Mittwoch, 19. April 2017

Frisch gepreßt #385: Chuck Prophet "Bobby Fuller Died For Your Sins"


Das Berufsbild des Propheten wird gerne mißverstanden. Nicht etwa maßt sich dieser an, vorauszusagen, wie das Wetter im März wird, wer irgendeine Wahl gewinnt oder wann der TSV 1860 mal wieder mehr als drei Punkte in fünf Spielen einfahren wird. Vielmehr ist der Prophet ein Weissager, also einer, der durch umfassende Kenntnis der Weltläufte qualifiziert ist, seinen Mitmenschen mitzuteilen, wie die Welt so läuft, im allgemeinen und im besonderen. Daher möglicherweise auch wie es weitergehen wird, weil ja das meiste immer so weitergeht, was als Zukunftsdeutung aber nur jenen erscheinen mag, die gar nicht recht wissen, was insgesamt los ist.
Dazu braucht es Geschichten, in denen sich solche Weisheit niederschlägt, ausdrückt und vermittelt. Die Bibel beispielsweise ist ein Kompendum solcher Geschichten, ebenso wie die gesammelten Werke von William Shakespeare; es gibt aber auch moderne Pendants, etwa das neue Album oder überhaupt alle Alben von Chuck Prophet, vor allem aber das neue und vierzehnte, auf dem er selbst als handelnde Person so gut wie nicht mehr auftritt, sondern tatsächlich zum Propheten geworden ist, der der Welt den Spiegel vorhält – so abgedroschen das klingen mag.
Freilich ist „abgedroschen“ ja auch so ein Wort, das man gerne mißversteht. Nämlich zeichnet es den guten Drescher aus, daß er sein Getreide so drischt, daß am Ende Spreu und Korn wirklich getrennt sind, und dazu braucht es Geschick und Zeit. Die Feststellung, daß man beim Hören dieser Songs mehr als nur das Gefühl hat, alle dreizehn schon mal (oder hundertmal) gehört zu haben, sagt noch nichts über deren Qualität, sondern nur über ihre Form: klassischer US-amerikanischer Folkrock 'n' Roll mit ein paar Ausreißern, die ebenso bewußt gewählt und umgesetzt sind – etwa „In The Mausoleum“, das nicht zufällig „Ghostrider“ von Suicide zitiert und imitiert, sondern weil es dessen (Mit-)Schöpfer, der im Juli 2016 verstorbenen US-Rock-'n'-Roll-Ikone Alan Vega, gewidmet ist, um von ihm zu erzählen, weil man von Menschen erzählen muß, die keiner kennt, aber jeder kennen sollte. Weil ihre Geschichten das Kompendium des Propheten füllen.
So wie die von Bobby Fuller, noch so einem streunenden Gespenst der US-Rockgeschichte, dessen „I Fought The Law“ selbst dem tumbsten Green-Day-Fan geläufig ist, von dem man aber bis heute nicht weiß, wie es kam, daß er mit 23 fast auf den Tag genau fünfzig Jahre vor Vega tot im Auto seiner Mutter saß – ermordet von Drogendealern, Bandkollegen, vom eifersüchtigen Stecher seiner angeblichen Flamme Melody (oder Melanie) angeheuerten Schlägern? Oder starb er von eigener Hand, desillusioniert wegen der Trennung seiner Band in der Nacht zuvor?
Wie auch immer – sein Name steht (oder sollte stehen) für die Kraft und Macht billiger Straßenmusik, an die auch Chuck Prophet sein Leben lang glaubt und die er hier (na klar: analog und ziemlich live mit vielen Saiten, Trommelfellen und Becken) mit seiner Band (Freundin Stephanie Finch an den Tasten, James DeFrato an der zweiten Gitarre, Bassist Kevin White und Schlagzeuger Vicente Rodriguez) so euphorisch und wehmütig umsetzt, wie sich das bei dieser Art Musik gehört, ohne schwachen Moment, überflüssigen Akkord, gewagte Synkope.
Man mag einwenden, daß nicht jede der Geschichten jedem etwas mitzuteilen hat, daß das Lamento „Bad Year For Rock And Roll“ arg berechenbar, die Hymne für den 2014 von der Polizei von San Francisco mit 59 Schüssen ermordeten Alex Nieto etwas plakativ, „Jesus Was A Social Drinker“ leicht albern, „Open Up Your Heart“ sehr austauschbar und „If I Was Connie Britton“ ein wenig peinlich ist. Aber die Musik ist durchgehend mindestens verläßlich, liebenswert, stellenweise mitreißend bzw. herzerwärmend. Zudem: ist halt nicht alles für jeden, und schließlich gilt das ja für das Leben und die Welt insgesamt (womit wir wieder am Anfang wären).

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Belästigungen 05/2017: Hitler und die Luxusnutten (oder: Wer und wie und wo mit Fake News wahlkämpft)

Wenn sich einmal im Jahr die Kriegsplaner, Kriegstreiber, Kriegshetzer, Kriegsverbrecher und Kriegsprofiteure in ein Münchner Luxushotel einsperren, um die nächsten Kriege zu planen, voranzutreiben und propagandistisch einzubetten, erleben die so oft geschmähten kritischen Qualitätsmedien eine Sternstunde. „Siko!“ heißt es dann, als wäre diese üble Versammlung ein schnuckeliges Kuscheltier, „die Mächtigen in München!“, und die etwas weniger bunte Ernstpresse druckt Sonderbeilagen, in denen die Notwendigkeit der Kriegsplanung im offiziellen Vokabular gepredigt wird.
Der Normalmensch drängelt sich derweil auf dem Weg zu den Konsumartikelabgabehallen an den Meldekästen vorbei, nimmt nebenbei die Botschaft auf und baut sie in sein Weltbild ein wie einen Legostein: Die Mächtigen, die werden's schon richten, schließlich ist Wachsamkeit oberste Bürger- und Medienpflicht, weil der böse Russe inzwischen nicht mehr nur an unserer Grenze darauf lauert, uns das Fell über die Ohren zu ziehen. Nein, der greift inzwischen direkt hinein in die geordneten Abläufe im Heiligen Kapitalistischen Westen, indem er uns derart mit „Fake News“ zuschüttet, daß wir, ohne es zu wollen, die falschen Führer wählen.
Genau das bleuen uns die Qualitätsmedien seit Wochen ein: Daß die Amis einen debilen Idioten in ihr weißes Haus befördert haben, war nicht ihre eigene Idee, sondern lag ausschließlich daran, daß der schlimme Putin seine Geheimdienste so lange am Internet herumdröseln ließ, bis endlich der Trump Präsident war. Das gleiche habe er nun hierzulande vor, weshalb es dringend nötig sei, den armen, aber an sich braven deutschen Wähler durch Kontrolle, Überwachung, Verbot, Ausblendung und Löschung davor zu bewahren, daß er am Ende die falschen Kandidaten ankreuzelt.
Daß derzeit die sogenannte SPD wie ein pseudorevolutionärer Wirbelfurz die Wahlumfragen aufmischt, bloß weil ihr neuer Messiasdarsteller – bislang bekannt als strammer, eifriger und unverbrüchlicher Prediger von Freihandelsabkommen, Verelendungsprojekten wie Hartz IV und Zwangsumverteilung von unten nach oben – irgendwann mal das Wort „soziale Gerechtigkeit“ in den Mund genommen hat, fällt niemandem auf. Nein, daß die SPD diesen Bullshit im letzten halben Jahrhundert vor jeder einzelnen Wahl in die Welt posaunt hat, um unmittelbar danach das exakte Gegenteil per Gesetz in die Wege zu leiten, wird so vollkommen ausgeblendet, als wäre es nie geschehen.
Drum fragt auch niemand, wie es dazu kommen kann, daß selbst anscheinend vollkommen vernünftige Zeitgenossen sich für den Reklamerummel einspannen lassen und auf Facebook und am Kneipentresen herumrummeln, mit Schulz werde sich „etwas rühren“ und „bewegen“ und das seien großartige Perspektiven. Es wundert sich noch nicht mal jemand, wieso er selbst keinen einzigen Schulz-Fan kennt und von dem „Trend“ zur spontanen Zusammenrottung fanatischer Schulz-Jubelperser immer nur aus Zeitung und Fernsehen erfährt.
Immerhin, denkt man vielleicht, sorgt dieses Sperrfeuer von Propaganda (das erfahrungsgemäß kurz vor der Wahl ins Gegenteil umschlagen und sicherstellen wird, daß Angela Merkel weitere vier Jahre, diesmal mit Schulz als Begleitplapperer, den Pappkameraden des Kapitals geben darf) dafür, daß der Russe mit seinen „Cyber-Angriffen“ nicht wirksam in den Wahlkampf hineinpfuschen kann. Nicht mal der ärgste Schulz-Kritiker würde je öffentlich-medial äußern, der ganze Schulz-Hype beruhe ausschließlich auf Fake News (und Fake News über Fake News) – schließlich kommt's ja nicht vom Putin, und der Westen tut so was nicht, sondern hält sich an die eisernen demokratischen Grund- und Anstandsregeln!
Drum holen die besorgten Herrschenden nun auch die historisch bewährten und in Sachen Fake News rückhaltlos gewissensstählernen Kräfte von gesellschaftlich relevanten Organen wie der Illustrierten „Focus“ herbei, um zum Beispiel Facebook zu „beraten“, damit der Russe da bloß nicht sein düsteres Wesen treibt und die korrekte Wahl gefährdet. Und erarbeiten ein Gesetz, dem zufolge Medien juristisch auf die Finger geklopft wird, „wenn in ihnen offensichtlich unrichtige Nachrichten enthalten sind, deren Verbreitung geeignet ist, lebenswichtige Interessen des Staates zu gefährden“. Gut so, denn wir haben ein Recht darauf, nur zu erfahren, was richtig und den Zielen unserer wohlmeinenden und -tätigen Herrschenden förderlich ist!
Dürfen wir ein paar zaghafte Einwände wagen? Dürfen wir darauf hinweisen, daß dieses Gesetz keine neue Erfindung, sondern ein wörtliches Zitat aus der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 ist? Dürfen wir erwähnen, daß es dabei nicht darum ging, zu verhindern, daß der Russe behauptet, der frischgewählte Reichskanzler A. Hitler habe sich in einem Moskauer Luxushotel von Nutten vollbrunzen lassen und sei dabei gefilmt worden, damit ihn Stalin erpressen könne, die Sowjetunion nicht anzugreifen? Dürfen wir bescheiden hinzufügen, daß diese Verordnung keineswegs eine Erfindung von Hitler, Goebbels, Göring, Frick und/oder Hindenburg war, sondern bereits 1932 unter Kanzler Papen (der einer CDU-Vorgängerpartei angehört hatte und ansonsten vor allem dadurch hervortrat, daß er Autobahnen bauen und durch eine Kürzung der Sozialausgaben den Haushalt sanieren wollte), formuliert worden war?
Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Zwar haben sich bislang noch sämtliche Berichte über effektive „Cyber-Eingriffe“ des Russen in westliche Wahlkämpfe als haarsträubendste Fake News erwiesen, aber es gibt ein historisches Beispiel dafür, daß so etwas durchaus funktionieren kann. Und zwar in Rußland: Da engagierte 1996 ein Präsident, für den wegen seiner katastrophal asozial-ruinösen neoliberalen Wirtschaftsreformen und eines desaströsen Krieges kurz vor der Wahl nur noch fünf Prozent der Russen stimmen wollten, nicht gänzlich freiwillig (und auch nicht ganz wissentlich) sechs US-amerikanische „Berater“, die umgehend eine hunderte Millionen teure, massive, aber radikal konspirative Kampagne anleierten, mit Asterix-mäßiger psychologischer Kriegführung, Diffamierungen und Schmutzpropaganda, randalierenden „Wahrheitsschwadronen“, internen Manipulationen, Lügenparolen, Instrumentalisierung von Presse/Fernsehen und einer Sturmflut von Fake News.
Als die Kampagne aufflog, war US-Wunschkandidat Boris Jelzin bereits gewählt. Und wir lernen daraus: fremde Wahlen zu entscheiden, das geht sehr wohl. Man muß es halt können.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Mittwoch, 1. März 2017

Belästigungen 04/2017: Vom Unterschied zwischen Kunst und Haus, Mensch und Schaf, Architektur und Verbrechen

Der Unterschied oder die Grenze zwischen Architektur und Verbrechen ist nicht immer leicht zu erkennen. Manchmal aber doch. In München kann man dazu zum Beispiel in nördlichen Stadtgegenden herumradeln, wo derzeit (wie fast immer) alte „Sozialbauten“ durch neue ersetzt werden, weil man das halt hin und wieder machen muß, um den galoppierenden Zeitgeist korrekt widerzuspiegeln.
Da stellt man sich dann am besten auf eine Straße, läßt den Blick nach links und rechts schweifen und stellt fest: Aha, hier in der demütigen Bescheidenheit und Protzlosigkeit einer Zeit, die den letzten Krieg noch in den Knochen hatte, fast idyllisch, dort im Furor des Hinstürmens auf den nächsten Krieg kriminell. Auf der einen Seite also Häuser, recht alt und einfallslos, aber von der Form her (wie man heute sagt) „stimmig“, auf der anderen das monströse Äquivalent von Folterwerkzeugen einer außerirdischen Macht, die die Menschheit brechen, unterjochen und zerstören will, gleichzeitig konkret bis in die scharfen, noch im kleinsten Detail fehlerlos exakten Kanten von Plastikbeton, Sicherheitsglas und Aluminium – und mysteriös in der horrenden Formgebung, die den Betrachter noch Tage später in Alpträumen plagt.
Da fragt man sich vielleicht zuerst, wie so etwas zustandekommen kann, aber die Antwort liegt nahe: Wer prominent, teuer und wichtig werden will, muß auffallen, am besten durch die Produkte seines Schaffens, in diesem Fall des Aufstellens von Dingen am Straßenrand. Wer hingegen ein Haus baut, das aussieht wie ein Haus und sich womöglich noch fast unauffällig in die Umgebung einfügt, ohne Staunen, Angst und Zorn zu erregen, der kann das eigentlich auch gleich bleiben lassen, weil man so was höchstens belächelt oder bewohnt, aber keinesfalls diskutiert und umstreitet.
Andere Motive kommen hinzu. So versteht man etwa Adolf Loos und seine Kritik an der „barbarischen Verquickung von Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen“ selbst nach hundert Jahren immer noch am liebsten falsch oder gar nicht und glaubt, sie als schlagendes Argument gegen Schlichtheit und Schönheit heranziehen zu können, wo doch genau das Gegenteil gemeint ist: „Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede zum Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat“, schrieb der bisweilen wirre, aber nicht dumme Herr Loos, und: „Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit reißen. Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das Haus konservativ.“
So gesehen stellt man (nicht nur) München seit Jahrzehnten mit vermeintlichen Kunstwerken voll, die den Menschen aus seiner Bequemlichkeit reißen, die ihn anbrüllen und provozieren, an denen er sich reibt, stößt, in denen er herumirrt und stolpert, sich Ellbogen und Stirn blutig schlägt, falsche Schalter und Hebel drückt und abbricht und aus denen er nicht nur schnellstmöglich wieder hinaus, sondern am liebsten so weit weg möchte, daß sich das Nachbild der grotesken Bizarrerie im Kopf irgendwann wieder auflöst.
Vielleicht ist das der Plan. Vielleicht lautet die Botschaft: Du bist hier nicht zu Hause! Nicht in diesem „Haus“, dieser Gegend, dieser Region, nicht auf diesem Planeten! Wir dulden dich hier möglicherweise für eine gewisse Zeit, aber nur wenn du brav bist, das Maul hältst, deine Nase nicht in Dinge hineinsteckst, die dich nichts angehen (weil du hier nicht zu Hause bist), und dich vor allem leistungsbereit zeigst! Und von vornherein darauf verzichtest, irgendwelche Ansprüche zu stellen, Wurzeln zu schlagen, über das Gebären von Leistungsnachwuchs, das Erzählen harmloser Witze und gemeinsame Bemühungen um Fitneß hinaus irgendwelche sozialen Bindungen zu knüpfen und sonstige Kapriolen zu schlagen! Dann darfst du eine zeitlang in diesem … ähem, Ding übernachten, das WLAN benutzen, dein Fertiggericht einnehmen und abends Fake News glotzen! Und dann sagen wir dir, wo du aufgrund von alternativlosen Gründen als nächstes hinmußt, um genau das gleiche zu tun!
Und so kommt es dann: Heerscharen sogenannter Studenten (die nichts studieren, sondern sich eine wirtschaftlich nutzbare Funktion antrainieren) wuseln wie panische Schafherden (in denen sich möglicherweise auch jedes Einzelschaf auf dem Pfad der individuellen Selbstverwirklichung wähnt) durch die genormten Zentren der Wirtschaftswelt und müssen in „Kunstwerken“ hausen, damit sie ja nicht heimisch werden oder gar Persönlichkeiten entwickeln. Statt dessen erlernen sie „Weltoffenheit“ („Oh, H&M gibt es auch in Buenos Aires! Wie praktisch!“). Mangels jeglicher Selbstbestätigung (von diversen „Junggesellenabschlüssen“ abgesehen) werden sie am Ende noch stolz auf Deutschland oder suchen sich andere, kaum harmlosere Charakterwichsvorlagen.
Und wenn sie ihren „Abschluß“ errungen haben und sich beispielsweise als akademische Sporteventmanagementmaster bezeichnen dürfen, geht die Odyssee nahtlos weiter, weil sich herausstellt, daß der von den Steuermännern und Profiteuren des Irrwitzes wahnhaft beschworene „Fachkräftemangel“ ähnlich wie ein Zaubernebel im Gruselfilm mal hier, mal dorthin wabert und jedem, der ihm nicht stantepede folgt, das gnädig gewährte Recht aufs vorübergehende Behausen eines „Kunstwerks“ und die Zuteilung von Fertiggerichten und Flimmerunterhaltung jederzeit entzogen werden kann.
Vielleicht sollten wir hin und wieder etwas genauer auf den Unterschied oder die Grenze zwischen Architektur und Verbrechen achten. Wo wir schon mal da sind, zufällig.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Freitag, 24. Februar 2017

Frisch gepreßt #384: Bonobo "Migration"


Die Welt riecht anders, wenn der Winter müde wird, wenn seine Wurzeln in der Welt locker werden, sich langsam auflösen in die schmutzige Mischung aus Schlamm, Kies, Restschnee, die dann unter beharrlicher Sonnenbestrahlung, umweht von milder Luft, zu Staub zerfällt, ein friedliches Schlachtfeld zurückläßt, auf dem – ist es wirklich erst Tage her – Frostkälte ihre grimmigen Waffen in Anschlag brachte, an die man sich nun kaum noch erinnert, nur in stillen Abendstunden, wenn der Winter mit der Dämmerung noch einmal die Muskeln spannt.
Dann riecht die Welt anders, frisch und alt zugleich, neu und ungewaschen, eine wilde, abenteuer- und phantasieträchtige Laborküche aus Altem und Neuem, in der man nichts so gut kann wie schweben. In der man schwebt und die Gedanken aus der Banalität verheißungsvollen Schimmer schöpfen. „Das Leben“, sagt ein solcherart inspirierter Semiphilosoph, „hat Höhen und Tiefen, laute und stille Momente, schöne und häßliche. Musik ist die Reflektion des Lebens.“ Und man lauscht ihm, nickt verständig.
Er heißt Simon Green, aber nennen wir ihn Bonobo, auch wenn man dabei im linden Duft der Frühlingsluft im freien Schweben der Phantasie kurz an einen schlimmen irischen Heulsänger denken mag. Die Assoziation ist vielleicht nicht ganz so schräg, denn gnädig erinnern wir uns, daß selbst und auch dessen Band in ferner Vorzeit ihre Augenblicke hatte, da es ihr gelang, Klänge zu Landschaften zu öffnen und Töne zu Bildern zu weiten.
Aber Bonobo kann das besser. Seine Musik, sein luftiges Konstrukt aus Klängen natürlicher und welträumlicher Herkunft, aus Uraltem und ganz neu elektronisch Erdachtem, bildet einen Bilderbogen, ein gesamtplanetarisches Panorama, das einem Flug mit einer hochauflösenden Kamera ähnelt, in stratosphärischer Höhe über dem Planeten, der aus dieser Entfernung divers, vielfältig, friedvoll und in schillernden Farben unter uns dahinzieht, befreit von den Teufeleien der Details und menschlicher Raserei. Es ist ein irgendwie entrückter, posthumaner Film, der sich da entfaltet: träumendes Nachtgrün in „Second Sun“, exotisch leuchtende Rätselformen in „Grains“, schwereloser Großstadtrhythmus (Sonntagnachmittag Mitte Februar) in „Outlier“, facettenweise.
Bonobos Musik zählen selbsternannte Fachleute ins Genre „Downtempo“, andere sagen „Ambient“ dazu und meinen, durchaus im klassischen Sinne von Brian Eno, weniger die Vertonung von Ambiente als dessen Schöpfung, die in so (noch einmal:) schwebender Makellosigkeit vor sich geht, daß schon eine simple Stimme wie die von Nicole Miglis (Hundred Waters) in dem sowieso etwas unentschlossen zappelnden „Surface“ störend, weil unangenehm weltlich-körperlich wirkt. Schweig, möchte man ihr zuflüstern, und schon tut sie es, und schon geht das Schweben in „Bambro Koyo Ganda“ weiter, in nordafrikanischen Schattierungen und Dialekt, der pulsenden Monotonie der Wüste, auf weichen, sanft geplusterten Wolken dann in „Kerala“. Und immer, immer, immer strahlt die Sonne in und durch diese wunderlich körperlosen Tongebilde.
Musik, könnte man Bonobo paraphrasieren, ist Bewegung und Stillstand zugleich, Ruhe und Entwicklung, geschlossener Kreis und zielloses Gleiten, ein Möbiusband der Eindrücke, frei von Botschaft und zugleich erfüllt von allen Botschaften aller Menschen aller Zeiten, die insgesamt lauten: Wir leben, und das gefällt uns.
Die Welt riecht anders, wenn der Winter endlich losläßt, die Seele vom Gewicht der Tiefe befreit, sie (ein letztes Mal:) ent-schweben läßt in nahe, unendlich nahe Fernen von Hoffnung, Erinnerung, reiner Gegenwart. In der alles, was es gibt, je gab, zerfließt zu neuer, noch kaum greifbarer Identität. Am Ende, das kein solches ist, erklingt nach dem Verklingen der letzten melancholischen Geigen der reinste Klang des Universums, zwanzig Sekunden lang: vollkommene, interstellare Stille, in der das Bewußtsein langsam erwacht und feststellt: Die Welt riecht nicht nur anders, sie ist eine andere geworden.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Donnerstag, 23. Februar 2017

Frisch gepreßt #383: Joan of Arc "He's Got The Whole This Land Is Your Land In His Hands“


Das Leben eines Rockmusikers stellte man sich früher unfaßbar sagenhaft vor: So ein Mensch erwachte nachmittags zwischen seidenen Laken und nackten Leibern in der 27. Etage eines Luxushotels, mild beschienen von der Sonne über den Hügeln von Hollywood, nahm ein Champagnerbad in der Kristallglaswanne, schnupfte Diamantkoks von Silberspiegeln, ließ sich im Rolls Royce Phantom zur ausverkauften Arena fahren, riß zwei Stunden lang die Welt der träumenden Teenager aus den Angeln, strahlend im Licht der Millionen-Dollar-Lasershow, sprang wieder in den Rolls und entschwand in die Partynacht der Filmstars und Traumbodies. Hin und wieder produzierte er für Millionen Dollar in futuristischen Millionen-Dollar-Traumstudios ein neues Album, das nach endlosen Nacharbeiten endlich erschien und sofort für Jahre an die Spitze der weltweiten Charts schoß. Und zwischendurch konferierte er mit Millionen-Dollar-Hollywood-Psychiatern über seine Zerrissenheit und verschwand auch mal für ein paar Monate in einer glamourösen Entzugsklinik.
Vielleicht hat Tim Kinsella auch mal von so was geträumt; andererseits ist er erst 1974 geboren, in Chicago; da wäre immerhin denkbar, daß er einer Nacht wie der oben beschriebenen entsprang. Zumal seine Eltern offenbar keine Stubenhocker mit Privatfernsehsucht waren: „I must have been born hanging out, I must have been conceived hanging out, and I know I'll die by hanging“, singt er in „This Must Be The Placenta“.
Jedenfalls trifft man Tim am ehesten an der Bar des Rainbo Club im Ukranian Village, wo er Getränke zapft und mischt und ab und zu auch mal Vinyl auf den Plattenspieler legt. Wozu die Details? Weil auch das Rainbo so ein Fall von Phantasie, Fantasy und Realowelt ist: kaum mehr als ein Schuppen, ein Loch in der Wand zwischen einigen recht schicken Bars und Restaurants, keine Fenster, ramponierte Holztür aus den Dreißigern, paar Bilder an den Wänden, billiges Bier. Andererseits tanzten hier schon 1936 Burlesque-Damen zu Live-Jazz, auf einer Bühne, die heute nur noch Ausstellungsfläche für bizarre Kunstobjekte ist. Hier dämmerte dazumal Nelson Algren mit Simone de Beauvior in den Rausch, hier hing die Indie-Elite der frühen 90er ab, posierte Liz Phair für ihr erstes Cover, und in der Hornby-Verfilmung „High Fidelity“ ist der Club auch zu sehen.
Sein und Schein mithin, und auch die zitierte Textzeile könnte was ganz anderes bedeuten, schließlich ist Tim für seine Liebe zu wirren Wortspielen und abseitigen Assoziationen bekannt. Wobei … bekannt? Etwas vielleicht. Vor knapp zwanzig Jahren wurde seine erste Band Cap'n Jazz mal als „Emo“-Pioniere gefeiert, drei Jahre nach ihrer Auflösung, was Tim fürchterlich ärgerte. Aber für einen Mann, der mit (ungefähr) zwanzig Bands und solo (ungefähr) fünfzig Platten gemacht hat, kennt man ihn doch nicht so recht.
Das ist ihm ganz recht. Joan of Arc gibt es jetzt seit zweiundzwanzig Jahren, und Tim meint: „Manchmal vergessen wir's, lassen's ein Jahr lang rumliegen, kümmern uns um unser Leben. Manchmal ziehen wir's ein Jahr lang durch, erwachen jeden Tag überrascht und erschöpft, werden durch antike italienische Städte geführt, durch trostlose britische Fußgängerzonen, treffen barfüßige organische Bauern an der Pazifikküste. Wir wissen, was für ein Glück wir haben.“ Und dann fahren sie wieder heim. „Je weniger wir uns als Band fühlen, desto besser können wir als Band weitermachen.“
Ihre Platten sind eigenartige Getüme, immer vollkommen anders, nie vollkommen, manchmal hundert Spuren fett, manchmal fast leer, immer wackelig und bröselig, unentschieden und liebevoll bestickt mit Geräuschen und Atmosphären. „Diesmal“, sagt Tim, „haben wir einander endlich genug vertraut, um alle Songs wegzuwerfen, sogar jede Vorstellung wegzuwerfen, wer welches Instrument spielt. Wir drückten auf 'Aufnahme', spielten los, und unsere gemeinsamen Geschmäcker traten zutage.“
Das Ergebnis kann man nicht beschreiben. Es ist entspannt, nervös, suchend und findend, hier und da melodisch, dort ins Gestrüpp entgleist, kaputt und warm, weich und kratzig, Keime für hundert Alben in einem. Oder, um „Grange Hex Stream“ zu zitieren: „There is no place safe, and everything is perfect.“

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Freitag, 17. Februar 2017

Belästigungen 03/2017: „Tschilp!“ (oder: Von Leid und Erlösung der wandelnden Virenpartyzone)

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man eines Morgens aufwacht und feststellt, daß man Mitbewohner in der Wohnung hat, von denen man bis dahin gar nichts wußte und die man auch nie eingeladen hat. Dann sitzen sie plötzlich am Küchentisch, trinken den Tee leer und tun so, als wären sie schon immer dagewesen.
So geht es dem Menschen im Januar mit dem ganzen Planeten, den er grundsätzlich in verblendetem Selbstwahn für den seinen hält und sich gewohnheitsmäßig untertan macht, indem er ihn mit Windrädern und Fabriken vollstellt, mit Teerbändern überzieht und mit einer Giftwolkenatmosphäre aus Abgas, Fake-News, Streß und Fernsehmüll bepumpt: Plötzlich ist er da nicht mehr allein und auch nicht mehr bloß von possierlichen Pflänzchen und Tierchen umgeben, die sich im Zweifelsfall flugs ausrotten oder einhegen lassen, wenn sie dem Wachstumsprozeß im Weg stehen. Sondern plötzlich gibt es da Mitbewohner, die sich absolut nichts bieten und auch nicht mit sich reden lassen, die vielmehr machen, was sie wollen, egal wie es dem Menschen dabei geht.
Die Rede ist von: Viren! Bakterien! Bazillen! Strepto- und allen möglichen anderen -kokken, die sich im Dauerfrost suhlen und unter den günstigen Bedingungen einer sonnenlosen Welt gedeihen wie der Schimmelpilz im Plastikbiotop. Wenn sie erst mal da sind und die Herrschaft ergriffen haben, ist jeder Widerstand zwecklos, weil sie den Menschen wirksamer manipulieren als Internet-Pornoreklame, Putins Meinungsbots, transatlantische Bullshit-Leitmedien und sämtliche Wahlkampfmanager der westlichen Welt: Zunächst läßt er sich von allen Seiten mit röchelnden, schniefenden, maladen Botschaften behusten, die vom allgemeinen Leid in seiner Peer-group künden, und stellt selbstzufrieden fest, daß ihn so etwas überhaupt nicht betrifft, weil er sich mittels vitaminhaltiger Ernährung und täglichem Kaltbrausen wirksam abgehärtet hat, dann wickelt er sich einen Schal um den Hals und stürmt hinaus in die gefrostete Stadt, um sich die ihm persönlich zugedachte Dosis an Erregern abzuholen. Kratzt dann der Hals und beginnt die Nase ihre Metamorphose zum undichten Schleimwasserhahn, pumpt er sich mit nutzlosen, aber teuren Antiobiotika voll, gurgelt sich mit literweise Zitronensaft zur Tonsillenverätzung, rotzt zentnerweise Zellstoff voll und unterzieht sich diversen weiteren Foltermaßnahmen, denen allen die altbekannte Regel zugrundeliegt: Ohne Behandlung dauert die Malaise eine Woche, mit Behandlung sieben Tage.
Die Perfidie der viralen Fremdbestimmung ist damit aber noch lange nicht erschöpft, sondern nimmt erst ihren Anfang: Kaum hat der Mensch festgestellt, daß er krank ist, beschließt er, er sei gesund genug, um seine Pflicht zu tun, bolzt sich in öffentliche Verkehrsmittel und Arbeitsplätze, um dort die Erreger zu verteilen, die ihm aus sämtlichen Poren und Körperöffnungen nur so herausströmen und zu diesem Zweck Niesreiz, Husten und Schneuzdrang einsetzen, damit die Epidemie sich noch effektiver verteilen kann, bis endlich halb, nein: ganz Europa eine einzige wimmelnde Partyzone ist, in der der Homo sapiens nicht mehr seine gewohnte Hauptrolle spielt, sondern lediglich als wandelnder Rummelplatz und Shuttle-Service der mikroskopischen Kreuch- und Fleuchbevölkerung dient.
Weil er aber nun mal nur ein Mensch ist, dessen hochtrabend als „Gehirn“ bezeichnetes Welterkenntnisgerät zumal in verrotztem Zustand den wahren Zusammenhängen und den hinterlistigen Fremdbestimmungsstrategien der Billiardenarmee von Infizierern nicht gewachsen ist, kriegt er davon nichts mit. Im Gegenteil läßt er sich von seinen langsam übermütig werdenden Planetenmitbewohnern gleich noch mit Sehnsüchten impfen, die der pandemischen Gesamtwelteroberung dienen: steigt in Flugzeuge und Züge und läßt sich hordenweise in warme Gefilde bomben, wo die Viren noch viel besser gedeihen und er zudem ein ganz neues Sortiment multiresistenter Keime einsammeln und nach absolvierter „Erholung“ zurück in die Heimat zu transportieren, wo sie sich umgehend entfalten, vermehren und eine breite Palette an neuen spaßigen Entzündungsvorgängen zum Partyspaß beitragen.
Ab hier wird die Geschichte unüberblickbar, und überströmt vom Fieberschweiß wickelt sich der Chronist noch fester und enger in die Schichten und Lagen von Decken, in denen er seit Tagen als halb lebende Roulade vor sich hindämmert und der Welt und dem auf ihr tobenden Treiben sinnierend einen Sinn zu entlocken versucht, der sich durch die zwischenzeitlich immer mal wieder wiederholte Betrachtung des Stillebens aus Grau, Weiß und Grau vor dem Fenster nicht erschließen läßt.
Aber unversehens begegnet man dem Blick der neugierigen Amsel, die draußen auf dem Sims fröhlich im Eichkätzchenfutter wühlt und sich fragt, was das da drinnen in der wohlig beheizten Menschenbude mal wieder für ein Gestöhne, Gejammere und Gewälze sein soll. Und weil man seit Tagen menschlicher Gesellschaft nicht zuträglich noch zugänglich ist, singt man ihr das gesamte vielstrophige Klagelied und hofft auf Mitgefühl.
Die Amsel indes weiß eine andere Geschichte: Die handelt von Geduld, von Vergehen und Wiederkehr und davon, daß der Mensch mit seinem Schmarrn einfach falsch denkt. Es ist eine lange, weise Geschichte, aber weil die Amsel nun mal schneller lebt, läßt sie sich zusammenfassen in einem knappen Achselzucken (doch, die kann das!) und einem lakonischen „Tschilp“.
Und da begreift man, wickelt sich wieder ein und fällt gelassen in den letzten Schwitzschlaf des Winters in der Gewißheit, daß ihm ein goldenes Erwachen folgen wird: in den Frühling, dessen würzig frische Luft schon in der Sonne badet, irgendwo hinter dem Horizont. Adios, ungebetene Mitbewohner!

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Dienstag, 7. Februar 2017

Belästigungen 02/2017: Ich will dieses Gespräch nicht mehr führen müssen! (und hören auch nicht)

Ein guter Freund hat mal einen schlauen Satz gesagt, den ich seither bei Anlaß und Gelegenheit gerne zitiere. Wir standen in einem vom Zufall der Nikotinvorliebe zusammengewürfelten Pulk vor der Kneipe, zogen am Stengel und lauschten notgedrungen irgendeinem Small-talk-Geplänkel, gespickt mit den üblichen Vokabeln des zeitgenössischen Diskurses von „im Grunde“ bis „tolerant“, von „ambivalent“ bis „zu Gemüte führen“, von „zeitgleich“ bis „nichtsdestotrotz“ und „zweifelsohne“, bis dem Freund der Kragen platzte und er zu niemand bestimmtem sagte: „Könnt ihr mal aufhören mit eurem Scheißgespräch?“
Seitdem werde ich diesen Satz nicht mehr los. Immer wenn jemand in sein öffentliches Telephon einen Satz hineinplärrt, der in Fernsehserien längst verboten sein sollte, und in Wirklichkeit bloß „Leck mich doch am Arsch“ sagen möchte. Wenn Journalisten mit gespitzten Mündern von „Stücken“ labern und lediglich Artikel meinen. Wenn eine „Radlhauptstadt München“ daherkommt und behauptet, „Winterradfahrer“ seien „auf dem Vormarsch“ (wie heutzutage überhaupt alles „auf dem Vormarsch“ oder in ähnliche militärische Tätigkeiten verwickelt sein muß, ohne daß jemand fragt, warum und ob ein Radlfahrer beim Marschieren überhaupt noch ein Radlfahrer sein kann). Wenn Verfasser derartiger Verlautbarungen auch noch ihre „dichterische Ader“ anstechen und ohne Maß, Stil, Komma und sonstige Bedenken derartiges ins Internet wuchten: „Aus aktuellem Anlass wenn draußen alles ganz sanft gedämpft zugedeckt wird, die frostigen Kristalle unter den Reifen knirschen und die Schuhe von stiebenden Flocken bedeckt werden, ist besondere Vorsicht wichtig für den frischen Genuss auf dem Radl.“ Wenn überhaupt das gesamte Internet nur so rasselt und flirrt vor falschen, dummen, falsch und dumm nachgeplapperten, leeren, hohlen Imitationen von Sätzen, die nur eines sagen: „Ich habe nichts zu sagen, keine Idee und keinen Gedanken, möchte aber auch etwas zur Debatte beitragen, egal zu welcher und ob es überhaupt eine gibt oder geben sollte!“
Immer dann: möchte ich, um meinen geschätzten Deutschlehrer zu zitieren, „hineinhauen in den Sauhaufen“ mit der ehrlichen Frage, ob man bitte endlich aufhören könne mit dem Scheißgespräch.
Freilich könnte ich dem ja auskommen. Ich könnte (und tue das tatsächlich sehr weitgehend) sämtliche Apparate abschalten und in den Ofen schüren, aus denen zum Beispiel das genormte Dauergefasel von Terror, Europa, Freiheit und Menschenrechten herausquillt. Dann säße ich aber in einem stillen Zimmer und fragte mich, ob diese Apparate nicht mal einen anderen Zweck hatten als uns das Hirn mit Leersprech zu verkitten. Und wer diesen anderen Zweck – und sei es nur die Mitteilung wichtiger Meldungen, Ideen und Gedanken – denn nun erfüllt und wieso das niemand mehr tut und ob die evolutionäre Verblödung des Homo sapiens vielleicht darauf zurückgeht, daß das niemand mehr tut.
Außerdem bin ich mit dem Ausschalten immer zu langsam. Irgendeinen Fetzen kriege ich mit, und der setzt sofort meinen eigenen Apparat in Gang, der dann einen halben Tag lang rotiert, bis er den Bullshit bis ins kleinste Nano-Unsinnsteilchen seziert und zerfasert und (meinetwegen) hinterfragt und (logischerweise) hinterantwortet hat. Dann sehe ich ein, daß der halbe Tag verschwendet war, weil ich das vorher schon wußte und nun den Kopf voller Müll habe, stapfe hinaus in die verschneite Stadt, um ihn vom Wintersturm durchlüften zu lassen, und stelle verblüfft fest, daß ganz Schwabing mittlerweile zumindest tagsüber von menschlichen Radios und wandelnden Zeitungen bewohnt ist, aus denen exakt der gleiche Schmarrn herausquillt, vor dem ich grad geflüchtet bin.
Das kann ich nicht abschalten. Da muß ich dann fragen: Wieso sollte (zum Beispiel) Angela Merkel, wenn sie als Grußaugustine einer „Wirtschaftsdelegation“ in irgendein Land reist, damit die dort ihr neokoloniales Programm durchziehen kann, „schon auch die Menschenrechte ansprechen“? Wem gegenüber? Ihren eigenen Wirtschaftsbossen? Und welche Menschenrechte?
Die, mit denen der „Westen“ seine sämtlichen Angriffskriege der letzten 25 Jahre begründete? Die, von denen niemand weiß, wie sie eigentlich lauten? Bei denen niemand darüber nachdenkt, was sie bedeuten? Das Recht auf Arbeit etwa, das bei uns gerne zur Arbeitspflicht mutiert und von dem der 1-Euro-Jobber besser nicht erfährt, daß es mit einem „Recht auf angemessene Entlohnung“ verknüpft ist? Oder die Versammlungsfreiheit, das Recht auf Bildung, auf Teilnahme am kulturellen Leben und einen angemessenen Lebensstandard? Diese Rechte, die weltweit nirgendwo gelten, weil sie aufgrund ihrer Unteilbarkeit nur insgesamt oder gar nicht gültig sein können?
Wäre es nicht besser, frage ich dann, irgendwelche diffusen individuellen Rechte, die ihr Inhaber im vereisten Schlamm eines Flüchtlingscamps mit drei Durchschlägen beantragen und gegen einen übermächtigen Gegner durchsetzen muß (aber nicht kann), – wäre es nicht besser, solche „Rechte“ einfach abzuschaffen? Wäre dem solcherart zwangsindividualisierten Opfer von Krieg, Gewalt, Ausbeutung, Vertreibung nicht mehr geholfen, wenn es nicht erst um die halbe Welt ziehen müßte, um (wenn es nicht zuvor umgebracht wird oder im Meer ersäuft) vor einer kafkaesken EU-Molochbehörde irgendwelche angeblichen Menschenrechte einzuklagen, sondern wenn man generell verbieten würde, daß Völker und Staaten von Wirtschaft und Militär anderer Staaten angegriffen, bombardiert, verwüstet, ausgebeutet und mittels „Entwicklung“ unbewohnbar gemacht werden?
Spätestens wenn ich dann frage, ob nicht mit der plakativen Zusicherung von Individualrechten der ganze Schlamassel überhaupt erst angefangen hat, ob das nicht schon Hannah Arendt irgendwie so gesagt hat, ob es nicht eigentlich nur ein einziges Menschenrecht gibt, das nicht individuell, sondern für alle gemeinsam gilt und das, wenn die Verdammten dieser Erde aufwachen und die Völker die Signale hören, im letzten Gefecht erkämpft wird, wenn ich mich anschließend in meinen eigenen Schachtel- und Schlangensätzen verheddere und hilflos herumzucke, um mich daraus wieder zu befreien, – dann bleibt mir nur noch, mir selbst zuzurufen: „Kannst du mal aufhören mit deinem Scheißgespräch?“

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.