Dienstag, 10. Mai 2016

Frisch gepreßt #365: Wire "Nocturnal Koreans"


Es gibt Gegenstände, die müßten, wenn sie mit der Post verschickt werden sollen, in ein unbemanntes Raumschiff gepackt und per Wurmloch durch 47 Dimensionen gejagt werden, wodurch ein elementarer Reinigungsprozeß in Gang gesetzt wird, der alles zerblippen läßt, was die reine Substanz verschleiert. Musik, etwa: Am Ende landete in zeitloser Ewigkeit das schimmernde UFO in ortlosen Räumen, bepackt mit einer kleinen Box mit ganz wenigen silbrigen Scheiben, die fast alle das Signet „Wire“ tragen.
„Was tut eigentlich der Sailer gerade? Muß man sich kümmern?“
„Ach, der … O wei! Er hat schon wieder ein neues Wire-Album gefunden! Nehmt ihm die Tastatur weg! Schaltet sein Gehirn ab!“
„Zu spät, die Archive sind geöffnet … er ist schon beim Remix.“
Reise durch ein Paralleluniversum, in dem Wire fast alles und fast alles Wire ist: Wer dieser … „Band“ ist ein unangemessener Begriff; sagen wir: Wer diesem Phänomen in einem günstigen Augenblick verfällt, findet sich Jahrzehnte später vor einem Schrank wieder, in dem hunderte Platten aus den Jahren 1977 bis heute lagern, die irgendwie mit Wire zu tun haben, offizielle und halboffizielle, Experimente und Klassiker, Nebenprojekte, Ausflüge, Solosachen, Kooperationen, dies und das und noch was anderes, Material genug für ein Leben voller Klang, von dem nicht ein Ton uninteressant, langweilig, uninspiriert ist. In dem ein Monolith wie „Manscape“ (1990) als einer der unteren Standanzeiger herhalten muß, weil darunter nichts ist.
Dabei ist fast alles schon gesagt und läßt sich aber ad nauseam wiederholen, ohne an Relevanz zu verlieren. Eine der wichtigsten Grundregeln der Popmusik lautet: Nichts ist so alt wie das Neue von gestern. Stimmt, manchmal ist das Alte von gestern neuer (und spannender) als das Neue von heute, aber kaum etwas bleibt, wenn es alt wird, immer neu. Oder nichts, außer Wire. Deren erste Alben (1977/78/79) sind drei der wichtigsten Tondokumente des 20. Jahrhunderts, aber wenn man sie heute hört, ist der Effekt der gleiche wie damals: eine Mischung aus Befremdung und Faszination, die man so nicht kennt; man gleitet daran ab und wird zugleich magnetisch hingezogen, man spürt: Das ist neu, ABSOLUT neu, und wird es immer bleiben.
Wire galten 1976 als Punkband. Ob sie je eine Punkband waren, wer weiß: Sie waren einerseits zu alt (jedenfalls: über 18), andererseits schnell und kurzhaarig genug; sie waren viel zu intelligent und andererseits nicht ganz so clever. Sie konnten kein Instrument spielen, als sie anfingen, nach ein paar Monaten konnten sie es aber besser als die meisten (monomanisch und antivirtuos) – dank einem Probenmarathon, der dem späteren „Saufen statt schuften“-Punk-Ethos komplett widersprach. Den situationistischen Grundgedanken, der Sex Pistols und Clash prägte, verstanden sie ganz anders (vielleicht besser). Man könnte New Wave sagen, wenn dabei nicht manch Verblendeter an Blondie und The Knack dächte.
Aber egal wie man die ungewöhnlichste Pop(!)-Gruppe ihrer (und unserer) Zeit einordnet: Es bleibt die Musik, die Worte überflüssig macht. Diese Musik hat in vier Jahrzehnten nichts von ihrer Energie, ihrer aufregenden Schönheit, Radikalität und Kraft, der enigmatischen Romantik, Strenge und kühlen Eleganz verloren – schon bei den ersten Tönen des Titelsongs ihres neuen Albums füllen sich Körper und Geist mit dem unvergleichlichen Wire-Gefühl: als säße man auf einer rasenden Rasierklinge, auf deren Schneide die Zukunft Gegenwart wird. In dieser Musik liegt eine unfaßbare, unerhörte, alles überstrahlende Schönheit, die völlig autonom funktioniert und nur ihrem eigenen System folgt, die wirkt wie eine erste große vergebliche Liebe, entkörpert zur reinen Substanz.
Die man früher gerne für sich behielt: Wire waren kein Fall zum Diskutieren und Schwärmen, weil man das Gefühl nie loswurde, irgendwas daran noch nicht ganz kapiert zu haben. Auch diesmal, wieder und mehr als auf den vorhergehenden Werken seit der sensationellen „Wiedergeburt“ 2002, gerät bei aller weisen Milde und Ruhe („Forward Position“!) jede Bewegung zur historischen Geste und jeder Ansatz zum Extrem; es entsteht ein Kaleidoskop faszinierender Höhepunkte zwischen architektonisch konstruierten Großgebilden, zerbrechlichen Kleinstmelodien, zwischen grandioser Erhabenheit, uneingeschränkt tobendem Vorwärtssog und einem Wagemut, der vor der vollkommenen Zerstörung nie zurückschreckte, auch der eigenen übrigens, die immer schon zwangsläufig erschien: Als einst das dritte Album „154“ mit „40 Versions“ verklang, rätselte man (und rätselt man beim Wiederhören) bis heute vergeblich, wie Musik noch weiter gehen sollte, obwohl man die Antwort kennt.
Der Weg, den Wire gingen, war stets verschlungen, konsequent und immer überraschend. Inzwischen gönnt sich die … na gut: Band, wenn etwa „Numbered“ das erste Album „Pink Flag“ zitiert und zugleich übermalt, ein verstecktes, freundlich-nonchalantes Lächeln über das Unvermeidliche, was sie seit Jahren selbst betreibt: klassisch zu werden, ewig endlich und endlich ewig. Jeder Gedanke, den man bei, nach dieser Musik faßt, ist klar, rein und leuchtend.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Sonntag, 8. Mai 2016

Die Idylle vor dem Keller: Der Münchner und seine Biergärten


Auf die Frage, was das Münchner Wesen von anderen, spezifisch dem „preußischen“ – mithin nördlich einer ungefähren Linie Erding-Passau wesenden –, unterscheidet, weiß der Volksmund vielerlei Antworten, die an Qualifiziertheit oft zu wünschen übrig lassen oder gleich in ein Gegrantel und Geblecke hineinlaufen, speziell wenn man die Frage in einem Biergarten stellt. Es gibt jedoch auch höchst wissenschaftliche Versuche, sich dem eigentümlichen Phänomen zu nähern, daß „der Münchner“ ein so scheinbar ungreifbar gänzlich anderer Mensch ist als „der Berliner“, „der Wiener“, sowieso der Schwabe und überhaupt ein jeder. In solchen Erklärungsansätzen ist prominent – eben – von Biergärten die Rede.
Aber was ist überhaupt ein Biergarten? Die nächstliegende Definition – ein Areal unter freiem Himmel, wo Bier verzehrt wird – ist falsch. So etwas findet man auf dem ganzen Erdball überall, wo nicht Dauerfrost oder Wüstenödnis natürliche Grenzen setzen. Der Münchner Biergarten ist etwas vollkommen anderes, und daß heutzutage jeder Standlbetreiber neben seine Bude einen Tisch hinstellt und darüber ein Schild mit der Aufschrift „Biergarten“ befestigt, ist nur die typische Anmaßerei einer Zeit, in der jeder Schmarrn mit genügend Reklame etwas Angebliches wird, das der entwurzelte und desorientierte Mobilmensch gerne annimmt, weil er es nicht besser weiß.
Zu einem Biergarten im engeren Sinne gehört zunächst, historisch betrachtet, ein Keller. In solchen nämlich, einer regelrechten „Kellerstadt“, tief in den Isarhang hinein getrieben, von Kastanien beschattet und drum auch sommers eisig kalt, lagerte man seit etwa 1770 das Bier, das nur im Herbst und Winter gebraut werden durfte, weil es sonst unreif verdarb oder dem Brauer beim zünftigen Einschüren während der Hitzewelle sein Brauhaus abbrannte. Weil aber selbiger Brauer zuallermeist kein Krugrecht für den Münchner Stadtfrieden innehatte, stellte er, da er schlau war, vor seinem Keller Tische und Bänke auf und sparte sich somit nebenbei den lästigen Transport des Biers in die Stadt hinein, wo nun aber die Wirte rebellierten und beim König Max I. vorstellig wurden, der im Jahre 1812 schlichtend verfügte, die aufblühende Ausflugskultur dürfe von Juni bis September weiterhin florieren, in den neuen Gärten aber außer Bier lediglich Brot und Salz serviert werden. Das ist heute nicht viel anders, lediglich sind aus dem Brot die bekannten, inwendig hygienischer Watte nicht unähnlichen Großbrezen geworden und mischt man den nicht auf selbige geklebten Salzverkrustungen Glutamat bei und verkauft sie als Schweinshaxen oder Würste, weshalb der echte Münchner seit eh und je seine Brotzeit selber mitbringt, was er einst mußte und nun, wo das Gewerberecht längst liberalisiert und sogar die Ostseemakrele als Steckerlfisch zulässig ist, immerhin noch darf.
Er darf es auch in jenem Biergarten im weiteren Sinne, der nun wirklich ein Areal ist, ein großes, ohne Keller zwar, wo ebenfalls ausgeschenkt, einstmals jedoch nicht über Brot und Salz hinaus bewirtet werden durfte, weshalb, wie der finnische Münchenreisende Johan Vilhelm Snellman aus dem Jahr 1841 berichtet, „umherziehende Weiber Käse und Rettiche feilbieten, und dann wird zu dieser einfachen Speise Bier in Mengen getrunken“. Aus denen gerne Unmengen werden – schließlich ist Bier in Bayern nicht nur ein wesentliches Lebensmittel, „das Element der Bayern, wie das Wasser das Element der Fische ist“ (wie Victor Tissot 1876 schrieb), sondern auch der Ursud sämtlichen sozialen Lebens. Im Biergarten wiederum ist dieses so urtümlich wie nur denkbar: „Von Tischtuch, Servietten und anderen Bequemlichkeiten ist keine Rede“, schreibt Snellman. „Messer bringt jeder selbst mit. Bedienung gibt es meistens auch nicht, sondern jeder geht mit seinem Bierkrug an die Theke, um sich ihn füllen zu lassen.“ Und zwar buchstäblich ein jeder, wie Otto Zierer für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg feststellt: „Wenn (…) der Professor neben dem städtischen Straßenkehrer, der königlich-bayerische Leutnant neben dem Studenten, der Handwerker neben dem Arbeiter auf der Bank sitzt, wenn die Keferloher Krüge zusammenstoßen und das Lied vom Alten Peter und das Prosit der Gemütlichkeit mehr gebrüllt als gesungen wird, dann sind alle nur noch Menschen. Da macht sogar der Mann aus Preußen keine Ausnahme, wenn er sich anzugleichen versucht. Niemand nimmt an der schwarzen Hautfarbe eines Negers oder am karierten Kilt des Schotten Anstoß. Alle sind Nachbarn und gehören zusammen.“ Höchstens ließ einmal ein Tagelöhner dem Prinzregenten am Ausschank den Vortritt. „Da“, so brachte es Friedrich Nicolai 1781 auf den Punkt, „wird dann viel geschwatzt, und man führt freche und freie Reden.“
Um diese Bedeutung der Biergärten wissen die regierenden Dynastien, seien es die Wittelsbacher, die Straußens oder die heutigentags die Interessen von Industrie-, Finanz- und Agrarmagnaten vertretenden CSU-Amigos, seit eh und je. „Biergärten“, bestimmt daher die in ihrer Art weltweit ziemlich einmalige Bayerische Biergartenordnung von 1999, „erfüllen wichtige soziale und kommunikative Funktionen, weil sie seit jeher beliebter Treffpunkt breiter Schichten der Bevölkerung sind und ein ungezwungenes, soziale Unterschiede überwindendes Miteinander ermöglichen. Die Geselligkeit und das Zusammensein im Freien wirken Vereinsamungserscheinungen im Alltag entgegen.“ Dies ist die zweite wichtige Eigenheit des Münchner Biergartens, in dem es durchaus heute noch vorkommen kann, daß der Börsenfunktionär, per W-LAN mit den Schaltzentralen der Spekulationsblasenblähung verbunden, sein (vom echten Münchner nicht als Getränk anerkanntes) Apfelschorle Tisch an Tisch mit dem Neigerlzuzler genießt, der sich seine Frühstücksmaß aus den in der Eile stehengelassenen Resten (Neigerln) der Touristenkrüge zusammenschüttet.
Das ist indes nicht mehr die Regel. Längst hat sich die neofeudale Spreizung der sozialen Schere auch im Biergarten niedergeschlagen und das Milieu geprägt: Der Nymphenburger „Leistungsträger“ wandelt in den Taxisgarten, in der Menterschwaige steigt die Zahl der Krawatten stetig, und der erwähnte Zuzler treibt sich höchstens noch dort herum, wo er im Getummel der Touristenmassen unerkannt zu bleiben hofft. Zum Beispiel am Chinesischen Turm, einem der nach wie vor volkstümlichsten Münchner Biergärten, dessen zentrales Bauwerk ja einst errichtet wurde, damit das Volk auf andere Gedanken als eine in der Luft liegende Revolution komme.
Eine solche, wenn auch recht harmlose, fand dort übrigens tatsächlich einmal statt. Als sich der damalige Wirt dazu verstieg, die berüchtigten „Schwarzen Sheriffs“ einer privaten „Sicherheitsfirma“ (mit dem martialischen Motto „Ehre und Gerechtigkeit“) als Ordnungspersonal durch die Tischreihen paradieren und Platzverweise erteilen zu lassen, wuchs der Unmut der Stammbesucher und entlud sich schließlich an einem scheinbar harmlosen Ereignis: 1989 fanden sich ein paar afrikanische Musiker am Turm ein, die nach Genuß einiger Maß Bier ihre Trommeln hervorzogen und fröhliche Synkopen klopften. Das mißfiel dem Wirt, der Umsatzeinbußen fürchtete und vom Fenster seiner Residenz aus die uniformierten Schergen zum Einschreiten befahl. Als diese die Trommler des Areals verwiesen, erhob sich indes an sämtlichen Tischen im weiteren Umkreis ein ohrenbetäubendes rhythmisches Klopfen, Klatschen und Schlagen, das so lange anhielt, bis der Wirt in Sorge um sein Mobiliar den Rückzug der „Sheriffs“ anordnete, die seither am Turm auch nicht mehr gesichtet wurden.
Bei einer anderen, bekannteren „Biergartenrevolution“ (der die erwähnte Biergartenordnung entsprang) handelte es sich lediglich um ein Scharmützel der als „Gentrifizierung“ bekannten sozialen Umschichtung, bei der es immer wieder um die sogenannte Nachtruhe geht, derer die (leider meist siegreich) Klagenden gar nicht bedürfen, weil sie den morgendlichen Wecker höchstens stellen, um sich ins Fitneßstudio zu begeben. Das war ein leichtes Spiel: die Interessen der Großgastronomen an mehr Umsatz abzuwägen gegen den unnützen Schlaf einiger. Schließlich ging es ja auch nicht um Kultur (Musik, Kabarett, Theater etc.) – dieser zieht die bayerische Verwaltungsmacht im Streitfall stets die Nachtruhe vor, und zwar eisern.
Um elf Uhr abends ist seitdem Schluß, aber wann die richtige Zeit ist, einen Biergarten aufzusuchen, bleibt umstritten. Der wahre Münchner sagt: spätestens am frühen Nachmittag, weil abends das Geschwerl kommt. Gemeint sind die Neumünchner, die ihre Tage in Büros gepfercht verbringen, bei Sonnenuntergang mit Tischdecken und ungeheuren Ladungen Wurst und Mayonnaisemischungen daherströmen und einen ebenso ungeheuren Lärm (i. e.: Konversation über Berufspläne und Kinderwünsche) veranstalten, der jeglicher Gemütlichkeit entgegensteht. Auch hier gibt es Ausnahmen, etwa den Biergarten am Lerchenauer See, den grundsätzlich nur Anwohner aufsuchen und in dem man sich zu späterer Abendstunde, wenn der selige Blick über das spiegelglatte Wasser gleitet, in einen Märchenwald an der mittleren Riviera versetzt fühlt.
Einen Verhaltenskodex, wie man ihn seit Anbruch des neuen Biedermeier selbst in den minderwertigsten Szenebars und Mikrowellenrestaurants kennt und pflegt, gibt es im Biergarten definitiv nicht. Hier darf man weitestgehend, was man will: Krawatte, Hemd und Schuhe ablegen, lachen und singen, schmusen und streiten, Karten, Schach und Flaschendrehen spielen, noch die peinlichsten Junggesell(inn)enabschiedspeinlichkeiten absolvieren, den wildfremden Tischnachbarn zurechtweisen, wenn er einen Schmarrn zusammenredet oder seiner zu Betörenden haarsträubend falsche Fakten zu Münchens Historie und Gegenwart ins Dekolleté trumpft. Man darf auch – zumindest solange man sich nicht zu weit vom Stadtkern entfernt – in ortsfremden Zungen sprechen; für ein barrierefreies Anbandeln etwa am Chinesischen Turm empfiehlt es sich sowieso, mindestens die circa dreihundert Vokabeln des durchschnittlichen kalifornisch/texanischen Wortschatzes (von „you guys“ bis „pardee“) in angemessen quäkender Intonation vortragen zu können.
Indes sollte man bedenken, daß der Beruf eines Schankkellners kein leichter ist: Obwohl sich die meisten Münchner Biergärten mittlerweile in einen Wald von Hinweisschildern verwandelt haben, ist der gewöhnliche Kurzzugereiste nach wie vor weder willens noch in der Lage, zu erkennen, wo sich die Abgabestellen für Bier (zumal wenn sie nach Sorten differenziert sind, die er sowieso nicht kennt), diverse Ersatzgetränke, Speisen, die Pfandrückgabe und die Toiletten befinden, weshalb der Schankkellner heutzutage zusätzlich die Funktion eines unbezahlten Fremdenführers ausübt – mit im Verlauf des Tages entsprechend zunehmendem Grant, brummelnd bis schimpfend. Man sollte ihn daher nicht zusätzlich provozieren, indem man jedem Münchner von der Wiege an vertraute Fachbegriffe verhunzt und etwa „ein Mars“ oder „Mahs“ oder ähnliches bestellt. Die (!) Maß verdankt ihr Geschlecht dem Ursprung als Maßkanne und ist zwar eine Maßeinheit (bis zur Reichsgründung 1871: 1,069 Liter), wird aber – hier hilft ausnahmsweise die reformdeutsche Schreibung „Mass“ – hinten hinaus ebenso ausgesprochen wie das Faß, aus dem sie früher mal kam. Wenn einer das nach fünfmaligem Vorsagen nicht in den Sprechapparat hineinbekommt und höchstens das r bzw. h des ersten Versuchs etwas abmildert, hält man ihn nicht ganz zu Unrecht für renitent, aufsässig oder grundsätzlich deppert und behandelt ihn entsprechend.
Unter den Wirten waren einst echte Originale, die als Leuchtgestalten ganz allein einen Besuch ihrer Gärten reizvoll machten und weitere Reklame erübrigten. Etwa den selbsternannten „Kaiser von Deisenhofen“, Franz Xaver Kugler, dem manch einer die selbstgestrickte Legende, er habe an einem Frühlingssamstag 1922 aus Biermangel die Radlermaß erfunden, bis heute abnimmt. Weniger bekannt ist, daß Kugler als Wirt der gleichnamigen „Alm“ (ehemals eine Bude mit der Beschilderung „Kantine der Königlich-Bayerischen Eisenbahn“; später fanden dort zur Belustigung der bis zu 15.000 Gäste sogar Galopprennen statt) beim Einzug der Kapelle selbiger mit dem Taktstab voran zu paradieren pflegte und diesen so vehement auf den Boden rammte, daß er, als er 1935 versehentlich die eigene Zehe traf, an der daraus resultierenden Blutvergiftung verstarb. Aber vielleicht ist ja auch dies eines der vielen Märchen, die sich um ihn ranken.
Solche Individualfiguren gibt es in Zeiten der Groß- und Kettengastronomie nicht mehr; selbst die in den 80ern noch so beliebte wie gefürchtete Wirtin des dazumal idyllisch verwahrlosten Flaucher-Biergartens, die ihre Gäste mit lautem Blaffen disziplinierte und die Zeche mit zentimeterlangen Fingernägeln in die Kasse hackte, ist längst im wohlverdienten Ruhestand. So bleibt als Argument für den Besuch einzelner Biergärten eigentlich nur noch deren grundsätzliche Schönheit, eine ungreifbare Mixtur aus landschaftlichen Gegebenheiten, Hin- und Wegreiseweg, Architektur und Gestaltung – was bei letzterer vor allem den Verzicht auf das Zustellen des Gartens mit modernen Buden und Kinderspielgeräten bedeutet.
Ein seit Jahrzehnten beliebtes Spiel (um Anzeigenerlöse) der aus unerfindlichen Gründen immer noch als „Zeitungen“ firmierenden Münchner Reklamepostillen ist es, „Münchens schönste Biergärten“ zu küren oder küren zu lassen. Dabei kommen immer die aufs Treppchen, die sowieso jeder kennt und (als schlauer Münchner) seit Jahren meidet, plus als Feigenblättchen ein randständiger Außenseiter, der unlängst von einem prominenten Großwirt übernommen wurde und deshalb „Kult“ ist. Das hat sein Gutes: Die wirklich schönen Biergärten kennen nur die jeweils Eingeweihten; dem Touristen und beruflichen Interimsmünchner bleiben sie so verborgen wie die wirklich schönen (weil noch nicht von „Urbanauten“ und anderen „fun people“ zugesauten) Passagen der Isar.
Machen wir einen Kompromiß und empfehlen wir einen Biergarten, den eigentlich jeder kennt, aber mangels verkehrlicher Anbindung außer unmittelbar benachbart Wohnenden kaum jemand aufsucht: den bereits erwähnten Seebiergarten in der Lerchenau, wo man in annähernd mediterraner Atmosphäre direkt am See sitzt, umgeben von der idyllischsten aller denkbaren Gestaltungslandschaften, wo man Enten, Haubentauchern, Karpfen und Schildkröten bei ihrem müßigen Treiben aus nächster Nähe zuschauen kann und davon, obwohl im Hintergrund auf der Lasallestraße die Motorräder des Lone Star MC nostalgisch-rebellisch röhren, schon nach einer Maß so bezaubert ist, daß man erst nach der zweiten bemerkt, daß (auch) hier leider das ungenießbarste der Münchner Biere ausgeschenkt wird. (Ein zweiter Tip: Es gibt auch ein sehr gutes Dunkles.)

geschrieben im Juni 2015 für ein ADAC-Reisemagazin, dort stark gekürzt erschienen

Donnerstag, 5. Mai 2016

Frisch gepreßt #364: Kupfer "Der fette Tanz des Lebens"


Ich will das mal so sagen: Wenn man Kupfer mit einem anderen, weniger edlen Metall in der richtigen Weise zusammenbringt und dann mit dem Finger hinlangt, dann kann es einem ganz schön eine draufzünden. Diesen galvanischen Urmechanismus mußte in Urzeiten Abinadabs Sohn Ussa schmerzlich erleben, als er als Träger der Bundeslade das heilige Gerät verbotenerweise auf einen Ochsenkarren lud und dann, als es ins Schwanken geriet, mit der Hand hinlangte, um es am Herunterplumpsen zu hindern: Fatz! lag er da, vom Elektroschlag gefällt.
Zumindest lautet so (ungefähr) die Auslegung von Erich von Däniken, und der muß es wissen, schließlich ist er – auch wenn das kaum noch jemand weiß – nicht nur ein historiophantastischer Dampfplauderer und Theoriewolkengenerator, sondern auch Musiker. Und die Musik ist (meinetwegen neben der Starkstromtechnik, wir wollen nicht streiten) der Bereich, in dem die Galvanik für die größte Spannungsansammlung und -entladung im Universum sorgt. Oder sagen wir: mal gesorgt hat, bevor „man“ die Musik zur lullenden Alltagsbeschallung umdefinierte und kastrierte.
Aus dem Kastl dieser Umdefinition kommt sie nur noch schwer und selten raus, da muß schon eine ganz schöne Galvanik losbrettern, und damit sind wir wieder bei Kupfer. Nämlich bei Stefan Weyerer und Nick Flade, deren individuell inhärente Ladung an extremkarätiger Musikalität und emotionaler Tiefe, Höhe und Kraft untereinander und in Kontakt mit der Welt für Entladungen sorgt, wie man sie selten erlebt.
Das kann man erleben, wenn man die beiden mal auf einer Bühne sieht: Da wird nicht choreographiert, sondern musiziert, nicht getanzt, sondern gebebt, nicht vorgeführt, sondern gelebt, was in einem kocht, strömt, tobt, so intensiv, daß schon manch einem der Mund abendfüllend offen gestanden ist. Da explodiert ein Feuerwerk an Finesse, an Raffiniertheit, von ineinander geklöppelten Ideen, antisimpel großen Riffs und Melodien, die sich unweigerlich ins Gedächtnis brennen, obwohl sie oft harmonisch so kompliziert sind, daß man sie eigentlich gar nicht nachmachen kann. Oder versuche doch mal einer von den Drei-Akkorde-Schmieden, „Der Tor und das Mädchen“ auch nur mitzuspielen – oder andersrum: sich dagegen zu wehren. Das ist, sagen wir es: eine galvanisch ideale Verbindung von Genie, Inspiration und zweifellos harter Arbeit.
So umwerfend es auf der Bühne wirkt, im Studio geht es fast noch besser, weil man da mehr Raum und Platz für Ideen hat. Was oftmals fett danebengeht, indem dann restlos überladene Möbellaster von Klängen heraustuckern, die den Hörer überwalzen wie ein … nun ja: Möbellaster, weil die Ingenieure am Pult vor Begeisterung über die Traglast ihrer digitalen Bänder (und aus unbewußtem Wissen um die Dürre des liederlich-liedlichen Grundmaterials) Spur um Spur aufhäufen, bis noch der letzte Rest der kargen Musik im Sumpf der Geräusche ersoffen ist. Hier nicht: Hier sprühen die Ideen wie Funken von der Wunderkerze, ohne Rauch und Qualm; der Ton darf schweben, der Raum bleibt klar. Nicht mal der übliche Hallterror vernebelt das Gerüst, nichts zerfließt, man sitzt beim Hören förmlich zwischen Nick und Stefan und glaubt jeden Ton mit Händen greifen zu können.
Seltsamerweise, darüber grüble ich seit Tagen, fällt mir zwischendurch immer mal wieder Münchener Freiheit ein, deren ganz frühe Phase vor der Einlieferung ins Industriegefängnis, in der sich altromantische Schwabinger Lebenslust mit zauberhaft unverstellter Naivität verband, die manch einer peinlich fand, weil das echte Leben immer einen starken Hang zur Unbeholfenheit hat, den erst das Korsett der Pose ihm nimmt (damit aber halt auch manch anderes). Dazu gehören auch: Texte, die nicht „cool“ sein wollen und sich deshalb auf konsente, unverdächtige Bilder und Phrasen beschränken, sondern wild wuchern, aus Herz, Bauch und Seele heraus in eine Welt hinein, in der sie ungeschützt sind, nackt.
Anders als anderen gelingt es Stefan und Nick, sie nackt zu lassen und doch zu kleiden, in ein fast faltenfreies musikalisches Gewand, das ihre inneren und äußeren Formen weniger umhüllt als ihnen Form zu geben und sie zu verstärken. Im Idealfall so perfekt, daß man's kaum glauben kann, etwa in dem dräuenden, dann fast Queen-mäßig kontrolliert rasenden Minigitarrensolo in (klar) „Normalsein ist Wahnsinn“, das bloß ein paar Sekunden und keinerlei Pathos braucht, um alles auszudrücken, was auszudrücken ist.
Ich will das mal kurz sagen: Schönheit ist nicht (immer) simpel. Und Kupfer ist ein verdammt guter Leiter für elektrische Spannung.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Mittwoch, 4. Mai 2016

Belästigungen 08/2016: „Uck! Uck! Uck! Rrrrarrrgl! Das ist mein Revier!“ (nebst einer dringend gebotenen Alternative)

Daß Lebewesen Räume bewohnen, ist von der Natur so vorgesehen und eigentlich auch recht zwangsläufig: Da sie die Evolution nun mal in einen Körper hineingezwungen hat, müssen sie ja irgendwohin. Und was bleibt da schon außer der Welt, solange man ins Internet (das außer dem Menschen sowieso niemanden interessiert, weil es ein ziemlich nervtötender Wirbelsturm von buntem Plemperlzeug ist) noch nicht wirklich „gehen“ kann?
Aber wie sich das gestaltet und was für Folgen es hat, ist individuell ziemlich verschieden. Das Eichkätzchen zum Beispiel verwandelt innerhalb einer Generation seinen gesamten Lebensraum in einen undurchdringlich dichten Nußbaumwald, indem es jede verfügbare Nuß nach allen Regeln der alten Gärtnerschule in den Boden hineingräbt und sofort vergißt. Der Nadelbaum nadelt und wurzelt in seiner inhärenten Breitarschigkeit alles um sich rum so effektiv zu, daß dort außer ein paar Pilzen überhaupt nichts mehr ein Heim findet. Der Hund wiederum läßt eine Vorform des Großen Pazifischen Müllstrudels entstehen, indem er seinen schweiflosen Assistenten darauf konditioniert, jedes Häuflein Kot in einen Plastikbeutel umzufüllen und in einem Blechkorb zu deponieren, aus dem es die schwarzgeflügelten Assistenten wieder rausholen und den zerfetzten Beutel samt Inhalt ungefähr an den ursprünglichen Standort zurückbringen. Dann kommt erneut der zweibeinige Schweiflose daher und zerbläst mit einem benzinbetriebenen Monsterfön Kotbrösel und Tütenlumpen zu feinem Staub und winzigen Plastikfetzerln, die irgendwann jeden Fleck und jede Nische des Hundehabitats bedecken, inklusive Wohnungen, Nasen und Atemluft.
Oft liegt diesen Bewohnungsvorgängen ein urtümlicher Reviersicherungstrieb zugrunde. Wenn zum Beispiel der Münchner Funhipster wochenends nach Schwabing hineinzieht, gefällt es ihm da so gut, daß er ähnlich wie der Hund durch das Vollbrunzen und -kotzen sämtlicher Hausecken klarstellt: „Das ist mein Revier, ihr Arschlöcher!“ Weil der Mensch jedoch – schon wieder: die Evolution – nicht mehr dazu neigt, solche sinnreichen Botschaften zu beschnuppern und zu achten, ist das ganze Entleerungsspektakel zu einem Atavismus verkommen (einem urzeitlichen Verhalten, das keinen aktuellen Zweck und Sinn mehr hat, also so was wie Wählengehen oder das Ersetzen sinnvoller sprachlicher Äußerungen durch Grunzgeräusche wie „Uck! Uck! Uck!“, „Rrrrrarrrgl!“ und „Obergrenze!“).
Deshalb geschieht die Revierabsteckung nun in neuer Form, indem der Funhipster die zu seiner Grundausstattung gehörende Bierflasche nach deren enthemmender Leerung an strategisch günstigen Stellen auf den Boden knallt und damit den Zugang zu seinem Bereich zumindest für Artgenossen auf Rädern beziehungsweise mit empfindlichem Schuhwerk problematisch gestaltet. Man munkelt, daß sich die Unterspezies des Möchtegern-Großbürgers, die seit den Achtzigern in Schwabing Einzug gehalten und mit einer Sintflut idiotischer Rechtsprozesse den kulturellen Sumpf trockengelegt hat, um ungestört dem Röhren von SUV-Panzern lauschen zu können, mittlerweile weniger von Musik, Tanz, Theater und Kabarett in der Ausübung ihrer Existenz gestört fühlt als durch die Häufung nächtlicher Geräusche von platzenden Radlreifen und schnittwundenbedingten Schmerzensrufen.
So oder so verbleibt am Ende eine sehr artspezifisch gestaltete Umwelt, von der sich Fremdes vorsichtshalber fernhält und in der der jeweilige Bewohner gemütlich herumwesen kann, wie es ihm beliebt. Um so mehr erschrickt er, wenn plötzlich doch mal wer daherkommt. Bestenfalls: ein Gast. Schlimmstenfalls: ein Flüchtling. Also irgendwie dasselbe, oder?
Wenn es derzeit um Flüchtlinge geht, ist meistens schnell die Rede von der Gastfreundschaft, die diese in Deutschland genießen. Gastfreundschaft, das betont die völkisch-nationale Fraktion bei jeder Gelegenheit, sei etwas, was man gewähren, aber bei ungebührlichem Betragen oder je nach Lust und Laune auch wieder entziehen könne.
Und da irren sie sich, die besorgten Spießbürger. Seit Anbeginn der Zivilisation ist Gastfreundschaft keine Gnade, sondern ein unveräußerliches, ja: das vielleicht unveräußerlichste Recht überhaupt. Wer es verweigert, verabschiedet sich aus der zivilisierten Welt und kehrt zurück in die Vorbarbarei. Das mußte schon der Kyklop Polyphem erfahren, der glaubte, er könne Odysseus und seine Gefährten teils verschlingen, teils einfach so aus seiner Höhle hinausbefördern, anstatt ihnen Speis und Trank zu entbieten, wie sich das gehörte, und dafür eine glühende Pfeilspitze ins einzige Auge bekam.
Gastfreundschaft hieß damals und immer: Bei wem ich einkehre, dem steht es jederzeit und unwiderruflich frei, bei mir einzukehren. Und nicht nur ihm, sondern ebenso seinen Kindern, Kindeskindern, Kegeln und Kegelkegeln. Und es steht ihm noch einiges mehr zu: Den alten Griechen war das Schutzgebot des Zeus Xenios so heilig, daß sich Gastfreunde im Krieg weigerten, gegeneinander zu kämpfen. Das Mittelalter und die frühe Neuzeit sahen das kaum anders; die Hospitalitas als universelles und unbedingtes Gastrecht galt nicht nur in Klöstern; noch Kant und nöcher Derrida (allerdings, eine wichtige Einschränkung, nur für Menschen) feierten und verteidigten sie, und wer über einen „Mißbrauch“ oder ein „schamloses Ausnützen“ jammerte, entlarvte sich damit als kleingeistiger, gottloser Egoist, der eher durch ein Nadelöhr als ins Paradies kommt.
Die Industriekapitäne und Kapitalführer der Ganzneuzeit wiederum, die neuerdings das Hohelied der Gastfreundschaft flöten (oder von ihrer Kanzlerin flöten lassen) und sich die Hände reiben angesichts der heranschwappenden Massen von ausbeutbarem Menschenmaterial, die sollten an jenen namenlosen biblischen Pharao denken, der einst versuchte, Gastfreundschaft in die Bestückung mit Niedriglohnjobs und Praktika umzuwandeln, und am Ende inmitten einer Invasion von Fröschen, Heuschrecken, Stechmücken, Fliegen, Pest, Cholera, totem Vieh, toten Erstgeborenen, Hagel, Finsternis und einem Nil voller Blut dastand.
So kann es einem gehen mit dem Raum, den man bewohnt, wenn man ein paar simple Grundregeln nicht beachtet oder gar vergißt. Drum nehme ich mir jetzt mal ein Frühlingsbeispiel und gelobe, auch dieses Jahr der erstbesten Sippe von vagabundierenden Wespenviechern in meinem Hasenstall unbedingte Hospitalitas zu gewähren. Gestochen hat mich bislang noch k(aum)eine, und als trotzdem egoistischer Neuzeitler denke ich dabei freilich auch an meinen Vorteil: Das Stachelvieh hält Fliegen, Stechmücken und Bremsen zuverlässig fern, Frösche stören nicht, und den sporadischen Hagel ertragen wir gemeinsam.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Samstag, 23. April 2016

Vom Heroismus der Idiotie

Das „Zentrum für politische Schönheit“ dürfte es in den nächsten Monaten nicht leicht haben. Wenn die Künstlergruppe, die mit einigen spektakulären Aktionen tote Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen instrumentalisierte, um medial auf sich aufmerksam zu machen, künftig als reaktionäre Klamauktruppe gilt, verdankt sie dies ihrem Gründer und Boß Philipp Ruch und seinem als „politisches Manifest“ etikettierten Pamphlet Wenn nicht wir, wer dann?.
Einer der grundlegenden Denkfehler des Machwerks mit dem abgegriffenen Phrasentitel (Vorlage: Andreas Veiels Enßlin-Vesper-Baader-Film „Wer wenn nicht wir“) steht schon im Titel und in der Überschrift des Rückentextes: „Warum sich nichts ändert, wenn wir nichts ändern“ – eine scheinbare Tautologie, in der das entscheidende Wort „wir“ ebenso sinnlos und unerklärt herumsteht wie hundertfach im ganzen Buch. „Wir“ – das sind mal „wir alle“, mal in x-ten Neuauflage des alten Schwindels vom Generationenkonflikt „die Jungen“, mal die Empörten, die Untätigen, die Ratlosen, die Besserwisser, die deutsche Bevölkerung, und ob nun Angela Merkel und die Rüstungsindustrie dazugehören, weiß der Autor offenbar selbst nicht.
Es ist ihm aber auch egal, denn um was es letztlich geht, wird sehr schnell klar: „Welches ist die größte Tat, mit der mein Name einst verbunden werden soll?“ Das Konglomerat aus miß- bis halbverstandenen Bruchstücken der „Ideengeschichte“ ist nichts anderes als das, was in Zeiten der Selbstvermarktung so gut wie jede künstlerische Äußerung zwangsläufig und leider ist: Reklame für sich selbst. Daß Ruch, wie er dem „Spiegel“ treuherzig versicherte, keinesfalls den Kapitalismus abschaffen möchte, versteht sich da von selbst. Ob es die von ihm blumig beschworene „Schönheit“ im Kapitalismus überhaupt geben kann – auch egal.
Die Schaffung von Schönheit setzt indes unabdingbar ein Bemühen um Klarheit voraus, und davon kann bei Ruch nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Schon das Vorwort ist ein derartiger Müllhaufen an Unfug, Blödsinn und Bullshit, daß einem nach wenigen Seiten schwindlig wird und man in Wut gerät. Verquirlt ist der wirre Mist mit den faschistoiden Parolen und Schlagwörtern, den Rufen nach „Visionen“, „großen Ideen“,„Glauben“, „Idealen“, einer „heiligen Pflicht“, Führern und Lichtgestalten, die Verrückte wie Arnulf Baring und Gertrud Höhler seit Jahrzehnten auf die Büchertische und in die Fernsehkameras erbrechen. Da hört man auch den Herrenreitergestus der Elitekanaillen um Ulf Poschardt heraus, das schnöselige Kokspathos, mit dem sich Christian Kracht et al. einst via „Tristesse Royale“ in die Feuilletons faselten, und, ja, eine „Große Zeiten!“-Eupho-/Hysterie aus ganz anderen Zeiten.
Philipp Ruch hat bei dem wegen diverser Ausfälle gegen Arbeitslose, Flüchtlinge und Frauen mindestens „umstrittenen“ Herfried Münkler promoviert, was man einerseits deutlich merkt. Angesichts der Tatsache, daß der Mann offensichtlich nicht in der Lage ist, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen und zu formulieren, fragt man sich andererseits entgeistert, wie das zugegangen sein mag. Endlos und redundant hackt er vor allem auf den „Naturwissenschaften“ (zu denen er die Medizin einfach mal dazurechnet) und deren „toxischen Ideen“ von der Erklärbarkeit der Welt herum, deren Hegemonie er die Urschuld an der Unschönheit und Kleingeisterei unserer Epoche anlastet. Hegemonie? In einer Zeit, da nach vierzig Jahren Esoterikgefummel selbst Zahnärzte nach dem Mondkalender operieren? Das ist einem Ruch wurst, der geifert gegen „Nihilisten“, die „im Menschen ein dummes Tier sehen, das sich ständig selbst betrügt und etwas vormacht“. Abgesehen vom Kasusfehler: Den derzeit triftigsten Beleg für diese These hat Ruch selbst zusammengeschrieben.
Man kann das Buch willkürlich aufschlagen, einen beliebigen Satz herausgreifen, schon hat man ein Musterbeispiel für Bullshit und Wirrnis. Exempel (Seite 48): „Worte“ (gemeint sind selbstverständlich Wörter) „können definiert, Gefühle müssen interpretiert werden.“ Wie wär's damit: Wörter müssen interpretiert werden, um Gefühle definieren zu können. Hm?
Aus der „These“ folgt die Folgerung, Erkenntnis sei Mist, der Mensch müsse sich vielmehr bekennen, nein: bezeichnen, um zu werden, was er sein will. Eine revolutionäre, ähem, Erkenntnis: Jeder ist seines Glückes Schmied! Hallo, FDP! (Womit nicht nur die Essenz des achtzehnseitigen Kapitels „Wie wir uns selbst sehen“, sondern des ganzen Buchs weitgehend auf den Punkt gebracht wäre.) Im selben Geiste fordert er, den Begriff Depression durch „Mutlosigkeit“ zu ersetzen, weil: „Die Mutlosigkeit blickt den Mut immer verliebt mit an.“ Die Depression hingegen blicke „ins Leere“. Klar, wenn man kein Latein kann.
Hier wird der Quatsch dann aber bedenklich, nämlich brauche man nur andere Bezeichnungen, und schon ließen sich alle Probleme lösen: „Depressionen können handstreichartig geheilt werden. Es klingt phantastisch, aber ein einziger Satz kann uns von einer Jahre währenden Leere erlösen.“ Ein Therapeut hingegen möglicherweise nicht von solchem Wahn, wenn der sich erst mal zum „Menschenbild“ verfestigt hat. Obwohl: Dem sind wir ja „keineswegs ausgeliefert. Wir könnten es hinterfragen, den Grundriß ausradieren und jederzeit neu malen.“ Jawohl, weil wir, eben, ALLES können!
Ob der Irrsinn, der Ruch treibt, heilbar ist, wer weiß. Öffentlich verbreitet kann er wie die meisten Allmachtsphantasien verheerende Wirkung haben. Zumal wenn man von vornherein offensiv auf emanzipative Ansätze sowie jegliche Form der Analyse und Reflexion verzichtet: „Menschen werden nicht nur von Ursachen, sondern auch von Zielen bewegt“, schrieben Ruch und sein „Zentrum“ 2009 an den deutschen Bundestag, und weiter: „Schönheit, Größe und Vollkommenheit sind Ziele.“ Nun ist niemandem auf der Welt damit geholfen, daß man Schwimmbäder rot färbt oder Pläne für eine Steinbrücke zwischen Afrika und Europa einreicht. Solche Aktionen führen auch nicht dazu, jemanden zu informieren – wer heute nicht weiß, was an Europas Außengrenzen und jenseits davon vor sich geht, woher und warum Flüchtlinge kommen usw., der will es nicht wissen –, sondern zur üblichen Hysterie des Machens, zu einem Sturm des guten Willens, der niemandem nutzt und nichts erreicht als noch mehr Verwirrung, einen Heroismus der Idiotie. Da muß man dann nicht mehr fragen, ob die uns heute umgebenden ästhetischen, sozialen und politischen Strukturen – die Verherrlichung des Einzelkombattanten, die Verwandlung von Individuen in Kampfmaschinen, die Allgegenwart des Krieges in der Alltagskultur – eventuell Ursachen haben könnten, wo diese liegen und ob es Zweck und Sinn hat, irgendeinen „Protest“ oder sonst was zu mobilisieren, ohne sich in diesem Punkt Klarheit verschafft zu haben.
Was „Größe“ und „Schönheit“ eigentlich sein sollen? Auch dazu fällt dem Ruch nichts ein als Schwurbelei, so daß man durchaus an Albert Speers Germania-Visionen denken kann. Das mag abwegig klingen, ist es aber nicht. Der Mann möchte, das ist schon nach wenigen Seiten klar, als „großer Geist“ in die Weltgeschichte eingehen; seine Ideen sollen seinen Ruhm mit Posaunenklang in die Zukunft tröten. Leider hat er keine Idee, und Ahnung auch wenig – auffällig, daß für ihn die Weltkultur offenbar mit Nietzsche und Spengler oder spätestens in den 50er Jahren endet: Ein Internet etwa, aus dem er sich seine „Belege“ wahllos zusammengegoogelt hat (selbstverständlich ohne Quellenangaben, oft sogar ohne Namensnennung), gibt es für ihn gar nicht (klar, ist ja „Naturwissenschaft, gelt?). Statt dessen zieht er in bellizistisch-brutalistischem Vokabular über die „Demokratie“ her, die ihren Kindern einimpfe, „daß alle gleich seien“: „Tatsächlich werden in Demokratien Macht und Herrschaft dämonisiert. Menschen, die nach Macht und Größe streben, gelten als potenzielle Gefahr.“ Dem setzt Ruch die Verteufelung von Gemeinschaft und der Suche nach Harmonie entgegen, den Mythos des „groß gesinnten Menschen“, der „alles auf das Große hin“ entwirft und „mit dem Recht des Stärkeren“ (immerhin) „für das Recht der Schwächeren“ kämpft. „Der Größte muß das Schwierigste vollbringen.“ Da kommt einem unwillkürlich ein anderer deutscher Künstler in den Sinn, der einst in sein Buch hineinschrieb: „Man vergesse niemals, daß alles wirklich Große auf dieser Welt nicht erkämpft wurde von Koalitionen, sondern daß es stets der Erfolg eines einzelnen Siegers war.“
Daß es Ruch angeblich um „das geschichtlich viel zu häufige Verbrechen des Völkermords“ geht, daß er gebetsmühlenartig immer wieder Elie Wiesel und Rupert Neudeck als Zeugen für sein Sehnen nach „Humanität“ herbeizerrt, macht die Sache nicht besser, zumal wenn die Dummheit endgültig siegt und er den Kapitalismus gegen Hitler, Stalin und Mao verteidigen zu müssen glaubt: „Wir wiegen uns allzu sicher in einem Haß auf den Kapitalismus. Wo ist eigentlich der Haß auf die Diktatur?“ Daß er im „Epilog“ in bübische „Ich werde nie vergessen, wie“-Schwärmerei über Bernard-Henri Lévys Einsatz für die „Befreiung“ Libyens gerät und in einem Nebensatz gleich noch den Sturz von Assad propagiert (wie zuvor den des „Diktators“ und „Massenmörders“ Putin), ist ein letztes deutliches Indiz. Die Folgen solcherart verblödeter Kriegshetzerei sind bekannt. Shit happens, wird Herr Ruch sagen. Hauptsache, erst mal kräftig umgestürzt!
Dieses „Manifest“ ist kein Dokument der Menschenliebe, der „Humanität“, sondern des Gegenteils. Es beschwört „Größe, Kraft und Schönheit“ als hohle Glocken, als leerstehende Paläste, als Formeln ohne Inhalt. Welche Art von Gestalten in solche Paläste gerne einziehen und die Glocken läuten, daß der Welt Hören und Sehen vergeht, sollten wir als Deutsche wissen.
Oder sagen wir es milder: Gerd Baumann und Marcus H. Rosenmüller führen gelegentlich ein Programm mit vergnüglichen Nonsensgedichten und Lieder auf, das den Titel „Wenn nicht, wer du“ trägt. Darin steckt mehr Sinn und mehr Schönheit, wahrscheinlich sogar politische, als in den gesamten 208 Seiten dieses Machwerks.

geschrieben Ende November 2015 für KONKRET (gekürzt erschienen)

Freitag, 22. April 2016

Ein paar weniger wichtige Gedanken zu einem vollkommen relevanten Konflikt zwischen Tim Renner und Claus Peymann


„Kultur“ geht ungefähr so: Eine Clique von „Leistungs-“, Entscheidungs- und sonst welchen Trägern nimmt ein paar öffentliche Millionen in die Hand und setzt irgendeinen spektakulären (d. h. in Wirtschaftsteil und Feuilleton ausgiebig bebimsten, ansonsten ahnungsfreien, auf jeden Fall „unorthodoxen“, d. h.: absolut konformen) Idioten auf einen Posten. Der kriegt dann umgehend „Visionen“, die in Feuilleton und Wirtschaftsteil ausgiebig bebimst werden und im wesentlichen darauf hinauslaufen, man müsse ein paar öffentliche Millionen in die Hand nehmen und „etwas machen“ bzw. „auf die Beine stellen“, also: ein „Event“, wo irgendwas hüpft, glitzert und raucht und die Clique sich versammelt, um ihre eigene Wichtigkeit zu bebimsen. Da der Gesamtvorgang strikt und absolut cliquenintern bleibt (vom Manager bis zum Volontär) und niemanden sonst auf der ganzen Welt angeht, betrifft oder interessiert, bleibt am Ende nichts übrig als Millionen von Druckzeilen und Sendeminuten, die kein Mensch liest bzw. anschaut, und das wäre dann eine „Kultur“.
Ich kannte mal einen Theaterintendanten, der mit so was seine Zeit verbracht hat, aber eigentlich nur zwischendurch meine Zigaretten rauchen, über Fußball reden und hin und wieder feststellen wollte, was für ein Kotzhaufen dieser ganze „Betrieb“ (die Clique) sei. Wovon ich nichts wissen wollte, weshalb er mich fragte, was ich denn in Sachen „Kultur“ für eine Alternative anzubieten hätte, und mit meiner Antwort („Na ja, wie wär’s mit: allem anderen?“) nichts anzufangen wußte. Klar, ein katholischer Dogmatiker des 16. Jahrhunderts konnte mit der Idee, daß es da draußen ein Universum mit Trilliarden Sternen und Planeten gebe, ja auch nicht recht viel anfangen.
Ist an sich auch egal; die Clique macht ihr Ding, kein Mensch liest ein Feuilleton, niemand beachtet die millionenteuren „Events“, und die Trilliarden anderen Dinge (nennen wir sie Kultur, ohne Gänsefüßchen) gibt es ja trotzdem und auch ohne Zeilen und Sendeminuten. Aber wenn man dann hin und wieder gefragt wird, was man denn zum Beispiel von der „aktuellen“ Streiterei zwischen Claus Peymann und Tim Renner halte, dann muß man doch mal recherchieren. Und stellt fest: Aha! Da möchte also mal wieder so ein spektakulärer Postenidiot ein paar öffentliche Millionen in die Hand nehmen, um einem anderen spektakulären Idioten einen Posten zu verschaffen, damit der in die angebliche deutsche Hauptstadt ein paar hüpfende, glitzernde und rauchende „Events“ hineinbimst, woraufhin dann Scharen von „Leistungs-“ und Entscheidungsträgern (sowie andere „quality people“) daherfliegen und die Wichtigkeit der Clique feiern. Der andere möchte der Clique lieber ein Theater machen, auf daß seine eigene Relevanz bebimst werde, und außenrum bimsen die sowieso wichtigen Träger angeblicher „Meinungen“ wie eine wildgewordene Affenhorde zugunsten des einen oder anderen (d. h.: um des einen oder anderen Gunst). Das ist so spannend wie die letzten fünf Minuten eines Fußballspiels, das 8:0 steht und bei dem man keinen der beiden Vereine kennt.
Ja mei, die Analyse fällt knapp aus: Von Tim Renner möchte niemand, der je einen Satz von ihm gehört hat, je wieder einen Satz hören, weil derlei Extrembullshit Lebenszeit kostet und zu Tobsuchtsanfällen führt. Der Rest? Ja ja bla. Vielleicht rauchen wir lieber meine Zigaretten und reden über Fußball. Oder bestenfalls nehmen wir eines Tages der Clique die öffentlichen Millionen weg und kaufen Hertha BSC ein paar Brasilianer. Und wenn die ganzen Bimser dann ins Sportressort wechseln, reden wir halt über Theater.

geschrieben im April 2015 für KONKRET (gekürzt erschienen)

Mittwoch, 20. April 2016

Expedition in den Untergrund: Ein Tag in der Münchner U-Bahn



Die U-Bahn ist das Fastfood unter den Fortbewegungsmitteln: Nicht der Weg ist hier das Ziel, sondern das Ziel – Hauptsache satt, das heißt: Hauptsache da. Damit ähnelt U-Bahnfahren am ehesten dem Traum aller Transporttechniker, dem aus „Raumschiff Enterprise“ bekannten Beamen: Man steigt ein, wird durch identisch schwarze, ortlose Tunnel geschossen und steigt wieder aus, an identisch häßlichen, funktionsbestimmten Bahnhöfen. Die Frage, ob sich die Menschen, die an einer der 93 Stationen ein- oder aussteigen, nach Stadtvierteln und Tageszeiten oder unter anderen Gesichtspunkten gleichen oder unterscheiden, ob sie spezifische Gruppen bilden, läßt sich am besten mittels einer Expedition erforschen, die zwar nur ein stichprobenartiges Bild liefern kann, aber immerhin ein echtes Abenteuer ist, wenn man ansonsten generell nur mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist.
Start am Hohenzollernplatz, früher Nachmittag; der von Norden kommende Zug ist gefüllt mit Schülern, Studenten, Rentnern, zu denen sich weitere gesellen, dazwischen eine Mutter mit Kinderwagen (dem heute üblichen Modell „Gesamthaushalt in klein“, bepackt mit Tüten, Taschen, Kleidung), der ohne Rücksicht auf Mitreisende in die Menge gedrängt wird. Am Königsplatz kommen ein paar kulturbürgerliche Individualisten in üblicher Uniform (Mantel, Schal und Hut, das Kinn nach oben gereckt) hinzu, und am Hauptbahnhof leert sich die Bahn weitgehend, in alle Richtungen. Am Sendlinger Tor ändert sich durch mittlere Jahrgänge auf Einkaufsbummel die Altersstruktur, Richtung Giesing auch die Ausstrahlung der Menschen: Zufriedenheit und entspannte Meditation weichen zunehmender Müdigkeit, die Gesichter werden grimmiger, und immer ist unter zehn Passagieren einer, der der aktuellen Ernährungsmode getreu eine Flasche Augustinerbier in der Hand trägt, ohne indes wie ein Trinker zu wirken. An der Untersbergstraße warten ausschließlich Ausländer und ein paar Rentner, am Giesinger Bahnhof ist es ebenso, allerdings sind es nun wieder hauptsächlich Schüler, die noch weiter aus der Stadt hinaus, nach Ramersdorf, Neuperlach und in die neue „Messestadt“ fahren. Erstaunlich trotzdem die Ruhe im Zug – es ist wohl was dran an der Behauptung, Kinder seien vom Schulstreß heutzutage so geschlaucht, daß die ausgelassene Fröhlichkeit früherer Zeiten nicht mehr denkbar ist. Höchstens noch zeigt man sich gegenseitig Bilder auf dem Handydisplay.
Am Innsbrucker Ring treffen sich vier Bahnen auf vier Gleisen, und unsere leert sich bis auf die Sitzplätze. Neu dabei einige sehr alte Menschen mit junger Begleitung, ein afrikanischer Vater mit drei Kindern, die so lebendig wirken, daß sie der Bildungsdruck offenbar noch nicht erfaßt hat. Die Haltestelle Josephsburg ist mir völlig neu, eine edel gemeinte weinrote Röhre mit schachbrettartigem Granitboden, die kulturelle Bedeutung signalisiert, wo aber niemand aus- oder einsteigen mag. Dafür an der Kreillerstraße, wo die letzten gutsituiert bis wohlhabend wirkenden Passagiere, die man eher nach Waldtrudering verortet hätte, die Bahn verlassen (abgesehen von einer blonden Frau Anfang zwanzig, die wie ein Photomodell wirkt und seit Beginn der Fahrt an Bord ist), was erstaunlicherweise die durchschnittliche Laune zu bessern scheint. An der Haltestelle Trudering, die aussieht wie ein Atombunker, wartet die nächste Ladung Schüler im Teenageralter, deutlich lauter, strenger parfümiert und mit mehr Nieten verziert als ihre innenstädtischen Vorgänger. Der Bahnhof am Moosfeld hingegen, Heimat eines hochmodernen Gewerbegebiets, ist tagsüber fast menschenleer – klar: Hier wird am Aufschwung gearbeitet.
Messestadt West: Ein etwa 15jähriges Mädchen erklärt seiner Oma am Telephon, wie deren Telephon funktioniert, die blonde Frau ist nun meine einzige Mitreisende. An der Messestadt Ost endet die Fahrt; nach einer kurzen Besichtigung der monströsen, durch Straße und U-Bahnlinie in Arbeit und Hausen zweigeteilten Betonwüste, die offenbar vollkommen wahnsinnige Architekten hier angerichtet haben, setze ich mich in die leere Bahn, in die anfangs nur spärlich Menschen tröpfeln – drei türkische Kollegen, ansonsten nur Frauen: eine extrem Korpulente Mitte zwanzig, die so unglücklich wirkt, daß man sie am liebsten trösten würde, kichernde Teenager, verhärmte Altsekretärinnen und ein still leidendes Trio aus Mutter und zwei Töchtern. Keine Rentnerinnen, die leben hier wohl (noch) nicht.
Auffallend ist, daß aus Trudering ganz andere Menschen in die Stadt hinein wollen als zuvor dort hinaus, und viel mehr. Unter vielen grauen Gesichtern mit ausladender Leibesfülle fällt diesmal ein Paar Ende 60 auf, das der Kleidung und dem „würdevollen“ Benehmen nach offenbar aus der „Urbevölkerung“ (Villa mit Garten) stammt und tatsächlich baierischen Dialekt spricht – als bisher einzige auf der Reise.
Aber die Stimmung ist jetzt entschieden fröhlicher – anscheinend fährt man nachmittags (es ist kurz nach 15 Uhr) lieber in die Stadt hinein, als aus ihr hinaus zu müssen. Am Innsbrucker Ring ist der Bahnsteig voller Menschen in Winterjacken, deren preßwurstartige Gestaltung nur in der Farbe variiert, aber niemand will zu uns, fast alle steigen in die U5 Richtung Laim. Am Karl-Preis-Platz kommt eine Handvoll Menschen dazu, die in etwa das repräsentieren, was man heute gerne mit dem entwürdigenden Begriff „sozial schwach“ diffamiert: ein übergewichtiges Mädchen in grellbunter Discounterkleidung, ein alter Mann mit fast leerer Plastiktüte, eine auffallend kleine Frau mit ungepflegter Frisur und Alkoholfahne, die vor sich hin murmelt. Dazu ein Mann Anfang fünfzig in teurer Freizeitkleidung mit SZ, „Spiegel“ und Kopfhörern, den ich spontan als Gymnasiallehrer einschätze, bis er aus seiner Aktentasche die bereits erwähnte Augustinerflasche zieht. Oder ist er trotzdem einer?
Nun ist Essenszeit, gut die Hälfte der Reisenden führt in regelmäßigen Abständen zerkrumpelte Papiertüten zum Mund, in denen unterschiedliche Zusammensetzungen von Mehl, Fett und Zucker stecken, und ab der Silberhornstraße steigt der Anteil von Büchern als Reiselektüre deutlich an; allerdings meist fette Taschenbuchschwarten mit nichtssagenden Titeln, nur eine unauffällige junge Frau mit Nußschnecke liest ein fest gebundenes Exemplar, sogar mit Lesebändchen. An der Fraunhoferstraße erfüllt eine Sechsergruppe mutmaßlich Freischaffender, die sich aufreizend hochgestochen und geziert über Filme unterhalten, das Klischee vom Schwulenviertel, der Bahnsteig am Sendlinger Tor wimmelt von noblen gestylten Papiertragetaschen voller hochwertiger Beute, deren Besitzer jedoch alles andere als glücklich wirken – vielleicht schlägt ihnen das Wetter aufs Gemüt, es ist den ganzen Tag noch nicht hell geworden (und hier im Untergrund sowieso nicht). Kurze Zigarettenpause am Tor, wo sich auffallend viele Menschen verabreden, die gerne mehr wären als das, wofür sie sich halten (ein spontaner Eindruck, den ich nicht erklären kann), während drunten die Polizei ein paar Punkjugendliche und einen betrunkenen Ausländer provoziert.
Die Poccistraße ist der wohl deprimierendste U-Bahnhof der ganzen Stadt; wer hier einsteigt, hat offensichtlich eine demütigende Amtsbehandlung auf dem KVR hinter sich; wer aussteigt, tut das ebenfalls recht freudlos, wohl weil man weiß, was einen erwartet. Die innenstädtische Individualität der Winterkleidung nimmt Richtung Westen rapide ab, ebenso die Verständlichkeit der Durchsagen in der U6, dafür wechselt die Lektüre nun wieder zum breiteren Format mit den Riesenbuchstaben. Am Harras sitzt ein Rentnerehepaar, das nicht einsteigt und so wirkt, als säße es hier schon seit Jahren, so wie man früher vor dem Haus auf einer Bank saß.
Wieso gerade am Partnachplatz nur abgekämpfte Arbeiter und illusionslos deprimierte Arbeitslose (allesamt männlich) einsteigen, ist mir ein Rätsel, weil ich ehrlich gesagt gar nicht weiß, wo der Partnachplatz liegt – Sendling, na gut, vielleicht ist das Zufall. Die Station Westpark, grüngelb gekachelt wie ein altes Wienerwald-Klo, ist völlig leer, hier will auch niemand raus. Es sind sowieso nur noch acht Menschen im Abteil, von denen sechs in Holzapfelkreuth (noch so eine Toilette, diesmal mehr gelb) aussteigen, unter anderem ein Künstler mit Cellokoffer. Zurück bleiben ein Mann und eine Frau, beide klein und schwächlich wirkend, die Rücken an Rücken sitzen, bis er das bemerkt und ein paar Reihen weiter Platz nimmt. Am Haderner Stern, einer Scheußlichkeit aus Glasbausteinen, steigt die Frau aus, nun sind wir allein, der Mann sitzt mir schräg gegenüber und hält eine leere blaue Stofftasche. Wer oder was er ist, wage ich nicht zu vermuten, es ist absolut nicht zu erkennen.
In Großhadern wartet ein Riesenaufgebot von Menschen zwischen 18 und 35, die größtenteils ausländisch zumindest wirken, aber in die Stadt hineinwollen. An der Endstation Klinikum Großhadern fragt mich der kleine Mann mit norddeutschem Akzent nach dem Weg zum Krankenhaus; spontan denke ich, daß er seine Mutter besucht, die zum Sterben hier ist. Die Menschen, die hier auf die Rückfahrt in die Stadt warten, wirken so desillusioniert, daß ich ohne Aufenthalt sofort zurückfahre, wieder fast allein im Abteil, nur eine verträumte Schülerin fährt mit. Erst am Haderner Stern drei weitere Fahrgäste: ein junges Paar trägt einen Holzrahmen, der zu einem Kinderbett gehören könnte, ein Mann im Anorak schließt sofort nach dem Hinsetzen die Augen und schläft ein. Zwei ehemals Halbstarke, jetzt Ende vierzig und anscheinend Veteranen der Örtlichen Stehausschänke, springen in Holzapfelkreuth in letzter Sekunde lachend in den Zug, unterhalten sich lautstark darüber, daß sie noch Zigaretten besorgen müssen, und schweigen dann für den Rest der Fahrt. Insgesamt fahren auf der Westachse der U6 so wenige Menschen, daß die wenigen nicht zusammenzufassen sind, sieht man davon ab, daß sie offensichtlich finanziell weniger gut dastehen als die Richtung Norden, aber zufriedener aussehen als die Luxuskonsumenten am Sendlinger Tor.
Zweiter Abstecher in den Westen, diesmal mit der U3 von der Implerstraße, wo die Ruhe beim Warten besonders friedlich und geduldig wirkt. Die hochmodernen Anzeigetafeln, die in etwa so viel gekostet haben, wie die Angestellten der MVG derzeit vergeblich an Lohnerhöhung fordern, zeigen vier Minuten lang stur eine Minute Wartezeit an, aber die Menschen hier nehmen sie in ihrer Erschöpfung sowieso nicht wahr; ich stelle fest, daß ab 16 Uhr die Niedergeschlagenheit in den Gesichtern stark zunimmt; gegen 17 Uhr werden sie regelrecht griesgrämig, der Blick so leer, daß er nicht mal mehr die Werbetafeln über den Sitzen erfaßt, die wohl als eine Art Ersatzlandschaft gedacht sind. Zugleich wird es immer wärmer in der Bahn, in der an der Brudermühlstraße zumindest um diese Zeit niemand mehr unter 45 und über 65 ist. Klar: für einen Ausflug in den Tierpark ist es zu spät, zumal dienstags. In Thalkirchen leert sich der Wagen ein wenig, die Aussteigenden wirken noch am zufriedensten. In Obersendling, noch so einem schockierenden Atombunker, steigen die letzten einigermaßen Jungen aus, an der Forstenrieder Allee zwei neue ein, die offenbar aus akademischem Elternhaus kommen: Die Kleidung ist leger, aber teuer, ihr Auftreten selbstbewußt, sie sprechen über die Vorzüge aktueller Unterhaltungselektronikgeräte und mokieren sich über den französischen Akzent des Fahrers. Zweite Zigarettenpause in Fürstenried West, dessen soziale Struktur von der Forstenrieder Straße eindrucksvoll und unüberbrückbar geteilt wird: links trostlose Wohnblocks in Reih und Glied, rechts Ein- und Zweifamilienhäuser mit Gärtchen. Die Menschen, die hier aus- und einsteigen, bieten dafür ein überraschend homogenes Bild: Arm ist offenbar kaum jemand, richtig wohlhabend auch nicht. Es gibt geringfügige Unterschiede: Mütter mit Kinderwagen halten sich eher links, wo man auch die Treppen deutlich erschöpfter hinaufsteigt, während rechts das Haar der Frauen mittleren Alters kürzer und gefärbt ist und man lebenslustiger die nur hier angebotene Rolltreppe erklimmt.
Auf der Rückfahrt bleibt die Bahn fast leer, offenbar gibt es in dieser Gegend also auch kaum „Arbeitsmigranten“, vulgo Pendler, zumindest keine solchen, die jetzt, um halb sechs, schon Feierabend hätten. Dafür an der Aidenbachstraße: viele junge Frauen, einige ebenfalls junge Paare; alle wirken so, als stünden sie am Anfang einer unspektakulären, aber einigermaßen sicheren Karriere, dazu gut gekleidete Männer zwischen fünfzig und sechzig, mutmaßlich der Berufsgruppe zuzuordnen, die man einst Abteilungsleiter nannte und heute mit kryptischen englischen Phantasiewörtern verziert.
Die zuvor so virulente Niedergeschlagenheit ist auf der Rückfahrt viel geringer; man liest konzentriert, aber gelassen. An der Brudermühlstraße steigen die ersten Jugendlichen ein, die erkennbar auf dem Weg ins Nachtleben sind; überhaupt sinkt der Altersdurchschnitt von Station zu Station, selbst an der Poccistraße, die ein um diese Zeit überraschend begehrtes Ziel zu sein scheint, und am Goetheplatz, wo der weibliche Anteil der zusteigenden Menge vielleicht wegen der Kliniken in der Umgebung so hoch ist.
Am Odeonsplatz steige ich um in die U4 ostwärts. Hier ist der Ausländeranteil praktisch null, ebenso die Zahl der Übergewichtigen; wer im Lehel oder am Prinzregentenplatz aus- oder einsteigt, blickt streng bis hochmütig und macht sich wohl so seine Gedanken über die sinkende Leistungsbereitschaft in Deutschland. Klar: in Bogenhausen wohnen die Sieger des kapitalistischen Prozesses; der Bahnsteig an der Richard-Strauß-Straße stadtauswärts wirkt fast wie ein Zweitliga-Model-Wettbewerb (die erste Liga fährt Auto), und am Arabellapark weiß man um die eigene Bedeutung und muß sie nicht mehr zur Schau stellen. In diese Gegend zieht es auch die Kulturelite, die für einen Konzertabend mit leichter Hand das Monatseinkommen eines Hartz-IV-Beziehers ausgibt, aber in der U-Bahn logischerweise kaum vertreten ist. Und selbstverständlich gibt es „normale“ Menschen, die wie überall den Kontrast bilden und deren Anteil auf der Rückfahrt Richtung Innenstadt um diese Zeit naturgemäß wesentlich höher ist.
Dritte Zigarettenpause um sechs in einem stillgelegten Bushäusl an der Englschalkinger Straße, inzwischen ist es dunkel; der Laptop, auf dem ich schreibe, sorgt dafür, daß man mich nicht für einen Stadtstreicher hält, der hier noch unwillkommener wäre als in Milbertshofen oder Giesing. Dennoch ist der Blick derer, die von der U-Bahn direkt in eines der wartenden Taxis umsteigen, mißtrauisch. Auf der Rückfahrt sammelt die U4 bis zum Odeonsplatz die ein, die hier nur arbeiten und nicht wohnen; immerhin sind es Graphiker, Werbefachleute, Finanzmenschen, also solche, die zumindest hoffen dürfen, sich eines Tages im Lehel oder in Bogenhausen anzusiedeln. Es wird erstaunlich viel geredet, vor allem über Firmen und Kinder.
Die weitere Fahrt, dies aus Platzgründen kurz zusammengefaßt, führt in den fernen Westen, wo der Münchner Kleinbürger noch am traditionellsten kleinbürgerlich wirkt und manche Frauen sogar Kopftuch tragen (allerdings nur das klassisch deutsche Modell, gegen das erstaunlicherweise niemand etwas einzuwenden hat), dann in den noch ferneren Südosten – nach Neuperlach, wohin so viele Menschen unterwegs sind, daß der Begriff „Trabantenstadt“ mit der Vorstellung von Erde und Mond nicht recht in Einklang zu bringen ist. Dann geht es ein letztes Mal nach Süden (zum Mangfallplatz, wohin am frühen Abend niemand fährt, den man irgendwie für gegendtypisch halten könnte) und nach Norden, ins fast ebenso stark wie Neuperlach frequentierte Hasenbergl und weiter nach Feldmoching, das offenbar nur als Umsteigebahnhof zum Flughafen dient.
Dann ist es wirklich Abend, und inmitten vorglühender Jugendlicher auf dem Weg zu diesem oder jenem Amusement stelle ich fest: U-Bahnfahren ist ermüdend und deprimierend und kostet Kraft; obwohl man nur sitzt, ist man beim Ankommen erschöpft wie nach einem langen Arbeitstag. Na gut, aber U-Bahnen sind ja normalerweise nicht dafür gedacht, stundenlang herumzufahren, was ich als Freizeitbeschäftigung übrigens ganz und gar nicht empfehlen kann. Und: der größte Teil der Menschen, die U-Bahn fahren, verliert dabei das Gesicht, wird Teil einer formlosen Masse von 351 Millionen Beförderungen pro Jahr, aus der nur ganz wenige herausstechen, die dafür aber um so deutlicher.
Ein anderes Fazit (und einige Randbemerkungen): Während man als Radfahrer und selbst in der Trambahn auf dem Weg durch München stetige Veränderungen der Menschen, ihrer Kleidung und Ausstrahlung, aber auch von Landschaft, Architektur, Enge und Ferne, Ruhe und Lärm, Heiterkeit und Trauer erlebt, ist die U-Bahn tatsächlich ein großer Gleichmacher – hier fließt alles in eins, läßt sich die Ortlosigkeit der modernen Fortbewegung als Mischung aus Vertrautheit, Sicherheit und Öde erfahren. Die Zeit, die man in der U-Bahn verbringt, ist vielleicht nicht verloren, aber gelebt ist sie auch nicht. Die Welt der Unterschiede, der regionalen, lokalen, individuellen Zugehörigkeiten löst sich dort drunten im Tunnel auf, ist aufgehoben in einer Gemeinschaft der Leere, in der selbst die sozialen Trennlinien der Klassengesellschaft unscharf werden.
An einigen Haltestellen, etwa dem St.-Quirin-Platz am Rand von Giesing, versucht die Bahnhofsarchitektur wenigstens notdürftig die dort drunten mit dem da draußen zu verbinden, indem sie die umgebende Landschaft dem Blick öffnet; auf der oberirdischen Strecke der U6 nordwärts wird die Bahn zum Teil davon. Auch hier scheidet eine große, die Ingolstädter Straße die Wohnblocks rechts von den Siedlungshäuschen links; beide entfernen sich, bis endlich die Fröttmaninger Heide ein ganz neues Bild von Weite und Stadtferne bietet, allerdings ge- oder zerstört vom Tosen der Autobahn, dem schrecklichen Anblick der müllcontainerartigen Panzerwiesensiedlung und der wie ein Wahrzeichen gigantischer Vergänglichkeit über allem thronenden, unübersehbaren Arena-Kloschüssel.
Am nordwestlichen Ende, am Olympia-Einkaufszentrum, aber auch in Neuperlach West, zeigt sich schließlich, was die U-Bahn auch ist: Münchens größte Wärmestube, in der vor allem Jugendliche sich treffen, um in unmittelbarer Nähe unterirdischer Konsumtempel sozusagen in der Aura und im Prestige der dort erhältlichen, aber für sie unerschwinglichen Produkte zu baden und das zu tun, was sie ehemals auf öffentlichen oder Sportplätzen und in Freizeitstätten taten: ihren Platz in der Welt suchen, ohne pädagogisches Gebimse. Man möchte ihnen spontan predigen, doch hinauszugehen in die tagsüber impertinent strahlende Herbstsonne; aber zugegeben: Die Hanauer Straße ist für Kinder in keiner Hinsicht ein geeigneter Lebensraum, und Neuperlach auch nicht. Das ist vielleicht der größte Nachteil regelmäßigen U-Bahn-Fahrens: Man vergißt, daß es irgendwo da oben eine Stadt gibt, und läßt sie entsprechend verwahrlosen.
Oh, und das bemerke ich erst jetzt: Auf der ganzen Fahrt bin ich nicht ein einziges Mal kontrolliert worden.

geschrieben im November 2010 für das Magazin BISS, dort stark gekürzt erschienen