Montag, 18. April 2016

Belästigungen 07/2016: Müßige Gedanken bei der Betrachtung einer Art Hochleistungsschwimmhalle ohne Dach und Becken

Man kann nichts mitnehmen. Das ist die Grundeinsicht des menschlichen Lebens, und wie alle Einsichten, Erkenntnisse und rettenden Ideen kommt sie so gut wie immer zu spät. Drum irrt der Mensch durch die ihm zugeteilte Lebenszeit und kriegt nichts davon mit, weil er wie irr schaffen und raffen muß, und am Ende macht es dann Zupp!, und er ist weg, aber das Zeug bleibt da.
Ich komme da jetzt nicht wegen Guido Westerwelle drauf, dem man ein möglichst langes Leben mit möglicherweise irgendwann eintretender Einsicht oder gar Weisheit gewünscht hätte, statt daß er hinfort muß und der Irrsinn, den er angerichtet hat, noch Generationen von Menschen auf den Schultern hängt wie ein Bleirucksack. Noch nicht mal wegen Lothar Späth, dem die Erkenntnis des Zuspätkommens jeglicher Einsicht gnädigerweise dank Demenz erspart blieb, weil sie geholfen ja ohnehin nicht mehr hätte. Sie mögen in Frieden ruhen, am besten in einem Dreibettzimmer mit Lemmy Kilmister, einer der ganz wenigen Ausnahmen: Was der in seinem Leben so zusammengedampfplaudert und -gedröhnt hat, mag streng betrachtet überwiegend ein Riesenschmarrn sein, aber nett ist es doch, daß er den Krampf nicht einsammeln, in einen Koffer packen und mitnehmen konnte, weil an Schmarrn herrscht auf diesem Planeten immer mehr Bedarf als gedeckt werden kann.
Nein, komischerweise ist mir das mit dem Mitnehmen neulich ein- oder vielmehr aufgefallen, als ich durch Schwabing spaziert bin, über den Wedekindplatz. Der war früher mal ein ziemlich wild gewachsener, beschaulich unaufgeräumter und oft richtig lustiger Ort, wo sich Menschen, die nichts zu tun hatten, zufällig trafen und versammelten, um Blödsinn zu erzeugen und auszutauschen und insgesamt eine Gaudi zu haben oder auch bloß müßig auf einem Bankerl oder am Straßenrand zu sitzen und anderen beim Gaudihaben zuzuschauen.
Dann aber kam eine Bagage daher, die mindestens aus einem profitsüchtigen Spekulanten, einem von seiner unbremsbaren Gestaltungsmacht besoffenen Stadtplaner (möglicherweise in Personalunion) und einem traditionell brumpfigen Bauunternehmer (vermutlich mit ebenfalls mindestens monetär schwippschwägerlichen Verschweißungen zum Rest der Besetzung) bestand. Das geht selten gut aus, weil derlei Leute, wenn sie einen solchen Platz betrachten, nichts sehen von dessen zivilisationsnatürlicher Gewachsenheit und gaudimäßiger Bedeutung, sondern lediglich zwei „Gedanken“ haben: „Sakrament, aus diesem windigen Viertel läßt sich mit ein bisserl Investition, Beton und Fassadenfaschismus ganz schön was rausleiern!“ und „Das leiern wir raus, und dann nehmen wir es mit!“
Und schon wurde gerissen, gesprengt, gebrochen, gebohrt, gehackt und planiert, daß es eine Art hatte. Und zwar möglichst chaotisch, durcheinander und langwierig, weil bei allzu hurtigen Baumaßnahmen die Gefahr besteht, daß sich die Menschen hinterher noch erinnern, wie es vorher war, und dann spüren sie am Ende einen Phantomschmerz dort, wo früher die Gaudi war, und begehren vielleicht sogar auf, weil sie dem Irrglauben verfallen, die Welt, die sich die anderen angeeignet haben, gehöre irgendwie doch auch ihnen. Nein, die müssen schon so richtig weggegrault werden, und ihre Nester, wo sie sich im unregierbaren Bierdampf berauschen, die kriegt man nebenbei mit etwas Glück auch gleich trockengelegt und kann sie in schmucke Latte-Automaten für zugezogene Hipsterdarsteller verwandeln, von deren (von den Elterngenerationen logischerweise nicht mitgenommenem) Millionenerbe man dann ebenfalls noch was abzapfen darf.
Jetzt also: ist der Platz zu einer Art Hochleistungsschwimmhalle ohne Dach und Becken oder (je nach Blickrichtung) zum Open-air-Äquivalent eines besonders sterilen Parkhauses (ohne Parkplatz) kastriert, mit dem man nichts mehr anfangen kann als eilig zwischen den herumdröhnenden SUV-Panzern hindurchzufetzen und hilflos nach einem Ersatzort zu suchen, wohin man sich flüchten kann. Und die Verwüster hängen am Ende an ihren Schläuchen auf der Palliativstation und müssen einsehen, daß sie den angerafften Kapitalhaufen eben doch nicht mitnehmen können.
Den versucht der Nachwuchs dann per Latte macchiato und Porschemaschinen in Distinktion umzusaldieren, bis er irgendwann merkt, daß ein Leben aus dem Geld nicht herauszudestillieren ist und man es deswegen besser ansammelt, damit es mehr wird und man es am Ende mitnehmen kann.
Man möchte meinen, es wäre ein Leichtes, den unheilvollen und letztlich irgendwann gesamtfatalen Wahnsinn aufzuhalten. Da bräuchte man doch bloß einen Staat gründen, der dafür sorgt, daß es gar nicht erst zur Anhäufung solcher Haufen kommt, die dann ihre hirn- und weltzersetzende Wirkung entfalten, um sich weiter aufzuplustern. Zum Beispiel mit einer lustigen Erfindung namens Steuern. Aber leider ist es in Deutschland traditionell verboten, Profit und Vermögen zu besteuern, weil die sonst zürnen und den Staat einfach wieder abschaffen oder ihn wenigstens in einen Krieg hineinschmettern, daß ihm Hören, Sehen und Besteuern garantiert vergeht.
Und so geht der Wahnsinn weiterhin im Kreis herum, Generation um Generation, die Haufen blähen sich auf, und während sie das tun und es im Kreis herumgeht und alle wie die Irren schaffen und raffen und betonieren, denkt niemand daran, daß man außer dem Mammon vor allem eines nicht mitnehmen kann, was einem nicht erst am Ende abgeht (da allerdings dann auch), sondern (meistens ohne daß man es merkt) jeden Tag und jede Stunde: die Lebenszeit, die man in Lebensfreude umwechseln kann. Oder gekonnt hätte, wenn man nicht zu spät – kurz bevor es Zupp! macht – gemerkt hätte, daß der Vorrat begrenzt ist und es keine Tankstelle zum Nachfüllen gibt.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Frisch gepreßt #363: White Denim "Stiff"


Immer wenn der Schnee schmilzt, der Matsch verfließt in der milde lächelnden Frühlingssonne, erstehen vergessene Vergangenheiten wieder auf, in Form von Gegenständen und Gefühlen, aber auch als Lebenszusammenhang. Das ist nicht einfach bloß jahreszeitlich zu verstehen, sondern auch metaphorisch.
Zum Beispiel die elektrisch verstärkte Gitarre. Wie oft war man versucht, zu denken: Ach ja, gab es mal, waren lustige Zeiten, aber jetzt sind und herrschen andere, da muß man sich anpassen und das so nehmen und die kulturellen Fühler und Fühligkeiten entsprechend ausrichten. Aber heißa!, dann schmilzt der Schnee der letzten Moden, und plötzlich steht sie wieder er-, auf und da, und es fetzt und dröhnt ein unwiderstehlicher Knaller wie „Had To Know (Personal)“ oder „Mirrored In Reverse“ aus den Boxen, und plötzlich ist wieder 1975. Und zwar ein 1975, das nie war, auch wenn die Namen, Bilder und Erinnerungen nur so hageln aus dem jahreszeitlich unabhängigen Frühlingshimmel.
White Denim ist ein schönes Bild: ein weißes Stück Stoff, auf das man malen kann, was man mag und was einem in den Sinn kommt. Blumenblüten, Blutstropfen, Liebesweh, Regennachmittage, eine Landschaft ohne Zeit und Bewegung, das Toben einer Stadt, die sich ekstatisch in ihrem eigenen Lärm suhlt. Wichtig ist: einzusehen, daß es nichts schon gab, sich nichts wiederholt, nichts schon da war. Das sind nur Anwandlungen, die aus dem menschlichen Grundbedürfnis erwachsen, Dinge und Gefühle zu identifizieren. Liebe, Freude, Lust und Wut, Trauer, Sehnsucht, Begeisterung gibt es immer nur dann, wenn man sie spürt, und mit irgendeinem Moment, da man ähnliches schon mal gespürt zu haben glaubt, hat das nichts zu tun.
Drum ist es ein Riesenblödsinn, der Band White Denim zu attestieren, sie sei „retro“, obwohl das stimmen mag. Diese euphorisch packenden, die Eingeweide erschütternden Gitarrenriffs und unberechenbaren, gleichzeitig sparsamen wie essentiellen Solos, diese mal selbstvergessen frohlockende(n), mal saftig-soulig röhrende(n) Stimme(n), die zum Fäusterecken und den seltsamsten Körperverrenkungen und kaum erklärlichen „Yeah!“-Ausstoßungen animierenden Rhythmen und rhythmischen Verschiebungen (am schönsten vielleicht im finalen „Thank You“) mag man irgendwann mal gehört zu haben glauben, aber da kann man noch so tief im Plattenschrank und im Kollektivgedächtnis wühlen, man findet immer nur Annäherungen, die man mit einem überraschten „Nein, huch, das war ja doch ganz anders“ wieder verwirft. So geht Erinnerung: Das Neue formt die Vergangenheit, aus der es logischerweise kommt, in der es aber keine Wohnung mehr hat.
Es klingt paradox, ist aber einfach wahr: White Denim, vier relativ junge Männer aus dem texanischen Austin, erfinden die Rockmusik vollkommen neu. Und ja: in den neun Songs auf ihrem siebten Album gibt es buchstäblich tausende von Momenten, wo man mit leuchtenden Augen denkt: „O ja! Das ist doch ...“ Dieses Verwirrspiel beschränkt sich auf die siebziger Jahre, auf die Zeit und die Welt zwischen Slade und REO Speedwagon, Deep Purple und Free, Montrose und Vinegar Joe, Silverhead und Soft Machine, Wishbone Ash und Mott The Hoople, Sharks und Terry Reid, Commodores und Led Zeppelin, Traffic und Nazareth; und wer die Hälfte dieser Namen noch nie gehört hat, der hat ein Riesenglück: Er kriegt eine ganze Epoche auf einem Album, und zwar nur die guten, die großen, die anrührenden und mitreißenden Momente, zusammengerührt zu einem überschäumenden Hexenkessel der Ideen ohne eine fade Zehntelsekunde.
Wir anderen: sind begeistert, ganz einfach. Da ist er, der Frühling, mit dem man nie rechnet und der doch einfach kommt, immer wieder und nie mehr so.

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Mittwoch, 13. April 2016

Frisch gepreßt #362: Bumillo „Veit Club LP“


Eine Kurzeinführung in Charakter und Ursprung der mitteleuropäischen Kultur kommt nicht um eine zentrale Tatsache herum, gegossen in den ewiggültigen Merksatz: Eine Kneipe ist eine Kneipe (vulgo localo: Boazn). „Dann bestellen wir beim Kellner ein Bier und saufen so lang, bis was Lustiges passiert, und dann erzählen wir uns selber, wie wir dabei waren, als was Lustiges passiert ist“ könnte als Quintessenzregel und Summenformel der Weltfunktion das Leben als solches treffender beschreiben als Hekatomben unverstandener Ergründungsliteratur. Und freilich auch dieses Album, das hierfür stellvertretend steht, indem es sozusagen sich selbst gebiert – und keineswegs gebärt, weil der Bär in diesem urko(s)mischen Urmechanismus nichts verloren hat, das Bier sehr wohl.
„So ward durch den Glauben der Trank geheiligt, und heilig war auch der Gastfreund, der an dem Tische des Hausherrn den Becher leerte.“ (Max Bauer, Der deutsche Durst, Berlin-West/Leipzig 1903) - „Gott schenkt nicht jedem Land den Wachstum derer Reben / Woraus der Menschenfleiß den edlen Wein erpreßt / Doch weil er anderwärts die Gerste wachsen läßt / So weiß des Menschen Kunst uns daraus Bier zu geben.“ (Theodor Schöpfer, Traktat vom Bierbraurecht, o. O. 1732) – Schon zu Zeiten indes, als man in ärlich-erbärmlicher Unkenntnis der Hopfendolde und ihrer segensreichen Wunderwirkung hierzulande Eichenrinde, Wacholderbeeren, Birkenblätter, bittere Wurzeln und Nesselstengel in den zum Trunk geheiligten Urquell des Lebens und der Narretei hineinsott, ragte einer an Bedeutung und Macht über Kaiser, König und Truchseß hinaus: der Wirt, nach dem folglich auch das späterhin zum „Gasthaus“ selbstentwürdigte, recte aber Wirtshaus zu nennende Lokal benannt ist, in dem und um das sich alles dreht, solange sich alles dreht.
Nennen wir ihn Veit, nennen wir es einen Club, schließlich ist wie der Witz auch der Kalauer als Sonderform nur in der Welt, weil und solange man trinkt. Nennen wir in diesem Sinne das Genre, das hier seine Erstehung aus dem Zapfhahn und sich selbst inszeniert und zelebriert: Kabarap, und fügen wir für die Anhänger hin und wieder florierender Mäßigungsinitiativen hinzu, daß man sich freilich dann und wann ein „Ma“ vor den Begriff und den Kaba als solchen denken kann, wenn vorabendliche Exzesse es nötig machen, „Den ganzn Dog im Schlafanzug“ zu verbringen.
Es ist ja mit dem unmittelbaren Umkreis von Tresen, Faß und Krug bei weitem nicht alles abgedeckt, was der umtriebig sprudelnde Geist von Meister Bumillo aus dem Sud seiner infibierten Gedankenläufe herausdestilliert und mit Unterstützung des Beatarchitekten Dammerl sowie einer denkbar weitläufigen Gästeliste (Zwoa Bier, Christoph Theussl, Sauerkirsch und aber auch Horst Seehofer) in die Welt gestellt hat als Monument von Sinn und Unsinn des Wesens im – nun ja: weiteren Umkreis von Tresen, Faß und Krug. In der „Geldstadt mit Scherz“, der, wer möchte widersprechen: „Vorstufe zum Paradies“.
Dabei sein, wenn man sich erzählt, wie man sich erzählt, wie etwas Lustiges passiert, eben. Das ist es: Zehn Tracks, zehn Lieder, zehnmal Weisheit und Dummheit in unverbrüchlicher Fusionseinheit – dabei eine einzige Geschichte, ein Spiegel des Lebens, ein aus sich selbst entspringender, Geist und Gemüt erquickender Wasserfall der Worte, eine (wie sollte man es treffender sagen als es sich selbst sagen zu lassen?) „Frischluftwatschn“, die den Frühling einläutet, begleitet, illustriert, vertont und auf den Punk bringt.

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Montag, 11. April 2016

Belästigungen 6/2016: Ich werde jetzt zur Abwechslung auch mal was wohl noch sagen dürfen!

Wenn man sich in Deutschland ein bißchen umschaut, könnte man glatt Mitleid bekommen. Da leben ein paar dutzend Millionen Menschen, die brav ihre Arbeit tun und redlich ihr Brot brechen, die Kinder nähren, das Haus in Ordnung halten und die Kehrwoche achten. Und dann kommt eine wildgewordene Bande von ein paar unverbesserlich gutmenschlichen Weltverbessererlinken daher und möchte sie mundtot und zur Unperson machen, indem sie ihnen verbietet, ihr Grundrecht auf freiheitlich-demokratische Meinungsausstoßung auszuüben und zu sagen, was Sache ist.
Zum Beispiel daß der Ausländer nicht ins Inland hineingehört. Daß beim Hitler nicht alles schlecht und manches sogar ganz gut war, außer dem Krieg, an dem aber nicht nur er schuld war. Daß der Neger von Natur aus alles rammelt, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Daß der Araber aus jeder Handtasche alles herausreißt, was man nicht festkettet, und uns dann noch sein viel zu teures Benzin verkaufen und in jeden deutschen Weiler Minarette hineinstellen möchte, um mitten in der Nacht darauf herumzuklettern und mit Muezzingesängen die christliche Abendandacht zu stören. Daß der Jude seit Jahrhunderten mit Zinswucher und Bankenmacht das Abendland aussaugt und so mächtig ist, daß ihn nur noch ein neuer Hitler aufhalten kann. Daß es nun mal so ist, daß die Menschenrassen nicht gleich schlau und tüchtig und tapfer sind, sondern je südlicher, desto fauleres und feigeres Kroppzeug. Und sowieso daß sämtliche Politiker ein korruptes Pack sind, das nur seine Diäten im Sinne hat. Und so weiter. Und vor allem daß man all das auf keinen Fall sagen darf, weil sonst die linke PC-Gesinnungspolizei daherkommt. Schon gar nicht darf man es fischerchormäßig grölen auf täglichen Großaufmärschen, bei denen auch mal ein kleines Feuerchen das Mütchen wärmt, und in Millionenbestsellern und in jeder Talkshow im Fernsehhauptabendprogramm und überhaupt.
In der Tat: schlimm, schluchz. Aber die Polemik mal beiseite: Unbestreitbar ist, daß die öffentliche Meinung in Deutschland und insbesondere die öffentliche Meinung der Meinungsführer in den letzten circa zwanzig Jahren mit stetig wachsender Dynamik und zunehmendem Schwung eine nationalvölkische, pseudokonservativ-reaktionäre, in der Mehrheit rassistische und in pionierischen Teilbereichen offen faschistische Richtung eingeschlagen hat, bei der man sich Woche für Woche wundert, daß rechts vom Tenor der Vorwoche und der gerade noch für final gehaltenen Scham- und Wahngrenze offenbar doch immer noch Platz ist.
Diese üble Devolution scheint einer gewissen Logik zu folgen. Schließlich ist vor gut fünfzig Jahren eine meistenteils studentische und mittelschichtige Masse ebenfalls recht bewußtlos in die vermeintliche Gegenrichtung geströmt und fand sich am Ende in zersplitterten Zellen hunderter K-Gruppen wieder, im Mao-Anzug und mit belferndem Geschwätz auf den Lippen, beziehungsweise in Seuchenherden von WG-Küchen die Versetzung des öffentlichen Trinkwassers mit LSD diskutierend und Pläne für den nächsten Nepaltrip schmiedend. Scheint doch irgendwie zwangsläufig, daß das gesellschaftliche Weltanschauungspendel dann mal wieder in die Gegenrichtung ausschlägt, oder?
Der Unterschied ist, daß die sogenannten 68er in der millionenfachen Mordwirtschaft der Generation ihrer Eltern und Großeltern, in deren nach wie vor tobendem „Sollte man vergasen! Hätt’s beim Führer nicht gegeben!“-Furor des Verdrängens und Vertuschens und der Vehemenz, mit der sie gegen den harmlosen Karneval der Hippies vorging, durchaus plausible Gründe fanden, den Laden auf den Kopf zu stellen und mal gründlich auszumisten. Von vergleichbaren Greueltaten des heterogenen Haufens von Gammlern, Haschrebellen, Esoschwärmern und Möchtegern-Rotgardisten ist hingegen nichts bekannt – es sei denn, man wollte der Kommune 1 und Rudi Dutschke die Verantwortung für Pol Pot und die chinesische Kulturrevolution anlasten. Aber so weit würde wohl nicht mal Akif Pirinçci gehen.
So oder so: dürfen die Rechtslautsprecher ohne Zweifel in meinungsbefreiten Zeiten sagen, was sie zu sagen haben. Einen Furz soll man nicht zu lange unterdrücken, sonst wird aus der Blähung eine Kolik. Man könnte allerdings einwenden, daß wir den Quatsch mittlerweile zur Genüge vernommen haben, daß die einschlägigen Bestseller die Müllhalden füllen und daß es daneben noch ein paar andere Dinge gäbe, die man auch sagen könnte und die aber niemand sagt. Dann sage halt ich jetzt mal ein paar davon.
So wird man etwa ja wohl noch sagen dürfen, daß die Armen nichts dafür können, daß sie arm sind, die Reichen hingegen schon. Man wird ja wohl noch sagen dürfen, daß die Armen auch nichts dagegen tun können. Oder fast nichts, was nicht verboten ist.
Man wird ja wohl noch darauf hinweisen dürfen, daß es im Gegensatz zu Hunderassen keine Menschenrassen gibt. Man wird ja wohl noch sagen dürfen, daß „Flüchtling“ im Gegensatz zu Bäcker, Spekulant, Taschendieb, Künstler, Schreiner, Taxifahrer, Bettler, Schwimmlehrer, Aktienhändler, Gärtner und Zahnarzt keine Berufs- und im Gegensatz zu Münchner, Waliser, Tiroler, Texaner, Athener oder Chinese auch keine Herkunftsbezeichnung ist. Man wird ja wohl noch erwähnen dürfen, daß ein rassistischer Berliner Buchautor ebenso schnell zum Flüchtling werden kann wie ein pazifistischer syrischer Buchhändler. Und umgekehrt, im einzelnen.
Man wird wohl noch sagen dürfen, daß der eine nur das haben kann, was der andere nicht hat. Daß dadurch, daß aus viel immer mehr und aus wenig immer weniger wird, Reichtum und Armut entstehen und daß weder Reichtum noch Armut per se glücklich macht, wird man ja wohl noch erwähnen dürfen. Man wird außerdem wohl noch sagen dürfen, daß es ohne Reichtum keine Armut gibt, ohne Armut keinen Reichtum und ohne beides eine schöne Welt voll glücklicher Menschen.
Und man wird ja wohl noch sagen dürfen, daß all das, was die tobenden Horden der besorgten Deutschen bejammern und anprangern und worauf sich ihr Haß und ihre Gewalt richten, ziemlich einfache und ziemlich konkrete Gründe hat, von denen sie selbst, ihr Lebensstil, ihre Dummheit, ihr Mitmachen beim verbrecherischen Treiben des kapitalistischen Prozesses aus reiner Gier, Bequemlichkeit und purem Opportunismus nicht der kleinste und bei weitem nicht der unwichtigste sind.

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Frisch gepreßt #361: The 1975 "I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware“


Der Traum ist die Bibliothek der Erinnerungen; allerdings gelten dort äußerst eigentümliche, anderweltliche Naturgesetze: Bücher, Blätter, Pergamente und Schriftrollen stehen nicht etwa einer Ordnung von Ordnungen folgenden Ordnung gemäß in Regalen und Schränken, sondern treiben in verschlungenen Choreographien durch den Raum. Körperlose Wächter in Schleiern schweben schweigend, Kannen in den unsichtbaren Händen, aus denen sie Licht gießen, das erst zu strahlen beginnt, wo es Geschriebenes trifft und die urgeheimen Zeichen zu Schrift wandelt, die sich dem inneren Auge erschließt.
Greif ein Blatt, es trägt die Signatur eines in den Mahlströmen der Ewigkeiten versunkenen Jahres: 28. Februar 1975, in kindlicher Handschrift (Bleistift) der Vermerk „Ich ließ das Wohnzimmerlicht brennen.“ Dazu Bilder weicher Landschaften, in Pastelltönen (grün bis goldbraun) flirrend, durch die verschwimmende Gestalten flanieren, durchweht von Klang, der späteren Ohren exotisch scheint in der Eitelkeit seiner Gegenwärtigkeit. Versink in der Wärme. „Please Be Naked“.
Ach, der Winterschlaf; er endet mit dem Glitzern der verfrühten Frühlingssonne in den Schneeresten und vollkommen anderen Klängen, die gleichwohl eine ähnliche Signatur tragen („1 June, The 1975“, gefunden in einem verkritzelten Jack-Kerouac-Taschenbuch – ein schöner Mythos für den Ursprung eines Bandnamens). Die verschwimmenden Gestalten materialisieren zu vier jungen Männern, und wenn „Please Be Naked“ (Track 7, die Hand des Zufalls) verklungen ist, stürmt die Gegenwart heran: ein Puzzle aus Scherben ungelebter, leichthändig aus dem Fundus gezupfter Erinnerungen auch sie. Die frühen Primal Scream und My Bloody Valentine tauchen durch die metallische Lava von „Lostmyhead“, der ersten Hälfte des zentralen Doppelpacks, aus dessen zweitem Teil („The Ballad Of Me And My Brain“) durchsichtige Bilder von INXS und Duran Duran erstehen.
Dazwischen hüpfen disparate Figuren von solcher Vielfalt herum, daß die Orientierung schwer fällt: Prince und Michael Jackson in Autotune- und Telephonfilterverfremdung, Talking Heads auf brodelndem Asphalt, der 80er-Robert-Palmer im schimmernden Cabrio, Depeche Mode in stählernen Neonfabriken, Brian Eno, Scritti Politti, Hall & Oates; der melancholische Sperrstundensynthpop der mittleren 80er („Somebody Else“) versöhnt sich blind betrunken mit dem Plastiksex der Foals, Spandau Ballet tanzen in kühlem Trockeneisnebel in schweißfrei knitternden Rüschenhemden mit David Bowies diamantenen Kötern. Die Texte verschlingen genialische Straßenpoesie mit niederem Blödsinn; der Weltversöhnungs-Hip-Hop der 90er badet in New-Wave-Verfremdung und Gospel-Seligkeit, aus dem Titelsong perlt die romantische Motorik von Cluster und Harmonia und die Elektro-House-Monotonie der Nuller, zerfließt in Dream Pop und knalligem Supermarkt-Boygroup-Funk, und am Ende verglimmt ein gemütliches Lagerfeuer, zu dem Lo-Fi-Akustiksaiten und eine einsame Kassettenrekorderstimme sanft schwingen, während die Morgensonne über die Hügel klettert.
Die vier jungen Männer „selbst“ haben sich derweil im 74 Minuten währenden Blizzard der Anspielungen, Verkörperungen, Reminiszenzen, Re-enactments buchstäblich aufgelöst, sind zu Spiegelungen geworden, zu körperlosen Wächtern in Schleiern, die aus Kannen Licht auf vergessene Chiffren gießen und sie zu Schrift wandeln, die sich dem inneren Auge erschließt.
Sänger Matt Healy entstammt übrigens einer Schauspielerfamilie und lebt in Manchester. Wer hätt’s geahnt? Und seine Ansprüche sind durchaus unzeitgemäß: „Can we stop talking about nothingness? No one’s asking you to inspire a revolution, but inspire something!“ Möglich ist vieles. Und wir: lassen derweil das Wohnzimmerlicht brennen.

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Samstag, 9. April 2016

Frisch gepreßt #360: Jochen Distelmeyer „Songs From The Bottom Vol. 1“


Provisorischer Lexikoneintrag: Jochen Distelmeyer, 1967 in einer Stadt geboren, die es vermutlich gibt (Bielefeld), fing recht spät als „Bienenjäger“ an, sich musikalisch zu szenieren. Gründete als Zivi in Hamburg die Band Blumfeld, deren schroffkantiges Debüt „Ich-Maschine“ eine der wichtigsten deutschen Hipsterplatten (d. h. viel diskutiert, kaum gehört) der 90er wurde. Schuf 1994 mit „L'Etat Et Moi“ durch die Verarbeitung britischer Indiepopmusik (Wedding Present et al.), aber auch von Einflüssen aus der frühen NdW (etwa des notorischen Düsseldorfer KFC) und genialisch-subjektive textliche Hackstückverdichtung ein Meisterwerk von ungeheurer Schönheit und wundervoller Kraft. Verpulverte danach mit immerhin (oder: zu allem Überfluß) unironischem Schlagerpop seine musikalische Relevanz, wurde zum Türhoch- und Torweitmacher für Kirchentags-Grützbeutel wie Tomte.
Löste die Band 2007 auf, leitete damit ihre Akademisierung ein und wurde Solokünstler. Mußte nun allerdings selbst für Bezeichnungen wie „Deutschlands untypischster Popstar“ sorgen, schrieb nach dem außerhalb der Gewerkschaft der Berufshipster kaum beachteten Album „Heavy“ einen schlaffen Roman und erregte Ende 2015 mit der Ankündigung einer Platte mit Coverversionen u. a. von Britney Spears entzücktes Entsetzen in den erwähnten Kreisen. To be continued bei Gelegenheit.
Und ja, es sind Sachen drauf auf dem Album, die geradezu ein Transparent vor sich hertragen, auf dem in Riesenlettern „Peinlich! Billige Provokation!“ steht. Aber schon der allererste Eindruck ist ein komplett anderer, und er ist bleibend: Joni Mitchells „Just Like This Train“ verstrahlt eine derart überwältigende, samtige, absolut klassische Schönheit, Eleganz und Perfektion, daß sämtliche Bedenken – auch wegen der selbstverständlich fehlenden Selbst- oder Irgendwie-Ironie – verfliegen wie winterlicher Atemdunst in der Frühsommersonne. Da greift man zum Kopfhörer, um festzustellen, daß Distelmeyer tatsächlich nicht nur ein guter, ein großer Gitarrist (geworden) ist, sondern auch ein „echter“ Sänger, der stellenweise (etwa in Pete Seegers antikem Schmachtfetzen „Turn Turn Turn“) so richtig Seele, Timbre und sinnliche Dringlichkeit/Überzeugungskraft entwickelt.
Beim zweiten Hören entdeckt man Nuancen, Tiefen und Untiefen der Songs: Britney Spears' „Toxic“ wird unter der glatten Oberfläche geradezu jazzig, ohne seine aufreizende Synthetizität zu verlieren. Nick Lowes „I Read A Lot“ verstrahlt fast so viel ernüchterte, gelassene Trauer wie das Original, während „Pyramid Song“ (Radiohead) zwar billiger Kitsch bleibt, aber in klanglicher und atmosphärischer Souveränität und Stimmigkeit die Vorlage weit übertrifft. Al Greens „Let's Stay Together“ muß man weiterhin mögen, um es mögen zu können, aber der Hauch von Bossa nova und die (etwas ungeschickt und grob hineingesampelten) Zwitschervögel verleihen dem Everschnulz erfreuliche Leichtigkeit. Bei Aztec Camera, Kris Kristofferson und Ivor Cutler hätte man viel falschmachen können, die unendlich dröge „Bittersweet Symphony“ von The Verve kann Distelmeyer immerhin versöhnend entlarven und rührende bis bewegende Momente daraus hervorkitzeln, die damals in den Lawinen von Geräusch und Hall ertranken.
Daß hingegen aus „I Could Be The One“ von der trällernden Hot-Dog-Semmel Avicii ein bescheiden grandioses, zauberhaft melancholisches Dreiviertelinstrumental zu destillieren sein könnte, hätte sicherlich niemand vermutet. Und selbst der singende Fön Lana del Rey und ihre klanggewordene Plastiktüte „Video Games“ entfaltet in Distelmeyers analog-akustischer Interpretation einen eigentümlichen Reiz.
Was man auf diesem strom- und trommelschlagfreien Album vergeblich sucht, ist ein einziger Fehler, Makel, Ausfall, ungeschickter Bruch, unschöner Moment, ein Augenblick der belanglosen Nachsingerei. Manches darauf vergißt man schnell wieder (kann es aber jederzeit mit Genuß erneut hören), manches gräbt sich so tief ein, daß man damit vielleicht für alle Zeiten den Februar 2016 verbinden und auch ihn nie mehr vergessen wird. Es ist – und ich gestehe: das erstaunt mich bis in die Haarspitzen und Zehennägel – mehr als eine Überraschung, mehr als das beste Distelmeyer-Album seit 1994: eine Sensation, möglicherweise ein echter Klassiker.

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Freitag, 8. April 2016

Belästigungen 05/2016: Hundert Jahre Horror - im Banne des K-Worts

Ich weiß ein lustiges Spielchen: Man setze sich in eine beliebige „aktuelle“ Diskussion hinein („aktuell“ heißt: es geht um das, was einem die Führungsmedien derzeit als „Themen“ verkaufen wollen, also je nach Stand der „Informiertheit“ Flüchtlinge, Syrien, Ukraine, Griechenland, Putin … das ist weitgehend egal, weil sowieso im wesentlichen immer das gleiche) …
Klammer zu, guten Morgen, noch mal von vorn. Also: Man setze sich in eine beliebige Diskussion über aktuelle „Themen“ hinein und schaue erst mal freundlich. Wenn sich ein günstiger Moment ergibt – also wenn zum Beispiel alle grad kurz erschöpft sind vom Pingpongspiel der „Argumente“, Schlagwörter und gegenseitigen Relativierungen (Clausnitz! – Köln! – Österreich! – Stacheldraht! – Seehofer! – Bautzen! etc. pp.), – wirft man einfach mal so den Begriff „Kommunismus“ hinein.
Das Ergebnis ist meistens höchst erstaunlich: Vom knochenköpfigen Grölnazi über den biederen Mahnkerzenkatholiken bis hin zum krempelärmeligen Sozialfaschisten bilden plötzlich alle eine spontane Einheitsfront. Das, so tönt es, gehe zu weit, sei jenseits alles Sagbaren, ein Unding im wahrsten Sinne, per se und je indiskutabel, nicht mal andenkbar, absolut tabu und pillepalle. Fragt man doch mal nach, läßt sich die empörte Replik kurz zusammenfassen: Kaiser Wilhelm, Industriesklaverei, Ausbeutung, Flucht und Elend, Weltkrieg, KZ und Völkermord, Atombomben, Umweltzerstörung, millionenfacher Hungertod … was auch immer zwischen Verdun, Auschwitz, Stalingrad, Hiroshima, Korea, Vietnam, Afrika, Afghanistan und Syrien passiert ist, war halb so schlimm und im Grunde sowieso nur eine völlig legitime Reaktion auf die größte, wildeste und düsterste Bedrohung, die der Menschheit je erwachsen ist. Und war nicht der Hitler genau genommen auch Kommunist?
Schon komisch. Man möchte meinen, neunzig Prozent der Deutschen unserer und der letzten zehn Generationen hätten den größten Teil ihres Lebens in Stalins Gulags zugebracht. Am erstaunlichsten ist: Obwohl es einen Kommunismus (wenn wir eineinhalb Jahrtausende Klosterleben mal ausblenden) noch nie gab, ist es absolut verboten, sich zu fragen, was das sein, bedeuten und werden könnte. Kein Zweifel: Die alles überwölbende, durchdringende, gestaltende und befeuernde Ideologie (mindestens) der letzten hundert Jahre ist der Antikommunismus. Und wer glaubt, das sei eine natürliche Folge dessen, was Stalin, Mao und andere dazumal im Namen des Begriffs angerichtet haben, der muß sich schon fragen lassen, wieso der Deutsche den Holocaust in ein paar Monaten „bewältigen“ und dann schon wieder krähen konnte, es sei ja gar nicht alles so übel gewesen und man solle endlich aufhören mit der Schämerei. (Oder fragen wir mal anders: Weshalb konnten die fünf bis zehn angeblichen Anarchisten der ersten RAF-Generation für eine derartige Kollektivpanik sorgen, während hunderte bombende, mordende, brandstiftende und nach wie vor aktive Terroristen diverser Wehrsport-, Heimatschutz- und NSU-Horden keinem aufrechten Deutschen auch nur ein Fünkchen Nervosität einflößen?)
Offenbar rührt das schlimme K-Wort an eine menschliche Urangst, eine Ausprägung jener möglicherweise genetisch vorgeprägten Paranoia, von der Arthur Koestler einst meinte, sie sei die Folge eines evolutionären Defekts, der eines Tages zur kollektiven Selbstvernichtung führen werde. Daß in dieser Hinsicht im Verlauf der letzten hundert Jahre manch ernsthafte Anstrengung unternommen worden ist und wird, ist kaum zu bezweifeln.
Worauf aber richtet sich diese Furcht, die durch keine Vernunft zu besänftigen oder auszutreiben ist? Zusammengefaßt: Schlagt mir meine Welt kaputt, vernichtet meine Lebensgrundlagen, raubt mir meine Lebenszeit, sperrt mich in unbewohnbare Kisten und Käfige, beutet mich aus, zerrüttet meine Psyche, vergiftet und bestrahlt mich, zerstört meine Beziehungen, aber wagt es nie, meine Freiheit zu beschneiden!
Freiheit? die worin besteht? Im wesentlichen: Dreck zu kaufen, im Mobchoral eine vorverdaute „Meinung“ zu grölen und ohne Überwachung und „Gängelung“ dies und das tun zu können, ganz individuell und ohne Gleichmacherei. Zum Beispiel in Urlaub fahren, ohne Grenzen, über die man nicht hinüber darf (aber sehr wohl mit tödlich gesicherten Grenzen, über die anderes Kroppzeug nicht herüber kann).
Hört sich reichlich doof an, ist auch reichlich doof, wie das Ideologien und andere psychische Störungen halt gerne mal sind. Dagegen, so möchte man meinen, hülfe ein Schlückchen Realismus. Oder sagen wir: ein offenäugiger Blick in die Welt, die uns umgibt und deren Teil wir sind. In der vom Outlet bis zur Einzelkleidung alles immer gleicher wird, in der alle das gleiche essen, trinken, sehen, hören, lesen, reden, in der man eine Meinung jederzeit äußern, aber damit nur dann etwas bewirken darf, wenn es dem Gesamtzweck dient, in der jede (nicht nur verdächtige) Äußerung und Bewegung abgehört, aufgezeichnet und gespeichert wird, in der es nur eines noch gibt, was sie von der K-Horrorvision unterscheidet: theoretisch nach einer Richtung durchlässige Grenzen. Wenn man halt noch über genügend Kaufkraft verfügt, um ihn sich leisten zu können, den Urlaub, auf den offenbar sämtliche Lebenssehnsüchte des 20. und 21. Jahrhunderts zusammenschnurren.
Wollen wir das, was da herrscht, versuchsweise „Kommunismus“ nennen? Oder diskreditieren und beschmutzen wir damit einen Begriff, der für etwas vollkommen anderes steht, wovon Menschen einst träumten, als sie das noch wollten, konnten und durften?
Wer weiß, vielleicht finden wir auch dafür ein anderes, schöneres Wort. Und vielleicht schaffen wir es dann sogar, dem pessimistischen Herrn Koestler die Zunge rauszustrecken.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.