Dienstag, 29. Dezember 2015

Belästigungen 22/2015: Ein paar abschließende Bemerkungen zu FJS (und dann ist eine Ruh!)

Neulich wurde ich von einem Leser gerügt, weil ich mich abfällig über den „größten Staatsmann der bayerischen Geschichte“ geäußert hätte. Gemeint war selbstverständlich Franz Josef Strauß, und gehen tat es darum, daß ich dessen postume Ernennung zum „Rebell“ durch ein Münchner Blödblättchen beanstandet hatte. Über die Toten, schrieb der milde zürnende Leser, sage man doch nichts Schlimmes.
Ja nun, das wäre zu diskutieren, eventuell anhand der Fallgeschichten von, sagen wir mal: Julius Caesar, Stalin und Andreas Baader. Personen der Historie werden es sich wohl oder übel gefallen lassen müssen, daß über sie wenn schon nichts Schlimmes und Böses, dann doch aber auch nichts unangemessen Löbliches, Reinwaschendes, Überhöhendes berichtet und erzählt wird. Ein hundertster Geburtstag böte hierfür einen günstigen, aber eigentlich gar nicht nötigen Anlaß, denn die Geschichte wird permanent diskutiert, interpretiert und umgeschrieben, und wenn in hundert Jahren in den Schulbüchern steht, welches globale Gesamtverbrechen europäisch-atlantische Politiker im mafiösen Schulterschluß mit dem militärisch-industriellen Komplex derzeit im gesamten Nahen Osten anrichten, werden deren Fans sich auch nicht beschweren dürfen, man möge doch bitteschön nicht despektierliche Fakten über Merkel, Gabriel und Co. unterrichten.
Und so wird man auch was FJS betrifft immer wieder mal was richtigstellen und dem huldigenden Gewölk seiner fanatischen Jünger entgegenstellen müssen. Umgekehrt allerdings ebenfalls, das hat die Sache so an sich.
Zum Beispiel prangert man in gewissen Kreisen immer noch beharrlich an, der Strauß sei gar kein Demokrat gewesen, sondern wahrscheinlich sogar ein Faschist. Das heißt erst mal nicht viel, denn die Demokratie ist in Deutschland schon immer unpopulär, und wenn einer zu behaupten wagte, Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder Angela Merkel hätten während ihrer Regierungstätigkeit jemals versucht, so etwas wie eine Demokratie einzuführen, müßte derjenige wohl mit einer Verleumdungsklage rechnen.
Aber freilich erinnern wir uns alle an den entfesselten, vor keiner Form der Gewalt zurückschreckenden Vernichtungswillen, mit dem der Strauß auf jeden eindrosch, der sich ihm auch nur versuchsweise in den Weg zu stellen wagte, an die Hetzkampagnen, mit denen er Gegner überzog und (via Stoiber et al.) überziehen ließ, an den blindwütigen Haß auf alles, was sich in die entfernteste Nähe von Kommunismus und Sozialismus rücken ließ – und das war wirklich alles, bis hinaus an den rechtesten Rand der CDU, bis hin zu echten Nazis, die für ihn notfalls bloß braunlackierte „rote Ratten“ waren. Tatsächlich hat wohl seit Joseph Goebbels kein deutscher Politiker so oft und vehement „Bolschewismus“ als Schimpfwort gebraucht wie der Strauß.
Von dem (bzw. seinem engen Mitarbeiter Eberhard Taubert, laut Spandauer Volksblatt der „gefährlichste und militanteste Antisemit des Dritten Reichs“, der später den Verteidigungsminister Strauß als Berater für „psychologische Kriegführung“ diente) hatte er es aber ja auch gelernt, das Hetzen und Propagandisieren, und aus der Stellenbeschreibung seines Jobs als „weltanschaulicher Referent“ beim Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps und Offizier für „wehrgeistige Führung“ bzw. Nationalsozialistischer Führungsoffizier (NSFO), der ausdrücklich nur für „fanatische Nationalsozialisten“ vorgesehen war, dürfen wir ruhig schließen, daß er es gut gelernt hat. Ein Faschist war er aber wahrscheinlich trotzdem nicht; die Kerle nämlich, deren frühe Umtriebe er schon als Bub in der Maxvorstadt rund um den Schellingsalon täglich erlebte, verachtete er ebenso wie alles andere, was die wesentliche Eigenschaft entbehrte, die ihm das einzige und wichtigste Grundmerkmal eines echten Mannes war: Stärke.
„Stark“ mußte beim Strauß alles sein, ein „starkes Bayern“, geführt „mit starker Hand“ und so weiter und so fort, und die Urnazis waren das bestimmt nicht, diese weichlichen Uniformprotze, von pseudosozialistischem Gedankengut angekränkelt, womöglich homosexuell und am Ende nicht mal in der Lage, einen windigen Krieg zu gewinnen. Den hat dann nachträglich er gewonnen, und dabei kam ihm zugute, daß er eben kein Faschist, kein Demokrat und auch ansonsten von keinerlei politischer Überzeugung auch nur im geringsten angehaucht war. Seine Triebfeder, nein: sein Raketenmotor – unter dessen Trieb er, wie wir vermuten wollen, nicht selten litt – war (neben dem wahnhaften Kult um die „Stärke“) nur eines: eine maßlose, in alle Richtungen ausufernde und durch nichts zu bremsende Gier nach Macht und Reichtum. Dafür ließ er alles andere liegen und stehen, hat gelogen, betrogen, geschoben, gedreht, geschmiert, sich schmieren lassen, und wenn ihm mal wieder einer draufkam und eine seiner zahllosen „Affären“ (seit ihm der Fachbegriff für Verbrechen, die von Politikern verübt werden) ans Licht brachte, war ihm das vollkommen egal, weil er moralische Integrität und Anstand für Gesinnungspopeleien hielt, mit denen sich Weicheier, Bedenkenträger und Sonntagsprediger herumschlagen mögen, aber keine starken Führer.
So ging die Sache ihren Gang, so wurde aus dem Metzgersburschen über die Einehelichung in die Unternehmerfamilie Zwicknagel (er habe „gut, aber nicht sehr gut“ geheiratet, berichtete er einem Bekannten), die Übernahme des Kommandos über eine regionale politische Organisation und ein stetig wachsendes Netz von Händen, die ungeheure Geldsummen und sich gegenseitig wuschen, in wenigen Jahren einer der reichsten Männer in ganz Europa, der zum Zweck der Vermögensanhäufung nicht davor zurückschreckte, neben diversen Diktatoren auch dem Oberkommunisten Mao die Pranke zu schütteln und ein paar Milliarden Steuergelder in die kaputte DDR hineinzupumpen, um sie unten wieder abzuzapfen. Ob der Strauß in seinem ganzen politischen Leben jemals irgendetwas getan hat, woran er nicht mindestens kräftig mitverdiente, ist vorläufig unbekannt. Daran mögen sich künftige Historiker Doktortitel verdienen – wenn die Unterlagen und Quellen nicht längst von seinem Heer gesichtsloser Schranzen und Höflinge vernichtet wurden und die entsprechenden Archive jemals zugänglich werden.
Das alles ist nicht böse gemeint und auch keine Schmähung; es dient lediglich der historischen Einordnung. Daß ein Großteil der älteren bayerischen Bevölkerung noch heute instinktiv zum Beißreflex ansetzt, wenn das K-Wort fällt oder irgendwo ein Plakat der Linkspartei hängt, verdanken wir ebenso dem Strauß wie die fortdauernde Existenz einer ganzen Staatspartei von unfähigen, überzeugungslosen Karrieristen, deren Treiben seit seinem Tod dem Versuch einer Horde Dackel gleicht, sich selbst an der Leine Gassi zu führen.
Aber so ist's nun mal. Sehen wir's ein, nehmen wir's hin und Schwamm drüber. Daß der Strauß nebenbei ein höchst intelligenter und beizeiten witziger Redner war, mag uns trösten, und die Berge von Geld, die er aus dem Land herausgesaugt hat und auf denen seine Familie bis heute herumsitzt, die wird sich irgendeine künftige Generation schon zurückholen. Derweil gilt: über die Toten nichts Schlimmes. Er ruhe in Frieden, der arme starke Mann.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Freitag, 25. Dezember 2015

Belästigungen 21/2015: Warum der Mensch ein Eichkatz ist (und weitere wirre Herbstgedanken)

In unserem Hof wohnt Herr Eichkatz. Daß es sich um einen männlichen Vertreter der Spezies Sciurus vulgaris handelt, schließe ich aus einer gewissen Irrationalität seines Verhaltens. So feiert er etwa den Anblick der täglichen Nuß auf dem Fensterbrett mit einem Tanz, der wie eine hyperbeschleunigte Mischung aus Fußballerjubel und Hardrockfestivalgymnastik (Gitarrensolo!) wirkt – von weiblichen Gattungsvertretern zumindest des Menschen kennt man exzessive Bewegung eher in der militärisch-straffen Fitneßstudiovariante.
Indes schnappt sich Herr Eichkatz die Nuß nicht etwa zum Zwecke des Verzehrs; vielmehr trägt er sie quer durch den Hof vors Fenster der Nachbarin, wo der Topf mit meiner Blumenerde steht, gräbt sie dort ein und vergißt sie augenblicklich. Weil die typische Nußzeit (der Herbst) auch die Zeit des Umtopfens ist, kommt es derart immer mal wieder zu einem lustigen Spiel: Herr Eichkatz gräbt die Nuß ein, ich grabe sie wieder aus, lege sie erneut aufs Fensterbrett, er gräbt sie wieder ein und so weiter und so fort, bis ihn irgendwann doch einmal ein plötzlicher Hunger (oder möglicherweise auch der Trotz) befällt.
Wenn Herrn Eichkatz bei diesem Spiel niemand assistiert, hat die Sache Folgen, die sich zum Beispiel im Münchner Norden anschaulich zeigen: Weil dort die Immobilienmafia besonders tüchtig ihrem Geschäft nachgeht, leerstehende Häuser und Grundstücke verfallen und verwahrlosen zu lassen, um sie eines Tages ruhigen Gewissens und mit Duldung der Behörden abreißen und darauf neue Betonkäfige für mobiles Ausbeutungsmaterial erstellen zu dürfen, hat der Eichkatz absolut freie Bahn, muß aber ohne Spielgefährten auskommen. Da rast er dann herum, sammelt tonnenweise Nüsse, vergräbt sie beliebig in Gärten und Brachen und vergißt sie sofort – für die Auffindung und das erneute Servieren wäre ja der Mensch zuständig, aber der fehlt, weil er in solchen Gegenden mangels trendig-urbaner Konsumgelegenheiten nichts verloren hat.
So kommt es, wie es kommen muß, und nach wenigen Jahren hat sich, vom Klimawandel begünstigt, ein einstmals gepflegtes Kraut-und-Rüben-Gärtchen in einen undurchdringlichen Wald von Nußbäumen samt Haselgestrüpp verwandelt, in dem ein wildes Volk von Eichkätzchen herumschwirrt, -hüpft und -wirbelt und unablässig Nüsse vergräbt, bis … ja, bis was? Bis eines Tages ein weiser Artgenosse daherkommt und Aufkleber verteilt mit der Aufschrift: „Erst wenn der letzte Grashalm verkümmert, der letzte Sonnenstrahl verschattet und der letzte Pilz im Wurzelgewirr vertrocknet ist, werdet ihr feststellen, daß man Bäume nicht essen kann“?
Ich ahne, wie sich da ein kapitalismuskritischer Hintergedanke einschleicht und den süßen Herrn Eichkatz zur Allegorie umfunktionieren möchte, um vor dem Untergang der Welt zu warnen und zu Ein- und Umkehr zu mahnen. Aber nein, umkehren ist auf Einbahnstraßen nicht erlaubt, die Welt geht sowieso unter (zumindest für den Menschen), und im übrigen ist der Herbst die Zeit der großen Heimkehr, in der sich unter anderem erweist, daß auch der Mensch nicht mehr ist als ein Eichkatz mit Schulabschluß und Monatskarte (für was auch immer).
Nämlich kehrt im Herbst nicht nur der Mensch von Badestrand und Biergarten in die Wohnung zurück, sondern auch die Pflanzen, die den Sommer über auf Freigang im Hof waren, und wie immer steht man dann fassungslos in Zimmertüren und fragt sich, wie es sein kann, daß dieses wuchernde Volk dermaßen gewuchert ist, daß man kaum noch an Kleiderschränke und Bücherregale heran, ja eigentlich gar nicht mehr ins Zimmer hineinkommt.
Dabei ist das recht leicht zu erklären: Wie der Eichkatz schätzt auch der Mensch das Spiel mit den Kernen, von denen im Verlauf eines Jahres ziemliche Mengen anfallen: Mango, Traube, Avocado, Paprika, Mirabelle, Passionsfrucht, Melone, Marone, Dattel, Pfirsich, Papaya, Quitte, Orange, Mandarine, Granatapfel, Kaki, Birne, Zitrone, Holler, Beere, selbst die naturgemäß dem Eichkatz zustehende Restnuß oder -marone und notfalls auch mal ein vertrocknetes Stück Ingwer oder Kurkuma – alles vergräbt er in hübschen Töpfchen, stellt es in den Hof, vergißt es sofort wieder und wundert sich hinterher, was da so alles gesproßt, geschossen, getrieben und gefruchtet hat beziehungsweise ist. Und schon ist der Herbst da, und die Wohnung steht voll mit Bäumen, Sträuchern, Palmen, Büschen, die munter ihr Laub in alle Ecken streuen und zur winterlichen Zerstreuung ein Massenheer von Trauermücken, Blattläusen, Käfern und anderem Gekreuch und Gefleuch mit sich führen.
Da es kein feinfühliger Mensch übers Herz bringt, wehrlose Pflanzen zu meucheln (abgesehen vielleicht von den unseligen Kreaturen aus dem Bau- und Möbelmarktsortiment vom Buchsbaum bis zum Ficus), die zudem ja möglicherweise eines Tages reiche Ernten liefern werden (ein ewiger Phantasietraum, wie einem alljährlich bewußt wird, wenn man nach Monaten fürsorglicher Hege seine fünf krumpeligen Tomaten einsammelt), akkumuliert sich die Biomasse immer weiter, bis der Mensch endlich in eine größere Behausung umziehen muß, um seinem Wald ausreichend Auslauf zu bieten.
So transformiert sich der Planet: Wälder, einst eine Art kontinentaler Pelz unter freiem Himmel, bewohnen Gebäude, während Mensch und Eichkatz draußen herumturnen. Und der Sinn des ganzen Irrsinns? Und die Moral? Wer weiß. Vielleicht dient all das nur dazu, zu begreifen, daß die so oft beklagte Vergeblichkeit aller Mühen doch keine ist, zumindest aus bäumisch-evolutionärer Sicht.


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Belästigungen 20/2015: Schöne Sachen kaputt: na und! Schlimme Sachen weg: au weia! (eine anthropologische Studie)

Wenn der Herbst kommt und Menschen wie ich in Züge steigen, um kreuz und quer durch Deutschland zu fahren, Texte vorzulesen und mit lustigen Menschen Bier zu trinken, geraten diese Menschen irgendwann in einen leicht surrealen Gemütszustand. Nämlich reist man weitenteils mit dem Zug heutzutage nicht mehr durch Deutschland, sondern durch Tunnels, dunkle unterirdische und graugeblechte oberirdische aus Lärmschutzwällen.
Die eigentümlich melancholische Monotonie dieses Anblicks wird nur ganz hin und wieder unterbrochen von Vorführungen zeitgenössischer Architektur, mit der man jene Landschaften vollmüllt, wo die Menschen abgelagert werden, die sich noch keine Tunnels und/oder Lärmschutzwälle leisten können. Das ist dann fast noch melancholischer: daß es Menschen gibt, die sich tagsüber damit beschäftigen, Landschaften und andere schöne Dinge kaputtzumachen, und sich abends darauf freuen müssen, in diese dicht gepackten Haufen von in Reih und Glied stehenden Schreckenskisten einzubiegen, sich dort vor den Fernseh zu setzen und zur Erfrischung und geistigen Ertüchtigung drei Stunden lang Börsenkurse, Wirtschaftsdaten und andere Propaganda anzuglotzen. Wenn sie Glück haben, zeigt man ihnen dann noch (mit einem fast hörbar deutlichen „Ätsch!“) eine warenförmige Beziehungsanbahnung in irgendwelchen Geldadelsfamilien samt spaßiger Verwechslung und Hundegekläff am Frühstücksbuffet, von der sie den Schluß verschlafen.
Das sind so Gedanken, auf die man da kommt. Dann kommen wieder Tunnels und Lärmschutzwälle, und weil das auf irgendeine ironische Weise digitale Hell-Dunkel-Spiel das Lesen von Büchern äußerst strapaziös macht und man die lächerlichen Geschäftsmails des krawattierten Sitznachbarn längst auswendig kennt, klappt man halt das Realitätssurrogatgerät auf und schaut sich mal wieder „Fight Club“ an (wobei der Nachbar plötzlich doch die Armlehne freigibt, wenn man an den richtigen Stellen leise dissidentisch kichert).
Apropos. Ich mag „Fight Club“ irgendwie (zumindest gefällt mir, daß ich alle drei Jahre den Schluß vergessen habe und den Film drum ganz ohne Spoiler noch mal anschauen kann). Was mich aber immer wieder verwirrt, ist die seltsame Moral, die da offenbar (oder scheinbar, bis zum Schluß eben) transportiert werden soll.
Nämlich: Da haben wir erst mal einen (auf diffuse Weise) schlechten Menschen, eine Art Berufsverbrecher, der sein Geld damit verdient, daß er einer Autofirma hilft, Profit zu machen, indem Mängel an ihren Produkten vertuscht werden, die unzählige Menschen ihr Leben kosten. So was wie Beihilfe zum Massenmord also. Oder mindestens Totschlag, ich will mich da nicht festlegen.
Dieser schlechte Mensch (Obacht, jetzt kommt der Spoiler für Leute, die den Film noch gar nicht kennen:) verwandelt sich mittels einer ausgeklügelten Schizophrenie in einen (auf sehr diffuse Weise) guten Menschen, der reichen Säcken in die Muschelsuppe pinkelt, aufs Dessert furzt, ihnen ihr abgesaugtes Arschfett als Luxusseife verkauft, mit Billigramsch vollgestellte Betonkisten sprengt, diesen und jenen weiteren konsumkritischen Schabernack treibt und schließlich den wahrhaft messianischen Plan faßt, die Kreditkartenschulden sämtlicher Amerikaner durch Nitroglyzerin zu löschen.
So weit, so gut. Dann aber wird sich der Mensch plötzlich seiner Schizophrenie bewußt, und nun bildet er sich auf einmal ein, es sei gar nicht so gut, den Gesamtschuldenstand einer Gesellschaft auf Null zu stellen (woran man übrigens merkt, daß der Film älter ist als David Graebers Buch „Schulden“). Nein, das sei sogar äußerst verwerflich und müsse um jeden Preis verhindert werden, notfalls indem man sich selbst in den Kopf schießt.
Zum Glück schlägt der Film seinem Hauptdarsteller ein Schnippchen (dem darob erfreuten Zuschauer allerdings auch, so daß man am Ende gar nicht mehr recht weiß, wer hier eigentlich verarscht wird, und sich lebhaft vorstellen kann, wie über den Schnitt des Finales diskutiert wurde). Aber die Frage schwebt weiter im Vakuum zwischen Tunnelwänden und Lärmschutzwällen: Warum entsetzt es den Menschen stets, wenn etwas Häßliches, Verderbliches, Tödliches kaputtgemacht wird, während er ungerührt zuschaut, wie Jahr für Jahr, Tag für Tag, Sekunde für Sekunde alles Schöne an der Welt, in der er zu leben träumt, systematisch zerstört und nach und nach vernichtet wird?
Weshalb – nur als Beispiel – darf die bayerische Staatsregierung einfach so beschließen, das weltweit unvergleichliche Isental durch eine Autobahn für alle Zeiten zu beseitigen? Wieso darf irgendein Immobilienkonzern die ebenfalls unwiederbringliche Eggartensiedlung abzureißen und mit Beton vollzustellen? Und warum ist es andererseits so absolut undenkbar, in Eigenregie und Selbsthilfe derartiges zu verhindern oder die derart verbrecherisch erstellten Verschandelungen ihrerseits wieder wegzumachen?
Liegt das wirklich nur daran, daß ein Auto, eine Fabrik, ein Betonklotz, daß all dieses Zeug einen Geldwert und somit im Kapitalismus selbstverständlich auch einen Eigentümer beziehungsweise Besitzer hat, den man durch das Kaputtmachen „schädigen“ würde (obwohl ja auch er vermutlich unter der Verwandlung der Welt in eine Müllhölle leidet), während Schönheit einfach da ist (oder mal war) und sich weder kaufen noch verkaufen läßt, also auch niemandem gehört und frohgemut verwüstet werden darf?
Möglicherweise. Wenn dem so ist, ist es aber vermutlich Teil der menschlichen und damit insgesamt: der Natur. „Diese Spezies“, werden findige Forscher dereinst feststellen, „fand größten Gefallen daran, ihr Habitat in Klump und Asche zu hauen und sich damit selbst auszurotten. Ob diese gesamtsuizidale Neigung genetisch bedingt war oder durch die Beschallung mit Scorpions-Musik ausgelöst wurde, läßt sich leider nicht mehr feststellen.“
Und daß man bei derlei Gedanken zwischen den Wänden, Wällen und Würfelhaufen Lust kriegt, doch mal wieder ein bißchen harmlos scheppernde Sabotage zu veranstalten – das schreibt man lieber nicht hin. Man will den Nachbarn ja nicht erschrecken; der ist auch bloß ein Mensch, der seiner Bestimmung folgt.

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Donnerstag, 12. November 2015

Frisch gepreßt #350: Robert Forster "Songs To Play"


Wenn Ende September der Föhn mit theatralischem Pathos (vermeintlich) endgültig zusammenbricht und der Herbst grimmig grummelnd seine bleiernen Plumeaus daherschiebt, versammeln sich die Menschen um die Feuerstelle und erzählen sich lustige und gruselige Geschichten. Wenn sie nicht auf Reisen gehen, was selbst der Autor dieser Zeilen, ansonsten nicht grundlos der exzessiven Stubenhockerei verdächtig, zu dieser Jahreszeit recht gerne mal tut. Lieber bis am liebsten ist ihm aber, wenn das Fenster, vor dem sich die herbstliche Landschaftskulisse elegant auf den Absätzen dreht und ein Szenario nach dem anderen flugs enthuscht, um dem nächsten Geschwister Raum zu machen, – wenn dieses Fenster ein Inneres ist und er auf sanften Gleisen durch die Welt schweben kann, ohne sein Sofa zu verlassen.
Ein besonders lieber Reise- weniger -führer als -begleiter ist ihm seit vielen Jahren Robert Forster. Robert wer? fragt der Zuspätgeborene und kriegt ein bisserl historische Nachhilfe: Forster, 58 Jahre alt, gründete Ende 1977 in der australischen Stadt Brisbane die Band The Go-Betweens, mit seinem Uni-Kommilitonen Grant McLennan, mit dem er eine absolut unzeitgemäße Begeisterung für supersimple, hochintelligente Popmusik und die damals so gut wie vergessenen antipodären Legenden Velvet Underground und Monkees teilte. Keine sehr schlaue Idee für eine Karriere, möchte man meinen. Aber als die Go-Betweens Anfang April 1978 (im Vorprogramm der Numbers, die später The Riptides hießen und eine Ausgrabung wert wären) das erste Mal auf der Bühne standen und zwei Songs spielten (mehr konnte der geliehene Drummer auf die Schnelle nicht einstudieren), waren ihr Charme, ihre Lässigkeit, die bezaubernd bescheidene Strahlkraft ihrer aufs Wesentlichste reduzierten Liedgeschichten so hinreißend, daß sie keine paar Wochen später einen Plattenvertrag über acht (!) Alben unterschreiben durften.
Leider ging das wagemutige Label (es hieß Beserkley und ist ebenfalls eine Wiederentdeckung wert) kurz darauf pleite, aber die Gleise waren gelegt, und der Go-Betweens-Zug rollte los. Bis das erste „richtige“ Album „Before Hollywood“ erschien, drehten sich fünf lange, ereignisreiche Jahre vor den Fenstern vorbei; inzwischen gab es eine sogenannte Indieszene um Bands wie Wire, die Smiths und die Talking Heads, die es verschmerzen ließ, daß Radiosender die Go-Betweens so stur ignorierten wie dazumal Velvet Underground. Als wollten sie die Kritiker, die sämtliche Platten der Band als Offenbarungen feierten, vorsätzlich ärgern.
Aber das Leben in der Nische ist kein leichtes, und 1989 hatten Forster und McLennan nach sechs längeren und vielen kurzen Platten genug davon, auf die Welt zu warten, und beschlossen, die Welt auf sich warten zu lassen. 2000 fuhren sie wieder los, nunmehr als „Kultband“ gehuldigt, aber weiterhin stracks an der oberen Hälfte sämtlicher Charts vorbei. Am 6. Mai 2006 starb McLennan 48jährig an einem Herzinfarkt, das war's.
Freilich nicht, denn der Songquell Robert Forster sprudelt weiter. Und obwohl man meinen möchte, er habe das Grundmodell (unverzerrt schimmernde Gitarren, simples Schlagzeug, mehr oder weniger gesprochener, an Lou Reed, Television und den frühen Morrissey erinnernder Gesang, eckig verzahnte Melodien, viiiieeeel Platz zum Hindurchschauen) so oft variiert, daß sich irgendwann mal was wiederholen müßte, tut es das nicht. „Learn To Burn“, „Let Me Imagine You“, „Turn On The Rain“ … jeder seiner neuen Songs könnte in jedem Jahr zwischen 1978 und heute entstanden sein, und jeder davon klingt so zeitlos nüchtern, frohmelancholisch und ewigrund, daß man schon heute weiß: Man wird diese Platte in zwanzig Jahren wieder auflegen und glauben, sie sei absolut neu oder fünfzig Jahre alt.
Und jeder dieser Songs ist eine Reise in einem imaginären Eisenbahnabteil, vor dessen Fenstern herbstliche Landschaften vorbeifließen, während der Betrachter die Gedanken flocken läßt und mit milde staunendem Lächeln ob ihrer Klarheit und Wahrheit den einfachsten poetischen Botschaften aller Zeiten lauscht. „Love Is Where It Is“ – o ja, wo denn sonst als hier, dort, überall und immer?

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Frisch gepreßt #349: Max von Milland "Bis dir olls wieder gfollt"


Der Max ist ein Schlawiner. (Ich bin auch einer, hi hi: Ich verpacke ein Geständnis in eine Allegorie; nämlich:) Ich habe mal mit ihm zusammen eine Bar bedient, heißt: Wir haben Getränke ausgeschenkt, und der Max hat den ganzen Abend sein entwaffnendes Lächeln durch den Raum getragen, das in diesem Fall Menschen den Mund (zum Lächeln) und den Geist (für Getränke) geöffnet hat. Lustigerweise standen danach (und stehen seitdem) an einer Stelle, an der er oft vorbeikam, hübsche Flaschen herum, die dort vorher nicht standen: Vanillesirup, Weiße-Schokolade-Sirup, Mandelsirup, Haselnußsirup, Macadamiasirup, Holunderblütensirup, Lavendelsirup … (ein Zufall, sicher, der sich konventionell erklären läßt, aber:) Ahnt jemand, worauf ich hinaus will?
Das immerhin ist hiermit zugegeben: Ich kenne den Max, und wer ihn kennt, der mag ihn (Inkubationszeit: circa zwei Sekunden). Also mag ich ihn, und also darf ich kein „wertendes“ Wort über sein neues Album verlieren, weil das unparteiisch wäre, gelt. Zumindest kein empfehlendes. Kein lobendes. Kein … Dings. Ich müßte vielmehr: darauf hinweisen, daß man von dieser Platte, wenn man nicht Obacht gibt und sie zum Beispiel beim Einschlafen auf „Repeat“ laufen läßt, eine milde Form von Diabetes kriegen kann. Gib ihr acht Stunden, und sie verwandelt dich in einen Zuckerhut. Mit einer Individuo-Version von brasilianischem Sonnenvanilleschmelz außenrum, jedenfalls: pervers. Der menschliche Topfenstrudel, der aus acht Stunden Oasis-Embrace-etc.-Mißbrauch entsteht, ist dagegen eher ein herbkümmeliges Knabbergebäck.
Aber nein, Schmarrn. Stimmt gar nicht, weil das, was der Max an vermeintlicher Süße verströmt, aus Tiefen kommt, die solcherlei Anspielungen zu unangemessenen Beleidigungen degradieren. Wenn der Max in einem schäumenden Meer von tosenden, wallenden, wellenden Durakkorden steht, dann tut er genau das, was sonst keiner kann: Er tut sich nicht bäumen, den Helden markieren, zum grandiosisierten Gesamtweltkapitän sich stilisieren, der dies und das und alles erklären und deklarieren kann, sondern er lächelt fein, bescheiden und lieb, und schon ist aus dem Pathosgewölle ein kleines, liebenswertes Lied geworden, das das Herz wärmt und die Seele mit gelbrötlichorangenem Spätsommerlicht bestrahlt, nein: herzt. Dann grölt der Max nichts von Universalversöhnung und Heuchel-Wir-sind-alle-dies-und-das, sondern er sagt einfach: „I bin do.“ Weil er halt da ist, wenn du ihn brauchst.
Die Lieder vom Max sind Ohrwürmer, Evergreens, Klassiker, bei denen man immer nach spätestens drei Sekunden meint, man hat sie schon tausendmal gehört – kann sein, daß man sie teilweise wirklich schon tausendmal gehört hat („Wonderful Life! Black!“ plärrt einer aus einem zufälligen Fenster), aber kaum je so schön. Heißt im Umkehrschluß: Wer den Voreingenommenheitssirup nicht gekostet hat (Inkubationszeit: na gut, unter übelsten Bedingungen drei Sekunden), der wetzt sich weiterhin die vermeintliche Seele am aktuellen Deutschpop-Schmirgel (Plärr! Rappel! Ruckizuckizacki!) und wundert sich, wieso von den Jugendtraumseifenblasen nichts als ein bisserl Schorf (und viel Kopfweh) bleibt.
Machen wir anders. Wir blenden das alles, das Gezicke und Gezucke, das Geplärr und Geklirr, das Gehippe und Gehoppe und Gejaule und Gemaule vollkommen aus, verwandeln uns in eine ideelle Reihe aus Sirupflaschen und lächeln.
Das ist nicht wenig. Wer lächelt heutzutage schon noch? Wer wagt es, aus Südtirol zu kommen und zu lächeln und nicht mit verkniffener Fresse deutschnational tätowiertes Gebrüll abzusondern, für das er sich hinterher entschuldigt, es sei nicht „rechts“; oder vielmehr: „nicht rechts“, vielmehr: „nicht rechts gemeint“? Sondern einfach seinen ambient-panoramisch infektiösen Dialekt zu pflegen (und in einem Lied zu verteidigen, bei dem einem das Herz in Vanille schmilzt)?
Ja, freilich: Das ist der Max. Ein Schlawiner. Ein Mensch, ein liebenswerter. Das wiederum bedeutet: Er ist es wert, geliebt zu werden. Liebt ihn. Tut zwischendurch sonst was, aber das: auch, immer mal wieder, nicht am Stück, aber immer (mal) (wieder).


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Freitag, 30. Oktober 2015

Belästigungen 19/2015: Von James Dean zu Markus Söder – sechzig Jahre „Rebellion“

Daß Deutsch eine komplizierte Sprache ist, müssen nicht nur Ausländer feststellen, wenn sie versuchen, ihre mühselig erworbenen Kenntnisse des Idioms anzuwenden, um von einem geborenen Stuttgarter etwas zu erfahren. Vor allem aber hat das Deutsche Lücken. Zum Beispiel gibt es kein Wort für eine Person, die nichts Bemerkenswertes tut und getan hat, außer prominent und noch am Leben zu sein.
Im Englischen (vor allem im amerikanischen) nennt man so jemanden einen „survivor“ – bevorzugt dann, wenn er sich mehr oder weniger vehement blöd bemüht, nicht am Leben zu bleiben, indem er zum Beispiel vor lauter Frust und Überdruß wegen seines schröcklichen Schicksals „zur Flasche greift“ oder „dem Heroin verfällt“. In den meisten Fällen handelt es sich um Popstars, Fußballer, Schauspieler beziehungsweise Filmdarsteller, Politiker sowie andere in der Öffentlichkeit Freischaffende, die im weiteren Umfeld des Schaugeschäfts erfolglos herumkreuchen und -fleuchen und denen das, was Kern und Zweck ihres Herumwesens ist, schon lange nicht mehr gelungen ist: die ewig keinen Hit mehr hatten, kein Tor geschossen, keine Rolle bekommen haben, nicht mehr gewählt oder in ein TV-Lager eingeladen worden sind und nur noch dann in den Medien auftauchen, wenn sie mal wieder ein „Comeback“ versuchen oder volltrunken jemanden auf den Kopf hauen oder die fünfte Ehefrau nach der zehnten Watschn vor laufender Kamera schon wieder zu einem erfolgreicheren Kollegen umgezogen ist.
Dafür gibt es im Deutschen keinen Begriff (außer „Depp“), wenn man nicht auf die saudumme Allerweltsfloskel „Kult“ zurückgreifen möchte. Die kann allerdings auch Leute treffen, die gar nicht mehr am Surviven sind und vor ihrem Abtritt möglicherweise diverse Erfolge hatten. Hingegen ist ein bloßer „Überlebender“ selten „Kult“, außer er überlebt zum Beispiel einen Flugzeugabsturz, was aber selbst dem hartnäckigsten „survivor“ selten gelingt. Und schon gar nicht ist es „Kult“, wenn einer einem Krieg entflieht, sich in ein wackeliges Miniboot hineinsetzt und die Fahrt übers Mittelmeer überlebt. So jemanden will niemand haben.
So jemand ist übrigens auch kein „Held“, selbst wenn es ihm gelingt, fünf Kleinkinder und seine greise Oma mitzuretten. Ein „Held“ ist vielmehr jemand, der etwas relativ selbstverständliches tut (etwa einen Handtaschendieb verscheuchen oder eine Katze vom Baum holen) und dafür sein heldisch-stolz grinsendes Gesicht in die Boulevardpresse hineingedruckt kriegt, unter einer Überschrift wie „Wir sind Helden“, die mich neulich von sämtlichen Papierverkaufskisten des Münchner Nordens angeplärrt hat. Daß es sogar eine Doofi-Popgruppe gibt (oder gab), die so heißt, zeigt, wie gern der Deutsche seine Helden hat – mindestens so gern wie der Ami seine „survivors“.
Fast ebenso sehr mögen beide jedoch seltsamerweise den „Rebell“, was erst verständlich wird, wenn man mal genauer hinschaut, was unter einem solchen zu verstehen sein soll: Ein „Rebell“ ist dem Deutschen und dem Ami keineswegs einer, der die Regierung stürzt, die Macht der Banken brechen möchte oder die Befreiung der ausgebeuteten Arbeiterklasse herbeizuführen versucht. Ein „Rebell“ braucht noch nicht mal bei Rot über eine leerstehende Kreuzung zu marschieren.
Ein „Held“ ist gerne mal auch ein „Rebell“, vor allem wenn er einigermaßen aussieht und tot ist. Das Paradebeispiel für so einen ist James Dean, dessen rebellischste Taten darin bestanden, ziemlich fesch zu sein, in einem Pepsi-Reklamefilm aufzutreten, als Tellerwäscher zu jobben und auf Parties zu gehen. Daß er in drei erfolgreichen Hollywoodfilmen zu sehen war, von denen einer „Rebel Without a Cause“ hieß, bewahrte ihn davor, ein „survivor“ zu werden: Noch bevor die larmoyante Schnulze in die Kinos kam, kaufte sich Dean von einem Teil seiner Gage einen neuen Porsche, ließ sich noch schnell für einen Reklamefilm gegen Raserei auf der Autobahn abfilmen und raste zwei Wochen später (vor fast genau sechzig Jahren) an einer Kreuzung, wie man so sagt, „in den Tod“.
Und schwupps! war er ein „Rebell“, sogar eine „Symbolfigur“, und zwar für die „Auflehnung gegen etablierte Strukturen“. Was in diesem wie in allen Fällen heißt: Er ließ sich – schon weil er sich nicht mehr dagegen wehren hätte können – prima zum „Idol“ aufblasen, zur Lichtgestalt einer angeblichen „Rebellion“, die dazu dient, „neue Märkte zu erschließen“, indem man Milliarden vom Kapitalismus frustrierten Ausgebeuteten einredet, der Grund ihrer Frustration sei nicht etwa der Kapitalismus und der von diesem angezettelte Krieg der Reichen gegen die Armen, sondern ein sogenannter „Generationenkonflikt“ - und gegen diese Frustration gebe es nur ein einziges Heilmittel: Konsumieren!
Um das zu dürfen, ist es wiederum unerläßlich, sich in die etablierten Strukturen nicht nur einzufügen, sondern sich und sein gesamtes Leben diesen Strukturen in einer Totalität zu unterwerfen, von der sogenannte „totalitäre Regimes“ nicht mal träumen. Sechzig Jahre nach James Deans Autotod ist das Leben sämtlicher Generationen so vollständig vom Kapitalismus beherrscht und durchstrukturiert, daß die Opfer sogar glauben, sie tun all das, womit sie ihr Leben verschwenden, freiwillig. Nach sechzig Jahren „Rebellion gegen etablierte Strukturen“ gilt man wahrscheinlich schon als „Rebell“, wenn man einem einjährigen Kind nicht mit angemessener Vehemenz tagtäglich „Leistungsbereitschaft“ einbleut (übrigens eines der vielen Wörter, die es nur im Deutschen gibt).
Seien wir gnädig: James Dean kann dafür nichts, Friede seiner Asche. Es könnte sich aber lohnen, ein bißchen mißtrauischer zu sein, wenn die Plärrmedien der herrschenden Klassen „Kulte“, „Rebellen“ und „Helden“ ausrufen. Neulich zum Beispiel brüllte mir einer der erwähnten Zeitungskästen entgegen, neuerdings sei sogar der verblichene Franz Josef Strauß, der Inbegriff der Brutalität von Macht, Gier und etablierten Strukturen, ein „Rebell“. Wird sich demnächst eine neue „Generation“ Strauß-Poster ins Kinderzimmer hängen?
Wie, da gab es schon einen Vorläufer? Na dann: Hut ab, Herr Söder – Sie Rebell, Sie (tätschel, tätschel)!


Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Donnerstag, 29. Oktober 2015

Frisch gepreßt #348: Wilco "Star Wars"


Selige Frühneunziger: als man das abendliche Tresengeplauder allen Ernstes dem Thema widmen konnte, was die Unterschiede zwischen „Alternative“ und „Independent“ waren. Da wurden steinerne Standpunkte vertreten: das eine Rock, das andere Pop, beides jedenfalls nicht bei „etablierten“ Plattenfirmen, hier mit Philosophie, dort mit Stil, tiefgängig bzw. stolzbewußt oberflächlich, anders sowieso ohne Frage.
Zusammengefaßt ließe sich rückblickend sagen: Independent war, wer auf einem „unabhängigen“ Label erschien (das im Zweifelsfall längst von einem Major aufgekauft oder überhaupt erst gegründet worden war), klassische Songs mit großen Melodien schrieb und durch das bloße Überqueren einer Straße in persona bei Tageslicht einem Heer von (oft nur noch gefühlten) Teenagern Anflüge orgasmischer Massenhysterie verschaffte, stets jedoch mit einer bezaubernd anmaßenden Attitüde der Abgrenzung zu Vorläufern (Beatles und folgende) und sowieso zu allem, was „Rock“ war. „Rock“ nämlich waren jene Institutionen, die seit zehn, manchmal fast zwanzig oder noch mehr Jahren sporadisch millionenteuer aufgeblasene Mega-Alben in die Welt setzten und aussahen wie Kollegstufensprecher Mitte dreißig: Matte, Bart, lässiges Indienhemd, hautenge Glockenhose. Die fuhren im Rolls Royce herum, stritten vor Gericht jahrelang um Kleinigkeiten und waren insgesamt vollkommen aus der Zeit gefallen. Oldies, lebende Fossilien, Dinosaurier, deren möglicherweise relevante Wirkungszeit eine Generation zurücklag, die aber von den Titelseiten der Magazine nicht wegzukriegen waren. Sagen wir: Pink Floyd, Genesis, Eagles, Deep Purple.
„Alternative“ war die andere, diametral unterschiedliche … ähem: Alternative. Hier wirkten wenig gepflegte Männer in Karohemd und Lederstiefeln, gezeichnet von beiderseitiger Verweigerung (Niemand will uns! Niemand versteht uns! Dufte!), im Säurebad endloser Landstraßentourneen von jedem Glamour gereinigt, die sich von den alten Heroen vor allem dadurch unterschieden, daß sie kein Geld für Studios hatten, nicht sonderlich gut spielen konnten und aus beidem eine Tugend machten: Wie, wir haben keine richtigen Songs? Richtige Songs sind Mainstream, Baby! Wir verzichten absichtlich darauf!
Wilco galten mal als Verkörperung von „Alternative“ und gelten in mancher Hinsicht auch mehr als zwanzig Jahre nach ihrer Gründung (oder Umfirmierung aus Uncle Tupelo nach dem Abgang von deren Sänger) als irgendwie „anders“, eigen, außenseitig. Das beruht wahrscheinlich auf einer Reihe populärer Mißverständnisse, ist aber nun mal nicht mehr aus der Welt zu schaffen und soll uns daher nicht weiter scheren, weil: Alternative Rock ist schon länger Mainstream, als die Beatles brauchten, um ihr Gesamtwerk zu schaffen, und Wilco (von Anfang an bei einem der größten und traditionsreichsten Musikkonzerne der Welt zu Hause) drehen schon immer beiden Fraktionen eine Nase. Sie machen Reklame für Apple und VW, werfen aber mit literarischen und anderswie „relevanten“ Begriffen und Anspielungen um sich, kontern jeden noch so berechtigten Versuch, sie zwischen Eagles und Jefferson Airplane zu lexikalisieren, mit einem geschickt inszenierten Schachzug in Richtung Zwielicht und Party-Talk-kompatible Intellektuello-Relevanz. Ein höchst gelungener Seiltanz in der Tat, aber lassen wir uns nicht ablenken.
Ihr neuntes Album verkörpert so ziemlich alles, was die Band ausmacht, im Guten wie im Schlechten: Es ist schön und leicht zu hören, zugleich interessant und spannend, voll von überraschenden Wendungen, aber auch ultratraditioneller Rockmusik, aufgeladen mit gefühltem Anspruch und Bedeutung, dabei aber frei von wirklich genialen oder auch nur originellen Kompositionen, an die man sich fünf Minuten nach dem ersten Hören noch erinnert (verwirrenderweise erkennt man sie beim zweiten Hören dennoch sofort wieder). Es erinnert mal an den John Lennon der „Imagine“-Jahre („More ...“), mal an ein B-Seiten-Demo der Glitter Band, das mangels catchy Chorus in der Schublade blieb („Random Name Generator“), oft an beides gleichzeitig. Es ist offenbar bewußt „billig“ produziert, läßt unter den Kofferradio-Gitarren und Pappkarton-Schlagzeugen aber den Aufwand ahnen, der nötig war, um diese Simplizität zu erzeugen. Es wirkt belanglos und macht neugierig.
Mit anderen Worten: ein Album, über das man mehr schreiben und sprechen als es hören wird. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt, um die eingangs erwähnten Diskussionen mit einem Vierteljahrhundert Verspätung abzuschließen und die Pole zu verschmelzen. Vielleicht aber auch nicht, wer weiß, wer will's wissen?

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.