Freitag, 14. August 2015

Frisch gepreßt #342: The Rolling Stones "Sticky Fingers"


Das Schöne an der Vielfalt ist die AUSWAHL. Eine Binsenweisheit. Wer mag, kann sich diese, letzte, nächste Woche mit neuen Alben dermaßen weiträumig, -läufig und grenzenlos zudröhnen/beschäftigen/die Zeit vertreiben, daß es nur so schillert: von Ash bis The Darkness, von den Prinzen bis Helloween; er kann sich auch 14 CDs mit sieben kompletten Yes-Konzerten von 1972 „reinziehen“, in Schlagerquark baden, mit Hardcore das Haus abreißen, den Kopf mit Reimen über bitches, dudes und dies und das vollstopfen … es ist alles da, modellgerecht und handwerklich top gefertigt.
Ja, und: langweilig, irgendwie, nicht wahr? Das Schlimme an der Vielfalt ist nämlich die AUSWAHL, und es gab große, heroische, chaotisch wilde Zeiten, in denen ein einziges Album für ein Jahr und eine einzige Band für vier oder fünf Jahre reichten, um die ganze Welt zu beschäftigen und den Rest höchstens nebenbei sonntagsnachmittags beim Autoputzen aus dem Radio seiern zu lassen. Sagen wir mal: die Rolling Stones, von 1968 bis 1972 ziemlich unumstritten die „größte Rock-'n'-Roll-Band auf der Welt“, für nicht wenige Menschen überhaupt die einzige, in der sich alles sammelte, vereinte und kulminierte, was an Wahnsinn, Renitenz, Rebellion, krimineller Energie, Libertinismus, sexueller Freizügigkeit und Perversion, politischer Brisanz, Subversion, Dekadenz, Drogenkonsum, Tod und Verderben, Outlaw-Chic, Stargetummel, Jet-Set-Kaputtheit, Lumpeneleganz, Ausschweifung und (pseudo)intellektuellem Word-dropping überhaupt denkbar war.
Es sind auch nicht wenige, denen vier Alben für ein Rock-'n'-Roll-Leben genügen und alles weitere höchstens Variation, Verwässerung und Geplänkel ist. „Beggars Banquet“ (1968), „Let It Bleed“ (1969), „Sticky Fingers“ (1971) und „Exile On Main St.“ (1972) reichen tatsächlich aus, um die Welt zu füllen, und möglicherweise ist das dritte davon der zentrale Dreh- und Angelpunkt, weil sich hier alle Extreme treffen und in Perfektion verschmelzen. Musikalisch sowieso: Blues und Funk, Orchestergrandezza, Soul-Süße und 20er-Jahre-Straßenstaub, ausufernde, aber auf den Punkt komprimierte Jam-Improvisation (in dem zufällig mitgeschnittenen zweiten Teil von „Can't You Hear Me Knocking“) und Hard-Rock-Wucht, Faust-ins-Gesicht-Direktheit („Bitch“) und Method-Acting-Theater (die Country-Rock-Pastiche „Dead Flowers“).
Aber dazwischen, daneben und darüber hinaus: ein Vulkan an Texten, von denen Mick Jagger später meinte, er hätte sie nie mehr schreiben können, weil er sich automatisch selbst zensiert hätte. In denen alles vorkommt oder sich zumindest herausdeuten läßt, was die Abgründe des Lebens an Schmutz zu bieten haben, vom peitschenden Sklaventreiber in „Brown Sugar“ bis hin zu den selten kaschierten Drogenbezügen dort und in praktisch jedem weiteren der zehn Songs, in denen von „Sister Morphine“, einem Kopf voller Schnee („Moonlight Mile“), Nadel und Löffel und allen möglichen Überdosen die Rede ist. Andy Warhols Cover mit erigiertem Penis und Reißverschluß (der nebenbei andere Platten im Regal zerstörte). Und der Kontext der Entstehungszeit der Platte (1969 bis 1971): Terrorismus, Jean-Luc-Godard, Black Panthers, der Tod von Brian Jones im Swimming-Pool, 300.000 Menschen und tausend weiße Schmetterlinge im Hyde Park, Truman Capote, Michael X, Enoch Powell, „Performance“ und „Ned Kelly“, Marsha Hunt, Marianne Faithfull, Angela Davis und Bianca Pérez-Mora Macias, Drogenprozesse, Totschlag in Altamont, uneheliche Kinder, Scheidungen, Krawalle und Tränengas in Hamburg und Mailand, die infame „Single“ „Cocksucker Blues“, eine Flut von Prozessen, Bootlegs (herausragend: „Get Your Leeds Lungs Out“, im „Super Deluxe Edition Boxset“ nun offiziell erhältlich), Auflösung des Vertrags mit Decca und Gründung des eigenen Labels, Steuerflucht nach Südfrankreich; und was für eine Zeit das war, zeigt vielleicht am schönsten die längst vergessene Episode der Verurteilung von Charlie Watts' Ehefrau Shirley zu sechs Monaten Gefängnis, weil sie auf dem Flughafen von Nizza ein paar Zöllner krankenhausreif prügelte. Diese Menschen, möchte man meinen, waren einige Jahre lang ganz schön aus dem Häuschen.
Yeah, oder sagen wir's mit Jagger: „Wenn Gott will, daß ich eine Frau werde, dann werde ich eine Frau.“ Das heißt: nichts. Und alles. Rock 'n' Roll eben.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Samstag, 1. August 2015

Belästigungen 13/2011: Kunst, Regime, Kommerz und Krampf: O weh und Ach und Ai Weiwei!

Die Kapazitäten des menschlichen Gehirns sind begrenzt. Das wissen wir nicht erst von dem ehemaligen, nunmehr laut Hofberichterstattung (i. e. Wirtschaftsjournalismus) unter Mitnahme einer zweistelligen Millionensumme „gefallenen“ Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff, der neulich mal wieder vor Gericht mußte und dabei die Frage nach seinem Alter erst im dritten Versuch – 53, nein, Jahrgang 53, also … 54 … (Gelächter und Gemurmel im Publikum) … ähem, 58 – richtig beantworten konnte.
Nein, daß in unser Hirn nicht alles hineinpaßt, zumindest nicht ohne querzustehen, anzustoßen oder irgendwas anderes umzustoßen, das erfahren wir meist dann am eindrücklichsten, wenn es um Kunst oder genauer gesagt: um die Frage geht, was Kunst sei, für was sie gut sein soll und ob sie überhaupt „gut“ ist. Zum Beispiel stehen in dem Teich vor der Blutenburg in Obermenzing seit 2005 drei grün bemalte Dinger herum, die „sich aufrichtende Halme“ darstellen sollen (ohne sich in irgendeiner Weise zu bewegen oder gar aufzurichten), von denen auf den ersten – oder überhaupt einen Blick – niemand so recht zu sagen wüßte, was sie da sollen.
Das erklärt uns zum Glück der Künstler, der gelernter Holzbildhauer ist und den Auftrag zur Erstellung der Dinger von der bayerischen Staatsregierung bekam: Ein „markantes Zeichen an der Schnittstelle zwischen Urbanität und historisch ländlicher Infrastruktur“ sei das Ensemble, „das in seiner Fernwirkung die Achse im Durchblickpark zwischen der barocken Schlossanlage Nymphenburg und der mittelalterlichen Blutenburg markiert“. Damit aber bei weitem nicht genug! „Künstlichkeit und Übergröße“ nämlich stünden „hier einerseits für ein Merkmal unserer Zeit, in der die Gentechnik die Grenzen der Natur zu sprengen verspricht. Das Skulpturen-Terzett thematisiert dem entgegen die Beschränktheit und die Fragwürdigkeit menschlichen Strebens nach künstlichem Wachstum.“
„Dem entgegen“ könnte man halten, daß darauf vom bloßen Anblick niemand käme, weder die so tapfer angeprangerte Gentechnikindustrie noch der von ihr bedrohte Normalmensch, der auch nicht ohne weiteres bemerken wird, daß die aus ehemaligen Eichen skulpierten Dinger „aber auch in ihrer Übergröße die Schönheit kleiner und unscheinbarer Grashalme erlebbar“ machen, ja sogar „untereinander korrespondieren“ und – Himmel Arsch! – „im Dialog mit der Architektur der mittelalterlichen Schlossanlage und dem alten Baumbestand an der Würm“ stehen. Man glaubt förmlich zu hören, wie sie plaudern, die alten Baumbestände und die gereckten Monsterhalme: „Jessas, Jungs, schaut nur, was sie aus dem Franz, dem Thilo und dem Heini gemacht haben!“ – „Ja, da staunt ihr, was? Wir tun jetzt nicht mehr nur dumpf vor uns hin baumen, sondern thematisieren, korrespondieren, dialogisieren und erlebbar machen!“
Na gut, sei's drum, denkt der Normalmensch, nachdem er den erwarteten Abschlußschwurbel („Der Perspektivenwechsel wird insofern visualisiert.“) mental verdaut hat; ist ja nicht so schlimm, und wenn nicht ein offensichtlich kunstsinniges Bleßhuhn auf die Idee gekommen wäre, ausgerechnet unter einer der grünen Säulen seinen diesjährigen Eierhaufen abzulegen, wäre der Schmarrn längst aus der Welt, den Augen und dem Sinn, und wir Banausen könnten uns mit anderem beschäftigen, zum Beispiel mit den Fußballergebnissen oder dem durchaus idyllischen und erfreulichen Anblick der Blutenburg ohne grüne Dinger.
Hirnmäßig besonders sperrig wird Kunst immer dann, wenn sie nicht nur „Themen aufgreift“, sondern so richtig pfundig politisch wirken möchte – dabei fällt in letzter Zeit meistens der lustige Name des auch äußerlich recht lustig wirkenden Chinesen Ai Weiwei, der, so hört man, mit seiner Kunst gehörig provoziere, Tabus breche usw. bla bla bla sowie nebenberuflich die beliebte Tätigkeit eines „Menschenrechtlers“ ausübe und deswegen von seiner Regierung, Verzeihung: dem Regime ganz fürchterlich gepiesackt werde. Seit 3. April sitzt Ai Weiwei in Haft, und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht aufgefordert werde, mich für ihn einzusetzen, mit ihm zu solidarisieren, zu protestieren und aufzubegehren, als säße ansonsten auf der ganzen Welt (oder notfalls: in Bayern) niemand im Gefängnis, der nicht hineingehört.
Aber meinetwegen: Hiermit fordere ich die chinesische Regierung auf, Herrn Ai nicht ungerecht zu behandeln und generell niemanden ins Gefängnis zu sperren, der nicht hineingehört. Hört ihr mich, ihr Regierungschinesen?
Vielleicht aber sollte man sich abgesehen von dieser Selbstverständlichkeit dem Wirken des Herrn Ai mal etwas genauer widmen. Dem Politischen, von dem Chinesen, Chinakenner und Chinakritiker meinen, es sei, weil weder konkret noch in irgendeiner Weise hilfreich, sondern „plakativ, leer und nichtssagend“ (so Zhu Ling, Galeristin für chinesische Gegenwartskunst in Berlin), nichts als Reklame für Ai Weiwei selbst – der als Architekt übrigens bei seinen Unterdrückern ein gefragter Mann ist: Er entwarf in deren Auftrag Parks, Museen, Luxusvillen und das Pekinger Olympiastadion. Derartige Projekte sind in China fast immer mit Zwangsenteignung, Vertreibung der Anwohner und rücksichtsloser Ausbeutung von Wanderarbeitern verbunden, von denen es mehr als 200 Millionen gibt, mit denen sich niemand solidarisiert, weil sonst Apple-Spielzeug und Nike-Schuhe teurer werden könnten. Auch nicht Ai Weiwei, der „Regimekritiker“, der seine Regimekritik auf wolkiges Dampfgeplauder beschränkt, das irgendwie für jedes Land der Welt paßt: „Die Regierung, das gesamte System opfert Bildung, Umweltressourcen und die Interessen der meisten Menschen, nur damit einige wenige Menschen mit Verbindung zur Regierung extrem reich werden können.“
Zum Beispiel der „Künstler“ Ai Weiwei, der als solcher in nennenswertem Umfang eigener Aussage zufolge erst seit 1995 tätig ist, 2004 seine erste Einzelausstellung hatte und dank explodierender Preise innerhalb weniger Monate ein derartiges Millionenvermögen anscheffelte, daß der Vorwurf, den ihm die chinesische Justiz macht (Steuerhinterziehung) irgendwie fast plausibel klingt. Und zwar mit Werken, die man eigentlich nicht kritisieren darf (schließlich sind sie „regimekritisch, gelt?), von denen der eine oder andere ehrliche Kritiker trotzdem meint, sie seien „lächerlich, bunt, skandalös schlecht“, neigten „zum billigen Effekt“ und hätten „viel mit PR, aber wenig mit Kunst zu tun“ (Karlheinz Schmid, Herausgeber der „Kunstzeitung“).
Andere Medien sehen das anders, etwa das Hochglanzmagazin „Monopol“: In dessen Internetarchiv finden sich 87 Artikel über Ai Weiwei – zum Vergleich: Picasso wird in 49 Artikeln (meist beiläufig) erwähnt, Francis Bacon bringt es auf 11, Van Gogh auf ganze 7 –, aber nicht ein einziges kritisches Wort. Herausgegeben wird dieses Heftchen von dem in China höchst aktiven Schweizer Medienkonzern Ringier. Dessen Vizepräsident ist der ehemalige Schweizer Botschafter in China, ein gewisser Uli Sigg, Schloßeigentümer, Anhänger des rechtsradikalen Milliardärs Christoph Blocher und Besitzer der weltweit größten Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst.
Sigg lernte Ai Weiwei 1995 in Peking kennen, überredete den Galeristen und Verleger, Künstler zu werden, wurde so was wie sein Manager und „vernetzte“ ihn so effektiv mit mächtigen Kuratoren diverser Biennalen und Documentas, daß er mit seinem pompösen Kitsch ohne Anlauf eine blitzartige Weltkarriere hinlegte – dank einer äußerst verkaufsträchtigen Mixtur aus Pseudo-Regimekritik, Lobbyismus und spektakulärem Aktionsgebimse (etwa um einen vier Tonnen schweren Felsklotz aus China, den er 2010 mit dem Hubschrauber auf den Gipfel des Hohen Dachsteins fliegen ließ, um, na klar: „das Spannungsverhältnis zwischen den Möglichkeiten des Menschen und der Größe der Natur“ zu „thematisieren“).
Das haben wir so ähnlich schon gehört und hegen den begründeten Verdacht, daß Kunst gar nichts anderes tut als irgendein Spannungszeug mit Mensch und Natur thematisieren oder korrespondieren oder aufgreifen oder wie auch immer – und weil unser Hirn aber locker groß genug ist, um zu wissen, daß das banaler Quark und ein arg billiger Vorwand zum Abgreifen von Millionen ist, wünschen wir Ai Weiwei viel Glück und beschäftigen uns lieber mit etwas Interessantem.


Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN. Diese Folge aus dem Juni 2011 ist auf Papier nachzulesen in dem Buch "Man ist immer zu gut zu den Blöden. Belästigungen 301-400".

Freitag, 24. Juli 2015

Belästigungen 14/2015: Wenn die Krähen eine Idee haben … haben die Menschen wohl auch eine Idee gehabt

Soweit ich weiß, sind Krähen und Menschen die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, die ab und zu Ideen haben. Andere Viecher lösen ihre Probleme anders: Hunde bellen sie so lange an, bis sie weggehen oder durch etwas Eßbares ersetzt werden; Katzen legen sich daneben, schlafen ein und haben beim Aufwachen vergessen, was das Problem war (und alles andere auch). Ameisen tragen einfach alles weg oder fressen es zusammen. Hasen haben keine Probleme, solange irgendwo was Grünes wächst, und wenn sie doch mal ein Problem haben, merken sie's erst, wenn es zu spät
Der Unterschied zwischen Menschen und Krähen ist, daß die Ideen der Rabenvögel meistens recht pfiffig und elegant sind, während die Sachen, auf die der Mensch so kommt, im Normalfall ziemlich ausarten.
Zum Beispiel hat sich der Mensch irgendwann mal in den Kopf gesetzt, daß er Gold haben will. Weil Gold recht wertvoll ist, ist es auch recht selten (oder umgekehrt), aber wenn sich der Mensch mal was in den Kopf setzt, setzt er umgehend auch sämtliche Hebel in Bewegung, und dann kommt er auf Ideen: Man könnte Gold, wo es so wenig davon gibt und man das wenige nur durch Mord, Ausbeutung oder schwere Schürfarbeit erlangen kann, doch einfach aus etwas anderem selber herstellen. So kam Hennig Brand vor dreihundertfünfzig Jahren auf die Idee, ein Bataillon Soldaten in einen riesigen Tank brunzen zu lassen und den Seich einzukochen – schließlich ist Urin goldgelb, gelt? (Ebenso wie Bier, könnte man einwenden, aber wer genug Bier hat, braucht kein Gold und kommt nicht auf blödsinnige Ideen.)
Als Herr Brand seine Hektoliter von Rohmaterial (das, könnte man einwenden, zu einem nicht unwesentlichen Teil ursprünglich Bier gewesen war, aber mei) ordnungsgemäß zusammengeköchelt hatte, verblieb ein schwarzer Baz, was den olfaktorisch unerschrockenen Alchemisten nur milde enttäuschte. Er rührte einfach Sand hinein – Idee! Idee! – und brannte und glühte das Ganze noch mal anständig. Und siehe da: Schon kam ein Destillat heraus, das zwar kein Gold war, aber immerhin im Dunkeln leuchtete. Ein paar hundert Jahre später bauten Rüstungsfabrikanten aus dem Zeug Phosphorbomben und warfen sie auf Häuser und Menschen: Das Zeug war also wohl noch mehr wert als Gold, aus dem man nichts bauen kann, was Menschen umbringt.
Jetzt hüpfen wir mal in die jüngere Geschichte, wo es auch Probleme gab (und gibt), für deren Lösung man Ideen haben kann. Zum Beispiel stellte sich in den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts heraus, daß die reichen Menschen immer langsamer noch reicher wurden, weil das unverschämte Pack der Ausgebeuteten immer weniger Lust hatte, sich ausbeuten zu lassen, sondern selber ein bisserl Freude am Leben wollte und Forderungen stellte (Lohnerhöhung! Rentenerhöhung! Steuererhöhung!), die die Kerle mit dem Gold und den Phosphorbomben angesichts von Terrorismus, Sozialismus und anderen wilden Zeiterscheinungen zähneknirschend auch noch teilweise erfüllen mußten.
Ein Saustall! brüllten sie da, und mal wieder hatte jemand eine Idee: Man müsse, lautete sie, ja nur denen, die den ganzen Zinnober erarbeiten, wieder mehr wegnehmen, es den anderen (Gold und Phosphorbomben) geben und eine gute Ausrede finden. Zum Beispiel daß dann, wenn die Reichen immer reicher werden, irgendwann auch die Armen immer reicher werden. Das nannte man „Trickle-down effect“.
Das Prinzip geht also ungefähr so: Mama backt einen Obstkuchen, Papa ißt den ganzen Kuchen allein auf, weil: Wenn Papa so richtig den Ranzen voll hat, werden irgendwie auch Mama und die Kinder satt, vom Zuschauen oder so. Außerdem ist jetzt Sommer, da gibt es jeden Tag mehr Obst, und wenn Mama und die Kinder ordentlich den Gürtel enger schnallen, dann dauert dieser Sommer ewig. Dann kommt kein Winter mehr, und die Welt ist ein Paradies, in dem übrigens – dank „Chancengerechtigkeit“ (wer diese Übelparole erfunden hat, weiß ich nicht mehr; ich vermute: SPD, CDU, CSU, FDP oder die „Grünen“) – jeder Papa werden kann, wenn er sich tüchtig bildet und anstrengt.
Freilich: ein Riesenschmarrn. Die dümmste Idee seit ungefähr zweihunderttausend Jahren. Ich stelle mir heute noch gerne das Gesicht von Margaret Thatcher, Ronald Reagan und ihren „Beratern“ vor, als sich herausstellte, daß die Ausgebeuteten (Mama und Kinder) von Fernseh, Presse und anderen Verblödungsmechanismen so wirksam verblödet waren, daß sie den Quatsch nicht nur glaubten, sondern ihn sogar um den Preis weiterer Ausbeutung und Verarmung mit Haut und Haar und bis heute verteidigen.
Tja. Und dann macht es halt irgendwann mal leise „Bumm“ oder „Zschrumpf“, und der Papa hat so viel Obstkuchen in sich hineingeschaufelt, daß es ihn zerreißt, und die Mama und die Kinder stellen fest, daß der Papa eigentlich ziemlich scheiße aussieht in diesem Zustand und daß vor allem sie langsam ziemlich Hunger haben und krank sind und am Verrecken und daß das ganze Haus vergammelt und verschimmelt und am Einstürzen ist, während sich der Papa in seinem Privatrefugium inzwischen die Wände mit Gold tapezieren und Diamantkronen in die Zähne drehen läßt.
Dann gehen sie zum Beispiel her und wählen in Griechenland eine Syriza-Regierung, weil es so nicht weitergehen kann, weil Kinder sterben und Rentner verhungern und nichts mehr funktioniert und fast jedem fast alles weggenommen wird, um es in den Schlund deutscher Banken zu kippen, die mit den ungeheuren Massen von Geld längst nichts mehr anzufangen wissen und deswegen alle möglichen Fantasy-„Märkte“ erfinden, um das Zeug zusammenzuköcheln, ohne daß irgendwas draus wird, was im Dunkeln leuchtet.
Aber mei, eine Idee ist eine Idee, und die muß bis zum bitteren Ende durchgefochten werden. „Bild“ und „SZ“ sorgen mit täglicher Einpeitschung dafür, daß weiterhin die Ausgebeuteten hier auf die Ausgebeuteten anderswo sauer sind und sich gegenseitig vorwerfen, immer noch nicht alles den deutschen Banken gegeben zu haben, und wenn dann endlich die deutschen Banken alles, aber auch wirklich alles haben und der ganze Kontinent ein einziger Haufen Elend, Krieg und Verschimmelung mit einem winzigkleinen Türmchen aus Gold und Diamanten in der Mitte ist (mit einer Hundehütte davor, aus der Marc Beise immer noch herausbellt, es müßten endlich die Spitzensteuersätze gesenkt werden, damit etwas voran und es allen besser gehe) …
… dann werdet ihr vielleicht bemerken, daß seit geraumer Zeit immer mehr Krähen über dem gärenden Misthaufen kreisen. Ich vermute, die haben eine Idee.


Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Frisch gepreßt #341: Palma Violets "Danger In The Club"


Einen Urknall erkennt man manchmal nicht unbedingt daran, was plötzlich alles da ist, sondern vielmehr an dem, was plötzlich nicht mehr da oder zumindest nicht mehr sicht- und unterscheidbar ist.
Zum Beispiel war die gesamte Popmusik vor ungefähr zweieinhalb Jahren, als die erste Single der Londoner Band Palma Violets erschien, mit einem Schlag ziemlich leer: Da surrten und bifften im riesigen Nichts lediglich ein paar belanglose, weitgehend identische Elementarteilchen herum, während der gesamte gerade scheinbar noch so bunt wimmelnde Kosmos überstrahlt und erleuchtet war vom tiefblauen Licht, von der dunkel wogenden Energie einer Band, mit der niemand im Traum gerechnet hatte.
Lustigerweise bekam das kaum jemand mit. Mag sein, daß Elementarteilchen kein Bewußtsein und keine Sinnesorgane für etwas haben, was jenseits ihrer Naturgesetze passiert und diese Gesetze mitsamt ihrer sogenannten Natur als faden Kinkerlitz entlarven. Mag sein, daß Popmusik tatsächlich relevant ohnehin nur für jene ist, die über ein solches Organ verfügen und daher bemerkten, daß sie seit Jahren in einem Vakuum lebten. Aber auch die ahnten nichts. Es knallte plötzlich ur, und – zack! – war das Vertraute nur noch grauer Brei.
Das Geheimnis der Größe von Popmusik ist, mehr zu wollen (und zu behaupten), als man kann. Das galt für die Beatles, die gerade noch eine Beatkapelle und im nächsten Moment das Phänomen des Jahrhunderts und berühmter als Jesus waren. Es galt für die Sex Pistols (die viel mehr konnten, als sie behaupteten, was die Sache aber nur noch größer machte), für The Clash (die in kürzester Zeit mehr lernten, als die meisten anderen je können werden), für Oasis, auch für die Libertines, mit denen die Palma Violets, nachdem die Debütsingle „Best Of Friends“ vom NME als „Song des Jahres“ bejubelt und der Nachfolger „Step Up For The Cool Cats“ von Zane Lowe zur „heißesten Platte der Welt“ ernannt worden war, eifrig verglichen wurden. Zu Recht und doch nicht: die waren damals, gut ein Jahrzehnt zuvor, der Hauptfelsen in einer gewaltigen Lawine, der zudem von Anfang an chaotisch am Zerbröseln war. Das Debütalbum „180“ der Palma Violets war und ist ein Monolith für die Ewigkeit.
Die Welt, wie gesagt, weiß davon wenig bis nichts. Das ist kein Problem für eine Band, die sich einen eigenen Kosmos geschaffen hat und ihn vollständig ausfüllt. Und die jetzt mehr will, viel mehr, wesentlich mehr als sie kann und als jemals jemand können wird (mangels Intuition): 16 Songs (den albern-coolen Opener mal substrahiert)! Nein: Hymnen! Instant-Klassiker! Mit eingebauter Selbstsabotage durch Tempo-, Takt-, Rhythmus- und Harmoniewechsel am laufenden Band! Arrangements wie eine Wundertüte, die jemand in die Moulinette gekippt hat (ohne Deckel)! Eine Produktion (John Leckie!), bei der man sich mit geschlossenen Augen automatisch einen Übungsraum vorstellt. Und zwar einen, der ungefähr so groß ist wie drei Olympiahallen.
Und eigentlich ist in „Hollywood (I Got It)“ schon alles drin, womit andere Bands ganze Alben füllen, vielleicht abgesehen vom rudimentären Text, dafür inklusive Grande Finale. Aber „Girl, You Couldn’t Do Much Better On The Beach“ knallt, donnert, strahlt, rockt und überrascht gleich noch ein Stück mehr, bis hin zum ziemlich unverschämten Fade-out. Und dann ist der erste Dampf abgelassen und geht es mit dem Titelsong erst richtig los, und wenn es überhaupt etwas gibt, was den Hörer im Verlauf der folgenden 13 Tracks nerven könnte, dann: daß man sich das alles gar nicht merken kann, auch nicht beim vierten Hören, weil immer wieder was Neues, Sensationelles, Irres daherkommt.
O yeah. Der Urknall war vor zwei Jahren, jetzt ist ein Universum da. Und es braucht nur eine einzige Band, um es mit Wahnwitz, Liebe, Schönheit und Hysterie zu füllen. Wow.


Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Sonntag, 12. Juli 2015

Belästigungen 13/2015: Von der umgekehrten Kompatibilität des Krenweiberls (eine erzkonservative Tirade)

Ein guter Freund hatte neulich ein Computerproblem, das relativ typisch ist: Er lud sich ein paar Programme runter und stellte nach kurzer Zeit fest, daß diese Programme „Updates“ verlangten, die mit seinem „alten“ Betriebssystem nicht kompatibel waren, sondern nur mit einem mindestens mittelalten, am besten aber neuen. Neue Betriebssysteme funktionieren grundsätzlich selten, und wenn doch, legen sie nicht mehr ganz neue Computer zuverlässig so lahm, daß deren Benutzer täglich ungefähr so viel Zeit damit zubringen, lustig animierte Eieruhren und Brummkreisel anzuglotzen, wie man früher damit zubrachte, Bücher zu lesen, Gespräche zu führen, zum Baden zu fahren, im Wald spazieren zu gehen, Eis zu essen und Sex zu haben.
Langer Rede kurzer Sinn: Der Freund brauchte statt seines alten ein mittelaltes Betriebssystem. Das gibt es auch; Millionen Computer laufen damit – aber man kann es nicht mehr käuflich erwerben. Das heißt: kann man schon, allerdings muß man sich dazu erst das ganz neue kaufen und dann noch mal einen beträchtlichen Geldbetrag hinblättern, um es auf das mittelalte herunter zu (fränkisch gesprochen) „gräten“.
Für das gleiche Geld könnte man sich einen gebrauchten mittelalten Computer kaufen, der mit dem mittelalten Betriebssystem läuft, allerdings hat man dann in drei Monaten das gleiche Problem, wenn nämlich wieder ein superduperneues Betriebssystem „erscheint“ (aufgrund eines Naturwunders in einem kalifornischen Tal, wie ich vermute) und alle möglichen Programme nicht mehr kompatibel sind, weil sie ihre täglichen „Updates“ brauchen wie der grüne Landtagshockerfurzer sein Müsli (mit dem gleichen Ergebnis, was Plautzenschwellung, geistige Trägheit, Furzfrequenz und früher oder später eintretende generelle Inkompatibilität betrifft).
Irgendwann wird der Freund seine vor lauter „Update“-Müsli geplatzte Kiste (die ansonsten weitgehend nagelneu ist und noch 20 bis 40 Jahre laufen täte, wenn sie die „Updates“ wieder herauskoten könnte) in den Müll schmeißen, wo jedes Jahr Milliarden dieser Kisten landen, die man am besten allesamt in einen Vulkan kippen sollte, damit sich die Megatonnen wertvoller Metalle wenigstens ungefähr sammeln und in hunderttausend Jahren die nächste „Informationsgesellschaft“ die Erzlagerstätten anzapfen und neue Computer bauen, sie mit „Updates“ vollpumpen und den nächsten Kapitalismus hyperventilieren lassen kann.
Oder nein, vielleicht ist das gar nicht so toll. Vielleicht wäre es gescheiter, den ganzen Schmarrn einfach abzubrechen, Bücher zu lesen, Gespräche zu führen, zum Baden zu fahren, im Wald spazieren zu gehen, Eis zu essen und Sex zu haben. Nämlich ist es zwar heute nachweislich nicht mehr so gut wie früher, als alles besser war, aber immer noch besser als irgendwann, wo es noch schlechter wird, und deshalb frage ich mich schon lange, wieso so viele Menschen da unbedingt hinwollen: in diese „Zukunft“, in der die „Updates“ minütlich auf den Computer einprasseln und man sich jeden Tag vor Aufsuchung des „Arbeitsplatzes“ eine neue Kiste kaufen muß, während irgendwo droben im Weltall eine galaxiengroße „Cloud“ herumwabert, randvoll mit inkompatiblen Daten.
Eine Stadt übrigens, z. B. die Münchner Stadt, ist auch nichts recht viel anderes als ein Computer. Da wird jährlich, wöchentlich, stündlich „upgedatet“, und ständig stellt irgendwer fest, daß irgendwas nicht mehr hinauf „gegrätet“ werden kann und deswegen weg muß, obwohl es eigentlich noch gut ist und nur denen nicht schmerzlich abgeht, die sowieso nur am Rödeln sind und die eineinhalb Stunden zwischen Ausbeutung und Schlafstörung mit genormten (und „upgedateten“) „Freizeitangeboten“ vollstopfen (die derart fad sind, daß man lieber darauf verzichtet und noch mehr rödelt).
Deswegen werden quadratkilometerweise Hausfassaden mit Styroporplatten vollgepfompft, deswegen pflastert man jede brach verbliebene Idylle mit betonierten „Freizeitangeboten“ zu, deswegen muß jedes Schlupfloch, jede Nische „bespielt“ und mit Halligalli-„Updates“ vollgepumpt werden, deswegen zahlt man sein Bier am Chinesischen Turm nicht mehr am Ausschank, sondern an einem umgewandeltem Fabrikmonster aus Ikea-Kachelkabinen, die aussehen wie eine Art „Kunst im öffentlichen Raum“ zum Gedenken an die mittelalte Geschichte der Stadt Dachau. Deswegen auch gedeihen auf dem schönen Agrarland nördlich von Schwabing und der Lerchenau nicht mehr Gemüse und Salat, sondern Wohnblocks und hektarweise Raps zur Produktion von Benzin in derartigen Mengen, daß es trotz Wohnblocks und totaler Mobilisierung nicht mehr motorisch in Giftgas umgewandelt werden kann, weshalb man es als „Rapsöl“ in sämtliche Fertiggerichte und mittlerweile selbst in geriebenen Meerrettich hineinrührt, wo es Körper und Geist der „Konsumenten“ noch effektiver ruiniert, während nirgendwo mehr abends das Krenweiberl an der Tür klingelt (oder tüdelüt, weil Klingeln zu wenig Energie verbrauchen und deswegen auch nicht mehr gängig sind) und frisch geriebenen Meerrettich und eine nette Ratscherei anbietet.
Und deswegen schlage ich vor: alles Neue daran zu messen, ob es mit dem Alten, noch Guten kompatibel ist. Und nicht andersherum. Das könnte doch einen Versuch wert sein, nachdem sich die umgekehrte Vorgehensweise, das Alte in die Tonne zu hauen, wenn es mit dem Neuen nicht kompatibel ist, seit 200 Jahren täglich und minütlich als Riesenblödsinn erweist.

Die Kolumne "Belästigungen erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.



Samstag, 27. Juni 2015

Belästigungen 12/2015: Eine Marginalie, freilich, aber so fängt es doch immer an (oder auch nicht)

In den letzten Jahren ist viel von Demokratie, Bürgerrechten und Zivilcourage die Rede – vor allem in der Auslandsberichterstattung, wo es darum geht, dem deutschen Bürger schmackhaft zu machen, daß zwecks Erlangung dieser „Werte“ in anderen Ländern Umstürze, Staatsstreiche und Militäreinsätze unabdingbar sind. Wie gut, salbadern dann stets die Kommentatoren, daß es bei uns eine Verfassung gibt, die die Grundrechte schützt.
Jawohl, gut so, und daß die bayerische Verfassung kaum noch einer kennt, ist ja wurst, solange wohlmeinende Behörden und Beamte dafür sorgen, daß sie weiterhin getreu umgesetzt wird. Verfassungen allerdings gibt es anderswo auch; da steht indes möglicherweise nicht überall etwas von der Zugänglichkeit und Allgemeinverfügbarkeit des öffentlichen Raums drin. Bei uns schon. Da darf man hinein und sich aufhalten, und wenn in letzter Zeit immer öfter Konzerne und internationale Kriegsvereine den öffentlichen Raum für sich beanspruchen, dann ist das halt ein Ärgernis, aber bei weitem nicht so schlimm wie zum Beispiel damals in der DDR oder so.
Circa zweimal täglich trägt mich mein Fahrrad durch den Olympiapark, der zwar von Haus aus schon keine „landschaftliche Schönheit, ist und in den letzten Jahren durch ausuferndes Eventgebimmel so umgestaltet wurde und wird, daß er zeitweise einem überdimensionierten Flipperkasten aus den frühen Achtzigern ähnelt. Aber immerhin ist er ein „Erholungspark“ und bietet nebenbei eine günstige Abkürzung in den schönen Münchner Norden, wo das Leben noch eine Freude ist, weil ihn die Eventbimmler noch nicht „für sich“ entdeckt haben.
Neulich wollte ich da wieder einmal hindurch, als sich mir plötzlich auf Höhe der Schwimmhalle ein stämmiger Mann in der Uniform eines ukrainischen Kombattanten in den Weg stellte, ein Plastikband über den Weg spannte und mich „So, der Herr!“ nannte. Da, sagte er, dürfe ich nicht hindurch. Das dürfe ich wohl, entgegnete ich und ersuchte um eine Erklärung.
Der Park sei zwecks Durchführung einer Rockveranstaltung gesperrt, erklärte er und fügte auf meine Frage, wer sich hier anmaße, die bayerische Verfassung außer Kraft zu setzen, hinzu, dies sei die Stadt München. Einen Ansprechpartner oder eine Beschwerdestelle könne er nicht nennen, die Firmenbezeichnung seines direkten Auftraggebers dürfe er ebenfalls nicht verraten. Ein neugierig herbeischlendernder Polizist teilte mit, die Durchführung derartiger Veranstaltungen entspreche „sicherlich“ der Anlagensatzung. Es sei mir neu, sagte ich, daß eine Anlagensatzung einfach so die bayerische Verfassung brechen dürfe. Er zuckte die Schultern und meinte, das sei „halt so“.
Inzwischen hatte sich eine etwa zehnköpfige Gruppe jugendlicher Radlerinnen angesammelt, die den gleichen Weg hatten wie ich und nun lange Gesichter zogen. „Mädels“, rief ich, „Verbrecherbanden haben den Olympiapark besetzt! Es ist an der Zeit, unser Bürgerrecht zu erkämpfen!“
Sie blickten skeptisch. „Hier ist Zivilcourage gefragt!“ rief ich weiter. „Jetzt sind wir eine Handvoll, aber wenn wir eine Stunde warten, werden wir hunderte sein!“ Der Polizist lächelte unsicher und sagte, das sei doch ein Schmarrn. Die Mädchen, inzwischen verstärkt durch einige weitere Radfahrer, von denen immerhin einer in traditioneller Trachtenkleidung schimpfte, es handle sich um einen Skandal und er könne ja demnächst auch einfach mal den Mittleren Ring sperren, um auf der Fahrbahn Zither zu spielen, dann sei er ja gespannt.
Eine rechte Revolutionsstimmung wollte jedoch nicht aufkommen. Die Mädchen beschlossen, „das“ sei „halt so“, und zogen ab, der Zitherrebell fuhr kopfschüttelnd ebenfalls von dannen. Ein Trupp von Eventwilligen in grimmigen T-Shirts mit Tötungsdrohungen und Abbildungen unirdischer Ungeheuer ließ sich belehren, dies sei kein Eingang und sie müßten eine halbe Stunde Umweg über den Ring, die Lerchenauer Straße und das Olympiadorf in Kauf nehmen, um zwei Meter weiter rechts beim ordentlichen Eingang anzulangen, murrte nicht einmal und setzte auch keine seiner gedruckten Tötungsdrohungen in die Tat um, sondern tippelte unter Mitführung der längst zur Ungenießbarkeit erwärmten Paletten von Billigbier von dannen.
Ich gab nicht so leicht auf und erlangte schließlich von dem Kombattanten die Genehmigung, sein Plastikband zu unterschreiten und über eine Treppe an einer Tut-ench-Amun-Ausstellung vorbei wenigstens eine halbe Abkürzung zu machen. Ob in der Ausstellung erwähnt wurde, wie sehr sich der ägyptische Pharao stets um die Wohlfahrt der ihm göttlicherseits zugeteilten Bevölkerung bemühte, weiß ich nicht. Der Eintritt war zu teuer, und egal ist's außerdem, weil heute sowieso niemand mehr einen wählen oder erkiesen täte, der aussieht wie Freddie Mercury und die Belange der „Wirtschaft“ nicht jederzeit bedingungslos über das Lebensglück der „kleinen Leute“ stellt.
Abends versuchte ich meine Gedanken zu diesem Geschehnis in kämpferische Worte zu fassen, was aber nicht recht glücken wollte, weil vom Olympiapark her stumpfes Dumpfgestampfe scholl, wegen ungünstiger Windlage zeitweise überdröhnt von den Automassen auf dem Mittleren Ring, den der Zithermann offenbar doch keiner Sperrung unterzogen hatte. Irgendwann war das Hirn vom Lärmgetobe lahmgelegt und mürbe; es blieb nur noch die in Bayern immerhin meist verfügbare Gegendröhnung mit notfalls genießbarem Teuerbier und das Fügen in die Einsicht: „Das ist halt so.“
Es gibt ja auch viel schlimmere Mißstände, stimmt's, vor allem im Ausland, und was ist das Recht auf Zugang zum öffentlichen Raum und seinen landschaftlichen Schönheiten gegen das Recht auf Internet, Fernseh, Einkaufen und Rockevents? Was sind dagegen schon Demokratie, Bürgerrechte und sonstiges Geplänkel vor der eigenen Haustür?

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Montag, 15. Juni 2015

Frisch gepreßt #340: Blur "The Magic Whip"


Wie unfaßbar bedeutend und absurd depptrottelig lächerlich zugleich Popmusik sein kann, zeigt kaum ein Casus so beispielhaft wie die legendäre „Rivalität“ zwischen Blur und Oasis in der Goldenen Ära des Britpop vor zwanzig Jahren. Da scherte sich eine ganze (internationale) Nation ein paar Wochen und Monate lang um kaum etwas als die Hin-und-Her-Schimpferei zweier Popgruppen bzw. ihrer Hauptprotagonisten, Mitarbeiter und Fans. Vor allem aber bestand die ganze „Welle“, auf der sie ritten und in der wunderbare Bands wie die Longpigs leider untergingen, aus einer hemmungslosen Orgie des In-einen-Topf-Schmeißens, bei der sämtliche Pseudomusikjournalisten der westlichen Welt im Vollsuff der Aftershowparties damit beschäftigt waren, auf alles denselben Stempel draufzuklatschen. Die Plattenfirmen taten fröhlich mit und beklebten ihre Plastikschachteln mit Union Jacks und „Buy British“-Etiketten, bis das mediale Universum aussah wie eine einzige Britparade und niemand das gleichgemachte Zeug mehr sehen und hören wollte.
Dabei sind das Interessante doch die Unterschiede und, hinter ihnen wurzelnd und sie als notwendige Parasiten tragend, die Eigenheiten. Wer sich ohne biographische Vorbelastung (oder auch mit einer solchen) heute „Dan Abnormal“ und „All Around The World“ anhört, braucht fünf Gehirne und drei Phantasien, um zu begreifen, daß beides mal in ein und dasselbe angebliche Genre gestopft werden sollte.
Alles ein Thema für Althistoriker, und zum Glück ist niemand mehr so doof, Querverbindungen herstellen zu wollen zwischen dem kreuzbiederen und stinkestonkfaden Seim, der aus Noel Gallaghers aktueller Platte quillt, ohne mehr als den Eindruck zu hinterlassen, man ertrinke in Leberwurst, und dem neuen Album von Blur, auf dem in den ersten acht Takten des Openers „Lonesome Street“ mehr passiert als auf sämtlichen Oasis- und Gallagher-Alben seit „(What’s The Story) Morning Glory“ zusammen. (War das jetzt doch eine Querverbindung? Oh, Verzeihung!)
Na gut, mag man sagen, sie hatten ja auch Zeit: Zwölf Jahre sind seit dem lauen Abgesang „Think Tank“ vergangen, da sammelt sich trotz mannigfaltigen Solo- und Projektarbeiten schon was an. Aber die heutige Band Blur steht mit allen acht Beinen ebenso fest wie locker federnd in der Gegenwart, und daß man sie trotzdem wiedererkennt, liegt lediglich an ihrer Unverwechselbarkeit und an sozusagen genetisch veranlagten, eben: Eigenheiten.
Der typisch (meinetwegen: britisch, aber längst nicht mehr ungestüm) swingende Groove, die melancholisch angebräunten Harmonieflüsse, der chic herausgestellte Londoner Akzent, die witzigen Ideen, die die Band wie bunten Diamantschnee zwischen die Schichten der (an sich meist klassisch simplen) Songs rieseln läßt, Graham Coxons an sämtlichen Underground- und Avantgarde-Experimentatoren der letzten fünfzig Jahre geschulte (und überall darüber hinaussprießende) Gitarreneskapaden … Das ist so charakteristisch Blur, daß einem plötzlich wieder einfällt, wie ungerecht es war, sie damals in Verknüpfung mit dem gallagherschen Beatles-Getue als Kinks-(und XTC-)Epigonen zu betrachten (auch wenn „Country House“ das gerechtfertigt haben mag).
Viel wichtiger war eine Band, die kaum jemand je mit Britpop in Verbindung gebracht hat: Wire, die vielleicht britischsten, wagemutigsten, solitärsten und größten Grenzgänger der Popgeschichte (deren neues Album übrigens auch grad erschienen ist). Die scheinbar simplen, aber irgendwie auf hypnotische Weise unlogischen Harmonien und an den Rändern verwischten Melodien, der skurrile, immer ernstgemeinte Witz, die verdrehten Ideenfäden, aus denen plötzlich ein Strick wird, der gleich wieder reißt, die vielen schroffen und charmanten Brüche, die provozierte Unschärfe, die Verweigerung gängiger Popstrukturen bei gleichzeitig höchster Poptauglichkeit – all das kann, wer mag, ohne Probleme auf Alben wie „Pink Flag“, „Chairs Missing“ und „Send“ zurückführen.
Ach, wer weiß: Vielleicht wäre es witzig, eine neue Britpop-Thronrivalität zwischen Blur und Wire zu inszenieren. Und sei’s nur um zu zeigen, wie unfaßbar bedeutend und absurd depptrottelig lächerlich zugleich Popmusik sein kann.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.