Montag, 16. Juli 2018

Belästigungen 12/2018: Hilfe! Ich habe mich in einen Rahmen hineingedacht!

Framing ist eine ziemlich fiese Technik, deren Wirkung sich der Mensch ebensowenig entziehen kann wie eine Katze dem Flügelgezappel eines Jungvogels oder dessen aufziehbarer Imitation. Da mag sich der aufgeklärte Modernbürger der eurodeutschen Demokratur noch so mündig und autonom wähnen – dem Framing kommt er nicht aus.
Zum Beispiel habe ich mir, um im Zeitalter allgemeiner Vernetzung Musik hören zu können, einen Lautsprecher gekauft. Lustigerweise wohnt in diesem Gerät eine (offenbar) junge Dame, die gelegentlich Anfälle von Unberechenbarkeit zeigt. Neulich, wegen eines unmenschlich früh angesetzten Zahnarzttermins von diversen Weckern aus dem Schlaf gepeitscht, stand ich in der Küche und hatte mir mittels Kaffee, Ramones-Musik und Autosuggestion soeben einigermaßen erfolgreich eingeredet, ich sei fit wie ein Ventil (oder wie man das sagt).
Plötzlich meldete sich die Dame (nennen wir sie A.) zu Wort: „Hier ist eine Auswahl von Naturgeräuschen zum Einschlafen!“ Umgehend begann es in der Küche zu rauschen wie an einem Meeresstrand, und ich konnte dem Impuls, mich „kurz“ hinzusetzen und sechs Stunden später wieder aufzuwachen, nur durch Androhungen selbstverstümmelnder Gewalt widerstehen.
Klassische Beispiele für Framing begegnen uns täglich, stündlich, jederzeit. Man schaltet den Radio ein und bekommt wegen einer bestimmten Werbung für Körnerflocken sofort große Lust, das gesamte Schwabenland mit NATO-Draht einzuzäunen. Vor allem aber wirkt die Dauerbehämmerung mit gewissen „Themen“: Daß in Bayern ein erstaunlicher Anteil der Bevölkerung in Dauerangst vor „Terror“ lebt und diese bohrende Sorge automatisch mit Menschen islamischen Glaubens in Verbindung bringt, liegt nicht daran, daß dieser „Terror“ eine echte Bedrohung wäre (so wie etwa der Autoverkehr, an dessen Folgen in Europa jährlich 600.000 Menschen sterben), sondern an der Impertinenz, mit der offenbar eigens dafür gegründete Radiosender ohne Unterlaß die Begriffe „Terror“, „Islam“ (und „Börse“) in die Welt trompeten, samt Nachklapp in der wochenendlichen Volksempfänger-Talkshow mit dem Titel „Flüchtlinge und Kriminalität – die Diskussion“. Genau: „die“. Eine andere (etwa „Flüchtlinge und Kapitalismus“) kann es nicht geben.
Zwischendurch melden sämtliche Kanäle die Ermordung eines Journalisten in der Ukraine, der angeblich „kremlkritisch“ gewesen sei, lassen dazu den Namen „Putin“ fallen, und schon erwacht im Unterbewußtsein das Gespenst des russischen Monsterbären, der Westeuropa zu verschlingen trachtet, und der momentan tätige Bundespräsidentendarsteller „mahnt“ eine „Aufklärung“ an.
Hinterher stellt sich heraus, daß die ganze Geschichte ein ziemlich idiotischer Schwindel war und der Journalist gar nicht tot ist. Das erklärt man medial mit schwurbelig-wirrem Geheimdienst-Blabla, und sechs Monate später (wollen wir wetten?) ist von dem ganzen Fake nur noch in Erinnerung, daß „der Putin doch damals auch schon“ usw.
Daß in der Ukraine tatsächlich (u. a.) Journalisten ermordet werden, und zwar eine ganze Menge, und daß diese im Normalfall nicht (nur) „kremlkritisch“ sind, sondern das mittels Staatsstreich installierte kryptofaschistische Kleptokratenregime im eigenen Land durchleuchten wollten, glaubt einem hingegen kein Mensch, weil man so was ja noch nie gehört hat. Notfalls hilft eine Art Ablenkungshypnose, indem zum Beispiel die Zeitungstitelseite an die Fußball-WM in der argentinischen Militärdiktatur 1978 erinnert und munkelt, in Rußland finde 2018 das gleiche statt.
So geht das ständig. Hören (und folglich denken) wir das Wort „Zitrone“, schmecken wir förmlich die Säure im Mund. Sagt einer „Wachstum“, brodelt im deutschen Bravmenschen die Arbeitsmotivation hoch. Fällt das Wort „Griechenland“, schmerzen uns sofort die Trilliarden von Euros, die von unserem Steuergeld abgesaugt und in die Hosentaschen fauler Mittelmeerkommunisten gepumpt wurden.Daß in selbigen Taschen nie ein einziger Cent davon angekommen ist, ist eine Information, die man sich notfalls schon mal aufdrängen läßt, die aber sofort wieder verblaßt wie ein Regenbogen nach dem Junigewitter, weil das assoziative Sirenengeheul, dem wir an jeder Straßenecke ausgesetzt sind, einfach zu laut und zu dauerhaft plärrt. Wenn dann zwischendurch Italien an der Reihe ist und eine der Parteien, die die letzte Wahl gewonnen haben, niemals ohne den Zusatz „populistisch“ erwähnt wird, springt auf der Stelle die Übertragungsautomatik an.
Iran? Atomprogramm! Israel? Gazastreifen! Palästinenser? Militant! Wahlen? Die Märkte beruhigen! Asyl? Massenhaft! Ermittlung? Fieberhaft! Lohn? Zusatzkosten! Steuer? Senkung! Fachkräfte? Mangel! FC Bayern? Rekordmeister! Es nimmt kein Ende, und das Allerfieseste ist, daß man auf die alles durchdringende Dauerhypnose durch „Themen“-Auswahl und Zusammenhangzwang nicht mal hinweisen darf, ohne mit Vokabeln wie „Putinversteher“ und „Verschwörungstheoretiker“ bombardiert zu werden und sich fragen lassen zu müssen, ob man neuerdings AfD-Anhänger sei, wegen „Lügenpresse!“ und so. Weil der Frame, in dem der Homo papageiens lebt und denkt, sozusagen doppelt abgesichert ist, indem für jeden, der einen anderen Gedanken, ein anderes „Thema“ auch nur „andenkt“, die entsprechende Tonne bereitsteht. So schließen sich die Reihen, und wer nicht für uns ist, ist für die anderen!
Framing ist nichts Neues. Schon unsere Groß- und Urgroßeltern erlebten, daß man nur oft genug Wörter wie „Jude“, „Bolschewismus“ und „Führer“ hören muß, um in einen Gedankenfuror zu geraten, der beim Deutschen meistens dort endet, wo er mittlerweile wieder angekommen ist: an oder ein Stück jenseits der russischen Grenze. Hinterher wacht man dann auf und ist vollkommen ehrlich überzeugt, von all dem nichts gewußt zu haben.
Dabei wissen wir doch alles. Und vor allem wissen wir: Diese „anderen“ gibt es gar nicht. Und „uns“ gibt es in diesem Sinne auch nicht. Sondern überall auf diesem Planeten gibt es annähernd unzählige Menschen, die nichts lieber täten als fröhlich in den Tag hineinleben, im Sommer in Flüsse und Seen springen, sich zärtlich in den Armen liegen und lustige Lieder singen. Die anderen: das sind die, die uns daran hindern. Und die uns dazu bringen, uns selbst daran zu hindern.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Dienstag, 26. Juni 2018

Belästigungen 13/2012: Unendlich viel Geld für unendlich mal nichts (ein zweiter Teil)

Um zu erkennen, wie absurd die ganze Diskussion ist, die sich anläßlich des „Urheberrechts“ angeblich um den „Schutz“ der „Kultur“ dreht, braucht man nur mal zuzuhören, was da so alles geplappert wird. Eine Meinung dazu hat z. B. unser ehemaliger Ministerpräsident Edmund Streber, der heutigentags als Chef des Programmbeirats der Pro Sieben Sat 1 Media AG einen ganz besonders tüchtigen „Urheber“ vertritt: „Wenn jemand ein Auto, ein Portemonnaie oder ein Handy stiehlt, wird jeder einsehen, daß dies bestraft werden muß. Warum sollte das bei einem Musikstück oder einem Film anders sein?“
Das heißt: Wenn ich auf der Straße spazierengehe und zufällig ein Auto sehe oder es vorsätzlich betrachte, muß ich demnächst damit rechnen, als Dieb verhaftet zu werden?
„Ist es Zensur, daß Sie die Schuhe bezahlen müssen, die Sie im Internet gekauft haben?“ trötet der Filmregisseur Michael Verhoeven in das gleiche Horn, und ich frage wiederum zurück: Muß ich ab jetzt einen Euro beim Bäcker abgeben, wenn im Fernsehen Reklame für Semmeln gezeigt wird?
Der schwerreiche Bestsellerautor und -musiker Sven Regener wiederum labert, wenn es um Kunst geht, am liebsten von „Geschäftsmodellen“ und trifft damit unfreiwillig ins Schwarze. Möglicherweise können die Verfechter solcher „Geschäftsmodelle“ ein paar Fragen beantworten: Wenn ich mir 1978 eine LP gekauft habe, habe ich dann fürs Urheberrecht bezahlt? Wenn ich mir die gleiche Platte mit derselben Musik zehn Jahre später noch mal als CD gekauft habe, war da wieder ein Urheberrecht dabei? (Wie wollte die Musikindustrie sonst rechtfertigen, daß sie damals in den Milliarden nur so badete, die sie damit „verdiente“, ihren alten Müll in digital zusammenkastrierter Form noch mal zu veröffentlichen?) Wieder zehn Jahre später erschien die gleiche Platte erneut, diesmal „remastered“, zehn weitere Jahre später als „Deluxe Edition“ ein (mindestens) viertes Mal, und jetzt soll ich, weil ich keinen CD- und Plattenspieler mehr besitze und die „Deluxe Edition“ wegen „Kopierschutz“ auf dem Computer nicht läuft, das Album noch mal kaufen und noch mal ein Urheberrecht bezahlen für Musik, die ich bereits vierfach daheim stehen habe?
Und was kriege ich da überhaupt für eine Ware, wenn ich so einen Download „kaufe“? Ist danach ein Exemplar weniger im Lager des Verkäufers vorrätig? Muß er irgend etwas für mich herstellen, was einen finanziellen oder sonstigen Aufwand verursacht? Oder kriege ich bloß eine Magnetisierung auf meiner Festplatte, die der Lieferant theoretisch auf unendlich vielen Computern verursachen und damit ohne jegliche Leistung unendlich viel Geld verdienen könnte?
Wenn keinerlei materielles Argument dafür zu finden ist, gibt es dann ein moralisches? Muß ich zahlen, weil (z. B.) die Erben von Michael Jackson sonst Hunger leiden und man ihnen aus dynastischen Gründen als Nachfahren eines so bedeutenden Mannes nicht zumuten kann, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen?
Es gibt aber noch einen wesentlicheren Aspekt. Die Quintessenz des ganzen Geredes lautet nämlich: Wer sich was nicht leisten kann, der hat auch kein Recht darauf. Zurück in die Zeiten, als Leute meiner Klassenzugehörigkeit fünf LPs besaßen, weil das Taschengeld für mehr nun mal nicht reichte!
Wem das nicht gefällt, der wird sich an einen grundlegenden Gedanken gewöhnen müssen: Kunst ist kein Eigentum und kann es auch nicht sein. Wenn der Mensch eine Leberkässemmel braucht, muß er arbeiten gehen, dann kriegt er Geld und kann sich das Zeugs kaufen. Wem der Gott des Kapitalismus einen Berg Geld auf den Kopf oder in die Wiege scheißt, der kann so lange Leberkässemmeln mampfen, bis es ihn zerreißt.
Aber Kunst ist kein Leberkäs. Kunst kann man nicht konsumieren (zu deutsch: „genießen“) und in verdauter Form wieder herauskoten wie Leberkäs. Sie geht nicht davon weg, daß man sie konsumiert. Kunst ist ein Menschenrecht; sie gehört allen, und jeder einzelne Mensch hat dadurch, daß er ein Mensch ist, das Recht, Kunst in jeder beliebigen Menge in seinen Kopf, seine Ohren, Augen und sein Herz hineinzufüllen.
Freilich: Der Künstler muß leben können; das war noch nie leicht und wird es nie sein. Wer sich dafür entscheidet, sein Leben der Kunst zu widmen, der muß wissen, was er tut. Daß heutzutage gewisse Künste (zum Beispiel die Popmusik) ein Nebenfach der Abteilung BWL sind, ist ein historischer Irrtum. Wer darauf hereinfällt, ist genauso selber schuld wie einer, der meint, er könne von anderen Geld dafür kassieren, daß sie Luft einatmen, die er und seine Erbvorfahren schließlich vorher ausgeatmet haben.
Wie man Künstler am Leben erhält, ist eine politische Frage, die über die Jahrtausende auf vielerlei Weise beantwortet worden ist, neuerdings eben (angeblich) mit dem „Urheberrecht“, das in dieser Hinsicht eine der dümmsten, aber die typisch kapitalistische Lösung ist: Wer Glück hat, kriegt alles, die anderen haben eben Pech gehabt, und damit sie nicht rebellieren (wie es bisweilen geschieht, wenn man Menschen ihr Menschenrecht verweigert), schärft man ihnen von früher Kindheit an die Grundregel ein: Es geht nicht darum, denen, die zu viel haben, was wegzunehmen und es denen zu geben, die zu wenig haben. Sondern es geht darum, Glück zu haben und einer zu werden, der zu viel hat!
Das könnte man ändern. Geld ist nämlich genug da, um sämtliche Künstler dieser Welt zu ernähren. Man muß es nur wollen.

(**Einige Tage nach Erscheinen der Folge am 27. Juni 2012 wurde in den Medien diskutiert, daß die GEMA beschlossen hatte, ihren Anteil an den Brutto(!)eintrittseinnahmen von Clubs, Parties, Konzerten etc. von 5 auf 10 % zu erhöhen. Als Begründung wurde u. a. genannt, es gehe nicht an, daß an einer Veranstaltung der Türsteher mehr verdiene als der Urheber irgendeines möglicherweise (!) dort gespielten Songs.)

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Belästigungen 12/2012: Von Nazis, Goldeseln und dem gehobenen Ur (Teil eins)

Die GEMA, ansonsten neben TÜV, ADAC, FDP, IHK, BDI und diversen Nazibanden einer der schlimmsten Großbuchstabenvereine unseres Landes, hatte neulich eine nette Idee: Der bekannte Nazi Norman Bordin soll Geld zahlen, weil er die beliebte Rosaroter-Panther-Melodie zur Beschallung eines seiner Aufmärsche benutzte. Wie gesagt: eine nette Idee und – so dachte man bei der Weitergabe der Meldung an die Presse wohl – geeignet, das seit Jahrzehnten annähernd GEZ-mäßig ramponierte Ansehen der GEMA ein bißchen aufzupolieren.
Aber so sehr es uns freut, daß Nazis auch mal was bezahlen müssen: Worin bitte schön bestand bei diesem ganzen Vorgang der Beitrag oder die Leistung der Erben von Henri Mancini (an die die GEMA einen Teil des Betrages abführen wird, wg. Urheberrecht)?
Ein-, zweimal im Jahr kriege ich selber lustige Post von der GEMA. Das liegt daran, daß ich „Urheber“ bin, das heißt: Ich habe im Lauf der Jahre immer mal wieder ein paar Lieder geschrieben, die auf Platten erschienen sind, von Bühnen ertönen, im Radio, Kino und Fernsehen laufen usw. – ich habe also ein „Recht“, das unbedingt geschützt werden muß. Deshalb kriege ich Geld, wenn jemand anderer meine „Werke“ für irgendwas verwendet.
Über kein Recht wird zur Zeit so gestritten wie über dieses „Urheberrecht“. Amerikanische Polizisten fliegen in den fernsten Südosten, um deutschen Leberkäse zu verhaften. Deutsche Anwälte kaufen sich Frankiermaschinen, um jedes noch so kleine Dorf in der mecklenburgischen Provinz mit Drohungen und Geldforderungen zu bombardieren. Millionenreiche Künstler füllen ganze Zeitungsseiten mit Jammertiraden, weil ihnen ihr Lebensunterhalt weggeklaut wird. Bösartige Großkonzerne stilisieren sich zu einer Art von ideellen Negerjudenkrüppeln stilisiert, die zu schützen die heiligste Aufgabe aller Staatsgewalten ist. Deutschlands bösartigster Massenverlag, der meint, er dürfe gegen eine einmalige Zahlung von 25 Euro mit einem Text tun und lassen und verdienen, was ihm paßt, ohne dem Autor auch nur Bescheid zu sagen, ernennt sich zum Robin Hood der ausgebeuteten Künstler.
Und das alles zum Schutz des „Urhebers“. Mich als solchen sollte das eigentlich freuen, tut es aber nicht. Wenn ich nämlich in ein Lokal gehe, um eines meiner Lieder zu spielen, muß der Wirt dafür einen zwei- bis dreistelligen Betrag an die GEMA zahlen. Die gibt mir davon circa 0,5 Cent ab, teilt mir ab und zu in lustigen Briefen mit, ich hätte für irgendwas namens „MOD D“ oder „PHO VR“ einen Geldbetrag erhalten, den es als Münzen gar nicht gibt, und bezahlt dafür auch noch Porto. Mit „Schutz“ hat das offensichtlich wenig zu tun. Aber womit dann? Und was ist überhaupt ein „Urheber“?
Da gibt es mehrere Gruppen: einmal die wenigen Leute (oder ihre Erben), die erfolgreiche „Werke“ geschaffen haben. Die sind fein raus, weil sie tatsächlich jedesmal kassieren, wenn ihr Lied im Radio oder Fernsehen läuft, wenn jemand ihren Roman fürs Theater oder Kino inszeniert usw. Für diese Leute ist das Urheberrecht eine Art Perpetuum-mobile-Goldesel, der ihnen für die Idee oder Arbeit einiger Sekunden bis Tage ewigen Wohlstand garantiert, bis 70 Jahre nach ihrem Tod. (Klar, daß auch andere von so was träumen; daher wird immer wieder vor Gericht über ein paar Takte A-Dur/D-Dur/E-Dur gestritten, daher reklamieren inzwischen Leute ernsthaft ein Urheberrecht an Vogelzwitschern und Meeresrauschen.)
Dann die Leute, die nichts geschaffen, sich aber durch Tricks und Markt „Urheberrechte“ verschafft haben: die Verlage und sonstigen „Verwerter“. Die sind auch fein raus, weil ihnen noch nicht einmal jemand eine Obergrenze für ihren Anteil am Profit aus den fremden Werken setzt: Ein Immobilienmakler darf per Gesetz höchstens 6 Prozent des Erlöses selbst einstecken, der Musikmakler notfalls auch mal 90 Prozent. Kein Wunder, daß diese Leute am lautesten schreien: Wenn jemand sich ein Lied aus dem Internet runterlädt, verlieren sie zwar keinen Cent, könnten aber andernfalls noch viel mehr einschieben, ohne was dafür zu tun.
Dann gibt es noch den allergrößten Teil der Urheber, die von ihrem „Recht“ so gut wie oder gar nichts haben. Die schreiben mal ein Lied oder Buch, das wenig Leute kaufen, und leben von anderen Jobs oder bestenfalls Konzerten, Lesungen und den vielen Stipendien, Preisen und Almosen, von denen Künstler nun mal leben, weil ihrem Schaffen kein betriebswirtschaftlich faßbarer „Wert“ innewohnt. Und wenn ihr Lied mal im Radio läuft oder sie es auf der Bühne vortragen, dann kassiert dafür die GEMA und gibt das Geld zum Großteil an Bohlen und Siegel weiter, weil von denen mehr im Radio läuft und es viel zu kompliziert wäre, das genau auszurechnen.
Und schließlich kommen wir zum weitaus größten Teil der tätigen Künstler, die keinerlei verwertbare Rechte haben, weil sie keine „Urheber“ sind und niemals werden: Interpreten (vom Dirigenten über den Orchester- und Studiomusiker bis hin zum Klampfenheini in der Fußgängerzone und dem Weltstar, der anderer Leute Lieder singt), Film- und Bühnenschauspieler, Discjockeys, Rezitatoren, Übersetzer, Jongleure, Pantomimen, Synchron- und sonstige Sprecher, Bearbeiter, Performancekünstler, Vorleser, Toningenieure usw. usf. Ganz zu schweigen von all denen, die auch keine Künstler sind: den Ingenieuren etwa, die die Konstruktion oder das Design erfinden und entwerfen, mit denen der Konzern dann Milliarden scheffelt, während sie ein Gehalt bekommen und bei der nächsten Umstrukturierung gefeuert werden.
All diesen Leuten, die kein solches „Recht“ oder zumindest nichts davon haben, sondern dafür bezahlen, könnte der ganze Schmarrn mit dem „Schutz“ der „Urheber“ bei genauerer Betrachtung ziemlich piepegal sein – wenn es eben nicht sie wären, die dafür bezahlen und damit rechnen müssen, überwacht und bei versehentlichen oder absichtlichen „Verstößen“ drakonisch bestraft zu werden. Für den „Verbraucher“ (der, und das macht das alles unter kapitalistischen Aspekten so kompliziert, Kunst jedoch nie und nimmer „verbrauchen“ kann) ist der ganze Stiefel ein vollkommen anderer, aber dazu bei Bedarf gerne mehr in zwei Wochen.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Montag, 18. Juni 2018

Belästigungen 11/2018: Liebe Einzelsocken, singt das Loblied der Langeweile!

Schlimm an der Welt ist zum Beispiel, daß immer das, was man braucht, gerade nicht da ist. Damit meine ich nicht Geld. Das ist ja immer da, in ungeheuren Mengen sogar. Man kann bloß nichts damit anfangen, weil es angeblich irgend jemandem gehört (was es theoretisch gar nicht kann, aber das wollen wir heute mal vergessen).
Eher, aber nicht unbedingt konkret, meine ich die sprichwörtliche Spezies Socke, die man als Geschwisterpaar in die Waschmaschine hineinstopft und im sprichwörtlichen Regelfall einzeln wieder herauszieht – und zwar nur eine davon. Die andere bleibt verschwunden, bis sie Wochen später nach einem anderen Waschgang wieder auftaucht. Dann ist aber entweder die erste mittlerweile abgetaucht oder entsorgt, oder die beiden sehen sich aufgrund unergründlicher Vorgänge so wenig ähnlich, daß sie nicht mehr gemeinsam zum Einsatz kommen können.
So werden – ich kann das beweisen! – aus fünfzig Paar Socken hundert Einzelsocken, bei deren Anblick in der überfüllten Schublade ich immer ein bißchen melancholisch werde, weil sie da so nutzlos vor sich hinwesen und man sie weder wegschmeißen (sind ja noch gut) noch für etwas Sinnvolles gebrauchen kann (außer indem man sie zu fensterbrettbreiten Wollschlangen zusammenkniedelt, die im Winter vor Bodenfrost im Zimmer schützen – aber die Zahl der Fenster hat halt auch ihre Grenzen).
Die Melancholie ist eine übertragene, weil sie sich in Wahrheit auf Menschen bezieht. Menschen, die vor allem jetzt im späten Frühling und frühen Sommer so ähnlich wie Einzelsocken ohne Schublade in der Welt herumflattern. Dabei haben sie, erinnert man sich, doch gerade noch als Paare sozusagen ihren Stiefel durchgezogen durch den Winter, man wähnte sie zufrieden. Jetzt erzählen die solitären Menschensocken, wenn man sie fragt, die üblichen Standardgeschichten: „auseinandergelebt“, „Selbstverwirklichung“, „andere Pläne“, „unterschiedliche Interessen“, „neue Ziele“.
Lustig – auf eine traurige Weise – ist daran, daß es erfahrungsgemäß nicht lange dauert, bis ein scheinbar ähnlich gemustertes Exemplar gefunden ist und der Durchlauf durch das moderne Kaufhaus der Begehrlichkeiten von neuem beginnt: Man hat wahnsinnig tollen Sex, strahlt im Einklang und entdeckt eine schier unüberschaubare Palette an gemeinsamen Konsuminteressen, die das Leben spannend, aufregend, zu einem einzigen Abenteuerurlaub machen.
Frische Menschensockenpaare fliegen mit Stoffdrachen durch Bergtäler, strampeln sich synchron an Science-Fiction-Gymnastikgeräten ab, kochen in hypermodernen Geräteküchen die „Highlights“ sämtlicher Weltkochkulturen durch (wofür man im Normalfall erstaunlicherweise nur Weizenmehl, Industriefleisch, Rapsöl, Sahne und ein paar exotische Gemüsestreusel braucht, die gerne mal am Tellerrand liegenbleiben), vereinen ihren Energiefluß durch vermeintlich fernöstliche Betätigungen und entdecken immer neue gemeinsame Lieblingsfilme, -bücher, -spiele. Dabei entwickeln sie sich ununterbrochen weiter und verwirklichen sich in einem schwindelerregenden Dauerakkord selbst: „Erst durch ihn habe ich meine Potentiale entdeckt!“ – „Sie gibt mir den Rückhalt für bla bla!“.
Das kann logischerweise nicht lange gutgehen, und wenn es nicht mehr ganz so gut geht, kommt notfalls noch ein Kind ins Spiel. Allerspätestens dann hat der Spaß ein Loch. Der Sex wird fad, auch wenn man ihn in gewohnter Intensivierungsmanier fünfmal täglich betreibt, alle möglichen Stellungsratgeber und sonstige Verbesserungsliteratur studiert und endlich den verflogenen Reiz mit Gruppensex und Swingerclubs neu anzufachen versucht. Spannung und Aufregung verpuffen in der Wiederholung nicht mehr zu steigernder Eskapaden; danach hängt man erschöpft vor der Glotze, mampft Fertigpizza, stellt lustlos Pläne für die nächsten Wochenenden zusammen, wischt (falls der Notfall schon eingetreten ist) Babykotze auf.
Positiv betrachtet: kann man ja auch mal kuscheln statt zwanghaft olympisch zu rammeln (oder das halt in Gottes Namen mit jemand anderem tun); man kann ein Buch lesen, Brot und Käse essen, müßig in der Sonne gammeln, träumen, sich erinnern, schweigend die Welt kontemplieren. Das geht alleine, aber viel besser geht es zu zweit. Es ist weitaus erfüllender und beglückender als der hundertste Extremsportkurztrip und Wellness-Resorturlaub. Es erspart jegliches Streben nach vermeintlichen „Zielen“, jegliches Mühen um Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung, weil das, was an deren Ende angeblich herauskommen soll, bereits da ist. Und es kostet nichts.
Aber es geht nicht: Der moderne Mensch wird von Geburt an so intensiv darauf gedrillt, daß das Leben aus Spannung, Aufregung, Event, Begeisterung und Konsum bestehen MUSS, daß er Ruhe und Zufriedenheit nur noch als deren Ergebnis für denkbar hält. Nicht zu reden von Demut, Bescheidenheit, Hingabe, Liebe – die gibt es überhaupt nicht mehr, weil sie dem eigenen Weiterkommen und dem Wirtschaftswachstum im Weg stehen.
Daß Langeweile schöner sein kann als manisches Herumhetzen mit einem Stachel im Arsch, der ständig nach einer Fortsetzung der Reizüberflutung schreit, ist heutzutage leider unvorstellbar. Vielleicht sollten wir es einfach mal wieder ausprobieren. Vielleicht sparen wir uns dadurch sogar die existenzielle Vollwäsche, die uns zu ausgelaugten Einzelsocken macht. Vielleicht stellen wir fest, daß das, was wir brauchen, gar nicht weg ist, sondern unter dem Müllhaufen von Konsum und Selbstverwirklichung still und geduldig darauf wartet, wiedergefunden und in den Arm genommen zu werden.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Dienstag, 12. Juni 2018

Frisch gepreßt #412: Murs "A Strange Journey Into The Unimaginable


Am Küchentisch heißt es: „Hä? Wir haben doch schon ein Hip-Hop-Album im Haus! Wozu noch eins, es ist Frühling! Da hört man sich doch nichts an, was heuer so klingt wie letztes Jahr und letztes Jahr wie 1996!“
Aber der nettmenschliche Einwandsfluß versiegt sehr bald und weicht einem mindestens milden Staunen. Zwar ist der thematische Rahmen, in dem sich Nicolas Carter alias Murs (was alles mögliche heißen kann oder soll, fragen wir nicht näher nach) auf seinem ungefähr elften Solo- und mindestens 22. Album insgesamt bewegt, so streng gezimmert, wie er das im klassischen Hip Hop (das heißt: jen- oder vielmehr diesseits vom Karnevalstralala) halt mal ist: Es geht um Weiber (böse und scharfe), Bullen, Knarren, das Ghetto, ums Rappen und wer darin der beste ist (immer der, der spricht, die anderen wollen nur Kohle), am Ende freilich um den lieben Gott; und es geht darum, daß man stark sein muß und sich nicht unterkriegen lassen darf und das auch keinesfalls tun wird, sondern jeden wegballern wird, der sich einem in den Weg stellt, und daß man sich ansonsten spirituell versöhnen und gemeinsam stark sein und die Macht bekämpfen muß und so Sachen halt …
„Hey, hast du gewußt, daß der Typ mal 24 Stunden am Stück gerappt hat und deswegen im Guinness-Buch der Rekorde steht? Putzig!“
Bitte was? Ach so, ja. Wenn und während man einem wie Murs zuhört, kann man schon mal selbst in einen Redestrom hineingeraten, der sich Gott sei Dank aber nicht reimt und sowieso nur ungefähre Paraphrase ist, weil: Murs schon ziemlich viel Phantasie und (im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Kollegen) eine enorme Rhythmus- und Reimsicherheit aufzubieten hat, wenn er den altbekannten Teig knetet, der deshalb durchaus frisch und originell und trotzdem rundum klassisch daherkommt, vielleicht so wie die sagenumwobene Pizza, von der kulinarische Flachnasen stets aufs Neue mit voller Überzeugung behaupten, sie sei mit Sicherheit „die beste der Stadt“ oder „Welt“, obwohl sie immer aus dem gleichen Zeug besteht und man sich schon gewaltig anstrengen muß, damit sie wirklich mal anders schmeckt als die davor und danach.
„Jetzt sei nicht so gemein! Zum Beispiel sind Hip-Hopper und Dreadlockträger ziemlich gerne mal ziemlich homophob, und der hier setzt sich für Schwulenrechte ein!“
Stimmt, ist aber egal. Auch nicht so suuuperwichtig, daß Murs (auch) auf diesem Album mindestens zweimal einen gewaltigen Luftsprung aus dem Themeneintopf macht: mit dem anrührend wundervoll nüchtern-traurigen „Melancholy“, in dem er ganz ohne Pose und Metapher von seiner jahrelangen, mittlerweile überwundenen Depression erzählt („Just paid for a shrink but she made me think / That the problem's all in my head / So with that said, I went solo / On my own tryna face my fears / I stopped, popped a pill, and it all got real / So I started writing this right here / And it took me years to get to this point / Where I don't wanna die every day / You can't put it in your mind to be down all the time / 'cause the sun go shine anyway“). Und mit der ebenso, aber ganz anders anrührenden „Superhero Pool Party“, einer Gutenachtgeschichte für Murs‘ Adoptivsohn (mit anschließender Kurzdiskussion über Spiderman).
„Huch, ist das alles persönlich! Da geht‘s ja auch um seine Scheidung und um sein tot geborenes Kind! Weia, jetzt werd‘ ich traurig!“
Aber wichtig ist gerade das: daß Murs alles, was er erzählt (von der Depression über die Marvel-Helden bis hin zur Slapstick-Anekdote „A Lean Story“), aus seinem eigenen Leben schöpft und eben nicht einfach nur irgendwas hinblafft. Und daß er den musikalischen Bogen so weit spannt, wie es nur geht (klassische Hip-Hop-Zutaten wie Beats, Schnitte, Samples, Störgeräusche, Gäste, dazu Schlagzeug, Akustikgitarren, Klavier, Bläser …), aber nichts davon bloß Schnickschnack und Hey-nicht-einschlafen-Bombastik-Buff-Gembömbel ist, sondern – und das ist selbst im Underground-Hip-Hop selten – alles im Dienste des Songs (!) steht.
„Okay, ich geb‘s zu: Ich mag Hip Hop nicht. Aber diese Platte mag ich. Sehr!“
Gut, dann holen wir mal wieder den Uraltsatz aus dem Staubschrank. Werte Hip-Hop-Nichtmöger: es kann nicht schaden, sich doch eine einzige Hip-Hop-Platte ins Haus zu stellen. Und es dürfte gerne diese sein.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Belästigungen 10/2018: Die unsichtbare Universität (ein Plädoyer für die Nutzlosigkeit)

Eine Freundin berichtete vor einiger Zeit, sie studiere jetzt an der Universität. Irgendwas mit Schaltkreisen, die man über spezielle Bluetoothfrequenzen steuern könne und die für die Autoindustrie enorm zukunftsträchtig seien. Es sei ziemlich schwer; sauviel zu lernen in viel zu kurzer Zeit, ständig Prüfungen. Sie komme überhaupt nicht mehr zu den Sachen, die sie interessieren. Aber man brauche eben eine Bildung, damit man mal einen anständigen Job finde.
Spontan und etwas leichtfertig korrigierte ich ihren Irrtum: Weder studiere sie, noch sei sie an einer Universität (abgesehen von dem Gebäude, das aus Traditionsgründen diese Aufschrift trage). Vielmehr mache sie eine hochspezialisierte berufliche Ausbildung, deren Ziel die Qualifikation für eine Arbeitsstelle sei. Mit Bildung habe das absolut nichts zu tun, weil Bildung im Zweifelsfall lediglich dazu führt, daß man die Notwendigkeit eines Jobs und der Lohnarbeit als solcher und des Kapitalismus insgesamt grundsätzlich anzweifelt.
Sie war geringfügig verstimmt. Selbstverständlich diene ihr Studium der beruflichen Qualifikation! Sie wolle ja was erreichen und bewegen! Wofür man denn bitte sonst einen Abschluß mache? Und ich hätte doch auch mal studiert?! Und was ich daraus eigentlich gemacht hätte?
Nun holte ich ein bißchen weiter aus. Studieren, sagte ich, bedeute, sich in eine Sache so hineinzuversenken, daß man darin aufgehe. Was für eine Sache das sei, spiele keine Rolle. Eine Universität wiederum sei eine Einrichtung, wo sich Menschen sammeln, um sich in ein (meistens äußerst exotisches) Interesse zu versenken. Eine Lehre, wie sie jetzt immer gefordert wird („Mehr Lehre! Weniger Forschung!“) sei dort kaum vorgesehen, abgesehen von ein paar Arbeitstechniken. Ansonsten tue man lesen, excerpieren, sinnieren, diskutieren, formulieren – eben studieren. Irgendwann zwischendurch entstünden Arbeiten, Aufsätze, Bücher, meistens in mikroskopischer Auflage, zu Themen und Problemen, für die sich im Idealfall nicht mehr als drei Menschen auf der Welt interessierten.
Arbeiten, sagte ich, könne man ja auch, danach oder daneben, zur Not sogar einen Beruf erlernen oder halt irgendwas Peripheres tun – nicht wenige Schriftsteller zum Beispiel hätten Jura studiert, manche sogar Literaturwissenschaft. Man könne auch Bäcker, Bauer, Beamter, Baumeister oder Bierbrauer werden. Aber der wesentliche Punkt an einem akademischen Leben sei eben dies: daß man etwas studiert, weil es einen interessiert. Aus keinem anderen Grund und vor allem: zu keinem Zweck. Oder wenn überhaupt zu einem Zweck, dann zu diesem: eine (idealerweise) sämtliche Klassengrenzen zwischen tumbem Geldadel, forscher Wachstumselite und ausgebeutetem Arbeitsvieh ignorierende und (irgendwann) aufhebende Gemeinde von verschrobenen Vergeistigten zu schaffen oder zu erhalten, die zwar keinerlei Nutzen hat, aber etwas in die Welt trägt, was dieser auch nicht schaden kann: Kultur.
Deswegen, sagte ich, gebe es an einer anständigen Universität nur Geisteswissenschaften und in diesen wiederum nur Spezialisten und Fachidioten, die ihr Mikrofachgebiet und ihr Interesse daran heutzutage ständig verteidigen müssen gegen Effizienzfanatiker, Menschenmaterialzüchter, Technokraten und Profitfaschisten, die sie abschaffen wollen, weil hinten kein Geld rauskommt und sie die Seminarräume für ihre Drillmodule brauchen. Was denn herauskomme, wenn jemand fünfzig Jahre lang Grabsteininschriften aus dem hinteren Bayerischen Wald studiere? Wozu jemand mit staatlicher Förderung Münzen deuten, Gedichte interpretieren und Handschriften katalogisieren müsse? Die Antwort sei eindeutig: nichts! und: weil er will!
Sie blickte etwas trüb und meinte, das ergebe doch keinerlei Sinn. Der Sinn, sagte ich, liege (immer übrigens) in der Sache selbst, und sie wandte ein, daß man das, was man erforsche, zu irgendeinem Nutzen der breiten Allgemeinheit einsetzen müsse, politisch oder sozial oder irgendwie. Nein, sagte ich. Aber (sie) es habe doch zu fast allen Zeiten (außer heute eben) Universalgelehrte gegeben, die Kaiser und Völker beraten und – eben - belehrt hätten. Leute wie Athanasius Kircher, den viele für den letzten Mann halten, der alles wußte. Das sei doch ein Nutzen!
Ja, sagte ich. Aber abgesehen davon, daß Wissen mit Bildung nur ganz am Rande zu tun hat und in diesem Rahmen lediglich bedeutet, daß man eine ungefähre Ahnung hat, wo in der Bibliothek man nachschauen muß oder könnte, war der Herr Kircher halt ein sehr typischer Universalgelehrter: Fast alles, was er in seine vielen Bücher hineinschrieb, besteht aus Irrtümern, falschen Annahmen, fehlerhaften Schlüssen, Gerüchten, neurotischen Verschwörungstheorien, Mißverständnissen, frei Erfundenem und blankem Bullshit. Und wenn solche „Universalgelehrten“ tatsächlich was bauten (meistens: innovative Waffen), flog es gerne mal unter Mitnahme ihres und anderer Leben in die Luft.
In dieser Hinsicht unterschied er sich also kaum von einem modernen „Wirtschaftswissenschaftler“. Während zum Beispiel einer, der sich für Kafka interessiert, irgendwann an einem Detail, einem Textchen, einer Zeile, einem Wort hängenbleiben kann und den Rest seines Lebens damit zubringen wird, das zu deuten und Aufsätze darüber zu verfassen, die niemand liest. Das, sagte ich, sei nicht verwerflich, sondern höchst sympathisch, und wenn schon sonst nichts, dann machen solche Leute immerhin nicht die Umwelt kaputt, beuten niemanden aus und führen keinen Krieg. Sowieso sei die alte Weisheit des Dschuang Dsi viel zu wenig bekannt, die da lautet: „Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein. und niemand weiß, wie nützlich es ist, nutzlos zu sein.“ Und sie solle mich bloß nicht fragen, um was es in meiner Magisterarbeit gehe.
Die Freundin „studierte“ noch ein paar Wochen zunehmend lustlos weiter, dann erzählte sie mir, sie habe bei Dschuang Dsi eine Sentenz entdeckt, die sie total fasziniere, ebenso wie der systemisch kongruente Niederschlag von dessen Weisheiten im erzählerischen Werk von Herbert Achternbusch. Deshalb habe sie ihr „Studium“ geschmissen und sich einen Kellnerjob gesucht, um diese Windungen und Verbindungen studieren zu können. Leider gebe es eine Universität oder gar eine geisteswissenschaftliche Fakultät, an der sie solches ohne Zeitdruck und ständige Belästigungen wegen mangelndem „Nutzen“ tun könne, nirgendwo mehr, drum tue sie es einfach so, zu Hause und allein und nutzlos, aber beglückt.
Ach, sagte ich, laß sie uns doch gründen, deine Universität. Könnte der Menschheit in ihrem derzeitigen Zustand gar nicht schaden. Es muß ja keiner wissen.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN München.

Samstag, 19. Mai 2018

Belästigungen 09/2018: Weg mit dem Kreuz, her mit der Eichel! (ein Aufruf zur Ehrlichkeit)

Von dem politischen Erdbeben, das Bayern derzeit erschüttert, werden wir unseren Nachfahren kaum in verständlichen Begriffen berichten können, weil es ihnen (hoffentlich) an Verständnis für ein derartiges Kasperltheater grundsätzlich fehlen wird.
Gestritten wird nicht etwa über den Klimawandel, der uns den dreiviertelten April lang einen brachialen Höchstsommer beschert und die Schleimhäute der armen Allergikern äglich mit fünf Pfund Blüten- und sonstigem Staub zementiert hat. Auch nicht darüber, daß es um die Trillionen Blüten, die allüberall leuchten, prangen, protzen und vor sich hin stauben, vielerorts merkwürdig still ist, weil die Bienen offenbar nicht mitbekommen haben, daß irgendeine Ministerin demnächst eventuell mal „anzudenken“ angedeutet hat, ob man vielleicht unter Umständen eines Tages darüber diskutieren könnte (sicherlich „zielführend“), den chemischen Massenmord an den summenden Zeitgenossen … nun ja, wahrscheinlich zu „überdenken“ oder so.
Angeprangert wird auch nicht die grassierende Armut, die auf den explodierenden Reichtum zurückgeht, Landschaftszerstörung durch wuchernde Neubausiedlungen, Gewerbegebiete und Autopisten, der philosophische Wahnsinn, daß viele bayerische „Mitbürger“ (die eigentlich Bürger sein sollten, die man aber durch die beschönigende Vorsilbe „mit ins Boot“ zu holen vortäuscht, was eine der Hauptaufgaben heutiger „Politik“ ist) – daß viele von denen sich mit ihrem Leben recht zufrieden wähnen, obwohl sie den größten Teil davon mit sinnfreier Arbeit verschwenden. Ganz zu schweigen von Wohnungsnot, Exportüberschuß, außenpolitischen Skandalen, Lügen, Vertuschungen, was weiß ich noch alles, von rassistischen Umtrieben der Nazis in der Ukraine bis hin zu allen möglichen Kriegen, über die man uns nichts oder höchstens Humbug berichtet.
Nein, womit die „sozialen Medien“ derzeit flächendeckend gepflastert werden (zwecks Simulation einer „Debatte“), ist der Befehl des neuen, nicht gewählten Ministerpräsidenten, künftig seien in sämtlichen freistaatlichen Behörden Kreuze an die Wand zu nageln. Und zwar weil das Ding „nicht ein religiöses Symbol“, sondern ein „Bekenntnis zur Identität“ und zur „kulturellen Prägung“ des Bayernlandes sei.
Daß das Kreuz in seiner Urform keineswegs „für elementare Werte wie Nächstenliebe, Menschenwürde und Toleranz“ stand, sondern als Hinrichtungswerkzeug ganz andere, recht grausige „Werte“ durchsetzen sollte und deswegen auch als „Galgen“ bezeichnet wurde, brauchen wir nicht groß betonen. Das weiß der Herr Söder sicherlich selber aus dem Schulunterricht, wenn er selbigen nicht ausdauernd geschwänzt hat, um unter dem Bildnis des totgemarterten Messias für seine politische Karriere zu beten.
Wir sparen uns auch den Hinweis, daß ein Christ, der öffentlich behauptet, das Kreuz sei „nicht ein religiöses Symbol“, angesichts der Tatsache, daß das Kreuz DAS zentrale Symbol der christlichen Religion sowie Ursprung und Zentrum des allerheiligsten Sakraments selbiger Religion und somit IMMER ein Bekenntnis ausschließlich zum Christentum ist, – daß so jemand kein Christ mehr, sondern ein ganz schlimmer Ketzer ist. Da kann er sich in seinem (ehemaligen) Heimatministerium so viele Gebetsräume einrichten lassen, wie er mag. Wenn das Kreuz abgesehen davon noch für einen „Wert“ steht, dann ist das zwar ein elementarer, aber keineswegs einer der von Söder vermuteten, sondern – siehe Friedhof – der Tod.
Reiten wir auch nicht auf den Sauereien herum, die die christliche Religion in den letzten zweitausend Jahren im Namen ihres Kreuzes weltweit angerichtet hat. Da genügt ein Blick in die Hekatomben einschlägiger Literatur, von Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ bis hin zu Kemmerichs immerhin streckenweise amüsanten „Kultur-Kuriosa“ (wo sich übrigens auch ein erquickliches Sammelsurium an historischen Beispielen für den Umgang mit Ketzern findet). Ist ja ebenfalls alles nicht neu.
Und wir verzichten darauf, die bayerische Verfassung zu zitieren, deren Artikel 142 eindeutig bestimmt: „Es besteht keine Staatskirche“, in der außerdem zwar ein „Bekenntnis“ von jedem Beamten gefordert wird, aber keineswegs zu einer Religion (oder Partei), sondern zum „demokratisch-konstitutionellen“ Staat, und in der weiterhin steht: „Die Zulassung zu den öffentlichen Ämtern ist von dem religiösen Bekenntnis unabhängig.“
Daß schon in der Konstitution von 1808 die Religionsfreiheit garantiert war, daß die erste demokratische Verfassung Bayerns von 1919 bestimmte, es dürfe niemand „zur Teilnahme an Kultushandlungen“ und „religiösen Übungen“ gezwungen werden, müssen wir nicht erwähnen. Schließlich hat an letzterer die Bayerische Volkspartei mitgeschrieben, die Vorgängerorganisation der CSU, man weiß das also (auch wenn das Desinteresse bayerischer Regierender an Verfassungen notorisch ist).
Vielleicht äußern wir statt all dem einen Vorschlag zur Güte: Man hänge, wenn Kreuz schon sein muß, nicht stilisierte Exemplare des Mordwerkzeugs in die bayerischen Dienststellen hinein, sondern die gleichnamige französische Spielkarte (die man vom Skat kennt, immerhin ein „immaterielles Kulturerbe“) bzw., wenn man dem Franzmann diverse Umtriebe in historischen Zeiten noch nicht verziehen hat, dann eben ihre deutsche, vom Schafkopf (der Urform des Skat) und Watten vertraute Entsprechung: die Eichel.
Damit wäre zweierlei erreicht: ein Bekenntnis zu Identität und kultureller Prägung des Bayernlandes, für die das Karteln traditionell entscheidender ist als das meist eh bloß (verbotenerweise) erzwungene Herumsitzen in Kirchen. Und ein sehr deutliches Zeichen für die ebenfalls traditionell überschießende Virilität bayerischer Machtprotze, die damit ihr Revier (durch sinnbildliche Brunzmarken) eindeutiger und ehrlicher markieren könnten als mit dem Mißbrauch religiöser Symbole als Feldzeichen.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.