Samstag, 18. April 2015

Belästigungen 06/2015: Das gibt es auch als Buch! (inkl. Nabokov, Fix & Foxi und Lagerfeuer)

Wenn im frühen Frühling der weiche Regen die Fenster wäscht, verkrieche ich mich gerne in die Welt der gedruckten Buchstaben. Dies ist eine extrem verniedlichende Umschreibung für ein schlimmes Problem: die galoppierende Büchersucht, an der ich leide, seit ich eines Tages von einem lieben Menschen sozusagen die Einstiegsräuberleiter hingehalten bekam. Wir hatten uns gemeinsam einen schönen Film angeschaut, und sie sagte, das gebe es „auch als Buch“.
Eine unverschämte Untertreibung. Es gab den Film nicht etwa als Buch, sondern es gab ein Buch, aus dem irgendwer ein Filmchen herausgewrungen hatte, so wie man aus einer jahrelangen Beziehung ein „Fazit“ herauswringt oder Witzchen über Sex macht, von denen man in verzweifelten Momenten zwischen Klo und Tresen meint, sie seien genauso gut wie Sex.
Ich war angefixt und wurde Junkie. Irgendwann jedoch ließ ich mich überreden, eine und dann gleich zwei Tageszeitungen zu abonnieren, um wieder mit der Welt in Kontakt zu treten, deren graugründampfige Ausdünstung via Fernsehen ich längst nicht mehr ertrug. Ein großer Fehler: Die Bücher blieben fortan weitgehend im Regal, während ich mich in der Badewanne und im Liegestuhl mit legasthenischem Propagandamüll quälte und ab und zu sehnsüchtig ihre Rücken streichelte: keine Zeit, ihr Lieben.
Gott sei Dank: vorbei. Seit sich die deutschen „Printmedien“ durch impertinentes wirtschaftsfaschistisches Indoktrinationsgehampel und kriegstreiberisches Gelärme endgültig disqualifiziert haben, seit vom sogenannten Journalismus nur noch zwei, drei Fossilien übrig sind, mit denen man lieber hin und wieder ein Bier trinkt, ist die alte Sucht zurückgekehrt und hat eine strahlende, nie vollständig zu ergründende Welt mit sich gebracht, in der es um gänzlich anderes geht als das angeblich so wichtige Geseier. Und trotzdem muß ich ein Geständnis ablegen: Ich tue hin und wieder etwas, was „Kulturmenschen“ für schlimmer erachten als Kinder zu watschen oder in die Ukraine einzumarschieren: Ich schmeiße Bücher weg.
Die Büchersucht ist eine elitäre Angewohnheit, auch wenn es auf den ersten Blick anders scheinen mag. So läuten etwa seit Jahren (oder Jahrhunderten?) in regelmäßigen Abständen die entsprechenden Multiplikatoren ihre Alarmglocken und behaupten, das Lesen seit eine untergehende Kulturtechnik, das Buch sterbe aus usw. usf. – dabei wurden in der gesamten Menschheitsgeschichte nie so viele Bücher ver- und gekauft wie heute. Zugleich strotzen und platzen sämtliche Medien vor Kaufempfehlungen, die offenbar auch befolgt werden, und in den Biergärten und Kneipen plärren sich die Leute gegenseitig zu, welche aktuellen Schwarten man unbedingt kaufen kaufen kaufen muß, um dranzubleiben, in zu sein und nicht den Zug zu verpassen.
Kein Zweifel also: Es gilt als ungeheuer erstrebenswert, Bücher zu lesen. Keine Ahnung, wieso. Neunzig Prozent aller Bücher, in die ich je hineingeschaut habe, waren scheiße, und es waren zehntausende, und neunundneunzig Prozent aller Bücher, die heute im Handel sind und angeblich „sellen“, sind ebenfalls scheiße. Wieso also soll es sinnvoll sein, sich irgend so einen Thrillerdreck namens „Blutrünstig“, „Opfer“ oder „Zerstückelt“ zu kaufen, ein paar Seiten zu lesen und den Scheiß dann jahrelang irgendwo herumliegen zu haben, weil „man Bücher nicht wegschmeißt“?
Aber nein, Lesen ist toll, Buch ist supi, und deswegen betreibt man in Deutschland sogar amtlich „Leseförderung“, freut sich wie ein Leberknödel über jeden abverkauften Haufen Papier und betoniert die Kaufhäuser nur so zu mit immer neuen Bestsellerlawinen, die immer dasselbe sind: Müll.
Daß derweil die Bücher, die es wert wären, gelesen zu werden, seit Jahrzehnten vergriffen, nur in übelsten Ausgaben verfügbar, in Kleinstverlagen oder gar nicht erschienen sind, ist die Kehrseite einer verlogenen Kulturfurzerei, die uns klarmachen möchte, jeder noch so minder- bis nullwertige Sprachschleim sei ein dringend zu wahrendes „Gut“ und nicht das, was es ist: eine erbärmliche, wertlose, vollkommen überflüssige Ware, die sich als etwas gaaanz anderes als ein Erfrischungsstäbchen aufführt, nur weil ein Verlag daran verdient und weil Lesen (im Gegensatz zu Wichsen) eine kulturelle Tätigkeit sei. Der Kapitalismus kennt keinen Unterschied zwischen Nabokov und Fix und Foxi, abgesehen von dem kleinen Detail, daß Nabokov, weil „zu literarisch“ und „anspruchsvoll“, heute keinen Verlag mehr fände, und Deutschlands große Verlage kennen nicht nur keinen Unterschied, sondern überhaupt nichts mehr. Außer Summen.
Ein Vergleich: Ebenso dringlich gefördert und gefordert wie das Lesen wird seit Jahren das Wählen, und der Grund ist derselbe: Wenn ich in eine Buchhandlung hineingehe und dort mit Lawinen von identisch blödsinnigem Dreck zugeschüttet werde, gehe ich unverrichteter Dinge wieder hinaus, und wenn ich in ein Wahllokal gehe und auf dem Stimmzettel keine Partei finde, die nicht ausdrücklich für Wachstum, Wettbewerb und „Nachhaltigkeit“ „eintritt“, habe ich eben keine Wahl und schenke mir den Scheiß. Auch hier reagieren die auf meine Mitwirkung angewiesenen Profiteure wie gewohnt: Anstatt sich zu fragen, ob ich mir den Scheiß deswegen schenke, weil es für mich nichts zu wählen gibt, wollen sie mich animieren, verleiten, verführen und drängen. Es ist mir aber nun mal ehrlich ehrlich ehrlich egal, ob die Exekuteure des Ausbeutungsterrors CDU, SPD oder sonstwie heißen. Wenn ich etwas, was zum Kotzen ist, nicht ändern kann, werde ich den Teufel tun und es auch noch durch meine Mitwirkung absegnen. Wer das „schlimm“ findet und meint, es gerate „die Demokratie“ in Gefahr, sollte sich fragen, ob er „Demokratie“ nicht mit einer Staubsaugermarke verwechselt.
Ähnlich ist es bei den Büchern, aber immerhin: Da habe ich eine Wahl. Da kann ich ein vergriffenes Bändchen eines von den Feuilletons mit Ignoranz gekillten Autors für zehn Cent beim Straßenhändler erwerben und einen vergnüglichen bis wunderbaren Nachmittag damit verbringen, während ich an den Megaklötzen der Rummelverlage mit einem herzlichen „Bah!“ vorbeiflanieren und sie, wenn sie mir ungefragt ins Haus fluten, frohgemut ins Lagerfeuer schmeißen darf.
Und ich kann sogar hin und wieder, wenn mich jemand auf die angebliche Welt da draußen und ihren fürchterlichen Zustand hinweisen möchte, freundlich sagen: Das gibt es auch als Buch, und da ist es ganz anders. Wer könnte so etwas von Politik, Journalismus oder Heroin behaupten?

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Frisch gepreßt #337: The Cribs "For All My Sisters"


Oft geht die Klage, es sei alles schon dagewesen und nichts neu. Vor allem aber sei alles nicht nur schon dagewesen, sondern ja immer noch da: 1964 zum Beispiel habe es den letzten Urknall (circa Elvis usw.) nur noch als ferne Erinnerung und auf ein paar zerkratzten Antiquitäten in Papas Kinderkoffer droben im Speicher gegeben – leichtes Spiel für Rolling Stones und Konsorten, denn mit so was läßt sich eine zünftige Teenagerrevolte nicht gestalten. 1972 das gleiche Spiel, diesmal zum Beispiel von Marc Bolan mit genialischem Augenblicksgespür und ohne Arg (sie meinten es ja alle ernst!) betrieben, 1976 dann von Punks und Hip-Hoppern. Ein scheinbar unendlicher Spiralkreislauf von Wellen, die anrollen, versanden, verebben, von der nächsten überschäumt werden, deren ideeller Schwester am Meeresstrand man ja auch nicht ansieht, wie sehr sie der in Sekunden vergessenen Vorgängerin ähnelt.
Geht nicht mehr, weil es heute nur ein paar Klicks braucht, um alles gleichzeitig zu erleben, den ganzen Rock ’n’ Roll, ein veritables Jahrhundert an Krach, Posen, Attitüden, Melodien, Akkorden, Klamotten, Settings und philosophischem Begleitmaterial inklusive fast nichtexistenten Raritäten und Zillionen an Alternativversionen. Hach! seufzt der Kulturpessimist, zu Ende sei die Geschichte und Neues nicht mehr drin.
Na und? fragen wir zurück und weisen auf gerne ausgeblendete Argumente hin: Neuigkeit als solche mag leidlich spannend sein (oder gewesen im Zeitalter der Science Fiction, als es per se cool war, mit Roxy im Ohr zum Mars zu fliegen, ohne zu wissen, was man da eigentlich sollte), wirkungsvoller aber ist die Sache selbst (als zum Beispiel „For Your Pleasure“ ganz ohne Marswahn). Und viel mehr noch: wird das klickweise erlebte Alles-auf-einmal zum Schaum, aus dem sich Grundformen bilden, die diese Sache selbst (oder eine bestimmte Variante davon) verkörpern und definieren.
Vorteil: Theoretisch läßt sie sich somit emulieren und neu (!) herstellen, ohne all die Ausrutscher, Peinlichkeiten, Mängel, Fehler, Leerstellen der behaupteten „Originale“ – Rock ’n’ Roll in Idealform, perfekt und sofort nutzbar ohne Vorsicht und Bedenken. Ein Traum. Nachteile, Risiken und Nebenwirkungen sind zu vernachlässigen – im Zweifelsfall schmeißt man’s eben wieder weg, und es versinkt rückstandslos im Schaum, dem es nichts hinzugefügt hat.
Jetzt sind wir bei den drei Jarman-Brüdern, die genau das seit bald 15 Jahren tun oder versuchen: die Essenz des britischen Indie-Spirits auszukochen wie einen Teebeutel und herauszudestillieren wie hundertprozentigen Brand, von Song- und Albumtiteln über optisches Auftreten, Assoziation mit dem New Musical Express und sämtliche weiteren Ingredienzen (wozu selbst der lachhafte Stunt von Ryan Jarman gehörte, der sich bei den NME-Awards 2006 auf den Tisch der Kaiser Chiefs warf, ohne die Getränke vorher wegzuräumen, und mit erheblichen Schnittwunden im Krankenhaus landete) bis hin zu … nun ja, den Songs, da mußte man Abstriche machen. Die waren zum größten Teil immer eher halbgar, nichts Besonderes, manchmal nett, oft nervig, frei von Genie, Witz und Originalität, die auf diesem gebiet dann eben doch von Bedeutung sind. Da half es auch nichts, mit einer kaum zu überbietenden Liste von Beteiligten, Mitarbeitern und Unterstützern aufzuwarten (was so weit ging, daß Smiths-Legende Johnny Marr ein paar Jahre lang richtig offizielles Bandmitglied war).
Was man nicht hat, muß man ersetzen, und Ideen und Ambition haben die Jarmans tatsächlich im Überfluß. Drum haben sie für dieses Jahr gleich zwei neue Alben angekündigt, die dann aber auch wirklich das gesamte Spektrum abdecken sollen: Der widerborstige Rebellenlärm (produziert von Steve Albini, klar) folgt später. Vorläufig gibt es die Poplieferung, produziert von (klar!) Ric Ocasek (da hagelt es Namen, die sich aus schierer Vielfalt zum Urbild der Geek-Rock-Coolness sammeln: Bad Brains, Weezer, Suicide, No Doubt, Hole, Bad Religion, Wannadies, Jonathan Richman, Nada Surf, Guided By Voices …).
Und? Nein, wirklich geniale Songwriter sind die Jarmans immer noch nicht. Der Funke, der die Evergreens etwa der Manic Street Preachers (an die man sich hier stellenweise erinnert fühlt) zu solchen machte, bleibt aus. Dafür gibt es schöne Anspielungen zuhauf, von Fifties-Power-Pop bis Brit-New-Wave, von Oasis bis Costello, von Springsteen bis Gene Pitney, und es gibt wahrhaft große Momente, traumhafte Arrangements, breite Gitarren, Donnerdrums, hübsche Slogans und nette Andeutungen in den Texten, ein Siebenminutenepos als Finale grande. Mag sein, daß wir die Platte (und The Cribs überhaupt) in zehn Jahren vergessen haben. Im und für den Frühling 2015 aber sind sie dann doch das Coolste, was sich aus dem Schaum destillieren läßt.

Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Mittwoch, 1. April 2015

Frankfurt: Ins Verhältnis gesetzt


Frankfurt hat mir mal das Leben gerettet.
Aber so kann ich nicht anfangen, das wäre unverhältnismäßig, also unpropotional; und Frankfurt ist die Stadt, die Welthauptstadt der Proportionen, in denen sich hin und wieder auch die anderen, die wahren Verhältnisse diesseits aller Proportionalität abbilden.
Nirgendwo als in Frankfurt zeigt sich der Kapitalismus so aufrichtig. Während man in München einen wohligen Seufzer läßt, wenn man im Biergarten idyllischen Genrebildern begegnet, in deren güldnem Rahmen man Geldarsch, Karriere-Infarktling und Opferruine friedlich am Tischensemble hocken und minderwertigen Dreck verzehren sieht (den der eine mit der Platinkarte bezahlt, der andere aus dem Mülleimer klaubt beziehungsweise aus Neigerln zusammenschüttet, was die Gleichmacherei gewissermaßen quersinnig noch mal steigert), ragt in Frankfurt der nutzlose Monetenplempel derart schamlos schroff in die Stratosphäre, daß die Botschaft beim ersten Blick klar ist: Wir machen mit eurem Leben, das wir euch gestohlen haben, was wir wollen, und wenn uns nichts zum Wollen einfällt, stapeln und betonieren wir es einfach in der Gegend herum. Den Proportionen wird man dabei zwangläufig nicht ganz gerecht: Eigentlich müßten die Stahlglastürme der Mörderbanken mindestens eine Million Kilometer hoch sein, aber da käme ihnen der Mond in den Weg; und den wegsprengen dürfen sie vorläufig nicht, weil er ihnen (wahrscheinlich) noch nicht gehört.
Um dennoch zumindest einen ahnungsweisen Eindruck zu vermitteln, hat man Frankfurt verkürzt. Wer mit dem Fahrrad am einen Ende losfährt, ist noch kaum im Schwitzen, wenn er hinten schon wieder hinausrollt. Aus Gründen des Prestiges (von dem sonst niemand weiß, was es ist und soll, weil man es nicht zählen kann) schwindelt die Verwaltungsgeographie, indem sie Orte hinzurechnet, die (vgl. Offenbach) Frankfurt gar nicht haben will, aber auf solcherlei Gegaukel fällt niemand herein (sonst müßte München seine Ortsschilder nordwärts jenseits von Ingolstadt aufstellen und im Süden durch Österreich hindurch schmuggeln), und falls doch, rücken ihm die brutalstmöglich zusammengekrüppelten Baumkrüppel am anderen Mainufer den Sinn gerade. Zwar müßten zur korrekten Darstellung der Ausbeutungsbesitzverhältnisse wiederum eigentlich die Hochhausmonster auf einer Fläche von etwa einem Quadratdezimeter Platz finden, dies aber verliehe ihnen eine grazile Eleganz, die ihnen nicht zukommt.
Belassen wir es dabei und wenden wir uns einer Verhältnismäßigkeit zu, die in der Tat einst mein Leben gerettet hat.
Dazumal weste ich in wahrhaft schlimmen Verhältnissen: ebenso disproportional wie dysfunktional verehelicht, einem „Beruf“ samt Arbeitsstätte verpflichtet, in namenloser Fadheit vorstädtisch vegetierend, dabei von brennender Sehnsucht und stürmender Verliebtheit in kontemplativen Augenblicken förmlich zerbröselnd, starrte ich in Bildschirme und aus Fenstern, wünschte kaum und wagte nichts, weil zu ändern doch nichts war. Wer sich einmal verpflichtet hat, muß den Topf auslöffeln bis zum Grund, bis ans Grab, so wollte es scheinen, und jedem Aufbegehren hätte es an Recht und Macht gebrochen. Der Nachbar prügelte die Nachbarin, man putzte den Mercedes, schlug Kupfernägel in unliebsame Bäume, ließ den Hund parieren, den Sittich „Bazi!“ plärren und abends das Fernseh hineinfließen ins Hirn, um die dräuende Furcht vor der Welt auch in jenen Regionen zu täuben, wo Ethanol nicht hinreicht.
In dieser grausen Lage wurde zwecks Ausgestaltung der Freizeit eine Fahrradtour beschlossen und, interessierte Partizipation vortäuschend, sich in den Beschluß gefügt. Führen sollte das selbstverständlich nicht an landschaftlichen, sondern „sportlichen“ (i. e. in Kilometern zählbaren) Gesichtspunkten ausgerichtete Gestrampel den Main entlang und anheben in Frankfurt, wo Freunde eingesammelt wurden, mit denen man sich den Schweiß der Raserei und nach vollbrachter Leistung ein abendliches Krüglein säuerlichen Apfelgärsud in der Ausflüglerherberge am Flußufer teilen wollte, vielleicht noch ein Langnese-Eis und eine Spitztüte Pommes frites.
Indes hatten wir Frankfurt noch nicht verlassen, als es zu einem folgenschweren Zwischenfall kam: Die Exklusivität der aus Motiven der Freizeitwertgestaltung eigens so angelegten Velorennbahn mißachtend, trat ein mutmaßlich leicht angedröhnter Angehöriger der Menschensorte Rocker (ohne Motorrad, aber trotz drückender Sommerschwüle in schwerer Ledermontur und Kutte, bestickt und beklebt mit grimmen Drohgebärden) einem Radraser in den Weg, dessen körperliche Ausmaße vermuten ließen, daß er unterwegs zu einem Fitneßstudio in Koblenz oder („Kleiner Schlenker, hä hä!“) Bielefeld war, wo er die restlichen zehn Stunden des Tages in schweren Geräten zu verbringen plante.
Dem Radfahrer gelang es, auszuweichen. Wenige Sekunden später, nach einem Bremsweg von kaum zweihundert Metern, wendete er sein Gefährt, um die Sache zu klären; auch der Rocker blieb, seinem Ehrenkodex (Unfug oder Tod oder beides) folgend, stehen.
Da ward der zugereiste Münchner mit all seiner Daseinsfurcht in einer Portion konfrontiert; eine solche Szene mündet, dies wußte er, mittels Dialogen wie „So, Spezi! Jetzt rauchts!“ – „Di back i, du Drecksau!“ unausweichlich in einem Blutbad zersplitterter Schädel zwischen sirrenden Polizeikugeln und mit anschließender Sicherungsverwahrung.
Nun hat aber Frankfurt neben viel anderem auch einen durchaus angemessenen Dialekt; in diesem starrten sich die Kontrahenten zunächst an, ohne daß einer der beiden plangemäß in Grund und Boden versunken wäre. Dann öffnete einer (war’s der Rocker?) den Mund, und heraus kam folgender Satz:
„Isch buddel disch gleisch ein, Aldä. Dann kann disch dei Frau wiedä ausbuddeln!“
Ich konnte nicht anders: lächelte, grinste, zuckte, ließ mein Fahrrad fallen, den Rucksack, warf mich zu Boden und wälzte mich (während die beiden Kontrahenten entwaffnet starrten, sich schließlich die Hand reichten und ihrer Wege zogen) in einem halbstündigen ekstatischen Lachkrampf, der noch anderntags als Schluckauf reprisenhaft nachwirkte und mein Leben teilte wie der Blitz den Fels. Wochen später war alles – Ehe, Vorstadt, Job – eine lächerliche Erinnerung, lächerlich wie alles, wenn man es nur ins rechte Verhältnis setzt.
Hätte mir das in Stockholm, London, Wien, Paris, Ulan-Bator, Tanger, Havanna passieren können? in Hebramsdorf, Staffelstein, Burton-on-Trent, Atlanta oder am Nordpol?
Nein, hätte es nicht. Danke, Frankfurt.


geschrieben im Frühjahr 2014 für das von Jürgen Roth und Stefan Geyer herausgegebene Buch "Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten" (Verlag Waldemar Kramer)


Sonntag, 29. März 2015

Frisch gepreßt #336: Jesper Munk "Claim"


Ja mei, der Blues, gelt. Treibt sich seit bald 150 Jahren in der Weltgeschichte herum, schaut dementsprechend aus, der Lotterhaderlump, und ist kein Stück gescheiter geworden: Noch immer jault er den Mond an, wenn die Herzensdame mal wieder garstig ist, das Haus abbrennt oder der Hund stirbt, und noch immer nimmt er dazu eine Gitarre in die Hand, die am besten genauso alt ist und sauber blechern schnarrt, zieht sich in eine klapprige Holzhütte zurück, läßt sich auf scheppernden Töpfen begleiten und raspelt sich beim Plärren die Stimmbänder wund, daß es eine Art hat.
Drum heißt es ja so: nicht „der“, sondern die Blues eigentlich nämlich, Mehrzahl und Vielzahl der Leiden, die der elendige Verpaarungstrieb und seine grimmigen Brüder (Überdruß, Frühling, Neuverpaarungstrieb und die ganze Sippe) in die Welt gesetzt haben und deren literarischer Ausfluß in einem schmalen Bändchen Platz findet: You turn me on, you don’t have to go, please come back etc. sowie freilich Woke up this morning. Weil das tut er (belassen wir’s aus Gewohnheit dabei) immer wieder: Kaum scheint er überwunden und verdrängt von seinen Kindern und Kindeskindern, von Jazz, Swing, Schlager (auch der; achten Sie mal auf die Akkordfolgen!), Rock, Pop, Punk, whatever, da kehren die schon müde von ihrer Party heim und legen sich schlafen, und schon wacht er wieder auf und sitzt traurig in der demolierten Küche und füllt die Welt mit seinem Gram und Zorn.
Das Lebensalter des jeweils Befallenen spielt kaum eine Rolle, außer beim elektrischen Blues, einem besonders ruppigen Gesellen, der Anfang der 60er aus dem blauen Ei schlüpfte: Eric Clapton, Johnny Winter, Rory Gallagher, Peter Green, Jimi Hendrix, Jimmy Page – alle kaum Teenager, da lärmten sie schon auf Bühnen herum von Liebesqualen, die sie höchstens aus dem Kino kannten. Aber er war halt einfach so schön laut, der Krach, damit ließen sich Eltern und Nachbarn prima erschrecken und später auch die Mädels hinreißen, die dann für eine Fortsetzung des ewigen Kreislaufs sorgten.
In den letzten Jahren ist es um den jungen, elektrischen Blues etwas still geworden. Lag vielleicht auch an Überfüllung: Zu viele einstmals Junge noch am Leben, die unablässig durch die Schuppen und Beizen der ganzen Welt rumpelten, doch längst zu milde und starr, um noch für den Funken zu sorgen, der das Herz entflammt. Jetzt (oder sagen wir: seit zwei Jahren) kommt Jesper Munk daher (mit 23 fast schon ein Veteran, aber dies sind andere Zeiten) und will das ändern, wieder da anknüpfen, wo der rostige Eisenfaden Anfang der 70er riß und höchstens von Jon Spencer (die hier mitproduziert hat) noch mal zusammengedengelt wurde. Will wegblasen die genormten Popschaufensterpuppen, die heutzutage mit militärischen Drilltänzen die Teenies beglücken. Das Loch wieder aufreißen, in das die Beladenen, die Schwarzromantiker und Herzgebrochenen stürzen und sich suhlen.
Und das macht er auf seinem zweiten Album nicht nur angesichts des zeitlichen Abstands erstaunlich gut. Denn selbstverständlich ist die historische Mimikry eine der schwersten Disziplinen im Musikgeschäft (weil sie gar so leicht im Retroschmonz versumpft), zudem aber versteht er das Genre sehr offen und gleitet ohne Verrenkung in benachbarte (und einige ferne) hinein.
Vieles auf diesem schönen Album wirkt notwendig unfertig, unentschlossen bisweilen auch, vom Songwriting bis hin zur Produktion, die stellenweise etwas sehr auf Props und clevere Kostümierung abzielt. Aber das ist einerseits zu erwarten, andererseits läßt es für die Zukunft viel erwarten. Und vor allem macht es die Momente, in denen es wirklich annähernd so knallt, wuchtet und hemmungslos rummst wie einstmals bei den ganz frühen Fleetwood Mac (empfehlen wir dem Trackhörer: „101 Proof“, „White Picket Fence“, „Smalltalk Gentlemen“) um so besser. Da zittert er, der Mond, da klappert die Hütte.
Ja mei, der Blues halt, gelt.


Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Sonntag, 22. März 2015

Belästigungen 05/2015: Vom plötzlichen Hervorblühen der Gegenwart aus der stillen, großen, leeren Welt

Es gibt Zeiten, da wird es plötzlich still. Da erwacht man vormittags in einen Tag hinein, der angeblich schon läuft, und hat beim ersten Blick aus dem Fenster das Gefühl, dieser Tag sei stehengeblieben, so wie der Wecker und die Küchenuhr, die man manchmal nicht aufziehen mag, weil sie ja doch jeden Tag das gleiche erzählen.
Da bleibt man dann stehen und betrachtet ihn, diesen stehengebliebenen Tag, in dem offenbar gar nichts passiert, und während man sich fragt, ob man vielleicht über Nacht in ein Paralleluniversum transferiert worden ist oder die Grüne Wolke verpaßt hat (das, liebe Leser, müßt ihr jetzt selber recherchieren), wird einem klar, daß der Tag gar nicht wirklich stehengeblieben ist (weil sich etwas bewegt: eine überdrüssige Amsel, die auf irgendeinem zähen Zeug herumpickt, auf das sie offensichtlich keine Lust mehr hat). Sondern daß dort draußen eine Jahreszeit herumlungert, die da eigentlich nichts mehr verloren hat und auch nichts mehr taugt, so ähnlich wie die Mango im Kühlschrank, die man unvorsichtigerweise vor Wochen gekauft hat (weil man doch mal wieder auf die neuerdings so populäre Lebensmittelhändlerlüge „eßreif“ reingefallen ist, die die fiesen Lügenlebensmittelhändler auf alles draufkleben und -kritzeln, was drei Wochen vor Beginn der Reifung vom Baum gerissen worden ist) und die nun traurig vor sich hintrocknet, weil man sich nicht überwinden kann, ein Stück davon abzusäbeln und darauf herumzupicken wie die Amsel auf dem Ding, das sie vielleicht für einen Wurm hält und das aber auch ein Kaugummi aus dem Sommer 2011 sein könnte. Man kann sie aber auch nicht in den Kompost werfen, weil man das mit Lebensmitteln nicht tut und so weiter und so fort und pipapo.
Und während man so sinniert, bemerkt man, daß das opake, starrsinnige Grau da draußen langsam dunkler wird, und dann haut er schon wieder ab, der Tag, und läßt nichts zurück außer leicht schmerzender, in unbestimmbare Ferne gerichteter Sehnsucht und eben der Stille, die einem plötzlich wieder bewußt wird und von der man vermutet, daß sie so ähnlich wirkt wie Aspik oder Baumharz – noch ein paar solche Tage, denke ich, dann werde ich mich selbst als Bernstein am Fensterbrett ausstellen können, und Passanten werden mich flüchtig betrachten und sagen: Tja, kein Wunder, wenn der Kerl in sein Leben keine Dynamik hineinbringt.
Und dann kommt ein neuer Tag, und die Sonne strahlt, und trotzdem geht die Stille nicht weg, sitzt man wieder da und läßt die Dinge und Gedanken durch den inneren Nebel ziehen wie verirrte Pendler auf einer nutzlosen Landstraße zwischen Nichts und Nirgendwo, bis die Stille plötzlich ein fieses Grinsen aufsetzt und einem ein Gesicht zeigt und man sich an den Geburtstag erinnert, den man an diesem vorvorletzten Februartag feiern wollte und der aber nicht stattfindet, weil es den Menschen, mit dem man da auf sein zweites Vierteljahrhundert trinken und lachen und sonst was wollte, nicht mehr gibt. Und man hört ein Echo, hört sich selbst fragen, damals, im unwirklich fernen Februar vor zwei Jahren: Was soll aus uns denn werden? Und man hört sie ins perlende Sonnenglitzern hinein antworten, die Stimme, die es nicht mehr gibt: „Das ist egal. Wichtig ist nur, was wir sind.“
Wundert es einen noch, daß all die Themen, Ereignisse, Daten, Meinungen, Fakten, die Bewertungen, Folgerungen, Einschätzungen, Mahnungen, die Witze und Beschimpfungen, großen Worte und kleinen Bemerkungen, die man unbedingt oder wenigstens anlaßweise in die Welt setzen wollte, die Sachen, die man anpacken, erledigen, zersägen oder zusammennageln zu müssen glaubte, damit was weiter oder überhaupt geht, daß die irgendwo hinter den Horizont gerutscht sind und die Welt groß, leer und strahlend sinnlos vor einem liegt?
Das ist das Schreckliche und das Schöne am Tod (was immer man darunter versteht, und das gilt natürlich nur für die Überlebenden, die ja auch die einzigen sind, die er betrifft): Schön, daß er einem bewußt macht, was im Leben wichtig ist, daß unreife Mangos, kaputte Küchengeräte, Zukunftspläne, Küchenuhren, beschissene Fußballtabellen und selbst der Krieg der NATO gegen Rußland lächerliche Nichtigkeiten sind gegen die Nähe, den Witz, die Zärtlichkeit eines geliebten Menschen. Schrecklich, daß einem das meistens erst und genau dann einfällt, wenn es den geliebten Menschen nicht mehr gibt, weil ein anonymer Lastwagenfahrer eine Hundertstelsekunde lang mit seinen Gedanken irgendwo war (oder sonst was). Und man plötzlich nicht mehr weiß, was man statt dessen tun sollte. Was man überhaupt noch tun sollte. Außer am Fenster zu sitzen, in Bernstein zu gerinnen oder notfalls auf irgend etwas Zähem herumzuhacken und sich zu wünschen, die Hand festzuhalten, die es nicht mehr gibt.
Aber das ist das Schreckliche und Schöne an der Gegenwart: Schrecklich, daß sie alles, was sie soeben noch erfüllt und geprägt und bestimmt hat, liegen und fallen und in die Erinnerung entschwinden läßt. Und schön, daß es dort für immer bleibt.
Und sowieso: sind das nur Binsenweisheiten, die ebenso dorthin entschwinden, wo sie hingehören, wenn Föhnsturm und Frühlingsregen die überständige Jahreszeit wegblasen und -waschen und hinter dem Horizont der großen, stillen, leeren Welt eine neue Gegenwart hervorblüht, von der man noch nichts weiß, nur das: daß sie schön sein wird. Nein: ist.


Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Sonntag, 15. März 2015

Frisch gepreßt #335: Bilderbuch "Schick Schock"


Es gibt ja so vieles. Zum Beispiel gibt es auch Menschen, die sich an Popmusik abarbeiten, im reinsten und direktesten Wortsinn, weil sie zum Beispiel meinen, das, was an deutschsprachiger solcher Musik „relevant“ sei, komme 2015 (immer noch oder überhaupt) aus Berlin oder/und Hamburg oder/und irgendwo dazwischen. Die müssen sich dann zum Beispiel an Heinz Strunk und Jens Friebe abarbeiten und in das halbgare Wichtiggetue irgendwas hineinwichtigtun oder etwas daraus herausarbeiten, womit sie eine Zeitungsseite füllen können, inklusive Claim für den taz-Titel.
Das macht nur leider keinen Spaß, höchstens wenn man Freude an der knirschenden Selbstentlarvung und -verarschung mittelalter Pseudohipster hat, denen so was selbstverständlich auch keinen Spaß macht, die das aber halt müssen, weil sie sonst, wenn sie keine Sätze mit „schon mal“ und „Gender“ mehr bilden und damit Zeitungsseiten vollbullshitten, nicht wissen, wo sie hingehören.
Andere tauchen tausend Kilometer tiefer und springen tausend Kilometer höher und kommen in Wien heraus, wo sich Dinge abspielen, die damit und mit vielem anderem überhaupt nichts zu tun haben. Die Initiation ist meist ein Zufallstreffer: „Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind / und Schuppen von den Augen geregnet“, da fing was an, womit ein Suchen begann, nach Spuren, Zeichen, nach Wundern. Den Initiierten mit ihren stanniolblechern strahlenden Augen braucht man nicht erklären, daß der Nino kein Spanier (und Bulbureal kein Fußballverein) und Wanda kein Babe und Pille kein Schiffsarzt und Bilderbuch kein analoges Gerät zur Weltöffnung für Nichtalphabeten ist.
Oder vielleicht doch; wir machen ein Geheimnis draus und lächeln sanft, wenn einer fragt, weil er nichts versteht: Ausgerechnet Wien? Wo der Tod eine Mehlspeis und jede Mehlspeis ein kleiner Tod ist? Wo zwischen Heisl und Beisl eine Düsternis herumwest, die sich an schönen Tagen in knallenden Beats, in Riffs entlädt, die an eine Kreissäge mit halbmondförmig ausgefrästen Blatt erinnern?
Genau. Zum Beispiel gibt es da Bilderbuch, vier junge Männer, die zwei rätselvoll schöne Alben für die Eingeweihten gemacht und dann fast überall gespielt haben, wo man sie hören wollte (fast überall), derweil an einem dritten gearbeitet, das sie dann aber zu zwei Dritteln wieder wegschmeißen mußten, weil es irgendwie „zu indie“ geriet und sie das so nicht mehr wollten, sondern lieber was ausprobieren, und sich deswegen mit monatelanger Hip-Hop-Diät, Haarfärbepaste und allen möglichen Chic-Lumpen auch äußerlich so veränderten, daß sie sich selbst kaum wiedererkannten.
„Schick Schock“ ist, sagen wir es so: ein Blitz. Technisch ein Album von unterwegs für unterwegs, für das irgendwie auch Hamburg und Berlin und viele Autobahnen irgendwo dazwischen eine Rolle gespielt haben, aber das spielt keine Rolle. 2015 werden wir „Schick Schock“ hören und mit stanniolblechern strahlenden Augen durch eine Welt tanzen, in der vieles andere auch keine Rolle mehr spielt und das, was „relevant“ ist, gerade erst entsteht. Wir werden „Plansch“ sagen und „OM“ und Gigolos sein, „Softdrinks“ schlürfen und „Barry Manilow“ appreciaten.
Und niemand wird uns verstehen, das ist das Schöne an Popmusik. Mögen die, die nichts verstehen, weise Finger recken, von Prince, Falco, Roxy Music (Modell 1982), Kanye West, von Samples, Midi und sonst was schwafeln. Wir schweigen und lächeln und sagen nicht mehr. „Willkommen im Dschungel“.


Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Freitag, 13. März 2015

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #2: The Futureheads "The Futureheads" (2005)


Weil der Zeitgeist zur Zeit so geistert, druckte ein englisches Musikmagazin neulich eine Liste der 20 größten „Post-Punk“-Songs: „Permafrost“ (Magazine), „I Am The Fly“ (Wire), „I Found That Essence Rare“ (Gang of Four), „Complicated Game“ (XTC) – im emotionalen Gedächtnis einzementierte Unwiederholbarkeiten musikalischen Wagemuts aus der Aufbruchszeit von Herbst 1978 bis Herbst 1979, als im Windschatten der implodierten Punk-Rakete soviel Unerhörtes und Unfaßbares auf den Plattenteller kam wie nie zuvor und nie danach. Joy Division, Siouxsie & The Banshees, Cabaret Voltaire, Josef K, Suicide, Devo … Dekoriert ist die Liste mit zwei Photos: eins von den Talking Heads, eins von einem Quartett aus Sunderland, dessen Mitglieder damals noch nicht mal geboren waren – The Futureheads („Meantime“, Platz 7). Wie geht jetzt das?
Das geht, fand die Redaktion, weil die Futureheads den „wahren Geist“ des Post-Punk einfangen, der weniger (aber doch auch) mit eckigen-schroffen Gitarrenriffs zu tun habe als damit, die alltägliche Heuchelei unserer Welt aufzuzeigen und den richtigen Sound dazu zu finden. So kann man das vielleicht ausdrücken. Oder anders: Bei guter Musik geht es um Inspiration, Genie, Interaktion, die Umsetzung von Energie in Töne; gute Bands zeichnet aus, daß aus der Gruppendynamik etwas entsteht, was niemand allein und niemand sonst erzeugen oder nachahmen könnte, obwohl es so einfach klingt: ein paar Gitarrenakkorde (eckig-schroff), rasende, hypnotische Rhythmen, Gesangsmelodien, die wie Koboldbanden durch das Gestrüpp aus merkwürdigen Harmonien hüpfen und tauchen, und … na ja, dies und das – man kann es eben doch nicht erklären, sonst könnte man es ja auch nachmachen.
Aus Not werden die Futureheads verglichen; die Vergleiche sind alle unfair: Die frühen XTC wirken dagegen wie eine lahme Beatles-Revival-Combo, Gang of Four wie ein Gitarrenworkshop von K-Gruppen-Hippies, Franz Ferdinand wie eine zweitklassige Mainzer Karnevalstruppe, Devo wie Agitprop-Kabarett. Ein um Gegenargumente bemühter Bekannter bezeichnete die Band als „Streber“. Ganz falsch: Es handelt sich, um im Bild zu bleiben, um die unverschämten Kerle aus der letzten Bankreihe, die alles viel schneller kapieren als der schlaueste Lehrer, die Schulstunden dazu benützen, schrillen Unfug zu treiben und Antiwitze zu erfinden und sich nicht mal herablassen, Hochenglisch zu sprechen (der Sunderland-Dialekt klingt wie eine Art Anglo-Ostbaierisch). Das hat die biedere deutsche Plattenindustrie verschreckt, die so was nicht versteht und sich erst jetzt, nach fast einem Jahr, durchringen ließ, das Album auch hier zu veröffentlichen.
Guter Witz übrigens hat nicht immer mit Lachen zu tun. Und die besten Witze erzählen Leute, die selber nicht lachen. Die Futureheads hat öffentlich noch kaum je einer lachen gesehen.


geschrieben Anfang Mai 2005 für KONKRET