwas anderes bedeuten als denen, denen sie das Übliche bedeuten. Irgendwie so. Zwei Menschen, die ihr Genre so umfassend erfüllen und definieren, daß man bei aller gelegentlichen Blitzeinsicht doch schon weiß, was drinsteckt und herauskommt, und sich verlassen kann, daß es gut ist.
Jetzt geht es weiter, und wieder sagt der Titel sehr genau, wo es hingeht: „Mitten ins Hirn“, das auch ein Herz ist, ein brüchiges, aber großes. Die neuen Lieder über internetmoderne Verblödung, Hipstergewese, demonstrativen Idealvegetarismus (Obacht, dies schreibt einer, der kein Tier ißt!) und manch anderes, was manchmal augenfällig, oft erst auf den dritten Blick ein geistvolles Leben zerschrammt, sind fies, aber selten gemein, klug, aber nie besserwisserisch, beleidigt, aber nicht larmoyant, witzig, aber oft nicht zum Lachen, sondern auch mal zum Weinen. Daß man sie öfter als ein-, mehr als zehnmal hören kann, dafür sorgt neben den vielen Brüchen und verborgenen Pfaden in den Hintersinn Lollos meisterhaftes musikalisches Empfinden, das Melodien herauskitzelt, wo scheinbar keine drin sind, und Banalem so instinktiv aus dem Weg geht wie das Eichkätzchen den hohlen Nüssen.
So: sind wir weiterhin froh, beleidigt sein zu können, uns fröhlich zu freuen an dem, was wehtut. Weil‘s gut ist.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.