Sonntag, 10. November 2013

Belästigungen #421: NSA, „DSI“ und die Freuden der inneren Selbstumarmung


Wenn man infolge eines zwangsweise ein paar Wochen lang ohne mobile Verbindung zu NSA und sonstigen Datensammeldienstleistern durch die Weltgeschichte läuft, macht man eine merkwürdige innere Veränderung durch: Irgendwas fehlt, und man fragt sich, was das ist. Geht es einem da so ähnlich wie der modernen Turbokuh, die ohne tägliche Abzapfung mittels Melkmaschine dazu verurteilt ist, einen Fluchtversuch in Freiheit und Selbstbestimmung mit einem geplatzten Euter zu bezahlen? Geht der unbewußt und unbemerkt anerzogene Mitteilungsdrang wirklich so weit, daß der Mensch ohne Handy irgendwann vor den Pforten der Schlapphutfirma in Pullach oder sonst wo landet und flehentlich fleht, seine Daten (Telephonnummern, Schuhgröße, Kalorienverzehr etc.) offenlegen zu dürfen?
Immerhin so weit bin ich noch nicht, und bisweilen empfinde ich es als angenehm, nicht dreißig Prozent der wachen Zeit ein „Display“ anschauen zu müssen, das sich selbst für die Welt hält. Durch den Entzug geraten andere, sonst schmählich vernachlässigte Geräte in den Blick. Den Fernseher anzuschalten kann man sich zwar erst nach Monaten überwinden – zu schlimm ist die Erinnerung an das letzte Mal, als man drei Minuten lang fassungslos in einen „Talk“ hineingeriet, dessen sprachlich-grammatisch-inhaltliche Substanz Grund genug für einen sofortigen Antrag auf Auswanderung in ein fernes Sonnensystem wäre.
Aber zum Beispiel bemerkt man plötzlich, daß da noch ein kunststoffernes Teil im Flur herumsteht, das ansonsten ab und zu bimmelt, ohne daß das irgendwer bemerkt. Jetzt überkommen einen bei seinem Anblick nostalgische Schwingungen; wehmütig entsinnt man sich der funkfreien Nachmittage des frühen Oberschülerlebens, als man kübelweise Nullinformationen aufsaugte wie eine verspätete Wespe im Oktoberbiergarten den letzten verschütteten Tropfen, nur weil sie dem drei Häuserblocks entfernten, aber per Phantasie unmittelbar am eigenen Ohr materialisierten Mund einer Angebeteten entdrangen.
Und siehe, nein: höre da, schon schellt es, das – wie man heute diskriminierend sagt – „Festnetz“, und begierig eilt man herbei. Aber die Frage, wer so altmodisch ist, sich noch auf derartige Kommunikationswege zu begeben, ist schnell beantwortet: „Herzlichen Glückwunsch!“ schnarrt eine Blechstimme und teilt mit, man müsse nur eine Taste drücken, um einen „Hybrid-BMW“ zu gewinnen, von dem man sich fragen könnte, wer ihn zu diesem offenbar vollkommen sinnlosen Ziel gekauft oder überhaupt erst „erstellt“ hat, denn der vermeintliche Reklameanruf ist gar keiner: Vergeblich wartet man auf nähere Informationen zu dem Produkt, für das geworben werden soll. „Goodbye“, schnarrt die Blechstimme, und das war’s.
Derartige Verbindungen zur Außenwelt wirken ernüchternd. Man schaut aus dem Fenster, sieht einen Herbst und richtet den Geist nach innen, in die Wände, in denen man die nächsten paar Monate damit verbringen wird, zu harren, bis endlich ein Frühling heranbraust und das tolle Leben wieder weitergeht.
Was, fragt man sich, tun normale Menschen ohne Funkverbindung den ganzen Herbst und Winter lang in ihrer Wohnung, wenn sie nicht dem Schnarren der Blechstimmen lauschen oder sich vom bewußtlosen Geplärr der FernsehhampelmännerInnen das Hirn in einen Kippschalter verwandeln lassen, der die gesamte Vielheit der Lebensmöglichkeiten auf die Alternativen „Rotgrün“ und „Schwarzgelb“ zusammenkastriert?
Ich weiß es: Sie kochen Suppe. Das ist ein uralter, wesentlich deutscher Brauch, der zwar möglicherweise auf ein Mißverständnis zurückgeht (das althochdeutsche „sûfan“, dem wir das Wort verdanken, heißt „saufen“, wofür sich Bier entschieden besser eignet als heißes Salzwasser), aber für enorme Auswüchse kultureller Betätigung gesorgt hat. Hundert Teller Suppe, so teilt eine sicherlich eigens zu diesem Zweck (oder zu welchem sonst?) gegründete Behörde namens „Deutsches Suppen-Institut“ mit, verzehre der Deutsche pro Jahr.
Und zwar besonders gerne im Winter, was das „Deutsche Suppen-Institut“ damit erklärt, daß der Verzehr einer Suppe als „liebevolle Umarmung von innen“ empfunden werde. Besonders „wertgeschätzt“, erfahren wir staunend, wird selbst zubereitete Suppe. Nun ja, denken wir, Deutschland ist eben nicht nur „Suppenland“, sondern auch eine Hochburg der Masturbation, wo man sich eben gerne mal liebevoll selbst von innen umarmt, während draußen Sturm und Weltgetöse toben. Aber nein: So sehr er die Selbstzubereitung wertschätzt, der Deutsche, so wenig setzt er das Wertschätzen „aktiv“ um, greift statt dessen zu Tüte und Büchse und wärmt bloß auf, was irgendwo aus Schlachtereispreißeln und Gemüseresten industriell zusammengemanscht wird.
Und während man noch philosophelnd zu ergründen versucht, wieso der Deutsche sich seine innere Selbstumarmung ausgerechnet im Winter besonders gerne anhand eines Produkts mit der Bezeichnung „Frühlingssuppe“ aus dem Supermarktregal zupft; während man sich weiterhin vorstellt, mit welchen technischen Mitteln sich das „Deutsche Suppen-Institut“ das für derartige Verkündungen nötige Datenmaterial verschafft hat … fühlt man sich unversehens hineingezerrt in einen gigantischen Kessel voll blubberndem Seim, in dem ein monströses Suppenhuhn herumrührt und sich dabei in einem anatomischen Irrsinnsakt innerlich selbst umarmt. Und da zieht man die Notbremse, läßt Suppe Suppe und Herbst Herbst sein und eilt hinaus, um sich mit einem neuen Mobiltelephon wieder mit der wirklichen Welt zu verbinden. Herzlichen Glückwunsch, NSA, Goodbye, „Deutsches Suppen-Institut“.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Mittwoch, 23. Oktober 2013

Belästigungen #420: Von der vorrevolutionären Bedeutung des Feigenkaffees (und anderen Nebensachen)


Unheilvolles hat sich zugetragen, blitzartig fulminant. Es war förmlich wie ein Heideggersches Geworfensein ins Nichts, als vor einiger Zeit ohne Vorwarnung mein „Reformeifer“ erlahmt ist. Und das ausgerechnet als das amtlichste Uraltschlachtroß der bräsigen deutschen Biedermannwochenzeitungsjournaille verkündete, demnächst werde „die Krise“ ganz von selber heilen wie ein kleines Kratzipatzi-Wehwehchen, wenn nur eine winzige Kleinigkeit nicht passiere, nämlich wenn nur nicht „der Reformeifer erlahmt, weil die Menschen im Süden nicht mehr bereit sind, die Kürzungen zu erdulden“. Und nun: ist er also erlahmt, der „Reformeifer“ zumindest eines Menschen aus dem Süden.
Ein kleiner Trost ist, daß wir alle wissen, was die heruntergebeteten Blödwörter bedeuten: „Krise“ dient dazu, das schuftende Buckelsklavenvolk mittels „der Kürzungen“ (die nicht genauer bezeichnet werden müssen – man weiß eh, um was es geht) noch strenger auszubeuten und den Ertrag seiner Bucklerei in die Glanzschlösser und Börsenpaläste der „Besserverdienenden“ zu pumpen, wo der Mammon in die Tresore quillt wie Tubensenf unter einem Elefantenarsch.
Die Bundestante nennt das dann „gemeinsame Kraftanstrengung“, womit sie nicht ganz unrecht hätte, wenn sie ihresgleichen und ihre Befehlsgeber aus der Gemeinsamkeit ausdrücklich ausklammern täte. „Reform“ wiederum meint den Zinnober als Gesamtprojekt, das erst zu Ende ist, wenn ein einzelner Weltkaiser (der kein Mensch mehr sein wird, sondern eine Marke oder ein Konzern) rechtmäßig alles besitzt und alle anderen für sein Wohl sorgen müssen.
Einen „Reformeifer“ kann es deshalb naturgemäß nur bei denen geben, die von der „Reform“ profitieren. Alle anderen, von denen der „Eifer“ in den Brandreden der wirtschaftsfaschistischen Propagandabrüller verlangt wird, könnten sich genauso gut selbst ein Bein abschneiden, damit der Vorstand der Deutschen Bank eine Haxe auf den Galatisch bekommt – und sei es nur um zu beweisen, daß damit nichts geholfen wäre: Die wohlgeborenen Herren werden sofort zwei weitere Haxen fordern, weil unerwarteterweise plötzlich ihr Hunger ein Wachstum erlebt hat.
So weit, so banal; nun zum Kleinen, an dem sich auf der Welt das meiste erweist. Nämlich habe ich das Erlahmen meines „Reformeifers“ erfahren, als ich Feigenkaffee kaufen wollte. Für die Gentrifizierten: Das ist ein wohlriechendes Pulver aus gerösteten Feigen, das man in Kaffee hineintut, damit er nicht versehentlich so schmeckt wie euer Lattengeblödel, und das es bis vor kurzem im Supermarkt zu kaufen gab. Diesmal suchte ich vergeblich, fand statt dessen an seiner Stelle im Regal schon wieder zwölf neue Sorten Blechkapseln für schweinsteure Yuppie-Wegwerfmaschinen.
Der junge Mann, den ich diesbezüglich befragte, erwies sich als Praktikant, der mir mitteilte, er habe keine Ahnung und (dies der Subtext) sowieso keinen Bock, weil er, wenn er nicht vom Arbeitsamt in die Sklaverei gezwungen worden wäre, etwas besseres mit dem schönen Tag anzufangen wüßte als ohne Bezahlung Kisten durch diesen Laden zu wuchten. Sein Vorgesetzter hatte noch nie von Feigenkaffee gehört und verwies mich an den Filialleiter. Dieser wiederum tröstete mich mit der Information, selbstverständlich werde das Sortiment seines Ladens mitnichten reduziert, sondern vielmehr stetig erweitert und umfasse mittlerweile so und so viel zigtausend Produkte.
Diese Produkte, erklärte ich ihm, bestünden zu neunzig Prozent aus denselben Zutaten – im Fall von „Nahrung“ meistens: Weißmehl, Pflanzenfett, Tomatenkonzentrat sowie kleinen Mengen Müllsalami und Fabrikkäse. Ob es, wo wir schon dabei waren, wirklich nötig sei, das Kühlregal kilometerbreit mit „Gouda“ zu füllen, der die unterschiedlichsten Markenzeichen trage und dennoch nur aus ungenießbarer Eiweißersatzmasse bestehe?
Da seufzte er und meinte (freilich: in etwas anderem Wortlaut), er esse „das Zeug“ ja auch nicht und finde es im Grunde jammerschade, daß nicht er für den Einkauf zuständig sei, sondern eine Zentrale irgendwo in Nordrhein- oder sonst einem Westfalen, die eben feststelle, daß Gouda und Tiefkühlteigzeugs gut gehen, weshalb man irgendwann nur noch Tiefkühlteigzeugs und Gouda anbieten werde, dann aber in jeweils einer Million Sorten. Dazu werde es dann zehntausend „Gourmet“-Zeitschriften geben, die dem ahnungslosen Pack erklären, welche von den identischen Marken „hochwertig“ seien und wie man aus dem nutzlosen Geraffel etwas „Leckeres“ zubereiten könne.
Demoralisiert zog ich von dannen und fühlte meinen „Reformeifer“ zerpludern wie ein Luftballon ohne Hals. Geld kann ich nicht essen; es ist mir also weitgehend wurst, daß der mir rechtmäßig zustehende Anteil am deutschen Gesamtvermögen auf dem Schweizer Konto irgendeines Reformkrisenabsahners vergammelt. Aber, lieber Freund, bevor ich mich von „Gouda“, Tiefkühlteigzeugs und Latteplörre ernähre – bevor ich eine derartige „Kürzung erdulde“, bricht eine ganz andere Krise aus, der mit „Reformen“ nicht mehr beizukommen sein wird.
Eines nämlich könnt ihr uns nicht nehmen: das Naturrecht auf ein gutes Leben. Und wenn sich erst einmal bis in den etwas weiteren Süden herumspricht, daß ihr genau das vorhabt, nein: seit Jahrzehnten betreibt, nur um noch ein paar Nullen mehr auf euren Kontoauszügen zu lesen, könnte es selbst im Norden und sogar in euren schillernden Schlössern und Hochburgen ungemütlich werden.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Montag, 14. Oktober 2013

Belästigungen #419: 120 Millionen für nichts (und ein Hula mit Hansi Hinterseer)


Hawaii ist ein Land, von dem man wenig hört, solange man nicht an Winterwochenenden den Fernseher zu einer Zeit einschaltet, zu der nur grenzdebile Vorstadthausmeister mit Rudimentärschmalztolle aus den frühen Sechzigern ihr Mittagsbier vor der Glotze verzehren, weil der Stehausschank Urlaub macht. Da läuft dann gern mal so ein Filmchen, in dem Elvis Presley vor einer Brandungswelle steht und grinst wie ein grenzdebiler Vorstadthausmeister, weil er ein pfundiges Liedl knödeln darf.
Ansonsten feiert alle drei Jahre der durchaus pfiffige Surf-Pop ein zweitägiges Revival, zu dem Bilder von Hawaii gezeigt werden, obwohl die Insulaner zwar die ersten waren, die es lustig fanden, auf Brettern im Meer herumzudüsen, statt arbeiten zu gehen, aber mit den harmlosen Twang-Schlagern so viel zu haben wie Hansi Hinterseer mit Bayern (oder meinetwegen Österreich). Das war’s auch schon.
Dabei gäbe es aus Hawaii mancherlei Lustiges zu berichten. Das scheitert aber wohl (oder übel) an einem simplen Problemchen, das nicht darin besteht, daß man in Hawaii Geschichten lieber hulatanzt, als sie in Plapperworte zu zwängen, was eine schriftliche Verbreitung erschwert. Oder doch, denn die Vermutung, das Hulatanzen zur Weitergabe von Klatsch, Tratsch und Mythos sei nur deswegen erfunden worden, damit man sich an der hawaiianischen Landessprache nicht den Mund verrenkt, ist nicht gänzlich fernliegend.
Das fängt bei den Namen an, und mit dem ihren hatte eine Hawaiianerin so ihre Schwierigkeiten: Beim Autofahren von einem Polizisten angehalten, zeigte sie brav ihren Führerschein vor und wurde belehrt, da fehlten der Vorname und ein Buchstabe vom Nachnamen, mithin sei das Ausweiskärtchen im Grunde ungültig, weil gar nicht ihre vollständige Personenbezeichnung draufstehe.
Die lautet: Janice Lokelani Keihanaikukauakahihuliheekahaunaele. Von der zuständigen Behörde gebeten, auf das abschließende „e“ zu verzichten oder gleich die ganze Buchstabenwurst auf Vorstadthausmeisterformat zu kürzen, geriet die Dame in Rage und weigerte sich beharrlich. Und mit Recht, schließlich bedeutet Keihanaikukauakahihuliheekahaunaele (wie Lokelanis verstorbener Gatte hieß, ganz ohne Vornamen) zu deutsch „Wenn Chaos und Verwirrung herrschen, wirst du derjenige sein, der aufsteht und die Menschen dazu bringt, sich zu besinnen, um dem Chaos zu entrinnen“.
Nun stellen wir uns vor: Ein durchaus denkbarer deutscher Zeitgenosse namens Hans Günther Wennchaosundverwirrungherrschenwirstduderjenigeseinderaufstehtunddiemenschendazubringtsichzubesinnenumdemchaoszuentrinnen wird von irgendeinem Amt gebeten, sich doch bitteschön Hans Wensteverwinnen zu nennen, weil er dann künftig seine Strafzettelüberweisungen auf einem Blatt unterschreiben könne – mit Sicherheit stünden umgehend drei Facebook-Bürgerinitiativen auf dem Plan, um das dreiste und selbstherrliche Ansinnen der Behördenhalbgötter anzuprangern und per Petition zu Fall zu bringen.
Ich weiß nicht, wieso ich dabei jetzt an Josef Ackermann denken muß, aber wo wir schon mal dabei sind: Der hieß laut einer unbestätigten Vermutung meinerseits früher mal „Wenn jemand auf einem Acker oder sonst wo schuftet, muß ein Mann bereitstehen, um ihm den Ertrag seiner Arbeit zu stehlen und ihn an Kerle zu verteilen, die zu diesem Zweck Aktien und andere fälschlich so genannte Wertpapiere besitzen“, dieser Nachname wurde indes ohne behördliche Mitwirkung verkürzt, weil man sonst gar zu leicht draufkommt. Dahinter steckt pure Eitelkeit, weil Herr Ackermann ein wirksames Eingreifen irgendwelcher Initiativen oder sonstiger Betroffenheitskasperl nicht befürchten muß. Schließlich ist er „Schattenkanzler der Republik“, „Staatsmann“, „oberster Krisenmanager“ und neben Angela Merkel „die mächtigste Person des Landes“. So steht es in einem als Buch verkleideten Batzen Honig, den sich Ackermann von seinem früheren Kommunikationschef ums Maul schmieren ließ und das der (in dieser Hinsicht selten zimperliche) Econ-Verlag auch noch druckte. Ackermann selbst behauptet, er habe die „faszinierende“ Schwarte „in einer Nacht durchgelesen“ und sei zu „Erkenntnisgewinnen“ gelangt.
Das mag sein. Bislang nämlich könnte er ebenso wie wir gemeint haben, er habe mit windigen Ramschhypotheken, Spekulationswuchereien, halsbrecherischen Zinswetten, Schrott- und Schachtelpapieren, maßloser Profitgier, Leitzinsmanipulationen, Verlustschiebereien aufgrund von Insiderwissen und anderen halb- bis ganzkriminellen Wursteleien dafür gesorgt, daß Deutschland und die Welt seit Jahrzehnten von einer „Krise“ in die nächste plumpsen, daß Fantastilliarden von erschuftetem Geld auf ein paar Geheimkonten sprudeln, während ein rasant wachsender Anteil der Erdbevölkerung den historisch einmaligen Umverteilungswahnsinn mit Hunger, Not und Elend bezahlt.
Nun wissen wir es besser: Ackermann hat nämlich, so teilt sein „Biograph“ mit, von all dem überhaupt nichts gewußt. Ja – er war regelrecht „tief enttäuscht“ und „fühlte sich hintergangen“, als er von den Sauereien erfuhr, die ihm ein Privatvermögen von 120 Millionen Euro einbrachten (während der Aktienkurs der Deutschen Bank in seiner Amtszeit auf die Hälfte schrumpfte, was aber sicherlich ebenfalls ohne sein Zutun und Wissen passiert ist).
Jetzt könnten wir fragen, wie es eigentlich sein kann, daß der mächtigste Mann des Landes von nichts eine Ahnung hat, und wie er dann irgendeine „Krise“ „gemanagt“ haben soll. Und wieso ein Land, in dem so einer mächtigst sein kann und darf, es wagt, das Wort „Demokratie“ in den Mund zu nehmen und seine Bürger anzubetteln, sie möchten doch bitte wählen gehen (um zu entscheiden, wer die nächsten vier Jahre den Befehlen von Ackermann & Co. gehorchen muß).
Aber das sparen wir uns, weil es so amüsant ist wie ein Winterwochenende lang den exhumierten Leichnam von Elvis Presley anzustarren, während Hansi Hinterseer das Ackermannbuch als Hula tanzt.

Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.


Mittwoch, 25. September 2013

Belästigungen #418: Letzte Ausfahrt Palliativstation (bitte vorher abbiegen!)


Es zählt zum festen Repertoire meiner alljährlichen Sommervorsätze, so viele lustige, spannende, schöne, begeisternde, mindestens erfreuliche, bewußtseinserweiternde, hin-, mit- und umreißende Dinge wie nur möglich zu erleben, Tag und Nacht von wunderbaren Menschen umgeben zu sein, Sex zu haben, Bier zu trinken, Drogen zu nehmen, geile Musik zu hören, schöne Bücher zu lesen, in kristallperlenden Seen und Flüssen zu schwimmen, den blauen Himmel zu überstrahlen und in Gewitterschauern nackt auf der Straße zu tanzen. Deshalb entwickle ich in gewissen Momenten eine Art pädagogischer Radikalität: Wenn ich mit einer Ananas und einer Avocado in der Hand stundenlang an entwürdigenden Kassen herumstehen und zuschauen muß, wie brunzhäßliche Menschen tonnenweise Müll, Dreck und notfalls noch fünf Packungen Erfrischungsstäbchen aufs Rollband legen, dann möchte ich ihnen zurufen: Was ihr da tut, ist falsch! Es ist böse! Es wird euch noch unglücklicher und brunzhäßlicher machen, als ihr sowieso schon seid!
Das tue ich aber nicht, weil ich höflich, zurückhaltend und bescheiden bin und mir außerdem denke, daß man Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen kann. Selbst wenn mir eine Freundin umständlich und ausschweifend erklärt, daß sie keine Zeit hat, den Sommer zu erleben, weil sie erst einen depperten Job tun und überhaupt alles mögliche „muß“, um hinterher Zeit haben zu können, den Sommer zu erleben, der dann aber vorbei ist, weshalb sie wieder einen depperten Job tun muß, um sich einen Flug in eine Weltgegend leisten zu können, wo dann gerade Sommer ist, der aber ein ganz anderer Sommer ist, weshalb sie eigentlich lieber den Sommer hier erleben würde, was aber nicht geht, und daß sie das schon sehr schade finde, aber nichts dagegen tun könne, – selbst dann brülle ich nicht los, daß es ihr eigenes, einziges und unwiederbringliches Leben ist, das sie da verschwendet. Nein, sie kann ja nichts dafür; man hat das so beigebracht bekommen und muß es also durchziehen, sonst bräche das System zusammen, und das wäre ja fürchterlich: keine Reklame mehr! kein Lärm mehr! eine ganze Welt ohne Wachstum, Wettbewerb und sinnlosen Müll!
Nun ist es mit dem Verschieben halt so, daß es irgendwann zu spät ist – was egal wäre, wenn die Sachen, die man aus tausend vernünftigen Gründen verschoben hat, irgendwie irgendwann zwischendurch aus der Welt verschwänden. Das tun sie jedoch nicht. Sie flutschen zwar aus dem Gegenwartsbewußtsein, weil darin nur Platz für „die Zukunft“ ist. Aber irgendwann gibt es dann plötzlich keine Zukunft mehr, weil der grinsende Kerl mit der Sense dringlich an der Tür klopft, und dann sind die ganzen aufgeschobenen Wünsche, Träume, Gedanken, Sehnsüchte wieder da. Und verwandeln sich in: Reue.
Es ist einer der fiesen, systemstabilisierenden Tricks des Lebens, daß man davon normalerweise nichts erfährt. Die, die einem davon künden könnten, dämmern weggesperrt in Krankenhäusern vor sich hin oder werden, wenn zum Beispiel ein SUV-Insasse beim Handyplappern eine Ampel übersieht, so plötzlich mit ihrer Reue konfrontiert, daß zum Künden keine Zeit mehr bleibt. Manchmal indes hört doch jemand zu, wie die Australierin Bronnie Ware, die als Palliativpflegerin acht Jahre lang gehört hat, was Sterbende so erzählen.
Es ist, kurz zusammengefaßt, immer das gleiche: „Hätte ich nur …“ lautet die alles verbindende Formel für die Klagen über die Aufschieberei, deren zentrale Themen Arbeit und Fremdbestimmung sind. Tatsächlich, berichtet Frau Ware, habe sie nicht einen einzigen Menschen erlebt, der Lohnarbeit verrichtet hat, ohne diese Dummheit im Angesicht des unweigerlich nahenden Endes zu bereuen – am schlimmsten beklagen sich die, die immer noch glauben, ihre Arbeit sei irgendwie „sinnvoll“ gewesen und sie hätten sie „geliebt“ oder zumindest freudig und gerne einen Sommer nach dem anderen dafür geopfert.
Selbst die, denen die Mühle der Ausbeutung als Profitsklaven erspart bleibt, stellen am Ende fest, die meiste Zeit Dinge getan zu haben, von denen sie glaubten, daß „man“ sie von ihnen erwartet, weil das eben so ist und immer war. Wie kann das sein? fragt man sich angesichts einer derart haarsträubenden Widersinnigkeit, deren konkrete Realität man alltäglich auf Straßen und in öffentlichen Verkehrsmitteln in solch grauenerregend deprimierender Konkretheit vorgeführt bekommt, daß man eigentlich gar nicht anders kann, als in Panik zu entfleuchen.
Es ist, so vermute ich, ein Ausfluß eines Erziehungsprozesses, an dem so gut wie jeder teilnimmt, der sich irgendwie dazu äußert, perfiderweise nicht selten in guter Absicht und ohne zu merken, was sie oder er da plappert. Arbeit, sagt der Papst, sei grundlegend für die Würde einer Person. Jede Arbeit, sagt der Politiker, sei besser als keine. Arbeit, sagen die Medien, müsse „geschaffen“ werden. Arbeit, sagt der moderne Mensch, ist Leben. Arbeit, Arbeit, Arbeit, sagt das Wahlplakat, und wie ein Fischerchor der Enthirnten blökt die Bevölkerung des Planeten den Slogan ins leere All hinein, wo vermutlich ein paar müßige Aliens sich wundern, welch merkwürdiger, freudloser Karneval dort drunten veranstaltet wird.
Ohne Arbeit, so lautet der weltumspannende Konsens, geht der Mensch zugrunde. Und zwar nicht, weil es ihm dann an Geld fehlte, um sich Erfrischungsstäbchen zu kaufen – ein Großteil derer, die sich heute mit blödsinnigem Stumpfschmarrn im wahrsten Sinne des Wortes die (Lebens)Zeit vertreiben, kriegt dafür überhaupt kein Geld mehr, und wenn doch, würde er darauf in den meisten Fällen gerne verzichten, wenn er im Gegenzug ein „vielseitiges Tätigkeitsfeld“, „kreative Herausforderungen“ und ein gelegentliches Lob vom Chef bekäme.
Ohne Arbeit also ist der Mensch kein Mensch. Erst sie gibt ihm Würde und Wert, nur sie (man wagt kaum, es hinzuschreiben) macht frei.
Na, klingelt da was? Gut. Dieser Sommer geht zu Ende, aber im Gegensatz zur Palliativstation kommt wahrscheinlich bald ein neuer daher, und dann könnten wir mal versuchen, Würde, Wert, Freude und Freiheit zu erlangen, indem wir so viele lustige, spannende, schöne, begeisternde, mindestens erfreuliche, bewußtseinserweiternde, hin-, mit- und umreißende Dinge wie nur möglich erleben, Sex haben, Bier trinken, Drogen nehmen, geile Musik hören, schöne Bücher lesen, in kristallperlenden Seen und Flüssen schwimmen, den blauen Himmel überstrahlen und in Gewitterschauern nackt auf der Straße tanzen.

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