„Hier versenkt die Stadt 72 Millionen!“ plärrte neulich eine Zeitung in selbige Münchner Stadt hinein. Wo? Das war nicht zu erkennen, ohne die Zeitung zu öffnen (was ich grundsätzlich unterlasse). Abgebildet war lediglich eine ehemalige, durch eine „Investition“ verschandelte Landschaft, die überall liegen könnte. Ist also: wurst.
Ist auch keine Sensation; schließlich sind Städte dafür bekannt, daß sie nach Belieben Orte und Gegenden finden, wo sich mal eben 72 Millionen versenken lassen. Korruption, Inkompetenz und Dummheit der kommunalen Politik schwingen sich stets zu titanischen Höhen auf, wenn es um „Investitionen“, also um das Versenken von Millionen durch Verwüstung von Landschaften und Zerstörung von Idyllen mittels Einbringung von Beton und Stahl geht. Andererseits sind 72 Millionen auch kein Pappenstiel. Die muß man (zumindest theoretisch) erst mal haben, um sie versenken und damit den Fortschritt vorantreiben zu können.
Und haben heißt: eintreiben. Da denkt man zunächst an Steuern. Aber die, die auf nutzlosen Geldbergen sitzen und bei denen sich locker nebenbei 72 Millionen eintreiben ließen, sind dieselben, in deren Taschen das Geld landet, das für „Investitionen“ versenkt wird. Da wäre es ja ein Schmarrn (oder neudeutsch: ein Nullsummenspiel), ihnen das Geld erst wegzunehmen und dann wieder zurückzugeben.
Eine weitere prima Geldquelle sind Bußgelder und Strafen. Weil man jedoch die, die viel Schlimmes tun und anrichten (wofür man nicht gleich ins Gefängnis muß), nur dann bußzahlen lassen kann, wenn es bei ihren Schandtaten nicht um „Investitionen“ geht, und es sich bei praktisch jeder dieser Schandtaten um eine „Investition“ handelt (und umgekehrt) und das Geld auch in diesem Fall wieder bei denen landen soll, denen man es zuvor wegnähme, geht da auch nichts.
So konzentriert man sich am liebsten auf den Straßenverkehr. Da, möchte man meinen, wäre auch allerhand zu büßen und zu holen: Autofahrer, die drängeln, hupen, telephonieren, Wege abschneiden, lärmen, blockieren, ihren Blinker ignorieren, gewohnheitsmäßig bei Rot „noch schnell“ durchrasen („So bald wird die Fußgängerampel schon nicht umschalten!“) und als friedlichste Variante die Rüssel und Ärsche ihrer grimmig dreinstarrenden Monsterboliden beim sogenannten „Querparken“ so weit in den Bürgersteig hineinhängen, daß die Gentrifizierungsbruthennen mit ihren Kinder-SUVs garantiert nicht und der Rest der Bevölkerung auch nur unter gymnastischen Verrenkungen daran vorbeikommt – lauter blöde, ärgerliche, störende, nervige, böse und regelmäßig tödliche Verstöße gegen das Gebot, seinen Mitmenschen nichts anzutun.
Allerdings ist, wie wir alle wissen, im Krieg und im Autoverkehr (die sich grundsätzlich nur unwesentlich unterscheiden) so gut wie alles erlaubt (zumindest praktisch), weil der Autoverkehr und die ihn befeuernde Industrie die Grundlage einer Wachstums- und Leistungsgesellschaft sind. Außerdem, so hören wir immer wieder, gibt es gar nicht genug Personal, um alles zu ahnden, was Autofahrer im Alltag so anrichten.
Zum Glück gibt es Radfahrer. Die sind leicht zu stoppen, meist harm- und hilflos und vom pausenlosen Bemühen, der Tötung durch Autofahrer zu entgehen, so entkräftet und eingeschüchtert, daß sie sich widerstandslos schröpfen lassen. Dafür gibt es dann übrigens plötzlich Personal.
So ist es mir neulich so ergangen, daß ich aus dem Münchner Süden nach Schwabing radeln wollte, was man am besten den Rindermarkt entlang tut. Nun weiß man als Münchner, daß selbiger neuerdings ein Stück weit gesperrt ist und nicht befahren werden darf. Dafür gibt es schließlich einen Randstein, an dem der Fußgängerbereich beginnt. Da steigt man ab, was ich auch tat – und im selben Moment eine rote Kelle vor dem Gesicht hatte, wie ich sie zuletzt am Tag meiner Einschulung im Zusammenhang mit einem gewissen Pamfi gesehen hatte, und den Spruch „Wissen Sie, weshalb ich sie aufgehalten habe!“ gesagt bekam.
Das wußte ich nicht. Man erläuterte es mir: Gefahren werden dürfe zwar auf der Straße, aber nur bis zu einem nicht erkennbaren Punkt etwa zwanzig Meter vor dem Beginn des Fußgängerbereichs, weshalb dort ein Schild stehe, an dem vorbei weiterzufahren fünfzehn Euro koste, die ich bar bezahlen oder überweisen könne. Diese Belustigung erfuhr ich umkreist von dreizehn (!) Uniformierten der „Verkehrsüberwachung München“, die allesamt gravitätisch nickten und sodann stückweise ausschwärmten, weil unmittelbar nach mir ein Radler nach dem anderen exakt dasselbe Vergehen beging.
Das Schild wollte ich dann doch sehen. Leider stehen in diesem Bereich des Rindermarkts (wie in der Stadt überhaupt) so viele Schilder herum, daß ich es erst nach langem Suchen fand. Oder gefunden zu haben glaube. Das Schild war etwa so groß wie eine hochkant gestellte Schultafel, zeigte ganz oben einen roten Kreis und darunter eine knappe Belehrung – knapp genug, um sie im Vorbeiradeln inmitten des Gehämmers sonstiger schriftlicher Botschaften aus allen Richtungen (Reklame! „Bild“! Hundert weitere Schilder!) sofort zu begreifen. Da stand geschrieben: „Durchfahrt Marienplatz (rot:) gesperrt / Lieferverkehr bis 7,5 t zulässiges Gesamtgewicht frei von Sonntag 22:30 h bis Samstag 12:45 h täglich von 22:30 h bis 12:45 h an Feiertagen ab (unleserlich, weil ein angekettetes Moutainbike davorstand)“.
Ja nun. Freilich hätte ich in Sekundenbruchteilen gewahr werden müssen, daß der Marienplatz neuerdings mitten auf dem Rindermarkt beginnt und mein Fahrrad das „zulässige Gesamtgewicht“ bei weitem überschreitet. Aber stimmt beides überhaupt? Und ist „täglich von 22:30 h bis 12:45 h“ nicht eine reichlich blödsinnige Angabe, weil davon (außer man lebt rückwärts) zwei Tage betroffen sind? Und das soll ich im sicheren Wissen, mich auf einer Straße zu befinden, die ordnungsgemäß am Randstein endet, instantan verinnerlichen?
Nö. Ich begab mich zurück zu der mich behandelnden Beamtin (die wahrscheinlich nur eine bemitleidenswerte Billiglohnsklavin war) und erklärte ihr, es handle sich hierbei um vorsätzliche Verwirrung und Wegelagerei in Tateinheit mit Falschinformation. Sie indes meinte, wo der Marienplatz beginne, falle nicht in ihren Zuständigkeitsbereich und es gebe „ganz unten“ noch ein Schild, das die Fahrradbenutzungserlaubniszeiten angebe, die sich auf die Nacht beschränkten. Das wollte ich sehen, und sie wollte es mir zeigen.
Ging aber nicht, weil vor dem Zusatzschild jemand neben das angekettete Mountainbike Holzpaletten gestapelt hatte, so daß man nur mit detektivischer Mühe „21“ und ein halbes symbolisches Fahrrad erkennen konnte. Das sei egal, sagte die Dame, ein Verbot gelte in Deutschland auch dann, wenn niemand davon wissen und erfahren könne.
Das wiederum fand ich eine so geile und originelle Rechtfertigung für offensichtlichen Betrug, daß ich ihr spontan verzieh, mein Eintrittsgeld für das kabarettistische Straßentheater gut angelegt wußte und ihr am liebsten geraten hätte, ein Bühnenprogramm aus ihrer Nummer zu machen. Leider hatte sie keine Zeit mehr, schließlich kamen da schon wieder zehn Radler angeschnauft, die beraubt werden mußten.
Ach, vielleicht hätte ich ihr lieber vorschlagen sollen, den dummen „Überweisungsträger“ zu zerreißen und statt dessen zweihundert Euro von meinem Konto abzuheben und uns auf eine exzessive Biergartentour zu begeben. Schließlich wäre das Geld da mit Sicherheit genußbringender und gesamtgesellschaftlich förderlicher versenkt gewesen als in irgendeiner „Investition“.
Aber wen interessiert in einer Leistungsgesellschaftsgroßstadt schon, was genußbringend und förderlich ist?
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Montag, 3. Juli 2017
Samstag, 1. Juli 2017
Frisch gepreßt #386: Dear Reader "Day Fever"
Aber es gilt für jeden Abend. Wenn das Geknalle, Gerappe, Gerocke und Gerumpel verklungen ist und der Kopf mit leichtem Schwurbelschwindel die Dinge neu ordnet oder das zumindest versucht, wenn der Zapfhahn die letzten Gläser füllt, die letzten Gäste dem ersehnten Aschenbecher huldigen, die Gespräche in ungefähres Gemurmel und in stummem Zusammenklang dahinfließende Wirbelwurlgedanken münden, bis man endlich immer mehr und nur noch schweigt – dann schlägt die Stunde der letzten Lieder, von denen sich manch ein Liebhaber solch tiefblau vernebelter Nachtzeiträume wünscht, es gäbe jemanden, der nur sie schriebe und spielte.
Gibt es, und es ist ausnahmsweise mal nicht Frank Sinatra, der zeitweise in the wee small hours solche Anwandlungen hatte, denen aber stets ein schwerer Saum von verliebtem Unglück, unglücklicher Verliebtheit, verlorener Leere, leerer Verlorenheit und gesamtheitlicher Vergeblichkeit sowie ähnlichen Geweben angenäht war, in dem man sich verfangen und verwickeln und dann hinabsinken konnte in den Sumpf des Noch- oder Nichtmehrganzdaseins. Es ist auch nicht Tom Waits, der noch intensiveren Sog entfachte und hämisch keckernd auf die Welt den Sargdeckel draufschmiß. Bei Cherilyn MacNeil ist die Sache umgekehrt: Da öffnet sich das Herz nach oben und lernt fliegen, und das Dunkel wird licht.
Ihre Songs sind meist sehr einfach, leicht und simpel: ein paar Töne, hingetupft wie Wölkchen und Glitzerschimmer auf Gemälden von Bob Ross, nicht immer gänzlich kitschfrei, aber wohlig, rund und klein. Dann aber staffiert sie die anmutigen Skelette aus mit Klängen, Chören, Stimmen, bis beschauliche Kunstwerkchen daraus werden, schillernd in vielen Farben und Formen. Die jedoch glücklicherweise immer da enden, wo es – zum an den Haarspitzen herbeigezogenen Beispiel – bei Kate Bush losgeht mit Brimborium und Popanzschwere. So gehen sie, die letzten Lieder.
Wer mag, kann genauer zuhören und sich was erzählen lassen von Cherilyns abenteuerlichem Leben: Angefangen hat sie ihr Projekt einst in Südafrika, in einem Vorort von Johannesburg, unter dem Namen Harris Tweed, erntete Preise und Erfolge und eine Klagedrohung der Harris Tweed Authority, die streng über Ruf und Geschick des schottischen Traditionsgewebes wacht. Drum hieß und heißt sie fortan und jetzt Dear Reader, zog 2010 ohne ihren vormaligen Begleiter Darryl Torr ans ganz andere Ende der Welt, nach Berlin, und tat sich mit den unterschiedlichsten Musikern zusammen, von denen jeder dies und das in den Topf warf, in dem sie ihre Klanggebilde köcheln ließ.
Sie nahm ein Album in Leipzig und Portland (Oregon) auf, ein weiteres ganz allein in ihrem Berliner Einzimmerapartment, eines live mit dem Filmorchester Babelsberg, und nun ist sie in San Francisco gelandet, bei John Vanderslice, in dessen Tiny-Telephone-Studio es keine Computer und Digitalgerätschaften gibt, sondern nur ein Tonband, das sie mit ein paar neuen Freunden aus der Gegend bespielte. Sparsam, vorsichtig, gerade dicht genug, daß die Songs schimmern, leuchten und schweben können.
Wie gesagt: wer mag. In den dehnbaren, sich dehnenden Stunden zwischen Nacht und Morgen, zwischen Traum und Wirklichkeit, da braucht es die Geschichten und Bilder in den Texten eigentlich gar nicht. Da genügt es, die Musik mit leichtem Schwurbelschwindel in die Seele fließen zu lassen, Wirbelwurlgedanken sich winden und ranken zu lassen, das letzte Glas zu betrachten und mitzuschimmern, mitzuleuchten, mitzuschweben.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Freitag, 30. Juni 2017
Belästigungen 07/2017: Guten Tag, Herr Regenschirm! Hätten Sie gerne eine Welt?
Ich kann mich an mein erstes Matchbox-Auto erinnern (Rolls Royce Phantom V). Ich kann mich an meine erste eigene Single erinnern (The Beatles, „Get Back“), die erste LP („Beggars Banquet“), an meinen ersten Schultag („Schau links, schau rechts, schau gradeaus, dann kommst du sicher gut nach Haus“), den ersten Füller (Pelikan), den ersten Banknachbarn („Mein Name ist Oliver, wollen wir Freunde sein?“), an meinen ersten Kuß (schwarzer Lippenstift in Benediktbeuern!), das erste Radl (mit Stützrädern und Spielkartenmotor).
Ich weiß noch, wie meine erste abonnierte Zeitschrift hieß („Teddy – Lesen und spielend lernen“), meine erste Freundin (wird nicht verraten), auf welcher Linie ich das erste Mal Trambahn gefahren bin (1, passenderweise), welches Thema in meiner ersten Unterrichtsstunde im Gymnasium behandelt wurde (Schulstrafen), wofür ich meinen ersten Verweis bekam (einen Schubser im Turnunterricht), wie mein erstes „richtiges“ Fußballspiel ausging (1:9 gegen Neuperlach), wie die erste Band hieß, die ich auf einer Bühne sah (Subject Esq.).
Aber komischerweise habe ich keinerlei Erinnerung an meinen ersten Regenschirm. Um ehrlich zu sein und etwas weiter auszuholen: Ich kann mich so richtig an überhaupt keinen Regenschirm erinnern, zumindest an keinen eigenen (an einen fremden schon: Der gehörte einem Buben im Hort, war aus durchsichtigem Plastik und so cool, daß ich ihn vor Neid kaputtmachen mußte). Ist es möglich, daß ich mir noch nie einen Regenschirm gekauft habe?
Das ist sehr gut möglich. Regenschirme sind eigensinnige Weltbewohner, die es nie längere Zeit an einem Ort hält. Man findet sie kaum in Privaträumen (Ausnahmen wie der Schirm, der Spitzwegs „Armen Poeten“ davor schützt, vom undichten Dach durchnäßt zu werden, bestätigen die Regel und wirken gerade deshalb kurios); gerne beziehen sie vorübergehend Quartier in Begegnungsstätten wie Kneipen, am liebsten aber sind sie unterwegs. Wenn ein Tram-, S-, Eisenbahn- oder sonstiger Zug ohne einen einzigen Regenschirm als Passagier durch die Gegend fährt, hat es mit Sicherheit seit Wochen nicht geregnet und wird dies auch noch wochenlang nicht tun.
Da ähnelt der Schirm dem Menschen, dessen Entwicklung zum Kulturwesen einst damit begann, daß er seßhaft wurde und – eben – die Gegend um sich herum kultivierte. Im Lauf der Zeit erblühten solcherart Anwesen, Dörfer, Städte und Ballungszentren, bis der Mensch eines Tages beschloß, es sei nun wieder genug mit der Kultur und es müsse etwas Neues her.
Fortan wurde nicht mehr gehegt und gepflegt, sondern weiterentwickelt; schließlich lehrte die Lehre von der Evolution, daß nichts, was es gibt, vollkommen oder auch nur vollständig ist, sondern immer lediglich ein Zwischenschritt, eine Haltestelle sozusagen, durch die der rasende Schnellzug der Entwicklung jedoch ohne anzuhalten hindurchbraust, bis er endlich … nein, ein Ende gibt es nicht, alles strebt ewig weiter nach vorn und oben.
Logisch, daß es auch mit der Seßhaftigkeit bald vorbei war. Stillstand, lehrte man nun in den Unterrichtungsanstalten, sei der absolute Horror, es müsse sich etwas und am besten alles bewegen, und zwar fort. Fortschritt und Fortbewegung wurden die hehren Ideale einer neuen Ideologie, die dem Menschen nicht mehr erlaubte, sich hinzusetzen und wohlzufühlen. Vielmehr wurde er mobilisiert und dynamisiert, und statt Kirchen, Burgen, Palästen und andere für die Ewigkeit gedachte Wohnstätten für Körper und Geister baute man nun Autos, Bahnen, Flugzeuge, Raketen, mit denen man alles mögliche konnte, aber auf keinen Fall: bleiben. „Indem man den Prozeß des Werdens betonte“, schrieb der Philosoph Jürgen Dahl, „kam der Sinn für das Gewordene zu einem Teil abhanden.“ Selbst sogenannte Konservative interessierte irgendwann nur noch, „was hinten rauskommt“ (H. Kohl) und nicht mehr das Gewordene, das sie vorne reinsteckten in die Fortschrittsmaschine, als die sie den Planeten betrachteten.
Im Zuge dieser Umwälzungen kamen – bezeichnenderweise etwa zur gleichen Zeit wie Dampfmaschine und Eisenbahn – die Regenschirme in die Welt, die es zwar schon länger gab, die aber bis dahin niemand so recht mochte, weil sie als „französisch“ und weibisch galten und wahrscheinlich wegen ihrer Unstetigkeit und mangelnden Treue inbesondere der relativ lange und stur seßhaften Landbevölkerung unheimlich waren. Nun setzten sie sich durch, milliardenfach, und bevölkerten die Welt bald ebenso dicht wie der neue Typ Mensch, der Homo promovens, der den Homo sapiens abgelöst hat und unablässig damit beschäftigt ist, sich fortzubewegen und fortzuschreiten, im täglichen Existieren und Wirtschaften wie im weltgeschichtlichen Entwicklungsprozeß, der nie enden und nie zum Stillstand kommen darf.
Seltsame Vorstellung: daß eines nicht so fernen Tages, wenn der Mensch die Erde für sich selbst unbewohnbar gemacht hat und ausgestorben ist, noch eine ganze Zeit lang vollautomatische Autos, Züge, Schiffe und Flugzeuge durch die Gegend eilen werden, in denen ausschließlich Regenschirme herumstehen und -liegen (und ein paar Fliegen brummseln und Käfer krabbeln), unbekannten Zwischenstationen entgegeneilen und sich möglicherweise im stillen wünschen, es möge doch mal eine Evolution anbrechen und sie befähigen, irgendwo auszusteigen, sich ein bißchen umzuschauen, möglicherweise seßhaft zu werden und eine Kultur einzuleiten.
Wie ich auf einen solchen Schmarrn komme? Auch daran kann ich mich erinnern: weil mein letzter Regenschirm gerade nach Karlsruhe eingefahren ist und ich, vor dem Bahnhof stehend, mich kurz und nebenbei frage, wo er wohl als nächstes hinreist, ohne mich.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Ich weiß noch, wie meine erste abonnierte Zeitschrift hieß („Teddy – Lesen und spielend lernen“), meine erste Freundin (wird nicht verraten), auf welcher Linie ich das erste Mal Trambahn gefahren bin (1, passenderweise), welches Thema in meiner ersten Unterrichtsstunde im Gymnasium behandelt wurde (Schulstrafen), wofür ich meinen ersten Verweis bekam (einen Schubser im Turnunterricht), wie mein erstes „richtiges“ Fußballspiel ausging (1:9 gegen Neuperlach), wie die erste Band hieß, die ich auf einer Bühne sah (Subject Esq.).
Aber komischerweise habe ich keinerlei Erinnerung an meinen ersten Regenschirm. Um ehrlich zu sein und etwas weiter auszuholen: Ich kann mich so richtig an überhaupt keinen Regenschirm erinnern, zumindest an keinen eigenen (an einen fremden schon: Der gehörte einem Buben im Hort, war aus durchsichtigem Plastik und so cool, daß ich ihn vor Neid kaputtmachen mußte). Ist es möglich, daß ich mir noch nie einen Regenschirm gekauft habe?
Das ist sehr gut möglich. Regenschirme sind eigensinnige Weltbewohner, die es nie längere Zeit an einem Ort hält. Man findet sie kaum in Privaträumen (Ausnahmen wie der Schirm, der Spitzwegs „Armen Poeten“ davor schützt, vom undichten Dach durchnäßt zu werden, bestätigen die Regel und wirken gerade deshalb kurios); gerne beziehen sie vorübergehend Quartier in Begegnungsstätten wie Kneipen, am liebsten aber sind sie unterwegs. Wenn ein Tram-, S-, Eisenbahn- oder sonstiger Zug ohne einen einzigen Regenschirm als Passagier durch die Gegend fährt, hat es mit Sicherheit seit Wochen nicht geregnet und wird dies auch noch wochenlang nicht tun.
Da ähnelt der Schirm dem Menschen, dessen Entwicklung zum Kulturwesen einst damit begann, daß er seßhaft wurde und – eben – die Gegend um sich herum kultivierte. Im Lauf der Zeit erblühten solcherart Anwesen, Dörfer, Städte und Ballungszentren, bis der Mensch eines Tages beschloß, es sei nun wieder genug mit der Kultur und es müsse etwas Neues her.
Fortan wurde nicht mehr gehegt und gepflegt, sondern weiterentwickelt; schließlich lehrte die Lehre von der Evolution, daß nichts, was es gibt, vollkommen oder auch nur vollständig ist, sondern immer lediglich ein Zwischenschritt, eine Haltestelle sozusagen, durch die der rasende Schnellzug der Entwicklung jedoch ohne anzuhalten hindurchbraust, bis er endlich … nein, ein Ende gibt es nicht, alles strebt ewig weiter nach vorn und oben.
Logisch, daß es auch mit der Seßhaftigkeit bald vorbei war. Stillstand, lehrte man nun in den Unterrichtungsanstalten, sei der absolute Horror, es müsse sich etwas und am besten alles bewegen, und zwar fort. Fortschritt und Fortbewegung wurden die hehren Ideale einer neuen Ideologie, die dem Menschen nicht mehr erlaubte, sich hinzusetzen und wohlzufühlen. Vielmehr wurde er mobilisiert und dynamisiert, und statt Kirchen, Burgen, Palästen und andere für die Ewigkeit gedachte Wohnstätten für Körper und Geister baute man nun Autos, Bahnen, Flugzeuge, Raketen, mit denen man alles mögliche konnte, aber auf keinen Fall: bleiben. „Indem man den Prozeß des Werdens betonte“, schrieb der Philosoph Jürgen Dahl, „kam der Sinn für das Gewordene zu einem Teil abhanden.“ Selbst sogenannte Konservative interessierte irgendwann nur noch, „was hinten rauskommt“ (H. Kohl) und nicht mehr das Gewordene, das sie vorne reinsteckten in die Fortschrittsmaschine, als die sie den Planeten betrachteten.
Im Zuge dieser Umwälzungen kamen – bezeichnenderweise etwa zur gleichen Zeit wie Dampfmaschine und Eisenbahn – die Regenschirme in die Welt, die es zwar schon länger gab, die aber bis dahin niemand so recht mochte, weil sie als „französisch“ und weibisch galten und wahrscheinlich wegen ihrer Unstetigkeit und mangelnden Treue inbesondere der relativ lange und stur seßhaften Landbevölkerung unheimlich waren. Nun setzten sie sich durch, milliardenfach, und bevölkerten die Welt bald ebenso dicht wie der neue Typ Mensch, der Homo promovens, der den Homo sapiens abgelöst hat und unablässig damit beschäftigt ist, sich fortzubewegen und fortzuschreiten, im täglichen Existieren und Wirtschaften wie im weltgeschichtlichen Entwicklungsprozeß, der nie enden und nie zum Stillstand kommen darf.
Seltsame Vorstellung: daß eines nicht so fernen Tages, wenn der Mensch die Erde für sich selbst unbewohnbar gemacht hat und ausgestorben ist, noch eine ganze Zeit lang vollautomatische Autos, Züge, Schiffe und Flugzeuge durch die Gegend eilen werden, in denen ausschließlich Regenschirme herumstehen und -liegen (und ein paar Fliegen brummseln und Käfer krabbeln), unbekannten Zwischenstationen entgegeneilen und sich möglicherweise im stillen wünschen, es möge doch mal eine Evolution anbrechen und sie befähigen, irgendwo auszusteigen, sich ein bißchen umzuschauen, möglicherweise seßhaft zu werden und eine Kultur einzuleiten.
Wie ich auf einen solchen Schmarrn komme? Auch daran kann ich mich erinnern: weil mein letzter Regenschirm gerade nach Karlsruhe eingefahren ist und ich, vor dem Bahnhof stehend, mich kurz und nebenbei frage, wo er wohl als nächstes hinreist, ohne mich.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Donnerstag, 29. Juni 2017
Belästigungen 06/2017: Mit dem Steckerleispapier in den Andromedanebel (und nicht mehr zurück)
Früher, als wir klein waren, steckten uns die Erwachsenen manchmal ein Zehnerl zu, wegen einer guten Schulaufgabe oder weil wir dringend zum Friseur gehen sollten oder einfach so, weil sie uns mochten. Zum Friseur ging damit niemand, weil ein Zehnerl dafür schon damals nicht gereicht hätte. Statt dessen stürmten wir zum Giesinger Bahnhof, wo die dicke Frau in ihrem Standerl Steckerleis verkaufte und ein hellgelber Klotz, der in Alupapier gewickelt war und entfernt nach Vanille schmeckte, genau ein Zehnerl kostete.
Das Alupapier, das man selten in einem Stück vom Eis bekam, war zu nichts zu gebrauchen, also warfen wir es einfach irgendwohin. Eines Tages indes ermahnte mich ein Erwachsener, das tue man nicht, weil dann der Straßenkehrer das ganze weggeworfene Alupapier mühsam zusammenkehren müsse und überhaupt alles immer schmutziger werde. Das leuchtete mir ein: Eine Welt, in der der Straßenkehrer keine Arbeit mehr hat, sondern friedlich in der Wiese liegen und philosophieren kann, erschien mir durchaus schöner als die unsere.
Daraus wurde aber nichts, wie wir feststellten, wenn wir bisweilen aus unserem Viertel und der Stadt weg in die Landschaft hinausgekarrt wurden: Da lag überall Dreck herum, und offensichtlich gab es am Starnberger See und in der Pupplinger Au auch keinen Straßenkehrer, weil der Dreck immer mehr wurde und die Landschaft langsam, wie es ein Erwachsener trefflich ausdrückte, in eine Kloake verwandelte. Allerdings handelte es sich bei dem Dreck größtenteils nicht um Steckerleispapier, sondern um Autowracks, alte Reifen, blecherne Benzinkanister und Fässer, Schrotteile und alles mögliche Undefinierbare.
Das stand der Natur gar nicht gut, und drum wurde stante pede ein „Naturschutz“ erfunden, der Abhilfe schaffen und den Urzustand wieder herstellen sollte. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Zwar sprach bald jedermann vom Naturschutz, selbst die Regierung, die allgemeiner Ansicht zufolge vor allem dafür zuständig war, daß Fortschritt und Aufschwung ungehindert schreiten und schwingen konnten und die Arbeiterklasse nicht aufmüpfig wurde. Aber die Berge an Dreck und Müll wuchsen unaufhörlich, weil die Industrie immer neue Möglichkeiten fand, Dreck und Müll in die Welt zu bringen: Lebensmittel gab es plötzlich nicht mehr in braunen Papiertüten, sondern in praktischen Plastikhüllen, wie es überhaupt alles nur noch in Plastik gab und das meiste sowieso aus Plastik bestand.
Wenn ehedem ein Möbel nichts mehr taugte, wurde es zerlegt und mit den Brettern etwas Neues gebaut oder der Ofen beheizt; die Nägel zog man raus und klopfte sie mit dem Hammer gerade. Nun gab es Möbel, die überhaupt keine Nägel mehr enthielten, sondern nur seltsame Ösen und Nieten, die zu nichts mehr zu gebrauchen waren, wenn die Möbel nach ein paar Jahren schief wurden, auseinanderfielen und als Dreck und Müll in der Natur landeten, weil sie auch nicht mehr aus Holz waren, sondern aus Plastik, Sägespänen, Asbest und Formaldehyd.
Da fragte der naive Michi im Schulunterricht, wo man uns beibrachte, daß man möglichst wenig Plastik kaufen soll, wieso man die Herstellung von Dreck und Müll nicht einfach verbiete, und erfuhr: Verbote seien nie gut, weil es so was nur im Kommunismus gebe, und man müsse vielmehr an die Vernunft der Menschen appellieren und Anreize schaffen, weil man damit zugleich die Wirtschaft ankurbeln könne.
Nachdem man einige Zeit Naturschutz betrieben, an die Vernunft appelliert, Anreize geschaffen und die Wirtschaft angekurbelt hatte und die Berge von Müll und Dreck weiter gewachsen waren, stellte man fest, daß es eine Natur inzwischen nicht mehr gab, aber immerhin noch eine Umwelt, also die Welt um die wuchernden Siedlungen, Industriegebiete und Mülldreckberge herum. Also sprach man nun von „Umweltschutz“, appellierte an die Vernunft, schuf Anreize, und weil ein paar Radikale fanden, es sei vielleicht gar nicht so gut, die Wirtschaft noch weiter anzukurbeln, wurden sie von Bundeskanzler Schmidt als „Umweltidioten“ und von einem fortschrittsgläubigen Raketentechniker mit dem vielsagenden Namen Krafft A. Ehricke, der nebenbei Feuilletons über die Entwicklung der Menschheit in Springerzeitungen hineintippen durfte, als „Kohlrabiheilige“ beschimpft.
Der Krafft nämlich war, wie damals viele, überzeugt, die Menschheit müsse den gesamten Weltraum erobern und seine Rohstoffe ausbeuten, weil die Erde sowieso überbevölkert und nur so das oberste Ziel der menschlichen Spezies zu erreichen sei: weiteres und absolut unbegrenztes Wachstum sicherzustellen. Daran hatte er bereits seit 1942 in Peenemünde für seinen Führer gearbeitet, dessen Wachstum aber bekanntlich nicht einmal ins Sonnensystem vorgedrungen, sondern bereits in Stalingrad zum Erliegen gekommen war.
Der naive Michi war damals zwar von Science Fiction begeistert, aber die Vorstellung, (zum Beispiel) hundert Millionen hungernde Afrikaner ins Weltall zu katapultieren, damit sie eines Tages im Andromedanebel Wienerwaldfilialen und Atomkraftwerke errichten, um die Wirtschaft anzukurbeln, erschien mir irgendwie unromantisch und ziemlich doof. Zumal die Müll- und Dreckberge weiterhin ungehemmt wuchsen. Inzwischen wurden die in Plastik geschweißten Lebensmittel praktisch nur noch fertig verkauft und bestanden selbst aus Müll und Dreck, den man achtlos in die Gegend pfefferte, weil irgendwas mit „Recycling“ draufgedruckt war. Verbieten mochte immer noch niemand was, weil, wie es inzwischen hieß, „der Markt“ das schon selber regle. Das tat er: Fastfoodketten holzten die Regenwälder ab, um noch mehr Platz für lebendes Rindfleisch zu haben, und produzierten mit einem Bruchteil ihrer Milliardenprofite umweltbewußte Aufklärungsfilme über die Abholzung der Regenwälder, die man hamburgermampfenden Schulkindern zeigte, auf daß auch sie umweltbewußt würden.
Weil der „Umweltschutz“ offensichtlich überhaupt nichts, sondern höchstens das Gegenteil bewirkte, fand man dann ein neues Motto und wollte nunmehr das Klima schützen. Dazu richtete man ein kompliziertes System von Konferenzen und Gipfeltreffen ein, zu denen Horden von Entscheidungsträgern und Experten mit unzähligen Flugzeugen und Autos geflogen und gekarrt wurden und dabei Unmassen von Gasen ausstießen, die allgemeiner Überzeugung zufolge das Klima schädigten. Logischerweise sah man davon ab, sinnlose Flüge und Autofahrten und sonstige Ausstoßereien von Gasen zu verbieten, und einigte sich darauf, an die Vernunft zu appellieren, Anreize zu schaffen und solcherart die Wirtschaft anzukurbeln.
Heute wiederum nehmen nur noch ein paar Ahnungslose das Wort „Klimaschutz“ in den Mund, weil inzwischen klar ist, daß der Mensch das Klima ebenso wenig „schützen“ kann wie zuvor Natur und Umwelt. Vielmehr ist man sich nun einig, daß wir im „Anthropozän“ bzw. „Kapitalozän“ leben, in einem neuen Erdzeitalter also, in dem der gesamte Erdball bis ins kleinste Fitzelchen so total und absolut vom Menschen und seinem Dreckmüll durchdrungen und zugrundegerichtet ist, daß es nur noch darum gehen kann, den Laden einigermaßen am Laufen zu halten, damit er uns nicht sofort um die Ohren fliegt.
Wie das genau gehen soll: weiß noch niemand. Andromeda ist weit, Krafft A. Ehricke tot, Straßenkehrer gibt es nur noch sehr vereinzelt (weil benzinbetriebene Blasgeräte ungleich mehr Krach machen und Gas ausstoßen, also praktischer sind), und das Standerl am Giesinger Bahnhof ist längst verschwunden. Schade, sonst täte ich mir jetzt gerne dort ein Eis kaufen und der dicken Verkäuferin das Alupapier zurückgeben. Sie könnte es ja aufheben und mein nächstes Eis wieder damit einwickeln.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Das Alupapier, das man selten in einem Stück vom Eis bekam, war zu nichts zu gebrauchen, also warfen wir es einfach irgendwohin. Eines Tages indes ermahnte mich ein Erwachsener, das tue man nicht, weil dann der Straßenkehrer das ganze weggeworfene Alupapier mühsam zusammenkehren müsse und überhaupt alles immer schmutziger werde. Das leuchtete mir ein: Eine Welt, in der der Straßenkehrer keine Arbeit mehr hat, sondern friedlich in der Wiese liegen und philosophieren kann, erschien mir durchaus schöner als die unsere.
Daraus wurde aber nichts, wie wir feststellten, wenn wir bisweilen aus unserem Viertel und der Stadt weg in die Landschaft hinausgekarrt wurden: Da lag überall Dreck herum, und offensichtlich gab es am Starnberger See und in der Pupplinger Au auch keinen Straßenkehrer, weil der Dreck immer mehr wurde und die Landschaft langsam, wie es ein Erwachsener trefflich ausdrückte, in eine Kloake verwandelte. Allerdings handelte es sich bei dem Dreck größtenteils nicht um Steckerleispapier, sondern um Autowracks, alte Reifen, blecherne Benzinkanister und Fässer, Schrotteile und alles mögliche Undefinierbare.
Das stand der Natur gar nicht gut, und drum wurde stante pede ein „Naturschutz“ erfunden, der Abhilfe schaffen und den Urzustand wieder herstellen sollte. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Zwar sprach bald jedermann vom Naturschutz, selbst die Regierung, die allgemeiner Ansicht zufolge vor allem dafür zuständig war, daß Fortschritt und Aufschwung ungehindert schreiten und schwingen konnten und die Arbeiterklasse nicht aufmüpfig wurde. Aber die Berge an Dreck und Müll wuchsen unaufhörlich, weil die Industrie immer neue Möglichkeiten fand, Dreck und Müll in die Welt zu bringen: Lebensmittel gab es plötzlich nicht mehr in braunen Papiertüten, sondern in praktischen Plastikhüllen, wie es überhaupt alles nur noch in Plastik gab und das meiste sowieso aus Plastik bestand.
Wenn ehedem ein Möbel nichts mehr taugte, wurde es zerlegt und mit den Brettern etwas Neues gebaut oder der Ofen beheizt; die Nägel zog man raus und klopfte sie mit dem Hammer gerade. Nun gab es Möbel, die überhaupt keine Nägel mehr enthielten, sondern nur seltsame Ösen und Nieten, die zu nichts mehr zu gebrauchen waren, wenn die Möbel nach ein paar Jahren schief wurden, auseinanderfielen und als Dreck und Müll in der Natur landeten, weil sie auch nicht mehr aus Holz waren, sondern aus Plastik, Sägespänen, Asbest und Formaldehyd.
Da fragte der naive Michi im Schulunterricht, wo man uns beibrachte, daß man möglichst wenig Plastik kaufen soll, wieso man die Herstellung von Dreck und Müll nicht einfach verbiete, und erfuhr: Verbote seien nie gut, weil es so was nur im Kommunismus gebe, und man müsse vielmehr an die Vernunft der Menschen appellieren und Anreize schaffen, weil man damit zugleich die Wirtschaft ankurbeln könne.
Nachdem man einige Zeit Naturschutz betrieben, an die Vernunft appelliert, Anreize geschaffen und die Wirtschaft angekurbelt hatte und die Berge von Müll und Dreck weiter gewachsen waren, stellte man fest, daß es eine Natur inzwischen nicht mehr gab, aber immerhin noch eine Umwelt, also die Welt um die wuchernden Siedlungen, Industriegebiete und Mülldreckberge herum. Also sprach man nun von „Umweltschutz“, appellierte an die Vernunft, schuf Anreize, und weil ein paar Radikale fanden, es sei vielleicht gar nicht so gut, die Wirtschaft noch weiter anzukurbeln, wurden sie von Bundeskanzler Schmidt als „Umweltidioten“ und von einem fortschrittsgläubigen Raketentechniker mit dem vielsagenden Namen Krafft A. Ehricke, der nebenbei Feuilletons über die Entwicklung der Menschheit in Springerzeitungen hineintippen durfte, als „Kohlrabiheilige“ beschimpft.
Der Krafft nämlich war, wie damals viele, überzeugt, die Menschheit müsse den gesamten Weltraum erobern und seine Rohstoffe ausbeuten, weil die Erde sowieso überbevölkert und nur so das oberste Ziel der menschlichen Spezies zu erreichen sei: weiteres und absolut unbegrenztes Wachstum sicherzustellen. Daran hatte er bereits seit 1942 in Peenemünde für seinen Führer gearbeitet, dessen Wachstum aber bekanntlich nicht einmal ins Sonnensystem vorgedrungen, sondern bereits in Stalingrad zum Erliegen gekommen war.
Der naive Michi war damals zwar von Science Fiction begeistert, aber die Vorstellung, (zum Beispiel) hundert Millionen hungernde Afrikaner ins Weltall zu katapultieren, damit sie eines Tages im Andromedanebel Wienerwaldfilialen und Atomkraftwerke errichten, um die Wirtschaft anzukurbeln, erschien mir irgendwie unromantisch und ziemlich doof. Zumal die Müll- und Dreckberge weiterhin ungehemmt wuchsen. Inzwischen wurden die in Plastik geschweißten Lebensmittel praktisch nur noch fertig verkauft und bestanden selbst aus Müll und Dreck, den man achtlos in die Gegend pfefferte, weil irgendwas mit „Recycling“ draufgedruckt war. Verbieten mochte immer noch niemand was, weil, wie es inzwischen hieß, „der Markt“ das schon selber regle. Das tat er: Fastfoodketten holzten die Regenwälder ab, um noch mehr Platz für lebendes Rindfleisch zu haben, und produzierten mit einem Bruchteil ihrer Milliardenprofite umweltbewußte Aufklärungsfilme über die Abholzung der Regenwälder, die man hamburgermampfenden Schulkindern zeigte, auf daß auch sie umweltbewußt würden.
Weil der „Umweltschutz“ offensichtlich überhaupt nichts, sondern höchstens das Gegenteil bewirkte, fand man dann ein neues Motto und wollte nunmehr das Klima schützen. Dazu richtete man ein kompliziertes System von Konferenzen und Gipfeltreffen ein, zu denen Horden von Entscheidungsträgern und Experten mit unzähligen Flugzeugen und Autos geflogen und gekarrt wurden und dabei Unmassen von Gasen ausstießen, die allgemeiner Überzeugung zufolge das Klima schädigten. Logischerweise sah man davon ab, sinnlose Flüge und Autofahrten und sonstige Ausstoßereien von Gasen zu verbieten, und einigte sich darauf, an die Vernunft zu appellieren, Anreize zu schaffen und solcherart die Wirtschaft anzukurbeln.
Heute wiederum nehmen nur noch ein paar Ahnungslose das Wort „Klimaschutz“ in den Mund, weil inzwischen klar ist, daß der Mensch das Klima ebenso wenig „schützen“ kann wie zuvor Natur und Umwelt. Vielmehr ist man sich nun einig, daß wir im „Anthropozän“ bzw. „Kapitalozän“ leben, in einem neuen Erdzeitalter also, in dem der gesamte Erdball bis ins kleinste Fitzelchen so total und absolut vom Menschen und seinem Dreckmüll durchdrungen und zugrundegerichtet ist, daß es nur noch darum gehen kann, den Laden einigermaßen am Laufen zu halten, damit er uns nicht sofort um die Ohren fliegt.
Wie das genau gehen soll: weiß noch niemand. Andromeda ist weit, Krafft A. Ehricke tot, Straßenkehrer gibt es nur noch sehr vereinzelt (weil benzinbetriebene Blasgeräte ungleich mehr Krach machen und Gas ausstoßen, also praktischer sind), und das Standerl am Giesinger Bahnhof ist längst verschwunden. Schade, sonst täte ich mir jetzt gerne dort ein Eis kaufen und der dicken Verkäuferin das Alupapier zurückgeben. Sie könnte es ja aufheben und mein nächstes Eis wieder damit einwickeln.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Mittwoch, 19. April 2017
Frisch gepreßt #385: Chuck Prophet "Bobby Fuller Died For Your Sins"
Dazu braucht es Geschichten, in denen sich solche Weisheit niederschlägt, ausdrückt und vermittelt. Die Bibel beispielsweise ist ein Kompendum solcher Geschichten, ebenso wie die gesammelten Werke von William Shakespeare; es gibt aber auch moderne Pendants, etwa das neue Album oder überhaupt alle Alben von Chuck Prophet, vor allem aber das neue und vierzehnte, auf dem er selbst als handelnde Person so gut wie nicht mehr auftritt, sondern tatsächlich zum Propheten geworden ist, der der Welt den Spiegel vorhält – so abgedroschen das klingen mag.
Freilich ist „abgedroschen“ ja auch so ein Wort, das man gerne mißversteht. Nämlich zeichnet es den guten Drescher aus, daß er sein Getreide so drischt, daß am Ende Spreu und Korn wirklich getrennt sind, und dazu braucht es Geschick und Zeit. Die Feststellung, daß man beim Hören dieser Songs mehr als nur das Gefühl hat, alle dreizehn schon mal (oder hundertmal) gehört zu haben, sagt noch nichts über deren Qualität, sondern nur über ihre Form: klassischer US-amerikanischer Folkrock 'n' Roll mit ein paar Ausreißern, die ebenso bewußt gewählt und umgesetzt sind – etwa „In The Mausoleum“, das nicht zufällig „Ghostrider“ von Suicide zitiert und imitiert, sondern weil es dessen (Mit-)Schöpfer, der im Juli 2016 verstorbenen US-Rock-'n'-Roll-Ikone Alan Vega, gewidmet ist, um von ihm zu erzählen, weil man von Menschen erzählen muß, die keiner kennt, aber jeder kennen sollte. Weil ihre Geschichten das Kompendium des Propheten füllen.
So wie die von Bobby Fuller, noch so einem streunenden Gespenst der US-Rockgeschichte, dessen „I Fought The Law“ selbst dem tumbsten Green-Day-Fan geläufig ist, von dem man aber bis heute nicht weiß, wie es kam, daß er mit 23 fast auf den Tag genau fünfzig Jahre vor Vega tot im Auto seiner Mutter saß – ermordet von Drogendealern, Bandkollegen, vom eifersüchtigen Stecher seiner angeblichen Flamme Melody (oder Melanie) angeheuerten Schlägern? Oder starb er von eigener Hand, desillusioniert wegen der Trennung seiner Band in der Nacht zuvor?
Wie auch immer – sein Name steht (oder sollte stehen) für die Kraft und Macht billiger Straßenmusik, an die auch Chuck Prophet sein Leben lang glaubt und die er hier (na klar: analog und ziemlich live mit vielen Saiten, Trommelfellen und Becken) mit seiner Band (Freundin Stephanie Finch an den Tasten, James DeFrato an der zweiten Gitarre, Bassist Kevin White und Schlagzeuger Vicente Rodriguez) so euphorisch und wehmütig umsetzt, wie sich das bei dieser Art Musik gehört, ohne schwachen Moment, überflüssigen Akkord, gewagte Synkope.
Man mag einwenden, daß nicht jede der Geschichten jedem etwas mitzuteilen hat, daß das Lamento „Bad Year For Rock And Roll“ arg berechenbar, die Hymne für den 2014 von der Polizei von San Francisco mit 59 Schüssen ermordeten Alex Nieto etwas plakativ, „Jesus Was A Social Drinker“ leicht albern, „Open Up Your Heart“ sehr austauschbar und „If I Was Connie Britton“ ein wenig peinlich ist. Aber die Musik ist durchgehend mindestens verläßlich, liebenswert, stellenweise mitreißend bzw. herzerwärmend. Zudem: ist halt nicht alles für jeden, und schließlich gilt das ja für das Leben und die Welt insgesamt (womit wir wieder am Anfang wären).
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Belästigungen 05/2017: Hitler und die Luxusnutten (oder: Wer und wie und wo mit Fake News wahlkämpft)
Wenn sich einmal im Jahr die Kriegsplaner, Kriegstreiber, Kriegshetzer, Kriegsverbrecher und Kriegsprofiteure in ein Münchner Luxushotel einsperren, um die nächsten Kriege zu planen, voranzutreiben und propagandistisch einzubetten, erleben die so oft geschmähten kritischen Qualitätsmedien eine Sternstunde. „Siko!“ heißt es dann, als wäre diese üble Versammlung ein schnuckeliges Kuscheltier, „die Mächtigen in München!“, und die etwas weniger bunte Ernstpresse druckt Sonderbeilagen, in denen die Notwendigkeit der Kriegsplanung im offiziellen Vokabular gepredigt wird.
Der Normalmensch drängelt sich derweil auf dem Weg zu den Konsumartikelabgabehallen an den Meldekästen vorbei, nimmt nebenbei die Botschaft auf und baut sie in sein Weltbild ein wie einen Legostein: Die Mächtigen, die werden's schon richten, schließlich ist Wachsamkeit oberste Bürger- und Medienpflicht, weil der böse Russe inzwischen nicht mehr nur an unserer Grenze darauf lauert, uns das Fell über die Ohren zu ziehen. Nein, der greift inzwischen direkt hinein in die geordneten Abläufe im Heiligen Kapitalistischen Westen, indem er uns derart mit „Fake News“ zuschüttet, daß wir, ohne es zu wollen, die falschen Führer wählen.
Genau das bleuen uns die Qualitätsmedien seit Wochen ein: Daß die Amis einen debilen Idioten in ihr weißes Haus befördert haben, war nicht ihre eigene Idee, sondern lag ausschließlich daran, daß der schlimme Putin seine Geheimdienste so lange am Internet herumdröseln ließ, bis endlich der Trump Präsident war. Das gleiche habe er nun hierzulande vor, weshalb es dringend nötig sei, den armen, aber an sich braven deutschen Wähler durch Kontrolle, Überwachung, Verbot, Ausblendung und Löschung davor zu bewahren, daß er am Ende die falschen Kandidaten ankreuzelt.
Daß derzeit die sogenannte SPD wie ein pseudorevolutionärer Wirbelfurz die Wahlumfragen aufmischt, bloß weil ihr neuer Messiasdarsteller – bislang bekannt als strammer, eifriger und unverbrüchlicher Prediger von Freihandelsabkommen, Verelendungsprojekten wie Hartz IV und Zwangsumverteilung von unten nach oben – irgendwann mal das Wort „soziale Gerechtigkeit“ in den Mund genommen hat, fällt niemandem auf. Nein, daß die SPD diesen Bullshit im letzten halben Jahrhundert vor jeder einzelnen Wahl in die Welt posaunt hat, um unmittelbar danach das exakte Gegenteil per Gesetz in die Wege zu leiten, wird so vollkommen ausgeblendet, als wäre es nie geschehen.
Drum fragt auch niemand, wie es dazu kommen kann, daß selbst anscheinend vollkommen vernünftige Zeitgenossen sich für den Reklamerummel einspannen lassen und auf Facebook und am Kneipentresen herumrummeln, mit Schulz werde sich „etwas rühren“ und „bewegen“ und das seien großartige Perspektiven. Es wundert sich noch nicht mal jemand, wieso er selbst keinen einzigen Schulz-Fan kennt und von dem „Trend“ zur spontanen Zusammenrottung fanatischer Schulz-Jubelperser immer nur aus Zeitung und Fernsehen erfährt.
Immerhin, denkt man vielleicht, sorgt dieses Sperrfeuer von Propaganda (das erfahrungsgemäß kurz vor der Wahl ins Gegenteil umschlagen und sicherstellen wird, daß Angela Merkel weitere vier Jahre, diesmal mit Schulz als Begleitplapperer, den Pappkameraden des Kapitals geben darf) dafür, daß der Russe mit seinen „Cyber-Angriffen“ nicht wirksam in den Wahlkampf hineinpfuschen kann. Nicht mal der ärgste Schulz-Kritiker würde je öffentlich-medial äußern, der ganze Schulz-Hype beruhe ausschließlich auf Fake News (und Fake News über Fake News) – schließlich kommt's ja nicht vom Putin, und der Westen tut so was nicht, sondern hält sich an die eisernen demokratischen Grund- und Anstandsregeln!
Drum holen die besorgten Herrschenden nun auch die historisch bewährten und in Sachen Fake News rückhaltlos gewissensstählernen Kräfte von gesellschaftlich relevanten Organen wie der Illustrierten „Focus“ herbei, um zum Beispiel Facebook zu „beraten“, damit der Russe da bloß nicht sein düsteres Wesen treibt und die korrekte Wahl gefährdet. Und erarbeiten ein Gesetz, dem zufolge Medien juristisch auf die Finger geklopft wird, „wenn in ihnen offensichtlich unrichtige Nachrichten enthalten sind, deren Verbreitung geeignet ist, lebenswichtige Interessen des Staates zu gefährden“. Gut so, denn wir haben ein Recht darauf, nur zu erfahren, was richtig und den Zielen unserer wohlmeinenden und -tätigen Herrschenden förderlich ist!
Dürfen wir ein paar zaghafte Einwände wagen? Dürfen wir darauf hinweisen, daß dieses Gesetz keine neue Erfindung, sondern ein wörtliches Zitat aus der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 ist? Dürfen wir erwähnen, daß es dabei nicht darum ging, zu verhindern, daß der Russe behauptet, der frischgewählte Reichskanzler A. Hitler habe sich in einem Moskauer Luxushotel von Nutten vollbrunzen lassen und sei dabei gefilmt worden, damit ihn Stalin erpressen könne, die Sowjetunion nicht anzugreifen? Dürfen wir bescheiden hinzufügen, daß diese Verordnung keineswegs eine Erfindung von Hitler, Goebbels, Göring, Frick und/oder Hindenburg war, sondern bereits 1932 unter Kanzler Papen (der einer CDU-Vorgängerpartei angehört hatte und ansonsten vor allem dadurch hervortrat, daß er Autobahnen bauen und durch eine Kürzung der Sozialausgaben den Haushalt sanieren wollte), formuliert worden war?
Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Zwar haben sich bislang noch sämtliche Berichte über effektive „Cyber-Eingriffe“ des Russen in westliche Wahlkämpfe als haarsträubendste Fake News erwiesen, aber es gibt ein historisches Beispiel dafür, daß so etwas durchaus funktionieren kann. Und zwar in Rußland: Da engagierte 1996 ein Präsident, für den wegen seiner katastrophal asozial-ruinösen neoliberalen Wirtschaftsreformen und eines desaströsen Krieges kurz vor der Wahl nur noch fünf Prozent der Russen stimmen wollten, nicht gänzlich freiwillig (und auch nicht ganz wissentlich) sechs US-amerikanische „Berater“, die umgehend eine hunderte Millionen teure, massive, aber radikal konspirative Kampagne anleierten, mit Asterix-mäßiger psychologischer Kriegführung, Diffamierungen und Schmutzpropaganda, randalierenden „Wahrheitsschwadronen“, internen Manipulationen, Lügenparolen, Instrumentalisierung von Presse/Fernsehen und einer Sturmflut von Fake News.
Als die Kampagne aufflog, war US-Wunschkandidat Boris Jelzin bereits gewählt. Und wir lernen daraus: fremde Wahlen zu entscheiden, das geht sehr wohl. Man muß es halt können.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Der Normalmensch drängelt sich derweil auf dem Weg zu den Konsumartikelabgabehallen an den Meldekästen vorbei, nimmt nebenbei die Botschaft auf und baut sie in sein Weltbild ein wie einen Legostein: Die Mächtigen, die werden's schon richten, schließlich ist Wachsamkeit oberste Bürger- und Medienpflicht, weil der böse Russe inzwischen nicht mehr nur an unserer Grenze darauf lauert, uns das Fell über die Ohren zu ziehen. Nein, der greift inzwischen direkt hinein in die geordneten Abläufe im Heiligen Kapitalistischen Westen, indem er uns derart mit „Fake News“ zuschüttet, daß wir, ohne es zu wollen, die falschen Führer wählen.
Genau das bleuen uns die Qualitätsmedien seit Wochen ein: Daß die Amis einen debilen Idioten in ihr weißes Haus befördert haben, war nicht ihre eigene Idee, sondern lag ausschließlich daran, daß der schlimme Putin seine Geheimdienste so lange am Internet herumdröseln ließ, bis endlich der Trump Präsident war. Das gleiche habe er nun hierzulande vor, weshalb es dringend nötig sei, den armen, aber an sich braven deutschen Wähler durch Kontrolle, Überwachung, Verbot, Ausblendung und Löschung davor zu bewahren, daß er am Ende die falschen Kandidaten ankreuzelt.
Daß derzeit die sogenannte SPD wie ein pseudorevolutionärer Wirbelfurz die Wahlumfragen aufmischt, bloß weil ihr neuer Messiasdarsteller – bislang bekannt als strammer, eifriger und unverbrüchlicher Prediger von Freihandelsabkommen, Verelendungsprojekten wie Hartz IV und Zwangsumverteilung von unten nach oben – irgendwann mal das Wort „soziale Gerechtigkeit“ in den Mund genommen hat, fällt niemandem auf. Nein, daß die SPD diesen Bullshit im letzten halben Jahrhundert vor jeder einzelnen Wahl in die Welt posaunt hat, um unmittelbar danach das exakte Gegenteil per Gesetz in die Wege zu leiten, wird so vollkommen ausgeblendet, als wäre es nie geschehen.
Drum fragt auch niemand, wie es dazu kommen kann, daß selbst anscheinend vollkommen vernünftige Zeitgenossen sich für den Reklamerummel einspannen lassen und auf Facebook und am Kneipentresen herumrummeln, mit Schulz werde sich „etwas rühren“ und „bewegen“ und das seien großartige Perspektiven. Es wundert sich noch nicht mal jemand, wieso er selbst keinen einzigen Schulz-Fan kennt und von dem „Trend“ zur spontanen Zusammenrottung fanatischer Schulz-Jubelperser immer nur aus Zeitung und Fernsehen erfährt.
Immerhin, denkt man vielleicht, sorgt dieses Sperrfeuer von Propaganda (das erfahrungsgemäß kurz vor der Wahl ins Gegenteil umschlagen und sicherstellen wird, daß Angela Merkel weitere vier Jahre, diesmal mit Schulz als Begleitplapperer, den Pappkameraden des Kapitals geben darf) dafür, daß der Russe mit seinen „Cyber-Angriffen“ nicht wirksam in den Wahlkampf hineinpfuschen kann. Nicht mal der ärgste Schulz-Kritiker würde je öffentlich-medial äußern, der ganze Schulz-Hype beruhe ausschließlich auf Fake News (und Fake News über Fake News) – schließlich kommt's ja nicht vom Putin, und der Westen tut so was nicht, sondern hält sich an die eisernen demokratischen Grund- und Anstandsregeln!
Drum holen die besorgten Herrschenden nun auch die historisch bewährten und in Sachen Fake News rückhaltlos gewissensstählernen Kräfte von gesellschaftlich relevanten Organen wie der Illustrierten „Focus“ herbei, um zum Beispiel Facebook zu „beraten“, damit der Russe da bloß nicht sein düsteres Wesen treibt und die korrekte Wahl gefährdet. Und erarbeiten ein Gesetz, dem zufolge Medien juristisch auf die Finger geklopft wird, „wenn in ihnen offensichtlich unrichtige Nachrichten enthalten sind, deren Verbreitung geeignet ist, lebenswichtige Interessen des Staates zu gefährden“. Gut so, denn wir haben ein Recht darauf, nur zu erfahren, was richtig und den Zielen unserer wohlmeinenden und -tätigen Herrschenden förderlich ist!
Dürfen wir ein paar zaghafte Einwände wagen? Dürfen wir darauf hinweisen, daß dieses Gesetz keine neue Erfindung, sondern ein wörtliches Zitat aus der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 ist? Dürfen wir erwähnen, daß es dabei nicht darum ging, zu verhindern, daß der Russe behauptet, der frischgewählte Reichskanzler A. Hitler habe sich in einem Moskauer Luxushotel von Nutten vollbrunzen lassen und sei dabei gefilmt worden, damit ihn Stalin erpressen könne, die Sowjetunion nicht anzugreifen? Dürfen wir bescheiden hinzufügen, daß diese Verordnung keineswegs eine Erfindung von Hitler, Goebbels, Göring, Frick und/oder Hindenburg war, sondern bereits 1932 unter Kanzler Papen (der einer CDU-Vorgängerpartei angehört hatte und ansonsten vor allem dadurch hervortrat, daß er Autobahnen bauen und durch eine Kürzung der Sozialausgaben den Haushalt sanieren wollte), formuliert worden war?
Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Zwar haben sich bislang noch sämtliche Berichte über effektive „Cyber-Eingriffe“ des Russen in westliche Wahlkämpfe als haarsträubendste Fake News erwiesen, aber es gibt ein historisches Beispiel dafür, daß so etwas durchaus funktionieren kann. Und zwar in Rußland: Da engagierte 1996 ein Präsident, für den wegen seiner katastrophal asozial-ruinösen neoliberalen Wirtschaftsreformen und eines desaströsen Krieges kurz vor der Wahl nur noch fünf Prozent der Russen stimmen wollten, nicht gänzlich freiwillig (und auch nicht ganz wissentlich) sechs US-amerikanische „Berater“, die umgehend eine hunderte Millionen teure, massive, aber radikal konspirative Kampagne anleierten, mit Asterix-mäßiger psychologischer Kriegführung, Diffamierungen und Schmutzpropaganda, randalierenden „Wahrheitsschwadronen“, internen Manipulationen, Lügenparolen, Instrumentalisierung von Presse/Fernsehen und einer Sturmflut von Fake News.
Als die Kampagne aufflog, war US-Wunschkandidat Boris Jelzin bereits gewählt. Und wir lernen daraus: fremde Wahlen zu entscheiden, das geht sehr wohl. Man muß es halt können.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Mittwoch, 1. März 2017
Belästigungen 04/2017: Vom Unterschied zwischen Kunst und Haus, Mensch und Schaf, Architektur und Verbrechen
Der Unterschied oder die Grenze zwischen Architektur und Verbrechen ist nicht immer leicht zu erkennen. Manchmal aber doch. In München kann man dazu zum Beispiel in nördlichen Stadtgegenden herumradeln, wo derzeit (wie fast immer) alte „Sozialbauten“ durch neue ersetzt werden, weil man das halt hin und wieder machen muß, um den galoppierenden Zeitgeist korrekt widerzuspiegeln.
Da stellt man sich dann am besten auf eine Straße, läßt den Blick nach links und rechts schweifen und stellt fest: Aha, hier in der demütigen Bescheidenheit und Protzlosigkeit einer Zeit, die den letzten Krieg noch in den Knochen hatte, fast idyllisch, dort im Furor des Hinstürmens auf den nächsten Krieg kriminell. Auf der einen Seite also Häuser, recht alt und einfallslos, aber von der Form her (wie man heute sagt) „stimmig“, auf der anderen das monströse Äquivalent von Folterwerkzeugen einer außerirdischen Macht, die die Menschheit brechen, unterjochen und zerstören will, gleichzeitig konkret bis in die scharfen, noch im kleinsten Detail fehlerlos exakten Kanten von Plastikbeton, Sicherheitsglas und Aluminium – und mysteriös in der horrenden Formgebung, die den Betrachter noch Tage später in Alpträumen plagt.
Da fragt man sich vielleicht zuerst, wie so etwas zustandekommen kann, aber die Antwort liegt nahe: Wer prominent, teuer und wichtig werden will, muß auffallen, am besten durch die Produkte seines Schaffens, in diesem Fall des Aufstellens von Dingen am Straßenrand. Wer hingegen ein Haus baut, das aussieht wie ein Haus und sich womöglich noch fast unauffällig in die Umgebung einfügt, ohne Staunen, Angst und Zorn zu erregen, der kann das eigentlich auch gleich bleiben lassen, weil man so was höchstens belächelt oder bewohnt, aber keinesfalls diskutiert und umstreitet.
Andere Motive kommen hinzu. So versteht man etwa Adolf Loos und seine Kritik an der „barbarischen Verquickung von Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen“ selbst nach hundert Jahren immer noch am liebsten falsch oder gar nicht und glaubt, sie als schlagendes Argument gegen Schlichtheit und Schönheit heranziehen zu können, wo doch genau das Gegenteil gemeint ist: „Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede zum Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat“, schrieb der bisweilen wirre, aber nicht dumme Herr Loos, und: „Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit reißen. Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das Haus konservativ.“
So gesehen stellt man (nicht nur) München seit Jahrzehnten mit vermeintlichen Kunstwerken voll, die den Menschen aus seiner Bequemlichkeit reißen, die ihn anbrüllen und provozieren, an denen er sich reibt, stößt, in denen er herumirrt und stolpert, sich Ellbogen und Stirn blutig schlägt, falsche Schalter und Hebel drückt und abbricht und aus denen er nicht nur schnellstmöglich wieder hinaus, sondern am liebsten so weit weg möchte, daß sich das Nachbild der grotesken Bizarrerie im Kopf irgendwann wieder auflöst.
Vielleicht ist das der Plan. Vielleicht lautet die Botschaft: Du bist hier nicht zu Hause! Nicht in diesem „Haus“, dieser Gegend, dieser Region, nicht auf diesem Planeten! Wir dulden dich hier möglicherweise für eine gewisse Zeit, aber nur wenn du brav bist, das Maul hältst, deine Nase nicht in Dinge hineinsteckst, die dich nichts angehen (weil du hier nicht zu Hause bist), und dich vor allem leistungsbereit zeigst! Und von vornherein darauf verzichtest, irgendwelche Ansprüche zu stellen, Wurzeln zu schlagen, über das Gebären von Leistungsnachwuchs, das Erzählen harmloser Witze und gemeinsame Bemühungen um Fitneß hinaus irgendwelche sozialen Bindungen zu knüpfen und sonstige Kapriolen zu schlagen! Dann darfst du eine zeitlang in diesem … ähem, Ding übernachten, das WLAN benutzen, dein Fertiggericht einnehmen und abends Fake News glotzen! Und dann sagen wir dir, wo du aufgrund von alternativlosen Gründen als nächstes hinmußt, um genau das gleiche zu tun!
Und so kommt es dann: Heerscharen sogenannter Studenten (die nichts studieren, sondern sich eine wirtschaftlich nutzbare Funktion antrainieren) wuseln wie panische Schafherden (in denen sich möglicherweise auch jedes Einzelschaf auf dem Pfad der individuellen Selbstverwirklichung wähnt) durch die genormten Zentren der Wirtschaftswelt und müssen in „Kunstwerken“ hausen, damit sie ja nicht heimisch werden oder gar Persönlichkeiten entwickeln. Statt dessen erlernen sie „Weltoffenheit“ („Oh, H&M gibt es auch in Buenos Aires! Wie praktisch!“). Mangels jeglicher Selbstbestätigung (von diversen „Junggesellenabschlüssen“ abgesehen) werden sie am Ende noch stolz auf Deutschland oder suchen sich andere, kaum harmlosere Charakterwichsvorlagen.
Und wenn sie ihren „Abschluß“ errungen haben und sich beispielsweise als akademische Sporteventmanagementmaster bezeichnen dürfen, geht die Odyssee nahtlos weiter, weil sich herausstellt, daß der von den Steuermännern und Profiteuren des Irrwitzes wahnhaft beschworene „Fachkräftemangel“ ähnlich wie ein Zaubernebel im Gruselfilm mal hier, mal dorthin wabert und jedem, der ihm nicht stantepede folgt, das gnädig gewährte Recht aufs vorübergehende Behausen eines „Kunstwerks“ und die Zuteilung von Fertiggerichten und Flimmerunterhaltung jederzeit entzogen werden kann.
Vielleicht sollten wir hin und wieder etwas genauer auf den Unterschied oder die Grenze zwischen Architektur und Verbrechen achten. Wo wir schon mal da sind, zufällig.
Da stellt man sich dann am besten auf eine Straße, läßt den Blick nach links und rechts schweifen und stellt fest: Aha, hier in der demütigen Bescheidenheit und Protzlosigkeit einer Zeit, die den letzten Krieg noch in den Knochen hatte, fast idyllisch, dort im Furor des Hinstürmens auf den nächsten Krieg kriminell. Auf der einen Seite also Häuser, recht alt und einfallslos, aber von der Form her (wie man heute sagt) „stimmig“, auf der anderen das monströse Äquivalent von Folterwerkzeugen einer außerirdischen Macht, die die Menschheit brechen, unterjochen und zerstören will, gleichzeitig konkret bis in die scharfen, noch im kleinsten Detail fehlerlos exakten Kanten von Plastikbeton, Sicherheitsglas und Aluminium – und mysteriös in der horrenden Formgebung, die den Betrachter noch Tage später in Alpträumen plagt.
Da fragt man sich vielleicht zuerst, wie so etwas zustandekommen kann, aber die Antwort liegt nahe: Wer prominent, teuer und wichtig werden will, muß auffallen, am besten durch die Produkte seines Schaffens, in diesem Fall des Aufstellens von Dingen am Straßenrand. Wer hingegen ein Haus baut, das aussieht wie ein Haus und sich womöglich noch fast unauffällig in die Umgebung einfügt, ohne Staunen, Angst und Zorn zu erregen, der kann das eigentlich auch gleich bleiben lassen, weil man so was höchstens belächelt oder bewohnt, aber keinesfalls diskutiert und umstreitet.
Andere Motive kommen hinzu. So versteht man etwa Adolf Loos und seine Kritik an der „barbarischen Verquickung von Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen“ selbst nach hundert Jahren immer noch am liebsten falsch oder gar nicht und glaubt, sie als schlagendes Argument gegen Schlichtheit und Schönheit heranziehen zu können, wo doch genau das Gegenteil gemeint ist: „Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede zum Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat“, schrieb der bisweilen wirre, aber nicht dumme Herr Loos, und: „Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit reißen. Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das Haus konservativ.“
So gesehen stellt man (nicht nur) München seit Jahrzehnten mit vermeintlichen Kunstwerken voll, die den Menschen aus seiner Bequemlichkeit reißen, die ihn anbrüllen und provozieren, an denen er sich reibt, stößt, in denen er herumirrt und stolpert, sich Ellbogen und Stirn blutig schlägt, falsche Schalter und Hebel drückt und abbricht und aus denen er nicht nur schnellstmöglich wieder hinaus, sondern am liebsten so weit weg möchte, daß sich das Nachbild der grotesken Bizarrerie im Kopf irgendwann wieder auflöst.
Vielleicht ist das der Plan. Vielleicht lautet die Botschaft: Du bist hier nicht zu Hause! Nicht in diesem „Haus“, dieser Gegend, dieser Region, nicht auf diesem Planeten! Wir dulden dich hier möglicherweise für eine gewisse Zeit, aber nur wenn du brav bist, das Maul hältst, deine Nase nicht in Dinge hineinsteckst, die dich nichts angehen (weil du hier nicht zu Hause bist), und dich vor allem leistungsbereit zeigst! Und von vornherein darauf verzichtest, irgendwelche Ansprüche zu stellen, Wurzeln zu schlagen, über das Gebären von Leistungsnachwuchs, das Erzählen harmloser Witze und gemeinsame Bemühungen um Fitneß hinaus irgendwelche sozialen Bindungen zu knüpfen und sonstige Kapriolen zu schlagen! Dann darfst du eine zeitlang in diesem … ähem, Ding übernachten, das WLAN benutzen, dein Fertiggericht einnehmen und abends Fake News glotzen! Und dann sagen wir dir, wo du aufgrund von alternativlosen Gründen als nächstes hinmußt, um genau das gleiche zu tun!
Und so kommt es dann: Heerscharen sogenannter Studenten (die nichts studieren, sondern sich eine wirtschaftlich nutzbare Funktion antrainieren) wuseln wie panische Schafherden (in denen sich möglicherweise auch jedes Einzelschaf auf dem Pfad der individuellen Selbstverwirklichung wähnt) durch die genormten Zentren der Wirtschaftswelt und müssen in „Kunstwerken“ hausen, damit sie ja nicht heimisch werden oder gar Persönlichkeiten entwickeln. Statt dessen erlernen sie „Weltoffenheit“ („Oh, H&M gibt es auch in Buenos Aires! Wie praktisch!“). Mangels jeglicher Selbstbestätigung (von diversen „Junggesellenabschlüssen“ abgesehen) werden sie am Ende noch stolz auf Deutschland oder suchen sich andere, kaum harmlosere Charakterwichsvorlagen.
Und wenn sie ihren „Abschluß“ errungen haben und sich beispielsweise als akademische Sporteventmanagementmaster bezeichnen dürfen, geht die Odyssee nahtlos weiter, weil sich herausstellt, daß der von den Steuermännern und Profiteuren des Irrwitzes wahnhaft beschworene „Fachkräftemangel“ ähnlich wie ein Zaubernebel im Gruselfilm mal hier, mal dorthin wabert und jedem, der ihm nicht stantepede folgt, das gnädig gewährte Recht aufs vorübergehende Behausen eines „Kunstwerks“ und die Zuteilung von Fertiggerichten und Flimmerunterhaltung jederzeit entzogen werden kann.
Vielleicht sollten wir hin und wieder etwas genauer auf den Unterschied oder die Grenze zwischen Architektur und Verbrechen achten. Wo wir schon mal da sind, zufällig.
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
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