geschrieben als Gastbeitrag für Michael Rudolfs definitives und in allen Zweifelsfällen maßgebliches Gitarristenlexikon "Shut Up And Play Your Guitar"
Sonntag, 26. April 2015
Thunders, Johnny (ein Lexikoneintrag)
geschrieben als Gastbeitrag für Michael Rudolfs definitives und in allen Zweifelsfällen maßgebliches Gitarristenlexikon "Shut Up And Play Your Guitar"
Samstag, 18. April 2015
Belästigungen 06/2015: Das gibt es auch als Buch! (inkl. Nabokov, Fix & Foxi und Lagerfeuer)
Wenn im frühen Frühling der weiche Regen die Fenster wäscht,
verkrieche ich mich gerne in die Welt der gedruckten Buchstaben. Dies ist eine
extrem verniedlichende Umschreibung für ein schlimmes Problem: die galoppierende
Büchersucht, an der ich leide, seit ich eines Tages von einem lieben Menschen
sozusagen die Einstiegsräuberleiter hingehalten bekam. Wir hatten uns gemeinsam
einen schönen Film angeschaut, und sie sagte, das gebe es „auch als Buch“.
Eine unverschämte Untertreibung. Es gab den Film nicht etwa
als Buch, sondern es gab ein Buch, aus dem irgendwer ein Filmchen herausgewrungen
hatte, so wie man aus einer jahrelangen Beziehung ein „Fazit“ herauswringt oder
Witzchen über Sex macht, von denen man in verzweifelten Momenten zwischen Klo
und Tresen meint, sie seien genauso gut wie Sex.
Ich war angefixt und wurde Junkie. Irgendwann jedoch ließ
ich mich überreden, eine und dann gleich zwei Tageszeitungen zu abonnieren, um
wieder mit der Welt in Kontakt zu treten, deren graugründampfige Ausdünstung
via Fernsehen ich längst nicht mehr ertrug. Ein großer Fehler: Die Bücher
blieben fortan weitgehend im Regal, während ich mich in der Badewanne und im
Liegestuhl mit legasthenischem Propagandamüll quälte und ab und zu sehnsüchtig
ihre Rücken streichelte: keine Zeit, ihr Lieben.
Gott sei Dank: vorbei. Seit sich die deutschen „Printmedien“
durch impertinentes wirtschaftsfaschistisches Indoktrinationsgehampel und
kriegstreiberisches Gelärme endgültig disqualifiziert haben, seit vom
sogenannten Journalismus nur noch zwei, drei Fossilien übrig sind, mit denen
man lieber hin und wieder ein Bier trinkt, ist die alte Sucht zurückgekehrt und
hat eine strahlende, nie vollständig zu ergründende Welt mit sich gebracht, in
der es um gänzlich anderes geht als das angeblich so wichtige Geseier. Und
trotzdem muß ich ein Geständnis ablegen: Ich tue hin und wieder etwas, was
„Kulturmenschen“ für schlimmer erachten als Kinder zu watschen oder in die
Ukraine einzumarschieren: Ich schmeiße Bücher weg.
Die Büchersucht ist eine elitäre Angewohnheit, auch wenn es
auf den ersten Blick anders scheinen mag. So läuten etwa seit Jahren (oder
Jahrhunderten?) in regelmäßigen Abständen die entsprechenden Multiplikatoren
ihre Alarmglocken und behaupten, das Lesen seit eine untergehende
Kulturtechnik, das Buch sterbe aus usw. usf. – dabei wurden in der gesamten
Menschheitsgeschichte nie so viele Bücher ver- und gekauft wie heute. Zugleich
strotzen und platzen sämtliche Medien vor Kaufempfehlungen, die offenbar auch
befolgt werden, und in den Biergärten und Kneipen plärren sich die Leute
gegenseitig zu, welche aktuellen Schwarten man unbedingt kaufen kaufen kaufen
muß, um dranzubleiben, in zu sein und nicht den Zug zu verpassen.
Kein Zweifel also: Es gilt als ungeheuer erstrebenswert,
Bücher zu lesen. Keine Ahnung, wieso. Neunzig Prozent aller Bücher, in die ich
je hineingeschaut habe, waren scheiße, und es waren zehntausende, und neunundneunzig
Prozent aller Bücher, die heute im Handel sind und angeblich „sellen“, sind
ebenfalls scheiße. Wieso also soll es sinnvoll sein, sich irgend so einen
Thrillerdreck namens „Blutrünstig“, „Opfer“ oder „Zerstückelt“ zu kaufen, ein
paar Seiten zu lesen und den Scheiß dann jahrelang irgendwo herumliegen zu
haben, weil „man Bücher nicht wegschmeißt“?
Aber nein, Lesen ist toll, Buch ist supi, und deswegen
betreibt man in Deutschland sogar amtlich „Leseförderung“, freut sich wie ein
Leberknödel über jeden abverkauften Haufen Papier und betoniert die Kaufhäuser
nur so zu mit immer neuen Bestsellerlawinen, die immer dasselbe sind: Müll.
Daß derweil die Bücher, die es wert wären, gelesen zu
werden, seit Jahrzehnten vergriffen, nur in übelsten Ausgaben verfügbar, in
Kleinstverlagen oder gar nicht erschienen sind, ist die Kehrseite einer
verlogenen Kulturfurzerei, die uns klarmachen möchte, jeder noch so minder- bis
nullwertige Sprachschleim sei ein dringend zu wahrendes „Gut“ und nicht das,
was es ist: eine erbärmliche, wertlose, vollkommen überflüssige Ware, die sich
als etwas gaaanz anderes als ein Erfrischungsstäbchen aufführt, nur weil ein
Verlag daran verdient und weil Lesen (im Gegensatz zu Wichsen) eine kulturelle
Tätigkeit sei. Der Kapitalismus kennt keinen Unterschied zwischen Nabokov und
Fix und Foxi, abgesehen von dem kleinen Detail, daß Nabokov, weil „zu
literarisch“ und „anspruchsvoll“, heute keinen Verlag mehr fände, und
Deutschlands große Verlage kennen nicht nur keinen Unterschied, sondern
überhaupt nichts mehr. Außer Summen.
Ein Vergleich: Ebenso dringlich gefördert und gefordert wie
das Lesen wird seit Jahren das Wählen, und der Grund ist derselbe: Wenn ich in
eine Buchhandlung hineingehe und dort mit Lawinen von identisch blödsinnigem
Dreck zugeschüttet werde, gehe ich unverrichteter Dinge wieder hinaus, und wenn
ich in ein Wahllokal gehe und auf dem Stimmzettel keine Partei finde, die nicht
ausdrücklich für Wachstum, Wettbewerb und „Nachhaltigkeit“ „eintritt“, habe ich
eben keine Wahl und schenke mir den Scheiß. Auch hier reagieren die auf meine
Mitwirkung angewiesenen Profiteure wie gewohnt: Anstatt sich zu fragen, ob ich
mir den Scheiß deswegen schenke, weil es für mich nichts zu wählen gibt, wollen
sie mich animieren, verleiten, verführen und drängen. Es ist mir aber nun mal
ehrlich ehrlich ehrlich egal, ob die Exekuteure des Ausbeutungsterrors CDU, SPD
oder sonstwie heißen. Wenn ich etwas, was zum Kotzen ist, nicht ändern kann,
werde ich den Teufel tun und es auch noch durch meine Mitwirkung absegnen. Wer
das „schlimm“ findet und meint, es gerate „die Demokratie“ in Gefahr, sollte
sich fragen, ob er „Demokratie“ nicht mit einer Staubsaugermarke verwechselt.
Ähnlich ist es bei den Büchern, aber immerhin: Da habe ich
eine Wahl. Da kann ich ein vergriffenes Bändchen eines von den Feuilletons mit
Ignoranz gekillten Autors für zehn Cent beim Straßenhändler erwerben und einen
vergnüglichen bis wunderbaren Nachmittag damit verbringen, während ich an den
Megaklötzen der Rummelverlage mit einem herzlichen „Bah!“ vorbeiflanieren und
sie, wenn sie mir ungefragt ins Haus fluten, frohgemut ins Lagerfeuer schmeißen
darf.
Und ich kann sogar hin und wieder, wenn mich jemand auf die
angebliche Welt da draußen und ihren fürchterlichen Zustand hinweisen möchte,
freundlich sagen: Das gibt es auch als Buch, und da ist es ganz anders. Wer
könnte so etwas von Politik, Journalismus oder Heroin behaupten?
Die Kolumne "Belästigungen" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Frisch gepreßt #337: The Cribs "For All My Sisters"
Oft geht die Klage, es sei alles schon dagewesen und nichts
neu. Vor allem aber sei alles nicht nur schon dagewesen, sondern ja immer noch
da: 1964 zum Beispiel habe es den letzten Urknall (circa Elvis usw.) nur noch
als ferne Erinnerung und auf ein paar zerkratzten Antiquitäten in Papas
Kinderkoffer droben im Speicher gegeben – leichtes Spiel für Rolling Stones und
Konsorten, denn mit so was läßt sich eine zünftige Teenagerrevolte nicht gestalten.
1972 das gleiche Spiel, diesmal zum Beispiel von Marc Bolan mit genialischem
Augenblicksgespür und ohne Arg (sie meinten es ja alle ernst!) betrieben, 1976 dann
von Punks und Hip-Hoppern. Ein scheinbar unendlicher Spiralkreislauf von
Wellen, die anrollen, versanden, verebben, von der nächsten überschäumt werden,
deren ideeller Schwester am Meeresstrand man ja auch nicht ansieht, wie sehr
sie der in Sekunden vergessenen Vorgängerin ähnelt.
Geht nicht mehr, weil es heute nur ein paar Klicks braucht,
um alles gleichzeitig zu erleben, den ganzen Rock ’n’ Roll, ein veritables
Jahrhundert an Krach, Posen, Attitüden, Melodien, Akkorden, Klamotten, Settings
und philosophischem Begleitmaterial inklusive fast nichtexistenten Raritäten
und Zillionen an Alternativversionen. Hach! seufzt der Kulturpessimist, zu Ende
sei die Geschichte und Neues nicht mehr drin.
Na und? fragen wir zurück und weisen auf gerne ausgeblendete
Argumente hin: Neuigkeit als solche mag leidlich spannend sein (oder gewesen im
Zeitalter der Science Fiction, als es per se cool war, mit Roxy im Ohr zum Mars
zu fliegen, ohne zu wissen, was man da eigentlich sollte), wirkungsvoller aber
ist die Sache selbst (als zum Beispiel „For Your Pleasure“ ganz ohne Marswahn).
Und viel mehr noch: wird das klickweise erlebte Alles-auf-einmal zum Schaum,
aus dem sich Grundformen bilden, die diese Sache selbst (oder eine bestimmte
Variante davon) verkörpern und definieren.
Vorteil: Theoretisch läßt sie sich somit emulieren und neu
(!) herstellen, ohne all die Ausrutscher, Peinlichkeiten, Mängel, Fehler,
Leerstellen der behaupteten „Originale“ – Rock ’n’ Roll in Idealform, perfekt
und sofort nutzbar ohne Vorsicht und Bedenken. Ein Traum. Nachteile, Risiken
und Nebenwirkungen sind zu vernachlässigen – im Zweifelsfall schmeißt man’s
eben wieder weg, und es versinkt rückstandslos im Schaum, dem es nichts
hinzugefügt hat.
Jetzt sind wir bei den drei Jarman-Brüdern, die genau das
seit bald 15 Jahren tun oder versuchen: die Essenz des britischen Indie-Spirits
auszukochen wie einen Teebeutel und herauszudestillieren wie hundertprozentigen
Brand, von Song- und Albumtiteln über optisches Auftreten, Assoziation mit dem
New Musical Express und sämtliche weiteren Ingredienzen (wozu selbst der lachhafte
Stunt von Ryan Jarman gehörte, der sich bei den NME-Awards 2006 auf den Tisch
der Kaiser Chiefs warf, ohne die Getränke vorher wegzuräumen, und mit
erheblichen Schnittwunden im Krankenhaus landete) bis hin zu … nun ja, den
Songs, da mußte man Abstriche machen. Die waren zum größten Teil immer eher
halbgar, nichts Besonderes, manchmal nett, oft nervig, frei von Genie, Witz und
Originalität, die auf diesem gebiet dann eben doch von Bedeutung sind. Da half
es auch nichts, mit einer kaum zu überbietenden Liste von Beteiligten,
Mitarbeitern und Unterstützern aufzuwarten (was so weit ging, daß
Smiths-Legende Johnny Marr ein paar Jahre lang richtig offizielles Bandmitglied
war).
Was man nicht hat, muß man ersetzen, und Ideen und Ambition
haben die Jarmans tatsächlich im Überfluß. Drum haben sie für dieses Jahr
gleich zwei neue Alben angekündigt, die dann aber auch wirklich das gesamte
Spektrum abdecken sollen: Der widerborstige Rebellenlärm (produziert von Steve
Albini, klar) folgt später. Vorläufig gibt es die Poplieferung, produziert von
(klar!) Ric Ocasek (da hagelt es Namen, die sich aus schierer Vielfalt zum
Urbild der Geek-Rock-Coolness sammeln: Bad Brains, Weezer, Suicide, No Doubt,
Hole, Bad Religion, Wannadies, Jonathan Richman, Nada Surf, Guided By Voices
…).
Und? Nein, wirklich geniale Songwriter sind die Jarmans
immer noch nicht. Der Funke, der die Evergreens etwa der Manic Street Preachers
(an die man sich hier stellenweise erinnert fühlt) zu solchen machte, bleibt
aus. Dafür gibt es schöne Anspielungen zuhauf, von Fifties-Power-Pop bis
Brit-New-Wave, von Oasis bis Costello, von Springsteen bis Gene Pitney, und es
gibt wahrhaft große Momente, traumhafte Arrangements, breite Gitarren, Donnerdrums,
hübsche Slogans und nette Andeutungen in den Texten, ein Siebenminutenepos als
Finale grande. Mag sein, daß wir die Platte (und The Cribs überhaupt) in zehn
Jahren vergessen haben. Im und für den Frühling 2015 aber sind sie dann doch
das Coolste, was sich aus dem Schaum destillieren läßt.
Die Kolumne "Frisch gepreßt" erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.
Mittwoch, 1. April 2015
Frankfurt: Ins Verhältnis gesetzt
Frankfurt hat mir mal das Leben gerettet.
Aber so kann ich nicht anfangen, das wäre unverhältnismäßig,
also unpropotional; und Frankfurt ist die Stadt, die Welthauptstadt der
Proportionen, in denen sich hin und wieder auch die anderen, die wahren
Verhältnisse diesseits aller Proportionalität abbilden.
Nirgendwo als in Frankfurt zeigt sich der Kapitalismus so
aufrichtig. Während man in München einen wohligen Seufzer läßt, wenn man im
Biergarten idyllischen Genrebildern begegnet, in deren güldnem Rahmen man
Geldarsch, Karriere-Infarktling und Opferruine friedlich am Tischensemble
hocken und minderwertigen Dreck verzehren sieht (den der eine mit der
Platinkarte bezahlt, der andere aus dem Mülleimer klaubt beziehungsweise aus Neigerln
zusammenschüttet, was die Gleichmacherei gewissermaßen quersinnig noch mal
steigert), ragt in Frankfurt der nutzlose Monetenplempel derart schamlos
schroff in die Stratosphäre, daß die Botschaft beim ersten Blick klar ist: Wir
machen mit eurem Leben, das wir euch gestohlen haben, was wir wollen, und wenn
uns nichts zum Wollen einfällt, stapeln und betonieren wir es einfach in der
Gegend herum. Den Proportionen wird man dabei zwangläufig nicht ganz gerecht:
Eigentlich müßten die Stahlglastürme der Mörderbanken mindestens eine Million
Kilometer hoch sein, aber da käme ihnen der Mond in den Weg; und den
wegsprengen dürfen sie vorläufig nicht, weil er ihnen (wahrscheinlich) noch
nicht gehört.
Um dennoch zumindest einen ahnungsweisen Eindruck zu
vermitteln, hat man Frankfurt verkürzt. Wer mit dem Fahrrad am einen Ende
losfährt, ist noch kaum im Schwitzen, wenn er hinten schon wieder hinausrollt.
Aus Gründen des Prestiges (von dem sonst niemand weiß, was es ist und soll,
weil man es nicht zählen kann) schwindelt die Verwaltungsgeographie, indem sie
Orte hinzurechnet, die (vgl. Offenbach) Frankfurt gar nicht haben will, aber
auf solcherlei Gegaukel fällt niemand herein (sonst müßte München seine
Ortsschilder nordwärts jenseits von Ingolstadt aufstellen und im Süden durch
Österreich hindurch schmuggeln), und falls doch, rücken ihm die brutalstmöglich
zusammengekrüppelten Baumkrüppel am anderen Mainufer den Sinn gerade. Zwar
müßten zur korrekten Darstellung der Ausbeutungsbesitzverhältnisse wiederum
eigentlich die Hochhausmonster auf einer Fläche von etwa einem Quadratdezimeter
Platz finden, dies aber verliehe ihnen eine grazile Eleganz, die ihnen nicht
zukommt.
Belassen wir es dabei und wenden wir uns einer
Verhältnismäßigkeit zu, die in der Tat einst mein Leben gerettet hat.
Dazumal weste ich in wahrhaft schlimmen Verhältnissen:
ebenso disproportional wie dysfunktional verehelicht, einem „Beruf“ samt
Arbeitsstätte verpflichtet, in namenloser Fadheit vorstädtisch vegetierend,
dabei von brennender Sehnsucht und stürmender Verliebtheit in kontemplativen
Augenblicken förmlich zerbröselnd, starrte ich in Bildschirme und aus Fenstern,
wünschte kaum und wagte nichts, weil zu ändern doch nichts war. Wer sich einmal
verpflichtet hat, muß den Topf auslöffeln bis zum Grund, bis ans Grab, so
wollte es scheinen, und jedem Aufbegehren hätte es an Recht und Macht
gebrochen. Der Nachbar prügelte die Nachbarin, man putzte den Mercedes, schlug
Kupfernägel in unliebsame Bäume, ließ den Hund parieren, den Sittich „Bazi!“
plärren und abends das Fernseh hineinfließen ins Hirn, um die dräuende Furcht
vor der Welt auch in jenen Regionen zu täuben, wo Ethanol nicht hinreicht.
In dieser grausen Lage wurde zwecks Ausgestaltung der
Freizeit eine Fahrradtour beschlossen und, interessierte Partizipation
vortäuschend, sich in den Beschluß gefügt. Führen sollte das selbstverständlich
nicht an landschaftlichen, sondern „sportlichen“ (i. e. in Kilometern
zählbaren) Gesichtspunkten ausgerichtete Gestrampel den Main entlang und
anheben in Frankfurt, wo Freunde eingesammelt wurden, mit denen man sich den
Schweiß der Raserei und nach vollbrachter Leistung ein abendliches Krüglein
säuerlichen Apfelgärsud in der Ausflüglerherberge am Flußufer teilen wollte,
vielleicht noch ein Langnese-Eis und eine Spitztüte Pommes frites.
Indes hatten wir Frankfurt noch nicht verlassen, als es zu
einem folgenschweren Zwischenfall kam: Die Exklusivität der aus Motiven der
Freizeitwertgestaltung eigens so angelegten Velorennbahn mißachtend, trat ein
mutmaßlich leicht angedröhnter Angehöriger der Menschensorte Rocker (ohne
Motorrad, aber trotz drückender Sommerschwüle in schwerer Ledermontur und
Kutte, bestickt und beklebt mit grimmen Drohgebärden) einem Radraser in den
Weg, dessen körperliche Ausmaße vermuten ließen, daß er unterwegs zu einem
Fitneßstudio in Koblenz oder („Kleiner Schlenker, hä hä!“) Bielefeld war, wo er
die restlichen zehn Stunden des Tages in schweren Geräten zu verbringen plante.
Dem Radfahrer gelang es, auszuweichen. Wenige Sekunden
später, nach einem Bremsweg von kaum zweihundert Metern, wendete er sein
Gefährt, um die Sache zu klären; auch der Rocker blieb, seinem Ehrenkodex
(Unfug oder Tod oder beides) folgend, stehen.
Da ward der zugereiste Münchner mit all seiner Daseinsfurcht
in einer Portion konfrontiert; eine solche Szene mündet, dies wußte er, mittels
Dialogen wie „So, Spezi! Jetzt rauchts!“ – „Di back i, du Drecksau!“
unausweichlich in einem Blutbad zersplitterter Schädel zwischen sirrenden
Polizeikugeln und mit anschließender Sicherungsverwahrung.
Nun hat aber Frankfurt neben viel anderem auch einen
durchaus angemessenen Dialekt; in diesem starrten sich die Kontrahenten
zunächst an, ohne daß einer der beiden plangemäß in Grund und Boden versunken
wäre. Dann öffnete einer (war’s der Rocker?) den Mund, und heraus kam folgender
Satz:
„Isch buddel disch gleisch ein, Aldä. Dann kann disch dei
Frau wiedä ausbuddeln!“
Ich konnte nicht anders: lächelte, grinste, zuckte, ließ
mein Fahrrad fallen, den Rucksack, warf mich zu Boden und wälzte mich (während
die beiden Kontrahenten entwaffnet starrten, sich schließlich die Hand reichten
und ihrer Wege zogen) in einem halbstündigen ekstatischen Lachkrampf, der noch
anderntags als Schluckauf reprisenhaft nachwirkte und mein Leben teilte wie der
Blitz den Fels. Wochen später war alles – Ehe, Vorstadt, Job – eine lächerliche
Erinnerung, lächerlich wie alles, wenn man es nur ins rechte Verhältnis setzt.
Hätte mir das in Stockholm, London, Wien, Paris, Ulan-Bator,
Tanger, Havanna passieren können? in Hebramsdorf, Staffelstein,
Burton-on-Trent, Atlanta oder am Nordpol?
Nein, hätte es nicht. Danke, Frankfurt.
geschrieben im Frühjahr 2014 für das von Jürgen Roth und Stefan Geyer herausgegebene Buch "Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten" (Verlag Waldemar Kramer)
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