Mittwoch, 30. Januar 2019
Frisch gepreßt #427: The Beatles „The Beatles (Super Deluxe Edition)“
1968. Ein normaler Beatles-Januar, der sechste: „Hello Goodbye“ führt die UK-Charts an, die Band eröffnet die Zentrale ihres Apple-Konzerns in Marylebone. Zwölf Monate später werden fast alle existierenden Ehen, Partnerschaften und die Band selbst geschieden, gescheitert, geplatzt sein.
Ticker: Im Januar nehmen die Beatles „Lady Madonna“ und Songs für ein Album mit dem Arbeitstitel „Get Back“ auf. Am 16. Februar fliegen John und George nach Indien, um Maharishi Mahesh zu besuchen, Ringo und Paul folgen. Der bärtige Guru schenkt George zum 25. eine Weltkarte aus Plastik. Derweil wird unter Fanprotesten der Liverpooler Cavern-Club geschlossen.
Ringo kehrt als erster zurück, um mit Elizabeth Taylor und Richard Burton die Premiere von „In 80 Tagen um die Welt“ zu feiern. Paul und Jane Asher folgen 14 Tage später, als „Lady Madonna“ Platz eins erreicht. Am 12. April sind alle wieder in London – enttäuscht vom Guru, der angeblich Mia Farrow begrapscht hat. Am 20. April bittet Apple per Anzeige um Demobänder, um die Einsender zu Millionären zu machen. Tags darauf wird bekannt: Die Beatles haben die Prüfungen der „Akademie für Transzendentale Meditation“ nicht bestanden.
Am 30. Mai beginnen im Abbey-Road-Studio zwei die Aufnahmen für ein unbetiteltes Album mit dem programmatischen Song „Revolution“ (1 und 9). Gast im Studio ist ein neues Gesicht: Yoko Ono. Die Arbeit gestaltet sich schwierig, weil alle vier mit einem Berg Songs ankommen und von Produzent George Martin verlangen, jeder einzelne müsse veröffentlicht werden. Sogar Ringo hat Sachen dabei, von denen es aber nur „This Is Some Friendly“ als „Don’t Pass Me By“ aufs Album schafft.
Erstmals sind Gastmusiker wie Eric Clapton (auf Harrisons „While My Guitar Gently Weeps“) dabei, erstmals singt eine Frau (Yoko Ono auf „The Continuing Story Of Bungalow Bill“), erstmals nehmen alle getrennt voneinander Songs auf, teilweise ohne die anderen zu informieren, in drei Studios gleichzeitig. Anfang August erwischt Ringo Paul dabei, wie er selbst Drums aufnimmt, und erklärt seinen sofortigen Ausstieg.
Das stört die Aufnahmen nicht sonderlich. Ohnehin waren Ringo und George schon Anfang Juni eine Woche ferngeblieben, um in den USA für Ravi Shankars Film „Raga“ vor der Kamera zu stehen. Als die australische BBC am 11. Juni die Aufnahmen filmt, ist nur Paul da und nimmt „Blackbird“ auf. John besucht derweil (erstmals öffentlich mit Yoko) die Theaterbearbeitung seines Buchs „In His Own Write“, George produziert Jackie Lomax. Ende Juni sind fünf Songs einigermaßen fertig.
365 weiße Luftballons verkünden am 1. Juli die Eröffnung der Ausstellung „You Are Here (To Yoko From John Lennon, With Love)“ in Mayfair. John verkauft seinen „psychedelisch“ lackierten Rolls Royce, eine Woche später sein Haus, die BBC sendet erste Ausschnitte aus „Yellow Submarine“. Während die Beatles eine über 27minütige Version von „Helter Skelter“ einspielen, trennt sich Jane Asher per TV von Paul. Eine Woche später schließt die Apple-Boutique und verschenkt ihr Inventar. Paul nützt den leeren Laden, indem er die Titel der nächsten Single aufs Schaufenster schmiert: „Hey Jude“ und „Revolution“. Am 22. August reicht Cynthia Lennon die Scheidung ein. Die bei den Sessions stets anwesende Yoko ist unübersehbar schwanger. Am 30. August erscheint „Hey Jude“, verkauft sich in drei Tagen über eine Million mal und bleibt bis Ende der Aufnahmen auf Platz eins der UK-Charts.
Als Ringo am 5. September wieder ein Beatle wird, findet er sein Schlagzeug mit einem Berg Blumen überschüttet. Erste Session mit Aushilfsproduzent Chris Thomas (George Martin ist in Urlaub): 17 Versionen von „Helter Skelter“. Am 13. Oktober spielt John „Julia“ als 32. und letzten Song ein, der Mix zieht sich noch Tage hin. Währenddessen entsteht gleich noch die Musik zu „Yellow Submarine“.
Am 18. Oktober werden John und Yoko wegen Drogen verhaftet und tags darauf auf Kaution entlassen. Zwei Tage nach der Ankündigung, sein Kind komme im Februar zur Welt, ist John geschieden; am 31. Oktober zieht Linda Eastman mit Tochter bei Paul ein. Im Queen Charlotte’s Hospital, wo John auf dem Boden übernachtet, „produzieren“ Yoko und er „Unfinished Music No.1 – Two Virgins“, das am 11. November erscheint. Zehn Tage später nimmt John die letzten Herztöne seines sterbenden Sohns auf. Kaum jemand kriegt mit, daß Ringo und George eigene Musikverlage gründen.
„The Beatles“ kommt am 22. Oktober 1968 in die Läden, mit 30 Tracks das erste und bis heute DAS klassische Doppelalbum der Popgeschichte. Jetzt: umfaßt es 107 Tracks auf sechs CDs und ist vielleicht das einzige Album, das durch den Deluxe-Wahn keinen Deut weniger grandios wird, sondern eher ein noch trefflicheres Abbild jener wilden, wirren Zeiten bietet (ebenso wie das beigelegte Poster, das gerne Quadratkilometerformat haben dürfte).
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Montag, 28. Januar 2019
Frisch gepreßt #425: Fucked Up "Dose Your Dreams"
Das Ergebnis war manchmal beeindruckend brillant (etwa auf den ersten beiden Alben der UK Subs), oft peinlich bis lächerlich und grundsätzlich witzlos. Hardcore zeigte den Zustand der verrotteten, kurz vor der endgültigen Explosion stehenden Welt und Gesellschaft ungefiltert eins zu eins: Statt Atombomben melodisch zu beklagen, zündete man sie.
Jedes Genre hat seine Grenzen, und da es sich bei Hardcore um ein Genre handelte, dessen Grenzen per Grundannahme so eng, stramm und eisern festgezurrt waren, daß kein Haar darüber hinausragen durfte, drehte sich die Sache bald ziemlich im Kreis, so ungefähr wie ein Propeller, dessen Rotoren durch die Beschleunigung immer kürzer werden und sich deswegen immer schneller drehen. Jeder über „Schramm!“ hinausgehende Gitarrenton, jede rhythmische Synkope, jede vokale Äußerung, die sich von einer kehlkopfkrebskranken Luftschutzsirene unterschied, wies den Urheber als Ketzer aus, der umgehend ins Reich der Popmusik verstoßen wurde. Spätestens Mitte der 80er war Hardcore im wesentlichen eine stetig wachsende Ansammlung auch optisch identischer wandelnder Mülltonnen, deren ununterscheidbare akustischen Ausstoßungen, auf Samplerreihen wie „Killed By Death“ dokumentiert, die Hirnlähmung abbilden, die sie zugleich erzeugen.
Das ist inzwischen völlig anders, zumindest punktuell, zumindest bei Fucked Up, deren Name auf den ersten Blick so klischeemäßig wirkt, daß die Ironiefahne, die dahinter herauslappt, nicht zu übersehen ist. Fucked Up gelten als Hardcoreband, der „Gesang“ von Damian „Pink Eyes“ Abraham scheint (!) die Einordnung zu bestätigen, aber alles andere (und letztlich auch das) ist das exakte Gegenteil (auch von sich selbst). Das fängt an bei Künstlernamen wie 10.000 Marbles, Concentration Camp/Gulag, Mustard Gas, Young Governor und, ähem, Mr Jo, die an eine historiopsychotisch entgleiste Phantasie von Cpt. Beefheart denken lassen. Und es endet noch lange nicht bei dem Anspruch, auf dem neuen Album eine Rockoper zu inszenieren, die den Helden ihrer letzten Rockoper („David Comes To Life“, 2012), der zufällig so heißt wie der musikalisch nicht beteiligte Chefdenker David Eliade, durch eine Welt aus Gier, Konsumismus und Social-Media-Wahn begleitet, auf der Suche nach der Fähigkeit zu träumen, strukturell angelehnt an die 18 Kapitel von James Joyce‘ „Ulysses“ und vertont mit einem Riesenaufgebot an Instrumenten, Gästen, Arrangements, Brüchen, Zwischenspielen, Anleihen aus so ziemlich jeder coolen Richtung von Doo-wop bis Krautrock.
Und das soll Hardcore sein? Irgendwie schon, anders verstanden, als Ultraradikalität, was die stilistischen und sonstigen Mittel angeht – um alles, was gängig und gewöhnlich ist, machen Fucked Up seit jeher einen galaxisweiten Bogen. Man höre als zufälliges Beispiel mal ihren „Song“ „Looking For Gold“ von 2004: 16 Minuten, 18 Gitarren, drei Minuten Schlagzeugsolo und sechs Minuten Pfeifen. Aber die Frage, was es ist, läßt sich eigentlich nur mit dem Gegenteil von allem beantworten. Und das ist vollkommen egal.
Derartige Ansprüche gehen leicht mal in die Hose und sind in der Geschichte der populären Musik fast immer in die Hose gegangen. Und das ist das eigentlich Erstaunliche, was dieses Album über alle Kuriosität hinaus zur echten Sensation macht: Hier geht NICHTS in die Hose, kein Song, keine Passage, keine Zeile, kein Ton. Schon nach den ersten vier Tracks des Doppelalbums ist selbst dem tumbsten Hörer klar: Hier werde ich nicht verarscht oder überfordert, sondern mitgerissen in ein tobendes Destillat feinster Ohrwürmer und Instant-Klassiker, die mich den Rest meines Lebens begleiten und begeistern werden.
Dies ist dabei aber ein Album, das so randvoll ist mit Geschichten, Rätseln, Doppel- bis Fünffachdeutigkeiten, mit Poesie und Genie, daß es über die grandiose Musik hinaus Stoff für tatsächlich ein ganzes Leben bietet. Stellen wir es ins Regal mit den größten Doppelalben aller Zeiten, irgendwo zwischen „The Beatles“, „London Calling“, „Exile On Main Street“, „Warehouse: Songs & Stories“ und so weiter, ziehen wir es immer wieder raus und legen es auf und danken wem auch immer, daß er uns einst die UK Subs geschenkt hat, ohne die – so absurd das klingt – es „Dose Your Dreams“ wahrscheinlich nicht gäbe.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Belästigungen 21/2018: Der Mensch muß „los“! Und dann … ist er weg (wie alles andere auch)
Wir leben in mobilen Zeiten. Das bringt manchmal bizarre Auswüchse hervor. Zum Beispiel tendieren in meinem Wohnbereich Schlüssel, Telephone, Tabakbeutel, Kaffeelöffel, Haarspangen (nicht meine!) und andere Kleinteile dazu, plötzlich in Aufbruchsstimmung zu geraten und sich auf den Weg zu machen. Sucht man sie, sind sie … na ja, mutmaßlich irgendwo dort, wo man halt gerade so hinfährt, weil man da ein Praktikum machen oder Fitneßtätigkeiten betreiben kann. Gibt man die Suche erschöpft auf und kauft oder bestellt Ersatz, trudeln sie plötzlich wieder ein und tun so, als wär nichts gewesen.
Aber da sich dieses Phänomen auf meinen Wohnbereich beschränkt, hat es auf die allgemeine Weltlage weniger Einfluß. Wesentlicher ist, was die dafür zuständigen Damen und Herren für unsere Zukunft so vorhaben und zum Teil schon in die Tat umsetzen.
Die Zukunft, sagte einst Karl Valentin (so ungefähr), war früher auch besser. Der Papst sagt: Wichtig sei es, „Zukunft zu schaffen“. Die kommt nämlich nicht einfach so aus Kalendern und Uhren heraus! Gleichzeitig (während mir der Radio diesen Bullshit ans Ohr klebt) strömen laut Nachrichten 95 Prozent aller Regierungschefs der Welt zur UN-Vollversammlung nach New York, und man fragt sich, wann die Gelegenheit für einen James-Bond-mäßigen Schurken, der die Weltherrschaft anstrebt, je günstiger war: Der müßte seine Schergen ja praktisch nur noch hineintrommeln in die verwaisten Regierungspaläste, und schon könnte er genau die Zukunft schaffen, die seinesgleichen seit Goldfinger, Largo und Blomfeld erträumen.
Andererseits: Wie sollen Schergen von Großbösewichten heutzutage und erst recht im nahen Übermorgen irgendwo hinkommen? Wenn sie nicht an der ersten Straßenecke in ein selbstfahrendes Teslamobil hineinkrachen, das gerade einer feiernden Teenagermeute ausgewichen ist, hagelt und wimmelt es an der nächsten Straßenecke (eine Postfiliale!) nur so von Amazon-Lieferdrohnen, die dringend benötigte weitere Drohnen in die Bestellhaushalte hineinliefern müssen, aber nicht können, weil die dortig einwohnenden Besteller jobtätig sind und daher mobil (also ähnlich unterwegs wie meine Tabakbeutel und Briefkastenschlüssel).
Dann rumpelt eine Herde autonomer Lieferwagen daher, die zwar (wie der experimentelle Hersteller vermutet) „Verkehrszeichen und Ampeln erkennen können“, mit erratisch herumtobenden Hunden und einem plötzlich einsetzenden Gewitter aber heillos überfordert sind und sowieso ebenso niemanden antreffen wie die Lieferdrohnen, also wieder zurückfahren, irgendwohin.
Hinzu kommt: der normale Autoverkehr, der bis zum plötzlichen Zusammenbruch der Erdölwirtschaft noch mindestens zehn Jahre lang anschwellen, röhren und die Städte verstopfen wird – zumal die einzelnen Autos in den letzten zwanzig Jahren um jeweils zehn Kubikmeter Volumen, eineinhalb Tonnen Gewicht und dreihundert PS Terrorstärke gewachsen sind, dafür aber statt einstmals drei bis fünf nur noch je einen Insassen transportieren. Hinzu kommen Logistikpanzer, die das Zeug, das in die Lieferdrohnen und autonomen Lieferwagen hineingestopft und in der Gegend herumturbuliert wird, von Stadt zu Stadt karren. Hinzu kommen am Ende dann auch noch Ministerpräsident „Bavaria One“ und sein Autoförderungskabinett, die nach drei Frühstücksweißbier mit ihren Lufttaxis in die Staatskanzlei zu jetten beabsichtigen, aber im wahnwitzigen Gewitter der oben erwähnten Fahr-, Drohn- und Luftzeuge nur noch wild herumeiern können.
Wenn einer davon unmittelbar nach der Notlandung von einem selbstfahrenden Rasenmäher (womöglich entlaufen) zerschreddert wird, haben wir die nächste Regierungskrise am Hals und die CSU kommt am Ende nur noch auf 28 Prozent Wählerstimmen, weil der Rest … unterwegs ist.
Hinzu kommen … nein, kommen nicht. Zwar haben inzwischen Millionen von Privatdrohnen die vordem Vögeln und Insekten zukommende zivilisatorische Aufgabe übernommen, sich von Flugzeugturbinen zerfetzen und an Autoscheinwerfern plattfetzen zu lassen. Vögel und Insekten ruhen sich nun aber nicht etwa aus, sondern sind trotzdem weg, weil ihr einst so heiliger Luftraum zum wimmelnden „Standort“ (H. Kohl und Nachfolger) oder vielmehr zum tödlichen Wimmelbild (A. Mitgutsch und Nachfolger) entartet ist.
Mitten durch das Gesamtchaos von autonomen Flug-, Fahr-, Schweb- und Schwirrzeugen schießen (Gott sei Dank zum Großteil in Tunnelröhren) die einst unter dem romantischen Namen „Eisenbahn“ firmierenden Transportdosen, mit denen lebende Menschenwesen von einem Ort, Job bzw. Praktikum zum nächsten geballert werden, um dort Geld zu erzeugen und abzuliefern, nachdem sie einen Schlafplatz ergattert und die nächstliegenden Abgabestellen für Nahrungssurrogat und Koffein gefunden haben.
Wozu sie das tun, wozu das alles insgesamt und überhaupt gut sein soll, ist ein welthistorisches Rätsel – angeblich wollen die erwähnten Menschendarsteller unter anderem „sich verwirklichen“, was aber Bullshit ist, weil nachweislich noch nie einer von ihnen „wirklich“ geworden ist. Sie vegetieren ein paar Jahrzehnte, schaffen sich Fertigkeiten drauf, die die Kapitalmaschine am Laufen halten, während sie in der Gegend herumrotieren und herumgeschossen werden, und sind dann wieder weg.
Zurück bleiben: verstreute, in wenigen Jahrzehnten selbst zerfallende oder unlesbar werdende Datenträger mit Milliarden Bildern und Dokumenten, die das Gewese dieser Halbwesen festhalten sollten, aber niemanden je mehr interessieren werden (selbst wenn er sie entschlüsseln könnte). Und zurück bleiben: Schlüssel, Telephone, Tabakbeutel, Kaffeelöffel, Haarspangen und andere Kleinteile, die irgendwann von meinem Küchentisch verschwunden und leider zu spät wieder aufgetaucht sind.
Keine leichte Aufgabe für außerirdische Historiker, diesen Kuddelmuddel zu entschlüsseln. Aber immerhin haben sie was zu tun und müssen nicht gleich wieder „los“.
Aber da sich dieses Phänomen auf meinen Wohnbereich beschränkt, hat es auf die allgemeine Weltlage weniger Einfluß. Wesentlicher ist, was die dafür zuständigen Damen und Herren für unsere Zukunft so vorhaben und zum Teil schon in die Tat umsetzen.
Die Zukunft, sagte einst Karl Valentin (so ungefähr), war früher auch besser. Der Papst sagt: Wichtig sei es, „Zukunft zu schaffen“. Die kommt nämlich nicht einfach so aus Kalendern und Uhren heraus! Gleichzeitig (während mir der Radio diesen Bullshit ans Ohr klebt) strömen laut Nachrichten 95 Prozent aller Regierungschefs der Welt zur UN-Vollversammlung nach New York, und man fragt sich, wann die Gelegenheit für einen James-Bond-mäßigen Schurken, der die Weltherrschaft anstrebt, je günstiger war: Der müßte seine Schergen ja praktisch nur noch hineintrommeln in die verwaisten Regierungspaläste, und schon könnte er genau die Zukunft schaffen, die seinesgleichen seit Goldfinger, Largo und Blomfeld erträumen.
Andererseits: Wie sollen Schergen von Großbösewichten heutzutage und erst recht im nahen Übermorgen irgendwo hinkommen? Wenn sie nicht an der ersten Straßenecke in ein selbstfahrendes Teslamobil hineinkrachen, das gerade einer feiernden Teenagermeute ausgewichen ist, hagelt und wimmelt es an der nächsten Straßenecke (eine Postfiliale!) nur so von Amazon-Lieferdrohnen, die dringend benötigte weitere Drohnen in die Bestellhaushalte hineinliefern müssen, aber nicht können, weil die dortig einwohnenden Besteller jobtätig sind und daher mobil (also ähnlich unterwegs wie meine Tabakbeutel und Briefkastenschlüssel).
Dann rumpelt eine Herde autonomer Lieferwagen daher, die zwar (wie der experimentelle Hersteller vermutet) „Verkehrszeichen und Ampeln erkennen können“, mit erratisch herumtobenden Hunden und einem plötzlich einsetzenden Gewitter aber heillos überfordert sind und sowieso ebenso niemanden antreffen wie die Lieferdrohnen, also wieder zurückfahren, irgendwohin.
Hinzu kommt: der normale Autoverkehr, der bis zum plötzlichen Zusammenbruch der Erdölwirtschaft noch mindestens zehn Jahre lang anschwellen, röhren und die Städte verstopfen wird – zumal die einzelnen Autos in den letzten zwanzig Jahren um jeweils zehn Kubikmeter Volumen, eineinhalb Tonnen Gewicht und dreihundert PS Terrorstärke gewachsen sind, dafür aber statt einstmals drei bis fünf nur noch je einen Insassen transportieren. Hinzu kommen Logistikpanzer, die das Zeug, das in die Lieferdrohnen und autonomen Lieferwagen hineingestopft und in der Gegend herumturbuliert wird, von Stadt zu Stadt karren. Hinzu kommen am Ende dann auch noch Ministerpräsident „Bavaria One“ und sein Autoförderungskabinett, die nach drei Frühstücksweißbier mit ihren Lufttaxis in die Staatskanzlei zu jetten beabsichtigen, aber im wahnwitzigen Gewitter der oben erwähnten Fahr-, Drohn- und Luftzeuge nur noch wild herumeiern können.
Wenn einer davon unmittelbar nach der Notlandung von einem selbstfahrenden Rasenmäher (womöglich entlaufen) zerschreddert wird, haben wir die nächste Regierungskrise am Hals und die CSU kommt am Ende nur noch auf 28 Prozent Wählerstimmen, weil der Rest … unterwegs ist.
Hinzu kommen … nein, kommen nicht. Zwar haben inzwischen Millionen von Privatdrohnen die vordem Vögeln und Insekten zukommende zivilisatorische Aufgabe übernommen, sich von Flugzeugturbinen zerfetzen und an Autoscheinwerfern plattfetzen zu lassen. Vögel und Insekten ruhen sich nun aber nicht etwa aus, sondern sind trotzdem weg, weil ihr einst so heiliger Luftraum zum wimmelnden „Standort“ (H. Kohl und Nachfolger) oder vielmehr zum tödlichen Wimmelbild (A. Mitgutsch und Nachfolger) entartet ist.
Mitten durch das Gesamtchaos von autonomen Flug-, Fahr-, Schweb- und Schwirrzeugen schießen (Gott sei Dank zum Großteil in Tunnelröhren) die einst unter dem romantischen Namen „Eisenbahn“ firmierenden Transportdosen, mit denen lebende Menschenwesen von einem Ort, Job bzw. Praktikum zum nächsten geballert werden, um dort Geld zu erzeugen und abzuliefern, nachdem sie einen Schlafplatz ergattert und die nächstliegenden Abgabestellen für Nahrungssurrogat und Koffein gefunden haben.
Wozu sie das tun, wozu das alles insgesamt und überhaupt gut sein soll, ist ein welthistorisches Rätsel – angeblich wollen die erwähnten Menschendarsteller unter anderem „sich verwirklichen“, was aber Bullshit ist, weil nachweislich noch nie einer von ihnen „wirklich“ geworden ist. Sie vegetieren ein paar Jahrzehnte, schaffen sich Fertigkeiten drauf, die die Kapitalmaschine am Laufen halten, während sie in der Gegend herumrotieren und herumgeschossen werden, und sind dann wieder weg.
Zurück bleiben: verstreute, in wenigen Jahrzehnten selbst zerfallende oder unlesbar werdende Datenträger mit Milliarden Bildern und Dokumenten, die das Gewese dieser Halbwesen festhalten sollten, aber niemanden je mehr interessieren werden (selbst wenn er sie entschlüsseln könnte). Und zurück bleiben: Schlüssel, Telephone, Tabakbeutel, Kaffeelöffel, Haarspangen und andere Kleinteile, die irgendwann von meinem Küchentisch verschwunden und leider zu spät wieder aufgetaucht sind.
Keine leichte Aufgabe für außerirdische Historiker, diesen Kuddelmuddel zu entschlüsseln. Aber immerhin haben sie was zu tun und müssen nicht gleich wieder „los“.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Dienstag, 4. Dezember 2018
Frisch gepreßt #426: Christoph & Lollo "Mitten ins Hirn"
So wurden sie langsam bekannter, und wenn das so weitergegangen wäre seit gut zwanzig und insbesondere in den letzten zehn Jahren, dann kämen heute bestimmt doppelt so viele Leute zu ihren Auftritten außerhalb von Österreich und sängen mit kichernder, schräg infizierter, erkenntnisgetränkter Inbrunst diverse Lieder über Skispringer mit, und gut wär das auch. „Ich hasse die Menschen im Fernsehen“ wäre immer noch die Hymne aller im Schatten des weltweit rummelnden Buntgeflimmers verborgenen Feinsinnigen, phänomenische Summe einer trotzig-verletzten Einsicht und Haltung, in der sich viele andere sammeln und finden.
Aber dann wurden Christoph & Lollo auf wunderliche Weise zu einer Art One-Hit-Wonder. Mal sehen, bei wem‘s klingelt, wenn wir jetzt alle in wuchtigstem Westkurvenbariton mitgrölen: „Es ist vermutlich kein Vergnügen …!“ Na? Genau. Da haben wir alle mitgegrölt, das windige Dasein von Fußballprofis bequeckt und bekichert, exemplarisch und stellvertretend für vieles andere, was ähnlich dreist und dumm durch die moderne Scheinwelt wolkt. Da wußten aber auch die üblichen Wissenden, nicht alle ganz unhämisch: So ein Lied schreibst du einmal im Leben und dann nicht mehr!
Weil die solcherart Wissenden halt manchmal auch nicht alles wissen. Zum Beispiel daß Christoph & Lollo da (2008) schon fünf Alben im Katalog stehen hatten, zuletzt das summarisch betitelte Großwerk „Hitler, Huhn und Hölle!“, dahinter dreimal Skispringerlieder und ebenfalls, etwas diskreter, prototypisch „Trotzdemtrotz“. Da staunten sie, als die beiden unverändert witzsprühend wieder daherkamen und jede Menge solche Lieder dabeihatten, grelle Hymnen und sanft krabbelnde Ohrwürmer, die locker vier bis sieben Gesamtprogramme anderer Kabarett-Independent-Liedermacher füllen und versilbern könnten, wenn das noch wer so könnte außer ihnen. „Das ist Rock ‘n‘ Roll“ zum Beispiel, und „Kunstscheiße“, o ja.
Was Christoph & Lollo dann waren und weiterhin sind, ist schwer zu sagen. Ein Geheimtip vielleicht immer noch für die, die bisher nicht das Glück hatten, in die halboffene Tür hineinzustolpern. Stars für die, denen Stars etwas anderes bedeuten als denen, denen sie das Übliche bedeuten. Irgendwie so. Zwei Menschen, die ihr Genre so umfassend erfüllen und definieren, daß man bei aller gelegentlichen Blitzeinsicht doch schon weiß, was drinsteckt und herauskommt, und sich verlassen kann, daß es gut ist.
Jetzt geht es weiter, und wieder sagt der Titel sehr genau, wo es hingeht: „Mitten ins Hirn“, das auch ein Herz ist, ein brüchiges, aber großes. Die neuen Lieder über internetmoderne Verblödung, Hipstergewese, demonstrativen Idealvegetarismus (Obacht, dies schreibt einer, der kein Tier ißt!) und manch anderes, was manchmal augenfällig, oft erst auf den dritten Blick ein geistvolles Leben zerschrammt, sind fies, aber selten gemein, klug, aber nie besserwisserisch, beleidigt, aber nicht larmoyant, witzig, aber oft nicht zum Lachen, sondern auch mal zum Weinen. Daß man sie öfter als ein-, mehr als zehnmal hören kann, dafür sorgt neben den vielen Brüchen und verborgenen Pfaden in den Hintersinn Lollos meisterhaftes musikalisches Empfinden, das Melodien herauskitzelt, wo scheinbar keine drin sind, und Banalem so instinktiv aus dem Weg geht wie das Eichkätzchen den hohlen Nüssen.
So: sind wir weiterhin froh, beleidigt sein zu können, uns fröhlich zu freuen an dem, was wehtut. Weil‘s gut ist.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Donnerstag, 15. November 2018
Belästigungen 20/2018: Demokratisierung soll allen nutzen! Damit Bayern stabil bleibt!
Beherrschen soll der„Demokrat“ jedoch vor allem eines: einen Stift in die Hand zu nehmen und auf einem Zettel ein Kreuzchen zu machen bei der Partei, von der er sich und seine Mitbürger in den nächsten paar Jahren be-herrscht sehen möchte. Drum fordert man auch mich dazu immer wieder freundlich auf: schließlich sei ich, auch ohne es zu wissen, ein Demokrat und müsse das tun, weil die Demokratie sonst irgendwie geschädigt werde.
Dieses Ankreuzen, das wird selten erwähnt, ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit: Macht man das Kreuzerl versehentlich oder aus Lust und Laune an der falschen Stelle, hat (zum Beispiel) die CSU plötzlich 0,00001 Prozent mehr! Daher ist man streng verpflichtet, sich zuvor genauestens zu informieren, was der Haufen, für den man sich entscheidet, genau will, anstrebt und bezweckt und was ihn von den Zielen der anderen Bagagen unterscheidet. Sonst ist man hinterher schuld, weil man (zum Beispiel) eine Nazipartei gewählt hat, die euphorisch Frieden, Wohlstand und Glück versprach und hinterher Völkermord, Krieg und Elend bewirkt hat. Oder eine Sozialdemokratie, der es in jahrzehntelanger Täuschungsarbeit gelungen ist, den Neoliberalismus als alles be-herrschende und durchsetzende Ideologie durchzusetzen.
Allerdings habe ich angeborenerweise keine Lust, seitenweise blumiges Bullshitgeschwätz zu lesen, und halte mich daher als sicherlich nicht untypischer bayerischer Staatsbürger an das, was die Kandidaten auf ihren allüberall durch die Gegend leuchtenden Plakaten propagieren. So was muß man ja nur mal genau lesen, dann erfährt man schon was.
Fangen wir bei den Wirtschaftsfaschisten an. Deren örtlicher Haupt-Mann schreibt neben dem für seine Partei typischen pseudohippen Kinderbamslerfirlefanz: „Digitalisierung statt Bürokratisierung“.
Ins Deutsche übersetzt bedeutet das: Ausbeutung statt Entfremdung. Letztere, das wissen wir von Franz Kafka, ist keine schöne Sache. Andererseits hilft gegen wahnsinnige Innovatoren, die Natur, Menschen und gesellschaftlichen Strukturen zerstören möchten, um ihren Profit zu steigern (neudeutsch: „Arbeitsplätze zu schaffen“) nichts so gut wie eine anständige Bürokratie. Und selbst der schlimmste Stempelfetischist im amtlichsten Amt ist harmlos gegen die alles erfassende Mühle der modernen Wirtschaft, die Menschen zu Ameisen macht, sie knechtet und entrechtet und ihnen ihre Lebenszeit raubt. Das auch noch zu wählen, geht also von Haus aus nicht.
Ein Stück weiter fordert ein weiterer Verein aus der ultraneoliberalen Ecke, in der mittlerweile etwa 95 Prozent der Parteien mit einer bis zwei Arschbacken sitzen: „Mehr München, weniger Brüssel“. Wenn man bedenkt, daß München trotz den wuchtigen Bemühungen der gleich-schlecht-macherischen Kräfte von Handelskonzernen bis Architektur immer noch zu gut zehn Prozent München und aber abgesehen von ein paar Schokoladenläden zu genau null Prozent Brüssel ist, verfängt ein solches „Argument“ nur schwerlich. Zumal dieselbe Partei (sie heißt LKR und ist „für ein Deutschland und eine EU, wie Sie es sich vorstellen“ – ich frage mal nicht, welches „es“ ich mir da vorstellen soll) an anderer Stelle entsetzt fragt: „Adé Ausland?“ Ja, da liegt Brüssel zweifellos, und wenn ihr da nicht hinwollt, dann laßt es eben. Schließlich verpestet die Herumreiserei sowieso die Luft und kostet Geld, von dem der typische LKR-Wähler laut Plakat „gern mehr im Geldbeutel behalten“ möchte. Daß in so einen Geldbeutel erst einmal was hineingehen muß und wieso da nicht genug hineingeht, mag ich solchen Leuten nicht erklären; dafür ist der Tag zu schön.
Gleich um die Ecke fordert die optisch im Gegensatz zu FDP und LKR immerhin sympathische Spitzenkandidatin der SPD: „Flexible Arbeitszeiten sollen allen nutzen. Nicht nur Unternehmen.“ Klingt erst mal nett. Und mutig, schließlich sind spätestens seit Helmut Schmidt (auch) für die SPD die Unternehmen und ihre Profiteure das einzige, dessen Nutzen Ziel und Inhalt aller Politik sein muß. Aber aus diesem „Sollen“ wird ja sowieso nichts, die Durchsetzung der gesamten Lebenszeit mit Arbeit wird ganz bestimmt nicht ausgerechnet die SPD bremsen. Ausführliche Erläuterungen, weshalb das, was Unternehmen (meinetwegen) „nutzt“, ihren Lohnsklaven automatisch schaden muß, können wir uns daher sparen und einfach sagen: Tun sie aber nicht, basta.
Aus einem anderen Plakat erzählt die Kandidatin, die Busse und Bahnen der Zukunft seien „kostenfrei“. Was wohl kostenlos heißen soll, aber egal: Wir leben auf ewig in der Gegenwart, und da sind Busse und Bahnen leider schweinsteuer und werden in kürzestmöglichen Abständen noch schweinsteurer.
Die auf den ersten Blick etwas unangenehm dynamische, aber auch nicht unsympathische CSU-Kandidatin teilt mit: „Digitales Lernen: mehr als reine Technik“. Das ist – falls sie nicht unter Mißachtung der Großschreibregeln meint, irgendwer solle irgendwas Digitales lernen – purer Unfug und maximal irrelevant. Weil (oder solange) das menschliche Hirn ausschließlich analog funktioniert, können digital höchstens Computer lernen. In denen ist nichts drin außer reiner Technik, und wählen dürfen sie (vorläufig) ebensowenig wie Autos und Brennesseln, also ist’s wurst. Das nächste Plakat derselben Kandidatin spricht: „Schneller Ausbau: Nahverkehr weiter denken“. Ebenso sinnvoll, nämlich nullkommanull, klänge das Gegenteil: langsamer Einbau, um den Fernverkehr enger zu denken.
Zusätzlich widersprüchlich wird der Unfug mit dem schnellen Ausbau (womit bei der CSU immer landschaftszerstörende Schnellstraßen gemeint sind) durch die daneben gleich fünffach hingeprotzte Bitte des so gut wie nicht zu verhindernden Ministerpräsidenten alias „Bavaria One“ („Mission Zukunft“ – noch so einer, den die Gegenwart nicht interessiert), man möge ihm vertrauen, „damit Bayern stabil bleibt“, womit ein „schneller Ausbau“ von was auch immer kaum zu vereinbaren ist.
Aber vielleicht geht das in Richtung der „Freien Wähler“, die „anpacken“ und nicht nur die diesbezügliche ehemalige Hauptstadt, sondern gleich ganz Bayern „bewegen“ möchten, aber leider nicht mitteilen, wohin. Da fällt mir ein, daß das schon mal jemand tun wollte, nämlich diverse Preußen und Österreicher, und zwar nach Belgien, was der Brüssel-Parole der LKR doch wieder eine gewisse Plausibilität verleiht.
Aber es ist ja wahrscheinlich alles gar nicht so gemeint, sondern irgendwie anders oder am ehesten überhaupt nicht. Das gilt auch für das, was ich auf meinem Weg in den nördlicheren Münchner Norden an diesem Vormittag noch so alles vorgesetzt kriege: „Zurück zum Rechtsstaat!“ fordert die AfD und meint wohl nur unbewußt den tausendjährigen ganz rechten Staat. „Neustart Bayern“ plappert ein offensichtlich „verwirrtes Blumenkind“. „Mut geben statt Angst machen“ wollen die Grünlinge von der Ersatz-CSU, außerdem in Ich-Form „bezahlbare Mieten“, was die Frage aufwirft, wie diese einstmals so radikale und visionäre Partei derart verwahrlosen konnte, daß sie übers Bezahlen nicht mehr hinausdenken kann.
Das gilt insgesamt und allgemein. Was nötig, wünschenswert und gut wäre, fordert und verspricht niemand: die Abschaffung der Lohnsklaverei, das Ende des Wachstums … doch, die frömmlerischen Rauchverbieter von der ÖDP fordern letzteres tatsächlich, versprechen ansonsten aber lediglich: „6 Prozent, das schaffen wir!“ Da wird ein bisserl Wachstum dann doch nicht schaden.
So oder so: bin ich vielleicht ein Demokrat, aber eine Wahl habe ich wieder mal nicht. Schade eigentlich, ich hätte meine 0,00001 Prozent gerne jemandem gegeben, der Vernünftiges will, tut und sagt. Vielleicht das nächste Mal.
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Samstag, 10. November 2018
Frisch gepreßt #424: Anna Calvi "Hunter"
Das stimmt manchmal nicht. Die Farce nämlich ist bisweilen etwas anderes, Kulinarisches: eine raffinierte „Füllung“ (so die französische Wortbedeutung), die aus einer Speise erst das macht, was sie ist oder ihr mindestens Würze, Esprit, Feinheit, Schärfe, Tiefgang, Süße, Bitternoten, Aroma und mancherlei weitere Details hinzufügt.
Die Tragödie wiederum hat bei Anna Calvi mehrere Facetten: Ihr epochales erstes Album von 2011 ist zweifellos ein Inbegriff des Tragischen, so überrandvoll mit tobenden, taumelnden, zerbrechenden, auf einem dünnen Seil über unfassbaren Abgründen tanzenden Emotionen, mit Schrecken, Hitze, Eis und Verführung, daß es unbedarft frohsinnige Menschlein überfordern, ja erschlagen kann. Wer indes die anderen, die dunklen Seiten des Lebens kennt, sich zum Volk der Verlassenen, Einsamen, Unbeachteten, Verwundeten zählt, für den ist die Platte nach wie vor und für alle Zeiten ein unerschöpflicher Quell von Stolz, Kraft, Trost, intensivsten Emotionen und erotischem Selbstmitleid, der alles ähnliche überstrahlt und in der Popmusikgeschichte ziemlich allein dasteht. Hinzuzufügen, so schien und scheint es, ist dem nichts.
Tragödie zwei: „Anna Calvi“ hatte damals einigen Erfolg, erntete Preise, erreichte hier und da die Top 40, in Frankreich, wo man offenbar tiefer fühlt, sogar die Top 20. Trotzdem wird der wahre Liebhaber nie verstehen, wieso ein Album, das mindestens vier Songs für die Ewigkeit enthält (sagen wir: „Desire“, „Blackout“, „Suzanne & I“, „Morning Light“, mindestens), nicht mindestens 400 Millionen Menschen gekauft haben.
Nach dem „intimeren“ (oder sagen wir: etwas unerheblichen) zweiten Album „One Breath“ von 2013 (das seine Stärken hat, zweifellos, aber wie soll es die im Schatten des Debüts deutlich zeigen?) folgten fünf Jahre Pause. Und jetzt: das dritte. Eine Farce?
Ja, in gewisser Hinsicht, und auch das ist tragisch: Unbedarft frohsinnige Menschlein (von denen es aufgrund fortgesetzter Beschallung mit Plastikmuzak heute ein paar Millionen mehr geben dürfte als 2011) werden vor der Platte stehen wie der Ochs am Berg und nichts verstehen. Ein hymnischer Ohrwurm wie „Desire“, der sie überzeugen könnte, sich näher ranzuwagen, ist nicht drauf.
Für uns andere aber ist „Hunter“ tatsächlich eine Füllung: wieder aufscheinende Fetzen vertrauter Melodien offenbaren vieles über Anna Calvis Einflüsse, Leidenschaften, Lieben, auch die Geister, die sie in ihrem künstlerischen Wirken verfolgen, was wir bislang nur ahnten oder fühlten. In dem elegischen, schwülen, düsteren, intensiven Gewitter, in dem ihre Gitarre und die (weit in sphärische Höhen gewachsene) Stimme Blitz, Donner und thronende Wolkengebirge zugleich sind, finden wir die Klangphilosophie ihres Mentors Brian Eno, die impressionistische Weite von Morricone, Debussy, Messiaen, den ekstatischen Fluß von Jimi Hendrix, den verletzlich-verletzten, trotzig triumphalen Stolz von Siouxsie, PJ Harvey und Patti Smith, aber auch ein geisterbahnartig schockierendes Zitat von Suicide. Wir spüren ihre italienischen Wurzeln, den Twang von Duane Eddy, selbstverständlich Bowie, Morrissey, Cave und Scott Walker, aber auch ihre orchestralen, sinfonischen Ambitionen (2017 schrieb sie die Musik für eine Oper nach E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“-Novelle). Und einiges mehr.
Es ist ein weites, tiefes, atmosphärisches, streckenweise enorm dichtes, dann wieder nebulös schwebendes drittes Album, das, wie gesagt, seinen ganzen Reiz und Zauber nur in amalgamierter Verbindung mit dem ersten (und möglicherweise dem zweiten) entfalten kann. Aber, liebe Novizen: Wagt es. Holt euch alle beide (oder alle drei), verzichtet auf alles (oder vieles) andere. Ihr werdet es nicht bereuen. Der Herbst wird lang und düster, und ihm werden viele weitere folgen, die ohne Anna Calvi nur halb so schrecklich und schön, traurig und trostvoll sein werden.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Donnerstag, 8. November 2018
Belästigungen 19/2018: An jeden Satz eine Blödphrase dranhäng! Stichwort Grunzglocke!
In letzter Zeit ist mir aufgefallen, daß die Leute, deren Job es ist, unsere Meinungen zu „bilden“ und uns ideologisch bei der neoliberalen Stange zu halten, kaum mehr einen Satz aussprechen können, ohne als verbale Interpunktion die Phrase „Stichwort Digitalisierung!“ hinterherzubellen. Was sie zuvor an „Info“ o. ä. ausgestoßen haben, erhält dadurch irgendwie eine ganz andere Schattierung. Zum Beispiel: „Die Arbeitswelt wandelt sich. Stichwort Digitalisierung!“
Sagte man statt dessen: „Die Arbeitswelt wandelt sich. Arbeiter werden immer rücksichtsloser und brutaler ausgebeutet und ihrer Lebenszeit und des Ertrags ihrer Schufterei beraubt“, käme das zwar einer inhaltlich wie sprachlich sinnvollen Aussage wesentlich näher, aber als Propaganda für den Wirtschaftsfaschismus ist derartiges (wie die meisten sinnvollen Sätze) nicht zu gebrauchen.
Derartige sprachliche Zwangshandlungen sind spätestens seit der Erfindung der Fernsehreklame, in der so was besonders oft vorkam („Da weiß man, was man hat! Guten Abend!“), keine Seltenheit. Wahrscheinlich gab es sie aber schon früher. Ich weiß, wie das ist, weil ich selber mal von so einem Virus befallen war: In der dritten oder vierten Grundschulklasse konnte in meiner gesamten Peer Group plötzlich niemand mehr einen Satz aussprechen, ohne ein „Hey!“ dranzuhängen. Also nicht „Ich schraub mir jetzt ein Dolomiti in den Hals und check ins Michaelibad!“, sondern „Ich schraub mir jetzt ein Dolomiti in den Hals, hey, und check ins Michaelibad, hey!“ Damals, in den Zeiten vor Whatsapp und Facebook, wurde viel geredet, vor allem im Unterricht, und so schafften wir an guten Tagen mühelos bis zu tausend „Hey!“s.
Eltern, Lehrer und Kollateralbetroffene erlitten einen Nervenzusammenbruch nach dem anderen und flüchteten sich in wüste Drohungen: „Wer noch einmal Hey! sagt, fliegt an der nächsten Ampel naus!“ hieß es zum Beispiel auf einer Fahrt an den Starnberger See mit meinem Freund H bereits nach zwei Minuten, als wir noch nicht mal die Grenze zwischen Ober- und Untergiesing überquert hatten. In Possenhofen saßen immer noch alle fünf Besatzungsmitglieder im Opel Rekord: eine kopfschüttelnde, vor Überdruß schlotternde Mutter, ein Vater, der innerhalb der ersten Viertelstunde Fahrt seinen gesamten Nachmittagsbiervorrat in sich hineingeschüttet hatte, um im Trommelfeuer des Hey!-Hey!-Hey!-Kichergeplappers keinen Schlaganfall zu erleiden, und drei Rotzlöffel, die ebenso hilflos waren. Weil man so was, wenn man‘s sich erst mal angewöhnt hat, genauso leicht wieder los wird wie eine Warze am Zeh oder eine fünfzehnjährige Heroinsucht: Es geht, aber es erfordert Vernunft und dauernde Aufmerksamkeit. Und wie jedermann weiß, hat ein durchschnittlicher Neunjähriger alle möglichen Fähigkeiten und Talente. Aufmerksamkeit und Vernunft gehören aber ganz bestimmt nicht dazu. Es kostete uns ein gutes Jahr, die Hey!-Gewohnheit durch eine neue, in Elternaugen noch wesentlich schadhaftere und schädlichere zu ersetzen (die Donald-Duck-Infinitivsprache: „Ich gestern: lern, spiel, Musik hör! Schluck, Hausaufgabe vergessen hab! Eh total scheiße sei! Sonne schein! Baden woll! Lehrer deppert sei! Einfach blau mach!“).
Damit sei klargestellt, daß ich mir keine Sorgen um die Degeneration der deutschen Sprache durch kindliche Plappermoden mache. Ich glaube nicht, daß es für Zustand und Qualität eines Idioms oder Dialekts von großer Bedeutung ist, ob man „geil“, „cool“, „hübsch“, „groovy“, nice“ oder „dufte“ sagt. Daß praktisch die gesamte neu erschienene deutsche Literatur der letzten zwanzig Jahre ein einziger See von hirnloser, legasthenischer Gülle ist, könnte da schon eher eine Rolle spielen, aber mei: Außerhalb einschlägiger Seminare liest den Seim ja sowieso kein Mensch. Stichwort Digitalisierung!
Sorry, das ist mir jetzt rausgerutscht, hey! Aber vielleicht sollte ich‘s mir angewöhnen. Nämlich stelle ich fest, daß die Leute, die an jeden Satz ein „Stichwort Digitalisierung!“ dranhängen, dabei zwar hirnlos, aber auch ziemlich fröhlich wirken. Und wenn ich mich recht erinnere, waren wir in Zeiten von „Hey!“ und „Bumm! Explodier! Scheibe einschieß! Hausmeister durchdreh!“ auch meistens ziemlich fröhlich. Also: Was soll‘s! Stichwort Digitalisierung!
Blödphrasen wie diese haben zwei enorme Vorteile. Erstens: Sie passen immer und können notfalls als sinnlose, aber prägnante Rechtfertigung dienen: „Wir müssen Ihren Arbeitsvertrag kündigen! Stichwort Digitalisierung!“ - „Schatz, ich komme heute nicht nach Hause! Stichwort Digitalisierung!“ - „Geben Sie mir Ihr gesamtes Geld! Stichwort Digitalisierung!“ - „Mir egal, ob Sie diesen Sitzplatz reserviert haben! Stichwort Digitalisierung!“ - „Leider haben wir kein Bier mehr! Stichwort Digitalisierung!“
Und zweitens: Wenn man die Blödphrase oft genug ausstößt, merkt niemand mehr (man selber schon gar nicht), daß sie absolut keinerlei Sinn, Bedeutung, Inhalt und Aussage hat und absolut niemand auch nur ansatzweise erklären könnte, was „Digitalisierung“ eigentlich sein soll. Einziger Nachteil: Irgendwann wird‘s langweilig. Aber dann finden wir schon was neues, was der gleiche Bullshit ist, genauso bescheuert klingt, ebenso fröhlich macht und denselben Zweck erfüllt. Wie wär‘s zum Beispiel mit „Stichwort Sockenwurst“, „Stichwort Grunzglocke“, „Stichwort Hans Georg Bing“ oder „Isarkanalisierung, hey!“?
Sagte man statt dessen: „Die Arbeitswelt wandelt sich. Arbeiter werden immer rücksichtsloser und brutaler ausgebeutet und ihrer Lebenszeit und des Ertrags ihrer Schufterei beraubt“, käme das zwar einer inhaltlich wie sprachlich sinnvollen Aussage wesentlich näher, aber als Propaganda für den Wirtschaftsfaschismus ist derartiges (wie die meisten sinnvollen Sätze) nicht zu gebrauchen.
Derartige sprachliche Zwangshandlungen sind spätestens seit der Erfindung der Fernsehreklame, in der so was besonders oft vorkam („Da weiß man, was man hat! Guten Abend!“), keine Seltenheit. Wahrscheinlich gab es sie aber schon früher. Ich weiß, wie das ist, weil ich selber mal von so einem Virus befallen war: In der dritten oder vierten Grundschulklasse konnte in meiner gesamten Peer Group plötzlich niemand mehr einen Satz aussprechen, ohne ein „Hey!“ dranzuhängen. Also nicht „Ich schraub mir jetzt ein Dolomiti in den Hals und check ins Michaelibad!“, sondern „Ich schraub mir jetzt ein Dolomiti in den Hals, hey, und check ins Michaelibad, hey!“ Damals, in den Zeiten vor Whatsapp und Facebook, wurde viel geredet, vor allem im Unterricht, und so schafften wir an guten Tagen mühelos bis zu tausend „Hey!“s.
Eltern, Lehrer und Kollateralbetroffene erlitten einen Nervenzusammenbruch nach dem anderen und flüchteten sich in wüste Drohungen: „Wer noch einmal Hey! sagt, fliegt an der nächsten Ampel naus!“ hieß es zum Beispiel auf einer Fahrt an den Starnberger See mit meinem Freund H bereits nach zwei Minuten, als wir noch nicht mal die Grenze zwischen Ober- und Untergiesing überquert hatten. In Possenhofen saßen immer noch alle fünf Besatzungsmitglieder im Opel Rekord: eine kopfschüttelnde, vor Überdruß schlotternde Mutter, ein Vater, der innerhalb der ersten Viertelstunde Fahrt seinen gesamten Nachmittagsbiervorrat in sich hineingeschüttet hatte, um im Trommelfeuer des Hey!-Hey!-Hey!-Kichergeplappers keinen Schlaganfall zu erleiden, und drei Rotzlöffel, die ebenso hilflos waren. Weil man so was, wenn man‘s sich erst mal angewöhnt hat, genauso leicht wieder los wird wie eine Warze am Zeh oder eine fünfzehnjährige Heroinsucht: Es geht, aber es erfordert Vernunft und dauernde Aufmerksamkeit. Und wie jedermann weiß, hat ein durchschnittlicher Neunjähriger alle möglichen Fähigkeiten und Talente. Aufmerksamkeit und Vernunft gehören aber ganz bestimmt nicht dazu. Es kostete uns ein gutes Jahr, die Hey!-Gewohnheit durch eine neue, in Elternaugen noch wesentlich schadhaftere und schädlichere zu ersetzen (die Donald-Duck-Infinitivsprache: „Ich gestern: lern, spiel, Musik hör! Schluck, Hausaufgabe vergessen hab! Eh total scheiße sei! Sonne schein! Baden woll! Lehrer deppert sei! Einfach blau mach!“).
Damit sei klargestellt, daß ich mir keine Sorgen um die Degeneration der deutschen Sprache durch kindliche Plappermoden mache. Ich glaube nicht, daß es für Zustand und Qualität eines Idioms oder Dialekts von großer Bedeutung ist, ob man „geil“, „cool“, „hübsch“, „groovy“, nice“ oder „dufte“ sagt. Daß praktisch die gesamte neu erschienene deutsche Literatur der letzten zwanzig Jahre ein einziger See von hirnloser, legasthenischer Gülle ist, könnte da schon eher eine Rolle spielen, aber mei: Außerhalb einschlägiger Seminare liest den Seim ja sowieso kein Mensch. Stichwort Digitalisierung!
Sorry, das ist mir jetzt rausgerutscht, hey! Aber vielleicht sollte ich‘s mir angewöhnen. Nämlich stelle ich fest, daß die Leute, die an jeden Satz ein „Stichwort Digitalisierung!“ dranhängen, dabei zwar hirnlos, aber auch ziemlich fröhlich wirken. Und wenn ich mich recht erinnere, waren wir in Zeiten von „Hey!“ und „Bumm! Explodier! Scheibe einschieß! Hausmeister durchdreh!“ auch meistens ziemlich fröhlich. Also: Was soll‘s! Stichwort Digitalisierung!
Blödphrasen wie diese haben zwei enorme Vorteile. Erstens: Sie passen immer und können notfalls als sinnlose, aber prägnante Rechtfertigung dienen: „Wir müssen Ihren Arbeitsvertrag kündigen! Stichwort Digitalisierung!“ - „Schatz, ich komme heute nicht nach Hause! Stichwort Digitalisierung!“ - „Geben Sie mir Ihr gesamtes Geld! Stichwort Digitalisierung!“ - „Mir egal, ob Sie diesen Sitzplatz reserviert haben! Stichwort Digitalisierung!“ - „Leider haben wir kein Bier mehr! Stichwort Digitalisierung!“
Und zweitens: Wenn man die Blödphrase oft genug ausstößt, merkt niemand mehr (man selber schon gar nicht), daß sie absolut keinerlei Sinn, Bedeutung, Inhalt und Aussage hat und absolut niemand auch nur ansatzweise erklären könnte, was „Digitalisierung“ eigentlich sein soll. Einziger Nachteil: Irgendwann wird‘s langweilig. Aber dann finden wir schon was neues, was der gleiche Bullshit ist, genauso bescheuert klingt, ebenso fröhlich macht und denselben Zweck erfüllt. Wie wär‘s zum Beispiel mit „Stichwort Sockenwurst“, „Stichwort Grunzglocke“, „Stichwort Hans Georg Bing“ oder „Isarkanalisierung, hey!“?
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
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